Der syrische Archäologe Khaled Asaad (82 J.) ist nach einem Monat Gefangenschaft in den Händen der IS von dieser salafistischen Terrormiliz enthauptet worden; sein Körper wurde auf einem zentralen Platz der Ruinen von Palmyra „ausgestellt“. Asaad hatte die Ausgrabungsstätten aus römischer Zeit dort mehr als 50 Jahre als Chefarchäologe geleitet. Die Dschihadistenmiliz hatte Palmyra/Tadmor im Mai erobert. Seit der Eroberung der nicht mehr bewohnten Stadt drohte der IS immer wieder mit der Zerstörung ihrer historischen Stätten. Augenzeugen zufolge hat die Terrororganisation bislang einen Tempel, der Gottheit Baal Schamin gewidmet, zerstört. Asaad hat sich anscheinend trotz Folter geweigert, die Islamisten zu den versteckten Antiquitäten von Palmyra zu führen; das Zerstören und Verkaufen von Hinterlassenschaften (zur Finanzierung ihrer Aktivitäten) v.a. aus vor-islamischen Zeiten hat IS auch schon im Irak praktiziert.

Tadmor, so der aramäische Eigenname der Stadt, hat die ganze Geschichte Syriens durchgemacht. Sie war bereits im 2. Jahrtausend vor Christus wichtig, wurde von Aramäern besiedelt, der wichtigsten vorislamischen Bevölkerungsgruppe Syriens. Die Aramäer und ihre Kleinkönigreiche bzw Stadtstaaten gerieten immer wieder für längere Zeit unter Fremdherrschaften, erkämpften sich aber meist Autonomie, so auch unter den Assyrern. Von den griechischen Seleukiden stammt der Name „Palmyra“, die Kultur der Region wurde damals auch hellenisiert. Erst unter den Römern wurde die Stadt in der syrischen Wüste gross und reich, die meisten restaurierten Stätten stammen aus dieser Zeit. Palmyra/Tadmor war einer der aramäischen autonomen Stadtstaaten in Syrien, wie Edessa. Unter Königin Zenobia war Palmyra auch für einige Jahre unabhängig von Rom. Zur byzantinischen Herrschafts-Zeit wurde der Grossteil der Bewohner (neben Aramäern u.a. Amoriter, Kanaaniter, Nabatäer, Assyrer, Juden, vorislamische Araber) christlich.

Während Syrien als äusserster Osten von Rom und Byzanz als vom angrenzenden Persien gefährdet gesehen wurde, waren es die islamischen Araber, die dann, infolge der Schlacht am Jarmuk 636, das Land eroberten. Die meisten Bewohner Syriens (hauptsächlich Aramäer und andere Semiten) wurden unter arabischer Herrschaft sprachlich-kulturell arabisiert und islamisiert. Für Tadmor/Palmyra hat sich im Arabischen der aramäische Name gehalten. Eine aramäische Identität hat sich am ehesten unter den syrisch-orthodoxen Christen (Jakobiten) gehalten. Unter den Mongolen wurde die Stadt zerstört. In osmanischer Zeit war Tadmor ein unbedeutendes Dorf. In der Zwischenkriegszeit, unter dem französischen Mandat, wurden die Bewohner in ein neues, benachbartes Tadmor umgesiedelt und die Ausgrabungen in den antiken Stätten forciert.

Der brutale Mord am Chefarchäologen Tadmors ist die jüngste Grausamkeit der Terrormiliz, die ein Drittel Syriens und des Iraks unter ihrer Kontrolle hält und in diesem Gebiet ein „Kalifat“ ausgerufen haben. Asaad ist ein weiteres von bald 100 000 zivilen Opfern des syrischen Bürgerkriegs, der 2011 mit einer Erhebung im Rahmen des Arabischen Frühlings gegen das alawitisch dominierte Baath-Regime Assads begann. Nur Tunesien steht heute besser da als vor dem Frühling, und genau das versucht IS auch zu zerstören, mit Anschlägen auf den Tourismus wie in Sousse im Juni; in Afrika sind sie auch aktiv. Ein Arzt in Aleppo wurde in westlichen Medien zitiert, er habe inzwischen auch für Schwerstverletzte (Amputierte etwa) nur mehr leichte Schmerzmittel…

Die ägyptische Zeitung „al Ahram“ hat 2004, anlässlich des „Dramas“ in Beslan (Russland) geschrieben, „Die Feinde des Islam hätten keine grösseren Schaden anrichten können als diese Islamisten“. Das gilt auch hier. Für die Netanyahus ist so etwas eine grosse Hilfe; er hat IS ja auch in seinem letzen Wahlkampf verwendet. Und jene, die das Töten und Unterdrücken von Moslems sonst bejubeln/verteidigen, bekommen auch noch die Gelegenheit, den Menschenrechtsfreund zu mimen. Der Aufruf des Ajatollah Khomeini 1989 zum Mord an dem Autor der „Satanischen Verse“, Salman Rushdie, hat dessen Karriere auch nicht geschadet, ganz im Gegenteil, es schadete vielmehr Millionen Moslems, die nicht kindische Dogmatiker waren, die bei ein bisschen Blasphemie ausflippten. Jene die sich als Kämpfer gegen Islamismus aufspielen, sind meistens auch gegen jene, die vor ihm geflohen sind; das zeigt sich bei der Haltung vieler Europäer gegenüber syrischen Flüchtlingen. Islamophobe sind eben auch gegen islamische Opfer und Gegner des Islamismus.

IS hat die Türken kürzlich in einem im Internet verbreiteten Video zum Aufstand gegen Präsident Erdogan aufgerufen. Der „Teufel Erdogan“ habe die Türkei an die PKK-Kurdenrebellen und die USA verkauft, hiess es da. Als „Teufel“ stellen auch westliche Medien und Politiker Erdogan immer wieder dar. Selbes gilt für den iranischen Präsidenten Rohani, der Erdogan zum gemeinsamen Kampf gegen IS aufgerufen hat. Während der Iran zweifellos etwas besseres verdient als Rohani, ist ihm in Bezug auf IS höchstens vorzuwerfen, dass die iranische Unterstützung für die syrische und irakische Regierung, auch im Kampf gegen die Organisation, diesen in den Augen mancher Sunniten diskreditiert. Wie auch immer das Verhältnis Saudi-Arabiens zum IS wirklich aussieht, der Westen macht jedenfalls mit diesem Regime noch immer gemeinsame Sache. Man nimmt für den inhaftierten Blogger Badawi Partei und unterstützt gleichzeitig seine Unterdrücker.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ankaras Bürgermeister Melih Gökcek, AKP, hat über Twitter der US-Aussenministeriumssprecherin Marie Harf (früher CIA, aus Ohio, Obama-Unterstützerin) von ihr kritisierte Polizei-Einsätze in der Türkei und Polizei-Gewalt in USA wie in Baltimore gegenübergestellt.

Auf orf.at dazu, wie eigentlich zu erwarten, eine verzerrte, wenn nicht verhetzende, Darstellung (vermutlich nicht nur dort). Es wird versucht, den eigentlichen Inhalt der Äusserungen des Türken, die Gegenüberstellung der Polizeieinsätze bzw die doppelte Moral im Umgang damit, zu überdecken indem das untergriffige darin, die Erwähnung der Blondheit der Amerikanerin, exzessiv herausgestrichen wird. Und das mit fragwürdigen Übersetzungen, die von „Memri“ sein könnten. Die Berichterstattung bei orf.at über die Unruhen beim Gezi-Taksim-Platz in Istanbul und jene über Gewalt in amerikanischen Städten bestätigt die Wichtigkeit dieser Gegenüberstellung. Dann wird die „humorvolle Antwort“ des USA-Botschafters in Türkei angepriesen, die ebenfalls auf den Inhalt, die Substanz des Gesagten nicht eingeht und von ihm abzulenken versucht.

Was die Diskrepanz zwischen der US-amerikanischen Rolle als Weltpolizist und so manchen Zuständen in diesem Land selber betrifft, so ist an Muhammed Ali zu erinnern, der bezüglich seiner Einberufung zum Vietnam-Krieg gesagt hat: „Der Vietcong hat mich nicht „Nigger“ genannt… Ihr seid meine Feinde,… Ihr seid meine Gegner bezüglich Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit. Ihr wollt dass ich irgendwo hin gehe und für euch kämpfe? Ihr setzt euch nicht einmal für meine Rechte hier ein.“

Was orf.at betrifft, passt auch die Berichterstattung zu den Todesurteilen gegen wegen Drogenschmuggels Verurteilten in Indonesien hierzu. …“Bei ihnen habe es sich um den 34-jährigen australischen Staatsbürger Myuran Sukumaran, dessen 31-jährigen Landsmann Andrew Chan, drei Nigerianer, einen brasilianischen Staatsbürger und einen Ghanaer gehandelt,…“ Ja, die beiden Australier werden beim Namen genannt…; aber man kann ja auch das Positive sehen, sie werden „trotz“ ihrer asiatischen Namen als Australier wahrgenommen. Die australische Regierung hat auch in ihrem Einsatz für die beiden Hingerichteten so getan, als würde es sich um politische Gefangene handeln und mit diplomatischen Konsequenzen gedroht, aber auch damit dass es sich die Australier künftig gut überlegen würden, ob sie noch auf Bali Urlaub machen wollten. Wenn die australische Regierung einen Kampf gegen die Todesstrafe führen wollte (was lobenswert wäre), müsste sie sich ja nicht zuletzt mit der USA anlegen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Luftansicht "Fordlandia" 1934

Luftansicht „Fordlandia“ 1934

Der US-amerikanische Industrielle Henry Ford brauchte Kautschuk für seine Autofertigung, v.a. für die Reifen. Dieser wurde damals in Südost-Asien gewonnen, in britischen (v.a. in Malaysia) und niederländischen Kolonien (Indonesien), auf Kosten der bzw. ohne Gewinn für die Einheimischen. Der Kautschuk-Baum stammte zwar aus Brasilien, der Brite Wickham hatte aber seinen Samen aus dem Land „geschmuggelt“, um in britischen Kolonien damit ein Geschäft aufzuziehen. Daher war der Kautschuk-Boom in Brasilien schon vorüber (etwa ab 1913), als Ford dort sein Projekt begann. 1927 kaufte Ford etwa 10 000 km2 Land in NW-Brasilien, an einem Amazonas-Nebenfluss, im Bundesstaat Para, ein Gebiet so gross wie Libanon oder Zypern! Er liess dort Tausende Kautschuk-Bäume pflanzen, aber seinen Managern vor Ort fehlten botanische Kenntnisse und so wurden die Bäume viel zu eng aneinander gepflanzt; ausserdem war die Gegend an sich ungeeignet dafür (zu hügelig). Die Bäume gediehen nicht, dafür ein Pilz und andere Schädlinge, die die Pflanzen dahinrafften. Es entstand auch eine Kleinstadt (das eigentliche „Fordlandia“), nach amerikanischem Vorbild, mit der Fabrik für die Weiterverarbeitung (Vulkanisation), einem Kraftwerk und Häuschen für die Arbeiter.

Den 8000 brasilianischen Arbeitern (die hauptsächlich „Indios“ waren) wurde die amerikanische bzw frühindustrielle Arbeitsweise aufgezwungen (Arbeitszeiten von 9:00 bis 17:00, im tropischen Klima) sowie die (US-)amerikanische Lebensweise. Neben nordamerikanischer Nahrung wurde ein Alkoholverbot eingeführt, auch Tabak und Frauen waren ihnen in der Stadt verboten, auch in ihren Heimen. Lokale und Bordelle entstanden so in der Umgebung der Stadt. Und von dem Krankenhaus hatten die Arbeiter auch nichts weiter – wer wirklich krank wurde, wurde gefeuert. Auch mussten die Arbeiter Identitätsabzeichen tragen. 1930 kulminierte die Unzufriedenheit der Arbeiter zu einem Aufstand, die amerikanischen Manager flüchteten in den Dschungel, das brasilianische Militär schlug ihn nieder (es war der Beginn der ersten Amtszeit von Getulio Vargas als autoritärer Präsident von Brasilien). Wegen der botanischen Probleme wurden die Kautschukplantage und die Verarbeitung 1934 nach „Belterra“ verlegt, wo auch eine „Siedlung“ für die Arbeiter entstand. Auch dort lief die Gummi-Produktion, aus verschiedenen Gründen, nie im erwarteten Maß. Das Gummi wurde mit Schiffen transportiert, unter anderem nach São Paulo, wo sich eine Ford-Auto-Fabrik befand. 1945 gab der Ford-Konzern nach 17 Jahren seine brasilianische Gummi-Produktionsstätten auf, nachdem synthetischer Kautschuk eine Alternative zum natürlichen darstellte. Henry Ford, der Angst vor Tropenkrankheiten hatte, war nie dort gewesen, starb 2 Jahre später. Das Land und die Anlagen wurden an den brasilianischen Staat verkauft, alles in allem mit grossem Verlust. Belterra besteht als Gemeinde weiter, evtl. auch die Kautschukanpflanzung, während die damaligen Produktions- und Wohnanlagen verfallen, das früher aufgelassene Fordlandia wurde eine Geisterstadt im Regenwald. Was von den Gebäuden übrig ist, wird z.T. von Armen besiedelt, auf den früheren Plantagen bauen diese Nahrungsmitteln an.

Kolmannskuppe

Kolmannskuppe

Kolmannskuppe/Kolmanskop bei Lüderitz in SW-Namibia: Der Ort ist nach einem John Coleman benannt, der dort am Platz der späteren Siedlung zu Beginn des 20. Jh. in der Namib-Wüste steckengeblieben war; Coleman war ein Nama (eine Untergruppe der Khoikhoi bzw. Khoisan). Wenige Jahre später wurden dort  Diamanten gefunden, so wie vielerorts im südlichen Afrika damals (Ende 19./Anfang 20. Jh), von einem Schwarzen, Zacharias Lewala, wahrscheinlich ein Ovambo. Das Land war damals Deutsch-Südwestafrika, die wichtigste der deutsche Kolonien bzw. Schutzgebiete. Die Schürfrechte bekam Lewalas Vorgesetzter bei der dortigen Eisenbahn, August Stauch, der auch in Thüringen schon bei der Eisenbahn gearbeitet hatte. So entstand der Ort in der Wüste, unter Aufsicht der Kolonialverwaltung. Die härteste Arbeit bei der Diamantengewinnung (anfangs durch Sand robben, später mit Bagger, Schüttelsieb, etc.) machten Schwarze, die aber gleichzeitig am wenigsten vom Gewinn hatten und im Ort auch am bescheidensten lebten. Nach dem 1. WK ging Südwestafrika an (damals Britisch-) Südafrika, die Schürfrechte in Kolmannskuppe bekam der Oppenheimer/De Beers-Konzern (heute Teil von Anglo American). Um 1930 waren die Vorräte dort erschöpft, anderswo noch nicht, der Ort leerte sich allmählich. August Stauch verlor sein Vermögen in der Weltwirtschaftskrise, kehrte nach Deutschland zurück. Die letzten Einwohner waren in den 1940er/50er-Jahren weg. Brauchbares aus den Häusern und Produktionsstätten wurden im Laufe der Jahrzehnte weggebracht, die Wüste tat ihr übriges zum Verfall. Heute ist Kolmanskop Besichtigungs-Ziel mancher Tourismus-Veranstalter.

Ex-Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen Berlin, wo heute Führungen stattfinden

Das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in Berlin, wo heute Führungen stattfinden

In Berlin sind die tiefen historischen Brüche auch greif-/sichtbar. Der Spreepark und Hohenschönhausen sind zwei Beispiele für aufgelassene Einrichtungen, wobei nur erstere wirklich verlassen ist, das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis ist heute eine Gedenkstätte. Das sind auch das ehemalige Gefängnis in Plötzensee oder die Aufnahmestelle für Übersiedler in Marienfelde. In Luftschutzbunkern aus dem 2. WK finden im Rahmen der „Berliner Unterwelten“ heutztage auch Führungen statt. Der Spreepark war der einzige Freizeitpark in der DDR, war wie viele „Mehrfach“-Einrichtungen in der Stadt (Universitäten, Flughäfen,…) durch die Teilung sinnvoll und nach ihrem Ende dann „überflüssig“. Das Gebiet um die Mauer war früher ein einsamer Ort. Oder der Palast der Republik, das Spandauer Gefängnis und das Stadtschloss, jeweils zwischen „Auflassung“ und Abriss. Der „Führerbunker“ unter der neuen Reichskanzlei (von Speer konzipiert), wo sich ein Teil des Untergangs der NS-Diktatur vollzog, wurde von der sowjetischen Armee weitgehend zerstört. Der geschlossen Flughafen Tempelhof wäre noch so ein einigermaßen verlassener Ort in Berlin. Im brandenburgischen Umland der Stadt gibt es diesbezüglich die grossteils verfallenen „Heilstätten“ in Beelitz, ein Krankenhaus-Komplex, nach dem Krieg für die Rote Armee genutzt, oder das Olympische Dorf von 1936, in zwei Gemeinden des Havellandes.

Spreepark Wasserrutsche

Wasserrutsche im Spreepark

Ein Beispiel für eine Art Niemandsland ist die Pufferzone entlang der „grünen Linie“ durch Zypern, zwischen den türkisch besetzten und dem griechischen Teil. In Nikosia wurde bereits 1963 eine Trennlinie zwischen den Stadtteilen der beiden Nationalitäten geschaffen, die freilich erst 1974 eine undurchdringliche wurde. In der Altstadt von Nicosia ist die Pufferzone teilweise nur um die 4 Meter breit. UN-Blauhelme kontrollieren das mit Barrieren versehene Gebiet, das tatsächlich sehr „grün“ ist, weil sich die Natur dort „zurückgemeldet“ hat. In den 1990ern gab es in bzw. an der Zone kurz hintereinander zwei tödliche „Vorfälle“. 08 wurde in Nikosia ein Durchgang geöffnet. Bei der Invasion der türkischen Armee 1974 wurde  auch der Flughafen der Stadt, ausserhalb gelegen (nun im griechischen Süden), zerstört. In Varosa bei Famagusta in Nord-Zypern, das vor der Teilung der Insel ein Tourismuszentrum war, befindet sich jetzt ein Sperrgebiet, das Gebiet am Strand mit den (längst verfallenen) Hotels wird anscheinend als Verhandlungstauschobjekt gehalten; durch die Abwesenheit von Menschen konnte der Strand wenigstens wieder ein Brutgebiet für Suppenschildkröten werden.

Nikosia

Nikosia

Phnom Penh 1979

Phnom Penh 1979

 

Ein Beispiel für eine zeitweilige Geisterstadt war Phnom Penh, die Hauptstadt Kambodschas. Unter der Herrschaft der kommunistischen Roten Khmer wurde 1975 fast die gesamte Stadtbevölkerung aufs Land deportiert, sollte sich auch um Landwirtschaft kümmern, um eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen. Von ursprünglich zwei Millionen Einwohnern lebten nur noch etwa 20 000 Menschen in der Stadt. Nach der Vertreibung der Roten Khmer durch vietnamesische Invasionstruppen im Januar 1979 erholte sich die Stadt langsam wieder.

 

 

Igman bei Sarajevo

Igman bei Sarajevo

 

Die ehemalige Skisprung-Anlage „Malo Polje“ am Igman-Berg bei Sarajevo. Wo sich bei Olympia 1984 Nykänen und Weissflog Duelle lieferten, war 8 Jahre später für die serbischen Bosnier ein Stützpunkt für die Belagerung und den Beschuss Sarajevos. Deshalb wurde die Schanzenanlage auch angegriffen; möglicherweise liegen noch immer Minen dort.

 

 

Die Prince-Edward-Inseln sind 2 (ziemlich) verlassene Inseln zwischen Südafrika und der Antarktis, an Menschen leben nur jene von der Forschungsstation (metereologisch/biologisch) dort. 1979 dürfte vor ihrer Küste ein Atomtest stattgefunden haben.

Marion Island, eine der beiden südafrikanischen Prince Edward Islands, Foto von Richard Skinner vom südafrikanischen Umweltministerium, von http://www.worldtimezone.com/travel/travel-subantarctic-marion-island03.html

Marion Island, eine der beiden südafrikanischen Prince Edward Islands, Foto von Richard Skinner vom südafrikanischen Umweltministerium, von http://www.worldtimezone.com/travel/travel-subantarctic-marion-island03.html

 

 

 

Sealand

Sealand

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor der britischen Nordsee-Küste entstanden im 2. Weltkrieg die nach ihrem Planer Guy Maunsell benannten „Sea Forts“ (Seefestungen), an Ölbohrplattformen erinnernde militärische Einrichtungen, die auch viele deutsche Schiffe und Flugzeuge zerstörten. In Küstennähe entstanden zudem die turmähnlichen „Army Forts“. Seit Ende der 1950er waren sie unbenutzt und leer, einige der „Festungen“ wurden demontiert und/oder beschädigt. Die Plattform „Roughs Tower“ wurde vom ehemaligen Offizier Paddy Roy Bates, der zuvor auf einer anderen der Plattformen einen Piratensender betrieben hat, 1967 zum „Principality of Sealand“ ausgerufen.

 

 

"Gullivers Kingdom"

„Gullivers Kingdom“

„Gulliver’s Kingdom“ war ein Themenpark nahe des Fuji-Berges, der 1997 geöffnet hat aber bereits 4 Jahre später schliessen musste – es wird darüber spekuliert, dass deshalb so wenige Besucher kamen weil der Fuji Japans Selbstmord-Schauplatz Nr. 1 ist. Nachgestellt wurde der Phantasieort „Lilliput“, in Swifts Romanen eines der Ziele von Gullivers Reisen.

 

 

 

 

Der Flughafen von Gaza: 98 eröffnet, 00 von Israel geschlossen, 01/02 von ihm zerstört, steht i-wie für den "Friedensprozess"

Der Flughafen von Gaza: 98 eröffnet, 00 von Israel geschlossen, 01/02 von ihm zerstört, steht i-wie für den „Friedensprozess“

Diese Ferienhäuser in Sanzhi in NW-Taiwan wurden Ende der 1970er gebaut, nicht zuletzt für US-amerikanische Soldaten. Bereits 1980 wurde die Anlage geschlossen, 2010 wurde sie abgerissen. Foto von Yao Jui-Chung

Diese Ferienhäuser in Sanzhi in NW-Taiwan wurden Ende der 1970er gebaut, nicht zuletzt für US-amerikanische Soldaten. Bereits 1980 wurde die Anlage geschlossen, 2010 wurde sie abgerissen. Foto von Yao Jui-Chung

Pripjat wurde nach dem AKW-Unglück im benachbarten Tschernobyl evakuiert, verfällt seither.

Pripjat wurde nach dem AKW-Unglück im benachbarten Tschernobyl evakuiert, verfällt seither

 

 

 

 

 

 

 

 

Die japanische Insel Hashima, wo unterseeisch Kohleabbau betrieben wurde, ist seit 1974 verlassen, als dieser eingestellt wurde, die verfallene Anlage war Drehort für einen James Bond-Film.

Die japanische Insel Hashima, wo unterseeisch Kohleabbau betrieben wurde, ist seit 1974 verlassen, als dieser eingestellt wurde; die verfallene Anlage war Drehort für einen James Bond-Film

 

Aus der nord-palästinensischen Staat Khalsa wurde mit der Nakba die Reissbrettstadt "Kirjat Schemona". Die Reste von Khalsa sind auch hier von einem vom JNF/KKL gepflanzten Wald verdeckt, Palästinensern ist der Zugang  zur alten Moschee verwehrt, sie soll als Bar genutzt werden/worden sein

Aus der nord-palästinensischen Staat Khalisa wurde mit der Nakba die Reissbrettstadt „Kirjat Schemona“. Die Reste der Stadt sind auch hier von einem vom JNF/KKL gepflanzten Wald verdeckt, Palästinensern ist der Zugang zur alten Moschee verwehrt, sie soll als Bar genutzt werden/worden sein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das geschlossene griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki

Das geschlossene griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki

 

 

 

Der Reschensee im Vinschgau (Südtirol) wurde 1939 bis 1950 durch Aufstauung mit dem Mittersee "fusioniert", die Bevölkerung der dabei überfluteten Dörfer der Gegend zwangsumgesiedelt. Ein Projekt, dass also teilweise in faschistischer, teilweise in demokratischer Zeit umgesetzt wurde. Der so entstandene Stausee speist das Kraftwerk in Glurns. Die Gemeinde Graun wurde an einem anderen Ufer des Reschensees neu erbaut, an das alter Graun erinnert die versunkene kirche mit dem herausragenden Turm.

Der Reschensee im Vinschgau (Südtirol) wurde 1939 bis 1950 durch Aufstauung mit dem Mittersee „fusioniert“, die Bevölkerung der dabei überfluteten Dörfer der Gegend zwangsumgesiedelt. Ein Projekt, dass also teilweise in faschistischer, teilweise in demokratischer Zeit umgesetzt wurde. Der so entstandene Stausee speist das Kraftwerk in Glurns. Die Gemeinde Graun wurde an einem anderen Ufer des Reschensees neu errichtet, an das alte Graun erinnert der herausragende Turm der versunkenen Kirche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ehemalige Gefängnis auf Alcatraz

Das ehemalige Gefängnis auf Alcatraz, heute ein Tourismusziel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Viking"-Aufnahmen vom Mars, 1976. Ob er wirklich nicht ganz sicher

„Viking“-Aufnahmen vom Mars, 1976. Ob er wirklich „verlassen“ ist, ist nicht ganz sicher

AKW Zwentendorf. Man kann es als eine Art Schildbürgerstreich sehen, eine Volksabstimmung darüber erst nach seinem Bau durchgeführt zu haben. Verlassen ist das Gelände seit der Aufgabe des AKW-Vorhabens eigentlich nicht

AKW Zwentendorf. Man kann es als eine Art Schildbürgerstreich sehen, eine Volksabstimmung darüber erst nach seinem Bau durchgeführt zu haben. Verlassen ist das Gelände seit der Aufgabe des AKW-Vorhabens eigentlich nicht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu erwähnen wären auch: Das stillgelegte Kohlekraftwerk mit Kühlturm in Charleroi, Belgien. Die offene Diamanten-Mine in Mirny, Ost-Russland (Sacha, Sibirien), 04 geschlossen, neben der Stadt die durch die Diamantenfunde/gewinnung in SU-Zeit entstanden war. In der Antarktis gibts einige aufgelassene Stützpunkte, wissenschaftliche, militärische oder wirtschaftliche, auf „Deception Island“ etwa eine Geisterstadt die auf eine 1931 aufgelassene Walfangstation zurückgeht und 1969 durch eine vulkanische Eruption zerstört wurde. Das Ryugyŏng Hot’el (auch Yu-Kyung Hotel) ist ein seit 1987 im Bau befindliches Hotelprojekt in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, das ursprünglich einmal mit einer Höhe von 330 Metern das höchste Hotel der Welt werden sollte; die Fassade wurde Juli 2011 fertiggestellt, ein Eröffnungstermin steht jedoch nach wie vor nicht fest. Rhyolite in Nevada ist einer jener Orte in USA, die mit einem „Goldrausch“ entstanden und mit seinem Abklingen verfielen; nach Goldfunden in der Gegend entstand sie um 1905, 1910 war das Vorkommen auch schon erschöpft, bald danach gingen die Einwohner und seit gut 100 Jahren ist es eine Geisterstadt. Leere Schlösser/Burgen/Paläste wie Prinz Said Halim’s Palast in der Champollion-Strasse in Kairo (später eine Schule, leer seit 04). Aufgelassene Zoos wie der Safaripark Gänserndorf bei Wien. Ruinen (verfallende Gebäude jeder Art) sind meistens mit Touristen überfüllt, ob die ägyptischen Pyramiden, das ausgegrabene Pompeji oder Angkor Wat (und somit nicht verlassen).

 

abandoned places

lost places

plätze in wien

forbidden places

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So lange es Gefängnisse gibt, so lange gibt es Versuche, von dort zu flüchten bzw. auszubrechen; auch beim Transport dorthin oder aus Polizei-Gewahrsam. Fluchtversuche sind nicht immer spektakulär und die meisten scheitern. Die meisten, den die Flucht gelingt, werden bald geschnappt, viele auch dabei getötet. Die am häufigsten angewandte Methode soll das Fernbleiben nach dem Freigang sein und nicht Täuschung, Gewalt, mühevolle Kleinarbeit oder geniale Einfälle. Manchmal wird die Flucht gemeinsam unternommen, manchmal einzeln, ab und zu gibt es Flucht-Hilfe von aussen (auch von Wärtern gelegentlich). Etwas anderes sind Gefängnis-Meutereien wie in jenem von Attica (USA) 1971.

* Die Alcatraz-Insel vor San Francisco wurde nach der Eroberung Kaliforniens und anderer mexikanischer Gebiete durch die USA lange als militärischer Stützpunkt genutzt, ab 1934 als Bundesgefängnis. Dorthin wurden Gefangene gebracht, die in der einen anderen Hinsicht als gefährlich galten, so auch „Al“ Capone. Natürlich wurden Fluchtversuche unternommen, einige wurden dabei getötet. 1937 gelang es zwei Gefangenen, durch das Fenster einer Werkstatt zu entkommen, und in das Wasser der Bucht von San Francisco zu klettern, das an diesem Tag nicht nur kalt sondern auch sehr turbulent war; die Flüchtenden wurden weder im Wasser noch am Land gefunden, es wird angenommen, dass sie ertrunken sind. 1946 ereignete sich auf Alcatraz ein Aufstand von Gefangenen, die Wärter als Geiseln nahmen, um mit deren Transportschiff zu fliehen. Bei der Befreiungsaktion (auch mit Handgranaten) wurden nicht nur drei Insassen sondern auch zwei Wärter getötet.

1962 entkamen Frank Morris und die Anglin-Brüder John und Clarence. Zu den monatelangen Vorarbeiten gehörte v. a. das Graben einer Vergrösserung der vergitterten Öffnungen in ihren Zellen zum Lüftungsschacht, mit in die Zellen geschmuggelten Essbestecken und einer aus Staubsaugerteilen gebauten Bohrmaschine. Der vom Salzwasser angegriffene Mörtel liess sich relativ leicht aufbrechen. In der betreffenden Nacht platzierten sie angefertigte Attrappen ihrer Köpfe in ihren Betten, damit die Flucht nicht gleich auffiel. Ein vierter Beteiligter musste zurückbleiben, da er es nicht durch das Loch schaffte. Die Drei kletterten im Schacht auf das Dach des Zellenblocks und so ins Freie. Mit einem aus Regenmänteln gefertigten „Schlauchboot“ traten sie den Weg in das Wasser der Bucht an. Ihr Verschwinden wurde erst bemerkt, als sie bereits einen Vorsprung von über neun Stunden hatten. Wie die beiden 1937 Geflüchteten wurden die drei weder lebendig noch tot gefunden und wird ihr Ertrinken angenommen. Teile des Bootes und persönliche Gegenstände wurden vor Angel Island gefunden. Über die Jahre hinweg sollen Hinweise „angeschwemmt“ worden sein, dass die 3 überlebt haben: Von einem Boot vor der Insel in der Nacht der Flucht wird berichtet. Die Mutter der Anglins soll jeden Muttertag anonym Blumen bekommen haben. In Brasilien soll man die Flüchtigen gesehen haben. Die Sache wurde verfilmt.

Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe
Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe

Im Dezember 1962, ein halbes Jahr danach, fand eine weitere Flucht statt. Der Bankräuber John Paul Scott schwamm mit Hilfe von aufgeblasenen Gummihandschuhen über eine Stunde durch das eiskalte Wasser. Man fand ihn halb erfroren am Festland, er wurde wiederbelebt und anschliessend wieder auf die Insel gebracht. Der Verfall des Gefängnisses durch Salzwasser, das auch den Ausbruch der 3 ermöglicht hatte, führte zu seiner Schliessung im Jahr darauf. Alcatraz war seither Schauplatz von Besetzungen durch Indianer (1969), Dreharbeiten von Filmen und Touristenbesuchen.

Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten
Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten zur Verfilmung des Ausbruchs

* Der Film „Gesprengte Ketten“ („The Great Escape“) hat ja eine wahre Grundlage. Aus dem Stalag (Stammlager) Luft III, einem deutschen Lager für Piloten verfeindeter Luftwaffen in Nieder-Schlesien, entkam 1944 ein Teil der Gefangenen nach monatelangen Grabungsarbeiten durch einen Tunnel. Der englische Squadron Leader Roger Bushell entwickelte die Fluchtpläne. Wie im Film geriet der Tunnel (insgesamt wurde an drei gegraben) zu kurz, nicht ganz unter das nahegelegene Waldstück; daher wurde der Ausbruch bald bemerkt und ein Teil konnte nicht fliehen, einige wurden gleich im Wald gestellt. 50 wurden „auf der Flucht“ getötet, zumindest ein Teil von diesen aber regelrecht hingerichtet. Der Rest der Gefassten wurde zurückgeschickt. Nur drei gelang wirklich die Flucht, zwei norwegischen Piloten und einem niederländischen.

Ausbruch aus Kriegsgefangenenlagern gab es einige interessante. Im USA-Bürgerkrieg gelang 1864 etwa 109 Nordstaaten (USA)-Soldaten aus dem unwirtlichem Südstaaten (CSA)-Gefängnis „Libby’s“ bei Richmond die Flucht, ebenfalls durch das Graben eines Tunnels, vom Keller aus. Ein Teil von ihnen konnte sich auf die andere Seite der Front, zu ihren Truppen, durchschlagen.

Im Fort San Cristóbal in der Nähe von Pamplona wurden während des Spanischen Bürgerkriegs Hunderte Republikaner und andere politische Gegner und Kriegsgefangene von den Nationalisten eingesperrt. 1938 organsierten Gefangene einen Massenausbruch, der fast 800 gelang. Die nationalistischen Aufständischen veranstalteten eine Jagd, nur drei Flüchtige gelangten über die Grenze nach Frankreich. Der Rest wurde wieder eingesperrt oder erschossen.

Im 2. Weltkrieg ereignete sich in einem Internierungslager für japanische Soldaten in Australien 1944 ein Aufstand und die Flucht Hunderter; viele wurden dabei oder bald danach getötet, alle waren innerhalb von 10 Tagen gefasst.

Aus dem KZ Mauthausen brachen im Februar 1945 über 400 sowjetische Soldaten und Offiziere aus (indem sie etwa mit nassen Decken einen elektrischen Zaun kurzschlossen), daraufhin wurde die „Hasenjagd“ im Mühlviertel auf sie veranstaltet, die meisten wurden aufgegriffen und an Ort und Stelle getötet, etwa 50 wurden lebend zurückgebracht, 11 sollen das Kriegsende in Freiheit erlebt haben.

Der Franzose Henri Giraud entkam in beiden Weltkriegen der Kriegsgefangenschaft.

Im Vietnam-Krieg gelang dem deutsch-stämmigen Amerikaner Dieter Dengler, mit seinem Kampfflugzeug abgeschossen, 1966 aus einem Lager in Laos die Flucht, wobei er einige Wächter tötete.

* Der Südtiroler Max Leitner hat mehrere bewaffnete Raubüberfälle begangen (bei denen kein Mensch zu Schaden kam), wurde dafür 1990 erstmals verhaftet, von der österreichischen Gendarmerie, und flüchtete auch gleich. Auf seine Auffindung folgte eine Verurteilung, Gefängnis und der Ausbruch. Das wiederholte sich einige Male; seine dritte Flucht ereignete sich nach 9 Jahren Haft, als er von einem Freigang nicht mehr ins Hochsicherheitsgefängnis in Padua zurückkehrte. Nachdem er gefunden und zurückgebracht worden war, gelang im 04, zusammen mit einem Mafioso (Südtiroler und Süd-Italiener, ein Stück Völkerverständigung in diesem Milieu), die erneute Flucht, die in Marokko endete. Da mit jedem Ausbruch neue Delikte bzw. Verurteilungen hinzu kamen, verlängerte sich seine Haftstrafe jedesmal. 2019 wäre er legal in Freiheit gekommen, wenn er 2011 dies nicht zum fünften Mal auf eigene Faust getan hätte, wieder anlässlich eines Freigangs. Der jetzt 57-jährige befindet sich also zur Zeit wieder einmal irgendwo auf der Flucht, soll gesundheitlich angeschlagen sein, hat eine Unterstützer-Seite auf Facebook und hat ein Video an eine Südtiroler Zeitung geschickt (zweisprachig, wie es sich dort „gehört“). Seine spektakulärste Flucht war noch seine zweite, als er sich aus dem Gefängnis in Bozen mit Leintüchern abseilte (klassisch). Bei ihm ist es die Wiederholung der Fluchten, die ihn hier nennenswert macht.

Das Leben des US-amerikanischen Hochstaplers und Trickbetrügers Steven Jay Russell, das auch mehrere Gefängnisausbrüche miteinschloss, wurde verfilmt („I love you Philip Morris“). Russell täuschte etwa 1998 im Gefängnis in Houston eine AIDS-Erkrankung vor, etwa indem er durch die Einnahme von Abführmitteln Symptome dieser Krankheit erzeugte. Er kam so in ein Pflegeheim, und nachdem er dieses verlassen hatte, informierte er, als sein „behandelnder Arzt“, die Behörden von seinem angeblichen Tod. Andere Ausbrecherkönige waren der Brite Alfred Hinds, sein Landsmann Jack Sheppard (London, 18. Jh), Walter Stürm (Schweiz, 1970er & 80er), Yoshie Shiratori oder Joseph Bolitho Johns (Australien, 19. Jh). An einem neuen Ausbruch arbeiten zur Zeit wahrscheinlich Eckehard Lehmann (Spezialität: Schlüssel der Zellen nachbauen), Richard Lee McNair, Brian Bo Larsen, Frank Schmökel, Nordine Ben Allal.

* Die Flucht von abgelegenen Straflagern birgt eigene Charakteristika. Henri Charrière (“Papillon”, französisch “Schmetterling”, wegen einer Tätowierung) wurde 1932 wegen eines Mordes (den er immer abstritt) zu lebenslanger Verbannung mit Zwangsarbeit in den Straflagern von Französisch-Guyana verurteilt. Er unternahm mehrere Fluchtversuche, konnte sich 1934 mehrere Monate in Kolumbien in Freiheit halten. 10 Jahre später setzte er sich mit vier Mitgefangenen ab und gelangte nach Venezuela, das ihn nicht auslieferte. Vieles in seinen Büchern (die Grundlage für die Verfilmung 1973 waren), hat er nicht wirklich erlebt.

Clément Duval war Teilnehmer im französisch-deutschen Krieg 1870/71, wurde dabei verwundet und mit einer Krankheit infiziert. In Folge dessen arbeitsunfähig, schlug er eine kriminelle Laufbahn ein, wurde ausserdem Anarchist. Wegen mehrerer Taten wurde auch er zu Zwangsarbeit in Guyana verurteilt. 1887 auf die Îles du Salut gebracht, unternahm er mehrere Fluchtversuche. Erst nachdem er in eines der Straflager am Festland verlegt worden war (wo er mit anderen bedeutenden Anarchisten wie dem Italiener Pini oder Victor Cails zusammenkam), gelang ihm 1901 die Flucht nach Britisch-Guyana, von wo er nach New York weiterreiste, wo er sich niederliess und Memoiren schrieb. Duval ist nicht von der Teufelsinsel oder einer der beiden anderen Îles du Salut geflohen, wie manchmal gesagt wird.

* Politische Gefangene: John Gerard flüchtete Ende des 16. Jh aus dem Tower in London, wo er als Anführer der verfolgten Katholiken saß, mit von Foltern zerschundenen Händen. André Devigny war französischer Offizier, Resistance-Mitglied, dafür im Montluc-Gefängnis, wurde gefoltert, konnte mit Sicherheitsnadeln Handschellen öffnen, daher flüchten, gelangte in die Schweiz; die Nazis verübten Sippenhaftung an seinen Verwandten. Er diente nach diesem Krieg in jenem in Algerien. Tapferes Nazi-Opfer, dann Unterdrücker in Algerien, Devigny vereinte diese Entwicklung Frankreichs in seiner Biografie (die auch teilweise verfilmt wurde).

Die slowakischen Juden Alfred Wetzler und Rudolf Vrba (Walter Rosenberg) waren zwei der wenigen Menschen, denen es gelang, dem „Konzentrationslager“ Auschwitz (Oswieczim) zu entfliehen (1944). Der Pole Slawomir Rawicz soll im 2. WK mit einigen Mitgefangenen aus einem Lager in Sibirien geflohen sein, über die Grenze in die Mongolei, dann weiter nach Indien. 1983 machten IRA-Kämpfer im Maze-Gefängnis in Nord-Irland eine Revolte, 38 gelang dabei die Flucht, der Hälfte auf längere Sicht, manche sind bis heute „untergetaucht“.

* Dem griechischen Straftäter Vasilis Paleokostas gelang 2006 und 2009 gleich zwei Mal eine filmreife Flucht aus dem grössten griechischen Gefängnis Korydallos mit Hilfe von Hubschraubern. Der Franzose Pascal Payet unternahm in den 00ern drei Ausbruchsversuche mit Hubschraubern, zunächst seine Flucht, dann (von draussen) die Befreiung anderer, wobei er gefasst wurde. Aus der folgenden Haft wurde er wieder mit gekapertem Hubschrauber befreit, später in Spanien gefasst.

* Gefangene Politiker: Napoleon 1815 aus Elba: Der selbstgekrönte Kaiser Frankreichs musste 1814 abdanken, nachdem allierte Truppen infolge der Leipziger Völkerschlacht 1813 bis nach Paris gekommen waren und er im Land die meiste Unterstützung verloren hatte. Die Mächtigen Europas wiesen ihm Elba zu, wo er nominell Herrscher wurde, die britische Marine aber das letzte Wort hatte. Während mit Ludwig XVIII. in Frankreich wieder die Bourbonen an die Macht kamen, gingen seine zweite Frau, eine Habsburgerin, und sein Sohn nach Österreich. Napoleon Bonaparte war eigentlich kein Gefangener, beschloss aber, noch einmal nach der Macht zu greifen. Nach weniger als einem Jahr in diesem „Exil“, im Februar 1815, segelte er in der „Swiftsure“ mit einigen Hundert Getreuen von Portoferraio nach Frankreich; warum die britischen Schiffe, die zu seiner Bewachung auf der Insel waren, nicht eingriffen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Auf dem Weg nach Paris (über die Alpen, um die grossteils pro-bourbonische Provence so weit wie möglich zu umgehen) traf die Gruppe kurz vor Grenoble auf das Regiment, das vom König beauftragt worden war, ihn aufzuhalten. Es schloss sich ihm an. Ab seinem Einzug in Lyon agierte er wieder als französischer Kaiser und erließ entsprechende Dekrete, ab seinem Einzug in Paris am 20. März erst wird seine zweite Herrschaftszeit als Kaiser, die 100 Tage (eigentlich 111), gezählt.

Mussolini, freilich mehr Diktator als Poltiker, wurde 1943 von deutscher Wehrmacht und SS nach einigen Monaten Gefangenschaft in Gran Sasso in den Abruzzen befreit.

* Michel Vaujour flüchtete fünfmal aus französischen Gefängnissen. Seine spektakulären Methoden beinhalteten die erzwungene Flucht mit als Orangen getarnten Granaten, die Nachbildung eines Zellenschlüssels mittels Käseabdruck (1974), der Ausbruch mithilfe einer aus Seife gefertigten Pistolenattrappe (1976) sowie die Flucht aus dem sichersten Gefängnis des Landes durch einen Hubschrauber, der von seiner Ehefrau gekapert wurde (1986). Er wurde 2003 vorzeitig entlassen und berät heute Krimi-Autoren.

* Jay Junior Sigler befand sich 1998 im achten Jahr von den 20, die er für bewaffneten Raub bekommen hatte, in der Everglades Correctional Institution, als er mit seiner Mutter und einigen Freunden seinen Ausbruch plante. Am hellichten Tag rammten drei Freunde mit einem 18-rädigen Lastwagen die Gefängniszäune, gefolgt von einem Auto das seine Mutter fuhr. Nach geglückter Flucht wurden vor einem Einkaufszentrum die Fahrzeuge gewechselt, die Polizei auf den Fersen, Sigler starb danach bei einem Zusammenstoss mit einem anderen Auto.

* „Billy“ Hayes wurde in den 1970er in der Türkei wegen versuchtem Schmuggel von Haschisch verurteilt, kam auf das Gefängnis auf der Insel Imrali, von wo er nach Griechenland flüchtete. Sein Buch über die Erlebnisse wurde verfilmt („Midnight Express“).

* Der 1970er-Frauenmörder „Ted“ Bundy (der sich für die Republikanische Partei engagiert hatte), wurde 1976 erstmals gefasst, 1977 gelang es ihm in Colorado, als ein Gerichtsverfahren gegen ihn lief, zwei Mal, auszubrechen, verübte weitere Morde. John Dillinger, der amerikanische 1930er Gangster (Banküberfälle), wurde nach seiner Verhaftung in ein als ausbruchssicheres Gefängnis in Ohio gebracht. Seinem Anwalt gelang es, eine Revolver-Attrappe aus Holz einzuschmuggeln, diese vorgehalten sperrte er die Wachmannschaft in „seine“ Zelle, flüchtete mit dem Wagen des Sherriffs über die Bundesstaatsgrenze, womit er aber das (junge) FBI gegen sich aufbrachte, wurde schliesslich von ihnen erschossen.

* Bei manchen Ausbrechern kommt die Bedeutung von der Zeit, die sie schafften, sich in Freiheit zu halten. George Wright wurde 1963 als 19jähriger wegen bewaffneten Raubüberfällen in New Jersey verurteilt, nach 7 Jahren im Gefängnis gelang es ihm leicht und unpektakulär, auszubrechen. Er schloss sich der „Black Liberation Army“ an, entführte einen USA-Inlands-Flug nach Algerien. Er wurde in Portugal aufgespürt, das ihn aber nicht ausliefern will, da er Staatsbürger dieses Landes geworden war. Ronald Carnes, ein anderer US-Amerikaner, war nach seinem Ausbruch 41 Jahre auf der Flucht (USA), Paula E. Carroll und Sam Gene Harris 34 Jahre lang.

* Natascha Kampusch entkam ihrem Entführer 2006 nach 8 Jahren Gefangenschaft in der Nähe von Wien

* Wie bei Kampusch muss man (unabhängig von Schuld oder Unschuld) nicht in einem „richtigen“ Gefängnis sein, um flüchten zu wollen, es gibt manche Formen der Gefangenschaft. So war/ist Sklaverei natürlich auch eine Form der Freiheitsberaubung. Ein bedeutender Sklavenaufstand in USA ereignete sich 1831, unter der Führung von Nathaniel „Nat“ Turner. Seine Mutter war aus Afrika nach Amerika verschleppt worden, den Namen bekam er von dem Besitzer der Plantage, auf der er geboren wurde. Es soll eine Sonnenfinsternis gewesen sein, die ihn veranlasste, die Befreiung zu beginnen. Diese Slavenrebellion in Virginia breitete sich zwar aus, Schwarze wurden befreit, sie wurde aber bald niedergeschlagen. Turner selbst wurde nach wenigen Wochen gefangen genommen, gehängt und gevierteilt. Mehr als hundert unbeteiligte Sklaven wurden als „Vergeltung“ vom Pöbel getötet, die Lebens- und Arbeitsbedingungen für andere wurden verschlechtert. Etwa 60 Sklavenhalter und Angehörige waren getötet worden.

* Der amerikanische Betrüger und Hochstapler Frank Abagnale („Catch me if you can“) brach auch mehrmals aus Polizei- und Justizgewahrsam aus. Einmal überzeugte er einen Wächter, dass er ein Gefängnisinspektor sei, der nur zu Testzwecken eingesperrt worden sei.

* Der Südkoreaner Choi Gap-Bok, ein langjähriger Yoga-Praktikant, wurde 2012 wegen eines Diebstahl-Vorwurfs in Polizei-Gewahrsam genommen. Aus seiner Zelle entkam er durch eine winzige Essensluke; nach ein paar Tagen gefasst.

* Der französische Gangster Albert Spaggiari brach mit Kollegen 1976 in eine Bank in Nizza ein. Noch im selben Jahr gefasst, gelang ihm während eines Polizeiverhörs die Flucht. 1982 traf er in Rio de Janeiro mit dem Briten Ronald Biggs zusammen, der aus dem Gefängnis geflüchtet war. Während Biggs mit Sex Pistols und Toten Hosen gemeinsame „Sache“ machte, stand der Algerien-Krieg-Veteran Spaggiari der OAS (die ihm auch bei seiner Flucht geholfen haben soll) und anderen Rechten nahe. Die brasilianischen Behörden lehnten die Auslieferung von Biggs auch deshalb ab, weil die britische Regierung nicht der Reziprozität zustimmte, d. h. gegebenenfalls jemanden aus GB nach Brasilien auszuliefern.

* Adolf Schandl, der wegen Raubüberfällen „saß“, brach 1971 mit drei Kollegen aus dem Gefängnis von Stein aus, im Lauf der Flucht wurde in Wien mit dem Polizeipräsidenten Holaubek verhandelt, dieser versuchte einen der Kollegen mit dem legendären Ausspruch „Kumm ausse, i bins, dei (oder: der) Präsident“ zur Aufgabe zu überreden. Zwischendurch frei, versuchte Schandl 1996 aus der Anstalt in Karlau erneut einen Ausbruch, wiederum mit Geiselnahme.

* Raymond Hamilton wurde 1934 von seinen Kompagnons Clyde Barrow und Bonnie Parker in Huntsville von einer Gefängnisfarm befreit, wurde wenige Monate später bei der Schiesserei festgenommen, bei der diese getötet wurden.

* Giacomo Casanova soll Ende des 18. Jh aus dem Gefängnis im Dogenpalast geflüchtet sein, was möglicherweise erfunden ist, wie vieles von ihm.

* Jacques Mesrine war ein Gewaltverbrecher im Frankreich der Nachkriegszeit, brach zwei Mal aus dem Gefängnis aus, war Staatsfeind Nr. 1 oder moderner Robin Hood, war oft und lange untergetaucht, auch in Amerika aktiv, wurde bei der Fahndung nach ihm erschossen.

* Gescheiterte Versuche: Juan Ramirez Tijerina sollte von seiner Ehefrau 2011 aus einem mexikanischen Gefängnis befreit werden, indem er sich beim Besuchstermin in einen mitgebrachten grossen Koffer quetschte.

In die Aussenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle, wo der RAF-Mann Sigurd Debus sass, wurde 1978 ein Loch gesprengt, womit ein Befreiungsversuch für ihn vorgetäuscht werden sollte; eine Aktion der deutschen Behörden unter falscher Flagge.

Die beiden Algerien-Krieg-Veteranen Claude Buffet und Roger Bontems versuchten 1971 aus dem Gefängnis in Clairvaux auszubrechen. Buffet saß im Gegensatz zu Bontems schon wegen Mordes ein, und er war es auch, der bei der Stürmung durch die Polizei zwei Geiseln tötete. 1972 wurden beide dafür zum Tode verurteilt.

* Fiktive Ausbrüche in Film & Literatur:

„Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas. Ausbruch aus Gefängnis(-Insel) nach gemeiner Verurteilung als Beginn eines Rachefeldzugs; oft verfilmt

„Die Verurteilten“/“Shawshank Redemption“ (1994). Buchvorlage von Stephen King

„Auf der Flucht“/“The Fugitive“. TV-Serie, dann Film. Dr. Kimble unschuldig verurteilt, bei Transport geflüchtet, um Unschuld zu beweisen. Wahre Grundlage (Samuel Sheppard), aber da kein Ausbruch

„Le Trou“/“Das Loch“ (1960). Verfilmung des gleichnamigen Romans von José Giovanni, in dem es um einen Ausbruchsversuch aus dem La Santé-Gefängnis in Paris 1947 durchs Graben eines Tunnels geht; an einem solchen war Giovanni beteiligt

„Prison Break“. TV-Serie 00er-Jahre

„Der Kuss der Spinnenfrau“ war zunächst ein Roman des argentinischen Schriftstellers Manuel Puig (1976 erschienen, als „El beso de la mujer araña“). Der homosexuelle Luis Molina (des Kindesmissbrauchs beschuldigt) und der Kommunist Valentin Arregui (politischer Gefangener) teilen eine Gefängniszelle und flüchten in ihre Phantasie (Ausbruch im übertragenen Sinn), indem Molina Arregui Filme schildert. Dabei lösen sich „Grenzen“ zwischen ihnen auf. 1985 Verfilmung von Hector Babenco, das Gefängnis darin in Brasilien. Dann auch als Musical.

„Nummer 6″/“The Prisoner“, eine britische TV-Serie aus 17 Folgen aus dem Jahr 1967, Hauptdarsteller Patrick McGoohan war auch einer der Macher. Die Hauptperson beendet ihre Agententätigkeit beim britischen Geheimdienst, wird an einen abgelegenen Ort entführt und dort als „Nummer 6“ festgehalten, versucht in jeder Folge, die Identität des Oberhauptes, Nummer 1, herauszufinden und dem Ort zu entkommen. Vielsagend ist, dass manche Folgen zensiert wurden, obwohl Sex und Gewalt fehlten; es ging um politische Aussagen. Vom Genre her eine Mischung aus Spionage-Thriller, Science-Fiction-Elementen, Psychodrama, Polit Thriller,…, lässt es viel Raum für Interpretationen

„Im Körper des Feindes“/“Face off“ (1997): Entkommen aus Gefangenschaft als Teil eines Identitätsdiebstahls bzw des misslungenen Identitätswechsels, Gefängnisausbruch als Beginn der „Aufklärung“ des Ganzen

„Überleben is alles“/“Lock up“ mit S. Stallone (1989). Ungerechte Verurteilung, sadistischer Direktor, gescheiterter Ausbruchsversuch, Mini-Aufstand,…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe keine Ausgabe von „Charlie Hebdo“ gelesen aber nach dem was ich mitbekommen habe, sind sie in der Sache insofern daneben gelegen, als sie das Problem des Islamismus falsch dargestellt haben. Zum Wahlerfolg der Ennahda-Partei in Tunesien nach dem Ben Ali-Sturz haben sie eine Sonderausgabe mit dem Titel „Charia Hebdo“ gebracht. Die Ennahda hat sich aber in mehreren Fällen von islamistischer Gewalt distanziert (die von Salafisten ausging, zu denen auch die Täter von Paris gehören dürften), hat ihre Niederlage bei der jüngsten Parlaments-Wahl in Tunesien akzeptiert – nur so kann Demokratisierung in die Gänge kommen: die Wahlverlierer zetteln nicht einen Aufstand an und die Wahlsieger stecken die Verlierer nicht ins Gefängnis. Aber gerade solche Differenzierungen werden ja irgendwie belanglos angesichts eines solchen Massakers.

Gudrun Harrer hat im „Standard“ (eine Zeitung, bei der sie positiv herausragt) treffend geschrieben, radikaler Islam und Islamophobie seien zwei kommunizierende Gefäße. Wenn das eine einen Aufschwung erlebt, erlebt auch das andere einen. Es ist absehbar, wer jetzt wieder in TV-Diskussionen eingeladen wird, Gastkommentare schreiben darf, Wahlkampfmunition bekommen hat, sich bestätigt fühlen wird, Auftrieb bekommt, sich die Hände reiben darf. Grundsätzlich ist es ja verständlich und legitim, dass Leute nach so einer Tat nach Erklärungen und Antworten suchen. Sie, die „Getriebenen“ fallen dann leicht auf die Antreiber rein, ihre Analysen und Rezepte. Kommunizierende Gefäße sind Islamismus und Islamophobie aber auch inhaltlich, sie wollen beide diese Konfrontation, wollen einen „Westen“ und einen „Islam“ die sauber voneinander getrennt sind, kämpferisch aufgeladen und keinen Dissens in „ihrem“ Lager. „Frankfurter Rundschau“: „Die Gefahr liegt in dem, was die Täter von Paris zu Mördern und moralisch verkrümmte Figuren wie Gauland [AfD] zu Leichenschändern werden lässt.“

Marine Le Pen hat schon die Forderung nach der Wiedereinführung der Todesstrafe in Frankreich erhoben (ihre Partei wird sicher profitieren von dem Gemetzel in der Redaktion), es ist auch abzusehen, wie Netanyahu, Broder, Grigat, Isabelle Daniel, Andreas Scheuer, PEGIDA (nicht nur nach Einschätzung von Jürgen Todenhöfer profitiert IS von ihren Aufmärschen) damit umgehen (werden).

Rechten Dumpfbacken, denen „Charlie Hebdo“ viel zu „anarchistisch“ oder „links“ war, wird die Steilvorlage geliefert, sich als Hüter von Toleranz und Meinungsfreiheit zu profilieren, ihren Rassismus als couragierte Dissidenz zu deklarieren, eine „political correctness“ zu beschwören welche solche wie die beiden Mörder und ihre Hintermänner beschütze. Wenn die Analysen dann (die gegenwärtigen Verbrechen des Islamismus aufzählend) bei den Gemetzel und Vergewaltigungen in Syrien und Irak angelangt sind, wird wenigstens auch erwähnt, wer Hauptleidtragender des salafistischen Terrorismus ist.

Auch wenn manche „Charlie Hebdo“ als „islamkritisches Satireblatt“ bezeichnen, es ist auch ein „Verdienst“ der Mörder, dass man nicht wirklich etwas entgegnen kann, wenn jetzt darauf hingewiesen wird, dass das Blatt auch vor den Empfindlichkeiten von Christen und Juden nicht halt machte, aber nur Muslime mit Drohungen und Terrorakten reagierten – auch wenn der zuerst getötete Wachpolizist und einer der in der Redaktion Getöteten ebenfalls aus diesem Kulturkreis kamen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Während Indien am Weg dazu ist, eine neue Grossmacht zu werden, dabei von inneren Konflikten (zwischen Religionsgemeinschaften, Geschlechtern, sozialen Klassen,… auch zwischen den Menschen und der Natur) geschüttelt wird, lohnt es sich, in die indische Geschichte zurückzuschauen, etwa in die frühere Neuzeit, als grosse Teile Indiens unter der moslemischen Herrschaft der „Moguln“ war.

Indien ist für „Westisten“/Islamophobe/Kulturkämpfer oft ein anderes Gesicht „asiatischer Barbarei“ oder aber wird als ein positives Gegenstück zu ihr aufgebaut, wobei dann, wie bei Heinsohn, i.d.R. alles Gute der britischen Herrschaft zugeschrieben wird und Unbehagen über seinen Aufstieg spürbar bleibt. Im „Dschungelbuch“ des englischen Imperialisten Kipling (der selbst in Indien zur Welt kam), einer Art Entwicklungsroman, mit seiner bekanntesten Erzählung von Mo(w)gli, einem Findelkind, das bei Tieren im indischen Dschungel aufwächst und schliesslich „Herrscher“ dieser Welt wird, kommt Rassismus und Imperialismus dezent bzw. indirekt zum Ausdruck. Die Tiere scheinen für die „wilden Menschen“ zu stehen und Mogli die Herrschaft der zivilisierten Kolonialmacht zu repräsentieren; manche Tiere, wie der widerspenstige Tiger „Shere Khan“, stehen für die anti-koloniale Auflehnung (das heutige Äquivalent dazu wäre jene die westliche Weltordnung), die als „gegen die Natur“ dargestellt wird. Als Kipling das Buch schrieb, war das Unabhängigkeitsbestreben der Inder noch in seinen Anfängen, es wurde erst nach dem 1. Weltkrieg, in dem die Inder ihren Kolonialherrschern zu dienen hatten, eine dominante Kraft.

Es ist eine Konstante der indischen Geschichte, dass Eroberer dort hellhäutiger als Unterworfene waren, vom Norden kamen. Von daher soll es ein hellhäutiges Schönheitsideal unter Indern geben, eine Art Versuch, Kolonialherren zu imitieren (koloniales Mimikry), das auch zur Verwendung aufhellender Kosmetika führt. Auch im Kastensystem soll helle Haut eine Rolle spielen. Die Adivasi sind so etwas wie die Urbevölkerung des indischen Raums, sie sind wahrscheinlich Australoide; heute leben sie unvermischt nur an den Rändern Indiens, wie auf den Andamanen- und Nikobaren-Inseln. Nach ihnen kamen die Drawiden, die ihrerseits um 2000 vC von den Ariern in den Süden verdrängt wurden, nachdem sich diese von jenem Teil getrennt hatten, der den Iran „machte“. Auf diese gemeinsamen Wurzeln hat der damalige indische Premier Manmohan Singh (INC) vor einigen Jahren angespielt, als er zur Haltung Indiens zum Atomstreit mit dem Iran gefragt wurde. Dann Griechen, Hunnen und die diversen moslemische Eroberer: die türkischen Ghaznawiden, die iranischen Ghoriden, die türkischen und paschtunischen „Delhi-Sultane“. Und natürlich die Briten und die anderen Europäer.

Die Wurzeln der Mogule liegen in den von Dschingis (Cengiz) Khan Anfang des 13. Jh. und Timur Lenk (Tamerlan) Ende des 14. Jh errichteten mongolischen Reichen. Unter Dschingis‘ Sohn Tschagatai entstand das nach diesem benannte Khanat in Zentralasien, zuerst als autonomer Bestandteil des Reichs, ab Mitte des 13. Jh als eines seiner Nachfolgereiche, von Tschagatais Nachfahren (einer Dschingisiden-Linie) regiert. Timur stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, gehörte zum Barlas-Stamm/Volk (turkisierten Mongolen); er unterwarf Zentralasien, von seinem Heimat-Khanat aber nur den westlichen Teil (wo auch das Fergana-Teil lag), während der verbliebene Osten als „Moghulistan“ (auch: Ost-Tschagatai-Khanat) weiter bestand. Unter Timur wurde die mongolische Elite kulturell persianisiert, was auch mit ihrer Islamisierung zusammenhing; „Moghul“ bzw. „Mughal“ bedeutet in der persischen Sprache „Mongole“, „Moghulistan“ bedeutet „Mongolei“ bzw. „Mongolen-Land“ (war aber eben nur ein Teil-Staat des Mongolen-Lands). Aus der Familie der Lokalherrscher von Fergana, Timuriden, stammte Babur, der die Moghul-Herrschaft in Indien begründete; mütterlicherseits stammte er von den dschingisidischen Tschagatai-Herrschern ab. Babur sprach Tschagatai-Türkisch und Persisch, aber wahrscheinlich nicht Mongolisch. Er unternahm Kriegszüge, mit einer ethnisch gemischten Armee, Richtung Südosten, nahm zunächst die Gegend um Kabul ein, noch im timuridischen Machtbereich. Dann expandierte er nach Nord-Indien, wo die Delhi-Sultane herrschten, damals jene der Lodi-Dynastie – bis 1526. Mittel- und Süd-Indien war zwischen Reichen hinduistischer oder moslemischer Prägung geteilt.

„Mog(h)ul“ bezeichnet im indischen Zusammenhang das Reich, die herrschende Ethnie bzw. Schicht, die herrschende Dynastie (eine Timuriden-Linie; auch „Gurkani“ genannt) wie auch den Herrscher-Titel (als den es auch die Bezeichnungen „Padschah“ [-e Hind], „Grossmogul“, „Mogulkaiser“ gibt). „Gurkani“ soll die persische Version des türkischen „gur akan“ sein, was jemanden bezeichnet der Gräber gräbt und ein Beiname Timurs gewesen sein soll (der gerade im persischen Zusammenhang bis heute einen sehr schlechten Ruf hat). „Gurkani“ bzw. „Gūrkāniyān“ (گورکانیان‎) wurde neben der Herrscher-Dynastie dieses Reichs in Indien auch das Reich an sich genannt, für das es auch Bezeichnungen wie „Hind-Reich“ oder „Mog(h)ul-Reich“ (persisch Shahan-e Mogul, hindustani Mughliyah Saltanat) gibt. Ethnisch waren die „Moguln“ Moslems überwiegend nicht-indischer Herkunft (Mongolen, Perser, Türken, Araber, Kizilbash, die ihrerseits iranisch-türkische Mischlinge sind), Nachkommen der Eroberer und spätere Immigranten, über die Jahrhunderte ihrer Herrschaft zunehmend mit Indern vermischt, vom Padschah abwärts. Nachkommen der Moguln als Ethnie bzw. Klasse leben heute in Pakistan, Indien, Bangla Desch, Afghanistan.

Das Militär war im Mogul-Staat die entscheidende Institution, durch die Rolle bei der Eroberung und Ausbreitung (Vergabe von Militärlehen, „Jagir“, an Beteiligte) und dem Machterhalt. Es übernahm Aufgaben ziviler Verwaltung, bildete eine Art Herrscherkaste (es gab keinen Erb-Adel). Die Herrschaft der Moguln dauerte von der frühen Neuzeit bis in die späte, umfasste nie ganz Indien (je weiter es in den Süden ging, desto „löchriger“ wurde diese Herrschaft), der Norden war immer der Schwerpunkt (wurde auch viel stärker islamisiert als der Süden Indiens). Das Reich wuchs bis Aurangzeb (s.u.), schrumpfte dann, bis sein Rest Mitte des 19. Jh von den Briten „aufgelöst“ wurde. Die Mogule knüpften an die anderen moslemischen Herrscher an, die Indien seit dem Hoch-Mittelalter dominierten, wobei die Ghaznawiden auch schon kulturell persianisiert waren, persische Kultur nach Indien gebracht hatten. Unter dem Mogul bzw. Padschah gab es eine Regierung (Diwan) unter einem Wakil, kein Parlament, somit Absolutismus und Zentralismus; die Mogule waren aber diversen Einflüssen bzw. Lobbies ausgesetzt. Es gab direkt verwaltete Provinzen (Subahs) unter einem Nizam, Nawab oder Subahdar, vom Diwan kontrolliert, sowie halb autonome Staaten; daneben existierten immer Staaten in Indien, die nicht unter Mogul-Herrschaft standen, somit komplett unabhängig waren. Über die Jahrhunderte gab es bezüglich des Status (wie auch bei der Ausdehnung) der Staaten zahlreiche Änderungen. Von Hindus und Sikh dominierte Staaten wurden von einem (Maha)raja/(Gross)könig regiert. Hauptstadt des Mogul-Reichs war bis 1648 u.a. Agra, dann Delhi, wo ursprünglich mehrere Städte nebeneinander waren, das auch unter den Vorgänger-Sultanen und den britischen „Nachfolgern“ Zentrum war, mit dem Roten Fort als Herrscher-Residenz. Wirtschaftlich handelte es sich um einen Agrar- und Handelsstaat, Manufakturen spielten keine grosse Rolle.

Flagge Indiens unter den Moguln

Flagge Indiens unter den Moguln

Als die Mogule im frühen 16. Jh Nord-Indien unter ihre Herrschaft brachten, war im Dekkan (Zentral- und Südindien) das hinduistische Vijayanaga-Reich (das vom 14. bis zum 17. Jh existierte) der wichtigste Staat. Die Portugiesen errichteten in dieser Zeit als erste europäische Macht Stützpunkte an der Küste Indiens. Persien und Indien grenzten meist südlich vom Hindukusch-Gebirge und westlich vom Indus-Fluss aneinander, also etwa im heutigen Afghanistan. Sowohl der Name für das Gebirge („Indisches Gebirge“) als auch für den Fluss, die sich durchgesetzt haben, sind persisch. Vom persischen Namen für den heute in Pakistan liegenden Fluss (Eigenbezeichnung „Sindh“) leiteten sich auch der persische Name für (Nord-) Indien, (H)industan, ab, und davon wiederum die meisten Fremdbezeichnungen für Indien (kamen über Griechen nach Europa), wie auch Bezeichnungen für die Sprache Hindi und die Religion Hinduismus. Das Mogul-Indien hat mit dem Persien der Safawiden aber trotz der engen kulturellen Beziehungen viele Kriege geführt, nach der Abspaltung Afghanistans von Persien im 18. Jh. mit diesem. Der Eigenname Indiens, Bharat, leitet sich vom legendären König Bharata ab, der im Mahabharata auftaucht. Ein Arier aus der ebenso mythischen Chandravamsha- (Mond-) Dynastie, eroberte Bharata ganz Gross-Indien, das unter ihm als „Bharatavarsa“ vereinigt wurde.

„Gross-Indien“ (Greater India) hat auch heute eine Bedeutung, bzw. mehrere, Indien und seine Nachbarstaaten sind darin als Geschichtsraum oder als Länder mit kulturellen Gemeinsamkeiten zusammengefasst, aber auch manchmal unter den Vorzeichen von Irredentismus oder Pan-Nationalismus. Es gibt verschiedene Ausdrücke für diesen Raum bzw. das Konzept: neben Gross-Indien auch Indosphäre, Vorderindien, East Indies, Südasien, Desi, Akhand(a) Bharat(a) (अखण्ड भारत). Neben Pakistan und Bangla Desch sind darin Sri Lanka, Nepal, Bhutan, Malediven, manchmal auch (Süd-)Afghanistan und Tibet mit Indien zusammengefasst. Und die Diaspora: die erste Welle war jene nach Südost-Asien, noch in der Mogul-Zeit; im 19. Jh. wurden Inder als Kontraktarbeiter in britische Kolonien geschickt, nachdem diese die Sklaverei abgeschafft hatten; nach der Unabhängigkeit gingen Inder sowie Bürger der Nachbarstaaten aus allen sozialen Schichten in den Westen. Die Diaspora existiert v.a. in Südost-Afrika, im Karibikraum, in SO-Asien, sowie in den anglokeltischen Staaten. Zu Mogul-Zeiten gab es neben Persien als Nachbarn ceylonische, nepalesische und bhutanische Fürstentümer, den Malediven-Archipel als Sultanat (während sich in Bhutan der Buddhismus gegen den Hinduismus durchsetzte, unterlag er auf den Malediven dem Islam),  Tibet, getrennt durch das Arakan-Gebirge Birma (wo die Taungoo-Dynastie herrschte), über Kaschmir auch Sinkiang (war zeitweise ein Teil von Moghulistan, vor der chinesischen Eroberung).

Unter dem dritten Mogul-Herrscher Akbar, Ende 16./Anfang 17. Jh, gelang durch die Unterwerfung der meisten Rajputen-Staaten die Ausdehnung des Reichs nach Zentralindien. Mit diesen Eroberungen kamen viele Hindus und Sikh unter seine Herrschaft, er heiratete auch eine Hindu. Akbar liess viel Nicht-Islamisches zur Geltung kommen, kreierte sogar eine neue Religion, Din-e Ilahi (persisch „Religion Gottes“), eine Synthese hauptsächlich aus Islam und Hinduismus (was auch der Sikhismus irgendwie war), mit Elementen aus dem Christentum, Zoroastrismus und Jainismus; möglicherweise intendierte er auch eine Neuauslegung des Islam oder einen „Brückenbau“ zwischen den Religionsgemeinschaften, keine neue Religion. Die einzigen Anhänger bzw. Praktikanten des „Kults“ waren Angehörige des Herrscherhofs der Moguln, der damals in Fatehpur Sikri bei Agra residierte. Akbar liess dort im Palast als eine Art Gotteshaus 1575 das Ibādat Khāna (Haus der Verehrung) bauen. Vom Din-e Ilahi blieb nach Akbars Tod nichts übrig, auch von seiner religiösen Toleranz nicht.

Im 17. Jh. entstand das Buch „Dabestan-e Mazaheb“ („Schule der Religionen“), über die Religionen Indiens/Südasiens, auf Persisch, wahrscheinlich von einem Perser verfasst, eventuell einem zoroastrischen. Darin findet sich auch ein Kapitel über den Din-i Ilahi. Das Kapitel über das Judentum besteht aus Übersetzungen von Sarmad Kashani, einem Juden aus Persien, der zuerst zum Islam übertrat (ein Sufi wurde) und dann zum Hinduismus. Das Werk wurde möglicherweise vom Mogul-Prinzen Dara Shikoh in Auftrag gegeben, der sich mit Religionen beschäftigte und wie Akbar dabei einen synkretistischen Ansatz hatte.

Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten

Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten

In der „Kontaktzone“ von Ariern und Drawiden in Mittelindien bildeten sich die Grundlagen für jene Kultur, deren Schriften die Grundlagen für den Hinduismus sind, die Veden (ca. 1500 vC), dann die Upanischaden, 100 nC das wichtigste Werk, das Mahabharata mit der Bhagavad Gita (ein anonymes Helden-/Nationalepos). Hinduismus ist die Mutterreligion der ebenfalls in Indien entstandenen Religionen Jainismus, Sikhismus und diverser Sekten wie Hare Krishna und hat zumindest den Vajrayana-Buddhismus beeinflusst. Buddha und Mahavir (der Stifter der Jaina-Religion) wirkten 500 vC. Hinduismus setzte sich in Indien gegen Buddhismus durch, der in Ost-Asien grossen Anklang fand. Der Sikh-Guru Nanak lebte im 15./16. Jh. Christentum, Islam, Zoroastrismus, Judentum und Baha’ismus kamen von aussen nach Indien.

Die Islamisierung Indiens begann mit den Ghaznawiden und Ghoriden, die N-Indien und O-Iran im Hoch-Mittelalter hintereinander beherrschten, wurde im Spät-MA von den Delhi-Sultanen fortgeführt. Die am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren die letzen buddhistische Zentren im Land bzw. Subkontinent. Das Pala-Reich im NO war das letzte Reich in Indien, das den Buddhismus unterstützte. Es wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der NW war das zuerst islamisierte Gebiet, dort fielen sogar schon die Omayaden ein, dort waren auch die Heerlager (Urdu) der Moguln, dort, im heutigen Pakistan, gab es am stärksten Vermischung mit moslemischen Invasoren. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung Indiens blieb hinduistisch, die Toleranz für sie unter moslemischer Herrschaft, wie auch für Sikh und andere Religionen, schwankte, die Sondersteuer wurde mehrmals eingeführt und wieder abgeschafft. Islamische Praxis in Indien, der dortige „Volksislam“, enthält häufig Elemente aus anderen indischen Religionsgruppen. Der schiitische Islam war und ist im indischen Raum in einer Aussenseiter-Rolle und noch dazu gespalten in die Zwölfer-Schiiten und die Siebener-Schiiten/Ismailiten, die wiederum auf Nizariten („Khojas“; unter dem Aga Khan, der im 19. Jh aus Persien nach Indien kam) und Mustaliten („Bohras“) aufgeteilt sind. Ab dem 18. Jh, als die Mogul-Herrschaft und moslemische generell in Indien zu bröckeln begann, wurde für religiöse Moslems dort eine Auseinandersetzung mit der Religion unabhängig von der Herrschaft notwendig und diverse Erneuerungsbewegungen entstanden. Im 19. Jh entstand die Ahmadiya-„Sekte“ wie auch die bedeutende Deoband-Universität. Zu Beginn des 20. Jh, als es bereits Spannungen zwischen Hindus und Moslems unter britischer Herrschaft gab, wurde die All-India Muslim League gegründet.

Im Hinduismus traten in der späteren Neuzeit ebenfalls Reformer und Erneuerer auf, die hier eine besondere Rolle einnahmen, da diese Religion keinen Stifter und keine Priesterschaft hat. Etwa Vinayak Damodar „Veer“ Savarkar (1883-1966), der für die Abschaffung des Kastensystems im Hinduismus argumentierte und für die Rück-Konversion von Moslems (u.a.), deren Vorfahren zum Islam übergetreten waren – etwas, das anscheinend auch unter Hindus nicht unumstritten war und das im Falle einer Umsetzung die Geschichte Indiens im 20. Jahrhundert wohl drastisch verändert hätte. Mit seinem Konzept von „Hindutva“, das Indien in erster Linie über den Hinduismus definiert, legte er mit den Grundstein für den Hindu-Nationalismus, der inzwischen in zahlreichen Parteien und Organisationen organisiert ist. Daneben engagierte sich Savarkar für die Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien und war Literat in Hindi und Marathi. Der reformistische Gelehrte Dayananda Saraswati (19. Jh) bewirkte eine Aufwertung des Schutzes der Kühe, zur Abgrenzung vom Islam und dem Christentum und als Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Der Stellenwert der Kuh im Hinduismus kam auch aus pragmatischeren Gründen. Die Tiere liefern mit Milch die Grundnahrung, waren das wichtigste Zugtier und ihr Dung Heizmaterial und Dünger. Der indische Historiker Dwijendra Narayan Jha wies in seinem 2001 erschienenem Werk „Der Mythos der heiligen Kuh“ darauf hin, dass dieser im Wesentlichen im 19. Jh in diesem Zusammenhang entstanden sei; der Rigveda, der älteste Teil der Veden, enthalte etliche Verweise auf die Zubereitung und auch Opferung von Rindfleisch. Auch „Mahatma“ Gandhi und andere Aktivisten aus höheren Kasten haben sich gegen das Töten von Kühen engagiert; Gandhi auch gegen Auswüchse des Kastenwesens. Ein Kritiker der Rinder-Verehrung war Bhimrao Ramji Ambedkar, ein Dalit („Pariah“)-Politiker, der wegen des Kastensystems aus dem Hinduismus zum Buddhismus übertrat, er sah in der „heiligen Kuh“ ein Mittel des Brahmanismus, der Vorherrschaft der obersten Kaste. Brahmanen wurden im 19./20. Jh auch hauptsächliche Träger der Nationalbewegung (Indian National Congress).

Persisch war in der Mogul-Zeit die Staatssprache in Indien, wurde (wie auch schon unter manchen Vorgängern der Moguln als Herrscher Indiens) in Verwaltung, Literatur oder Wissenschaft verwendet; der Sohn des Mogulherrschers Jahan (auf Betreiben seiner jüngeren Brüder dann hingerichtet) verfasste etliche beachtliche Werke auf Persisch, hauptsächlich religiöser Natur, auch Übersetzungen, etwa der Upanischaden, aus dem Sanskrit. Währenddessen bildete sich in der Neuzeit die Hindustani-Sprache, auch Dehlavi, Hindawi oder Rekhta genannt, heraus, aus nordindischen Dialekten wie Khariboli, angereichert mit persischen, mongolischen, türkischen, arabischen Wörtern, die Eroberer mitgebracht haben. Hindustani,  das mit anderen indo-iranischen Sprachen mehr oder weniger eng verwandt ist, wurde in der späten Mogul-Zeit die zweitwichtigste Sprache. In arabischer Schrift geschrieben wurde daraus (Zaban-i-)Urdu, die Variante in Devanagari-Schrift wurde Hindi (nicht nur die Schrift des Sanskrit wurde hier übernommen, auch Wörter daraus, mit denen persische ersetzt wurden). Während Hindi von Hindus geformt wurde und sich zumindest unter jenen des Norden Indiens durchsetzte, wurde Urdu die wichtigste Sprache der Moslems Indiens, war am stärksten im Nordwesten, dem heutigen Pakistan, verankert. Das Wort „Urdu“ geht auf das türkische Wort für „Heerlager“ zurück, die damit bezeichnete Sprache aber nur insofern auf jene der frühen Moguln, als mit diesen Eroberungen die Einflüsse auf indische Sprachen begannen. An der Stelle sei angemerkt, dass Persisch (und andere iranische Sprachen wie Belutschisch oder Kurdisch) abgesehen von späteren Einflüssen mit Hindi/Urdu (und anderen nord-indischen Sprachen wie Bengali oder Marathi) von der Wurzeln her verwandt ist, was man leicht erkennen kann, wenn man etwa die Zahlen in diesen Sprachen vergleicht.

Im 17. Jh liess Herrscher Jahan in Agra das Taj Mahal (ungefähr mit „Kronen-Palast“ zu übersetzen) als Grabmal für seine Haupt-Frau bauen, das wichtigste Stück Baukunst unter den Moguln. Unter Aurangzeb wurde Ende des 17./Anfang des 18. Jh. die grösste Ausdehnung des Mogul-Reichs erreicht, nur der tamilische Südzipfel Indiens blieb ausserhalb seinem Herrschaftsbereich – ähnlich wie beim Gupta-Reich in der Spät-Antike (mit dessen Untergang die lange Zeit der Zerstückelungen und Fremdherrschaften begann) und jenes der Maurya-Dynastie. Unter Aurangzeb wurden die Dekkan-Sultanate erobert, eine moslemische Staaten-Föderation in Zentral-Indien. Er propagierte einen strengen Islam, damit Schikanen gegen die hinduistische Mehrheit. Der Beginn des Niedergangs ist nach seiner Herrschaftszeit anzusetzen, nach ihm ging es mit dem Mogul-Reich abwärts, es wurde zunehmend kleiner und machtloser. Im Laufe des 17. Jh gesellten sich zu den portugiesischen Handels-Stützpunkten an der Küste Indiens solche anderer europäischer Mächte dazu, der Niederländer, Dänen, Franzosen und Briten. Die English East India Company bzw. ab 1707 British East India Company (BEIC), liess sich zunächst in der Bucht von Bengalen nieder, führte Opium nach China ein, Tee, Baumwolle, Salpeter und Gewürze nach England aus. Die Verluste des Mogul-Reichs im 18. Jh, durch die es zu einem von vielen Lokalfürstentümern herabsank, gingen nicht zu Gunsten der Briten sondern waren hauptsächlich Gewinne des hinduistischen Marathi-Reichs, das seinen Kern an der Westküste (um Poona) hatte, sowie der Rajputen (mehr eine Kaste als eine Ethnie), die im NW ein grosses Fürstentum errichteten. Der Vizekönig des Moguls im Süden, der Nizam, machte sich im 18. Jh. mit seinem Reich um Hyderabad selbstständig. Weitere bedeutende Staaten waren der von den Sikh regierte Punjab, das moslemische Kaschmir, das hinduistische Mysore im Süden.

Shivaji Bhonsle war im 17. Jh ein Marathen-Herrscher, dessen Kampf gegen das Sultanat der schiitischen Adilshahi-Dynastie in Bijapur (Süd-Indien) am Beginn der Enstehung des Marathen-Reichs stand. Das Marathen-Reich wird haupt-verantwortlich für den Untergang des Mogul-Reichs gemacht. Die heutige rechtsextreme, hindu-nationalistische Partei Shiv Sena („Shivajis Armee“), 1966 vom politischen Cartoonisten Bal Thackeray gegründet, bezieht sich auf diesen Shivaji. Die Partei ist v.a. in Maharashtra aktiv, dem Marathen-Stammland.

Bengalen im Osten unterstand einem Nawab, der es im Namen des „Moguls“ regierte, es war damit ein semi-unabhängiger Staat. Briten und Franzosen hatten an dessen Küste ihre Stützpunkte; daneben versuchten die Marathen im 18. Jh, dort einzudringen. Die Briten begannen damit, sich in innere Angelegenheiten Bengalens einzumischen, sich nicht nur auf Handel zu beschränken. Mitte des 18. Jh entzündete sich an der Konkurrenz zwischen Briten und Franzosen in Nordamerika ein Kolonialkrieg, der sich mit dem 7-jährigen Krieg in Europa verband. Auch Indien war Kriegsschauplatz, nachdem Franzosen und Briten Konkurrenten um Bengalen waren. Der Sieg der Briten in „Plassey“ (Palashi) 1757 öffnete diesen die Tür zur Herrschaft über Indien. Die Franzosen, die die Ostküste kontrolliert hatten, verloren fast alles. Die Mogule verloren nun auch Bengalen, das Mogul-/Gurkani-/Hind-Reich wurde auf das Gebiet um Delhi beschränkt, einige Staaten blieben ihm als Vasallen verbunden, und es blieb eine offizielle Oberherrschaft über einige Gebiete bestehen, in denen es nichts mehr zu sagen hatten. Nun war klar, dass sich auch in Indien Europa durchsetzen würde und unter den europäischen Mächten die Briten.

Ab 1774 gab es einen General-Gouverneur der BEIC, der zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon mehr Macht hatte als die Mogule/Padschahs in Delhi. Als sich 13 der britischen Nordamerika-Kolonien als USA unabhängig machten (1776-1783), wurde Indien für Grossbritannien noch wichtiger. Die britische Herrschaft in Indien wurde schrittweise ausgedehnt, intensiviert und verstaatlicht; Ende des 18. Jh kam die BEIC unter stärkere staatliche Kontrolle. Persisch wurde als Verwaltungs- und Bildungssprache schrittweise durch Englisch ersetzt, eine Verwaltungsreform in den eroberten Gebieten durchgesetzt. Die Ansiedlung von Briten in Indien war vergleichsweise gering. Die britischen Herrscher machten sich die Diversifizierung der indischen Bevölkerung zu Nutze, die Vielfalt von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, Klassen, spielten v.a. Moslems gegen Hindus aus. 1818 besiegten die Briten nach langen Kämpfen ihre inzwischen schärfsten Rivalen, die Marathen (und mit ihnen verbündete kleinere Staaten). Nachdem auch südliche Lokalreiche in den Mysore-Kriegen eingegliedert wurden, blieben noch einige Fürstenstaaten wie das der Mogule, jene der Rajputen (in Rajasthan), Sikkim oder Kaschmir bestehen. 1825 gingen die Küsten-Stützpunkte der Niederländer durch Vertrag an GB, 1845 wurden die Dänen von den Briten abgefunden. Die Portugiesen (an der W-Küste) und die Franzosen (an der O-Küste) behielten ihre paar Exklaven, über die britische Kolonialherrschaft hinaus.

Die Briten benutzten Indien im 19. Jh als Sprungbrett zur Inbesitznahme oder Kontrolle diverser Gebiete Asiens: Birma, Ceylon (beide auch zeitweise Teil Britisch-Indiens), Afghanistan, Malediven; Nepal und China; Tibet und Bhutan. Sie zogen auch die Grenzen Indiens zu den Nachbarstaaten: im Westen zu Afghanistan (Durand-Line zu Ungunsten der Paschtunen, deren Gebiet bewusst z.T. Britisch-Indien zugeteilt wurde, auch Belutschistan wurde aufgeteilt), im langen und gebirgigen Norden zu China (Sinkiang), Nepal, Bhutan und Tibet, im Osten wurde Birma 1937 wieder abgetrennt.

„Sepoys“ waren indische Hilfssoldaten der Briten, 1857 meuterten sie, wegen mit Tierfett präparierten Papier-Patronen, deren Ende vor dem Laden (Enfield-Gewehr) abgebissen werden musste, was Hindus (möglicherweise von Kühen) und Moslems (möglicherweise von Schweinen) gleichermaßen suspekt war. Der Aufstand wurde von einem Marathen-Adeligen angeführt und von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur Schah Zafar wurde in Folge des Aufstands 1858 abgesetzt, weil er von manchen der Teilnehmer als „Bezugsfigur“ gesehen wurde und die Briten jetzt auch der symbolisch gewordenen Macht der Mogule (seine reale Macht reichte kaum über das Rote Fort in Delhi hinaus) ein Ende setzen wollten. Bahadurs Mutter war eine hinduistische Inderin, er war 1838 Nachfolger seines verstorbenen Vaters geworden, war der einzige Mogul-Herrscher, von dem Fotos existieren. Bahadur schrieb Gedichte, hauptsächlich auf Urdu, hatte mehrere Frauen, rauchte möglicherweise Opium. Er wurde im ebenfalls britischen Birma exiliert, starb dort 1862. 1858 wurde auch die BEIC verstaatlicht, ihr letzter Generalgouverneur Canning wurde erster britischer Vizekönig Indiens. Die restlichen Staaten in Indien waren mehr oder weniger britische Vasallen. Ab 1876 nahmen britische Monarchen, beginnend mit Victoria, den Titel „Kaiser von Indien“ an.

Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma

Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma

Das indische „Risorgimento“ im 20. Jh., der Unabhängigkeitskampf, war dann mit der Abspaltung der moslemisch gewordenen Teile als Pakistan verbunden. Auch wenn das Konzept eines moslemischen indischen Staates ungefähr ab Ende des 19. Jh angedacht wurde, hat sich die Moslem-Liga spät darauf festgelegt, dass Selbstbestimmung einen völlig vom restlichen Indien getrennten, unabhängigen Staat bedeuten muss, endgültig erst nach dem 2. Weltkrieg. Mohammed A. Jinnah, der langjährige Chef der Moslem-Liga und „Gründer“ Pakistans, war der Enkel eines Hindus aus Gujarat, der aufgrund seines Berufs, dem Handel mit Fischen, mit Prinzipien seiner Religion (bzw. der Auslegung dieser Prinzipien in seiner Kaste) in Konflikt gekommen war; Jinnah selbst war schiitischer Moslem. Die Hindu-Nationalisten (oder: -Zentristen) Indiens, die mit der BJP (Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei) und ihren Verbündeten gerade wieder die Regierung stellen, sind gegen die Idee eines pluralistischen Indiens, auch gegen „westliche Freiheiten“. Das Anti-Imperialistische ist auch für den INC nicht mehr die „Richtlinie“ für die Politik.