Menschen, die in mehreren Staaten politisch aktiv waren, bzw Politiker die in mehreren Staaten wirkten, Herrscher die die „Nation wechselten“,… Es gibt verschiedene Typen davon, doch bevor es losgeht, etwas dazu, was hier nicht behandelt wird, um welche Leute es hier nicht geht.

Über Sportler, die die Nation wechselten, und Soldaten die Entsprechendes taten, gibt es eigene Artikel. Zu Militärs, die in die Politik gingen, folgt noch Näheres. Leute, die in (oder für) ein(em Land) militärisch aktiv waren/sind, in einem anderen politisch, kommen hierfür nicht in Frage, aber manchmal ist die Grenze zwischen politischer und militärischer Tätigkeit nicht so leicht zu ziehen. Auch um Künstler und Intellektuelle geht es hier natürlich nicht. Somit auch nicht um Jamal ad-Din Afghani (Asadabadi) oder Nazim Hikmet (Ran). Oder um Wissenschaftler. So wie Albert Einstein (Deutsches Reich, Schweiz, USA und beinahe für Israel politisch) oder Wernher von Braun (Deutsches Reich > USA)(1). Albert Schweitzer bekam einen anderen Nobelpreis als Einstein und war in anderen Gebieten tätig, auch er ist kein Kandidat für diesen Artikel.

Es geht hier auch nicht um Leute, die in staatlichen Institutionen wirkten, als hohe Beamte gewissermaßen. Stanley Fischer etwa wurde in der damaligen britischen Kolonie Northern Rhodesia geboren, ging nach Grossbritannien, dann in die USA. Ist US-amerikanischer und israelischer Staatsbürger, arbeitete in IWF und Weltbank, dann (2005-13) als Chef der Nationalbank Israels. 14-17 war er Vizechef der amerikanischen Federal Reserve. Otto Meissner ist in dreifacher Hinsicht nicht relevant. Er stammt zwar aus dem Elsass und war dann in Deutschland (für drei Reichspräsidenten) tätig, aber: der Elsass war, solange er dort lebte, Teil des Deutschen Reichs; er war im Elsass auch nicht politisch tätig; und, seine Tätigkeit für die deutschen Präsidenten ist eher als die eines (hohen) Beamten als eine politische zu sehen.

Thae Yong Ho war nordkoreanischer Diplomat der überlief, in Südkorea Politiker wurde; Hwang Jang-yop war Politiker in Nordkorea, lief über, wurde aber nicht direkt politisch aktiv in Südkorea. Maximilian Ronge war in österreichischen Geheimdiensten in 4 Systemen (Monarchie, 1. Republik, Ständestaat, 2. Republik) führend aktiv, aber eben nicht politisch. Der dänische Seefahrer Vitus Bering wurde für Russland aktiv, auch er zählt hier natürlich nicht. Auch geht es hier nicht um Jene, die ihre Religion wechselten; das waren sehr oft die Begründer/Stifter von Religionen, wie Jesus/Yehoshua/Issa, Nanak, Baha’ullah. Letzterer war auch in mehreren Ländern aktiv, aber das qualifiziert ihn auch nicht. Päpste hatten früher, bis Pius IX., viel weltliche Macht inne; aber diese bekamen sie mit ihrer Wahl, und die Macht war nicht auf den Kirchenstaat beschränkt. Abgesehen davon gab es in diesen früheren Jahrhunderten kein Italien; der Kirchenstaat „überlebte“ die Gründung des Königreichs Italien nur um wenige Jahre (1861-1870).(2)

Der erste Aga Khan der ismailitischen Moslems migrierte von Persien ins britische Indien, war aber eben Religionsführer, kein Politiker. Wobei diese Grenze nicht immer leicht zu ziehen ist. Paul Schäfer, der Führer der „Colonia Dignidad“ (die u.a. eine Sekte war), war von Deutschland nach Chile gegangen, war dort politisch aktiv in gewisser Hinsicht. Autoren oder Blogger, von Jan Lamprecht (aus Zimbabwe nach Südafrika) bis Hossein Derakhshan (Iran, Canada, USA) zählen natürlich auch nicht als Politiker – auch wenn sie sehr politisch schreiben. Zu den Leuten, die in einem Land militärisch aktiv waren, in einem anderen politisch: Der Germane Odoaker etwa diente in der Leibwache des weströmischen Kaisers Anthemius. Das Weströmische Reich war damals (spätes 5. Jh) instabil und das Militär übte grossen Einfluss aus. Die nicht-römischen Soldaten („Söldner“) unter Odoaker erhoben sich gegen ihre Diskriminierung, stürzten dann Kaiser Romulus (dessen Vater Orestes, der Heermeister, eigentlicher Machthaber war). Odoaker begründete das „Königreich Italien“, war zuvor für das Weströmische Reich aktiv gewesen – aber eben militärisch, nicht politisch.

Carl Mannerheim diente, als Finnland Teil des Russischen Reichs war, in der russischen Armee, Schwedisch war seine erste Sprache, sein Name (und seine Herkunft) deutsch. 1918 wurde er Finnlands zweites Staatsoberhaupt (nach Per Svindhufvud). Einen vergleichbaren Werdegang hatte Miklos Horthy, der in Österreich-Ungarn Admiral war, nach dem 1. WK 1920 bis 1944 als „Reichsverweser“ des unabhängigen Ungarns agierte.(3) Beide waren nicht wirklich engagiert gewesen in den Unabhängigkeitsbestrebungen ihrer Länder, oder im Rahmen ihrer Selbstverwaltung. Es folgen bei den Grenzfällen unten noch einige Militärs, bei denen das mit dem politischen Wirken in einem anderen Staat nicht so eindeutig ist. Adolf Heusinger ist einer jener Offiziere, die nie politisch tätig waren, auch nicht zu einem Feind überliefen, aber er machte die „Transformationen“ Deutschlands im früheren 20. Jh mit, diente im Deutschen Heer (> kaiserliches Deutsches Reich), Reichswehr (D.R. der Weimarer Republik), Wehrmacht (> „Grossdeutsches Reich“), Bundeswehr (> BRD), ausserdem der NATO.

Alexander Löhr (der aus Rumänien stammt) ist einer Jener, die Österreich-Ungarn und Nazi-Deutschland militärisch dienten. „Hakob Hakobian“ (auch „Hagopian“), eigentlich Harutiun Tokashian aus Mossul, Irak, war Führer der armenischen ASALA, wurde 1988 in Griechenland ermordet (wahrscheinlich von westlichen Geheimdiensten). Er ist nicht inkludiert unter Jenen, die in mehreren Staaten politisch aktiv waren/sind (weil quasi-militärisch aktiv), Monte Melkonian (siehe unten) schon. Irgendwo muss man die Grenze ziehen. Melanija Knavs weder in Jugoslawien, noch in Slowenien (nach der Unabhängigkeit), noch in Italien (wo sie als Model arbeitete) noch in der USA politisch aktiv. Lebenspartner, Gemahlinnen,… von Herrscher gelten nicht per se als politisch aktiv bzw Macht ausübend. So wie Charlene Wittstock aus Südafrika (dort nicht politisch aktiv, sondern sportlich), die ins monegassische Fürstenhaus heiratete, die Habsburgerin Marie Antoinette oder eine Tochter des letzten sasanidischen Königs Persiens, Yazdgerd III., Shahrbanu, die den arabischen schiitischen Imam Hussein geheiratet haben soll.

Auch unter Jenen, die definitiv politisch aktiv waren/sind, müssen diverse Typen ausgeschlossen werden. Politisches Engagement wird jedenfalls eher breit definiert, muss nicht unbedingt an eine Funktion, ein Mandat gebunden sein. Die Kategorien der modernen Staatlichkeit sind für frühere Zeiten natürlich nur bedingt gültigWas jedenfalls auch nicht zählt: Die Änderung von politischen Ansichten bzw des Lagers, wie von Links nach Rechts. Oder, wenn Kinder eine andere politische Richtung als Eltern oder Vorfahren einschlagen. Leute, die (in einem Staat) mehrere Mandate/Funktionen nebeneinander inne hatten/haben. Das Überschreiten von innerstaatlichen Grenzen, also die Tätigkeit in mehreren Provinzen/Bundesländern/… oder der Wechsel von der Regionalpolitik in die nationale (bundesstaatliche, zentralstaatliche), wie von Franz J. Strauss oder Manuel Fraga I. In der Regional- oder Lokalpolitik Tätige, die unter andere staatliche Oberherrschaft kommen, werden bei den Grenzfällen berücksichtigt.

Was den Spanier Fraga betrifft: der war in der Franco-Diktatur Minister, in der Zeit des Übergangs zur Demokratie ebenfalls, im demokratischen Spanien dann u.A. Präsident der Regionalregierung von Galizien. Transformationen von Staaten zählen nicht, wenn sich nur die Staatsform oder der Name verändert haben, nur wenn sich der betreffende Staat auch territorial substantiell verändert hat. Fraga zählt daher nicht als Staats-/Nationswechsler, oder Frederik W. De Klerk, der in der Republik Südafrika im Apartheid-System und in der Demokratie aktiv war. Tschiang Kai-Schek ist unter den Grenzfällen. Der Übergang vom Deutschen Reich zu BRD und DDR zählt als einer zu einem anderen Staat. Eine wichtige Ausschluss-Kategorie: Jene, die das Land gewechselt haben, aber nur in einem politisch aktiv waren. Nicht Wechsel des Wohnortes oder der Staatsbürgerschaft ist entscheidend, sondern des Ortes der politischen Betätigung.

Da gibt es jene, die in der neuen Heimat (dem Zielland) aktiv wurden, wie Janet Jagan, die Präsidentin Guyanas wurde (aber in der USA nicht politisch tätig war)(4); die allermeisten (am Ende des 2. WK) deutschen Vertriebenen, die in der BRD oder DDR aktiv wurden, wie Rainer Barzel, Egon Krenz, Manfred Kanther, Wilhelm Pieck, Erich Mende,…(5); Hans-D. Genscher siedelte 1952 aus der DDR in die BRD über, war aber in der DDR nicht politisch aktiv gewesen. Beispiel für einen „Aussiedler“, der in die Politik ging, ist Bernd Fabritius, Siebenbürger Sachse(6), in Rumänien nicht politisch aktiv gewesen, in der BR Deutschland für die CSU im Bundestag; Prinzen die in anderen Länder auf den Thron kamen, wie Karl von Hohenzollern-Sigmaringen (der 1866 Fürst Rumäniens wurde, seine Nachfolger dort Könige), Otto von Wittelsbach aus Bayern (der 1832 König Griechenlands wurde) oder Christian C. af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg aus Dänemark (der 1905 König Norwegens wurde); viele israelische Politiker, wie David Ben-Gurion (Grün, aus dem russischen Polen ins osmanische Palästina ging), Shimon Peres (Perski, aus Polen ins britische Palästina), Shmuel Flatto-Sharon (aus Frankreich nach Israel), Avigdor Lieberman (aus der SU nach IL), Michael Oren (Bornstein, aus der USA nach IL); natürlich jene, die als Kind in ein anderes Land gebracht wurden, wie Hendrik Verwoerd (Niederlande > Südafrika) oder in einer Art Exil geboren wurden, wie Valery Giscard d’Estaing 1926 im damals französisch besetzten Rheinland; Peter Hain, der in Kenya geboren wurde, mit seinen Eltern dann in Südafrika lebte, schliesslich nach GB auswanderte (sich dort gegen die Apartheid engagierte, dann für die Labour Party Minister unter Blair und Brown war); Hitler, der nur im Deutschen Reich aktiv war, trotz österreichischer Herkunft (Grenzgebiet, Innviertel) und europaweiten Eroberungen/Besetzungen/Annexionen (auch Österreich wurde ja Teil Deutschlands unter ihm)(7); A. Schwarzenegger war in Österreich auch nicht politisch aktiv (sein Vater schon etwas, als NSDAP-Mitglied zur Zeit des Anschlusses); Joseph Jenkins-Roberts, der 1809 in Virginia (USA) in eine Familie ehemaliger Sklaven geboren wurde, 1829 in die Colony of Liberia auswanderte, 1841 deren Gouverneur wurde, 1848 erster Präsident des unabhängigen Liberias, 1872 der siebente; oder Raed Arafat, der aus einer in Syrien exilierten palästinensischen Familie stammt, 1981 nach Rumänien auswanderte, Arzt wurde, als Parteiloser Vizeminister für Gesundheit war (07-12), anschliessend daran für etwa eineinhalb Monate Gesundheitsminister; Manmohan Singh, aus einer Sikh-Familie im Panjab, damals Britisch-Indien, der nach der Unabhängigkeit und Teilung Indiens mit der Familie aus Pakistan nach Indien ging, in Pakistan höchstens ein paar Monate lebte; Raffi Hovanissian, als Exil-Armenier in der USA geboren, 1990 in die SU-Republik Armenien auswanderte, die ’91 mit dem Auseinanderfall der SU unabhängig wurde, dort war er 91/92 Aussenminister, dann Parteigründer,…

Und dann gibt es jene, die nur in der alten Heimat aktiv waren, wie: Wolfgang Wittstock, der Abgeordneter im rumänischen Parlament war (als Vertreter der deutschen Minderheit), dann in die BRD auswanderte (und sich dort nicht politisch betätigte); Félix Benzakein, ein jüdischer Ägypter der für die Wafd-Partei Abgeordneter im ägyptischen Parlament war, und trotz seiner (führenden!) Rolle in der zionistischen „Bewegung“ der Juden Ägyptens bis 1960 im Land blieb (die meisten Juden verliessen 1956 Ägypten) und dann nicht nach Israel ging, sondern in die USA; einige Griechen die im Osmanischen Reich oder in der Türkei politisch aktiv waren und dann nach Griechenland auswanderten, wie Pavlos Karolidis oder Nikolas Fakatsellis (8); Arthur Goldreich, südafrikanischer Jude, der bei der Schaffung Israels militärisch mithalf, zurück nach Südafrika ging, sich dort gegen die Apartheid engagierte (in der SACP), daher flüchten musste, (wieder) nach Israel ging.

Es gibt auch Jene, die ihr Land verliessen um zeitweise in einem anderen zu leben, dann wieder zurückkehrten, im Exilland aber nicht politisch aktiv waren (in dem Sinn, dass sie in der Politik dieses Landes mitwirkten): Rangin Spanta (Afghanistan; Türkei, BR Deutschland); Vaira Vike-Freiberga (Lettland; Canada); Benito Mussolini (Italien; Schweiz, Österreich-Ungarn)(9); Mátyás Rákosi (Rosenfeld; [Österreich-] Ungarn; Sowjetunion bzw Sowjetrussland)(10); Wladyslaw Racziewicz (Polen; Grossbritannien)(11); entthronte Monarchen wie Simeon Sakskoburggotski (Bulgarien; Spanien) oder Mihai Hohenzollern-Sigmaringen (Rumänien; Schweiz); Juan Peron, der 1955-73 im Exil war (die meiste Zeit im franquistischen Spanien), davor und danach Präsident Argentiniens; zur Zeit der Herrschaft des letzten Schahs (Mohammed Reza Pahlevi) im Iran war unter Anderen Ruhollah Khomeini im Exil (v.a. im Irak), nachdem Khomeini 1979 an die Macht kam, war dieser Schah bis zu seinem Tod etwa ein Jahr im Exil (u.a. in Ägypten), sein Sohn, Thronanwärter Reza Pahlevi, bis heute (meist in der USA), es gibt auch iranische Politiker wie Abdolhassan Bani Sadr die zur Zeit des Schahs und zur Zeit der Herrschaft der Mullahs im Exil waren/sind (Bani Sadr in Frankreich) – die Genannten waren/sind alle im Gastland in der einen oder anderen Hinsicht politisch aktiv, aber im iranischen Kontext, Reza Pahlevi etwa kümmert sich nicht um US-amerikanische Politik (ausser wenn sie Iran betrifft); nicht wenige gegen die Apartheid engagierte Südafrikaner aller Rassen waren im Exil, viele davon kehrten mit Ende der Apartheid zurück und konnten nun kandidieren und politische Ämter übernehmen, wie etwa Joseph Slovo (stammt aus Litauen, war meist in Afrika im Exil) oder Abdul Minty (meist in GB); nach dem Zerfall Jugoslawiens in dessen Nachfolgestaaten politisch aktive ehemalige Exilanten waren hauptsächlich Milan Panic (Jugoslawien; USA) und Gojko Susak (Kroatien; Kanada); Hussain al Sharistani (Irak; Iran, Grossbritannien)(12); die russischen Oligarchen Chodorkowski oder Abramovich waren in Russland in unterschiedlicher Hinsicht politisch aktiv, im Exil weniger; die chilenischen „Chicago Boys“ (wie Hernan Büchi oder José Pinera), die in der USA nur studierten, dann im Pinochet-Regime tätig waren (manche auch danach).

Politiker mit Migrationshintergrund sind auch etwas anderes. So wie Margarita Mathiopoulos (in der BR Deutschland als Tochter griechischer Einwanderer geboren, in SPD und FDP aktiv, ausserdem in der Politik benachbarten Bereichen, und mit CDU-Politiker Pflüger verheiratet) oder Cem Özdemir (Türkei, Deutschland). Migrationshintergrund hatten auch etwa die Roosevelts, die von einem Claes van Rosenvelt abstammen, der um 1640 aus der Niederlande in eine seiner Kolonien, nach Nieuw Nederland (seine Hauptstadt Nieuw Amsterdam), auswanderte. Oder solche, die neben der Staatsbürgerschaft des Landes in dem sie leben und arbeiten, eine zweite haben, wie David McAllister (Deutschland), Sven Alkalai (Bosnien-Herzegowina), Saad Hariri (Libanon), Ilan Laufer (Rumänien). Es gibt auch jene Politiker, die in ihrem Land die Unabhängigkeit oder den (Gebiets-) Transfer an einen anderen Staat erlebten, aber unter den neuen Verhältnissen nicht aktiv wurden, wie Jegor Ligatschow. Andere waren nur dort aktiv, wie Silvius Magnago (im italienischen Südtirol) oder Robert Schuman.

Schuman wurde in Luxemburg geboren als Sohn eines Lothringers und einer Luxemburgerin, wuchs dort sowie in Lothringen (damals Teil des Deutschen Reichs) auf, war deutscher Staatsbürger.(13) Nach der Annexion von Elsass und Lothringen durch Frankreich nach dem 1. WK bekam Schuman die französische Staatsangehörigkeit und wurde für die Union Républicaine Lorraine Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung. Nach dem 2. WK und der deutschen Wiederaneignung bzw Besetzung von Elsass und Lothringen wurde er wieder in der französischen Politik aktiv (für die MRP), wurde Minister und Premierminister (1947/48 und 1948: halbes Jahr, dann paar Tage). Hauptsächlich engagierte er sich, zur Zeit der Vierten Republik, der westeuropäischen Einigung und „transatlantischen“ Bindungen, gilt als einer der Begründer der heutigen EU, der NATO, des Europarates; 1958-60 war Schuman Präsident des Europäischen Parlaments.

Es gibt weiters entthronte, entmachtete Monarchen, die „ihr Reich verloren“ und im „neuen Staat“ dann keine Macht mehr ausübten. So wie der letzte letzte souveräne König der Zulu (1872 bis 1879) und ihr Führer im Krieg gegen die Briten 1879, Cetshwayo kaMpande, die letzte Königin von Hawai’i, Liliʻuokalani (1874 Königin, 1893 gestürzt, starb 1917) oder Stanislav II. August Poniatowski (letzter König Polens, starb im russischen Bereich, war de facto Gefangener in St. Petersburg). Die nächste (ausgeschlossene) Kategorie sind Jene, die im Rahmen einer Fremdherrschaft aktiv waren, sie gelten nicht als Teil des beherrschten Landes sondern des beherrschenden – ausser wenn dieses souverän blieb. Eroberer/Besetzer wie Dschingis Khan, Alexander, Napoleon, Hitler, Omar gehören hier dazu. Hans Frank war im nationalsozialistischen Deutschen Reich u.a. Minister ohne Geschäftsbereich und  1939-45 Generalgouverneur des nicht annektieren Restgebietes Polens. Er wirkte an der deutschen Besetzung Polens führend mit, zählt aber (natürlich) nicht als polnischer Herrscher.(14) War somit nur in einem (bzw für einen) Staat aktiv. Hanns M. Schleyer war in dieser Zeit im besetzten Rest-Tschechien aktiv, in einer „indirekten“ politischen Funktion, wie dann auch in der BRD.

George VI. (Haus Sachsen-Coburg-Gotha bzw Windsor) war der letzte britische König, der auch über (ganz) Irland herrschte; nachdem er diese Funktion verlor, behielt er genug andere, zB die des Kaisers von Indien (auch als solcher war er der letzte). Indien wie Irland waren damals britisch beherrscht und George (der stotternde König) nur im UK aktiv. So verhält es sich auch bei Charles J. Canning, als Generalgouverneur bzw (ab 1858) Vizekönig Indiens so etwas wie oberster Repräsentant des britischen Monarchen in der Kolonie. Oder bei Roland „Roy“ Welensky, 1956-63 Premier der Föderation der beiden Rhodesiens und Njassaland, er wirkte nach der Unabhängigkeit Nord-Rhodesiens von GB (als Zambia/Sambia) dort nicht mit. Chris(topher) Patten (CUP) war Abgeordneter und Minister, 92-97 letzter britischer Gouverneur über Hongkong, dann EU-Aussenkommissar, nun wieder im britischen Parlament (nun im Oberhaus) .  

Das Gebiet um Smyrna/Izmir war 1919-22 Teil Griechenlands, der damalige Zivilverwalter Aristeidis Stergiadis hat keineswegs in der Politik des Osmanischen Reichs oder der Türkei mit gewirkt. Baudouin/Boudewijn von Belgien war König von Belgien…und vom Congo (Kongo) – retrospektiv ist er einer der Herrscher über den Congo, aber dieser war damals eben Teil Belgiens. Haile Selassie herrschte als Kaiser Äthiopiens nach dem 2. WK über das später unabhängige Eritrea (seine Aufhebung der Autonomie führte zum eritreischen Unabhängigkeitskampf), hat auch nicht über 2 Länder geherrscht. Ähnlich verhält es sich mit Pietro Badoglio, italienischer Militär, in Libyen (Tripolitanien und Cyrenaica) Gouverneur/Kommissar (29-33), 35/36 Befehlshaber der Invasion in Äthiopien, dann zunächst dort Gouverneur/Kommissar. 1936 wurde der italienische König Vittorio Emanuele III. zum Kaiser Äthiopiens proklamiert, Badoglio wurde Vizekönig (und Gouverneur) von Italienisch-Ostafrika, für einige Monate, ehe er von Rodolfo Graziani abgelöst wurde.(15) Badoglio war dann in Italien 43/44 Premier sowie Minister.  

Vidkun Quisling spielte eine (politische) Rolle in demokratischen, unabhängigen Norwegen (Minister 31-33), war dann Kollaborations-Ministerpräsident unter der nazideutschen Besatzung 42-45 (dazwischen nahm er einen Parteiwechsel vor). Auch wenn Norwegen damals nicht souverän war (und Quisling eigentlich für die deutsche Besatzung tätig war), wird ihm (und Anderen in entsprechenden Fällen) hier nur die Tätigkeit für/in einem Staat „angerechnet“. Dann, wichtig, Jene die sich um Unabhängigkeit von Gebieten bemüh(t)en, aber damit nicht wirklich zu Anerkennung kamen. Die Grenze zwischen echter Souveränität und Pseudo-Unabhängigkeit ist natürlich auch nicht immer leicht zu ziehen. Die serbischen „Republiken“ in Kroatien und Bosnien (1991 bzw 1992 bis 1995) waren gewiss Pseudostaaten; Radovan Karadzic, „Präsident“ der Zweiteren, war nur in Bosnien-Herzegowina aktiv, hauptsächlich nach dessen Unabhängigkeit von Jugoslawien, aber eben gegen diesen Staat.(16) Oder der „Unabhängige Staat Kroatien“ (Nezavisna Država Hrvatska, NDH) im 2. WK. Oder die Repubblica Sociale Italiana, ein anderer Marionettenstaat Nazideutschlands; Giorgio Almirante war etwa in ihr und im Nachkriegs-Italien (Repubblica Italiana) aktiv.

Auch Mandschukuo (mit Pu Yi, dem letzten Kaiser von China als Staatsoberhaupt) oder die Mahabad-Republik waren Pseudo-Staaten. In Afrika gilt das gewiss für die (vier nominell unabhängigen) Homelands in Apartheid-Südafrika, wie die Transkei – ihr letztes „Staatsoberhaupt“, Bantubonke Holomisa, war dann im Post-Apartheid-Südafrika recht wichtig. Bei Katanga (Congo, 60-63) und Biafra (Nigeria, 67-70) ist die Sache etwas weniger klar. Beide hatten wenig internationale Anerkennung als unabhängige Staaten, waren von westlichen Gönnern abhängig und konnten sich nicht lange halten. Der „État du Katanga“ war noch weniger als die „Republic of Biafra“ tatsächlich unabhängig; sein „Präsident“ Moise Tshombe war danach Ministerpräsident der Zentralregierung der DR Congo, wäre also von daher ein Kandidat für die untere Zusammenstellung von in mehreren Staaten aktiven Politikern/Herrschern (das eigentliche Thema des Artikels) gewesen.

Grönland oder Schottland könnten in absehbarer Zeit unabhängig werden, bei Tibet ist das weniger wahrscheinlich. Sein Dalai Lama lebt ja im indischen Exil, war Mitglied des Parlaments der VR China gewesen. Da Tibet nicht souverän ist und in der indischen Politik nicht aktiv wurde, bleibt es bei der Tätigkeit für diesen einen Staat. Er ist aber schon nahe an einem Grenzfall, unten folgen noch mehrere solche. Ebenfalls nicht als souveräne Staaten behandelt werden hier Staatenbünde wie die Vereinigte Arabische Republik (Ägypten + Syrien, 1958-61) oder die West Indies Federation (1958-62). Leute die „international“ politisch aktiv/waren sind, werden hier auch nicht berücksichtigt, wenn sie das davor/danach in einer nationalen Politik waren/sind – so wie Perez de Cuellar, Köhler, Waldheim, Blix, El Baradei. Wer kommt noch nicht in Frage? Der Brite Cecil Rhodes war in diversen britischen Kolonien im südlichen Afrika tätig, wirtschaftlich und politisch, auch etwas militärisch – konkret aber nur in der Kapkolonie.

Nun aber zur Sache, zu einer Auswahl von Menschen, die in mehreren Staaten politisch aktiv waren. Ähnliche Fälle werden zT gemeinsam angeführt bzw behandelt. Häufigster Typ eines solchen Nationswechsels ist eine Änderung der Zugehörigkeit der Zugehörigkeit eines Gebietes, im Rahmen von Okkupationen/Annexionen oder der Erlangung der Unabhängigkeit eines Gebietes, durch Entkolonialisierung oder Auflösungen von multiethnischen Staaten. Dieses Letztere gab es gehäuft in Folge des 1. WK, hauptsächlich durch den Untergang der Vielvölker-Monarchien Österreich-Ungarn, Osmanisches und Russisches Reich; und am Ende des Kalten Kriegs. Es gab Transformationen von Staaten, wie vom Deutschen Reich zu BRD und DDR.

Es gab politisch aktive Menschen, die emigrierten (und in der alten wie in der heuen Heimat tätig waren). Und, in früheren Zeiten gab es häufig die Herrschaft über zwei (oder mehrere) Reiche durch einen Monarchen in Personalunion – eine Konstellation in der Einer gleichzeitig über mehrere Staaten herrscht. Oder die Übernahme der Herrschaft eines Gebiets durch einen Herrscher durch Heirat, durch Eroberung, durch „Tauschgeschäfte“,… Selten ist das „freiwillige“ Mitarbeiten in mehreren Ländern wie bei Radek oder Valls. Am Ende dann die Grenzfälle, etwa Jene, die regional/lokal wirkten vor/nach dem Transfer eines Gebiets von einem Staat zu einem anderem.   

Josef Trischler: 1903-1975, Donauschwabe, aus der Batschka, aus derem südlichen Teil, der nach dem 1. Weltkrieg von Österreich-Ungarn zum SHS-Reich (ab 1929 „Jugoslawien“) kam. In den 1920ern studierte er in München (Deutsches Reich) Agrarökonomie. 1939 bis 1941 war er, als Vertreter der deutschen Minderheit, Abgeordneter im jugoslawischen Parlament. Nach der Besetzung Jugoslawiens durch die Achsen-Mächte 1941 wurden Süd-Baranya und Süd-Batschka Ungarn „zugeteilt“. Trischler und zwei weitere Donauschwaben aus dem Raum Ostslawonien-Vojvodina im YU-Parlament (Hamm und Spreitzer) wurden 1942 infolge dessen in das ungarische Parlament berufen. Trischler war ausserdem führend aktiv im Volksbund der Deutschen in Ungarn. Inwiefern Trischler dem Nationalsozialismus nahestand oder nur Opportunist war, ist umstritten, siehe den Wikipedia-Artikel über ihn(17). 1945 war er unter den vielen „Reichs-“ und „Volksdeutschen“, die aus Osteuropa in das deutsche „Kerngebiet“ (oder was sie dafür hielten) zogen.

Trischler ging nach Bayern (wie eine relative Mehrheit der Vertriebenen insgesamt), wo er ja studiert hatte. War dort aktiv in Vertriebenen-Verbänden, im BdV und diversen Teil- und Vorgängerorganisationen. Theodor Heuss, einer der Gründer der FDP, war sein Hochschullehrer gewesen, Trischler schloss sich dieser Partei an. 1949-53 war er für sie Mitglied im Ersten Bundestag. Dieser wählte ja Heuss zum ersten Bundespräsidenten der BRD. In seiner Zeit als Abgeordneter dort setzte er sich hauptsächlich für Belange von deutschen Vertriebenen ein, deren Gebiete nicht zum Deutschen Reich gehört hatten (Auslandsdeutsche in der Zwischenkriegszeit, „Volksdeutsche“ genannt). In den anderen beiden Parlamenten waren Belange der dortigen deutschen Minderheit sein Hauptaugenmerk gewesen. Trischler, der das Bundesverdienstkreuz erhielt, trat später in die CDU ein. Er hat also drei Parlamenten (Kgr. Jugoslawien, Kgr. Ungarn, BRD) angehört.

Vom Dänen Mads Ole Balling kam 1991 „Von Reval bis Bukarest: statistisch-biographisches Handbuch der Parlamentarier der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1945“ heraus (2 Bände), ein Kompendium über die auslandsdeutschen Abgeordneten der Zwischenkriegszeit, in Band 2 kommt Trischler vor. Balling hat anscheinend einen Antrag beim Guinness-„Buch der Rekorde“ gestellt, Trischler dort dafür aufzunehmen, den Parlamenten dreier Staaten angehört zu haben. Es kommen hier noch Einige mit starken Bezügen/Ähnlichkeiten zu ihm > 2. WK, NS, Ost-Europa,… Trischler ist einer von ganz Wenigen dieser („Vertriebenen“), die einem Parlament der beiden Nachfolgestaaten des Deutschen Reiches (BRD, DDR) angehört haben. Wiegesagt, Vertriebene sind nur relevant, wenn sie in zwei anerkannten Staaten aktiv waren. Trischler steht wahrscheinlich für einen Opportunismus ggü dem NS, aber auch dafür, wie Angehörige deutscher Minderheiten in Osteuropa rund um den 2. WK zwischen die Mühlen von Regimen, Ideologien, Armeen,… gerieten.

Isaak/ Yitzak Grünbaum: Bei ihm liegt ein Wechsel des Wohnortes vor, der von der Polnischen Republik in’s britisch beherrschte Palästina, einer vom jüdischen Minderheitenvertreter in Polen zum Zionisten in Palästina (und schlussendlich israelischen Politiker). Geboren und aufgewachsen ist Grünbaum noch im Polen das zum Russischen Reich gehörte. In der „II. Polnischen Republik“ (1918-1939) wurde er erstmals 1919 in den Sejm (das polnische Parlament) gewählt, für eine zionistische Fraktion namens Al Hamishmar. Dort organisierte er einen Block jüdischer Abgeordneter bzw Parteien – dem dann lange nicht alle jüdischen Abgeordneten angehörten, u.a. die Kommunisten (KPP) nicht. Dann war er entscheidend daran beteiligt, den Blok Mniejszości Narodowych (BMN) zu organisieren (1922), den Block nationaler Minderheiten, dem sich die Parteien der grossen ethnischen Minderheiten im Polen der Zwischenkriegszeit, der Deutschen, Juden, Ukrainer und Weissrussen, anschlossen. Der BMN war ein Wahl- und ein Fraktionsbündnis, und Grünbaum (einer der jüdischen Vertreter in ihm) war einer seiner Führer. Bei seinem ersten Antreten, der Parlamentswahl 1922, wurde der BMN zweitstärkste Partei!(18)

Grünbaum war ausserdem führendes Mitglied des Europäischen Nationalitätenkongresses (ENK; auch Kongress der organisierten nationalen Gruppen in den Staaten Europas), der 1925 von von Vertretern nationaler Minderheiten in Europa gegründet wurde und bis 1938 bestand.(19) Wenn es diesem Kongress gelungen wäre, einen Ausgleich zwischen den Interessensgegensätzen der in ihm vertretenen Gruppen zu erreichen, wäre der Welt der 2. WK erspart geblieben… Führend neben Grünbaum waren im ENK auch die hier behandelten Josip Vilfan und Rudolf Brandsch, ausserdem die Deutschbalten Schiemann (Lettland) und Ammende (Estland), von Szüllö (ein Ungar in der Tschechoslowakei), von Sierakowski vom Bund der Polen in Deutschland. Grösste Gruppen waren Deutsche, Juden, Katalanen, Ukrainer, Ungarn, Russen, Polen, Tschechen (jeweils aus verschiedenen Staaten, in denen sie Minderheiten waren). Auch hier in diesem Artikel finden sich nicht wenige Politiker mit Bezug zu Polen, in verschiedensten Settings, Deutsche, Juden, Russen, Ukrainer…was die doch scharfen Brüche wiederspiegelt, denen Polen Ende des 18. Jh (Teilungen) sowie um den 1. WK und 2. WK herum unterworfen war.

Grünbaum wanderte mit seiner Familie 1932/33 nach Palästina aus, als seine Hamishmar (und anderen zionistische Parteien) an Unterstützung unter den Juden Polens verloren. In Palästina war er klarerweise zionistisch aktiv, u.a. für die Jewish Agency, die illegale jüdische Einwanderung organisierte. Er blieb anscheinend die meiste Zeit parteilos, stand der Mapam nahe. Grünbaum war einer jener zionistischen Funktionäre, die von den Briten rund um den 2. WK (als die Konflikte zwischen Zionisten, Briten und Palästinensern schon ziemlich eskaliert waren) im Gefangenen-Lager Latrun interniert wurden.(20) Grünbaum war einer der Unterzeichner der israelischen Unabhängigkeitserklärung 1948 (zur Zeit der Nakba), wurde israelischer Innenminister (48/49). Viele israelische Politiker sind anderswo geboren/aufgewachsen (siehe oben, ausserdem Bennett,…), aber ganz wenige davon waren in der Politik dieser Länder aktiv(21). Ein anderer solcher war Adolf Berman, ebenfalls aus Polen, ein Linkszionist, überlebte Besatzung/Holokaust in Polen, war Mitglied im polnischen „Quasi-Parlament“ das 44-47 existierte, anscheinend für Poalei Zion, wanderte 1950 nach Israel aus, war für Mapam und Maki in der Knesset.(22)

Zionistische Führer, verhaftet von den Briten in „Operation Agatha“, interniert in Latrun, Grünbaum 3. v. l.

Hussein bin Ali al Haschemi war der letzte Sharif von Mekka unter osmanischer Hoheit. Zwei seiner Söhne waren führende Teilnehmer des arabischen Aufstands gegen die Osmanen im 1. WK. Hussein al Haschemi wurde 1916 König des Hejaz, bis 1924, als sich (auch) dort die Sauds durchsetzten. Die 1932 Saudi-Arabien gründeten. 1924-26 beanspruchte Hussein den Kalifen-Titel. Sein Sohn Feisal al Haschemi war Abgeordneter im osmanischen Parlament (als Delegierter Jeddahs), welches auf Reforminitiative der nationalistischen Jungtürken etabliert worden war, dann militärisch führend bei der Schaffung des haschemitischen Königreichs Hejaz. 1918-20 war er zusammen mit Briten und Syrern (Atassi,…) Herrscher über Syrien, wurde ’20 kurz König Syriens, als solcher von den Franzosen abgesetzt, dann ’21 König des Irak (mit Erbfolge), der damals unter britischer Hoheit stand. Er herrschte etwa ein Jahr über die Unabhängigkeit des Iraks 1932 hinaus. Sein jüngerer Bruder Abdullah al Haschemi war zu Beginn des 1. WK sogar osmanischer Parlamentspräsident, hätte dann irakischer König werden sollen, wurde 1920 als solcher ausgerufen, wollte aber nicht, wurde „dafür“ ’21 Emir von Transjordanien, nach der Unabhängigkeit von GB 1946 dort König.(23) Bei der Haschemiten-Familie liegt also eine Kombination aus Gebietstransfers, militärischen Eroberungen, Aufstand, Einsetzungen vor.

Simon Bolivar (1783 – 1830) wuchs im Generalkapitanat Venezuela auf, einem Teil des spanischen Vizekönigreichs Nueva Granada. Er war einer der Anführer des Aufstandes der Siedler in Nueva Granada (Neu-Granada) für die Unabhängigkeit von Spanien, zu Beginn des 19. Jh, als dieses vom napoleonischen Frankreich besetzt war. Der ja erfolgreich war. Neu-Granada wurde unabhängig, endgültig 1821, als Gross-Kolumbien (Gran Colombia), ein Staat der sich 1830/31 auflöste, durch die Abspaltung von Ecuador und Venezuela; aus dem Rest wurde Kolumbien (Colombia), ein Staat der bis 1903 auch das spätere Panama beinhaltete. Bolivar wurde Präsident von Gross-Kolumbien (1819 to 1830) und griff als solcher in die Unabhängigkeitskämpfe der anderen spanischen Vizekönigreiche, Peru und Rio de la Plata, ein (die 1821 bzw 1825 entschieden waren). Bolívar war gleichzeitig Präsident von Gross-Kolumbien, Peru und Bolivien! Bolivien (Bolivia), das nach ihm benannt wurde, war Teil von Rio de la Plata gewesen, die Republik Peru Teil des gleichnamigen Vizekönigreichs. Er starb 1830 in Grosskolumbien, zu der Zeit als sich dieses auflöste. Er wird hauptsächlich mit den heutigen Staaten Venezuela und Kolumbien assoziiert, aber auch mit Bolivien und Peru, in geringerem Maß mit Ecuador und Panama. Als wichtiger Akteur in der Geschichte bzw Entstehung dieser Staaten gesehen, als militärischer und politischer Führer. Eigentlich ist seine Vision von Süd-/Lateinamerika nicht wahr geworden, das wäre eine vereinte und starke Region gewesen, die der USA und Spanien Paroli bieten könnte. Für ein paar Jahre hat er in den 1820ern zwar in Personalunion quasi ein Reich hergestellt (bzw vereint), das den Norden Südamerikas und seinen Westen von der Karibik-Küste bis zur Atacama-Wüste umfasste. Doch er hat den Zerfall dieses zT noch mit-erlebt.

Auch der Kroate Stjepan „Stipe“ Mesić war Oberhaupt mehrerer Staaten, auch bei ihm ergab sich das aus der Erringung der Unabhängigkeit, aber nicht von einer Kolonialmacht, und er widmete sich „nur“ einem Nachfolgestaat des zerfallenen. Mesic, der noch zu Zeiten des Königreichs Jugoslawien geboren wurde, war Mitglied in der kommunistischen Partei SKJ und des Parlaments der Teilrepublik Kroatien. Danach wandte er sich von dem System ab und war dafür auch im Gefängnis. Er war 1989/90 einer der Führer der nationalkonservativen HDZ, wichtigste Partei Kroatiens zur Zeit der Demokratisierung der Teilrepublik. Nach den freien Wahlen im April/Mai 1990 wurde Mesic Ministerpräsident (unter Republikspräsident Franjo Tudjman), blieb dies bis zum August dieses Jahres. Mesic, der damals für die Umwandlung Jugoslawiens in einen Staatenbund bzw eine Konföderation unabhängiger Republiken (wie es etwa die GUS ist) war, löste dann nach einem Votum des kroatischen Parlaments den bisherigen kroatischen Vertreter im Staatspräsidium von YU, Suvar, ab. War dort 1990/91 Vize-Vorsitzender unter dem Slowenen Janez Drnovšek (der uns noch begegnen wird hier). Am 15. Mai 1991 sollte das Staatspräsidium(24) Mesic als Nachfolger Drnovseks zu seinem Vorsitzenden (und damit Staatsoberhaupt der SFR Jugoslawien) wählen, eigentlich eine Formalität.

Doch der serbische Block in dem Gremium (die Vertreter Serbiens, Vojvodinas, Kosovas, Montenegros) blockierte dies, vor dem Hintergrund, dass die Teilrepubliken Slowenien und Kroatien damals ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien erklären wollten. Am 25. Juni geschah das und der Krieg in Slowenien der darauf folgte, war so etwas wie ein letztes Aufbäumen Jugoslawiens gegen seinen Zerfall. Dass Mesic dann am 30. 6. ’91 gewählt wurde, also mitten im Krieg in Slowenien, zeigt auch, dass man auch in Serbien nicht mehr um den Erhalt Jugoslawiens kämpfte.(25) Mesic wurde Vorsitzender des Staatspräsidiums, damit Staatsoberhaupt Jugoslawiens, als Kroatien (mit seiner Unterstützung) gerade die Unabhängigkeit davon erklärt hatte… Mesic und Drnovsek kamen auch bald nicht mehr zu Sitzungen des Präsidiums, dann auch die Vertreter Bosniens und Makedoniens, Bogicevic und Tupurkovski, nicht mehr. In Kroatien gingen im Sommer/Herbst 91 Spannungen zwischen (der von Rest-Jugoslawien unterstützten) serbischen Minderheit und der unabhängig werdenden Republik und Scharmützel in einen Krieg über. Mesic trat am 6. Dezember als Vorsitzender des Staatspräsidiums zurück, etwas vor Ministerpräsident Ante Markovic.(26) 1992 wurde das, was von Jugoslawien noch übrig war (Serbien mit Kosovo und Montenegro), umgewandelt in die Bundesrepublik Jugoslawien.

Dieser (von Slobodan Milošević beherrschte) Staat mischte aber in den Kriegen in Kroatien und Bosnien mit, natürlich auf Seiten der dortigen serbischen Volksgruppen. In beiden Staaten kämpften Serben für die Abspaltung einiger Gebiete, verbunden mit ethnischen „Säuberungen“. De facto gab es ab Juni/Juli 91 kein geeintes Jugoslawien mehr, de jure gab es eines bis April 92. Als im Herbst 1991 Dubrovnik belagert und beschossen wurde, war Mesic formal noch immer Oberhaupt dieses Staates. Mesic organisierte damals einen Schiffs-Konvoi dalmatinischer Bootsbesitzer von Split aus nach Dubrovnik. Nördlich von Dubrovnik wurde der Konvoi von der Marine Rest-Jugoslawiens aufgehalten. Mesic trat von seinem Schiff aus mit den Marine-Offizieren in Funkkontakt, verlangte die Durchfahrt, und verwies darauf dass er eigentlich noch immer Staatsoberhaupt Jugoslawiens und damit ihr Oberbefehlshaber sei – wobei weder er noch die Gegenseite von der Existenz dieses Staates ausgingen. Mesic sagte in dieser Zeit, dass er über die jugoslawischen Streitkräfte (JNA) eben so viel Kontrolle hatte wie über finnischen, nämlich gar keine. Schliesslich, nach einem Funk-Gespräch mit dem jugoslawischen Vize-Verteidigungsminister Brovet (einem Slowenen) durfte die Flotille durch, nachdem diese auf Waffen durchsucht wurden war.(27)

Mesic war dann Parlamentspräsident Kroatiens, trat 1994 aus der HDZ aus, gründete eigene Parteien. Meinungsverschiedenheiten mit Präsident Tudjman(28) ergaben sich daraus, dass Mesic mehr Respekt vor der territorialen Integrität von Bosnien-Herzegowina und vor der Demokratie in Kroatien hatte. 2000 wurde er, nach dem Tod Tudjmans, Präsident Kroatiens, blieb das bis 2010. Somit war „Stipe“ Mesic Oberhaupt von zwei Staaten, etwas das es selten gibt. Als Staatsoberhaupt Jugoslawiens war er ausserdem turnusmäßig Sekretär der Blockfreien-Bewegung. Durch das Ende des zweiten (sozialistischen/kommunistischen) Jugoslawiens 1991/92 gab es natürlich auch weitere Politiker, die in ihm sowie den Nachfolgestaaten wirkten. Übergänge dieser Art gab es aber auch um den 1. WK (als das erste, königliche Jugoslawien entstand) und den 2. WK. Exemplarisch seien Einige daraus genannt. Nikola Pasic war Premier vom Königreich Serbien und vom SHS-Reich (wie das erste Jugoslawien anfangs hiess). Ante Pavelić war in der Politik von Österreich-Ungarn und des SHS-Reichs/Jugoslawiens (sowie im Pseudostaat NDH), er hat einen eigenen Abschnitt. Selbes gilt für Anton Korosec. Der Slowene Josip Vilfan war in Italien und Jugoslawien aktiv, zu ihm folgt auch noch Näheres.

Ob das erste und das zweite Jugoslawien als der selbe Staat zu sehen sind/ist, ist eine knifflige Frage. Josip Broz „Tito“ war in beiden aktiv, im ersten war er nicht im Parlament, aber seine Partei, die Komunistička partija Jugoslavije, war auch meist verboten. Aus ihr ging die Savez komunista Jugoslavije, die Staatspartei des zweiten YU, hervor. Ähnlich wie bei Trischler war es bei Kraft und Heinrich, sie werden auch gesondert behandelt. Das dritte (Rest-) Jugoslawien war gewiss ein anderer Staat als das zweite (die SFR). Milosevic ist einer Jener, die in beiden Staaten tätig waren. Der Montenegriner Bulatovic war sogar im sozialistischen Jugoslawien, der Bundesrepublik Jugoslawien, der Staatenunion Serbien-Montenegro, dem unabhängigen Montenegro sowie in der Republik Serbien aktiv. Milan Panic ist oben schon „ausgeschlossen“ worden. Von Jenen, die noch folgen, haben haben/hatten auch Mlinar und Globocnik einen gewissen Bezug zum ehemaligen Jugoslawien. 

Wenzel Jaksch aus der Böhmerwald-Region (Teil vom „Sudetenland“) war in Österreich-Ungarn für die SDAP aktiv, in der Tschechoslowakei für die DSAP, in der BRD für die SPD. Wie Trischler ein „Diaspora-Deutscher“, der vor und nach Evakuierung/Vertreibung aktiv war, also auch in Deutschland. Jaksch war ausserdem bereits vor dem Auseinanderfall Österreich-Ungarns in der Politik (dafür aber „nur“ in einem „Diaspora“-Staat).

Auch der Trentiner Alcide De Gasperi wuchs in Österreich-Ungarn auf und begann dort sein politisches Engagement (für die Partito Popolare Trentino), als Abgeordneter im österreichischen Reichsrat, wo er ein Führer der Abgeordneten aus italienischen Gebieten in der Doppelmonarchie war, sowie im Tiroler Landtag. De Gasperi war für eine Autonomie des Trentinos innerhalb Österreich-Ungarns. Nach dem 1. WK und den Grenzänderungen war er im Königreich Italien aktiv, in der PPI (führend), nach dem 2. WK (in der Republik Italien) in deren Nachfolgepartei DC (Premierminister 1945-53). Ein Trentiner, der ebenfalls in Österreich-Ungarn sowie in Italien (Königreich und Republik) aktiv war, war Enrico Conci: ebenfalls Partito Popolare Trentino/ Trentiner Volkspartei, 1896-1918 im Tiroler Landtag, 1897-1918 im österreichischen Reichsrat, während des Kriegs in Katzenau interniert, 1918-23 Kommissar der Venezia Tridentina (südliches Tirol einschliesslich Trentin), 20-46 im Senat des italienischen Parlaments (für die PPI), 48-53 Senator in der Republik Italien (DC).

Die Auflösung der Sowjetunion 1991 in 15 Staaten brachte natürlich auch etliche Politiker hervor, die in 2 Staaten aktiv waren. Wobei die personelle Kontinuität in den zentralasiatischen Republiken besonders stark war (mit Adaption der ideologischen Ausrichtung), in den baltischen Staaten praktisch nicht existent, in den ostslawischen und kaukasischen Staaten zT auch stark. In der Russischen SFSR wurde 1990 Boris Jelzin (nicht mehr Mitglied der KPSS/KPSU) zum Präsidenten des Obersten Sowjets (also eigentlich Parlamentspräsidenten) dieser Teilrepublik gewählt – was in der SU gleichbedeutend mit der Position des Präsidenten (der Teilrepublik) war.(29) Nach dem Putschversuch von Alt-Kommunisten im August ’91 kippte die Macht zu den Teilrepubliken(30), zumal Jelzin, nunmehr Präsident der russischen, der starke Mann geworden war. Ende des Jahres lösten SU-Präsident Gorbatschow und der Oberste Sowjet die SU auf. Jelzin wurde im Dezember 91 Präsident eines unabhängigen Staates, der sich Russische Föderation nannte, blieb es bis zum Ende des Jahrzehnts. Sein Werdegang ist eigentlich recht exemplarisch. Michail S. Gorbatschow, letzter Staats- und Parteichef der Sowjetunion (bzw USSR bzw SSSR), trat bei der russischen Präsidentenwahl 1996 als Unabhängiger an, ist somit auch Einer, der in der SU sowie in Russland aktiv waren.(31)

Boris Jelzin im August 1991 auf den Barrikaden in Moskau, beim (erfolgreichen) Versuch, den Putsch niederzuschlagen; die SU löste sich auf, Jelzin blieb Präsident Russlands, das dann kein Gliedstaat der SU mehr war

In der Ukrainischen SSR wurde Leonid Kravchuk, noch als KPSU-Mitglied 1990 Parlamentspräsident, 91 als Unabhängiger Präsident der Teilrepublik, mit der Auflösung der SU Präsident der unabhängigen Ukraine. Er also auch ein Kommunist gewesen und bereits in der SU aktiv. In Georgien wurde 1990 der Dissident Gamsachurdia Parlamentspräsident, es fand eine Machtverschiebung vom KPSU-Chef der Republik zu diesem hin statt, und 91 wurde die Position des Präsidenten geschaffen, die Gamsachurdia einnahm, am Ende des Jahres war er Präsident eines unabhängigen Staates. 1995 wurde der Reform- bzw Ex-Kommunist Eduard Schewardnadse, zuvor Parteichef in Georgien und Aussenminister der SU, Präsident Georgiens. Schewardnadse ist also im Gegensatz zu Gamsachurdia oder zum Präsident Litauens zur Zeit der Unabhängigkeit, Landsbergis, relevant für hier. Wie gesagt, im Baltikum gab es kaum Leute, die zu SU-Zeiten und danach mächtig bzw politisch aktiv waren. Als Aussenminister hatte Schewardnadse sogar eine führende Rolle in der SU inne gehabt. Auch in Weissrussland wurde der Präsident zur Zeit der Erlangung der Unabhängigkeit (Shushkevich) zunächst (1990, durch die Demokratisierung der SU) Parlamentspräsident (bzw Vorsitzender des Obersten Sowjets der Republik), dort wurde der Titel „Präsident“ aber spät eingeführt, mit Lukaschenkas Machtübernahme 1993/94. Shushkevich war in der SU Dissident gewesen, Lukaschenka ein hochrangiger Kommunist.

Personelle Kontinuität an der Spitze gab es auch in Kasachstan, wo Nursultan Nasarbajew 1989 KP-Chef der Republik wurde, zuvor war er in dieser Teilrepublik Ministerpräsident gewesen. Nach der Wahl 90 wurde er Vorsitzender des Obersten Sowjets Kasachstans, womit er seine Machtposition festigte, ehe die Position eines Präsidenten geschaffen wurde. Er blieb bis 2019 Präsident Kasachstans, führte das Land also 30 Jahre(32), wenn man die Jahre als Ministerpräsident dazu zählt und jene, in denen er über seinen Abtritt hinaus Macht ausübt, noch ein paar Jahre mehr. In Armenien gibt es wenig personelle Kontinuität aus SU-Zeiten; (der in Syrien geborene) Lewon Ter-Petrosian von der HHSch wurde 1990 Parlamentspräsident (Vorsitzender des Obersten Sowjets), 1991 Präsident der Teilrepublik, dann der eines unabhängigen Staats. Ter-Petrosian hat aber eben noch in der Endphase der SU politisch aktiv bzw mächtig werden, ist somit hier auch relevant. In Usbekistan war es, mit Islam Karimow, ganz ähnlich wie in Kasachstan mit Nasarbajew. Er konnte sich ähnlich lange halten (1989-2016)  und wechselte eher die Partei (bzw gründete eine neue), als die Macht abzugeben. Der letzte Führer  des sowjetischen Aserbeidschans und erste Führer des unabhängigen, Ayaz Mutallibov, gründete nach der Auflösung der Republiks-KP auch eine neue Partei.

In Turkmenistan und Tadschikistan konnten sich die Führer der Republiken, Nijasov und Makhamov, von Mitte der 80er über die Unabhängigkeit halten, Nijasov sogar bis 06. Wie gesagt, in Zentralasien konnte sich die politische Elite über das Ende des kommunistischen Systems hinaus weitgehend halten. Kirgisistans Präsident 1990-2005, Akajev, ist einer jener Nicht-Kommunisten, die in der Endphase der SU aktiv werden konnten. In Moldova/Moldawien waren nicht zuletzt die ersten beiden Präsidenten der unabhängigen Ära (Snegur und Lucinschi) ehemalige Politiker/Funktionäre der KP in der Republik und zu SU-Zeiten aktiv gewesen.

Pedro do Bragança war 9 Jahre alt, als die portugiesische Königsfamilie sowie Hofbedienstete 1807 in „ihre“ Kolonie Brasilien flüchteten, aufgrund der Invasion Portugals durch Truppen des napoleonischen Frankreichs. Er war Enkel von Maria I., Königin von Portugal und Brasilien, die damals aufgrund ihrer „Geisteskrankheit“ bereits unter Regentschaft von ihrem Sohn João VI., dem Vater von Pedro, stand. Mit der Ankunft des Königshofs in Rio de Janeiro übernahm Prinzregent João (Johann) die Herrschaft über Brasilien, womit das Amt des dortigen Vizekönigs abgeschafft wurde. 1815 wurde Brasilien durch einen Beschluss des Wiener Kongresses (Ende der Napoleonischen Kriege) zu einem eigenen Königreich gemacht, mit Portugal durch Personalunion verbunden (Vereinigtes Königreich von Portugal, Brasilien und den Algarven). Die Grossmutter von Pedro/ Peter, Königin Maria, erhielt so auch die Würde einer „Königin von Brasilien“. Auch hier war ihr Sohn João natürlich Prinzregent.

1816 starb Maria, und João wurde König von Brasilien und Portugals (inklusive dessen anderen Kolonien); Pedro wurde Thronfolger/Kronprinz. João kehrte erst 1821 nach Portugal zurück, als es dort liberale Unruhe(n) gab. 1822 wollte das portugiesische Parlament Brasilien wieder enger an das Mutterland binden, in dieser Situation rief Kronprinz Pedro die Unabhängigkeit Brasiliens (wo er geblieben war) aus, mit sich als Kaiser. Es war dies ein Zug gegen das (von Liberalen dominierte) Parlament und wahrscheinlich mit seinem Vater (dem portugiesischen König) abgesprochen. 1826 starb dieser, Pedro wurde auch portugiesischer König, als Pedro IV., blieb brasilianischer Kaiser (Pedro I.). Bragança musste sich aber zwischen Brasilien und Portugal entscheiden, und so dankte er im Mai 1826 nach nur zwei Monaten Regierung in Portugal ab; er setzte dort seine Tochter Maria (II.) als Königin ein, unter Regentschaft seines Bruders Miguel.

Als es in Portugal wieder Unruhe gab, dankte Pedro 1831 in Brasilien ab und ging wieder nach Portugal; in Brasilien setzte er seinen Sohn Pedro II. als Nachfolger ein. In Portugal tobte 1832 bis 1834 der Miguelistenkrieg (a guerra dos dois irmãos), ein Bürgerkrieg zwischen Liberalen/ Konstitutionalisten und Absolutisten; Erstere sammelten sich hinter König Miguel (der Maria 1828 gestürzt hatte), Zweitere wollten Maria zur Macht verhelfen – Pedro stellte sich auf ihre Seite. Die Liberalen gewannen, Maria wurde für volljährig erklärt und wurde wieder Königin, nun ohne Vormund. Pedro starb noch 1834. In Brasilien herrschte damals sein Sohn, in Portugal seine Tochter. In diesen beiden Ländern hat er eben auch geherrscht(33), gewissermaßen hat er die Bande zwischen den Ländern zerschnitten, Brasilien unabhängig gemacht. Im Fall von Pedro IV./I. finden sich Entkolonialisierung, Personalunion, das Weitergeben von Ländern unter Monarchen.

Anton Korosec war einer jener Slowenen, die die slowenischen Gebiete aus Österreich-Ungarn in das SHS-Reich führten, eigentlich von einem multinationalen Reich in ein anderes. Der katholische Priester wurde Ende des 19. Jh in der slowenischen Nationalbewegung aktiv. Er war einer der Führer der Katoliška narodna stranka (KNS, Katholische Nationalpartei, *1892), aus der 1905 die Slovenska ljudska stranka (SLS; Slowenische Volkspartei) wurde. 1907 wurde er Abgeordneter im österreichischen Reichsrat, so wie das etwa auch Alcide de Gasperi, Eduard Reut-Nicolussi (beide nach dem 1. WK in Italien aktiv), Oleksandr Barwinskyj (> Ukraine/Polen), Theophil Simionovici (> Rumänien), Karl Renner (> Republik Österreich), Ignacy Daszynski (> Polen), Thomas G. Masaryk (> Tschechoslowakei) waren, in der Endphase von Österreich-Ungarn.

Korosec war dort Führer des Jugoslawischen Klubs, einem Zusammenschluss von Abgeordneten aus slowenischen, kroatischen, bosnischen Gebieten. Korosec war im SHS-Reich mit seiner SLS so etwas wie Wahrer slowenischer Interessen, war 1928/29 Ministerpräsident, als erster Nicht-Serbe, der letzte vor der Königsdiktatur und der Umbenennung des Königreichs in „Jugoslawien“. Wie schon 1917/18 änderte Korosec in dieser Situation seine Haltung bezüglich einem Südslawen-Staat und der slowenischen Zugehörigkeit zu ihm. Er blieb aber bis zu seinem Tod 1940 im Königreich Jugoslawien politisch aktiv und wichtig, auch als Minister unter Premier Stojadinovic. In dieser Zeit hat er anscheinend eine Anlehnung Jugoslawiens an Nazi-Deutschland befürwortet. An Slowenen werden uns noch Vilfan und Drnovsek begegnen.

Ahmet Agaoglu (Agayev) stammte aus dem nördlichen Aserbeidschan, das im frühen 19. Jh von iranischer Herrschaft zu russischer überging. Der schiitische Moslem (wie die allermeisten Aseri) studierte in Frankreich über „orientalische“ Sprachen und Kultur, auch bei Ernest Renan. War publizistisch aktiv. Das Schwanken der Aserbeidschaner/Aseris zwischen iranischer und türkischer Identität spielte sich auch in ihm ab… Er stellte zunächst Persisches über Türkisches, kam dann aber doch zum pan-türkischen Nationalismus(34); Ausdruck davon ist seine Umbenennung von Agayev zu Ag(h)aoglu, das Ersetzen der slawischen Namensendung durch die türkische. Agaoglu liess sich jedenfalls nicht gegen den östlichen Nachbarn der Nord-Aseris, die Armenier, aufhetzen. Und, um 1905 wurde er in das russische Parlament, die Duma, gewählt; als Vertreter der Moslems im Transkaukasus.

Vor der Revolution in Russland war er an der Entsehung der aserbeidschanischen Musavat-Partei beteiligt. Ging dann wieder in’s Ausland, in das untergehende Osmanische Reich. Und war dort für die iranische Anjuman-e Sa’adat aktiv… Agaoglu wurde osmanischer Bürger, wirkte dort als Schulinspektor, dann als Abgeordneter für die Jungtürken-Partei (Ittihat ve Terakki Firkasi, اتحاد و ترقى) im osmanischen Parlament. 1918 wurde er Abgeordneter im Parlament der eben unabhängig gewordenen Republik Aserbeidschan. Wurde von britischen Truppen gefangen genommen, als er am Weg zur Pariser Nachkriegskonferenz war. Ging wieder ins Osmanische Reich, erlebte dort die Entstehung der Republik Türkei. Wurde ein Berater von Kemal (Atatürk) und Abgeordneter für die CHP im türkischen Parlament. Und war 1930 ein Mitbegründer der SCF, die nach ein paar Monaten wieder aufgelöst werden musste.

Um die Widersprüche komplett zu machen, schrieb er, der den Orient (Westasien) so gut kennengelernt hatte, dann von einer Überlegenheit des Westens. Agayev/Agaoglu war also politisch aktiv im Russischen Reich, Osmanischen Reich, der Azərbaycan Demokratik Respublikası, der Türkei; ausserdem etwas im iranischen Kontext. Seine Nationswechsel kamen hauptsächlich durch seine Wanderungen/ Exilierungen zu Stande, weniger durch Umstürze/Gebietstransfers. Wobei sich in der Wahl des Exils seine politisch-nationale Einstellung (die wiederum stark mit seiner wissenschaftlich-publizistischen Arbeit verbunden war) wiederspiegelte.

José M. Gallegos, ein katholischer Priester (wie Korosec), war (1843-1846) Abgeordneter im Parlament von Santa Fe de Nuevo México, damals eine Provinz der Vereinigten Mexikanischen Staaten. Nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg 1846-48 kam sie zusammen mit anderen nord-mexikanischen Provinzen an die USA, wurde schliesslich auf mehrere Bundesstaaten aufgeteilt, hauptsächlich auf New Mexico. Gallegos, ein weisser Neomexicano, wurde 1851 Mitglied im Rat des nun US-amerikanischen Territoriums (Zwischenschritt zum Bundesstaat), dann (als Abgeordneter von New Mexico) 1853 – 1856 im Congress der USA (als einer der ersten „Latinos“).

1860-62 war er wieder Abgeordneter im Parlament des Territoriums NM (Bundesstaat wurde es erst 1912), Sprecher von dessem Unterhaus, 1865/66 wirkte er in dessen Regierung und in dessen Indianerbehörde, 1871-73 wieder im Congress in Washington. 1845-53 kamen riesige Gebiete von Mexico an die USA, etwa ein Drittel des Festland-Territoriums der USA bzw 10 Staaten haben diese Vergangenheit. Dennoch war ein Weg wie der von Gallegos, der in Mexico und dann in der USA politisch wirkte (auf diversen Ebenen), nicht allzu häufig. Es folgen in dieser Auflistung noch US-Politiker, die mit 2 anderen Gebietserweiterungen der USA in diese kamen.

Iuliu Maniu war ein rumänischer Politiker in Österreich-Ungarn, aus den rumänischen Gebieten diesseits der Karpaten, Transylvanien, das zur ungarischen Reichshälfte gehörte. Maniu führte die PNR in Transylvanien, war im ungarischen Parlament. Maniu war einer jener Politiker nicht-deutscher Nationalitäten in Österreich-Ungarn, die gegen Ende dieses Reichs ihre Ziele bezüglich „ihrer“ Gebiete änderten, von mehr Autonomie zu Eigenständigkeit bzw Zusammenschluss mit Gebieten dieser Nationalität jenseits der Grenzen. Bei ihm spielte die Ermordung von Thronfolger Franz Ferdinand von Habsburg 1914 eine Rolle, diesen hatte er beraten bzgl einer Reform des Reichs, danach war er für die Vereinigung Transylvaniens mit dem Königreich Rumänien (jenseits der Karpaten). Am Ende des Krieges und des Jahres 1918 in Gyulafehérvár/Karlsburg/Alba Iulia die Versammlung von rumänischen Politikern aus dem nun unabhängigen Ungarn, die dort diesen Anschluss proklamierten. Maniu war dort führend dabei und dann in der „Übergangsregierung“ für Transylvanien.

Nachdem im Trianon-Palast in Versailles bei Paris 1920 die „Ränder“ Ungarns auf seine Nachbarstaaten aufgeteilt wurden, kam Transylvanien (und die Bukowina/Bucovina) auch formal zu Rumänien. Im Königreich Rumänien vereinigten sich 1926 PNR und PT zur Partidul Național Țărănesc (Nationale Bauern-Partei, PNT), mit Maniu als Führer wie zuvor als jener der PNR. Er war 1926-30 und 1932-33 Ministerpräsident, trat ’33 wegen eines Konflikts mit König Carol II. zurück. Ab 1938 war es in Rumänien mit der Zeit der Demokratie und des inneren Friedens vorbei, es begann die Zeit der Diktaturen, des Kriegs, der Besetzungen. Maniu unterstützte Demokratie und Westalliierte gegen Hitler und Stalin und ihre Parteigänger in Rumänien (TPT bzw PCR). Es nutzte nichts, 1947 wurde die Republica Socialistă România gegründet, letzter politischer Pluralismus ausgeschaltet, Maniu kam in’s Gefängnis, starb dort 1953. Es gibt einige Politiker, die wie er den Weg von der ungarischen Hälfte der „Donaumonarchie“ ins Kgr. Rumänien gingen.

Etwa Rudolf Brandsch, aus einer Familie von Siebenbürger Sachsen, eine der deutschen Volksgruppen in den Gebieten die nach dem 1. WK von Ungarn zu Rumänien kamen. Der Lehrer war lange Zeit seines Lebens eine Art Volksgruppenführer, bezüglich der Deutsch(sprachig)en in Ungarn bzw dann Rumänien. Brandsch war 1910-18 Abgeordneter im Parlament der ungarischen Reichshälfte, bemühte sich dort um eine Zusammenarbeit der deutschen Volksgruppen in Ungarn, das waren hauptsächlich die Siebenbürger Sachsen und verschiedene Gruppen der Donauschwaben. Die Magyarisierungspolitik gegenüber Minderheiten war es, die Politiker wie Brandsch dazu brachten, nach dem 1. WK einen Anschluss ihrer Gebiete an Rumänien zu befürworten. In diesem Krieg musste er an die Front, wahrscheinlich in der ungarischen Honved.

1919-33 war Brandsch Abgeordneter im rumänischen Parlament, in beiden Kammern, Camera Deputaților (Unterhaus) sowie Senatul (Oberhaus). 1931/32 war er Unter-Staatssekretär für Belange ethnischer Minderheiten, in der Regierung von Iorga. Brandsch arbeitete auch als hochrangiger Beamter im rumänischen Innenministerium und war im ENK (siehe oben) aktiv. Den Siebenbürger Sachsen fiel eine Führungsrolle unter den Deutschen im Gross-Rumänien der Zwischenkriegszeit zu (obwohl die Deutschen im Banat, die dortigen Donauschwaben, etwas zahlreicher waren), deren Führer Brandsch war somit in einer wichtigen Rolle. Er war unter Anderem im Verband der Volksdeutschen aktiv. Schon bevor Nazi-Deutschland in Rumänien einmarschierte, übte es auf Rumänien und seine deutsche Minderheit grossen Einfluss aus.

Brandsch hat sich einerseits den rumäniendeutschen Nazigruppierungen widersetzt, andererseits aber von Nazi-Deutschland anscheinend auch Unterstützung für die Belange der Minderheit erwartet. Nach der Kriegswende kamen die Truppen der Sowjetunion, und Brandsch starb im kommunistischen Rumänien auch im Gefängnis. Ein ziemlich entfernter Verwandter von Brandsch ist Ingmar Brandsch, Politiker der Rumäniendeutschen nach dem Ende des kommunistischen Systems in Rumänien; er ging in die BRD, war aber dort nicht politisch aktiv (Rudolf war der Cousin 2. Grades von Ingmars Grossvater).

Kaspar Muth, Banater Schwabe, unterstützte um den 1. WK herum (an dem er auch teilnahm) die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ungarn von Österreich. Es ist Ermessenssache (bzw von Kenntnis der Details anhängig), sein diesbezügliches Engagement vor der Auflösung der Habsburgermonarchie als für hier relevant zu werten. Nach dem Krieg war er wie Brandsch Politiker der deutschen Volksgruppe in Rumänien, hauptsächlich für die Deutsche Partei, Abgeordneter im rumänischen Parlament (Abgeordnetenkammer) und dann im Senat. Der Verband der Deutschen in Rumänien wählte Muth 1931 als Nachfolger von Rudolf Brandsch zum Obmann. 1935 wurde Muth von Fritz Fabritius in dieser Funktion abgelöst, der sich sehr stark dem Nationalsozialismus zuwandte. Dieser starb nicht wie Maniu und Brandsch in einem Gefängnis im kommunistischen Rumänien, sondern am Chiemsee.

In Österreich-Ungarn gab es nicht nur Nicht-Rumänen in mehrheitlich rumänischen Gebieten, sondern auch Rumänen, und nicht nur in Ungarn, sondern auch in der Bukowina/Bucovina – das zur österreichischen Reichshälfte gehörte (Cisleithanien). Wie Theophil Simionovici, der Abgeordneter im österreichischen Reichsrat war, dort Obmann des Rumänenklubs (der mit den italienischen Abgeordneten in der Unio latina lose verbunden war). Simionovici, Oberlandesgerichtsrat in Czernowitz/Tscherniwzi/Cernăuți, war nach 1918 dann auch im vereinten Rumänien aktiv – das ja auch die ganze Bukowina zugesprochen bekam, ausserdem Bessarabien und die ganze Dobrudscha/Dobrogea. Simionovici war mehrfach Mitglied des rumänischen Parlaments, um 1930 Vizepräsident des Senats. Den Systemwechsel zur linken Diktatur nach dem 2. WK und der rechten Diktatur hat niemand der rumänischen Politiker, die bereits in Österreich-Ungarn aktiv gewesen sind, politisch überlebt.

Carl Schurz war beim Versuch der Revolution im Deutschen Bund 1848/49 beteiligt, im preussischen Rheinland und in Baden. Das war an der Schwelle zu „organisierter“ Politik, in der Frankfurter Nationalversammlung gab es ja Fraktionen, benannt nicht nach ihrer Ausrichtung sondern den Tagungsorten (bzw -lokalen). Schurz konnte während der militärischen Niederschlagung des Aufstands aus Rastatt entkommen, tauchte unter, hielt sich in mehreren europäischen Ländern auf, 1852 wanderte er mit seiner kurz zuvor geheirateten Ehefrau Margarethe in die USA aus, wie auch andere 1848er aus verschiedenen europäischen Ländern. Dort konnte er sich als Europäer/Weisser, der sich an die angelsächsische Kultur assimilierte, politisch frei betätigen. Das tat er, nachdem er unter Anderem als Publizist und Rechtsanwalt tätig gewesen war.

Man muss dazu sagen, dass Schurz ein Gegner der Sklaverei war und sich 1856 der zwei Jahre davor gegründeten Republikanischen Partei anschloss. USA-Präsident Lincoln entsandte ihn 1861 als Botschafter nach Spanien, Schurz kehrte aber noch während des Bürgerkriegs zurück und nahm an diesem in der Armee der Nordstaaten teil. Als Senator von Missouri konnte er „erleben“, wie drüben in Europa durch den österreichischen Ausgleich 1867 und die Gründung des Deutschen Reichs 1871 ein kleindeutsche und monarchische Lösung für die „deutsche Frage“ zu Stande kam. Von 1877 bis 1881 war er unter Präsident Rutherford Hayes Innenminister der USA. 

Mohandas „Mahatma“ Gandhi wuchs im britisch beherrschten Indien auf, wurde im britischen Südafrika politisch aktiv, zurück in Indien führte er den Unabhängigkeitskampf, erlebte die Unabhängigkeit und Teilung Indiens. 1893 bis 1914 hielt er sich (mit einer Unterbrechung) im südlichen Afrika auf, in Durban und Johannesburg, arbeitete hauptsächlich als Anwalt, woraus sich sein politisches Engagement entwickelte. Politisch waren das damals die britischen Kolonien Natal und Transvaal, ab 1910 die Südafrikanische Union, ein britisches Dominion. Anfangs stellte er die britische Vorherrschaft so wenig in Frage, dass er sogar freiwillig für die Briten im Krieg gegen Buren teilnahm! Nach persönlichen Erlebnissen nahm sich Gandhi dann aber der Unterdrückung der Inder in den britischen Kolonien im südlichen Afrika (hauptsächlich Natal) an, ignorierte jene der (Schwarz-) Afrikaner teilweise.

1894 war Gandhi ein Mitgründer des Natal Indian Congress(36), eine der Organisationen, die später den ANC bildeten bzw sich ihm anschlossen. Die Zugfahrt von Durban nach Pretoria, bei der er als „Farbiger“ nicht in der 1. Klasse fahren durfte, war bereits 1893 (bald nach seiner Ankunft im Land) – dennoch unterstützte er noch 1906 die britischen Kolonialtruppen bei ihrem Vorgehen gegen Zulus (das dominierende Volk in Natal), der Niederschlagung ihres Aufstands, wieder mit anderen Indern in einer Sanitätseinheit. Andererseits unterhielt er Kontakte mit dem SANNC, 1912 gegründeter Vorläufer des ANC, bzw dessen Gründern. Gandhi hatte 4 Söhne mit Kasturba, 2 wurden in Indien geboren, 2 in Natal. Sein Sohn Manilal Gandhi blieb nach seiner Rückkehr nach Indien in Südafrika; dessen Tochter Ela Gandhi war in Post-Apartheid-Südafrika im Parlament, für den ANC.

Zurück im (ebenfalls) britischen Indien schloss sich „Mahatma“ Gandhi dem INC an, wurde einer seiner Führer (und dieser unter ihm wichtig). Kämpfte gegen die britische Kolonialherrschaft sowie die Spaltung der Inder zwischen Hindus und Moslems. Er überlebte die Unabhängigkeit Indiens 1947 um weniger als ein halbes Jahr. Wurde schliesslich von einem hinduistischen Inder ermordet, einem Anhänger der hindu-nationalistischen RSS (Rāṣṭrīya Svayamsevak Sangh, राष्ट्रीय स्वयंसेवक संघ), zu einer Zeit als er in der Gewalt zwischen Hindus und Moslems schlichten wollte (und ihm verschiedentlich vorgeworfen wurden, den moslemischen Indern sowie Pakistan zu weit entgegen zu kommen).

Eduard Reut-Nicolussi war ein Zimbrer aus dem Trentino, in Österreich-Ungarn der südlichste Teil des Kronlandes Tirol. Im Krieg diente er im Militär dieses Reiches, an der Front gegen Italien. Das ja unterging, und grosse Teile Tirols wurden von italienischen Truppen besetzt und annektiert. Zur Zeit der Wahl zur Nationalversammlung der Republik Deutschösterreich 1919 wurde dort beschlossen, aus Gebieten die gerade nicht unter Kontrolle dieses Staats waren, aber von ihm beansprucht wurden, Abgeordnete einzuberufen, anstatt sie wählen zu lassen. Unter den Süd-Tirolern, die so ins österreichische Parlament kamen, war Reut-Nicolussi von der Tiroler Volkspartei. Wenige Monate später musste die Nationalversammlung den Friedensvertrag von Saint Germain annehmen, das „Deutsch-“ aus dem Namen streichen und auf Gebiete wie das südliche Tirol verzichten.

Reut-Nicolussi hielt zu seinem Abschied aus der Versammlung noch eine Rede.(37) Er liess sich in Bozen als Anwalt nieder und war Mitgründer des Deutschen Verbands (DV). Für diesen wurde er 1921 in das italienische Parlament gewählt, blieb dort bis 1924 Abgeordneter. 1927 verliess er aufgrund faschistischen Drucks Italien und liess sich in Innsbruck als Jurist nieder. 1928 kam von ihm „Tirol unterm Beil“ heraus. Er erlebte noch den Pariser Vertrag 1946, aber nicht das Südtirol-Paket 1969. Manches an seinem Weg erinnert an De Gasperi, anderes an Tinzl.

Zahīr ud-Dīn Muhammad bzw Babur (1483 – 1530) war ein Regionalherrscher im Timuriden-Reich, und begründete (selbst, durch Eroberungen) das Mogul-Reich in (bzw über) Indien. Der Gründer des Timuriden-Reichs (گورکانیان‎/Gurkani), Timur (Tamerlan), stammte aus dem Tschagatai-Khanat, einer der Nachfolgestaaten des Mongolischen Reichs von Dschingis (Cengiz) Khan. Im 14. Jh begann Timur mit seinen Eroberungszügen und nahm einen Teil dieses Khanats mit.(38) Babur war wahrscheinlich mit Cengiz (Teimudschin) als auch mit Timur (Tamerlan) verwandt (ein Nachfahre), und er war im Gurkani-Reich Lokalherrscher in Fergana (heute Usbekistan), wie schon seine Vorfahren. Babur unternahm Kriegszüge, mit einer ethnisch gemischten Armee, Richtung Südosten, nahm zunächst die Gegend um Kabul ein, noch im timuridischen Machtbereich, gründete dort das „Mogul-Reich“.

Dann expandierte er nach Nord-Indien, wo damals die Delhi-Sultane herrschten, verleibte grosse Teile Indiens seinem Reich ein. Dieses war anfangs eines einer Herrscherschicht turkisierter, persianisierter Mongolen, im Laufe der Jahrhunderte stiegen aber Inder (v.a. moslemische) zunehmend in Schlüsselpositionen auf. Die Ausdehnung des Reichs veränderte sich immer wieder, bei Baburs Tod umfasste es einen Teil Nordindiens, unter Akbar (16./17. Jh) erstreckte es sich auf ganz Indien ausser dem Dekkan, Aurangzeb (17./18. Jh) liess auch diesen erobern, bis auf die (tamilische) Südspitze Indiens. Danach verlor es aber sukzessive, an (v.a. hinduistische) Regionalherrscher sowie europäische Kolonialmächte, bis Mitte des 19. Jh der zusammengeschrumpfte Rest von den Briten einkassiert wurde. Babur ragt in dieser Aufstellung hervor, da er das neue Reich bzw „Betätigungsfeld“ selbst geschaffen hat.

Karl Radek vulgo Karol Sobelson war ein Jude aus dem österreichischen Galizien, links, wanderte vor dem 1. WK ins damals russische Polen aus, war dort in der polnischen SDKPiL aktiv, nahm an der Russischen Revolution 1905 teil, ging dann nach Deutschland, arbeitete als Journalist, schloss sich der SPD an, war auch dort politisch aktiv, unterstützte von dort die Russische Revolution 1917, ging zur KPD, war wahrscheinlich am Spartakus-Aufstand in Berlin 1919 beteiligt, kam ins Gefängnis, ging 1920 in die Russische Sowjetrepublik, war in der Komintern aktiv, war Verbindungsmann der KPSU (bzw ihrer Vorgänger RKP, VKP) mit der KPD in der Weimarer Republik, war nach Lenins Tod zuerst gegen Stalin, dann für diesen, wurde dennoch unter diesem verurteilt, in einem Gefangenenlager getötet.

Gerard „Gerry“ Adams (Gearóid Mac Ádhaimh) aus Belfast kommt aus einer politisch aktiven irischen Familie, schloss sich in seiner Jugend der Sinn Féin (SF) an – die ja sowohl in der Republik Irland aktiv ist als auch in Nordirland, das zum UK gehört. Adams hat beide Staatsbürgerschaften. 2011-20 war er Abgeordneter im irischen Parlament; 1997 bis 2011 wurde er immer wieder in das britische Parlament gewählt, hat diesen Sitz aber nicht eingenommen, als Ausdruck des Protestes der britischen Politik über Irland/Eire. 1998-2010 war er ausserdem im nordirischen Parlament, das wieder eingerichtet worden war. Den Posten des Vize-Premierministers von Nordirland überliess er seinem Parteifreund Martin McGuinness. Sein Wechsel ist Ausdruck seiner Auffassung von Irland! Er war in beiden Teilen von Irland aktiv, ohne dass die Grenze „gefallen“ wäre.

Ante Pavelic: geboren im österreichisch-ungarischen Bosnien-Herzegowina, wohin seine kroatischen Eltern hingezogen waren; in diesen Zeiten war er in der Stranka prava (SP) aktiv; Pavelic war gegen den Südslawen-Staat der nach dem 1. WK entstand (SHS/YU) bzw gegen die Zugehörigkeit Kroatiens zu ihm, daher auch Gegner der HSS (dominierende kroatische Partei im Ersten Jugoslawien bzw der Zwischenkriegszeit); der Anwalt war 1927-29 im Parlament für die SP, dann seine Radikalisierung durch die Königsdiktatur ab ’29, Gründung der Ustascha (Ustaša – Hrvatski revolucionarni pokret) und ins Exil, u.a. im faschistischen Italien; dort Zusammenarbeit mit anderen jugoslawischen Separatisten sowie mit Faschisten, > Ermordung Kg. Alexander in Frankreich.

1941-45 durfte er den kroatischen Pseudostaat (NDH) führen, der von den Achsenmächten „ausgehalten“ wurde; am Kriegsende über die Rattenlinie (Österreich, Italien) ins Exil nach Argentinien; dort weiter für Kroatien bzw seine Vorstellung davon aktiv, ab 1956 in der HOP, die von Pavelić und anderen Ustaše-Emigranten gegründet wurden; 1957 wurde er am Jahrestag der Gründung des „Unabhängigen Staates Kroatien“ bei einem Schuss-Attentat (UDBA?) im argentinischen Lomas del Palomar schwer verletzt; er starb ’59 im franquistischen Spanien, möglicherweise an Nachfolgen dieser Verletzungen. Pavelic war in der kroatischen Sache aktiv in Österreich-Ungarn, SHS/YU, in einer Besetzungs-Kollaboration bzw einem Pseudostaat, sowie im Exil. 

Mikhailo Hrushevsky war ein ukrainischer Historiker der in die Politik ging und in der Ukraine während ihrer Zugehörigkeit zum Zarenreich aktiv war und während ihrer kurzzeitigen Unabhängigkeit; ihre Zugehörigkeit zur Sowjetunion erlebte er auch. Er war vor 1917 hauptsächlich als Historiker aktiv, aber auch politisch, im ukrainisch-nationalen Sinn, in der östlichen, russischen Ukraine (somit im Russischen Reich), unter Anderem als Berater des Klubs der ukrainischen Abgeordneten in der Duma; aber auch im österreichisch-ungarischen Galizien. Zur Zeit der Revolution(en) in Russland konstituierte sich in der Ukraine ein Central Rada (Українська Центральна Рада), ein Zentralrat, eine Art Revolutionsparlament (oder eher Regionalparlament?), dieses erklärte im Juni 1917 die Autonomie der „Ukrainischen Volksrepublik“ (Ukrainska Narodna Respublike, UNR) innerhalb Russlands und nahm diese durch ein „Generalsekretariat“, eine von ihr eingesetzte Regierung, wahr.

Im Jänner 1918 rief der Zentralrat die Unabhängigkeit der Ukraine aus. Der Historiker Hrushevsky, Präsident des Zentralrats, wurde Oberhaupt dieses Staates (17/18), damit der erste unabhängige ukrainische Herrscher seit Mazepa. Unterbrochen wurde die UNR April bis Dezember 1918 durch den vom Deutschen Reich unterstützten „Ukrainischen Staat“ unter Hetman Skoropadsky. Hrushevsky tauchte in dieser Zeit lieber unter. Danach wurde wieder die Ukrainische Volksrepublik ausgerufen, nun geleitet von einem Direktorium unter Symon Petljura. 1920 beendete die Rote Armee die Unabhängigkeit der Ukraine mit der Einnahme Kiews. Petljura ging ins Exil, wo er später ermordet wurde. Es entstand die Ukrainische SSR. Hrushevsky fand sich mit dieser erstaunlicherweise nicht nur ab, er unterstützte sie sogar aktiv, und auch als die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik 1922 in der Sowjetunion aufging. 

Muhammad Ali Jinnah war in Britisch-Indien sowie Pakistan aktiv. Er wurde in Sindh geboren, Mahomedali Jinnahbhai genannt, wahrscheinlich in eine ismailitische Familie.(39) Jinnah(bhai) gehörte 1906–1920 dem Indian National Congress an, 1913–1947 der All-India Muslim League (1913–1947), 1947/48 der (pakistanischen) Muslim League. Womit schon das Wichtigste über seine politische Tätigkeit gesagt ist… Jinnah gehörte also eine Zeit lang Congress und League gleichzeitig an, als dies kein Widerspruch war. War Abgeordneter im Imperial Legislative Council, dem Autonomie-Parlament von Britisch-Indien von 1861 bis 1947. Jinnah, der Gründer Pakistans, war Teil des („moderaten“) Flügels im INC, der auf hinduistisch-moslemische Zusammenarbeit setzte. Dieser wurde um den 1. WK herum geschwächt, durch das Ableben einiger Führer, wie Pherozeshah Mehta, einem Parsen/Zarathustrier/Zartoshti.

In dieser Zeit wurde Jinnah Präsident der AIML, wahrscheinlich als Nachfolger des dritten Aga Khans. Jinnah war Gegner von Gandhis Kampagne des gewaltlosen Widerstands gegen die britischen Kolonialherrscher (wollte Unabhängigkeit auf „konstitutionellem Weg“ erreichen), aber einer der Protagonisten der Zusammenarbeit von Kongress und Liga, Hindus und Moslems. Wendepunkt war eine Sitzung des INC 1920, wo Jinnah gegen Gandhis „satyagraha“ Stellung nahm und dafür von (anderen) Delegierten niedergeschrien wurde. Jinnah verliess den INC, war nur noch für die AIML aktiv – aber weiterhin für einen gemeinsamen Kampf und einen gemeinsamen Staat. Ihm ging es nur um die Sicherung der Rechte der Moslems in einem unabhängigen Indien, dessen Bevölkerung (ungeteilt) aus etwa 80% Hindus bestehen würde > Vierzehnpunkteplan. Erst Ende der 1930er, Anfang der 1940er änderte sich Jinnahs Haltung bzw das diesbezügliche Klima.

1940 die Lahore-Resolution (قرارداد لاہور) der AIML, in der für die beiden grossen moslemisch dominierten Regionen Indiens (Nordwesten und Nordosten) Selbstbestimmung gefordert wurde – es ist aber umstritten ob damit ein eigener Staat aus diesen Gebieten (wie er dann kam) anvisiert wurde, oder eher eine Art Autonomie! Um 1945 sprach Jinnah davon, dass die Gründung „Pakistans“ unabdingbar sei. Bei den Wahlen zum Unterhaus des Legislativrats Ende 1945 gewann die AIML alle für Muslime reservierten Sitze; und die Mehrheit in Punjab, Sindh und Bengalen (in Fürstenstaaten wie Hyderabad, Kaschmir, Kalat wurde nicht gewählt). Als die Liga bei den Wahlen zu den Provinzparlamenten Anfang 46 etwa 75 % der Stimmen der Muslime bekam (1937 hatte sie noch 4,4% bekommen), dürfte bei den britischen Kolonialherrschern die Entscheidung für eine gleichzeitige Teilung Indiens bei der Unabhängigkeit gefallen sein.

Als Indien und Pakistan 1947 unabhängig wurden, bestand zweiterer Staat aus den mehrheitlich moslemischen Gebieten im Nordwesten und Nordosten (Ost-Bengalen und kleinere umliegende Gebiete). Mohammed A. Jinnah war 1947/48 Staatsoberhaupt (Generalgouverneur) Pakistans. 1948 entschied er, dass Urdu alleinige Staatssprache Pakistans wurde, eines der Zeichen der Dominanz West-Pakistans über Ost-Pakistan. 1949 spaltete sich in Ost-Pakistan die dortige Führung der AIML ab und gründete die All Pakistan Awami Muslim League (Awami-Liga). Der Konflikt zwischen West- und Ost-Pakistan (bzw die Gegenwehr des Zweiteren gegen Benachteiligung) wurde ein bestimmender innerer Konflikt Pakistans. Auch Mujibur Rahman wechselte ’49 von der AIML zur Awami-Liga, wurde ihr Führer. Nachdem bei der pakistanischen Wahl 1970 die Awami-Liga gewonnen hatte, aber ihre Regierungsbildung verhindert wurde, machte sich Ost-Pakistan als Bangla Desh (1971) unabhängig.

Rahman wurde erster Staatspräsident, dann Ministerpräsident. 1975 wurde er gestürzt. Er war im britischen Indien für die All India Muslim League in Bengalen aktiv, dann in (Ost-) Pakistan für diese und die Awami League, erreichte dann die Unabhängigkeit von Bangla Desh, wo er erster Machthaber wurde. Er ist einer der bangladeschischen Politiker, die unter dieser Kolonialherrschaft und diesen 2 Staaten aktiv waren, sei hier exemplarisch genannt. Beim Abschnitt über Jinnah.

Die Habsburger waren Erzherzöge (dann Kaiser) von Österreich, gleichzeitig Kaiser des Heiligen Römischen Reichs (Deutscher Nation), lange Zeit auch Könige von Ungarn, uva. Franz Stephan von Lothringen (Bar) war im 18. Jh Herzog von Lothringen (Teil Frankreichs), infolge des Polnischen Erbfolgekrieg musste er auf sein Stammland verzichten (nicht zuletzt weil er sich bereits als Schwiegersohn des Kaisers, Habsburger Karl VI., abzeichnete), bekam die Toskana (Aussterben der Medici), wurde 1736 Gemahl von Maria Theresia von Habsburg (Tochter dieses Karl), hatte 16 Kinder mit ihr (darunter Maria Antonia), begründete das Haus Habsburg-Lothringen. Nach dem Tod von Kaiser Karl 1740 wurde der Wittelsbacher Karl römisch-deutscher Kaiser, Maria T. erbte die Herrschaft über die habsburgischen Erblande, wurde also Erzherzogin von Österreich (dies gemeinsam mit ihrem Mann Franz Stephan), Königin von Ungarn sowie Böhmen,… Währenddessen begann der österreichische Erbfolgekrieg. Nach dem Tod des Kaisers 1745 wurde Habsburg-Lothringen zum neuen Kaiser des HRR gewählt, als Franz I. Bzgl Österreich blieben er und Maria Theresia Co-Regenten, in anderen Ländern wiederum nur sie. Franz Stephan, der im Schatten seiner Frau stand, wechselte von der Herrschaft über einen Teil Frankreichs zu jener über das Römisch-Deutsche Reich und diverse mit ihm verbundene Gebiete, durch Heirat und Krieg und „Zuschacherung“.

Franz II. machte vor der Auflösung des Römisch-Deutschen Reichs Österreich zum Kaiserreich, dieses (und andere der Länder über die er herrschte) wurde Teil des Deutschen Bundes. Franz Joseph I. war 1848-1916 Kaiser von Österreich, König von Ungarn, usw, 1850-1866 Oberhaupt des Deutschen Bundes (als Monarch der Präsidialmacht Österreich). Wobei man beim DB diskutieren kann, ob dieser ein Bundesstaat oder eher ein Staatenbund war. Otto (von) Habsburg-Lothringen wurde in Österreich-Ungarn geboren, erlebte die Gründung der Republik Deutschösterreich, lebte als Kind in der Schweiz und Portugal, dann in Spanien, Belgien, Frankreich, USA. Im amerikanischen Exil soll er sich für Österreich politisch engagiert haben. In Belgien begann er sein Engagement für die Paneuropa-Union. Das politische Engagement Habsburg-Lothringens, der eigentlich Kaiser von Österreich hätte werden sollen, begann in der BR Deutschland, als Abgeordneter der CSU im Europäischen Parlament. Wo fand es noch statt? In Spanien soll Franco erwogen haben, ihn als König für die Zeit nach ihm einzusetzen. Mit der Republik Österreich einigte er sich in den 1960ern, unterhielt Kontakte mit Monarchisten und Christlichsozialen dort, unternahm den Versuch einer Erhebung zu einem „Justizkanzler“, erhob Restitutionsansprüche. Im August 89 war er einer der Organisatoren des Paneuropa-Picknicks im Nord-Burgenland an der ungarischen Grenze, das zu einer Art Kettenreaktion führte… In Ungarn, wo er beliebt war, war er nach dem Ende des kommunistischen Systems als Staatspräsident im Gespräch, auch als König zeitweise. Eigentlich ist er ein Grenzfall.        

Rudolf Wiesner lebte in jenem Gebiet Schlesiens, das nach dem 1. WK in Polen lag. Wurde Vertreter der deutschen Minderheit in Polen, im polnischen Parlament. Er konnte der NSDAP bzw dem NS auch nicht widerstehen, wurde „Volksgruppenführer“, Assistent von Frank im Besatzungsregime über das „Generalgouvernement“, wurde in den deutschen Reichstag berufen. Lebte und starb dann in der BRD. Erwin Hasbach aus (dem früheren) Westpreussen war lange Abgeordneter im polnischen Parlament, für die Deutsche Partei – Vereinigung des deutschen Volkstums in Polen, danach für andere Parteien. Auch er schloss sich der NSDAP an, kollaborierte mit den deutschen Besatzern, flüchtete 1945. Beide waren in Polen und dem nationalsozialistischen Deutschen Reich aktiv.

Janez Drnovsek wurde 1989 für die Teilrepublik Slowenien ins Staatspräsidium von Jugoslawien gewählt (war dort letzter slowenischer Vertreter), noch als Angehöriger der slowenischen KP (ZKS), ging ’90 zur neu gegründeten LDS über. Von Mai 89 bis Mai 90 war er Vorsitzender des Staatspräsidiums, damit Staatsoberhaupt Jugoslawiens. In dieser Zeit traf Slowenien die Vorbereitungen für die Abspaltung von YU. Drnovsek war im September 89 im Parlament in Ljubljana Gast, als dieses Verfassungsänderungen beschloss. Im Dezember 89 wurden (andere) Parteien erlaubt in der Teilrepublik, Anfang 90 wandelte sich die slowenische KP unter Republiks-Präsident Kucan um. Dann die Wahl zum Parlament und des Präsidenten. Die neue Regierung strukturierte etwa die Territorialverteidigung Sloweniens (eine Formation die in allen Teilrepubliken parallel zur Volksarmee bestand) um, zum Kern der Armee eines unabhängigen Staats.

In dieser Zeit arbeitete Slowenien eng mit Kroatien unter Tudjman zusammen. Im Juni 91 erklärten beide Republiken (nach Volksabstimmungen) die Unabhängigkeit von Jugoslawien – das sich ja bald danach auflöste. Wie Mesic war Drnovsek dann in der Politik des unabhängigen Staats aktiv und mächtig, er war 1992 bis 2000 zweiter Ministerpräsident Sloweniens, 2002 bis 2007 zweiter Staatspräsident. Ist somit auch Einer, der Oberhaupt von 2 Staaten waren; wobei der zweite aus dem ersten hervorging. Im Unterschied zu seinem Vorgänger als Präsident Sloweniens wurde er erst mit der Demokratisierung Sloweniens mächtig. Er starb 08 an Krebs.

Seit 1598 sind französische Könige/Kaiser/Präsidenten/Staatschefs/… auch Co-Staatsoberhaupt/Kofürsten von Andorra, zusammen mit dem Bischof von Urgell (im spanischen Katalonien), der erste Bourbone am französischen Thron, Henri III., brachte dies mit ein, als König von Navarra. Unter König Ludwig XV. kam, 1 Jahr vor der Geburt von Napoleone di Buonaparte, Corsica/Korsika von der Republik Genua durch Kauf an Frankreich. Napoleon Bonaparte war als erster Konsul und dann Kaiser von Frankreich auch Kofürst von Andorra, durch die Eroberungszüge von ihm oder auf seine Anordnung wurde Frankreich vergrössert, und er hat seine Geschwister als Könige von Holland, Neapel, Westfalen, Spanien, Toskana eingesetzt. Ausserdem war er nach seiner ersten Absetzung Fürst über Elba.

Sein Bruder Joseph-Napoléon Bonaparte (Giuseppe di Buonaparte) war zuerst König von Neapel, dann von Spanien. Louis N. Bonaparte (Luigi di Buonaparte) wurde als König von Holland eingesetzt (1806-1810), dieses Königreich war mehr oder weniger ein Satellitenstaat der französischen Republik bzw. des napoleonischen Frankreich, wie auch die anderen Staaten unter Napoleons Geschwistern. Napoleons Sohn aus seiner Ehe mit einer Habsburgerin, wird als Napoleon II. gezählt, obwohl er jung starb und nie (wirklich) herrschte. Sein Neffe (Charles-)Louis-Napoléon Bonaparte liess sich zum Präsidenten Frankreichs wählen und nachdem seine Amtszeit abgelaufen war, zum Kaiser krönen (Napoleon III.). Dessen Sohn Louis-Napoléon Bonaparte (eigentlich Napoléon Eugène Louis …) wurde mit seinem Vater 1870 in GB exiliert, wurde nach dem Tod des Vaters Thronprätendent (Napoleon IV.), und diente in der britischen Armee; er wurde im Krieg gegen die Zulus in Südafrika 1879 getötet. Charles Joseph Bonaparte (Enkel von Giralomo/Jerome, Kg. v. Westfalen) wirkte nur in der USA, war dort Politiker (Minister unter T. Roosevelt).

Alexander Mjasnikow wurde 1886 als Alexander Mjasnikjan in eine armenische Kaufmannsfamilie in Nachitschewan am Don, dem armenischen Stadtviertel von Rostow am Don, geboren (Russisches Reich). Als junger Mann russifizierte er seinen armenischen Nachnamen zu Mjasnikow. 1906 trat er der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (RSDRP) bei, Vorläuferin der späteren Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Zum Jahreswechsel 1918/1919 wurde er kurzfristig zum Ersten Sekretär der KP der neugeschaffenen Weissrussischen Sowjetrepublik, die aber bald mit der Litauischen Sowjetrepublik zu einer kurzlebigen gemeinsamen Sowjetrepublik zusammengefügt wurde – Weissrussland/Belarus wurde wieder eine eigene Sowjetrepublik, die 1922 in der Sowjetunion aufging. Mjasnikow war ab 1921 als Volkskommissar für militärische Angelegenheiten in der Armenischen Sowjetrepublik tätig. Als diese 1922 mit Georgien und Aserbaidschan in die Transkaukasischen Sowjetrepublik umgewandelt wurde (die ebf. in der SU aufging), bekleidete er auch in dem neuen Staatsgebilde eine führende Position. Der armenische Russe hatte also Funktionen im Russischen Reich, im unabhängigen Weissrussland, im unabhängigen Armenien (jeweils Sowjet-Republiken), in der Transkaukasischen SR, und in der SU (wurde  Mitglied des gesamtsowjetischen Rates der Volkskommissare).

Daniel Cohn-Bendit stammt aus einer linken jüdischen Familie aus Berlin, die wegen dem NS nach Süd-Frankreich zog. Bei seinem Studium in Paris war er 1968 einer der Anführer des Studenten-Aufstandes, wurde daher nach Frankfurt ausgewiesen (zweite Hochburg der deutschen 68er-Bewegung neben W-Berlin). Hatte diverse Jobs ehe er sich Ende der 70er bei den Grünen wieder politisch betätigte, ausserdem war er publizistisch aktiv („Pflasterstrand“). Bekam einen Posten in der Frankfurter Kommunalpolitik. Von 1994 bis 2014 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament für die Grünen. Er wurde nicht Teil der rot-grünen Regierung des wiedervereinigten Deutschlands ab 1998, aber eine Art Berater „Joschka“ Fischers. Wie viele langjährige Linksextreme ist Cohn-Bendit ein gutes Stück nach rechts gerückt, ist jetzt wahrscheinlich in der „Mitte“.

Wojciech (Adalbert) Korfanty war ein Ober-Schlesier, der vor und nach dem 1. Weltkrieg politisch aktiv war, und das Land im Parlament des Staates vertrat zu dem es gehörte; Teile Oberschlesiens wurden nach dem 1. WK aus deutscher zu polnischer Hoheit „transferiert“. Der Journalist Korfanty wurde 1903 in den Reichstag des Deutschen (Kaiser-) Reichs gewählt, im Jahr darauf ausserdem noch in den preussischen Landtag. In beiden Parlamenten setzte er sich für die Belange der polnischen Minderheit ein, die es (im Kaiserreich wie in der Weimarer Republik) hauptsächlich natürlich in den östlichen Provinzen Preussens gab. Korfanty wurde mal über den Wahlkreis Kattowitz-Zabrze, mal über jenen von Gleiwitz gewählt. Er gehörte vor seiner Tätigkeit als Mandatar der Deutschen Zentrumspartei (Zentrum) an, die von der polnischen Minderheit bevorzugt wurde, aufgrund ihrer katholischen Ausrichtung. Es war Korfanty, der das änderte; 1901 gab er die Schrift „Precz z Centrum“ heraus, in der er Polen im Deutschen Reich aufrief, (ihre) nationalen Belange über den über-nationalen Katholizismus zu stellen. Korfanty war ein Mitgründer der Polnischen Nationaldemokratischen Partei („Polenpartei“), für sie zog er 1903 in den Reichstag ein.

In einer Rede in einer der letzten Reichstag-Sitzungen vor dem Sturz der Monarchie, im Oktober 1918, plädierte Korfanty für den Anschluss eines grossen Teils der preussischen Ostprovinzen an Polen, das damals (am Ende des 1. WK) wieder entstand. Und er half dann bei der Realisierung mit, in seiner schlesischen Heimat, mit den Aufständen 1919-21, vor der Volksabstimmung ’21. Bei dieser kam es zu einem Votum für den Verbleib bei Preussen und Deutschland, doch die Alliierten des 1. WK verlangten eine Abtrennung des östlichen Oberschlesiens (Kattowitz,…) an Polen. Korfanty, der nach dem 1. WK auch seinen Vornamen änderte, war dann zunächst in der Woiwodschaft Schlesien aktiv. Dann auch im Parlament in Warschau (Sejm), für die er zu seinen christdemokratischen Wurzeln zurückkehrte, nun da das Nationale geklärt schien. Später wechselte er zu einer Arbeiterpartei. Er starb 2 Wochen vor dem „Überfall auf Sender Gleiwitz“ 1939, der dem deutschen Einmarsch in Polen voraus ging.

Manuel C. Valls Galfetti wurde in Barcelona geboren, als Sohn eines spanisch-katalanischen Vaters und einer italo-schweizerischen Mutter. Valls wuchs in Paris auf, hat im Alter von 20 Jahren auch die französische Staatsbürgerschaft angenommen, war vorher nur Spanier. Er ist in Frankreich und Spanien politisch aktiv, ohne dass sich eine Grenzveränderung ereignet hätte oder er ausgewandert wäre. Diese Art des politischen Pendelns gibt es selten. Sein Weg weist Ähnlichkeiten zu jenem von Saakaschwili oder Mlinar auf. Valls war zunächst in der Parti socialiste aktiv, wurde 2002 in das französische Parlament gewählt. 2012 bis 2014 war er Innenminister unter Premierminister Ayrault. Anschliessend, 2014 bis 2016, war er Premierminister, unter seinem Parteikollegen François Hollande als Staatspräsident, mit einer Regierung aus PS und kleineren Linksparteien wie der PRG. Valls wollte bei der Präsidentenwahl ’17 antreten, verlor aber parteiintern gegen Benoît Hamon. Danach unterstützte er Emmanuel Macron, den ehemaligen Sozialisten, der eine neue Partei gegründet hat. Der Fraktion dieser La République En Marche in der Nationalversammlung schloss sich auch bald Valls an.

2018 trat er von seinem Mandat zurück, um bei der Kommunalwahl in Barcelona 2019 anzutreten. Er gründete die Partei BCN-Canvi und bekam Unterstützung der anti-separatistischen Ciudadanos. Diese gemeinsame Liste bekam etwa 10% der Stimmen. Seit damals ist Valls im Stadtrat von Barcelona. Gut möglich, dass er nochmal in die französische Republik zurückkehren wird. Im dystopischen Polit-Roman „Soumission“ („Unterwerfung“)(40) von Michel Thomas „Houellebecq“ bleibt Valls Premier unter Hollande bis zur Präsidentenwahl 2022, in der ein „Mohammed Ben Abbes“ von den Moslembrüdern gewinnt. Marine Le Pen (FN/RN) ist im Roman die Einzige, die Widerstand leistet, und Valls übt sich darin in Appeasement. Von Seiten der Front national, seit ’18 Rassemblement national, kam übrigens Abneigung gegen Valls wegen seiner „fremdstämmigen“ Herkunft. Jean-Marie Le Pen vor einigen Jahren: „Welche Bindung hat Valls an Frankreich?“, „Hat sich dieser Migrant wirklich verändert?“. Ein weites Thema; die katalanische Nationalbewegung ist traditionell frankophil, obwohl Frankreich eigentlich sehr minderheitenfeindlich ist. Und Marine Le Pen sagte im Hiblick auf die katalanische Minderheit in Frankreich (Region Occitanie, Gegend um Perpignan), es gäbe keine katalanische Kultur in Frankreich.

Jean-Baptiste Bernadotte stieg in der französischen Revolutionsarmee zum General auf und wurde 1799 kurzzeitig Kriegsminister des Direktoriums. Kaiser Napoleon ernannte ihn 1804 zum Maréchal d’Empire und gab ihm 1806 den Titel eines Fürsten von Pontecorvo. Mit Zustimmung Napoleons wählte der schwedische Reichstag Bernadotte 1810 zum Kronprinzen von Schweden(41), den der kinderlose letzte König aus dem Hause Holstein-Gottorp, Karl XIII., adoptieren musste. Nach dessen Ableben im Jahr 1818 wurde Bernadotte als Karl XIV. Johann zum König von Schweden gekrönt. Von 1818 bis 1905 regierte das Königshaus auch über Norwegen.

Die Republik Südafrika geht auf die Vereinigung von vier Kolonien unter britischer Herrschaft 1910 zurück. Im Krieg 1899-1902 übernahmen die Briten auch die Herrschaft über die zwei Buren-Republiken, die sich bis dahin behaupteten. Es gibt einige Politiker, die in der Südafrikanischen Union (oder Union von Südafrika), so der Name des britischen Dominions bis 1961, und in den Vorgängerrepubliken wirkten. So wie Francis W. Reitz, der Präsident des Oranje Freistaats war (1889-1895), anschliessend Staatssekretär (Regierungschef) der Südafrikanischen Republik (Transvaal), bis 1902, der britischen Übernahme. In der Union war er dann Präsident des Senats. Louis Botha war militärischer Führer Buren im Südafrikanischen Krieg (1899-1902, Anglo-Buren-Krieg), 1907-10 Premierminister von Transvaal (Partei Het Volk) und 1910-1919 jener von Südafrika (für die SAP). Allerdings, in der Phase 1902-10 waren Transvaal und Oranje Freistaat britische Kolonien, keine unabhängigen Staaten mehr. Nur wenn man die Südafrikanischen Union als unabhängig von GB sieht (was sie aber eigentlich erst ab 1931 wirklich war), ist Botha für hier relevant. Der Schotte Leander S. Jameson war 1894-96 Verwalter der britischen Kolonie Süd-Rhodesien, 1895 führte er den militärischen Überfall in die Südafrikanische Republik (Transvaal) an. 1904-08 war er Premier der Cape Colony (für die Progressive Party), in der Union (an deren Zustandekommen er entscheidend beteiligt war) war er in der Unionist Party aktiv. Für Jameson (der übrigens 1917 in London starb) gilt das Selbe wie für Botha.

Yassir Arafat („Abu Ammar“) wurde in der Zwischenkriegszeit in Ägypten oder Palästina geboren, beide damals unter britischer Herrschaft, er war jedenfalls palästinensischer Herkunft, stammte väterlicherseits von der Husseini-Familie ab. Arafat lebte und studierte dann in Ägypten, nahm an ägyptischer Seite an den Kriegen 1948 und 1956 teil. Ab 1956 lebte er in Kuwait, war als Bauunternehmer tätig, gründete dort die Fatah – hier muss man wohl den Beginn seiner politischen Tätigkeit ansetzen, die eine im Exil im palästinensischen Kontext war. In den 1960ern ging er nach Jordanien, das damals über einen Teil Palästinas herrschte (Westjordanland & Ost-Jerusalem), unternahm/führte von dort Guerilla-Aktionen gegen Israel, vor und nach dem Krieg 1967, mit dem Israel auch den Rest Palästinas unter seine Herrschaft bekam.

Arafats Fatah schloss sich nach diesem Krieg der Palestine Liberation Organization (PLO) an, er wurde 1969 Vorsitzender dieses Zusammenschlusses palästinensischer Organisationen. Anfang der 1970er wurden Arafat und die PLO aus Jordanien vertrieben, unter dem Vorwurf, sich nicht wie ein Gast zu benehmen. Sie gingen in den Libanon, spätestens dort hat Arafat eine politische Rolle im Landeskontext gespielt, war auch beteiligt im dortigen Bürgerkrieg. 1982 musste die PLO-Führung nach Tunesien ausweichen, infolge der israelischen Invasion im Libanon. 1988 eine Proklamation Palästinas in den Gebieten, die 1948-67 nicht von Israel besetzt waren; Arafat wurde zum provisorischen Staatsoberhaupt ernannt.

93/94 die Abkommen mit Israel, Arafat wurde 94 Vorsitzender der Palästinensischen Autonomiebehörde, die über Teile der Gebiete, die Israel seit 67 besetzt, gewisse Vollmachten hat. Arafat wurde als PLO-Vorsitzender (also seit 69), seit der Staatsproklamation 88 und seit 93/94 von verschiedenen Staaten und Institutionen in unterschiedlicher Weise als Vertreter von Palästina, Chef einer Exilregierung für Palästina, Regierungschef eines semi-souveränen Staates,… anerkannt.(42) Im Libanon und möglicherweise in Jordanien hat er, während seines Aufenthaltes dort, eine Rolle in der (dortigen) Politik gespielt.

Juan O’Donojú war ein Spanier irischer Herkunft, Offizier, Anfang des 19. Jh nahe bei König Fernando VII., nach dessen Wiedereinsetzung 1813 nach der französisch-napoleonischen Invasion. Die spanischen Siedler in Lateinamerika (nicht die Ureinwohner dort) nutzten die Situation dazu, um für die Unabhängigkeit der Kolonien vom Mutterland zu kämpfen. O’Donoju hatte eine politische Funktion, am spanischen Königshof, als er 1821 nach Neu-Spanien geschickt wurde. Wo seit 1808 der Unabhängigkeitskrieg lief; Agustin de Iturbide war mit einem Grossteil der spanischen Truppen zu den Aufständischen (unter Hidalgo, Santa Anna,…) übergelaufen. O’Donoju wurde dort Generalkapitän, ersetzte den Vizekönig, bekam spätestens hier ein politisches Amt im spanischen Kontext. Er versuchte zunächst, Neuspanien für Spanien zu retten, durch Zugehen auf die Aufständischen bzw Vermittlung. War dann aber dabei, als 1821 das Imperio Mexicano proklamiert wurde (inklusive Mittelamerika und grosser Teile Nordamerikas), unter Iturbide als Kaiser, und zwar in der ersten Regierung; das war natürlich gegen die Instruktionen aus Madrid, war gewissermaßen ein Überlaufen. O’Donoju starb noch 1821, 1823/24 wurde Mexico Republik.

Mikheil Saakaschwili ist in Sowjet-Georgien aufgewachsen, studierte in der Niederlande, wurde im unabhängigen Georgien 2004 Präsident, nach dem Sturz Schewardnadses. In dieser Zeit war der Krieg mit Russland ’08, auf den der Austritt Georgiens aus der GUS folgte. Saakaschwili, der gegen Ende seiner Präsidentschaft hin autoritär geworden ist, konnte ’13 nimmer antreten zur Neu-Wahl. Er verliess Georgien, wurde von der neuen Regierung gesucht, begann sich in der Ukraine zu engagieren, in der Euromaidan-Revolution 13/14, wobei eine anti-russische Haltung (bzw, eher eine Anti-Putin-Haltung) die Brücke war. Er kam in die Nähe des neuen ukrainischen Präsidenten Poroschenko, wurde ukrainischer Staatsbürger (verlor die georgische dadurch), wurde Gebietsgouverneur in Odessa, 15/16. Dann ein Streit mit Poroschenko, wieder Korruptionsvorwürfe, gründete eine eigene Partei, verlor die Staatsbürgerschaft, wurde 17 in Kiew verhaftet, von Demonstranten befreit (www.youtube.com/watch?v=V4bVJC9vqEc). Wiech in die USA aus, durfte dann unter Zelensky zurückkehren. Saakaschwili wird nun als künftiger Präsident der Ukraine gehandelt.

Stokeley Carmichael stammte aus Trinidad Tobago, ging in die USA, war dort unter Anderem in der Black Panther Party aktiv, war auch ein Opfer des FBI-COINTELPRO, 64 die Abwendung von der Democratic Party. 1968 ging er nach Afrika: Ghana, dann Guinea, änderte seinen Namen in „Kwame Ture“, war mit der exilierten südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba zusammen. Und war in der All-African People’s Revolutionary Party (A-APRP) aktiv, einer internationalen panafrikanischen Partei. T(o)uré/Carmichael bewegte sich in dem Dreieck Karibik/USA/Afrika, biografisch und politisch.

Stefan Kraft stammte aus dem österreichisch-ungarischen Syrmien, engagierte sich vor dem 1. WK etwas für die Deutschen in der ungarischen Reichshälfte. Nach dem Krieg (in dem er „diente“) stellte er sich auf ein Minderheitendasein in Ungarn ein, es wurde eins in SHS-Reich, in dessen serbischen Teil. Kraft wurde vereins-politisch für die Deutschen im SHS-Reich/ Kgr. Jugoslawien aktiv, die v.a. Donauschwaben waren, in der Deutschen Partei. Auf Druck Nazi-Deutschlands trat er 1939 u.a. als Abgeordneter zurück. 41 wurde er Staatssekretär in Ustascha-Kroatien, 44 ging er nach Österreich, 49 nach West-Deutschland, wo er für seine Landsmannschaft aktiv war. Ludwig Kremling aus dem Banat ist etwas früher geboren, war daher noch stärker in der ungarischen Hälfte der „Donaumonarchie“ aktiv, bekleidete die Position des Vorsitzenden der Ungarländischen Deutschen Volkspartei. Bei der Wahl zum ungarischen Parlament scheiterte er knapp. Im SHS-Reich war er Obmann der Deutschen Partei/ Partei der Deutschen.

José de Obaldia war Politiker im nördlichen Teil Kolumbiens, Gouverneur des Panama-Departments, des mittelamerikanischen Ausläufers des Landes. Er war einer jener Mächtigen aus der Region, dies sich von der USA unter Theodore Roosevelt einspannen liessen, als diese dieses kolumbianische Panama 1903 abspalten wollte, um dort ihren Kanalbau durchführen zu können. De Obaldia wurde zweiter Präsident Panamas nach der Abtrennung. Sein Vorgänger, also der erste Präsident Panamas, Manuel Amador, war Abgeordneter im Parlament der Republik von Neugranada (Vorgängerstaat Kolumbiens) gewesen, dann ebenfalls eine Art Gouverneur des Panama-Departamentos.   

Eine Personalunion verbindet Länder durch einen gemeinsamen Herrscher, die selbstständig sind. England hat Wales im 13. Jh „geschluckt“. Ab 1542 war der König von England in Personalunion auch der über Irland. 1603 kam Schottland dazu, die schottischen Stuarts waren im 17./18. Jh in Personalunion Könige von England und Schottland. 1707 wurde aus dieser Personalunion eine Realunion (oder eine Staatsunion), als das Königreich von Grossbritannien entstand (England inklusive Wales sowie Schottland)(43); nun wurden nicht nur Engländer und Waliser, sondern auch Schotten in das Parlament nach London gewählt. Anne Stuart war 1702-1707 Königin von England, Schottland und Irland (als letzte Stuart), 1707-14 Königin von Grossbritannien und Irland.

Nach ihrem Tod 1714 kam mit Georg(e) der erste Hannoveraner auf den britischen Thron (eigentlich das Haus Braunschweig-Lüneburg). 1800/01 entstand das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irland, letzteres Land verlor sein eigenes Parlament. 1922 bzw 1927 wurde daraus das V. K. (UK) von GB und Nordirland, durch die Schaffung des Irischen Freistaats. GB bzw das UK herrscht(e) darüber hinaus über etliche nicht-europäische Gebiete, in der einen oder anderen Form. Elizabeth Windsor ist Oberhaupt diverser Überseegebiete Grossbritanniens (wie Gibraltar, British Virgin Islands) sowie selbstständiger Staaten mit britischer Kolonialvergangenheit (wie Canada, Jamaica).

Feliks Dzierzynski war Sohn eines polnisch-litauischen Gutsbesitzers/Adeligen, aus dem damaligen Gouvernement Wilna im äußersten Westen des Russischen Kaiserreiches (Gegend heute bei Weissrussland). Dzierżyński begann seine politische Arbeit in der Sozialdemokratischen Partei des Königreichs Polen und Litauens (SDKPiL), die 1893 von Rosa Luxemburg und Anderen gegründet wurde. Für sie war eine Unabhängigkeit Polens von Russland keine Priorität. 1906 vereinigte sie sich während der Revolution (05/06) im Russischen Reich mit der RSDRP, der Russischen Sozialdemokratischen Partei (Vorgängerin der Kommunistischen Partei der Sowjetunion), bzw trat ihr bei; 1911 wurde sie wieder eigenständig. Dzierżyński wurde zum Kommunisten und Russen. Im Sommer 1917 trat er den Bolschewiki, also der RSDRP(B), bei und wurde Mitglied ihres Zentralkomitees.

Während der Oktoberrevolution war er einer der Führer des bewaffneten Aufstands der Bolschewiken gegen die Regierung Alexander Kerenskis. Nach dem Sieg schuf Dzierżyński auf Veranlassung Lenins das als Geheimpolizei agierende Allrussische Außerordentliche Komitee zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage (Tscheka), deren Leiter er bis zu seinem Tod 1926 blieb. Dzierzynski war aber auch im unabhängigen Polen tätig, wenn auch im Rahmen der Besetzung Ost-Polens im Polnisch-Sowjetischen Krieg, 1920, und für kurze Zeit.(44) Dzierżyński war also im Russischen Reich, in Sowjetrussland, der Sowjetunion und im russisch besetzten Polen aktiv. In der SU war er nicht nur Leiter der ВЧК, aus der 1922 die GPU und 1926 die OGPU wurden, sondern auch Volkskommissar (Minister) für Innere Angelegenheiten und verschiedenes Andere.

Auch Jozef Pilsudski und Bolesław Bierut waren Polen, die unter russischer Herrschaft aufwuchsen und dort mit politischem Engagement begannen. Pilsudski wurde nach Erringung der Unabhängigkeit Polens nach dem 1. WK Staatschef Polens, Bierut im kommunistischen Polen nach dem 2. WK.

Joachim Siegerist, geboren 1947 in Nordfriesland als Werner-Joachim Bierbrauer, ist Sohn einer deutschen Mutter und eines lettischen Vaters, der in der Waffen-SS diente, wuchs in Schleswig-Holstein auf, wurde rechter Autor („Bild“,…) und Aktivist (für Strauss aktiv, mit Gerhard Löwenthal, Verein „Die Deutschen Konservativen“,…), stand zumindest nahe am Rechtsextremismus. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Unabhängigkeit der baltischen Staaten erwarb Siegerist 1992 auf den Namen Joahims Zīgerists die lettische Staatsangehörigkeit. 1993 zog er für die Partei Latvijas Nacionālās Neatkarības Kustība (LNNK) in das lettische Parlament, die Saeima, ein. Im Wahlkampf hat sich Siegerist nach eigener Aussage mit einer Delegation ehemaliger Angehöriger der lettischen Waffen-SS getroffen. 1994 wurde Siegerist aus der Fraktion der LNNK ausgeschlossen. Er gründete daraufhin die „Volksbewegung für Lettland“ (Tautas kustība Latvijai), die auch „Siegerist-Partei“ (Zīgerista partija) genannt wurde.

Mit 15 % der Stimmen wurde die TKL bei den Parlamentswahlen 1995 zweitstärkste Kraft. Da sich ihm andere Parteien verweigerten, konnte Siegerist keine mehrheitsfähige Koalition bilden. 1998 erreichte die TKL nur noch 1,7 % der Stimmen. Siegerist legte seine Parteiämter noch am Wahlabend nieder und zog sich aus der lettischen Politik zurück. War dann in der CDU aktiv, als unabhängiger Kandidat für eine Bundestagswahl, für die Wählerinitiative „Bremen muss leben“,… Für „Junge Freiheit“ konnte er seine Haltung erklären. Unter eigenen und anderen Rechtsaussen war/ist Siegerist u.a. wegen seiner Verwaltung von Spendengeldern zT nicht gut angeschrieben. Er ist von seinem Weg her nahe bei Valls. Siegerist ist kein Baltendeutscher, hat aber Wurzeln in Lettland, hat aber dort nie gelebt bevor er wegen des politischen Engagements hinzog. Nahe bei ihm ist Valdimir/Waldemar Herdt, Russlanddeutscher aus SU-Kasachstan, der in Deutschland für PBC und AfD aktiv ist, in Lettland für eine EU-skeptische Partei antrat.

Karl Renner ist einer Jener, die in Österreich-Ungarn und dann in der Republik (Deutsch-) Österreich (Erste und Zweite) politisch aktiv waren. Der aus Südmähren Stammende war für die SDAPÖ im Reichsrat. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Reichs war er von 1918 bis 1920 als Staatskanzler maßgeblich am Entstehen der Ersten Republik Österreich beteiligt. Er leitete auch die österreichische Delegation bei den Verhandlungen in Saint-Germain. Von 1920 bis 1934 war Renner Abgeordneter zum Nationalrat. 1931 wurde er Präsident von diesem. Sein Rücktritt und der seiner beiden Stellvertreter 1933 wurde von Bundeskanzler Engelbert Dollfuss als Selbstausschaltung des Parlaments begrüsst und als Vorwand für die Etablierung der „austrofaschistischen“ Ständestaatsdiktatur genützt. 1938 war er der bedeutendste sozialdemokratische Befürworter des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, er unterstützte im gleichen Jahr auch die Annexion des Sudetenlandes durch NS-Deutschland. Renner stand nach dem 2. WK auch an der Wiege der 2. Republik; als Staatskanzler und Bundespräsident.

Als Josip Vilfan geboren wurde, gehörte seine Heimatstadt Triest(e)/Trst zum österreichisch-ungarischen Kronland Küstenland. Nach dem 1. WK kam die Region zum Königreich Italien. Vilfan, ein Jurist, wanderte ausserdem im europäischen Raum „herum“. Er, der immer wieder für ein friedliches Zusammenleben von Nationalitäten eintrat, fand sich letztendlich entwurzelt wieder. In den Jahren vor dem 1. WK war Vilfan Mitglied des Stadtrats von Triest, für eine südslawische Partei. Als 1915 zwischen Österreich-Ungarn und Italien der Krieg ausbrach (und die Gegend um Triest war eines der Kriegsziele Italiens), wurde Vilfan von den Behörden der Donaumonarchie in den „Sicherheitsrat“ der Stadt ernannt – dieser war hauptsächlich gegen die Irredentisten unter der italienischen Bevölkerung der Stadt gerichtet. Nach dem Krieg hielt er sich in Laibach/Ljubljana auf, war an der Gründung des SHS-Staats beteiligt, der die Vorstufe zum SHS-Reich war. Während er beim Zustandekommen des Südslawenstaats mitwirkte, kam seine Heimat an Italien.

Vilfan wurde ein Führer der Slowenen im Italien (nun im Compartimento Venezia Giulia), wurde in’s italienische Parlament gewählt – das aber bald keine Rolle mehr spielen sollte, aufgrund der Machtergreifung der Faschisten unter Mussolini. Vilfan schaffte es drei Mal, zu Unterredungen mit dem Duce vorgelassen zu werden – ihn zu einer anderen Politik ggü Minderheiten zu bewegen, schaffte er bekanntlich nicht. Manchen Slowenen und Kroaten in diesem Raum (Istrien und „Umgebung“) war Vilfans Linie auch zu konziliant, sie gründeten die militante TIGR. Vilfan musste 1928 aus dem faschistischen Italien ins Exil, ging zunächst nach Wien, von wo aus er nun den Europäischen Nationalitätenkongress (ENK) leitete, dessen Präsident er 1925-39 war. 1939 ging er nach Belgrad, Königreich Jugoslawien, erlebte dort Besatzung, Kollaboration, Widerstand, Befreiung und Errichtung des sozialistischen Jugoslawiens. Wieder musste er sich mit einem System arrangieren. Vilfan beriet die Regierung der SFR YU bei den Verhandlungen mit der Italienischen Republik um die Triest-Region.

Michel Aflak (Aflaq) war ein christlich-orthodoxer Syrer, er war 1947 einer der Gründer der Arabisch-Sozialistischen Baath-Partei (حزب البعث العربي الاشتراكي‎, Ḥizb al-Ba‘th al-‘Arabī al-Ishtirākī), die in arabischen Ländern aktiv ist; Aflak war „internationaler Chef“ der Partei. Die irakische Baath war am Sturz der Monarchie dort 1958 beteiligt, wandte sich danach aber gegen die neue Regierung unter Abdelkarim Qasim. Führende Aktivisten der irakischen Baath-Partei wie Fuad Rikabi und Saddam Hussein gingen in den Jahren von dessen Herrschaft ins benachbarte Syrien, wo Aflak in deren interne Streitigkeiten eingriff (Hussein stärkte). 1963 wurde Qasim gestürzt, von Teilen des Militärs, die der Baath im Lande (unter Ahmed Hassan al Bakr) nahe standen, mit westlicher Unterstützung. Etwa einen Monat später übernahm in Syrien die Baath mit einem Militärputsch die Macht (hat sie mehr oder weniger seither inne). Im Irak schaltete der neue Machthaber Aref dagegen die Baath bald aus. 

1965/66 wurde Aflak in Syrien (wo er ausserhalb der Partei keine Funktionen übernommen hatte) entmachtet, der Staatsstreich dort 1966 führte zu einer Spaltung der Baath, in den Teil unter syrischer Führung (Nuredin Atassi) und jenen mit der Führung im Irak (Bakr). Aflak flüchtete ’66 über Libanon in den Irak, wurde Teil der Führung der dortigen Baath. 1968 gelang ihr dort die Machtübernahme, Bakr wurde Präsident (und Premier). Bakrs Cousin Saddam Hussein übernahm 1979 die Macht, etablierte eine neue Dimension von Diktatur und Unterdrückung im Land. Mit der syrischen Baath, die im Nachbarland seit 1971 unter Hafez Assad herrschte, war das irakische Regime so verfeindet, dass Syrien im Irak-Iran-Krieg 1980-88 den Iran unterstützte. Aflak übernahm auch im Irak nur parteiinterne Funktionen. Aflak starb 1989, soll am Ende seines Lebens zum Islam übergetreten sein.  

Pio Pico war ein Californio, also Einwohner des mexikanischen Alta California, das nach dem Krieg 1846-48 an die USA kam. Pico war am Ende der Zugehörigkeit Kaliforniens zu Mexico aktiv und am Beginn ihrer zur USA. Der Rancher war letzter Gouverneur von Alta California, 1845/46. Nachdem ein Grossteil des Gebiets der US-Bundesstaat California wurde (1850), war er dort kurz im Stadtrat von Los Angeles. Es gibt ähnliche solche „Fälle“, die USA hat ja nicht nur eine englische/britische Kolonialvergangenheit, sondern (Teile von ihr) auch eine spanische, französische, russische, niederländische, schwedische, ausserdem eine der Zugehörigkeit zu Mexico. Daher findet man einige US-amerikanische Politiker, die in Mexico oder einem dieser Kolonialgebiete aktiv gewesen sind.

Jacques P. Villeré ist in Louisiane geboren, damals Teil von Nouvelle-France, im spanischen Luisiana aufgewachsen, hat dann wieder französische Herrschaft erlebt (war in dieser Zeit politisch aktiv), schliesslich den Anschluss an die USA, wo er als Creole im Bundesstaat Louisiana Gouverneur war. Villeré stammte aus dem Süden von Neu-Frankreich, aus Basse-Louisiane, aus der Nähe von Nouvelle-Orléans (St. Bernard), wo seine Familie eine Zuckerrohr-Plantage hatte. Villere war ein Kleinkind, als der britisch-französische Kolonialkrieg Mitte des 18. Jh das Ende von Neu-Frankreich brachte. Die Briten kassierten nach dem Krieg (1763) den Norden dieser Kolonie sowie den Osten von Louisiane (östlich des Mississippi); das westliche Louisiane ging an Spanien. Dort wuchs Villere auf, diente aber in der französischen Kolonial-Armee.

Das spanische Luisiana kam 1800 zurück an Frankreich, wurde dann 1803 an die USA verkauft. 1803 wurde Villeré in den Stadtrat von Nueva Orleans gewählt, diente dort kurze Zeit, bevor Frankreich die Kolonie an die USA verkaufte. Nur deshalb hat er sich für hier qualifiziert… Louisiana wurde in der USA ein Territorium, 1812 ein Bundesstaat. Villere war zunächst wieder militärisch aktiv, etwa im Krieg der USA gegen Canada 1812-15. Er war, als Mitglied einer angesehenen Plantagenbesitzer-/Sklavenhalter-Familie, auch Friedensrichter und Mitglied des Konvents das die Verfassung des Bundesstaats entwarf. 1812 kandidierte er bei der Gouverneurs-Wahl, für die Democratic-Republican Party, verlor gegen einen Claiborne.

1816 gewann er aber, wurde zweiter Gouverneur Louisianas, blieb das bis 1820. 1824 kandidierte er wieder, aber er und Bernard de Marigny teilten (sich) die Stimmen der Französischstämmigen, so dass Henry Johnson der lachende Dritte war. 1830 starb er vor der Wahl, bei der er wieder antreten wollte. Villeré war in der französischen Kolonialzeit nur marginal politisch aktiv, in der USA-Zeit sehr prominent (auf Bundesstaats-Ebene), Pico hatte in Mexico eine wichtige Funktion (auch auf regionaler Ebene) und in der USA eine bescheidene.(45)

Einer der „Nachfolgestaaten“ von Österreich-Ungarn ist auch die Ukraine… Ukrainische (ruthenische) Gebiete in dem Reich waren der Osten von Galizien, der Norden der Bukowina sowie Transkarpatien; dieses letztere Gebiet war das einzige das in der ungarischen Reichshälfte lag, war dort auf mehrere Komitate aufgeteilt. Diese 3 Gebiete schlossen sich 1918 zur Westukrainischen Volksrepublik zusammen, die 1919 aufgelöst werden musste. Ost-Galizien ging an Polen, Nord-Bukowina an Rumänien und Transkarpatien an die Tschechoslowakei. Diese ehemals österreichisch-ungarische Gebiete gingen erst am Ende des 2. WK zur Sowjetunion, gehören heute zur unabhängigen Ukraine. Oleksandr Barwinskyj aus Ost-Galizien, Gelehrter und Nationalist, war Abgeordneter im österreichischen Reichsrat, ausserdem im Landtag von Galizien. Er war Vorsitzender der „Wissenschaftlichen Gesellschaft Schewtschenko“, die unter seinem Nachfolger Mychajlo Hruschewskyj (s.o.)  wissenschaftliches Prestige und eine pan-ukrainische Bedeutung erlangte. 1918/19 war er in der Regierung der Westukrainischen Volksrepublik eine Art Minister für Bildung. Nachdem sein Gebiet zu Polen kam, lebte Barwinskyj dort ohne politisch aktiv zu sein. An der Stelle sei auch Władysław Sikorski genannt, ebenfalls aus dem österreichisch-ungarischen Galizien, aber ein Pole, damals politisch aktiv, dann im unabhängigen Polen, und im Exil für Polen.

Leopold S. Senghor (Christ und Sozialist) war 1948-58 Abgeordneter im französischen Parlament aus dem Wahlkreis Senegal-Mauretanien, 59-61 Berater im Ministerrang von Premier Debré, 59/60 Präsident der innerhalb Frankreichs autonomen Mali-Föderation (Senegal und Mali), 60-80 erster Präsident Senegals. Modibo Keita, erster Präsident Malis, war davor ebenfalls Abgeordneter im französischen Parlament, und noch einige andere Herrscher im frühen unabhängigen Afrika.

Türkei/Deutschland: Feleknas Uca stammt aus einer Familie yazidischer Kurden aus der Türkei, wuchs in Deutschland auf. Sie war für PDS bzw Die Linke 99-09 Abgeordnete im Europäischen Parlament. 2015 wurde sie in der Türkei für die HDP ins Parlament gewählt. Leyla Imret, ebenfalls eine türkische Kurdin (oder kurdische Türkin…), war in ihrem Heimat-/Herkunftsland aktiv, als Bürgermeisterin von Cizre, für die BDP, dann die HDP. Ähnliches Muster wie Valls. In Deutschland als Vertreterin der HDP. Damit erfüllt sie eigentlich nicht die Kriterien für die Aufnahme hier. Ozan Ceyhun verliess die Türkei nach dem Militärputsch 1980, nach Österreich, dann nach West-Deutschland.

Ceyhun wurde 1998 deutscher EP-Abgeordneter, für die Grünen. 2000 wechselte er zur SPD, wirkte für sie im EP. 2002 zog es ihn zurück in die Türkei. Dort wurde er angeklagt, vor 1980 als Mitglied der linken militanten Devrimci Yol an bewaffneten Überfällen und an einem Bombenanschlag teilgenommen zu haben und freigesprochen. Ceyhun wurde in der Türkei Berater für Politiker, arbeitete für Dervis Eroglu, Volksgruppenchef der türkischen Zyprioten, oder CHP-Politiker. Um 2010 wechselte er in das Lager der AKP. Bei einer der Parlamentswahlen 2015 kandidiert er, erfolglos. Damit ist er für hier passend. Dann wurde er türkischer Botschafter in Österreich.

Von 1918 bis 1920 bestand eine Republik Armenien, im östlichen Armenien, wenn auch nicht in exakt dem gleichen Gebiet wie das jetzige (post-sowjetische) Armenien. Einige der Führer dieses Staats waren davor im zum russischen Zarenreich gehörenden Armenien aktiv gewesen.(46) Avetis Aharonian wuchs im russischen Ost-Armenien auf, war dort armenisch-national engagiert (in der Daschnak), wurde dafür vom Zarenregime inhaftiert; 18-20 war er Parlamentspräsident und damit gleichzeitig Staatsoberhaupt dieses Armeniens. Mit dessen Untergang ging er in’s westliche Exil, war schriftstellerisch tätig, starb in Paris. „Dro“ Drastamat Kanayan stammte wie Aharonian aus Surmali/Igdir, das damals im russischen, östlichen Armenien lag. Auch er ein Daschnake, kämpfte im 1. WK im Militär des Russischen Reichs gegen jenes des Osmanischen. War in der kurzen Zeit der Unabhängigkeit von (dem östlichen) Armenien Verteidigungsminister; ging dann auch ins Exil. Alexander Khatisian war ein Armenier in Georgien, was damals (spätes Zarenreich) aber auch russisch war. War Bürgermeister von Tiflis/Tbilisi, von 1910 bis 1917. War in der Republik Armenien Premierminister und Verteidigungsminister.

Zu jenen Österreichern, die in (der Republik) Österreich und nach dem Anschluss im nationalsozialistischen Deutschen Reich politisch wirkten, gehört Odilo Globocnik. Er hat ausserdem noch Österreich-Ungarn erlebt und südslawische Vorfahren gehabt. Zu ihm mehr im Kärnten-Artikel

Salva Kiir, ein katholischer Dinka aus dem südlichen Sudan, kämpfte für die Anyanya-Miliz im ersten Bürgerkrieg Sudans (der von 55 bis 72 ging), im zweiten (83-05) für die SPLM bzw ihre Miliz SPLA. Er wurde in der SPLM Nr. 2 hinter John Garang, dann sein Nachfolger. Nach dem Friedensabkommen war er Vizepräsident des Sudans (05-11), in dieser Zeit auch Regierungschef von Süd-Sudan (das noch zum Sudan gehörte). 2011 wurde dieses Land unabhängig (dürfte der jüngste Staat der Welt sein, der international anerkannt wird), mit Kiir als Präsident. Sein Engagement im Sudan war eigentlich rein auf die Abspaltung des Süd-Sudans ausgerichtet

Johannes Gerstenberger, 1862-1930, war Bessarabien-Deutscher (Eltern/Grosseltern sind 1815 aus Sachsen ausgewandert), war Grossgrundbesitzer, bei Akkerman (dort auch in der Kreisvertretung, in russischer Zeit), war 3x verheiratet, 1906/07 in der Duma (möglicherweise als Minderheitenvertreter). Nachdem Bessarabien/Basarabia nach dem 1. WK von Russland zu Rumänien kam(47), war Gerstenberger 1919-22 Abgeordneter im rumänischen Parlament für die Volkspartei (PP) von Alexandru Averescu. Er war auch eine Führungsperson im Verband der Deutschen in Rumänien (VDR/UGR). Er ist einer der Vielen hier, die durch Grenzänderungen infolge des 1. WK in einem anderen Staat zu leben kamen

Ahmad Shukeri: 1908 im (damals osmanischen) Libanon als Sohn eines Palästinensers (der im osmanischen Parlament war) und einer Türkin geboren, lebte dann im britischen Palästina (Jus-Studium in Jerusalem/Quds), war damals u.a. im Arabischen Hoch-Komitee aktiv, der Führung der Palästinenser. Nach der israelischen Staatsausrufung und den damit verbundenen „Säuberungen“ wirkte er in der syrischen Delegation zur UN, war saudi-arabischer UN-Botschafter, stellvertretender Generalsekretär der Arabischen Liga, 1964 ein Gründer und erster Vorsitzender der PLO (Kongress im damals jordanischen Ost-Jerusalem), bis nach dem Krieg 67, starb 1980 in Amman. Er ging ein etwas mehr „Wege“ als sein Land (Palästina) in diesen Jahrzehnten. Siehe auch Arafat, Husseini

Die Entwicklungen, Wandlungen und Umformungen der deutschen Staaten sind ein Kapitel für sich. Otto I. („der Grosse“) war König des Ost-Frankenreichs, ab 936, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs seit 962. Hat er in/über zwei Staaten geherrscht? Wenn man die Umwandlung der Südafrikanischen Union 1961 in die Republik Südafrika nicht als die zu einem anderen Staat sieht, kann man das hier auch nicht. Davor gab es ja die Teilung des Frankenreichs, auch so ein Schritt. Etwa 170 Jahre bevor ein Deutsches Reich unter preussischer Führung entstand, entstand das Königreich Preussen, aus Brandenburg-Preussen, das eine Personalunion aus der Markgrafschaft Brandenburg und dem Herzogtum Preussen war. Friedrich I. aus dem Haus Hohenzollern war seit 1688 als Friedrich III. Kurfürst/Markgraf von Brandenburg sowie Herzog in Preussen, und krönte sich 1701 als Friedrich I. zum ersten König in Preussen.(48) Auch nicht wirklich die Transformation in einen anderen Staat.

Grab Vittorio Emanuele II. im Pantheon in Rom

Aber: Wilhelm I., König von Preussen, wurde dann auch Kaiser von Deutschland. Auch sein Kanzler Bismarck machte diesen „Spagat“. In Italien wurde Vittorio Emanuele (II.) di Savoia 1849 König von Piemont-Sardinien, 1861 König von Italien – die Schaffung Italiens bedeutete streng genommen eine Namensänderung und eine Vergrösserung Sardiniens. Das Deutsche Reich wurde 1918 eine Republik, blieb aber der selbe Staat. Der Übergang 1933? Ein Grenzfall vermutlich. Jener vom Deutschen Reich zu BRD und DDR bedeutete der zu einem anderen Gebiet und einem anderen System, war einer zu neuen Staaten. Die ersten Präsidenten/Staatsoberhäupter der beiden deutschen Staaten nach dem Untergang des Deutschen Reichs im 2. WK waren beide auch schon in der Weimarer Republik aktiv gewesen: 

Theodor Heuss sogar schon im Kaiserreich, in der FVP (und Vorgängerparteien), dann in der Weimarer Republik in der DDP (als Abgeordneter), in der BRD in der FDP: Parteichef, Bundespräsident. Wilhelm Pieck aus dem östlichen Teil Gubens in der Neumark (Ost-Brandenburg) kam aus der SPD, war Mitbegründer der KPD, für sie im Reichstag, dann im Exil in der SU, in der SBZ an der Gründung der SED beteiligt, wurde 1949 Staatspräsident der DDR. Es gab auch Jene, die im „Grossdeutschen Reich“ in gewisser Hinsicht politisch tätig waren, und dann in der BRD. Theodor Oberländer etwa (in der NSDAP sehr aktiv, dann für GB/BHE Vertriebenen-Minister), oder Hanns M. Schleyer. Schliesslich gab es die Politiker aus der demokratischen Endphase der DDR, die in der vergrösserten BRD tätig waren. Am prominentesten CDU-Leute, wie Lothar de Maiziere (DDR-Ministerpräsident, dann BRD-Bundesminister), Sabine Bergmann-Pohl (Volkskammer-Präsidentin, Bundesministerin). Angela Merkel war stellvertretende Sprecherin der De Maiziere-Regierung

Peter Heinrich ist einer Jener mit Bezug zu Rumänien oder dem SHS-Reich (aus dem Jugoslawien wurde). Er stammte aus (einer donauschwäbischen Familie in) Hatzfeld im Banat, das zur Zeit seines Aufwachsens zu Österreich-Ungarn gehörte. Nach dem 1. WK kam dieser Teil des Banats zu Serbien bzw dem SHS-Reich. 1923/24 kam Hatzfeld/Zsombolya/Žombolj/Jimbolia infolge einer Grenzbereinigung zwischen dem SHS-Reich und Rumänien zu Rumänien. Heinrich war 1923/24 im Parlament vom SHS-Reich. 1931/32 war er im rumänischen Parlament. Nach dem nazideutschen Einmarsch sowohl nach Rumänien als auch nach Jugoslawien die Gegenoffensive von Roter Armee, der Banat wurde von ihr zusammen mit den jugoslawischen Partisanen eingenommen. Heinrich wurde noch 1944 in das Gefangenen-Lager der Partisanen in Zrenjanin/Gross-Betschkerek (in einem anderen Teil des Banats) gebracht, starb dort

Karl Tinzl ist in Österreich-Ungarn aufgewachsen, war für den Deutschen Verband (dessen Chef er war) in der Zwischenkriegszeit (1920er) im italienischen Parlament (Königreich, Faschismus). Er war dies auch für die SVP in der Nachkriegszeit (1950er, Republik). Dazwischen war er ein leitender Funktionär des Nationalsozialismus in Südtirol. Nach dem Tod Peter Hofers wurde Tinzl Ende 1943 zum kommissarischen Präfekten der Provinz Bozen ernannt und war damit einer der höchsten Beamten der „Operationszone Alpenvorland“, nur dem obersten Kommissar, Reichsstatthalter und Gauleiter Franz Hofer, unterstellt. Franz Hofer verbot alle Parteien, liess aber die italienische Verwaltung bestehen, nur freie Stellen wurden durch geeignete Vertreter der „deutschen Volksgruppe“ besetzt. Tinzl war in zwei Italiens (die aber den selben Staat darstellen) und einem Besatzungsregime über einen Teil Italiens aktiv

Angelika Mlinar, Kärntner Slowenin, Abgeordnete der NEOS im Nationalrat und Europäischen Parlament, trat bei der EP-Wahl ’19 für die slowenische liberale SAB-Partei an, wurde aber nicht gewählt. Mlinar war das, ohne die slowenische Staatsbürgerschaft zu haben(49)

Vladimir Lenin (Uljanow) war im Russischen (Zaren-) Reich aktiv (gegen dieses), hauptsächlich als Vorsitzender der RSDRP. 1900 bis 1917 war er im Exil, 1903 wurde er Führer der bolschewistischen Fraktion der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei. 1914-17, also die letzten Exiljahre, verbrachte er in der Schweiz, wo er auch davor schon einige Male gewesen war. Uljanow/Lenin hielt sich Bern, dann in Zürich auf, mit seiner Frau. Er war in der Schweiz politisch aktiv, im russischen Kontext, im internationalen, aber auch im schweizerischen. Lenin versuchte (vergeblich), Politiker der SP von der Notwendigkeit einer Revolution zu überzeugen. Der radikale Russe hatte vor Allem gegen den pragmatischen und einflussreichen Berner Sozialdemokraten Robert Grimm einen schweren Stand. Als der 1. WK losging, kam es in der Schweiz zu den geheimen Konferenzen der Zweiten Internationale in Zimmerwald (1915) und Kiental (1916); Lenin versuchte dort, die Genossen davon zu überzeugen, den Krieg zu einem Aufstand gegen den Kapitalismus zu nutzen, anstatt ihre Länder zu unterstützen.

1916 übersiedelte Lenin von Bern nach Zürich, wurde Mitglied der dortigen Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP), die u.a. von Fritz Platten geführt wurde. Im März 1917 erfuhr er von der Revolution in Russland (Februarrevolution), durch die der Zar gestürzt worden war. Natürlich wollte er jetzt zurückkehren, wurde dabei (u.a.) von Platten unterstützt, konnte (im April 17) über Deutschland und Skandinavien in das nun von der Provisorischen Regierung regierte Russland zurück kehren. Im November organisierte er dort die Oktoberrevolution gegen die Russische Republik, die im September ausgerufen worden ist, würgte die demokratische Entwicklung ab…und trat in die Weltgeschichte ein. Während in Russland unter Lenin Anfang 1918 die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik ausgerufen wurde (mit Lenin als Regierungschef) und die RSDRP-B in die KPR-B umgewandelt wurde, kam es in der Schweiz im November 18 zum Landesstreik.

An dem Lenins Bekannte Robert Grimm und Fritz Platten führend beteiligt waren. Verschwörungstheorien über den Streik drehen sich um eine Beteiligung Lenins (aus der Ferne), etwa Grimm habe von Lenin Instruktionen für den Landesstreik als Anfang einer kommunistischen Revolution in der Schweiz erhalten und es sei geplant gewesen, eine Sowjetschweiz unter Lenins Vertrauensmann Karl Radek zu errichten. Platten gründete 1918 die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) und war im Jänner 18 bei Lenin in Sowjetrussland, als dieser in einem Fahrzeug beschossen wurde; er soll ihm sogar das Leben gerettet haben. 1923 emigrierte Platten ganz in die nunmehrige Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (bzw Sowjetunion); fiel dort dann stalinistischen „Säuberungen“ zum Opfer.

Lenin war also aktiv im Rossiyskaya Imperiya (gegen dieses), der Russischen Republik (ebenfalls gegen diese), führend in der Russischen Sowjetrepublik und der Sowjetunion. Und eben in der Schweiz. Was die Transformationen Russlands 1917-22 betrifft, zumindest das Zarenreich und die SU sind unterschiedliche Staaten. Manche seiner Mitstreiter (wie „Stalin“) haben ebenfalls an diesen Veränderung Russlands mitgewirkt, aber nicht in einem Exilland

Eliahu Sasson, geboren 1902 in Damaskus, im damals osmanischen Syrien, Jude, Studium im Libanon, wirkte nach dem 1. WK in Syrien in der arabischen Nationalbewegung gegen die französische Herrschaft mit. Genaueres war dazu einstweilen nicht herauszufinden. 1927 emigrierte er in das britische Mandatsgebiet Palästina, nahm dort als Mizrahi seinen Platz in der entstehenden zionistischen Gesellschaft ein. War rund um Nakba/Ha’atzmaut aktiv, gegen die Palästinenser. Danach trat er in den Staatsdienst Israels ein, u.a. als Diplomat, eher er für die „Arbeiterpartei“ Abgeordneter und Minister wurde

Der palästinensische Mufti Mohammed Amin al Husseini war ein politisch-geistlicher Führer der Palästinenser, rund um die Zeit der Nakba, wurde nach dem Aufstand von 1936 von den Briten aus Palästina ausgewiesen. Er war im Irak, (Nazi-) Deutschland, Ägypten, Libanon im Exil. Er war in diesen Ländern auch mehr oder weniger „innenpolitisch“ aktiv (hauptsächlich im Irak), kollaborierte mit den deutschen Machthabern, wurde von ihnen ins besetzte Jugoslawien geschickt. Husseini wird herangezogen für eine Geschichts-Politik, auch von höchsten Stellen, die Holocaust und Zionismus (bzw „Nahostkonflikt“) in ein Schema pressen soll, in dem „Araber“ die Schuldigen an Beidem sind und ihre Anliegen illegitim. Stepan Bandera (OUN) hat versucht, eine von Russland unabhängige Ukraine zu schaffen, indem er die Wehrmacht in der Ukraine gegen die Sowjetmacht auszuspielen versuchte. Oder, Avraham Stern (LEHI) wollte auch den 2. WK als Gelegenheit nutzen, Palästina den Briten zu entreissen…durch ein Bündnis mit Nazideutschland

Nguyen Van Thieu wurde im Französischen Indochina geboren, war aktiv im Vietminh mit Ho Tschi Minh gegen Franzosen, machte einen Seitenwechsel zu deren „Kollaborateuren“ (Bao, Ngo, eine Art Proto-Südvietnam) weil der Vietminh kommunistisch war. Nach Unabhängigkeit und Teilung Vietnams war er in Süd-Vietnam (Republik Vietnam) zunächst im Militär aktiv, trat vom Buddhismus zum Katholizismus über. Dann der Vietnam-Krieg gegen Nord-Vietnam, während dem Nguyen 1963 Bao und Ngo stürzte. Er war in der dann herrschenden Junta, 65-67 Juntachef, 67-75 Staatspräsident. 1973 der Rückzug der USA, der Vormarsch von Nord-Vietnam und Vietcong… Nguyen trat im April 75 ab, danach hatte Süd-Vietnam noch 2 weitere Präsidenten in diesem Monat. Am 30. 4. 75 der Fall Saigons. Nguyen war am 26. mit einem US-Flugzeug nach Taiwan geflogen, verbrachte sein Exil dann in GB und USA.(50) Nordvietnams Präsident Ton wurde übrigens 76 Präsident des wieder-vereinigten Vietnams

Vaclav Havel war Präsident der Tschechoslowakei und nach deren Auflösung von  Tschechien; da das Territorium Tschechiens viel kleiner ist als das der Tschechoslowakei, ist es als anderer Staat zu sehen. In der Tschechoslowakei gab’s ausserdem einen Systemwechsel (CSSR>CSFR). Eigentlich war Havel auch in der CSSR politisch aktiv, sehr sogar, nur eben ohne politisches Amt und gegen diesen Staat

Alexandros Mavrokordatos stammte aus einer Phanarioten-Familie, ging an den Hof seines Onkels, der quasi-erblicher Fürst/Hospodar der Walachei war, für die Osmanen, nahm dann am griechischen Unabhängigkeitskrieg Teil. 1822 die Proklamation eines griechischen Staates mit ihm als Oberhaupt (Präsident) später war er auch Ministerpräsident

Grenzfälle:

Zunächst einige Leute, die in einem ihrer Betätigungsländer mehr militärisch als politisch aktiv waren. Roman Ungern von Sternberg war Baltendeutscher, und das Baltikum gehörte vor dem 1. WK zum Russischen Reich; Ungern war dort Offizier. Im 1. WK war er im osmanisch-persischen Grenzbereich eingesetzt, dann im Russischen Bürgerkrieg, in der Weissen Armee gegen die Rote. Als Kommandeur einer Einheit der Weissen Armee im Fernen Osten Russlands intervenierte er 1919 in China gegen die Autonomie der Inneren Mongolei. Die „Äussere“ Mongolei hatte sich 1911 mit russischer Hilfe von China unabhängig gemacht, im Zuge der Revolution in China. Der Bogd Gegen, ein buddhistisches Oberhaupt, proklamierte sich zum Bogd Khan der Mongolei. China erkannte die Sezession nicht an, räumte der Provinz 1915 nur gewisse Autonomierechte ein. Truppen der nunmehrigen Republik China (unter Xu Shuzheng) setzten 1919 den Bogd Khan (Ngawang Wangchug) ab und gliederten die Mongolei wieder in China ein.

Der Khan wandte sich an Ungern (damals in Transbaikalien) um Hilfe. Mit seiner Einheit marschierte dieser dann in der Äusseren Mongolei ein und stellte ihre Unabhängigkeit (unter dem Bogd Khan) von China wieder her. Ungern wurde vom Bogd Khan ein Ehrentitel („Khan der Mongolei“) verliehen und spielte für kurze Zeit eine kleine Rolle in der Regierung des Landes. Das war auch schon seine politische Rolle ausserhalb Russlands. Die bolschewistische russische Rote Armee versuchte dann in der Mongolei, eine Art Marionettenregime zu installieren, marschierte 1921 ein. Nach etwa sechs Monaten wurden Ungerns Truppen von der Roten Armee zerschlagen. Er selbst wurde gefangen genommen und getötet.

Marie-Joseph Motier de La Fayette war ein französischer adeliger Offizier, der 1876-82 im Unabhängigkeitskrieg der 13 britischen Nordamerika-Kolonien (gegen die Kolonialmacht) voluntierte. Nach seiner Rückkehr war er unter König Louis XVI. politisch aktiv (wurde in die Notabelnversammlung berufen). Dann spielte er als Mitglied der Generalstände bzw dann der Nationalversammlung während der Revolution eine Rolle. LaFayette war für eine Reform der Monarchie, aber ihre Erhaltung. Daher musste er 1792 untertauchen, wurde doch gefangen genommen, unter Napoleon Bonaparte 1797 befreit. Lafayette stellte sich dann auch gegen diesen. Nach der Restauration der alten Monarchie 1815 war er wieder Abgeordneter. Da diese Staatsform auch nicht das war, was er anstrebte, war er auch an der Revolution 1830 beteiligt. In Britisch-Nordamerika bzw USA also eine militärische Rolle, in Frankreich hauptsächlich eine politische.

Tadeusz Kościuszko stammte aus Polen-Litauen, führte Ende des 18. Jh einen Aufstand gegen die Teilungsmächte über Polen an, eine militärisch-politische Rolle. Geriet in Gefangenschaft, konnte in’s Exil, nahm am USA-Unabhängigkeitskrieg teil. Durch sein Engagement gegen die Besatzung/Teilung sowie im „Exil“ wurde Kosciuszko Nationalheld in Polen, Litauen, Weissrussland, USA. Er war mehr Militär, hatte aber eindeutig eine politische Agenda, setzte sich für die Aufklärung und (bzgl Nordamerika) gegen Sklaverei ein. George Washington war Oberst in der britischen Kolonialarmee in Nordamerika, hatte seinen Einsatz im Kolonialkrieg gegen Frankreich Mitte des 18. Jh, wurde dann militärisch-politischer Führer der Siedler der 13 britischen Nordamerika-Kolonien, die sich 1776 als “United States of America” unabhängig erklärten, diese Unabhängigkeit dann bis 1783 von Grossbritannien erkämpften – und erster Präsident dieser USA.

Er hat Einiges mit „Atatürk“ gemeinsam. Der hat im Osmanischen Reich eine militärische Rolle inne gehabt, dann eine in der Schaffung eines neuen Staates (die eine militärisch-politische war), dann die Führung in dem neuen Staat (Republik Türkei). In der Endphase des Osmanischen Reichs herrschten die Jungtürken, darunter Enver Pascha (ein Offizier, 1914-18 Kriegsminister,…). Nach Kriegsniederlage und Sturz flüchtete er zunächst nach Deutschland, wo er über Karl Radek (↑) Kontakte zur sowjetrussischen Führung aufnahm. 1921 kam er ins sowjetrussische Zentralasien, wo er Unabhängigkeitsbestrebungen dortiger Moslems niederschlagen sollte. Er tat aber das Gegenteil, versuchte einen pantürkischen Aufstand zu entfachen, er der wie auch die anderen Jungtürken-Führer nichttürkischer Herkunft war. 1922 wurde er dabei von russischen Soldaten erschossen.

Seleukus Nikator war einer der Diadochi, der rivalisierenden Generäle, Verwandten und Freunde von Alexander „dem Grossen“, die gegen einander um seine Nachfolge als Herrscher des Riesenreichs kämpften. Seleukus begründete das Seleukiden-Reich, das sich von der Levante bis nach Zentralasien erstreckte, wurde dessen erster Herrscher. Er war im Gesamtreich Alexanders militärischer Machthaber, im Nachfolgereich ein politischer, eben so wie Ptolemäus und Antigonos. Ernesto „Che“ Guevara war in seinem Heimatland Argentinien nicht wirklich aktiv, erst auf Reisen in Lateinamerika, in Guatemala begann es, in Mexico ging es weiter, dann der Sprung nach Cuba – wo er nach gelungenem Umsturz u.a. Industrieminister war. Von dort aus wurde er international aktiv, hauptsächlich in Congo und Bolivien (jeweils militärisch).

Massud und Maryam Rajavi, die Führer der (exil-) iranischen Mujahedin-e Kalq dien(t)en verschiedenen Herren, unterstützten mal Khomeini, dann Saddam, nun die amerikanischen Neocons und ihre Verbündeten. Im Irak hatten sie möglicherweise eine innenpolitische Rolle Inne. Der Algerier Ahmed Ben Bella diente in der Exilarmee des „Freien Frankreichs“, war auch Fussballer in Frankreich, dann Rat einer Gemeinde im französischen Algerien: er zog nach dem französischen Massaker in Setif 1945 in den Kampf um die Unabhängigkeit Algeriens. Wurde nach der Unabhängigkeit Algeriens Präsident. Auch Schapur Bachtiar gehört hierhin, der letzte von Schah Mohammed Reza Pahlevi ernannte Premier Irans kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg und im französischen Widerstand gegen die nazideutsche Besatzung.

„Tito“ im 1. WK in der Armee von Österreich-Ungarn, dann im SHS-Reich bzw Jugoslawien politisch aktiv, begründete das zweite Jugoslawien. Der Armenier Monte Melkonian lebte nacheinander in USA, Iran, Libanon, Frankreich, Süd-Jemen, Sowjet-Armenien, dem unabhängigen Armenien. Ausser in seinem Geburtsland USA war er überall politisch aktiv, aber mehr militärisch-revolutionär als politisch; und in der USA war er evtl. auch irgendwie politisch. Der Apachen-Aktivist Geronimo/Goklayeh war gegen Mexico (und nachdem das Gebiet an diese kam) und gegen die USA aktiv. Er war ein Führer der Bedonkohe-Apachen, aber hauptsächlich militärisch-guerillaartig aktiv. Ma Bufang war Kriegsherr in der Republik China als diese ganz China umfasste, emigrierte dann in jenen Teil der Republik die auf die Insel Taiwan begrenzt ist.(51)

Grenzfälle sind auch Regional-/Lokalpolitiker, die unter verschiedenen staatlichen Hoheiten wirkten. Bereits genannt wurden ja solche wie Kiir, die nahe daran sind, „Autonomiepolitiker“ die vor/nach dem Transfer eines Gebiets von einem Staat zu anderem wirkten, ohne in diesen Staaten „an sich“ mitzuwirken. Zwei Beispiele für Lokalpolitiker die einen solchen Transfer mitmachten: Julius Perathoner (Deutschfreiheitliche Partei) war von 1895 bis 1922 Bürgermeister Bozens („letzter deutscher“), ausserdem von 1901 bis 1911 Reichsratsabgeordneter in Wien und von 1902 bis 1907 Landtagsabgeordneter in Innsbruck. 1922 wurde er infolge des faschistischen Marsches auf Bozen zusammen mit dem Stadtrat abgesetzt und durch einen kommissarischen Verwalter ersetzt. Karl E. Schnell war 1911 bis 1926 Bürgermeister von Brasso/Brasov/Kronstadt.

Dann gibt es Jene, die für die Unabhängigkeit eines Gebiets kämpften und damit gewissermaßen in dem Staat, den sie bekämpften, wirkten; und dann nach der Unabhängigkeit in dem nun unabhängigen Staat. Ähnliche solche Fälle wurden ja schon genannt: O’Donoju (Seitenwechsel!), Carmichael (kämpfte gegen eine bestimmte USA, aber nicht für die Abspaltung eines Teils von ihr), Odoaker (militärisch für die eine Macht aktiv), Tshombe, Gandhi (gegen Briten in Indien und Südafrika), Schurz, L. Botha, Lenin (Zarenreich), Havel, Haschemi (wirkte in Politik des Osmanischen Reichs, kämpfte dann aber für Abtrennung arabischer Gebiete von ihm), Mesic (in gewisser Hinsicht), Reut-Nicolussi, Pavelic, Adams,… Eamon de Valera wurde in der USA geboren als Sohn einer Irin und eines (baskischen) Spaniers (Name etwas geändert), begann sich für die Unabhängigkeit Irlands von GB zu engagieren.

Seine Kollegen als Unabhängigkeitskämpfer Irlands waren durch die Bank britische Staatsbürger, weshalb der Osteraufstand 1916 auch als Hochverrat gesehen/ geahndet wurde. De Valera wurde für seine Beteiligung am Osteraufstand im damals britisch beherrschten Irland zwar zum Tode verurteilt, aber (unter Anderem) durch seine USA-Staatsbürgerschaft vor der Hinrichtung bewahrt. Und, bis 1931 war Irland ein Teil des UK, somit waren dessen Autonomie-Führer (wie De Valera) auch in diesem aktiv. Isaias Afwerki führte die EPLF in ihrem Kampf um die Abspaltung Eritreas von Äthiopien, wurde Anfang der 1990er Präsident Eritreas, was er noch immer ist. (Ahmed) Fuad al Alawiyyah war 1917-22 Sultan Ägyptens unter britischer Hoheit, 22-36 König des unabhängigen Ägyptens. Salahdin, von der Ethnizität her Kurde, wirkte im Heer des Zengiden-Reichs (Syrien), das im 12. Jh im Fatimiden-Reich in Ägypten einfiel. Er wurde als Nachfolger von Sherko Wesir des Fatimiden-Reichs, löste dieses nach dem Tod des letzten Kalifen Hafiz auf, machte sich auch vom Zengiden-Reich unabhängig und begründete das Ayyubiden-Reich. Er ist Teil mehrerer nationaler Historiographien, aber die modernen Kategorien von Staat und nation greifen eben für diese Zeit nicht richtig.

(Ts)chiang Kai-Schek war de facto in 2 unterschiedlichen Staaten aktiv, „de jure“ immer nur für die „Republik China“ – diese hat 1949 gewissermaßen ihre Form verändert, als am Festland (gegen Ende des Bürgerkriegs) die Volksrepublik China proklamiert wurde, und sich die Führung der Republik auf die Insel Taiwan zurückzog. Und sein grosser Kontrahent Mao Tse-Tung (mit dem er gegen die Japaner zusammengearbeitet hat)? War in der Republik China, als sich diese auf ganz China erstreckte, nicht nur ein Milizenführer, sondern auch Chef der Kommunistischen Partei, die, auch wenn sie bei Wahlen nicht antreten durfte (was einer der Gründe für den Bürgerkrieg war…), neben der Kuomintang die wichtigste Partei dieses Staates war. Und dann eben der Führer der VR.

Tschiang & Mao 1945

Patrice Lumumba begann in Belgisch-Kongo, sich zu politisch zu betätigen, für die Unabhängigkeit des Landes (1958 Gründung des MNC), zunächst gegen den Widerstand der Kolonialbehörden. In dieser Zeit war er marginal in der belgischen Parti libéral involviert. In der Demokratischen Republik Congo war er 1960 etwa 3 Monate Premierminister. Dann die Frage der Pseudostaaten: Giuseppe Garibaldi engagierte sich zunächst militärisch in Südamerika, am Ende seiner „Laufbahn“ in Frankreich. Dann militärisch-politisch im Risorgimento: 1848/49 (Kriegsminister der Römischen Republik) und 1860/61 (Zug der Tausend, Diktator von Sizilien). Was überging in sein irredentistisches Engagement: 1862 für Rom gegen Franzosen, 1866 in Norditalien gegen Österreich. 1861-82 war er Abgeordneter im Parlament des Königreichs Italien. War die Römische Republik ein souveräner Staat?

Was seine Funktion in Sizilien betrifft, diese stellte eine Art Gegenregierung zum Regno delle Due Sicilie dar. Jefferson Davis war in der USA Minister und Abgeordneter im Congress, und 1861-65 Präsident der Confederate States of America (CSA). Die Frage ist, ob die CSA ein souveräner oder ein Pseudo-Staat war. Das gilt natürlich auch für all die Anderen, die in USA und CSA aktiv waren. Ähnlich stellt sich die Frage bei „Uzi“ Davis, einem Israeli der für die Palästinensische Autonomiebehörde aktiv wurde. Ist die internationale Anerkennung entscheidend? „Israel“ wird von vielen Staaten nicht anerkannt, von ähnlich vielen wie „Palästina“. Bei beiden Staaten stellt sich die Frage der Ausdehnung bzw Grenzen, ist mit der Anerkennung verbunden.

Amílcar Cabral wurde geboren in Portugiesisch-Guinea (späteres Guinea-Bissau) als Sohn kapverdischer Eltern (Cabo Verde, mehr oder weniger vor der Küste dieses Guineas), kehrte mit Familie dann auf die Kapverden zurück. Studium der Agrarwissenschaft in Lissabon (> viele weitere spätere Führer von Unabhängigkeitsbewegungen und Staatschefs portugiesischer Afrika-Kolonien dort kennengelernt). Gründete 1956 die PAI, die wegen verwirrender Namensgleichheit mit einer senegalesischen Partei bald umbenannt wurde in Partido Africano para a Independência da Guiné e do Cabo Verde (PAIGC). Die PAIGC führte von 1963 bis 1974 einen Guerillakrieg gegen die portugiesische Kolonialmacht, wollte CV und GB unabhängig machen und vereinen. Im Jänner 1973 putschte ein Teil der Miliz der PAIGC gegen die Kapverdier an der Spitze der Partei, Cabral wurde in Conakry getötet, letztlich vereitelte das Eingreifen des guineischen Präsidenten und seiner Truppen den Putsch. Im September 1973 rief die PAIGC die Republik Guinea-Bissau aus. Diese wurde 1974 nach der „Nelkenrevolution“ auch von Portugal anerkannt. Kap Verde wurde 1975 unabhängig. Nach der Unabhängigkeit beider Länder regierte die PAIGC in beiden Ländern als Einheitspartei. Ein Putsch in Guinea-Bissau am 14. November 1980 führte 1981 zur Trennung der bislang gemeinsamen Partei. Für Kap Verde wurde die Partido Africano da Independência de Cabo Verde (PAICV) gegründet und die Vereinigung beider Länder nicht mehr angestrebt, die PAIGC existiert nur noch in Guinea-Bissau. Cabral war vor der Unabhängigkeit dieser zwei Staaten aktiv, die er vereinen wollte,…

Bei Exilanten kommt es also auf die Frage der Betätigung im Gastland an (siehe Lenin,…). Grenzfälle hier sind zB Abdul Minty (Südafrika. Grossbritannien) und Ruhollah Khomeini (Iran, Irak). In welchen Staaten war der ukrainische Nationalist St(j)epan Bandera aktiv? Er wuchs im österreichisch-ungarischen Galizien auf, ein Gebiet das dann zum Polen der Zwischenkriegszeit kam, wurde Führer der OUN. Diese kämpfte zunächst gegen Polen, dann mit der Wehrmacht gegen die Sowjetunion, verbrachte seinen Lebensabend in Westdeutschland. Anatol Nathan Scharansky war Dissident in der SU, war aber eigentlich nur zionistisch aktiv, durfte schliesslich nach Israel auswandern, wurde dort Minister. Srđa Trifković wuchs auf in der SFR YU, wurde ein international tätiger Propagandist und Lobbyist für serbische nationalistische und andere rechtskonservative Belange, für den serbischen Pseudostaat unter Karadzic in BiH (das er nicht anerkennt), Exilserben wie Thronanwärter Aleksandar Karadjordjevic, als Berater von Kostunica, der Präsident von Rest-YU war und MP von Serbien.

Henri Curiel war in Ägypten und Frankreich aktiv; in Ägypten (als Jude) in der kommunistischen HADETU, wurde daher 1950 ausgewiesen unter König Faruk; in Frankreich war er aber eher international aktiv, für die FLN, den ANC, für Frieden in Israel/Palästina. Roger Casement war, als Ire, britischer Diplomat, quasi ein Agent des britischen Imperialismus, bekämpfte diesen dann, kämpfte für die Unabhängigkeit Irlands. Leopold Weiss kam als Jude im damals österreichisch-ungarischen Galizien zur Welt, wanderte aus der Republik Österreich ins britische Palästina aus, von dort nach Saudi-Arabien – dort dürfte er zum Islam konvertiert sein, nahm den Namen Mohammed Asad an. In Saudi-Arabien kam er in die Nähe von Machthaber „Ibn Saud“, in Pakistan wurde er Diplomat. Starb 1992 in Spanien

Infolge des Spanischen Erbfolgekrieges kamen Bourbonen-Nebenlinien auf den spanischen Thron und jene von zwei italienischen Fürstentümern, Parma-Piacenza und Due Sicilie. Die Häuser Borbone-Due Sicilie und Borbone-Parma wurden durch das Risorgimento entthront; die Bourbonen-Hauptlinie in Frankreich bereits 1815, die Linie in Spanien konnte sich behaupten. Nationswechsel bzw Doppelgleisigkeiten in einer Familie über Generationen zählen ja nicht, aber ein Bourbon-Parma zählt als Grenzfall. Und zwar einer der Söhne des 1859 entthronten letzten Herzogs von Parma (-Piacenza), Roberto (und einer portugiesischen Prinzessin): Francesco Saverio/ François Xavier/ Francisco Javier/ Franz Xaver. Der im Königreich Italien Geborene kämpfte im 1. WK in der belgischen Armee, wie sein Bruder Sixtus/Sixte/Sisto – drei andere Brüder kämpften auf der Gegenseite, in den Streitkräften von Österreich-Ungarn. Die Schwester war dort Gemahlin des neuen Kronprinzen (die Ermordung des vorherigen war Auslöser für diesen Krieg), wurde während des Kriegs Kaiserin bzw Kaisergattin. 1916 versuchte Sixtus von Bourbon-Parma ja bekanntlich, Österreich-Ungarn von seinen Verbündeten, den „Mittelmächten“, zu separieren und mit den Entente-Mächten (hauptsächlich Frankreich) zu „versöhnen“.

Im 2. WK wurde Franz Xaver von den Regierenden Deutschlands in „Konzentrationslager“ gesperrt. Er dürfte (zunächst) französischer Staatsbürger gewesen sein, aber auch in Italien, Schweiz, Österreich, Belgien und dann sehr stark Spanien lebte und wirkte er. Wichtig wurde er als Oberhaupt bzw Thronanwärter des karlistischen Zweigs der spanischen Bourbonen. Francisco Javier (mit einer Bourbon-Busset verheiratet) war über seine Mutter mit der (ersten) karlistischen Familie verwandt, über seinen Vater auch, weitschichtig. 1936 „provisorisch“ bzw 1952 „formal“ wurde Francisco Javier, Oberhaupt des Hauses Bourbon-Parma, von den Karlisten zu ihrem Chef gemacht, womit die zweite karlistische Dynastie begründet wurde. Spaniens damaliger Staatschef Franco bürgerte Francisco Javier und seinen Sohn Carlos Hugo ein, spielte sie gegen die Bourbonen-Hauptlinie aus, sie wurden Kandidaten für seine Nachfolge als Staatsoberhaupt Spaniens, bis zum Nachfolgegesetz von 1969. 1970 wurde die Partido Carlista (PC) gegründet, die bis 1977 (also im Franquismus) illegal gewesen sein soll. Francisco Javier de Borbón-Parma y Braganza anerkannte 1975 Juan Carlos I. als neuen König Spaniens. Mit seinem Tod 1977 übernahm sein Sohn Carlos Hugo de Borbon-Parma y Busset die Führung über das Hause Bo(u)rbon(e)-Parma sowie die spanischen Karlisten.

Der Iraner Mehdi Khalaji war in der Islamischen Republik Iran (im Regime, im Umkreis Khameneis!) und in der USA für die Regierung von Bush junior aktiv; besonders in der USA aber sehr „indirekt“; ähnlich verhält es sich bei Mohsen Sazegara. Abdulmejid Osmanoglu war 1922-24 nach Absetzung seines Cousins als Sultan letzter Kalif, also in der Zeit des Übergangs vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik, danach musste auch er ins Exil. Oswald Mosley war in der Zwischenkriegszeit in der britischen Politik aktiv, für die Konservative Partei (CUP)(52), wechselte zur Labour Party, war Minister ohne Geschäftsbereich, Gründer der British Union of Fascists (BUF), die mit Hitler-Deutschland kollaborierte, dafür interniert. Nach diesem Krieg in Europa war er häufig in Apartheid-Südafrika zu Gast.(53)

Adolf Lüderitz, Begründer der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, ist Teil der Geschichte Namibias, war aber doch nur im deutschen Kontext aktiv. Südwestafrika/Namibia gehörte niemals offiziell/de jure zu Südafrika, aber de facto seit Khorab/Versailles, bis 1990. Südafrikaner wie Louis Pienaar, der letzte Generaladministrator von Südwestafrika, waren auch „von Aussen“ im Land aktiv, waren Ausdruck dieser Fremdherrschaft. Die Wahl weisser Vertreter aus SWA ins südafrikanische Parlament bedeutete eine Art Eingliederung. Heinrich Vedder etwa, aus dem Kaiserreich als Missionar nach Deutsch-Südwestafrika gekommen, nach dem 1. WK geblieben, ethnographisch aktiv, wurde etwa in den 1950ern in den Senat der Südafrikanischen Union berufen. Es gab/gibt aber auch Deutschstämmige in Südwestafrika/Namibia, die gegen die südafrikanische Apartheid-Herrschaft kämpften, wie Hanno Rumpf, Klaus Dierks, „Calle“ Schlettwein. Diese drei waren dann auch im unabhängigen Namibia aktiv. Horst Kleinschmidt wiederum ging aus (dem damals südafrikanische beherrschten) Südwestafrika/Namibia nach Südafrika (wo er gegen die Apartheid kämpfte).

Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (damals im Osten Persiens), führte Anfang des 18. Jh einen Aufstand gegen den persischen Staat an, beendete die Herrschaft der Safawiden und wurde Herrscher über ein Land dass er verlassen wollte. Das „Hotaki-Reich“, eine Art Proto-Afghanistan, umfasste den grössten Teil des späteren Afghanistans, einen sehr grossen Teil (des eigentlichen) Persiens und eine Teil des heutigen Pakistans. Dieser Staat (dominiert von Ghilzai-Paschtunen wie den Hotakis) hielt sich unter Mirwais‘ Nachfolgern einige Jahrzehnte. Nader Afshar (wahrscheinlich ein Kizilbash), unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde Schah Persiens, machte es ungefähr so gross wie es unter den Sasaniden gewesen war, und fiel gleich auch in (Mogul-) Indien ein. Nach seinem Tod fiel es bald auseinander, im Kern-Persien gingen seine Nachfahren Ende des Jahrhunderts unter. Was die persischen Paschtunengebiete betraf, sie kamen unter Kontrolle von Ahmed Durrani (an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen), er eroberte unter Anderem auch die östlichen Paschtunengebiete (Teil des Mogulreichs), ein Reich aus dem Afghanistan entstand. Hotaki und Durrani, wenn man so will die 2 Väter Afghanistans, waren Vertreter der 2 grossen Paschtunen-Stammesverbände (Ghilzai und Durrani), beide waren auch mal Untertanen Persiens und dienten diesem in der einen oder anderen Art.

Herakleios wurde im frühen 7. Jh Kaiser des Oströmischen Reichs, das unter ihm  (durch seine Hellenisierungs-Maßnahmen) zum Byzantinischen Reich wurde. Byzanz behauptete sich unter ihm gegen das sasanidische Persien, dann verloren beide gegen die moslemischen Araber (siehe).

Alberto Fujimori: geboren in Peru als Sohn japanischer Einwanderer (Behauptungen zufolge ist er in Japan geboren), heiratete auch eine japanische Peruanerin, stieg 1990 von einer akademischen Karriere auf eine politische um, wurde zum Staatspräsidenten gewählt, regierte autoritär nachdem er im Parlament keine Mehrheit mehr hatte, 2000 (gerade zum 2. Mal wiedergewählt) drohten im diverse Anklagen, er nutzte eine Auslandsreise um in Japan Zuflucht zu suchen, Peru bemühte sich einige Jahre um seine Auslieferung, schliesslich wurde er in Chile 05 verhaftet (~ in Anreise nach Peru), 07 ausgeliefert, 09 verurteilt, 17 begnadigt. In Chile verkündete er Pläne, bei der Parlamentswahl in Japan anzutreten, ist auch Doppelstaatsbürger. Seine Kinder snd inzwischen in der Politik von Peru.

Der Sänger Alexander Rosenbaum, russischer Jude (wohl Doppelstaatsbürger), ist Abgeordneter der Putin-Partei Единая Россия (Yedinaya Rossiya) in Russland, und Unterstützer der anders undemokratischen יִשְׂרָאֵל בֵּיתֵנוּ‎ (Yisrael Beitenu) in Israel. Meir Kahane wiederum war in der USA und Israel tätig, wobei sich Zweiteres natürlich auch über die palästinensischen Autonomie- (Rest-) Gebiete erstreckt, mindestens. Sein Vater dürfte aus Polen in die USA eingewandert sein, stand jedenfalls Jabotynski nahe; er wurde auch vom Revisionistischen Zionismus geprägt, hat ihn weiterentwickelt. Wurde orthodoxer Rabbiner, und hetzte über Reden und Schriften, womit er schon leicht den Bogen von USA zu Israel spannte. Die Gewalt, zu der er aufrief, deklarierte er als „Kampf gegen Antisemitismus“ (in der USA drohe ein Holocaust); er rief zur Einwanderung von Juden nach Israel auf. Er unterstützte nicht nur die Beschränkung der israelischen Demokratie auf Juden und die Annexion von Westjordanland und Gaza-Streifen, sondern auch weitere Herabsetzungen von Nicht-Juden in Israel-Palästina. Und, was manche Anhänger nicht so wahrhaben wollen, die Einführung der Halacha als Gesetzesgrundlage für alle Bereiche dort. Kahane war auch als Kalter Krieger unterwegs, mit seinem Partner Joseph Churba, angeblich für das FBI, jedenfalls gegen die Anti-Vietnam-Kriegs-Bewegung. 1968 gründete er in New York City die Jewish Defense League (JDL). Auch hier wurde (bzw wird) unter der Marke „Verteidigung“ Rassismus und Gewalt versteckt. Zu Kahanes terroristischen Aktivitäten im Rahmen der JDL gehörte die Planung von Bombenanschlägen auf die Mission der Sowjetunion in New York sowie die Botschaft Libyens in Brüssel. 1971 bekam er dafür bedingte Strafen… In diesem Jahr wanderte er schliesslich nach Israel ein, ging gleich in die Politik, gründete die faschistische Partei Kach.

Nicht-Juden im Gebiet Israel/Palästina sollten ihm zufolge entweder: noch eingeschränktere Rechte bekommen, mit „Kompensation“ das Land verlassen, oder es zwangsweise ohne „Kompensation“ verlassen. 1984 wurde Kach in das israelische Parlament (Knesset) gewählt, Kahane nahm den einen Sitz ein, blieb eine Periode lang, bis 88. In dieser Zeit brachte er Anträge auf Gesetze ein, die sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden verbieten sollten, die Rolle der jüdischen Religion im Land stärken,… Während seine Popularität (deshalb) wuchs, wurde er für das Establishment aufgrund seiner Explizitheit eine Peinlichkeit. Vor der Wahl 88 wurde Kach als Partei verboten. 1990 wurde Kahane in New York von einem ägyptisch-stämmigen US-Amerikaner getötet. Doch sein Erbe lebt. Und, „es“ ist, in Israel und in der jüdischen „Diaspora“ nicht einmal wirklich in den „Untergrund“ gedrängt worden. Der Kahanismus blüht, nicht nur in den israelischen/jüdischen Siedlungen tief in den palästinensischen Rest-Gebieten. Es war einer von Kahanes Anhängern, Baruch Goldstein (ebenfalls aus der USA eingewandert), der 1994 in der Ibrahimi-Moschee in Hebron 29 Palästinenser erschoss. Damals wurde Kach als Organisation von Israel verboten. Aber eben nicht die eigentlich ältere JDL oder die Kach-Sprösslinge. Wie Lehava (eine Organisation, die in Israel und den palästinensischen Restgebieten ebenfalls gegen Partnerschaften von Juden und Nichtjuden aktiv ist)(54), Internet-Krieger wie die Jewish Task Force oder masada2000, oder die Partei Otzma Yehudit, die in den vielen Wahlen in den letzten Jahren meist mit Netanyahus Likud verbündet war (und für eine Deportation der Palästinenser sogar aus den Restgebieten trommelt). Diese Form des jüdischen Suprematismus stellt auch ein Integrationsangebot für Mizrahis, Konvertiten und „Philosemiten“ dar. Die Darstellung von Kahane ist oft genau so nachsichtig und verständnisvoll wie die Verurteilungen von ihm für seine Gewalt-Aktivitäten in USA und Israel. Der englische Wikipedia-Artikel über ihn weiss etwa „he espoused militant views and actions to combat anti-Semitism…“, oder „He was an intense advocate for Jewish causes, such as organizing defense squads and patrols in Jewish neighborhoods and demanding for the Soviet Union to ‚release its oppressed Jews'“. Dafür sorgen auch organisierte Teams, die an Wiki-Artikeln arbeiten, die früher sogar persönlich von Naftali Bennett, einem politischen Erben Kahanes, angeleitet wurden.(55)

Schliesslich noch ein Blick auf potentielle „Nationswechsler“. Maria Vassilakou von den österreichischen Grünen bekam 2009 (bevor sie Wiener Vize-Bürgermeisterin wurde), das Angebot des griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou (PASOK; in der USA geboren…), stellvertretende Umweltministerin in seiner Regierung zu werden, was sie ablehnte. Ansonsten fallen Einem da hauptsächlich Leute in Sezessionsbewegungen ein, die Aussichten auf Erfolg haben. Wie Nicola Sturgeon, die Nachfolgerin von Alexander Salmond als Premierminister von Schottland sowie Chef der SNP wurde, auf ein neues Unabhängigkeits-Referendum hin arbeitet. Sturgeon war zuvor Abgeordnete und Ministerin Schottlands. Das aber Teil Grossbritanniens ist (seit über 300 Jahren). Bei einer Unabhängigkeit Schottlands hätte Sturgeon diesbezüglich mehr mit Salva Kiir als mit Eamon de Valera gemeinsam. Übrigens, die SNP strebt nicht mehr eine Republik für Schottland an, der britische Monarch soll in Personalunion Staatsoberhaupt bleiben. Wäre für Elizabeth Windsor ein zusätzlicher Titel. Es wurde aber auch der Chef der bayerischen Wittelsbacher-Familie, Franz, für ein unabhängiges Schottland als König ins Gespräch gebracht; dies deshalb, weil das Haus Stuart ausgestorben ist und die Ansprüche im 19. Jh durch Heirat auf die Wittelsbacher übergingen.(56)

(1) Von Braun arbeitete in beiden Ländern eng mit dem Staat zusammen

(2) Seit der Unabhängigkeit des Vatikans 1929 gilt das selbe: Päpste machen in gewisser Hinsicht einen Nationswechsel, aber ihre politische Macht beginnt erst als Staatsoberhaupt der Vatikanstadt und ist nicht auf diese beschränkt

(3) Mannerheims Titel wird auf Deutsch genau so übersetzt

(4) Ihr Mann Cheddi Jagan ist im damals britisch beherrschten Guyana geboren

(5) „Reichsdeutsche“ unter ihnen, also solche die aus Gebieten kamen, die Teil des Deutschen Reichs waren (wie übrigens alle die hier Genannten), sind von einem Deutschland in ein anderes gegangen, sie würden zählen (wenn sie im Herkunftsgebiet politisch aktiv gewesen wären)

(6) Also aus einem Gebiet, das nicht Teil des Deutschen Reichs gewesen war, auch nicht Teil des Deutschen Bundes oder des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, trotz der Zugehörigkeit (mit Ungarn) zu Österreich in späteren Jahrhunderten; in Österreich-Ungarn gehörte Siebenbürgen zur ungarischen Reichshälfte (war dort in 15 Komitate eingeteilt)

(7) Hitler bekam 1932 die deutsche Staatsbürgerschaft

(8) Bei Neoklis Sarris, auch ein Istanbul-Grieche, war es umgekehrt, er war nach seiner Auswanderung/Vertreibung aus der Türkei (wo er Berater von Patriarch Athenagoras gewesen war) in der griechischen Politik aktiv

(9) In der Schweiz war er für die Auslandsorganisation der PSI aktiv, in Österreich-Ungarn war er im Trentino, der ja dann bald Teil Italiens wurde

(10) Rakosi ging 3x von Ungarn nach Sowjetrussland, er war dort u.a. in der Komintern tätig, was aber keine Betätigung in der Politik der SU (des Gastlandes) war

(11) Racziewicz wuchs im Russischen Reich auf, war in der ersten Polnischen Republik Parlamentspräsident, flüchtete nach dem deutschen Einmarsch 1939 und wurde erster Präsident der polnischen Exilregierung, anstatt des zuletzt amtierenden Moscicki

(12) Auch er: im Irak unter einem Regime verfolgt, im anderen führend

(13) Französisch, das er erst in der Schule lernte, sprach Schuman zeitlebens mit einem moselfränkischen Akzent

(14) Auch wenn er in der Krakauer Wawel-Burg residierte, wie einst polnische Könige

(15) Haile Selassie war zu dieser Zeit im Exil

(16) Ganz streng genommen war Karadzic ja in Jugoslawien aktiv, nämlich 90-92, als BiH noch Teil von diesem war (und danach eben in bzw gegen BiH)

(17) Dort steht auch: Während ihrer Zeit als ungarische Reichstagsabgeordnete wurde 1943 ein Handgranatenattentat auf diese drei deutschstämmigen Abgeordneten verübt, welches jedoch fehlschlug. Der Täter, ein sich betrogen fühlender SS-Mann auf Heimaturlaub, hatte die Abgeordneten für die Einberufung von „Volksdeutschen“ zur Waffen-SS verantwortlich gemacht

(18) Der BMN, der sich 1930 auflöste, wurde aber an keiner Regierung Polens der ZKZ beteiligt. In ihm waren (spätere) Zionisten wie Nazis aktiv

(19) Hauptsitz und Sekretariat des ENK befanden sich anfangs in Genf und wurden 1927 nach Wien verlegt. Er hatte Beobachterstatus beim Völkerbund, gab die Zeitschrift „Nation und Staat“ heraus, veranstaltete jährliche Tagungen

(20) Manche wurden aus diesem Lager in Internierungslager in britische Kolonien in Afrika gebracht, hauptsächlich nach Eritrea und Sudan…sind übrigens jene Staaten, aus denen heute ein Grossteil der („illegalen“) Einwanderer aus Afrika nach Israel kommen

(21) Zionistisches Engagement zählt hier nicht, sondern solches in der Politik dieser Länder

(22) Sein Bruder Jakub überlebte in der SU, wurde nach dem 2. WK führender Funktionär im kommunistischen System

(23) Nach der Nakba/Ha’atzmaut „kassierte“ Trans-Jordanien einen Teil Palästinas, mit dem östlichen Jerusalem/Jebus/Quds. Abdullah wurde dort 1951 ermordet

(24) In dem jede der 6 Teilrepubliken sowie die beiden autonomen Provinzen Serbiens mit je 1 Vertreter repräsentiert waren

(25) Zwischen Drnovsek und Mesic war der Serbe Jovic Staatspräsidiums-Vorsitzender, dann interimistisch der Kosovo-Serbe Bajramovic

(26) Im Oktober 91 hatten Tudjman, Mesic und Markovic gerade eine Unterredung in Tudjmans Amtssitz in Zagreb, als dieser von Kampfflugzeugen Restjugoslawiens bombardiert wurde

(27) Das ist eine der Kuriositäten aus diesem Auseinanderfall, einmal eine nicht blutige. Auch dass Naser Oric, ein Srebrenica-Verteidiger, Anfang der 90er Milosevics Leibwächter war, und den serbischen Oppositionellen Vuk Draskovic verhaftete, ist so eine. Im Haager Gefängnis gab es in den 00er-Jahren ein Wiedersehen zwischen Milosevic und Oric

(28) Tudjman war in YU als Dissident politisch aktiv gewesen, war zuvor Partisan

(29) Der eigentliche Machthaber in SU-Zeiten war aber der Parteichef („-sekretär“)

(30) Der Putsch sollte eigentlich die Delegation von Macht an die Teilrepubliken verhindern!

(31) Vladimir Putin ist hier eigentlich ein Grenzfall: KGB-Offizier, der er in der SU war, war kein politisches Amt, Putin war aber 90/91 Berater des Petersburger Bürgermeisters Anatoli Sobtchak

(32) Davon 28 Jahre als unabhängiges Land

(33) In Portugal weniger als 2 Monate; aber er war ja am Ende seines Lebens wieder dort aktiv

(34) Siehe dazu: Ali Kalirad: „From Iranism to Pan-Turkism: A Less-known Page of Ahmet Ağaoğlu’s Biography“, Iran and the Caucasus, Volume 22, Issue 1 (2018), pp. 80–95

(36) Was auch unterstreicht, dass er im dortigen politischen Kontext aktiv war

(37) Am Ende: „…Sowohl aus den Worten des Staatskanzlers Dr. Renner als auch aus denjenigen des Präsidenten Hauser hat das Versprechen geklungen, daß Sie die Solidarität der Sprache, der Kultur und der Geschichte, die Deutsch-Südtirol bisher mit den Deutschen Österreichs verbunden hat, wahren wollen, und daß Sie nicht auf uns vergessen werden. [Rufe „Nie! Nie!“] Wir nehmen Sie bei Worte! [Stürmischer Beifall und Rufe] Wenn wir jetzt in die finstere Zukunft hineingehen, so soll das unser einziger Trost sein, daß wir Landsleute und Volksgenossen besitzen, die uns in der Stunde der Not nicht vergessen, die uns in diesem entsetzlichen Ringen ihre Hilfe leihen werden. Ich erinnere daran, daß Jakob Grimm vor 71 Jahren in der Frankfurter Nationalversammlung als 1. Artikel der Deutschen Verfassung die Worte vorgeschlagen hat: Alle Deutschen sind frei und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Und selbst der Fremde und Unfreie, der ihn betritt, ist frei.“

(38) Der Rest wurde Moghulistan, Mogul-Khanat oder östliches Tschagatai-Khanat genannt

(39) Er soll sich zur 12er-schiitischen Islam bekannt haben und dann zum sunnitischen übergetreten sein

(40) Veröffentlichung im Jänner 2015, an dem Tag des „Charlie Hebdo“-Massakers

(41) Nachdem Christian A. von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg gestorben war

(42) Zur Zeit anerkennen 137 von 193 UN-Mitgliedstaaten Palästina (viele jener Staaten die Palästina nicht anerkennen, anerkennen aber die PLO bzw die PNA), 161 anerkennen Israel (in den Grenzen von 1949-1967)

(43) „The term ‚United Kingdom‘ has occasionally been used as a description for the former kingdom of Great Britain, although its official name from 1707 to 1800 was simply ‚Great Britain'“

(44) Er an die Spitze des von den Sowjets geschaffenen Polnischen Revolutionskomitees in Białystok gestellt, das die Aufgabe erhielt, in Polen die kommunistische Machtübernahme vorzubereiten

(45) Es war nicht herauszufinden, ob Villeré mit Charles Jacques Villeré (1828–1899) verwandt ist, ebenfalls ein Politiker aus Louisiana. Dieser wurde in das Parlament (Congress) der Confederate States of America gewählt; und war Schwager von P. G. T. Beauregard

(46) Bevor Armenien dann ein Teil der Sowjetunion wurde, war es 20-22 eine de jure unabhängige Sowjetrepublik. Ein Spitzenpolitiker dieses Staats war der genannte Mjasnikow; er war allerdings nicht in der Republik Armenien (18-20) aktiv

(47) Es ist heute grossteils mit Moldawien/Moldau kongruent; nach dem 2. WK kam das Gebiet zur SU

(48) Friedrich II. „der Grosse“ war ab 1740 König in, ab 1772 König von Preussen

(49) Kar(e)l Smolle war österreichischer Politiker und möglicherweise slowenischer Diplomat in Österreich, siehe den Kärnten-Artikel

(50) Bei ihm ist man an Viet Thanh Nguyen und seinen Roman „Der Sympathisant“ (2017) erinnert

(51) An dieser Stelle: Terroristen wie Osama Bin Laden sind auch oft in unterschiedlichen Ländern aktiv, er etwa in Saudi-Arabien, Pakistan, Afghanistan, Sudan,…

(52) Verheiratet mit einer Curzon, dann einer Guinness

(53) Auf der Gegenseite wirkten auch Briten, wie Trevor Huddleston

(54) Wobei es hier (nicht nur für sie) einen Unterschied gibt hinsichtlich Palästinensern oder aber in Israel/Palästina lebenden Leuten aus den Westen

(55) Yesha Council (ein Siedler-Verband) und Israel Sheli (eine andere rechtsradikale Organisation/Partei) haben Kurse dafür abgehalten

(56) Daneben gibt es aber Nachfahren von früheren Stuart-Seitenlinien, und Arthur Stuart wäre hier der hochrangigste

Canada (Kanada), das ist der grosse weisse Norden, Eishockey, Celine Dion, William Shatner, Kiefer Sutherland, Joni Mitchell, Linda Evangelista, Justin Bieber, Margaret Atwood, die Royal Canadian Mounted Police, ein multikulturelles und sympathisches Land, wohlhabend, entwickelt und oft neutral. In vieler Hinsicht ist das Land auch (an der) Peripherie, hat keine eigenen Atomwaffen, viele „Trends“ wie die 68er-Bewegung kamen mit Verspätung hin, der letzte Krieg der dort ausgefochten wurde, war der zwischen USA und den noch britischen Kolonien Anfang des 19. Jh.(1) Das kanadische Militär hat aber an vielen Kriegen fernab der Heimat teilgenommen, an der Seite von GB oder/und USA, jene beiden Mächte, an die es sich in vieler Hinsicht anlehnt. Canada ist ein führender Teil des Westens, eine Mittelmacht. Was da auf en.wikipedia über das Land steht, stimmt ja: „It ranks among the highest in international measurements of government transparency, civil liberties, quality of life, economic freedom, and education. It is one of the world’s most ethnically diverse and multicultural nations, the product of large-scale immigration from many other countries…As a highly developed country, Canada has the seventeenth-highest nominal per-capita income globally as well as the thirteenth-highest ranking in the Human Development Index. Its advanced economy is the tenth-largest in the world, relying chiefly upon its abundant natural resources and well-developed international trade networks. Canada is part of several major international and intergovernmental institutions or groupings including the United Nations, NATO, the G7, the Group of Ten, the G20, the United States–Mexico–Canada Agreement and the Asia-Pacific Economic Cooperation forum.“

Aber, es geht hier auch um die andere Seite, die Abgründe gewissermaßen. Es geht zunächst um die Entstehung Canadas: „Ureinwohner“, Europäer (Erforschung, Inbesitznahme), der Krieg der 1763 zu Ende ging, mit dem die Briten die Franzosen aus Nordamerika herausdrängten, die Expansion der Briten, die Nachbarn (Russen, Dänen, Spanier, die USA), der Zusammenschluss britischer Kolonien ab 1867, wachsende Selbstverwaltung,… Wann war die Entstehung eigentlich abgeschlossen? 1949 mit dem Anschluss Newfoundlands war das heutige Territorium erreicht, innere Grenzen wurden nachher noch verändert. Aber, die Sezession der Provinz Quebec ist im Bereich des Möglichen in absehbarer Zukunft. Was die Unabhängigkeit von Grossbritannien betrifft, sind die Jahre 1931 und 1982 zu nennen. Aber, der britische Monarch ist ja etwa noch immer Staatsoberhaupt. Es wird auch um das Gemeinsame zwischen innerer Entwicklung und äusserer Politik gehen. Um Geschichte und Gegenwart dieses Landes, seinen Charakter. Zur Schreibweise: Warum eigentlich einen Landesnamen, der im Deutschen im Grunde der selbe ist wie in der jeweiligen Landessprache, anders schreiben? > Canada, Kenya, Congo,…

Die ersten Menschen auf dem amerikanischen Kontinent waren Asiaten, die vor etwa 15 000 Jahren aus Sibirien bzw Nordost-Asien nach Nordwest-Amerika (Alaska) kamen, über die Landverbindung die es damals gab (an Stelle der späteren, nach Vitus Bering benannten, Meeresstrasse).(2) Diese Völker kamen in mehreren Wellen, wanderten weiter in Amerika, hauptsächlich an der südlichen Küste Alaskas entlang, diversifizierten sich kulturell und ethnisch. Manche blieben im hohen Norden Amerikas bzw breiteten sich dort aus, im späteren Alaska, ins spätere Nunavut, und bis ins spätere Grönland. Für die Völker, die sich im Arktis-Raum herausbildeten, wie Inuit und Yupik, gibt es den Oberbegriff Eskimo (der gerne als Synonym für Inuit verwendet wird). Was das heutige Canada betrifft, es gibt dort nicht nur diese arktische Zonen, sondern auch (grössere) subarktische, und Teile des äussersten Südens haben gemäßigtes Klima und entsprechende Vegetation. Das Land mit Eisbären und das der Braunbären (u.a. Grizzlys). Bevor Europäer kamen, bewohnten also aus Asien stammende Völker Tausende von Jahren das spätere Amerika, auch seinen Norden. Diese „Ureinwohner“, „Indianer“, „indigenen Volksgruppen“,… im späteren Canada lassen sich einteilen in die Eskimo-Aleut-Völker am Nordrand dieses Kontinents(3) und weiter im Süden die Na-Dene-Völker (Westen) und Algic-Völker (Osten). Erstere umfassen hauptsächlich die athapaskische Sprach- bzw Volksfamilie, zu denen Chipewyan, Kutchin, Beaver/Dane-Zaa oder Slavey gehören, sowie (die) Tlingit. Zu den Algic-Völkern gehören Cree/Cri/Nehinaw, Algonquin, Blackfoot/Niitsitapi, Odawa, Micmac. Im Westen das Flachland, die Bisons, Tipis. Im Osten, im „Kanadischen Schild“, eine andere Kultur. Als die Europäer in der frühen Neuzeit kamen, lebten zwischen 200 000 und 2 Millionen Menschen im späteren Canada.

Um das Jahr 1000 herum segelten nordgermanischen Wikinger, von Norwegen aus, in den Nord-Atlantik, nach Island und Amerika. Unter Erik „dem Roten“ (Eirik Raude), Sohn des Thorvald, erreichten sie, von Island kommend, um 980 die Insel, die sie „Grønland“ nannten. Sein Sohn Leif Eirikson (Eriksson) soll dann weiter an (zu) den Küsten und vorgelagerten Inseln Nordamerikas gefahren sein, am späteren Newfoundland (auch eine Insel) gelandet sein, die Region „Vinland“ genannt haben.(4) Die „proto-norwegischen“ Wikinger waren die ersten Europäer in Amerika, an die Küsten Nordamerikas dürften sie gekommen sein. Die norwegischen Siedlungen im Südwesten von Grönland/ Kalaallit Nunaat bestanden vom 10. bis zum 15. Jh, wurden dann aufgegeben, die Verbindung dort hin riss ab für einige Jahrhunderte. Man weiss nicht genau warum, wahrscheinlich wegen Konflikten mit den Inuits und kälterem Klima. Das von den Wikingern wahrscheinlich so genannte Vinland (dann Newfoundland) ist der östlichste, vorgelagertste Teil des heutigen Canadas, fast alle europäischen Entdecker/Erforscher landeten zuerst dort. So wie die Seefahrer, die im ausgehenden 15. Jh, beginnenden 16. Jh aus England und Frankreich über den Atlantischen Ozean dorthin kamen.

Giovanni Caboto, Venezianer in englischen Diensten, landete gut 500 Jahre nach den Nordmännern auf der Insel vor der Küste Nord-Amerikas, die diese Vinland genannt hatten, portugiesische Seefahrer Terra Nova, die Franzosen Terre Neuve und Cabot(o) newe founde islande („neu gefundene Insel“), woraus sich Newfoundland ableitete.(5) Von Newfoundland/Neufundland gibt es einen Seeweg ins Innere des Landes, in das Gebiet der grossen Seen(6), und diesen hat der Franzose Jacques Cartier erforscht, bei seinen Entdeckungsfahrten in den 1530ern,1540ern. Da er am Tag des heiligen Laurentius 1535 dort hin kam, nannte er die Meeresbucht zwischen der Insel und dem Festland Golfe du Saint-Laurent und den Fluss Fleuve Saint-Laurent. Cartier und seine Männer trafen dort auf die Iroquois/Irokesen, die den Fluss Kahnawa’kye nennen. Als diese Irokesen die Franzosen auf ihre Stadt Stadacona (im heutigen Quebec) hinwiesen, redeten sie von „kanata“, was in ihrer Sprache allgemein Dorf/Siedlung bezeichnet, Cartier aber als Bezeichnung für eine Gegend an den Ufern des Fleuve Saint-Laurent verwendete – es ist heute allgemein akzeptiert, dass das Wort „Canada“ diese Wurzel hat. Es kamen in der frühen Zeit auch baskische Fischfänger nach Newfoundland (Taqamkuk in der Sprache der dort lebenden Micmac/ Mi’kmaq).(7) Den von Europa entdeckten Regionen brachte Europas Aufstieg am Ende unermessliches Leid, im späteren Canada war das wahrscheinlich etwas weniger drastisch als in anderen Regionen Amerikas.

Idealisierte Darstellung aus dem 20. Jh von der Landung Cartiers auf der Halbinsel, die er Gaspé nannte, 1534

Die systematische Erkundung und Kolonialisierung in Nordamerika durch Frankreich begann erst 1603 mit der Ankunft von Samuel de Champlain. Unter ihm wurden Port Royal (an der Küste) und Ville de Québec (am Fleuve Saint-Laurent) gegründet. Die Anfänge der Kolonie Neu-Frankreich (Nouvelle France) werden gerne auf Cartiers Ankunft gelegt, die Landnahme, Ansiedlung und wirtschaftliche Ausbeutung begann aber erst richtig im 17. Jh. Und zwar von der Atlantik-Küste den St-Lorenz-Strom hinauf, in das Seengebiet, von dort den Mississippi entlang bis zum Golf von Mexico. Es wurde im Norden von Newfoundland/Terre-Neuve zur Hudson Bay/ Baie du Nord und der kanadischen Prärie ausgedehnt, und wurde zum Süden hin immer schmaler und dünner besiedelt und befestigt; wobei der äusserste Süden von Nouvelle-France, die Stadt Nouvelle-Orléans, dann wieder ein „Schwerpunkt“ der Kolonie war, wichtigste Stadt neben Montréal im Nordosten, das Mitte des 17. Jh gegründet wurde. Die Ausdehnung veränderte sich immer wieder (tendenziell wurde die Kolonie immer grösser), war vor den Verlusten 1713 am grössten, über manche Gebiete bestand keine effektive Kontrolle (die lag dann bei „Indianern“ oder Engländern), sie wurden aber beansprucht. Nouvelle-France/ Neufrankreich bestand aus fünf Teil-Kolonien:

Canada, das Gebiet am St-Lorenz-Strom, das spätere Quebec, mit den Städten Montréal und Ville de Québec, die wichtigste, bevölkerungsreichste und entwickeltste Kolonie. Acadie im Nord-Osten, das Gebiet der Atlantikküste, südlich des Lorenz-Stroms, bestehend aus Küstengebiet, einer Halbinsel und der Île Royale (heute Cape Breton). Terre-Neuve/Newfoundland vor der Küste war zwischen Franzosen und Engländern umstritten, von 1583 bis 1713. Das 1583 gegründete St. John’s war die erste englische Kolonie in Nordamerika(8), danach erst begann die Kolonisation an der Atlantikküste südlich von Akadien, und die Inbesitznahme der Kangiqsualuk ilua, als Hudson’s Bay. Dieses Gebiet, das die Franzosen Baie du Nord nannten, war ebenfalls zwischen diesen Mächten umstritten. Die Hudson Bay Company wurde 1670 gegründet, nahm das Land um die Bucht in Besitz, als Rupert’s Land. Wie auch bei Terre-Neuve/Newfoundland/Taqamkuk war es dort so, dass die Engländer eher die „Herren“ waren. Die Engländer beherrschten die Bucht nördlich des damaligen Canada und die Küste südlich davon (östlich des Seengebiets). Für die Zeit ab 1707 spricht man übrigens von „Grossbritannien“, nach der Vereinigung von England und Schottland. Die fünfte Kolonie von Neu-Frankreich war Louisiane, das einzige Gebiet das nicht im heutigen Canada liegt, im Canada der Grenzen seit 1949.

Louisiane(9) reichte also vom Seengebiet (heute Grenzgebiet Canada-USA) den Mississippi hinunter bis zum Golf von Mexiko. Der Norden, das Gebiet um die fünf grossen (mit einander zusammen hängenden) Seen, war Haute-Louisiane oder Pays des Illinois, der Süden, das Gebiet am unteren Mississippi, war Basse-Louisiane. Louisiane war dünn besiedelt von Franzosen (besonders das Gebiet zwischen Seen und Golf), es gab die Flüsse hinunter Forts/Festungen, darunter Fort Détroit oder Fort Saint-Louis.(10) Die Bevölkerung in diesen Gebieten, wie die Sioux westlich des Seengebiets, wurden zT französisch geprägt. Ganz im Süden entstand Anfang des 18. Jh Nouvelle-Orléans. Dieser äusserste Süden von Louisiane war im Osten (Florida) und im Westen (Nuevas Filipinas) von Gebieten Neu-Spaniens (Nueva España) benachbart. Und es lag/liegt zur Karibik hin, die nach der ersten Kolonialisierungswelle über Amerika Teil Neu-Spaniens war, wo im 17./18. Jh dann Franzosen, Engländer, Niederländer,… eindrangen. Das Königreich Frankreich erlaubte nur katholische Siedler in Neu-Frankreich. Die Kolonialgesellschaften wurden unter König Louis XIV. verstaatlicht. Fahne der Kolonie war die des Mutterlandes, die weisse Fahne mit dem Bourbonen-Wappen und Lilien – die heutige Fahne von Quebec ist daran „angelehnt“.

Wirtschaftlich dominierten in Neu-Frankreich Jagd (> Felle!) und Fischerei, daneben etwas Schiffbau. Sklavereibasierte Plantagenwirtschaft gab es nur in Louisiane, besonders in dessen Süden (Basse-Louisiane), die anderen Gebiete waren klimatisch und vom Boden wenig bis nicht dafür geeignet. Sklaverei gibt es in der Geschichte Canadas wenig, weil der Naturraum wenig Ackerbau/ Körndlwirtschaft zulässt (somit auch keine Plantagen), Viehzucht/Hörndlwirtschaft schon eher.(11) Vom tiefen Süden in den hohen Norden: die arktischen Inseln nördlich der Hudson Bay eignete sich ebenfalls England/Grossbritannien an, beginnend mit dem 16. Jh, mit den Entdeckungsreisen Frobishers. Der Engländer Martin Frobisher segelte gegen Ende des 16. Jh in den hohen Norden Amerikas, das Gebiet zwischen Kangiqsualuk ilua (Hudson Bay) und Kalaallit Nunaat (Grönland), kam in Kontakt mit Inuit auf Qikiqtaaluk (Baffin Island). Ebenfalls an die Nordwestpassage (Durchfahrt Atlantik-Pazifik am Nordrand Amerikas) wagte sich sein Landsmann William Baffin (16./17. Jh) heran. Die Briten benannten dann die grösste Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels nach ihm. Die British Arctic territories umfassten nicht die Inseln in der Hudson Bay, die zu Rupert’s Land gehörten, waren auch Teil von Britisch-Nordamerika. Frobisher verschleppte Inuit von den Inseln nach England.

In Neufrankreich, Britisch-Nordamerika, Neuspanien,… gab es diverse „Interaktionen“ der Kolonialherrscher mit den Einheimischen. In Neufrankreich gab es Sioux, Cree, Iroquois, Odawa, Algonkin (darunter Mohikaner), Inuit,… Die Europäer in Nord-Amerika pflegten auch Handels-Beziehungen mit den „Indianern“ (v.a. über Pelze). Und Allianzen in Kriegen der Kolonialmächte gegeneinander. Auf Gleichrangigkeit beruhende Beziehungen waren aber die Ausnahme. Auch im späteren Canada, unter Franzosen und Briten, gab es gebrochene Versprechen und Verträge ggü den „Indianern“. Und die Dezimierung dieser Völker durch eingeschleppte Krankheiten (vor Allem Pocken), Zurückdrängungen des Lebensraumes der Betreffenden, Kämpfe, Massaker,… wie überall, wo Europäer hin kamen, auch Australien. Die ersten militärischen Aktionen gegen „Indianer“ in Nordamerika überhaupt wurden von Franzosen geführt. Im nördlichen Louisiane und in Canada (von Neufrankreich) wurden nicht wenige Ureinwohner in den subarktischen und arktischen Norden verdrängt. Anfang des 17. Jh – Anfang des 18. Jh gab es die „Biberkriege“ zwischen Franzosen und Irokesen, im Seengebiet, also im nördlichen Louisiane, um Fellhandel. Die Engländer und Niederländer unterstützten die Irokesen(12) in den Kriegen, die mit dem „grossen Frieden von Montréal“ 1701 zu Ende gingen, auf der Seite der Franzosen u.a. die Algonkin und Odawa. Die Rivalität zwischen England bzw GB und Frankreich wurde immer grösser, ihre Kolonialkriege begannen Ende des 17. Jh, und die amerikanischen Völker gerieten öfters zwischen die Fronten.

Dort wo es einen Frauenmangel für die französischen Siedler, Soldaten,… gab, kam es zu Partnerschaften mit einheimischen Frauen, überall in Nouvelle-France, im Süden (Basse-Louisiane) auch mit versklavten Afrikanerinnen. Die Frauen in diesen Verbindungen kamen aus allen Völkern dieser Regionen, die Kinder daraus wurden die Métis, die grossteils unter sich blieben, ein Mischvolk bilde(te)n, wie die Coloureds/Kleurlinge in der Kapregion in Südafrika. Nach 1763 waren die Métis unter britischer Herrschaft (wie auch die französischen Siedler), heute gibt es sie in Canada und USA, grossteils noch immer als eigene Ethnie. Fruchtbar waren auch Interaktionen zwischen Micmac/Mi’kmaq in Acadie mit den Franzosen. Die Micmac hatten ein Spiel mit Holz-Stöcken und einem Ball auf Eis, die Franzosen dort übernahmen und veränderten das Spiel. In der britischen Kolonialphase kamen weitere Einflüsse hinzu (v.a. Shinty) und so entstand das Eishockey. Mit dem Sommersport Lacrosse verhielt es sich ähnlich. Die Indianer Nordamerikas waren auch in die Kriege der Europäer dort gegeneinander beteiligt, wovon jener zwischen Briten und Franzosen um die Mitte des 18. Jh der wichtigste war.

Zwischen 1689 und 1763 gab es 4 Kolonialkriege in Nordamerika, zwischen Grossbritannien und Frankreich, beide mit „indianischen“ Verbündeten bzw Untergebenen. Eine Bezeichnung im Englischen ist daher French and Indian Wars (Franzosen- und Indianerkriege). Die Kriege drehten sich um Kontrolle über Land in Nordamerika (beide Mächte expandierten ja), hingen aber jeweils mit europäischen Erbfolgekriegen zusammen. Besonders ging es um Kontrolle des westlichen Hinterlands der Kolonien, die ja im Osten Nordamerikas lagen. Und immer wieder um die Region um die Hudson Bay; dieses Randmeer, die Biber, ihre Felle, der Handel damit (hauptsächlich nach Europa). In manchen Konflikten waren auch spanische und niederländische Truppen dabei.(13) Wichtige Auswirkungen hatte der zweite dieser Kriege, der Queen Anne’s War bzw Deuxième guerre intercoloniale (1702-1713), verbunden mit dem Spanischen Erbfolgekrieg. Gekämpft wurde im Grenzgebiet zwischen Acadie und Neuengland (13 Kolonien, Britisch-Nordamerika)(14) sowie um Neufundland (profitable Fischereigebiete). Den britischen Kolonial-Truppen und ihren „Kollaborateuren“ gelang (1710) die Eroberung des französischen Akadiens (Acadie). Der Krieg um den spanischen Thron wurde in Europa, Nordamerika und im Karibikraum ausgefochten. Im Karibikraum trafen die Kolonialreiche der Briten und Franzosen ebenfalls aufeinander, auch Spanier und Niederländer hatten dort ihre Besitzungen; auch das spanische Florida (exterritorial vom restlichen Nueva Espana) war involviert.

Der Krieg in Amerika wurde mit dem Friedensabkommen von Utrecht 1713 beendet, der Krieg als Ganzes 1715. Durch den Frieden von Utrecht musste Frankreich seine Ansprüche auf Newfoundland/ Terre-Neuve und das Gebiet um die Hudson Bay/ Baie du Nord („Rupert’s Land“) aufgeben, diese Gebiete den Briten überlassen. Frankreich durfte die Insel St. Pierre et Miquelon bei Newfoundland behalten. Und, ein Teil von Acadie wurden britisch, die Halbinsel, die die Briten dann Nova Scotia nannten. Frankreich behielt dort das Festland sowie die Île Royale (Cape Breton Island) und die Île Saint-Jean (Prince Edward Island). Es konnte in dem Krieg durchsetzen, dass eine Bourbonen-Nebenlinie den begehrten „Job“ des Königs von Spanien übernahm. Der „heimliche“ Sieger dieses Kriegs auf zwei Kontinenten war aber Grossbritannien, wo während des Kriegs das Haus Hannover den Thron bestiegen hat. Natürlich auch wegen den Gewinnen in Nordamerika, aber es hat etwa auch die Monopolrechte für den Sklavenhandel nach Spanisch-Amerika bekommen (sich im Friedensabkommen zusichern lassen). GB (entstand als solches während Krieg) begründete gewissermaßen mit dem Spanischen Erbfolgekrieg seine Weltstellung, und die europäische Weltherrschaft als „Ganzes“ wurde ausgebaut. Nicht-europäische Völker lieferten in dem Krieg Hilfstruppen (die aus Asien stammenden Amerikaner) oder waren Handelsgüter (versklavte Afrikaner).

In Nordamerika blieb die Rivalität zwischen Franzosen und Briten, besonders dort wo das restliche französische Acadie und die britischen Gebiete Nova Scotia und New England aufeinander trafen. Der nördliche (weiter französische) Teil von Acadie wurde umstrittenes Gebiet zwischen den beiden europäischen Mächten. Den „Eingang“ vom Atlantik zum St-Lorenz-Golf hatten die Briten mit Newfoundland unter Kontrolle, bezüglich des „Eingangs“ zum St-Lorenz-Strom war den Franzosen neben Festland-Acadie die Inseln Royale, St. Jean und St. Pierre & Miquelon geblieben. Auf der Ile Royale bauten die Franzosen ab 1719 die Festung Louisbourg. Fort(eresse de) Louisbourg wurde eine wichtige Siedlung und ein Hafen. Daneben waren den Franzosen in Nordamerika natürlich Canada und Louisiane geblieben. Flächenmäßig war Neu-Frankreich noch immer grösser als Britisch-Nordamerika, doch war dieses riesige Land (weiter) spärlich besiedelt, besiedelt waren hauptsächlich das damalige Canada (heutiges Quebec), mit Montréal, Nouvelle-Orléans im Süden von Louisiane und das nördliche (Haute) Louisiane um die Süden, an der Atlantikküste hauptsächlich Fischerdörfer, und die Festungen gab’s natürlich. Vom britischen Nordamerika (Rupert’s Land, Newfoundland, Nova Scotia, die 13 Kolonien) waren hauptsächlich letztere stark besiedelt, ausserdem wirtschaftlich stark genutzt (Plantagenwirtschaft, mit Sklaven) und zu einem hohen Maß selbstverwaltet.

Im 18. Jh startete Dänemark, das Norwegen „geschluckt“ hatte, einen neuen Versuch der Kolonialisierung von Kalaallit Nunaat/ Grønland, diesmal nachhaltiger. Auch wenn eigentlich nur die südliche Küste beherrscht und besiedelt wurde und anfangs fast nur Walfänger kamen. Ebenfalls im 18. Jh kamen die Russen von der anderen Seite nach Nordamerika, aus Sibirien ins spätere Alaska. Das russische Zarenreich/ Kaiserreich expandierte in der Neuzeit unaufhörlich, erreichte im 17./18. Jh die Pazifikküste, von Kamtschatka ging es weiter, durch Schiffs-Expeditionen unter dem Dänen Bering. Nach dessen Entdeckung des Festlandes von Nordwest-Amerika 1741 begann das Russische Reich mit der Inbesitznahme des Gebietes, das später „Alaska“ genannt wurde, im Rahmen der europäischen Aufteilung Amerikas. Das Gebiet wurde Dalni Wostok (Fernost) genannt, wurde bewohnt von Tlingit, Yupik, Aleut/Unangan, Athabaskan, Inuit,…, die ethnisch-kulturell mit denen in dem Alaska gegenüber liegenden Land verwandt sind, wie den Tschuktschen, im Nordosten von Sibirien, hauptsächlich aus der Eskimo-Inuit-Völkergruppe. Vom späteren Tschukotka kamen auch einst die „Indianer“ oder „Eskimos“ nach Amerika, als es eine Landverbindung zwischen Nordost-Sibirien und Alaska gab.(15)    

Von 1713 bis 1744 herrschte weitgehend Frieden zwischen Neufrankreich und Britisch-Nordamerika. Wirtschaftlich dominierte weiter der Handel mit Tierfellen, in den auch die „Indianer“-Völker (Cree, Irokesen, Algonkin,…) involviert waren. Oft wird von dieser Zeit als dem goldenen Zeitalter Neufrankreichs gesprochen, doch: Dass man dem Frieden mit Grossbritannien nicht traute, zeigt sich zB dadurch, dass man um Montreal ab 1717 eine steinerne Stadtmauer baute. Dass Neufrankreich dann 1756-63 ganz unterging, zeigt dass man nicht wirklich gewappnet war. Die nicht-„weissen“ Einwohner der Kolonie hatten ausserdem dort einen ganz anderen Status und andere Lebensbedingungen. Und, die französischen Siedler in den von (Neu-) Frankreich abgetrennten Gebieten Nova Scotia (Akadier) und Newfoundland lehnten sich gegen die britische Kolonialherrscher auf. Die Briten siedelten dort u.a. Protestanten aus Deutschland (HRR) an, um ein „Gegengewicht“ zu den katholischen Akadiern zu schaffen. 1744–1748 der „King George’s War“, der amerikanische Teil des Österreichischen Erbfolgekrieges. Joseph Broussard („Beausoleil“) stellte in diesem Krieg eine Miliz aus Akadiern und Micmac auf, die Neufrankreich unterstützte, wie dann auch in späteren Kriegen.

1754–1763 dann der „French and Indian War“ oder „Guerre de la Conquête“, Teil des Siebenjährigen Kriegs, hauptsächlich zwischen Grossbritannien und Frankreich. Eine Schlüsselrolle (in der französischen Verteidigung) spielte das Fort in Louisbourg auf der Ile Royale, die 1758 schliesslich fiel. Briten wie Franzosen gingen in dem Krieg wieder Allianzen mit einheimischen Völkern ein.(16) Der Krieg ging mit dem Pariser Frieden 1763 zu Ende, das Ende von Nouvelle France, Frankreich musste in dessen Norden praktisch Alles davon an Grossbritannien abtreten: den Rest von Acadie und Canada. Von Louisiane kam der Osten (Mississippi die Grenze) ebenfalls an Britisch-Nordamerika, der Westen an (Neu-) Spanien. In diesem nun spanischen Gebiet lag auch Nouvelle Orleans. Frankreich durfte nur die Inselchen Miquelon und St. Pierre vor Newfoundland behalten. Der Krieg und sein Ausgang hatten absolut weltgeschichtliche Bedeutung, die USA wäre andernfalls nicht das geworden was sie wurde, GB wäre nicht so mächtig geworden,… So hätte es auch ausgehen können. Canada wurde zu Québec, mit einem Teil von Acadie; aus einem anderen Teil von Acadie wurde New Brunswick; die Ile St. Jean (ebf. Teil Acadies gewesen) wurde zu Prince Edward Island; die Ile Royale (Acadie) wurde von den Briten in Cape Breton Island umbenannt, kam zu Nova Scotia. Das östliche Louisiana (mit dem Seengebiet sowie Florida) wurde zur Indian Reserve, anschliessend an die 13 Kolonien.

Hinzu kamen im Norden Amerikas an britischen Besitzungen Newfoundland, Ruperts Land (HBC), die 13 Kolonien, British Arctic Islands/Territory. Hinzu kamen die Karibik-Inseln, die GB in Besitz genommen hatte (Jamaica,…), diese Region war über Jahrhunderte Umschlagplatz für versklavte Afrikaner, die zur Arbeit auf Plantagen im zirkum-karibischen Raum verkauft wurden. Dort hatten die Franzosen einige Besitzungen behalten. Im 18. Jh setzten die Briten auch im Karibik-Raum eine Dominanz durch, gegen Franzosen, Spanier, Niederländer, Dänen. GB baute seine Weltmachtstellung aus. 1763-1776 beherrschten die Briten den ganzen Osten von N-Amerika. Südwestlich daran schloss sich Neu-Spanien an, westlich davon gab es noch unabhängige „Amerikaner“ (Sioux,…). Irgendwo hoch im arktischen Nordwesten war dann das russische Amerika. Während die britischen Arktis-Inseln im Nordosten das dänische Grönland benachbarten.

1755, während des Kriegs, begannen die Briten mit der Deportation von französischen Siedlern aus Acadie/Akadien. Diese Deportationen/ethnischen „Säuberungen“ liefen bis etwa 1764, aus jenem Teil Akadiens der bereits vor dem Krieg britisch war (Nova Scotia), und jenem der während des Kriegs erobert wurde. Das Grand Dérangement führte hauptsächlich nach Neuengland (der Norden der 13 britischen Kolonien) und Grossbritannien. Andere französische Siedler gingen freiwillig nach Frankreich, andere anderswo hin, wenige blieben. Von 14 000 Acadiens wurden über 11 000 deportiert/vertrieben. Der genannte Broussard/Beausoleil führte während des Kriegs eine Art bewaffneten Widerstand gegen die Briten in Akadien an, wurde von diesen gefangen genommen. Nach dem Krieg wanderte er mit einigen Followern nach Saint-Domingue aus, französischer Teil einer Karibikinsel (heute Haiti). Von dort dann in den Süden des westlichen, nun spanischen, Louisianas. Dort entstand durch Vertriebene und Auswanderer aus Acadie die Gemeinschaft der Cajuns, die heute hauptsächlich im US-Bundesstaat Louisiana beheimatet ist. Dort verstärkten sie den französischen Charakter, etwa von Nouvelle Orleans. Die Vertreibung der Akadier ist der Grund, dass es heute im Osten Kanadas, den Atlantikprovinzen Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island (dem früheren Akadien), kaum Französischsprachige/-stämmige gibt.

Das Patrimoine, das Erbe von Nouvelle-France (17), lebte in der nunmehrigen britischen Kolonie Quebec weiter. Dort gab es, eben so wie im östlichen Louisiana (Indian Reserve, mit Illinois-Gebiet), zunächst keine Ansiedlung von Briten. Im Quebec Act von 1774 garantierte London der französischen Bevölkerung Quebecs den Schutz ihrer Sprache und ihrer (katholischen) Konfession. Die Briten kontrollierten die Städte Montreal und Quebec, liessen die Franzosen dort ansonsten zunächst grossteils in Ruhe. Das andere grosse „fremdstämmige“ Bevölkerungselement im britischen Nordamerika waren die einheimischen Völker Amerikas – die zT französisch geprägt waren (was sich noch heute an vielen Indianer-Namen in USA und Canada zeigt). Und dann gab es auch die Mischlinge aus Franzosen und „Indianern“ (Cree,…), die Métis, hauptsächlich ebenfalls in Quebec. Es entstand auch eine Gruppe von Anglo-Métis, aus Verbindungen von Briten mit „Ureinwohnern“. Die Briten hatten eigentlich vor, im Gebiet das sie Indian Reserve nannten, einen Indianerstaat zu gründen, bzw zuzulassen, im Seengebiet, in der Nachbarschaft von Quebec. Jedenfalls kam es dort nach der Übernahme der Herrschaft von den Franzosen zu einem Aufstand der Odawa/Ottawa unter Pontiac (1763 bis 1766).

Zwischen den Siedlern in den 13 britischen Kolonien in Nordamerika und der Kolonialverwaltung war es infolge des 7-jährigen Kriegs trotz gemeinsamen Erfolgs zu einer Entfremdung gekommen. 1776-83 kämpften sich dortige britische Siedler von GB frei, proklamierten die USA. Warum blieben die britischen Siedler in Kolonien wie Nova Scotia oder Ruperts Land eigentlich loyal zu Grossbritannien und schlossen sich nicht Kolonien wie Massachusetts oder Virginia an?(18) Zunächst waren die dreizehn Kolonien an der Atlantikküste anders geprägt, waren viel mehr Selbstverwaltung gewöhnt. Die Zentralisierungsbestrebungen unter König George III. nach 1763 machten ihnen daher etwas aus, anders als den Siedlern im Norden. Die, das ist der nächste Punkt, ein paar Tausend waren, während es in den 13 Kolonien die sich erhoben, an die 2 Millionen waren(19) – die wirtschaftlich viel weniger auf GB angewiesen waren, im Gegenteil, die Besteuerung war ja ein Auslöser. Die Siedler im nördlichen britischen Nordamerika stellten auch keine Einheit dar, Mehrheit waren damals Franzosen, die Anderen waren grossteils noch nicht so viele Generationen im Land, lebten verstreut in einem riesigen, rural geprägten Gebiet. Das französische Quebec schob sich ausserdem zwischen die 13 Kolonien und Ruperts Land, blieben eigentlich nur die 4 Atlantik-Kolonien als Kandidaten.

Das Gebiet, das später Canada wurde, wurde vielmehr Aufmarschgebiet für britischen Truppennachschub. Angriffe aus Quebec oder New Brunswick (Neu-Braunschweig), etwa nach Massachusetts, entfremdete die Siedler der nunmehrigen USA weiter von den Nachbarn. Jene britischen Siedler in den 13 Kolonien, die loyal zu GB blieben, emigrierten zu einem grossen Teil in das verbliebene Britisch-Nordamerika, hauptsächlich nach Nova Scotia, New Brunswick, Quebec (wo sie die Demographie veränderten).(20) Andere gingen in die Indian Reserve (v.a. nach Florida), das ehemalige östliche Louisiane, das Gebiet war im Friedens-Vertrag von Paris 1783 aber auch der USA zugesprochen worden. Manche Loyalists gingen auch in britische Karibik-Besitzungen oder zurück nach GB. Oftmals handelte es sich bei den GB-Loyalisten um Anglikaner. Diese Loyalisten die von den 1770ern bis in die 1790er ins spätere Canada kamen, brachten oft „ihre“ versklavte Afrikaner mit, bis dahin gab es kaum Afrikaner/Sklaven dort, da kaum Plantagen. Aufgrund der natürlichen Voraussetzungen (Klima, Boden,…) war das schwer möglich, die (von den Europäern dort aufgesetzte) Wirtschaft im Norden Nordamerikas drehte sich um Tierfelle, Hölzer, Fische,… Mit der Ablösung der 13 Kolonien in N-Amerika büsste das British Empire nicht nur seine damals wichtigsten Kolonien ein, sondern auch die Hälfte seiner Sklaven.

Auf der zu Nova Scotia gehörenden Insel Oak Island (0,57km²), wurden Ende des 18. Jh. ein zugeschütteter Schacht sowie angeblich (in 30m Tiefe) Steinplatten mit Zeichen entdeckt. Die Insel war von Mikmak-Indianern bewohnt gewesen, wurde Teil des französischen Acadie, dann des britischen Nova Scotia. Die Grabungen wurden dann erstmals durch Einbruch von Meerwasser gestört, seither finden praktisch ununterbrochen weitere Grabungen nach einem vermuteten Schatz statt. Einen Zweck muss dieser Schacht gehabt haben und Funde von kleineren Hinweisen sowie Einstürze und Überflutungen befeuern diese Vorstellung. Durch Grabungen und Bohrungen ist der ursprüngliche Schacht („Money Pit“) nicht mehr definierbar, unterirdische Verbindungen zum Meer undurchschaubar. Es wurde ein Damm zum Festland gebaut, versucht, Grabungen mit Zement abzustützen, Zeichen zu deuten,… Seit 2006 versuchen sich dort die Lagina-Brüder aus der USA, gefilmt vom History Channel. Dieser bislang ambitionierteste Versuch findet unter hohem finanziellen und technischen Aufwand (Bohrungen, Taucher,..) statt, wissenschaftlicher Beratung (Geologen,..), mit Lehren aus früheren Versuchen (etwa durch die Miteinbeziehung des früheren Grabungsleiters Blankenship). Der Money Pit verdient zumindest insofern seinen Namen, als in über 200 Jahren sehr viel Geld „in ihn“ gesteckt wurde. Ein Schatz, der so gesichert wurde, dass man sich heute mit fortgeschrittener und aufwändiger Technik die Zähne ausbeisst (von wem, für wen?), oder nur natürliche Ursachen und Schwindel? Eines der Mysterien Canadas, neben Bigfoot und dem Tod von Elisa Lam.

Schacht Oak Island 1947

1833 beschloss das britische Parlament die Abschaffung der Sklaverei in seinen (verbliebenen) Kolonien. GB betrieb Sklavenhandel in seiner merkantil-kolonialen Wirtschaftsphase, bekämpfte ihn als es sich als Industrienation verstand (und seine Kolonien mit Plantagenwirtschaft verlor).(21) Der Staat zahlte zur Abschaffung über 2 Milliarden Pfund an Entschädigung – an die bisherigen Sklavenhalter, nicht die bisherigen Sklaven. Die Bezeichnung Britisch-Nordamerika (British North America) kam eigentlich nach der USA-Unabhängigkeit auf, um die verbliebenen Kolonien auf dem Kontinent zu bezeichnen (die dann alle in Canada aufgegangen sind). In der Historiographie wird aber auch das britische Kolonialreich in Nordamerika auch in der Zeit vor der Unabhängigkeit der USA bezeichnet. Britisch-Nordamerika umfasste Ende des 18. Jh: Quebec, New Brunswick, Prince Edward Island, Nova Scotia, Newfoundland, Ruperts Land, British Arctic Islands/Territory. Grossbritannien expandierte über sein Ruperts Land in den Norden und Westen, 1783 entstand das North-Western Territory, nordwestlich von Ruperts Land. Das stetig wuchs, zum russischen Alaska und den Arktisinseln und dem dänischen Grönland hin.(22) Die Briten haben den Archipel nördlich der Hudson Bay/ Kangiqsualuk ilua (bzw des nordamerikanischen Festlands), die Inseln die zwischen Grönland/ Kalaallit Nunaat und dem Festland liegen, wie Baffin und Ellesmere Island, zu den British Arctic Islands zusammengefasst.

Frankreich und Spanien waren schnell bereit, die United States of America an der Westküste Amerikas als souveränen Staat anzuerkennen.(23) Nach der Unabhängigkeit der USA ging die Expansion los, das betraf zunächst die bisherige Indian Reserve, und Völker wie die Cherokee. Es wurden bestehende Kolonien/Bundesstaaten in den Westen hin vergrössert und neue gegründet. Von den Nachbarn von Britisch-Nordamerika ist noch Neuspanien zu nennen. Und im Westen Nordamerikas gab es noch immer unabhängig lebende nicht-europäische Völker. Wie die Shoshone, Crow, Nez-Percé, Blackfoot, zT die Sioux. Vor Neufundland lag (und liegt) ausserdem das französische St. Pierre & Miquelon. Um 1700 gab es eine Ablöse der globalen Vormachtstellung von Spanien und Portugal, durch die Mächte des Nordens (von Europa), Frankreich und Grossbritannien, und unter diesen setzte sich im 18. Jh klar GB durch. 1763 hatte GB seine Weltmachtstellung noch ausgebaut, 1776 ging das erste britische Imperium auch schon wieder unter. Frankreich begann nach 1763 (bzw nach seiner Revolution) kolonial neu, Grossbritannien 1783. Spanien verlor Anfang des 19. Jh die meisten seiner Kolonien in Amerika (was wiederum mit der Französischen Revolution zu tun hatte). GB konzentrierte sich nun auf Indien und andere Teile Asiens, ausserdem hatten sie in Nordamerika ja noch viele Kolonien. Die etwa ein Jahrhundert nach der Bildung der USA allmählich zu Canada zusammengefügt wurden. Im 19. Jahrhundert dominierten die Briten dann mit ihrem Weltreich das Zeitalter des Imperialismus.

Der Influx britischen Loyalisten in Quebec veränderte die demografischen Verhältnisse dort so, dass die Kolonie 1791 geteilt wurde: in Upper Canada (wo die meisten Loyalists hingezogen sind) im Süden/Westen und Lower Canada (Norden/Osten, weiter französisch dominiert/geprägt). Aus Niederkanada entstand später Quebec, aus dem mehrheitlich englischsprachigen Oberkanada dann Ontario. Upper Canada lag am Gebiet der grossen Seen, Lower Canada am Atlantik, beide am Ruperts Land. Die Schaffung von Bas-Canada, wie das untere Kanada auf französisch hiess, 30 Jahre nach dem Untergang von Neu-Frankreich, kann man als Zugeständnis der britischen Kolonialverwaltung sehen, oder als Anzeichen dafür, dass man das Gebiet in dem die französischen Siedler kulturelle und politische Autonomie genossen, allmählich einschränkte… Da gibt es Parallelen zu den Indianer-Reservaten. Für das Gebiet, das das Herzstück von Neu-Frankreich gewesen war, wurde unter britischer Herrschaft immer wieder der Name gewechselt, mal „Canada“, mal „Quebec“, 1791 sprach man von den beiden Canadas.

Rupert’s Land, ursprünglich das Pelztier-Jagd-Territorium der Hudson’s Bay Company wurde von GB weiter in den Norden und Westen ausgedehnt. Nach Einkassierung der französischen Gebiete und Abnabelung der 13 Kolonien verstärkt. Gegen Westen hin war das Land für Europäer noch lebensfreundlicher, dort wurde die einheimische Bevölkerung vielfach vertrieben, um Platz für weisse Besiedlung zu machen. Im späteren Alaska, dem Nordwest-Zipfel Amerikas, waren ja die Russen, wobei diese eigentlich nur die Südküste kolonialisierten. Aber sie beanspruchten das gesamte Gebiet als ihres, zumindest mit der Gründung der Russisch-Amerikanischen Kompanie 1799. Damals waren die Briten (bzw das North-Western Territory der Hudson-Bay-Company) im Osten noch immer so weit weg, dass man sich nicht über eine Abgrenzung einigen musste. Die Russen expandierten aber auch die Südküste hinunter, über die Halbinsel hinaus. So bekam dieses russische Gebiet in Amerika (Dalni Wostok bzw Russkaja Amerika) die Form einer Pfanne, mit der Halbinsel als Pfannenschüssel(24) und dem Expansionsgebiet als Pfannenstiel. Die Pfannenschüssel musste dann irgendwann im Osten entlang eines Längengrads abgegrenzt werden (ggü anderen europäischen  Mächten), der Pfannenstiel schon früher, entlang eines Breitengrads. 1799 wurde das Gebiet bis zum 55. Breitengrad beansprucht, was später auf den 51. korrigiert wurde.(25) Als Russisch-Amerika wurde/wird nicht nur das heutige Alaska bezeichnet, es umfasste auch Krepost Ross/Fort Ross in California (damals Neu-Spanien; 1812-41), auch die kurzzeitigen Besitzungen in Hawaii werden gelegentlich dazu gerechnet.  

Das Vizekönigreich Neu-Spanien (Nueva España) wurde durch die „Zugabe“ des Westteils des vormals französischen Louisianes (1762-1802) ja in Nordamerika erheblich vergrössert. Karte von den Besitzverhältnissen. Westlich von diesem Luisiana war Alta California. Spanien beanspruchte, auch aufgrund des Tordesillas-Vertrags, die ganze West- bzw Pazifikküste Amerikas. Ende des 18., Anfang des 19. Jh kamen im Nordwesten von Amerika, südlich vom späteren Alaska, Ansprüche der Russen, Briten und Spanier konfliktträchtig zusammen. Das Gebiet westlich von Luisiana, nördlich von Alta California, befand sich de facto ausserhalb spanischer Kontrolle, wurde aber als Teil Neuspaniens gesehen. Territorio de Nutca (Nootka-Territorium) war die spanische Bezeichnung für das beanspruchtes Gebiet die Pazifikküste hinauf. Spanien „unterstrich“ diese Ansprüche im späten 18. Jh, indem es die Küste hinauf Forts/Missionen/Presidios errichtete; Ortsnamen in Alaska wie Valdez erinnern daran. Von Norden „tasteten“ sich die Russen in dieses Gebiet heran, mit Pelzjagd- und handel-Aktivitäten. Und für Grossbritannien erkundete James Cook die Küste, die Briten nannten ungefähr das Gebiet, das für die Spanier „Nutca“ war, „Oregon“. Die Nootka-Krise zwischen Spanien und Grossbritannien ergab sich aus der Errichtung der spanischen Siedlung Santa Cruz de Nuca (oder nur Nuca) 1789, in Yuquot auf der Nutca/Nootka-Insel, die neben einer grösseren Insel liegt, welche dann nach George Vancouver benannt wurde. Zu ihrem Schutz wurde dort das Fort San Miguel gebaut.(26)

Nachdem die spanischen Truppen auf der Nutca-Insel ein britisches Handelsschiff aufgebracht hatten, entstand diese „internationale Krise“, bzw eine Empörung des britischen Imperialismus. Es kam aber nicht zu einem Krieg, sondern zu Verhandlungen, hauptsächlich zwischen Juan F. de la Bodega y Quadra und George Vancouver. Es ging um eine Begrenzung für die Ausdehnung Neu-Spaniens. Diese wurde zwar erst 1819 „geklärt“ (als Neu-Spanien schon am Ende war), aber 1795 einigte man sich („third Nootka Convention“) auf den Abzug der Spanier von der Insel und ihre Aufgabe des Territoro de Nutca. Aber, mit Santa Cruz de Nuca und Fort Miguel hatten auch die Spanier einen ganz kleinen Anteil an der Entstehung (bzw Kolonialisierung) des heutigen Canadas. Es war dies die erste europäische Niederlassung im heutigen British Columbia. Und der nördlichste Punkt von Neu-Spanien.(27) Dort wo einige Jahre Santa Cruz de Nuca bestand, existierte vorher und seither auch wieder das Dorf Yuquot, von der lokalen Bevölkerung des Mowachaht-Stammes. Die Briten nannten es „Friendly Cove“. In der dortigen grösseren Region kam es dann bald zu einem Konflikt zwischen GB und der USA, um Oregon Country/Columbia District. 1800 wurde Spanien von Napoleon(e) B(u)onaparte, damals erster Konsul der Französischen Republik, gezwungen, das westliche Louisiane/Luisiana/Louisiana wieder an Frankreich abzutreten.

1803 verkaufte Napoleon das riesige Territorium an die USA.(28) Dies war das endgültige Ende vom französischen Kolonialreich in Nordamerika und des „ersten Kolonialreichs“ Frankreichs generell. 1804 wurde vom Louisiana-Territorium die „Isle of Orleans“ abgespalten, unter dem Namen „Territory of Orleans“. Daraus wurde 1812 der Bundesstaat Louisiana. Reste von Nouvelle-France finden sich hauptsächlich dort, in Quebec und dem Mini-Archipel SPM. Frankreich war in der Zeit, als etwa das heutige Quebec als Bas-Canada/Lower Canada existierte, zu sehr mit sich beschäftigt, als sich um die dortigen verlorenen Franzosen zu kümmern. Eher kümmerte man sich noch um bestehende (in der Karibik) oder neue Kolonien (in Nordafrika) als um verlorene. 1812-15 dann der Krieg der USA unter Präsident Madison gegen die Briten in Nordamerika. Kriegs-Anlässe waren diverse Missachtungen der Unabhängigkeit der USA durch die Briten, v.a. auf wirtschaftlichem Gebiet, ausserdem expandierten beide Mächte und waren Konkurrenten. Gekämpft wurde v.a. im Seengebiet, wo Mächte aneinander grenzten (Canadas – Indian Reserve), daneben an der Atlantikküste sowie im Golf von Mexico (viele Seeschlachten).

Die USA versuchten, die restlichen britischen Besitzungen (also das spätere Canada) zu erobern. Er scheiterte, obwohl die Briten daneben in den Napoleonischen Kriegen in Europa engagiert waren. GB wiederum wollte das westliche Louisiana (das Gebiet des „Louisiana Purchase“) oder einen Teil davon erobern, auch das scheiterte, obwohl die Briten und ihre indianischen Verbündeten in das Gebiet am oberen Mississippi eindrangen. 1814 drangen britische Truppen in die USA-Hauptstadt Washington ein und steckten viele öffentliche Gebäude in Brand, darunter das Weisse Haus (damals das Presidential Mansion genannt) und das Capitol-Gebäude. Es wurden nur staatliche Gebäude zerstört, Zivilisten blieben verschont. Historikern zufolge war der Angriff eine Vergeltungsmaßnahme für die Plünderung Yorks in Oberkanada (heute Toronto) seitens der Amerikaner nach der Schlacht von York im Jahre 1813 sowie für die Niederbrennung der Parlamentsgebäude von Oberkanada. Mit dem Friedensvertrag kamen keinerlei Grenzänderungen. 1818 die Grenzfestlegung der beiden Mächte im Osten, entlang des 49. Breitengrades; damit gingen Teile des Rupert Landes an die USA (die heute zu den Staaten Minnesota, North Dakota, Montana und South Dakota gehören). Die eigentlichen Verlierer waren die „Indianer“… 

Beide Seiten spannten Indianer-Verbände für sich ein bzw diese suchten ihre Ziele in einer Allianz durchzusetzen. Tecumseh, Führer einer Shawnee-Konföderation, ging ein Bündnis mit GB ein, überzeugte Stämme der Irokesen, Creek,…, sich diesem anzuschliessen. Er wollte einen unabhängigen „Indianer“-Staat östlich des Mississippi errichten, unter britischem Schutz. Also in dem Gebiet, das einst französisch gewesen war, 1763-1783 britisch, dann als „Indian Reserve“ zur USA kam, erstes Expansionsgebiet dieser geworden war. Tecumsehs Armee griff zusammen mit der britischen von den Canadas aus im Seengebiet dieses Gebiet an, half etwa bei der Einnahme von Detroit. Ein anderer Teil der Creek/Muscogee und die Cherokee unterstützten die USA. US-Truppen töteten Tecumseh 1813 in der Schlacht am Deshkan Ziibi (Thames). Seine Konföderation fiel auseinander, die Briten verliessen ihre indianischen Verbündeten. Der Traum eines Staates der Ureinwohner im „Mittleren Westen“ von Nord-Amerika musste aufgegeben werden, nun gab es für eine Expansion der USA bzw ihrer Siedler kein Halten mehr, die Indianer dort wurden in den Westen oder in Reservate getrieben.

Mit dem Adams–Onís-Treaty 1819 zwischen USA und Spanien wurde die Nordgrenze von Neu-Spanien definitiv festgelegt, ausserdem ging Florida an die USA. Spätestens 1821 gab es kein Neu-Spanien mehr, der Nachfolgestaat Mexico war im Westen von Nordamerika zwar noch sehr präsent, schaute aber nicht so in den Norden. 1822 korrigierte der russische Zar Alexander I. die Südgrenze von Russisch-Amerika auf den 51. Breitengrad, dies schreckte USA und Grossbritannien auf, war ein Hauptgrund für die Doktrin von USA-Präsident Monroe. Die Abgrenzung des britischen North-Western Territory im Nordwesten zu Russisch-Amerika (Alaska) wurde 1825 fest gelegt (141. Längengrad, die heutige Grenze Alaskas zu Kanada), jene des russischen Bereichs zur USA hin im Süden (Pfannenstiel) bereits 1824. Beide Abkommen legten 54°40′ als südliche Grenze russischen Einflusses in Nordamerika fest; russische Rechte auf Handel südlich der Linie blieben. „Kerngebiet“ des britischen Nordamerika waren die Canadas; östlich davon, am Atlantik Newfoundland, Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island; nordwestlich davon North-Western Territory, Ruperts Land, British Arctic Territories. 1837/38 fanden in in Niederkanada und Oberkanada Rebellionen statt, Aufstände der weissen Bevölkerung gegen die britische Kolonialherrschaft. Dabei war die Sprachgrenze nur ein Faktor.

Der Aufstand in Oberkanada/Upper Canada (Süden, englisch, Seengebiet) wurde von der USA gefördert, richtete sich auch gegen die regionale Oligarchie. Bei jenem in Niederkanada/Lower Canada (Norden, französisch, bis Arktis) ging es natürlich auch um (gegen) die Diskriminierung der „Franzosen“ und ihrer Sprache. Als Folge wurden die Canadas 1840/41 wieder vereinigt (Act of Union), zur British Province of Canada, die etwas mehr Selbstverwaltung bekam. Dieses Canada umfasste den wichtigsten Teil des späteren Canadas, ohne den äussersten Osten und den riesigen „wilden“ Westen und Norden). Ein Gebiet das etwa 10% der Fläche des heutigen Canadas ausmacht, prägt bzw dominiert das restliche (siehe unten, Windsor-Korridor). Das englisch dominierte „Oberkanada“ (heute im Wesentlichen der Süden von Ontario) ist vom Klimatischen wahrscheinlich der angenehmste Teil dieses Landes, dort, in den grossen Seen, kann man sogar baden. Die Rebellionen (und die Reaktion darauf) bilden einen wichtigen Zwischenschritt in der Bildung der kanadischen Nation und des dazu gehörenden Nationalgefühls. Man ist nicht einfach ein Aussenposten von GB, und auch keiner der USA. Und die französischen Siedler und ihre Identität/Anliegen sind nicht einfach zu übergehen. Die Ver-Einigung von 1840 wird als Vorstufe zu jener von 1867 gesehen; von 1841-67 existierte auch diese britische „Province of Canada“. Generalgouverneur von Britisch-Nordamerika war 1838/39 John G. Lambton of Durham. Er erlebte, dass eine Assimilierung der Franzosen nicht so einfach war. Nach seiner Abdankung legte er 1839 den „Report on the affairs of British North America“ (1839), in dem er vorschlug, Britisch-Nordamerika zu einer Kolonie zu vereinen und unter eine autonome Regierung zu stellen. 1840 kam zunächst eine Vereinigung der beiden Kerne Canadas zu Stande, ab 1867 wurde es dann (gemäß Lambtons Vorschlägen) stufenweise um den Rest Britisch-Nordamerikas erweitert.

Im gemeinsamen Parlament gab es ansatzweise ein Zusammenwirken „englischer“ und „französischer“ Politiker, und die Herausbildung späterer Parteien. 1861 die Gründung der Liberalen Partei (LP), als Zusammenschluss von Liberalen aus den beiden Teilen Kanadas (geführt von Mackenzie und Papineau). Liberale waren tendenziell für mehr Selbstverwaltung von GB, Konservative für mehr Bindung daran. Die Konservative Partei entstand als solche erst 1867. Im nördlichen, französischen Canada gab es natürlich auch innere Konflikte. Über die Stellung der Katholischen Kirche, die Loyalität zur britischen Krone, die Gesellschaftsordnung,… Wichtig war im 19. Jh dort die Papineau-Familie: Joseph, noch in Neu-Frankreich geboren, unter britischer Herrschaft politisch tätig. Louis-Joseph, für die Parti Canadien/ Parti patriote im Parlament von Niederkanada, ein Anführer der Rebellion von ’37, danach im Exil in Frankreich und USA – nach seiner Rückkehr aus diesen Republiken war er für den Anschluss Canadas an die USA! Und, er gründete die anti-klerikale Parti rouge. Sein Bruder Denis-Benjamin Papineau war Co-Premier der Provinz Canada (1846-48), und ein Konservativer (oligarchische „Cirque du Chateau“). Louis-Joseph Papineau, der für einen liberalen Nationalismus stand, erlebte noch die Einigung Canadas.

1846 wurde die Abgrenzung zwischen Britisch-Nordamerika und der USA entlang des 49. Breitengrads in den Westen hin verlängert, der Streit um das „Oregon-Territorium“ damit beigelegt. 1849 wurde für alle Provinzen Britisch-Nordamerikas Selbstregierung eingeführt – für die weissen Siedler in diesen Kolonien, und für Belange die sie „selbst“ betrafen. 1858 wurde British Columbia aus dem North-Western Territory herausgelöst, im Westen Nordamerikas, nach der Grenzziehung von 1946. Der Pfannenstiel Alaskas (Russisch-Amerikas) grenzte dann an BC, die Pfannenschüssel an das NWT. British Columbia wurde kolonialisiert (besiedelt, unterworfen,…) nachdem es geschaffen worden war. Es gab 1858 dort Goldfunde, die „Glücksritter“ auch aus der USA anzog (die Milizen bildeten), zu Konflikten mit den dort einheimischen Nlaka’pamux führten („Fraser Canyon War“).

1867 verkaufte Russland sein Gebiet im Nordwest-Zipfel Amerikas an die USA; womit es in Nordamerika noch Britisch-Amerika und die USA gab, ausserdem das dänische Grönland und die 2 Inselchen die Frankreich geblieben waren. Mexico hatte als Erbe Neuspaniens den Südwesten Nordamerikas eingenommen (Alta California, Nuevo Mexico,…), diesen Gebiete 1845-53 an die USA verloren, nach deren Einfällen und Annexionen. Einige Monate später schlossen die Briten einige ihrer Nordamerika-Kolonien (Canada, Nova Scotia und New Brunswick) zum Dominion of Canada zusammen. Diese Vereinigung wird „kanadische Konföderation“ (Canadian Confederation / Confédération canadienne) genannt. Wenn man so will, war es ein Anschluss Neuschottlands und Neubraunschweigs an Canada, in diesen beiden Kolonien gab es auch etwas Opposition dagegen. Das vergrösserte (weiterhin britische) Canada bestand aus den Provinzen Ontario, Quebec, Nova Scotia, New Brunswick.(29) Dieses Dominion bekam etwas mehr Selbstverwaltung, als es die einzelnen Kolonien zuvor gehabt hatten. Und es begann ein Prozess, in dem die britischen Nordamerika-Kolonien sukzessive an dieses Canada angeschlossen wurden, und dieses mehr und mehr Selbstverwaltung/Unabhängigkeit bekam.

1867 gleich die erste Parlaments-Wahl, die als eine (gesamt-) kanadische gesehen wird, die Conservative Party gewann mehr Mandate als die Liberal Party, daher wurde ihr Spitzenmann John Macdonald erster Premierminister des (teil-) vereinigten Canadas. Seit damals wechseln sich CP (diverse Namen) und LP als Regierungsparteien ab. Ausserhalb Canadas blieben vorerst Neufundland im Osten und die riesigen Gebiete im Westen und Norden. Aber nicht lange. 1869 verkaufte die Hudson’s Bay Company (HBC) für £ 300.000 ihre Nutzungsrechte an Ruperts Land und den früheren Gebieten der North West Company (1821 in der HBC aufgegangen), dem North-Western Territory, dem Canadian Dominion. Canada gliederte sie 1870 in ihr Gebiet ein, die bisherigen Rupert’s Land und North-Western Territory wurden zu den Northwest Territories; ein Teil von RL wurde als Manitoba Teil Canadas, dazu noch mehr. Aus einem Handelsgebiet wurde ein Hoheitsgebiet, wobei sich in der Praxis nicht allzu viel änderte. Von Manitobas Hauptstadt Fort Garry (heute Winnipeg) aus wurden zunächst auch die Nordwest-Territorien mit verwaltet. Die Northwest Territories machten gut 80% der Fläche Canadas aus(30), das erst durch diesen Anschluss riesig geworden war, und waren doch sein unbedeutendster Teil, in mancher Hinsicht hat sich das bis heute gehalten. Bis in die jüngere Vergangenheit erfolgten zahlreichen Grenzänderungen, Abspaltungen und Umbenennungen für das Gebiet…man wusste nicht so Recht wie man damit umzugehen sollte.

Der zweitgrösste Staat der Welt ist Canada dank des Anschlusses von 1870, von 2 Gebieten, die davor mehr oder weniger Privatkolonien von zwei britischen Handelsgesellschaften waren, die hauptsächlich in der Pelztierjagd engagiert waren. Das Rupert’s Land bestand von 1670 bis 1870 und hatte seinen Ausgang am Südufer der Hudson Bay, die in einer Inuit-Sprache Kangiqsualuk ilua heisst. Die arktischen Gebiete Canadas waren und sind hauptsächlich von Inuit und anderen Eskimo-Völkern bewohnt. Der Schwerpunkt des Landes lag und liegt in jenem Gebiet, das schon vor 1867 Canada genannt wurde (teils englisch, teils französisch ist). In den Northwest Territories lag auch der Mount Logan (heute in Yukon), nahe Alaska (USA), der höchste Berg Canadas, durch die Eliaskette (Teil der nordamerikanischen Kordilleren) mit dem Denali verbunden, dem höchsten Berg Nordamerikas. 1871 erfolgte der Anschluss British Columbias an Canada, im Südwesten, wo Vancouver entstand, neben Montreal wichtigster Hafen Canadas. 1873 folgten die Prince Edward Islands im Osten. 1876 wurde das das Keewatin Territory von den Northwest Territories abgespalten, das ebenfalls von Winnipeg aus verwaltet wurde. 1881 gingen Teile von Keewatin an Manitoba, 1889 weitere an Ontario, 1905 wurde der Rest von Keewatin (als Distrikt) wieder in die Nordwest-Territorien eingegliedert. 1880 übergab GB die Arctic Islands an Canada, das es an die North-West Territories anschloss. Man hatte Angst, dass sich die USA dieses Gebiet unter den Nagel reissen will (Monroe-Doktrin).

1867 war geplant, auch die Kronkolonie Neufundland/Newfoundland als (fünfte) Provinz in die kanadische Konföderation einzubeziehen, aber die dortigen Händler und Banker hatten wenig Interesse daran: Der britischen Insel-Kolonie war schon 1854 ein Status verantwortlicher Eigenregierung mit einem selbstgewählten Parlament gewährt worden. Und die Siedler der Insel lebten vom Export der vor ihren Küsten gefangenen Fische, hauptsächlich Kabeljau und nach Grossbritannien. 1869 stimmte das Insel-Parlament gegen die Vereinigung mit Canada.(31) Das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irland wurde von 1837 bis 1901 von Königin Victoria I. (Sachsen-Coburg-Gotha) regiert, wobei sich in dieser Zeit möglicherweise die Verschiebung vollzog, zu den heutigen Zuständen, unter denen der Premierminister mehr Macht hat als der Monarch. GB war klar Weltmacht Nr. 1, wirtschaftlich, vom Kolonialbesitz,… Canada war 1867 das erste Dominion dieser Art, Vorbild hauptsächlich für die anderen weiss dominierten Siedlerkolonien wie Australien. Indien wurde 1857, nach einer Rebellion dort, stärker „an die Kandare genommen“. Aufstände gegen britische Kolonialherrschaft (bzw Imperialismus) gab es ja auch von „Weissen“, wie 1776 (Kolonisten Nordamerika), 1914/15 (Afrikaaner Südafrika), 1916 (Irland/Eire).  

Im Westen Canadas der Pazifik, im Nordwesten das ja inzwischen US-amerikanische Alaska (noch lange kein Bundesstaat). Ende des 19. Jh wurde Gold in den North-West Territories gefunden, nahe der Grenze zu Alaska, am Klondike/Trondek-Fluss, womit es zu einem Grenzkonflikt zwischen der USA und dem britischen Dominion Canada kam. In Folge des Goldrauschs wurde das Yukon Territory aus dem NWT herausgelöst, und die der Grenze zu Alaska exakt festgelegt (1903). Im relativ milden und stark besiedelten Südosten der North-West Territories wurden 1905 weitere Gebiete herausgelöst, heutige Provinzen: Saskatchewan und Alberta. 1912 folgte eine Gebietsabgabe von NWT an Manitoba und Ontario. Im Nordosten der North-West Territories, nördlich der Bucht, der kanadisch-arktische Archipel, das Nordpolarmeer und Grönland/Kalaallit Nunaat. Grösste der Inseln dieses Archipels ist Baffin Island/Qikiqtaaluk, das Grönland gegenüber liegt. Die Erforschung des Arktis-Raums begann Mitte des 19. Jh, ging ins frühe 20. Jh, 1878/79 die erste Gesamtdurchfahrt der Nordostpassage, 1906 jene der Nordwestpassage (durch den Norweger Roald Amundsen, bevor dieser den Südpol erreichte).

Immer wieder wurden die Ureinwohner Nordamerikas von den Europäern in den subarktischen Norden verdrängt (beginnend mit den Franzosen), später auch von Briten und Canada, „ihre“ Inuit, um Ansprüche auf das Land zu unterstreichen. Nachdem Canada infolge der Anschlüsse von 1870 territorial fast komplett geworden ist, befanden sich auch die Ureinwohner (“First Nations”) dieses Gebiets in diesem Canada; davor standen sie zT unter britischer Direktherrschaft oder jener von Handelsgesellschaften. Davon, gleichberechtigte Bürger dieses Dominions zu werden, waren sie Ende des 19. Jh aber weit entfernt. 1876 der Indian Act/ Loi sur les Indiens (32), ein kanadisches Gesetz, das die rechtliche Situation der Indianer in Canada bis heute regelt, natürlich ergänzt wurde. Das Gesetz definierte den Rechtsstatus von First Nations-Menschen als deutlich niedriger im Vergleich zu Europäern/Weissen. Mit dem Gesetz begann auch die Errichtung von Reservaten, was wie in der USA weniger ein Entgegenkommen bzw ein Schutz darstellt(e), sondern eine Beschränkung, oftmals verbunden mit Land-Enteignungen, Vertreibungen. Ob die Inuit, Algonkin,… bleiben und so weiter leben durften wie gewohnt, hing stark von wirtschaftlichen Interessen ab, also vor Allem, ob es auf ihrem Land Bodenschätze gab.

Geschaffen wurde damals das Department of Indian Affairs and Northern Development, kein Zufall dass die „Entwicklung“ des Nordens und die Herrschaft über die „Indianer“ der selben Behörde unterstellt wurden. Der Norden (und teilweise der Westen), also das was 1870 als Northwest Territories entstand, war seit Langem ein Rückzugsgebiet der vor-europäischen Bevölkerung Nordamerikas. So wie in Australien das anders unwirtliche Landesinnere. Ende des 19. Jh entstanden auch Residential Schools, in die Kinder der First Nations gebracht wurden, um sie von ihren Familien und ihrer Kultur fern zu halten, zu assimilieren an das, was kanadische Norm sein sollte. Diese internatartigen Schulen bestanden bis 1996, die meisten wurden in den 1970ern geschlossen. Die „Zivilisierung“ der „Wilden“ umfasste auch Konversion zu christlichen Gemeinschaften (die diese Schulen zT führten) und das Umlernen der Sprache auf Englisch bzw Französisch. Im Gesetz von 1876 wurden (werden) auch drei Arten von „Indianern“ unterschieden: Status Indians, also jene die als solche gelten (wollen); Non-Status Indians, solche die sich zur Assimilation entschlossen haben oder dazu bestimmt wurden, oder „Andersrassige“ heira(te)ten; Treaty Indians, Angehörige der Indianervölker, die zwischen 1871 und 1921 mit Grossbritannien die elf „nummerierten Verträge“ abgeschlossen haben. Es gab Verträge dieser Völker, die gebrochen wurden. Der Indian Act (Indianer-Gesetz) wurde also oftmals ergänzt bzw abgeändert, wurde von (den) verschiedenen Seiten unterschiedlich interpretiert. Die Völker werden in „Bands“ unterteilt, was mit „Stämme“ gleichgesetzt werden kann.

Louis Riel ist eigentlich eine bedeutende Person in der Geschichte Canadas. Er war ein Führer der Métis im späteren 19. Jh, während der Entstehung Canadas, Anführer von 2 Aufständen gegen dieses, Mitbegründer der Provinz Manitoba,… 1869/70 wurden wie gesagt die Gebiete der HBC, Rupert’s Land und North-Western Territory, in Canada als Northwest Territories eingegliedert. Damit begann auch eine Expansion, hauptsächlich von anglokanadischen Siedlern, in die wirtlicheren dieser Gebiete. Und das waren jene im Süden, die Prärie darstellten, während der Norden arktisch ist. Der Osten dieses „Wilden Westens“ war ein Siedlungsgebiet der Métis, dem französisch-indianischen Mischvolk. Dort, im bisherigen Ruperts Land, lebte auch Riel. Die Bundesregierung in Ottawa unter Premierminister John Macdonald ernannte 1869 einen Lieutenant Governor für das neue Gebiet, W. McDougall.(33) Riel und seine Metis nahmen hauptsächlich daran Anstoss, dass dieser die französische Sprache (ihre) nicht genug achtete. So kam es 1869/70 zum Aufstand in der Red River Colony der Metis, damals noch im Ruperts Land. Riel führte dort eine „provisorische Regierung“ und hatte insofern Erfolg, als 1870, als die Northwest Territories entstanden, in „seinem“ Gebiet gleichzeitig die Provinz Manitoba entstand (aus einem Teil des bisherigen Ruperts Land). Für die Frankophonen und die Ureinwohner (die Metis waren beides) brachte das auf längere Sicht keine wirkliche „Verschonung“. Riel musste ins Exil, in die USA, da er wegen der von ihm angeordneten Tötung eines militanten Siedlers (einem Angehörigen des Oranier-Ordens, aus Ontario) gesucht wurde.

In seiner Abwesenheit wurde er zum Abgeordneten des kanadischen Unterhauses gewählt, konnte sein Mandat aber nicht wahrnehmen. In dieser Zeit hatte er religiöse Visionen, gründete eine neue Religion (bzw einen neuen Zweig des Christentums), mit sich als Propheten. Damit stiess er jene vor dem Kopf, die dem Katholizismus treu bleiben wollten. In dieser Zeit kam auch die Unterwerfung der „Indianer“ in der USA zum Abschluss. Die letzten „Unruhe-Herde“ in dieser Zeit waren im Norden der Great Plains und der Südwesten, die früher mexikanischen Gebiete. In nördlichen Grenzgebiet der Plains zu Ruperts Land bzw Canada leb(t)en die Lakota-Dakota-Sioux, die zT auch französisch geprägt sind. Diese kämpften um die sukzessive Verkleinerung der Great Sioux Reservation, die ihnen 1868 zugesichert wurde. Der Sieg einer Indianer-Konföderation in der Schlacht am Little Bighorn-Fluss (damals Montana Territory) über eine US-amerikanische Armee 1876 brachte den Sioux keine wirkliche Ruhe. Nach dem Kampf gingen einer der Anführer, Thathanka Iyotake (Sitting Bull), und einige Folger in die kanadischen Northwest Territories (Saskatchewan-Gegend) ins Exil, während sich Riel (mit einigen Leuten) im Montana-Territorium in der USA aufhielt. Thathanka Iyotake traf sich während seines Exils mit Crowfoot/ Isapo Muxika, Führer der Blackfoot/Niitsitapi/ᖹᐟᒧᐧᒣᑯ, langjährige Feinde der Lakota-Sioux, um Frieden mit ihm zu schliessen.(34)

Die administrativen Verhältnissen der damaligen Zeit im Überblick. Riel begab sich 1884 in die kanadischen Northwest Territories, Saskatchewan-Gegend, um den Kampf gegen den kanadischen Staat wieder aufzunehmen, diesmal an der Seite von Cree- und Assiniboine-Verbänden. Es ging dabei nicht zuletzt um die Ausrottung der Bisons in USA und Canada, die Lebensgrundlage diverser Völker bildeten. Die Metis unter Riel und diese gründeten eine „Provisorische Regierung von Saskatchewan“, 1885 kam es zur North-West Rebellion. Im dessen Verlauf kam es im April 1885 zu einem Massaker in der Siedlung Frog Lake. Cree-Krieger unter Wandering Spirit kamen in das Dorf, töteten 9 Leute, darunter einen Indianer-Agenten. Ungefähr eben so viele Cree/Nehinaw wurden dafür durch Hängen getötet, am 27. November 1885 in Fort Battleford. Bereits am 16. November wurde Louis Riel getötet; er war nach der Schlacht von Batoche im Mai 1885 verhaftet worden und wegen Hochverrats vor Gericht gestellt worden. Es war dies einer der letzten bewaffneten Konflikte mit „Indianern“ in Canada. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, der Canadian Pacific Railway konnte gebaut werden.

Plakat zum Bau des Canadian Pacific Railway, mit der damaligen Flagge im Hintergrund

Riel polarisiert(e) in Canada, die Einen sehen/sahen ihn als einen anti-kanadischen Aufrührer und Verbrecher, religiösen Fanatiker. Die Anderen als einen Kämpfer für die Rechte der Frankophonen und der Ureinwohner; ihnen gilt die von Riel ausgehende Gewalt als Gegenwehr und seine Hinrichtung als politisch. Heute wird er vornehmlich differenziert gesehen.(35) Die meisten „Ureinwohner“ Canadas erfuhren im 19. Jh (zT früher) einen Umbruch der Lebensbedingungen, auch jene im Norden, in der Arktis (hauptsächlich Inuit). Sie gerieten in Abhängigkeit von den Kolonialherren/Siedlern, nahmen deren Lebensweise zT an. Im (als solchen deklarierten) Dokumentationsfilm „Nanook of the North“ („Nanuk, der Eskimo“) des US-Amerikaners Robert Flaherty über die Inuit in Canada 1922 (im nördlichen Quebec gedreht) war Vieles gestellt, war die traditionelle Lebensweise schon im Umbruch begriffen. Der Inuk Abraham Ulrikab (1845-1881) aus Labrador wurde zusammen mit einigen anderen Inuit Attraktion im Hagenbeck-Tierpark in Hamburg, Teil einer ethnographischen Show. Sie starben dort Alle an Krankheiten der „alten Welt“. Ende des 19. Jh nahm die Einwanderung aus Europa nach Canada allmählich Fahrt auf. Zu First Nations, Franzosen, Metis, Briten, Nachfahren der (relativ wenigen) versklavten Afrikaner kamen nun Nord-, Ost-, Mittel-, weniger Süd- Europäer (Deutsche, Skandinavier, Polen, Ukrainer,…). Wobei Irland ja erst im 20. Jh von GB unabhängig wurde, Iren galten lange als Briten.

In der USA entstand um die Mitte des 19. Jh die Fenian Brotherhood (Bráithreachas na bhFíníní), die von Nordamerika aus den irischen Unabhängigkeitskampf unterstützte. 1866 und 1870/71 unternahmen ihre Aktivisten Überfälle auf britische Armeeposten in Canada, womit britische Truppen gebunden und Druck ausgeübt werden sollte(n). Was Newfoundland betrifft (das ja lange ausserhalb Canadas blieb), der aus Irland stammende, katholische Teil der Bevölkerung (etwa die Hälfte der Einwohner) war grösstenteils gegen den Zusammenschluss mit dem englisch und protestantisch dominierten Canada und wollte die Unabhängigkeit. Das dünn besiedelte Canada wurde durch die Einwanderung etwas verändert, wobei das Gebiet nordöstlich der 5 grossen Seen im US-amerikanisch-kanadischen Grenzgebiet der Kern und Schwerpunkt Canadas blieb.(36) Man spricht vom Quebec City–Windsor Corridor, der am dicht besiedeltsten und am stärksten industrialisiertesten Region Canadas, mit der Hauptstadt Ottawa, der grössten Stadt Toronto, Montreal,…(37) Die Industrialisierung Canadas begann im Wesentlichen in der Zeit der Entstehung bzw Vereinigung des Landes. Bis dahin war die Wirtschaft von Holzfällen und Pelztierjagd geprägt. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden dann nicht zuletzt für den Transport bzw Export der Güter des Landes Eisenbahnen und Kanäle gebaut, der Schiffbau wurde wichtig, in dessen Gefolge entstanden Giessereien und Walzwerke, sowie Wasserkraftwerke zu deren Stromversorgung. Bergbau oder Landwirtschaft wurden zunehmend maschinisiert und automatisiert.(38)

Der kanadische $ hat seine Anfänge 1858 in der Provinz Canada, seine Entwicklung spiegelt auch das „Lavieren“ Canadas zwischen GB und USA wieder. Es setzte sich der Dollar gegen das Pound durch. 1908 wurde die Royal Canadian Mint gegründet, die die Münzen der kanadische Währung herstellt – aber inzwischen auch jene von 74 fremden Währungen. Übrigens, in Canada werden auch ein Grossteil der weltweit vertriebenen Rubellose hergestellt, von der Pollard Banknote Income Fund, die 1907 als Druckerei begann und in den 1970ern auf Briefmarken, Wertpapiere, Dokumentenformulare et cetera umstieg. Was auch Ende des 19. Jh begann (als Canada in seiner heutigen „Form“ Gestalt annahm), ist der Stanley Cup im Eishockey. Dieser wurde 1892 vom britischen Generalgouverneur für Canada, Frederik Stanley, gestiftet. Der Generalgouverneur ist Repräsentant des britischen Monarchen (Staatsoberhaupt Canadas) im Land. Das erste Finale um die Trophäe fand 1894 statt, am Ende eines Turniers von Amateurteams des Landes. Seit 1910 treten professionelle Mannschaften an, um ihn zu gewinnen und seit der Spielzeit 1926/27 wird der Gewinner des Cups ausschließlich unter den Teams der NHL ermittelt, da die Western Canada Hockey League als einzig verbliebene Konkurrenzliga den Spielbetrieb einstellte. Zum Eishockey noch mehr…

Briefmarke 1908 zur Erinnerung an die Cartier-Flotte 300 Jahre davor

Blick an den nordöstlichen Rand Canadas, auf das dänische Grönland: Dort entstanden im 19. Jh Siedlungen/Städte an den eisfreien Küsten, also hauptsächlich im Südwesten. Im 19. Jh gab es auch eine Einwanderung von kanadischen Inuit (vom arktischen Archipel, North-West Territories) ins nördliche Grönland. Über Dänemark als Kolonialmacht hier ja Eingehenders; während es 1. WK verkaufte Dänemark sein „Westindien“ in der Karibik an die USA, Island wurde 1918 unabhängig (zunächst in Personalunion mit DK) – womit von seinen Kolonien nur noch Grönland blieb (wenn man die Färöer nicht als solche sieht). Wenige Jahre vor diesem grossen Krieg der westlichen Mächte gegen einander, 1912, krachte das britische Passagierschiff „Titanic“ (auf dem Weg in die USA bei seiner Jungfernfahrt) südlich von Newfoundland gegen einen Eisberg, wodurch sich Lecks bildeten, und das Schiff sank. Darüber gibt es einige falsche Annahmen. In diesem Krieg stellte sich für Kanadier eine Identitätsfrage, für französische besonders. Die konservative Bundesregierung von Premierminister Robert Borden beorderte die Armee, in Europa an der Seite von GB und USA zu kämpfen. Da sich nicht genügend Freiwillige meldeten, setzte die Regierung 1917 die Einführung der Wehrpflicht durch. Diese Maßnahme spaltete das Land, in Lager die mehr oder weniger kongruent waren mit den Englischsprachigen des Landes und der französischen Minderheit (etwa 20%).

Diese Wehrpflichtkrise von 1917 war eher eine innen-politische als eine militärische, da die Maßnahme ja gegen Ende des Kriegs erfolgte und dadurch nur einige tausend Soldaten davon betroffen waren. GB hatte auch so genug Hilfstruppen. In Irland und Indien gab es aber auch starke innen- und kolonialpolitische Implikationen dieser Hilfsdienste! (Klatsch)mohn ist im britischen Kontext Symbol der Solidarität mit Soldaten im Kriegseinsatz und mit Gefallenen, wozu wahrscheinlich auch das Gedicht „In Flanders Fields“ (Auf Flanderns Feldern) des kanadischen Offiziers John McCrae aus 1915 beitrug. Die Felder in Flandern, mit dem rot blühenden Klatschmohn, der McRae an das vergossene Blut der Getöteten und Verletzten erinnerte, und an die Wirkungen des Schlafmohns, aus dem Morphium gewonnen wird, das als Schmerzmittel für die schwer verwundeten Soldaten eingesetzt wurde (in eigentlich allen teilnehmenden Armeen). Zur Wehrpflichtkrise im 2. WK, unten. Über das kanadischen Militär im historischen Kontext hier und hier.

Der Erste Weltkrieg hat auch dazu geführt, dass die USA Grossbritannien als Weltmacht Nr. 1 ablösten, und überhaupt der Stern Europas zu sinken begann. Wobei…Grossbritannien hatte seine grösste Ausdehnung 1921, damals hat es etwa ein Viertel der Landfläche der Erde umfasst. Auch so ein Reich, in dem die Sonne nie unterging. Ein Weltreich mit den entsprechenden Kommunikationsmöglichkeiten, Rohstoffen, Hilfssoldaten, Verkehrswegen,… Eines der Gebiete, die GB dann verlor, war Irland, das 1922 mehr oder weniger unabhängig wurde (seinen Nordostteil aber „zurücklassen“ musste). In dem British Empire waren 5 von 6 Bürgern „Farbige“ bzw Nicht-Weisse. Die (weiss dominierten) britischen Dominions Canada, Australien, Neuseeland, Südafrika, Irland und Neufundland bekamen mit dem Gesetz des britischen Parlaments (im Westminster-Palast) vom Dezember 1931 (Statute of Westminster) weitgehende Unabhängigkeit. Für Canada steht „1931“ auf einer Stufe mit „1867“, und mit „1982“. Diese angelsächsischen/anglokeltischen Kolonien in Nordamerika und Ozeanien, die so etwas wie den Kern des „Westens“ bildeten, bekamen ihre Unabhängigkeit anders als die nicht-weissen Gebiete des Empires.

2013 wurden Dokumente veröffentlicht, die enthüllen, wie GB (im 20. Jh) mit Aufständischen umgegangen ist, die um die Unabhängigkeit ihrer Länder kämpften. Anlass (für die Veröffentlichung) war eine Klage von Kenianern, die im Zuge des Mau-Mau-Aufstandes (1952-60) gefoltert worden sind. Dieser war einer der blutigsten Unabhängigkeitskämpfe gegen das Empire, mit über 10 000 Getöteten und zehntausenden Internierten. Die britische Regierung unter Aussenminister William Hague musste ’13 Kompensationen zahlen, und entschuldigte sich offiziell für britische Kolonialverbrechen. Bezüglich Malaysia, so geht aus den Dokumenten hervor, wurde Anweisung erteilt, Proteste gegen die Kolonialmacht als geplante kommunistische Übernahme darzustellen. Interessant ist auch, dass die Akten sehr geheim behandelt wurden (viele wurden auch zerstört), und die besonders heiklen durften nur von „britischen Staatsangehörigen europäischer Herkunft“ (Weissen) eingesehen werden. Doch eigentlich ist dies ein Vorgriff, wir sind ja noch in der Zwischenkriegszeit, die Unabhängigkeitsbestrebungen dieser Länder wurden nach dem 2. WK aktuell. GB war jedenfalls auch um den 2. WK herum, seit dem Westminster-Statut ohne Canada und die anderen riesigen Dominions, noch immer eine Supermacht, mit etwa 30% der Landmasse der Erde und 25% der Weltbevölkerung unter seiner Herrschaft.(39)

Canadas Einbindung in das Weltsystem zeigt sich auch beim Uran. 1930 entdeckte der Prospektor Gilbert LaBine am Great Bear Lake/ Sahtu in den Northwest Territories Uran. Dort lebende Dene-„Indianer“ waren anfangs Jene, die das radioaktive Erz abbauten… LaBine gründete das Bergbau-Unternehmen Eldorado. Das Uran für das US-amerikanische „Manhattan“-Atom-Programm im 2. WK kam aus Canada sowie dem damals belgisch beherrschten Congo (Kongo). 1945 gelang bekanntlich die Konstruktion von Atombomben, die dann auch auf Japan eingesetzt wurden. In diesem Krieg gab es wieder eine Beteiligung des kanadischen Militärs, an der Seite von USA und GB, diesmal unter einem Premierminister der Liberalen Partei (LPC), Mackenzie King. 1943 und 44 gab es in Quebec zwei wichtige, geheime Konferenzen der Führer dieser drei Anglo-Mächte. Kanadische Truppen waren bei der Landung in der Normandie dabei, bei jener in Nordafrika, in Italien, in Ostasien, im Atlantik-Krieg,… 1944 wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, nach einer Volksabstimmung 1942, bei der es in Quebec wieder eine klare Ablehnung gab. Diese Krise ähnelte also jener vom 1. WK, nur war sie weniger gravierend. Und, es gab wieder genug Freiwillige, von über einer Million eingesetzten Kanadiern waren unter 2500 Wehrpflichtige. Im November 1944 gab es in Terrace in British Columbia eine Meuterei von Wehrpflichtigen, gegen ihren Einsatz in Übersee.

Karikatur zur Wehrpflichtkrise 44

Canada war in diesem Krieg aber nicht nur mit Uran für Atombomben und Soldaten an Seiten der Alliierten beteiligt. Die nazideutsche Besetzung von Dänemark und Norwegen 1940 bis 45 betraf es auch am Rande. Der norwegische König Haakon VII. wich mit Familie, Hofstaat und der Regierung (mit Ministerpräsident Nygaardsvold) nach GB aus, während im Lande der deutsche „Reichskommissar“ Josef Terboven herrschte, 42-45 dazu eine Kollaborations-Regierung unter Vidkun Quisling. Die norwegische Exilregierung liess in Ontario, Canada eine norwegische Armee für den Kriegseinsatz in Norwegen ausbilden.(40) Grönland, in der Nachbarschaft Canadas, sollte den Vorstellungen von Quisling zufolge an Norwegen „zurück“ gehen, im Fall eines deutschen Sieges im Krieg. Nazi-Deutschland „begnügte“ sich im Arktis–Subarktis-Raum mit Versuchen, Wetterstationen auf Grönland sowie diversen zu Norwegen gehörenden Gebieten/Inseln zu errichten. Truppen der USA besetzten Grönland ab 1941, nachdem dort eine Art Vakuum entstanden war – Dänemark war von Deutschland besetzt, Deutschland nahm aber nicht Grönland ein. Grönland/ Kalaallit Nunaat wurde während dieses Krieges strategisch wichtig, blieb das danach im Kalten Krieg.

Der US-amerikanische Militärstützpunkt in Thule/Umanaq wurde Anfang der 1950er wieder belebt, hinzu kam ein weiterer mittlerweile aufgegebener in der Nähe. Auch dadurch wurde Grönland etwas stärker an den amerikanischen Kontinent angebunden. Die USA wollten Grönland nach dem 2. WK von Grönland kaufen, etwas dass auch Trump in seinen Präsidentenjahren wieder aktuell gemacht hat. Zurück zum Uran: Der Eldorado-Konzern ging in Cameco auf, und Canada ist einer der bedeutendsten Uran-Produzenten und -exporteure. Als solcher spielte es auch bei der Gründung der IAEA 1957 eine Rolle. Canada hat selbst keine Atomwaffen entwickelt, die USA stationierten bis 1984 Nuklearwaffen in Canada (im Rahmen der NATO). Seither ist das Land unter dem Nuklearschirm der USA/NATO, hat aber keine Teilhabe an deren Atomwaffen mehr. Aber ein ziviles Atomprogramm, und damit das Potential zur Atombombe. Canada hat 19 Atomkraftwerke, die bis auf eines alle in Ontario stehen. Im Gründungsjahr der IAEA entstand auch die Pugwash Conferences on Science and World Affairs, eine Tagungsreihe in Pugwash, Nova Scotia, in denen es um atomare Bedrohung, bewaffnete Konflikte und Probleme der „globalen Sicherheit“ geht. 1995 wurde Józef Rotblat stellvertretend für die Pugwash Conferences, die entscheidenden Anteil am Atomteststoppvertrag 1963 und am Atomwaffensperrvertrag 1970 hatten, der Friedensnobelpreis verliehen.

Noch einmal zum 2. WK: Die Japaner nahmen 1942 zwei Inseln der zu Alaska (damals noch kein Bundesstaat, aber zur USA zugehörig) gehörenden Aleuten ein; Attu und Kiska wurden 1943 zurück erobert. Und dann gab es die japanischen Ballonbomben, Gasballons die Bomben von Japan über den Pazifik nach Amerika trugen, 1944/45. Auch an die Westküste Canadas kamen einige. Bald nach dem 2. WK begann global eine Entkolonialisierung. Grönland bekam zunehmend Autonomie innerhalb Dänemarks (1953, 1979, 1985, 2009). Die Kolonialmacht Nr.1, GB, gab auch Kolonien auf, führte dabei auch das eine oder andere Rückzugsgefechte (siehe oben, siehe Ägypten ’56) und behielt so Manches. 1949 kam das britische Dominion Newfoundland/ Neufundland, der letzte Rest von Britisch-Nordamerika, an Canada. Damit waren Canadas heutige Grenzen komplett. Das Ende von British North America ja, aber Canada als Ganzes blieb eng an GB gebunden. Bezüglich Entkolonialisierung war Newfoundland natürlich ein Sonderfall: weiss bevölkert, an ein weisses Land übergeben. Newfoundland und das dazu gehörende Festland-Gebiet auf der anderen Seite des Lorenz-Golfs (Labrador) wurden die zehnte Provinz Canadas, hinzu kamen die 2 Territorien Northwest und Yukon.

Newfoundland hatte 1907 von GB Selbstverwaltung bekommen, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise 1934 votierte das Parlament des Dominions für eine engere Anbindung an GB. Im 2. WK durften das US-amerikanische Militär auf der Insel Militärbasen errichten, in Erwartung dass der Atlantik-Krieg mit den Deutschen auch an die Küste Nordamerikas kommt. 1943 geschah das auch in gewisser Hinsicht! Dies veränderte die Insel in mancher Hinsicht, so sehr, dass eine Partei gegründet wurde, die Economic Union Party, die für eine Wirtschaftsunion mit der USA eintrat. Aus der USA kamen diesbezüglich aber keine Avancen. 1948 fanden in Newfoundland/Labrador zwei Referenden über den Status statt, eines ging für Rückkehr zu Selbstregierung aus, das andere für den Anschluss an Canada. An dieser Stelle: Welche Gebiete gäbe es noch als Kandidaten für einen Anschluss an Canada? St. Pierre et Miquelon bei Newfoundland, wo der kanadische Dollar inoffiziell im Gebrauch ist; würde den französischen Charakter Canadas etwas stärken. A propos letzte (europäische) Kolonien in Nordamerika: da gibts auch noch Grönland (dazu noch mehr) und die (britischen) Bermuda-Inseln. Und das von der restlichen USA exterritoriale Alaska? Von den kontinentalen Bundesstaaten der USA ragt Maine im Nordosten (Neu-England) etwas in Canada hinein; 1838-40 gab es dort, an der Grenze zu New Brunswick auch einen britisch-amerikanischen Grenzkonflikt.

Im Zuge des Anschlusses Neufundlands wurde der Staatsname von Canada geändert, wird seither nicht mehr „Dominion“ (of Canada) genannt, einfach nur „Canada“. Das war in der Regierungszeit von Louis St. Laurent, der zweite Frankophone bzw Quebecer als Regierungschef, nach Laurier und vor Trudeau senior, Chretien, Martin, Trudeau junior. Die Generalgouverneure sind seit 1952 Kanadier (nicht mehr Briten); in den Provinzen gibt es Lieutenant-Governors. Bestimmendes Weltthema nach dem 2. WK wurde ja der Kalte Krieg, Canada trat natürlich der NATO bei und war als engster Verbündeter von USA sowie GB klar auf deren Seite. Auch kamen immer wieder Einwanderer aus kommunistisch gewordenen Ländern, ob Polen oder Vietnam, nach Canada, die diese Linie befürworteten. Es gab aber auch andere. Fred Rose (Fishel Rosenberg) wurde Anfang des 20. Jh im damals russischen Polen geboren, wurde mit seiner jüdischen Familie im 1. WK nach Canada gebracht. Er war in der Kommunistischen Partei des Landes (CPC/PCC) aktiv. Nachdem diese im 2. WK verboten wurde, war er für deren Nachfolgepartei Labor-Progressive Party (LPP)1943 in Quebec ins kanadische Parlament gewählt. Der übergelaufene SU-Diplomat/Agent Gusenko beschuldigte/überführte Rose, ein Ostblock-Spion zu sein. Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis reiste der ins kommunistische Polen aus.

In Canada dominieren, seit es existiert, die Parteien der Konservativen (heute CPC, hatte verschiedene Namen) und Liberalen (LPC), die relativ nahe bei einander sind und eine „brokerage politics“ praktizieren, also eine Politik des Aushandelns. Die beiden Parteien entsprechen eher der Republikanischen und Demokratischen in der USA als Konservativer Partei und Arbeiterpartei in GB. Extrem rechte oder linke Parteien haben keine Chance, dazu aber noch mehr. Als dritte Kraft hat sich die eher linke New Democratic Party (NDP) etabliert. Diese ging 1961 aus der Co-operative Commonwealth Federation (CCF) hervor. Diese grossen Parteien haben in den Provinzen, besonders in Quebec, föderale Ausformungen, zT andere Namen. 1867 bis 1935 dominierten auch in Quebec Liberale und Konservative, kleine Sonderparteien wie die Partie nationale mischten mit, der Sondercharakter der französischen Kanadier bzw ihrer Provinz war eher in der Katholischen Kirche aufgehoben, und im kulturellen Bereich. 1867-1936 war die PCQ/CPQ die Organisation der Konservativen Partei Canadas in Quebec. ’36 vereinigte sie sich mit der ALN zur Union Nationale. 1936 gewann diese die Wahl, eine Partei die für mehr Autonomie war, unter Maurice Duplessis, sie mischte dann bis 1976 führend mit.

In Canada war für Parteien mit „extremen“ Haltungen bezüglich „Rasse“ kein Platz bzw kein „Bedarf“, da diese (Ausschluss von Nicht-Weissen) ohnehin in der Verfassung festgeschrieben war, bzw die (Hauptstrom-) Politik danach ausgerichtet war. „Status-Indianer“ (s.o.) und Inuit waren bis deutlich nach dem 2. WK ausgeschlossen von Staatsbürgerschaft und Wahlrecht! Und, Kanadier asiatischer Herkunft bekamen auch erst 1942 das Wahlrecht.(41) Inuit bekamen 1952 das Wahlrecht und (Status-) Indianer 1960. Daraus ist abzuleiten, dass Inuit (und andere Eskimo-Völker?) nicht zu den Status Indians gezählt wurden/werden; warum sie früher das Wahlrecht bekamen, ist Tiara nicht bekannt. Wobei: Die Inuit in Northwest und Yukon bekamen zwar ’52 das Wahlrecht, doch das war mehr oder weniger ein totes Recht, da Ottawa in diesen riesigen arktischen Gebieten keine Wahllokale errichtete…das geschah erst 1962 unter Premierminister Diefenbaker. Die (formale) Gleichberechtigung der First Nations kam in den 1950ern, 1960ern, in mehreren Schritten. 1956 bekamen sie die Staatsbürgerschaft. Hier war sogar die USA fortschrittlicher, dort geschah das 1924 (Indian Citizenship Act / Snyder Act) – daraus wurde dann ihr Wahlrecht abgeleitet. John Diefenbaker, dessen Vater aus Deutschland eingewandert ist, war 57-63 Premier(42), und gehörte erstaunlicherweise der Konservativen Partei (damals Progressive Conservative Party of Canada /PCP) an. Er war übrigens ein Veteran des 1. WK.

Es wird erzählt, Diefenbaker fragte eines Tages 1959 ob die Ureinwohner eigentlich wählen könnten, und erfuhr, dass „non-status Indians“ konnten, aber „status Indians“ nicht. Jedenfalls hat er diesen Zustand geändert. Beziehungsweise ändern lassen, durch die Mehrheit seiner Partei im Parlament, das war anscheinend 1960 (und bei der Wahl 1962 konnten die First Nations erstmals wählen, zumindest auf Bundesebene). Das kam also durch eine Initiative von Oben, statt durch Druck von Unten. Es gab damals wenig Aktivismus von den Angehörigen dieser Völker und wenig Anteilnahme von der kanadischen Mehrheitsbevölkerung. Bei der Wahl 1962 wurden auch in den Arktis-Territorien Wahllokale errichtet. Interessant wird es, wenn man sich internationale Implikationen und Interaktionen dieser Frage (Gleichberechtigung der Ureinwohner Canadas) ansieht. Anfang der 1960er wurde, nicht zuletzt auch im Commonwealth of Nations, die Frage der Entkolonialisierung Afrikas und der Apartheid in Südafrika sehr aktuell. Diefenbaker hat bei der Commonwealth-Konferenz 1961 Südafrikas Premier Hendrik Verwoerd gegenüber konfrontativ dessen Apartheid-Politik thematisiert; es gab eine Resolution die von ihm und Indiens Premier Jawaharlal Nehru initiiert wurde, in der erklärt wurde, dass Rassismus inkompatibel sei mit Commonwealth-Mitgliedschaft. Die Resolution wurde angenommen – wobei Canada (unter Diefenbaker) aber das einzige weisse Land war, das dafür stimmte.

Das moralische Recht hatte er insofern, als er dabei war, entsprechende Zustände in seinem Land zu ändern. Dass es auch im Commonwealth Gegenwind für die Apartheid gab, war aber für Südafrikas herrschende Afrikaaner/Buren(43) nur Anlass gewesen, die Umwandlung des Landes in eine Republik und den Austritt aus dem Commonwealth in Angriff zu nehmen. 1960 gab es diesbezüglich ein Referendum und im Mai 1961 vollzog sich der Austritt. Die Konferenz von CW-Premiers im März ’61 in London muss die letzte gewesen sein, an der Vertreter Südafrikas teilnahmen (bis zum Wiedereintritt nach Ende der Apartheid).(44) Natürlich gibt es hier grosse Unterschiede, „Weisse“ waren in Südafrika immer eine Minderheit im Gegensatz zu Canada, und die südafrikanischen Homelands entsprachen nicht den kanadischen Reservat(ion)en. 1962, das gehört auch hier dazu, hat Canada rassische Gesichtspunkte aus dem Einwanderungsgesetz gelöscht. Diefenbaker hat auch gesagt: „We shall never build a nation which our potential resources make possible by dividing ourselves into Anglophones, Francophones, multicultural or whatever kind of phoneys you choose: I say Canadians first, last and always.“

In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Ausgrenzung (bzw Unterwerfung) und Schlechterstellung der „Farbigen“ lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia) und Rhodesien (Zimbabwe). (Unter Anderem) um manche Zustände in der USA geht es in diesem Artikel. Nach Diefenbaker waren 2 LPC-Politiker Premiers Canadas: Lester Pearson, dann Pierre Trudeau. Die Geburtsstunde der „Indianer“-Rechts-Bewegung in Canada dürfte im Jahr 1969 liegen, mit Opposition zu Trudeaus Plänen, den Indianer-Status abzuschaffen. Die Abschaffung von Sonderbestimmungen für die Indigenen des Landes wäre aber auch auf ihre Assimilierung an die weisse Mehrheitsgesellschaft hinausgelaufen. So kam es zu einer Mobilisierung von Personen und Organisationen aus dieser Bevölkerungsgruppe im ganzen Land. Der Cree-Aktivist Harold Cardinal schrieb damals “The Unjust Society“. Trudeaus Pläne wurden schliesslich nicht wie geplant umgesetzt. 1976 erhob die Organisation Inuit Tapirisat („Inuit-Bruderschaft“) erstmals die Forderung zur Einrichtung eines eigenen Territoriums im Nordosten Kanadas. Nach über 15-jährigen Verhandlungen wurde 1992 zwischen Inuit-Organisationen, Bundesregierung und Territorialregierung der Nordwest-Territorien beschlossen, 1999 aus diesem Gebiet im Nordosten „Nunavut“ herauszulösen.

Canadas wirtschaftlicher Wachstum und soziale Programme liberaler Regierungen (wie Medicare, Canada Pension Plan, Canada Student Loans) wirkten mit am Entstehen einer neuen kanadischen Identität, die unabhängiger vom „Mutterland“ Grossbritannien war. Canadas Flagge seit 1867 war die mit einem britischen „Union Jack“ im linken oberen Eck auf rotem Grund, auf dessen rechter unterer Seite ein kanadisches Wappen war, das sich immer wieder änderte. Diese Flagge war bis 1965 in Gebrauch (also gut ein Jahrhundert), aber nie „ganz offiziell“, eher als Konkurrenz zum Union Jack. 1964 verkündete Premierminister Lester Pearson die Suche nach einer neuen Nationalflagge. Kanadier reichten an die 3000 Entwürfe ein, an das Flag Committee. 3 kamen in die Endauswahl, jeweils mit einem Ahornblatt und ohne Union Jack. Pearsons bevorzugtes Design war das mit 3 roten Ahornblättern auf weissem Grund, der von zwei vertikalen blauen Balken begrenzt wird. So wie die Red Ensign-Fahne zeit ihrer Nutzung umstritten war, kritisiert wurde von jenen, die einfach die britische wollten (womit natürlich eine entsprechende Nationsauffassung von Canada verbunden war!), gab es auch nun die Kritiker eines Flaggenwechsels, jene Kanadier die einen britischen Charakter des Landes sichtbar behalten wollten, hauptsächlich aus der Mehrheitsgesellschaft der englischen/britischen Kanadier.

1965 wurde die neue angenommen, mit dem roten einzelnen Ahornblatt auf weissem Grund und den 2 roten Balken. Für die Entstehung einer kanadischen Nation war das sehr wichtig. Die eigentliche Bedeutung der Farben der aktuellen kanadischen Flagge ist dass Rot für das britische Erbe steht und Weiss für das französische, doch da Weiss (auch) als neutral gesehen wird, werden die Franko-Kanadier gerne als darin nicht-repräsentiert gesehen. Und so gibt es Vorschläge für Änderungen, wie die „Canadian Duality Flag“ oder „Canadian Unity Flag“, die während des Quebecer Unabhängigkeits-Referendums 1995 präsentiert wurde (um kanadische Einheit zu promoten). Darin ist die aktuelle kanadische Fahne mit schmalen blauen Balken ergänzt, die das Französische symbolisieren sollen (in etwa in den Proportionen die die Frankophonen gegenüber der Gesamt-Bevölkerung haben…).

Flag committee 1964

Canada hat kaum eine binationale Identität, auch wenn es nicht nur im Commonwealth of Nations Mitglied ist, sondern auch in der Organisation internationale de la Francophonie, und auf Bundesebene offiziell bilingual. Die Französisch-Sprachigen (nicht dasselbe wie Französisch-Stämmige, dazu noch mehr) sind eine (sicherlich nicht unterdrückte) sprachliche Minderheit, der Charakter Canadas als Ganzes ist aber viel stärker von der britischen Kolonialvergangenheit und der Verbindung zu den anglosächsischen Staaten geprägt. Jene Völker, die in Canada First Nations genannt werden, werden schon gar nicht als gleichrangiger, konstituierender Teil dieser Nation gesehen.(45) Besonders stark ist das Französische natürlich in Quebec, der grössten Provinz Canadas, wo etwa 85% der Frankophonen des Landes leben (die dort etwa 80% der Bevölkerung ausmachen). Daneben gibt es substantielle Gruppen von Franko-Kanadiern aber zum Einen auch östlich von Quebec, in den Atlantikprovinzen, dem ehemaligen Acadie, in New Brunswick (die einzige offiziell zweisprachige Provinz), Nova Scotia, Newfoundland-Labrador,… Zum Anderen westlich davon, in Teilen Ontarios und auch noch Manitobas.

Wie gesagt wurde Frankreich von den Briten 1763 weitgehendst aus Nordamerika verdrängt. Die kleine Inselgruppe Saint-Pierre & Miquelon südlich von Neufundland stellt das letzte „Überbleibsel“ der französischen Kolonie Neufrankreich dar, ist ein französisches Überseegebiet (Collectivité d’outre-mer, COM). Als 1867 ein Canada durch Vereinigung mehrerer britischer Kolonien gegründet wurde, das gegenüber GB grossteils autonom wurde, stellten Französisch-Stämmige, hauptsächlich aus dem ehemaligen Niederkanada, etwa ein Drittel der Bevölkerung dieser neuen Föderation. Viele von ihnen sahen in dem neuen Canada einen Pakt der „Gründernationen“, der ihnen erlauben sollte, nicht nur die eigene Identität zu behaupten, sondern auch gleichberechtigt mit der anglophonen Mehrheit das Land zu gestalten. Diese Gleichrangigkeit gab es natürlich nicht. In den frühen Jahren Canadas waren Sprach- und Konfessionszugehörigkeit eng miteinander verbunden (Anglophone/Protestanten – Frankophone/Katholiken). Was sich auch beim Schulstreit in Manitoba im ausgehenden 19. Jh zeigte. Die Zurückstufung des Französischen in (Schulen in) Manitoba und den benachbarten North-West Territories führte zu einem Erstarken des frankokanadischen Nationalismuses in Quebec. 1912 gab es Massnahmen gegen frankophone Schulen in Ontario.

Eine ikonische Figur beim Untergang Neu-Frankreichs wurde Adam Dollard des Ormeaux. Der aus Brie bei Paris stammende Dollard kam 1658, als Offizier der französischen Armee, in Nouvelle-France (Neu-Frankreich) an, wurde Kommandant der Festung Ville-Marie (heute in Montreal). 1660, führte er eine Expedition den Ottawa-Fluss hinauf, um gegen die Iroquois/Irokesen zu kämpfen, im damaligen Canada (heute Quebec). Unter seinem Kommando waren 17 Franzosen, ausserdem Huronen und Algonquin. Im Mai 1660 kam es zur Schlacht gegen die Irokesen bei den Long-Sault-Stromschnellen, bei der u.a. Dollard getötet wurde. Das Ziel von Dollards Angriff ist umstritten, aber ihm wird verschiedentlich zugeschrieben, einem Irokesen-Angriff zuvor gekommen zu sein. Er, der 100 Jahre vor den entscheidenden Schlachten gegen die Briten starb, wurde für Neu-Frankreich in etwa das, was Konstantinos Palaiologos für Byzanz ist oder Sebastiao Aviz für Portugal.(46) Die Verbindung vom Norden des früheren Neu-Frankreichs nach Frankreich riss nach 1763 ab. Manche vertreten die Auffassung, Neu-Frankreich sei dadurch dem „Terror“ der Französischen Revolution entgangen; dass die Revolution nur Schlechtes brachte, ist sehr zu bezweifeln, vorübergegangen ist sie an den Vorfahren der Frankokanadier, das lässt sich sagen.

Lionel-Adolphe Groulx, Anfang des 20. Jh in Europa ausgebildet, Priester und Historiker, politisch aktiv für nationale Belange der Franko-Kanadier, ist auch eine wichtige Persönlichkeit für diese. Groulx sah die Eroberung Neu-Frankreichs durch GB als Katastrophe, vertrat einen katholischen geprägten Nationalismus, beeinflusste die kurzlebige Action libérale nationale (ALN), unterstützte diverse Parteien. Groulx widersprach nicht nur der Auffassung von England/GB als liberalem und mütterlichen Land für Canada(86), er trat auch für die Unabhängigkeit Quebecs von Canada ein – wollte Canada nicht in seinem Sinn verändern. Er schrieb „L’Appel à la race“, eine Geschichtsfiktion (bzw Alternativgeschichte) in der es um die Rettung der Identität der Franko-Kanadier geht, und zwar vor dem Hintergrund des Schulstreits in Ontario (s.o.) im frühen 20. Jh. Wichtigster militanter Frankokanadier war ein Metis, der weit ausserhalb Quebecs tätig war (Louis Riel), dies einer der bizarren Aspekte bei diesem Thema. Im Juli 1967 besuchte Frankreichs Präsident Charles de Gaulle Canada, das 100 Jahre seines Bestehens feierte (u.a. mit einer Weltausstellung in Montreal). Vom Balkon des Rathauses von Montreal rief er „Vive le Québec libre! Vive le Canada français! Et vive la France!“. Canadas Premier Lester Pearson sagte, dass Kanadier nicht befreit zu werden brauchten und sagte Treffen mit De Gaulle ab, der somit gar nicht nach Ottawa kam.(47)

Québec durchlief in den 1960ern eine Entwicklung, die „Stille Revolution“ (Révolution tranquille) genannt wird, Entwicklungen eigentlich ausserhalb des „Sprachenstreits“, die das Land tief veränderten, sozio-kulturelle und sozio-politische Veränderungen. Die Veränderungen gingen hauptsächlich auf den Premier der Provinz 60-66, Jean Lesage, von der Liberalen Partei in Quebec (PLQ) zurück. Die Stille Revolution ist gekennzeichnet von einer Säkularisierung der Gesellschaft, nicht zuletzt als die Provinzregierung damals das zuvor von der römisch-katholischen Kirche dominierte Gesundheits- und Bildungswesen unter staatliche Kontrolle brachte. Ausserdem gab es Investitionen in staatliche Dienstleistungen, Bildung und Infrastruktur. Die Wirtschaft Quebecs kam infolge der Entwicklungen unter Kontrolle ihrer Bevölkerung. Während der Stillen Revolution wurde in einem Teil der Bevölkerung der Gedanke einer Unabhängigkeit Québecs populär. Die politischen Kräfte in der Provinz teilten sich in „föderalistische“ (pro-kanadische) und separatistische Kräfte. Nicht zufällig in jener Zeit als in Quebec ein säkularer Nationalismus entstand, formierte sich eine militante Gruppe, die gewaltsam die Unabhängigkeit des Landes erreichen wollte.

Die Front de libération du Québec (FLQ) war eine linksextremistisch-nationalistische Gruppe, die von 1963 bis etwa 1970 aktiv war.(48) Höhe- und gleichzeitig Endpunkt ihrer Gewaltwelle war im Oktober 1970, als sie in Montreal den Vize-Premier der Provinz, Pierre Laporte (PLQ), sowie den britischen Diplomaten James Cross entführten.(49) Die Bundesregierung unter (dem Quebecer) Pierre Trudeau (LPC) liess in dieser „Oktober-Krise“ die kanadische Armee in Montreal aufmarschieren und den Ausnahmezustand verhängen. 1971 verhaftete die Polizei mithilfe von Spitzeln, die sie in die Organisation eingeschleust hatte, einen Grossteil der Mitglieder. Aber, Manches von dem was die FLQ anstrebte, kam auf anderen Wegen. Die UN bekam bei Wahlen immer weniger Stimmen, wurde immer schwächer, war ab Anfang der 70er Kleinpartei. Zu Liberalen (PLQ/LPQ) und UN kam ab 1970 die separatistische PQ hinzu. René Lévesque, Teilnehmer des 2. WK, dann Reporter, war in der PLQ aktiv (1960–1967), verliess diese weil er die Idee von der Unabhängigkeit Quebecs entwickelte, gründete 1968 die Parti Québécois (PQ) – die die Wahl zum Provinzparlament 1976 gewann. Levesque wurde Premier Quebecs, strebte die Vollsouveränität der Provinz an! Nachdem 1969 erst die Zweisprachigkeit in Quebec verankert worden war, wurde unter der PQ-Regierung 1977 Französisch stark aufgewertet, als Amts- und Bildungssprache, das Englische dort stark zurückgedrängt.

Die PQ organisierte 1980 ein Referendum über die Unabhängigkeit, das klar scheiterte, fast 60% kreuzten „No(n)“ an. 1981 wurde die Regierung bestätigt, ab 82 befand sie sich im Konflikt mit der Bundesregierung (s.u.). Interne Auseinandersetzungen führten 1985 zu Lévesques Rücktritt, sein Nachfolger und Parteikollege Pierre-Marc Johnson(50) konnte die Niederlage bei den Wahlen 1985 nicht abwenden, war nur 2 Monate im Amt. Zu einem „Zerwürfnis“ zwischen Quebec und Canada (der Bundesregierung) kam es ausgerechnet infolge des Trennungsschrittes Canadas von Grossbritannien. Dem vorletzten formalen, der letzte wäre die Ersetzung des britischen Monarchen als Staatsoberhaupt, die Umwandlung des Landes in eine Republik. Und ausgerechnet als die Bundesregierung von einem Quebecer geleitet wurde. 1982 wurde die „Canadian Charter of Rights and Freedoms“ vom kanadischen Parlament beschlossen, auf Initiative der LPC-Mehrheit unter Premier Trudeau, die Canada den letzten verbliebenen Vollmachten des britischen Parlaments über es entzog, die Unabhängigkeit von 1931 vervollständigte. Die britische Queen blieb Staatsoberhaupt, die kam zur öffentlichen Unterzeichnung der Charta (mit Trudeau) nach Canada. Begleitend dazu beschloss das britische Parlament in diesem Jahr den Canada Act.(51)

Bei der Charta handelte es sich um eine Verfassungs-Änderung, und Trudeau war nicht gezwungen, die Zustimmung der Provinz-Premiers einzuholen, es hätte aber dem Gewohnheitsrecht entsprochen, meinte der Oberste Gerichtshof Canadas. Quebec unter Levesque fühlte sich übergangen, verweigerte die Zustimmung, es begann ein Konflikt zu schwelen. Premierminister 84-93 Brian Mulroney, ein anglophoner Quebecer von der Konservativen Partei (damals PC, Progressive-Conservative Party of Canada), bemühte sich lange, die Sache beizulegen. Doch weder die Übereinkunft von Meech Lake 1987 noch jene von Charlottetown 1992 führten zu einer Einigung auf eine Verfassung, der Alle zustimmen konnten. Der Charlottetown Accord sollte die schwelende Verfassungskrise lösen, gleichzeitig das Streben in Quebec nach mehr Unabhängigkeit und Anliegen der vor-europäischen Völker Canadas berücksichtigen. Durch die Ablehnung im Referendum 1992 wurde ein mühevoll errungener Kompromiss hinfällig. Es gab knapp unter 55% Nein, auch in Quebec eine Mehrheit dagegen. Den Quebecern beinhaltete das Paket wahrscheinlich insgesamt zu wenig Autonomie, anderen Kanadiern gingen die Zugeständnisse an diese Provinz zu weit. Die Sache (die weiter ungelöst ist) gab der Reform Party of Canada Auftrieb, die im Westen Canadas aktiv und erfolgreich ist, gegen die Dominanz von Ontario in Canada arbeitet. Zum Anderen dem Separatismus in Quebec.

1990/91 entstand der Bloc Québécois (BQ), aus einer informellen Verbindung von Abgeordneten der Progressiv-Konservativen Partei und der Liberalen Partei, die nach dem Scheitern des Meech Lake Accord aus ihren Parteien ausgetreten waren und deren Ziel die Unabhängigkeit Québecs war. Angeführt wurde die Vereinigung von Lucien Bouchard, der bis zu seinem Rücktritt aus Brian Mulroneys Bundesregierung dort Umweltminister war. Die PQ tritt in der Provinz an, der BQ auf Bundesebene. Bei der Wahl 1993 gewann der Bloc Québécois im Unterhaus 54 von 75 Sitzen in Québec und wurde dadurch zweitstärkste Partei in dieser (wichtigeren) Parlamentskammer Canadas. Im darauf folgenden Jahr gewann die Parti Québécois, nun unter Jacques Parizeau, die Wahl zur Nationalversammlung von Québec. Parizeau versprach, während seiner Amtszeit ein Referendum über die Unabhängigkeit Quebecs durchzuführen. Dieses kam 1995 zu Stande. Für den Verbleib Québecs bei Canada setzten sich damals die „Föderalisten“ (fédéralistes) ein. Ihre Hauptakteure waren Jean Chrétien (LPC), der kanadische Premierminister, Daniel Johnson (PLQ), und Jean Charest (PC). Für die Trennung von Canada waren die Souverainistes, BQ (Bouchard) und PQ (Parizeau) sowie die Action démocratique du Québec (ADQ), eine konservative Partei, Abspaltung von den Quebecer Liberalen, 94 entstanden.

Im Falle der Zustimmung beabsichtigte Parizeau, Verhandlungen mit der kanadischen Bundesregierung über eine politisch-wirtschaftliche Assoziation aufnehmen und erst bei einem Scheitern der Gespräche die Unabhängigkeit Québecs ausrufen. Parizeau wollte bei einer „Ja“-Mehrheit jedenfalls innerhalb von zwei Tagen vor das Parlament Quebecs treten und das Souveränitätsgesetz vorlegen. In einer Rede, die Parizeau vorbereitet hatte, würde „Québec die Hand in Partnerschaft zu seinen kanadischen Nachbarn [im Westen und Osten] ausstrecken“. Lucien Bouchard kündigte an, Québec werde die in der Provinz stationierten Kampfflugzeuge der kanadischen Luftwaffe in Besitz nehmen und rief die Militärbasen in Québec dazu auf, im Falle einer Unabhängigkeitserklärung an der Schaffung einer Quebecer Armee teilzunehmen.  Verteidigungsminister David Collenette (LPC, kein Quebecer) ordnete die Verlegung von Kampfflugzeugen in andere Provinzen an, damit diese bei möglichen Verhandlungen nicht als Pfand eingesetzt werden könnten… Es gab also viel Unsicherheit vor dem Referendum, zumal die Umfragen diesmal ein knappes Rennen voraus sagten.

Zu den Unsicherheiten gehörte auch die Frage, ob Premierminister Jean Chrétien im Fall der Unabhängigkeit Quebecs im Amt bleiben könne, da er in einem Wahlbezirk in Québec gewählt wurde. Manche Regierungsmitglieder kündigten an, die Unabhängigkeit akzeptieren zu werden, andere sagten, das Oberste Gericht müsse bei einem positiven Ausgang des Referendums weiter entscheiden. Die First Nations in Quebec (Inuit, Cree, Algonkin, Huronen,…) waren nicht von einer Unabhängigkeit der Provinz überzeugt, bestanden auf ihrem eigenen Selbstbestimmungsrecht. Sowohl die Cree als auch die Inuit (in Nunavik/ᓄᓇᕕᒃ/Kativik) hielten im Vorfeld eigene, inoffizielle Referenden ab, in denen sie sich deutlich für einen Verbleib bei Canada aussprachen. Bei dem Referendum stimmten dann 50,6% für „Nein“, eine sehr knappe Ablehnung also. 60% der Frankophonen waren dafür, die Minderheiten (Anglophone, Zuwanderer, First Nations) dagegen. Montreal insgesamt war gegen die Unabhängigkeit (wegen den Nicht-Frankophonen wahrscheinlich) und besonders deutlich auch die Region Nord-du-Québec (der nördlichste Teil der Labrador-Halbinsel) mit dem Inuit-Gebiet Nunavik/Kativik.

Hier geht es um die Behandlung des Referendums in bundesdeutschen Medien damals. Cornel Faltin in „Die Welt“ dämonisierte Bouchard als „geistigen Führer der Québecer Separationsbewe­gung“, der sich auf den Veranstaltungen „langsam in Rage redet“, bis er die Menge aufgewiegelt hatte: „‚Oui, oui, oui!’ schreit die Menge im scharfen Stak­kato und stampft mit den Füssen.“(52) Der Versuch von/in Quebec, sich unabhängig zu machen, wurde natürlich nicht aufgegeben, die PQ will ein drittes Referendum. Der Oberste Gerichtshof meinte 1997, unilaterale Abspaltung ginge nicht (sei verfassungswidrig) und das Parlament verabschiedete den Clarity Act, in dem festgeschrieben wurde, wie eine solche Sezession erfolgen könne. 2011/12 entstand die CAQ, die neue Konservativen-Partei in Quebec, aus PQ-Teilen sowie der ADQ. Es gibt Zuwanderer in Quebec aus allen Teilen der Welt und Canadas, von denen sich ein grosser Teil an die dortigen Frankokanadier assimiliert hat und ein beträchtlicher deren Unabhängigkeits-Ambitionen unterstützt.(53) Die Definition einer Quebecer oder frankokanadischen Nation über Sprache schliesst auch sie mit ein. Manche Einwanderer, wie Michaëlle Jean aus Haiti oder ein Teil der Afrikaner brachten bereits eine französische Prägung mit.

Französisch geprägt sind grossteils auch die „Indianer“ bzw Inuit in der Provinz, die Metis und ein Teil der Nachfahren der Sklaven. Eine Definition einer Quebecer Nation über Territorium würde auch anglophone Quebecer mit einschliessen. Eine über Abstammung auch die Cajuns in Louisiana sowie die Franco-Ontarier. Diese stammen hauptsächlich von Zuwanderern aus Quebec oder New Brunswick im 19. und 20. Jh ab. Ontario hat die grösste französisch(sprachig)e Bevölkerung Canadas ausserhalb Quebec.(54) Wichtiger Vertreter der Franko-Ontarier war der inzwischen verstorbene Politiker (LPC) Mauril Bélanger. Das südliche Canada (> Quebec) und das südliche Louisiane (> Louisiana) waren die beiden Zentren von Neu-Frankreich. Doch aus Louisiana in der USA wurde nicht das, was Quebec für Canada ist, eine französische Insel in einem englischen Umfeld. Die Créoles (Jacques Villeré war ein früher), die Cajuns und die schwarzen Kreolen (Nachfahren von Sklaven) konnten ihre französische Identität nicht bewahren.(55) Frankophone/Französischstämmige in der USA gibt es ausserdem in nördlicheren Teilen des früheren Louisianes(56): im Osten davon (Detroit, Michigan,…) sowie im Westen (Iowa,…), darunter auch französisierte Indianer. Und, zwischen 1840 und 1930 wanderten etwa 500 000 frankophone Kanadier in die Neuengland-Staaten aus, aus wirtschaftlichen Gründen.(57) Das französische Erbe in der USA ist also überwiegendst das Erbe von Nouvelle-France; darüber hinaus gibt es aber auch Einwanderer aus Haiti oder aus Frankreich, wie Charles J. Bonaparte.

Über gewisse Parallelen zwischen Canada und Südafrika war schon bei den „Ureinwohnern“ die Rede, es gibt auch welche zwischen den Franko-Kanadiern bzw den Afrikaanern/Buren, hauptsächlich im Verhältnis zur Anglo-Bevölkerung und -Herrschaft in diesen Ländern. Die britische Übernahme der früheren „Kolonialherrschaft“ spielte sich in Nordamerika im 18. Jh ab, im südlichen Afrika an der Wende vom 18. zum 19. Jh. Südafrika wie Canada entstanden durch Zusammenschluss mehrerer Kolonien und bekamen 1931 von GB weitgehende Unabhängigkeit. Wobei die „Anglos“ in Canada klar in der Mehrheit sind, in Südafrika nicht einmal im weissen Bevölkerungssegment. Die Afrikaaner dominierten deshalb Südafrika, 1948-94, was für die Frankokanadier in Canada nicht in Frage kam. Die Afrikaaner wollten dabei die schwarzafrikanische demografische Mehrheit des Landes „umgehen“, während die „Indianer“ für die Frankokanadier kaum ein Thema sind. Die kanadische Wehrpflichtkrise im 1. WK weist Ähnlichkeiten zur Rebellion in Südafrika im 1. WK auf – dort ging es aber viel gewalttätiger zu und dass das Kriegsgebiet gleich in der „Nachbarschaft“ war, wirkte sich auch aus. Die Änderungen der südafrikanischen Nationalflagge (1910, 1928, 1994) sagen eben so viel aus über die Entwicklung des Landes wie die diesbezügliche kanadische Entwicklung. Sezessionsbestrebungen unter Afrikaanern sind gegenwärtig Sache einer Minderheit, unter Frankokanadiern sind sie mehrheitsfähig.

Der „Sprachfrieden“ in Canada ist brüchig, keine Frage, ähnlich wie in Belgien. In Canada machen Französisch-Sprachige etwas mehr als 20% der Bevölkerung aus – ähnlich wie in der Schweiz, in Belgien etwa 50%. In diesen drei Ländern gibt es zwar einen Nationalismus, der sich auf die Gesamtheit des Demos (bzw der Polis) bezieht, jedoch ist der Ethno-Nationalismus(58) ein „schärferes Schwert“… Gerade für die national-konservativen Kräfte in diesen Ländern (wie CPC in Canada oder SVP in Schweiz) steht eine Form der Hegemonie klar über einem Bekenntnis zur Vielfalt. Nun ein Sprung zu einem ganz anderen Thema im Zusammenhang mit Canada; um diesen „abzufedern“, zunächst etwas zu Frankreich, aber nicht als Kolonialmacht in Nordamerika. Frankreich hat in den 1950ern die Entwicklung von Atomwaffen begonnen, hat 1960 in Süd-Algerien seinen ersten Atombombentest durchgeführt. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.(59) 1985 wurde das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior“, das sich auf dem Weg dorthin machen wollte, versenkt vom französischen Geheimdienst DGSE. 10 Jahre danach fand, unter Chirac, ein letzter französischer Test im Moruroa-Atoll statt. Die „Rainbow Warrior II“ wurde damals dort von französischen Marinesoldaten geentert

Der Zusammenhang mit Canada ist, dass Greenpeace in Canada gegründet wurde. Ganz am Anfang der Organisation standen aber US-amerikanische Atomtests, auf der Aleuten-Insel Amchitka (Alaska). Anlässlich der Vorbereitungen für den Test 1971 wurde GP gegründet. Dann kamen schon die Proteste gegen die französischen Tests auf Moruroa. David McTaggart aus Vancouver spielte in den Anfangsjahren von Greenpeace eine wichtige Rolle, wurde 1972 vor Moruroa von französischen Soldaten schwer am Auge verletzt.(59) Der vormalige Badminton-Spitzensportler und Unternehmer war dann am Aufbau von Greenpeace International beteiligt, das 1979 ins Leben gerufen wurde. GP wird in erster Linie von Spenden aus westlichen Industriestaaten finanziert, jenem Teil der Welt der auch für die meisten Naturzerstörungen verantwortlich ist. Wichtige Kampagnen von Greenpeace waren jene gegen den Walfang, gegen die Abholzung des Regenwalds, oder die Robbenjagd in Canada (hauptsächlich Newfoundland). Was Letzteres betrifft, haben sich die Greenpeace-Leute immer wieder zwischen die Stühle (oder in den Brennnesseln) gesetzt.

Es wurde ihnen vorgeworfen, gegenüber den Robbenjägern dort Appeasement zu üben, aber auch die Kampagne gegen dieses Töten an sich rief aggressive Reaktionen von der Gegenseite hervor. Von Inuit-Aktivisten und -Fürsprechern wurde Greenpeace vorgeworfen, dass diese Kampagne gegen kommerzielle Robbenjagd auch ihre Subsistenzjagd trifft. Darauf Rücksicht zu nehmen, brachte wiederum Paul Watson auf, einem Mitgründer von Greenpeace, der sie bereits 1977 verliess und die Sea Shepherd Conservation Society gründete. Nachdem Jon Burgwald von GP die indigene Robbenjagd als „ethisch und nachhaltig“ bezeichnete, übte Watson harsche Kritik an diesem. Ein anderer Greenpeace-Mitbegründer, Patrick Moore (auch Kanadier), verliess die Organisation auch, aus entgegengesetzten Gründen. Während GP für Watson zu „passiv“ und „nachgiebig“ war/ist, ist sie für Moore zu „radikal“. Am Anfang der europäischen Kolonisation Canadas stand ja die Biberjagd und die Abholzung. Was Ersteres betrifft, gab es erst um 1930 ein Umdenken in Canada. Es heisst, inzwischen gibt es fast überall in Canada wieder eine gesunde Biberpopulation, die auch wieder bejagt wird.(60) McTaggart zog sich Anfang der 1990er zurück, ging nach Italien (Olivenwirtschaft in Umbrien), starb 2001. Andere Kanadier, die sich in diesem Feld verdient gemacht haben, waren Pierre Dansereau und Percy Schmeiser.

Eine neue Einwanderung nach Canada kam hauptsächlich nach dem 2. WK in Gang, nun auch von ausserhalb Europas. Canada ist eines der Top-Einwanderungsländer global, wie USA, Australien, Neuseeland. War immer wieder Zufluchtsort, für Menschen aus allen Teilen der Welt, auch aus Europa, aus dem Westen. Auch aus der USA: es kamen Afro-Amerikaner während der Sklaverei, indianische Amerikaner während der Verfolgungen bzw gewaltsamen Auseinandersetzungen (siehe „Sitting Bull“), es kamen Kommunisten während der Verfolgungen 1917-20 und 1947-60, oder Vietnam-Kriegsdienst-Verweigerern, darunter wahrscheinlich der Vater von Naomi Klein. Es kamen aber auch Flüchtlinge aus Vietnam, wie Phan Thị Kim Phúc, die durch das Foto von ihr nach einem Napalm-Angriff 1972 berühmt geworden ist. Wie Klein auch ist sie eine Aktivistin. Oder flüchtige Kriminelle wie R. McNair. Es kamen Leute aus dem deutschen Raum, von den Hutterern bis zum dissidenten Nazi Otto Strasser. Canada wurde wichtiges Exilzentrum für Ukrainer, Juden, Kroaten, Polen, Iraner, Armenier, Inder, Syrer,…(61) Eine wichtige Exil-Gemeinschaft in Canada ist definitiv jene der Ukrainer, die ab dem späten 19. Jh kamen. Und gerne in den Westen Canadas gingen, in rurale Waldgebiete, die der alten Heimat ähnlich waren.

Auch die ukrainische Exilregierung hatte ihren Sitz zeitweise in Canada. Diese Regierung war die Fortsetzung der 1920 untergegangenen Ukrainischen Volksrepublik. Der vierte und letzte Präsident der Exilregierung Mykola Plaviuk stammte aus dem Polen der Zwischenkriegszeit, wurde dort 5 Jahre nach der sowjetkommunistischen Übernahme des ukrainischen Staats geboren. Er war im 2. WK Mitglied der OUN, flüchtete danach nach West-Deutschland, wanderte 1949 nach Montreal aus. 1992 anerkannte er Leonid Kravtschuk, den Präsidenten der post-sowjetischen Ukraine und löste die Regierung auf. Osteuropäer, die den kommunistischen Systemen ihrer Länder entfliehen wollten, gingen gerne nach Canada, manche kehrten nach Ende des Ostblocks bzw seiner Staaten zurück und konnten nun gestalten – wie Vaira Vike-Freiberga in Lettland oder Gojko Susak in Kroatien. Der slowakische Eishockeyspieler Peter Stastny hat in den 1970ern für die Tschechoslowakei gespielt, setzte sich dann nach Canada ab. Auch Iraner die gegen ihr Regime sind, kamen dorthin, wie „Hoder“ oder Hossein Amanat. Oder der israelische Mossad-Whistleblower Victor Ostrovsky (der als Kind osteuropäischer Juden in Canada aufwuchs, nach Israel auswanderte, nach Canada eigentlich zurückkehrte). Andere wichtige Einwanderer sind zB Atom Egoyan (Armenien/Ägypten), Michael Ondaatje (Sri Lanka), Irshad Manji (Uganda). Paul Anka ist Kind libanesisch-syrischer Einwanderer.

Das ist eine Seite Canadas, ein Land das Vielen Zuflucht gewährt(e). Es ist ein multiethnisches Land, aber dennoch eines mit einer europäisch-christlichen Dominanz, mehr als das die USA ist. Vor Allem ausserhalb der städtischen Ballungsräume. Der österreichische Physiker Anton Zeilinger schwärmt von der Multikulturalität Canadas, ist mit einer Frau ostasiatischer Herkunft verheiratet…aber eben dieses Multikulturelle wird von Kanadiern auch gelegentlich abgelehnt. „Weisse“ machen etwa 80% der Bevölkerung Canadas aus, hinter jenen britischer/irischer Herkunft kommen die Frankokanadier, dann gibt es viele mit Wurzeln im deutschen Raum, anderswo in Mitteleuropa (wie Niederlande), in Osteuropa (hier ragen Ukrainer heraus), in Skandinavien, in Südeuropa (v.a Italien). Was die Nicht-Weissen betrifft, spricht man von visible minority groups… Dazu gehören die Ureinwohner (eigentlich auch ein degradierender Begriff), die etwas zwischen 3 und 5% der Bevölkerung Canadas ausmachen (mit Metis und Ähnlichen); dann Süd-asiaten (Inder,…), Ost-Asiaten (Chinesen,…), Schwarze (hauptsächlich aus der Karibik), West- und Zentralasiaten (Iraner, Araber,…), zT Lateinamerikaner(63),…

Auf das Religiöse aufgeschlüsselt, sind bei den Christen Katholiken die stärkste Einzelgruppe, gefolgt von der United Church of Canada (eine Vereinigung aus Presbyterianern, Methodisten, Congregationalisten), Anglikanern (schwache 5%), diversen baptistischen Gruppen, Lutheranern, Orthodoxen,… Hinter Moslems, Juden, Buddhisten, Hindus, Sikh sind dann Baha’i zu nennen. Der letzte Baha’i-Prophet Shoghi Effendi (OK, streng genommen gilt er nicht als Prophet) unternahm viele Missionsreisen in den Westen, war mit einer Kanadiern verheiratet, der Tochter von William S. Maxwell, einem konvertierten Architekten, der den Überbau zum Schrein des Bab in Haifa geplant hat.

Die andere Seite? Zum Beispiel die Vancouver riots (Krawalle) 1907, gegen (ost-) asiatische Einwanderer, zu ungefähr der selben Zeit gab es anderen Städten die selbe fremdenfeindliche Gewalt (wie auch in der USA). Hervorgetan haben sich bei dieser direct action übrigens Gewerkschaften. Oder, 1918 in Toronto anti-griechische Ausschreitungen, und da half Griechen auch nicht, dass sie Europäer sind. In der selben Stadt kam es 1933 im Christie Pits-Park zu einer pro-nazistischen und anti-jüdischen Kundgebung. Was aber auch nicht unterschlagen werden darf: Gewalt die durch Einwanderer ins Land kam. Der Anschlag auf den Air India-Flug 182 im Jahr 1985 gehört hier gewissermaßen dazu, auch wenn das Flugzeug (am Weg von Montreal über London nach Delhi) über dem Atlantik explodierte, nicht über Canada. Urheber des Anschlags war eine radikale Sikh-Gruppe, die international operiert(e), auch in Canada, die Babbar Khalsa (ਬੱਬਰ ਖ਼ਾਲਸਾ). Unter den 329 Opfern waren 268 Kanadier, die meisten davon indischer Herkunft.

Ebenfalls hässlich: die Morde des Paares Homolka-Bernardo Anfang der 1990er. Karla Homolka (tschechischer Herkunft) und ihr Partner Paul Bernardo (italienischer) vergewaltigten und töteten 1990-92 in Ontario (mindestens) 3 Teenager, darunter Homolkas 15-jährige Schwester Tammy. 1993 wurden die Beiden verhaftet, nachdem sie ihn angezeigt hatte weil er sie geschlagen hat… Homolka musste nach einem plea bargain 12 Jahre absitzen, Bernardo bekam lebenslänglich.(64) Homolka hat nach ihrer Freilassung ihren Namen geändert, war mit ihrem Anwalt zusammen, lebte in der Karibik, und in Quebec. Es gibt Verbindungen von hier zu einem anderen grausamen Mord, dem von Luka R. Magnotta an seinem Partner, dem chinesischen Studenten Jun Lin, 2012 in Montreal. Magnotta aus Ontario, der seinen ursprünglichen Namen Eric Newman geändert hat, ist schizophren, war Drogenkonsument, transsexuell, als Prostituierter und Pornodarsteller tätig.

Bernardo, Homolka

Nach dem Mord an Jun verschickte er Teile von dessen Körper an Parteizentralen in Ottawa und Schulen in Vancouver…und gab dabei als Absender Hubert Chretien (Sohn von Jean) sowie Homolkas Schwester Lori an. Ohne dass die beiden Magnotta oder Jun kannten. Magnotta verbreitete ausserdem über das Internet das Gerücht, dass er eine Beziehung mit Karla Homolka hatte. 2012 wurde er in Berlin verhaftet, in einem Internet-Cafe, wo er Nachrichten über sich las.(65) Im Prozess 2014 mussten auch Hubert Chretien und Logan Valentini (wie Lori Homolka inzwischen heisst) aussagen. Magnottas Muttersprache ist Englisch, er spricht kein flüssiges Französisch, der Grossteil des Prozesses (in Montreal) fand in Englisch statt, Magnotta bekam über Kopfhörer eine Simultan-Übersetzung für das Französische; dass ihm ein neben ihm sitzender Übersetzer flüsternd übersetzt, wurde aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt.

Canada hat nur einen Land-Nachbar, die USA, im Süden und Westen. Die Grenze dieser beiden Staaten ist 8 891 km lang, ist somit die längste binationale Landgrenze weltweit. Aufgeschlüsselt auf USA-Bundesstaaten ist die Grenze zu Alaska im Westen die längste, dann folgt die mit Michigan, die grossteils eine Seegrenze ist. Im Süden grenzen ausserdem die Staaten Washington, Idaho, Montana, North Dakota, Minnesota, Michigan, New York, Vermont, Maine, New Hampshire an Canada, ausserdem Wisconsin, Pennsylvania, Ohio rein über ihre Anteile am Seengebiet. Das „berühmteste“ Grenzgebiet dieser Länder ist auch im Gebiet der grossen Seen, die Niagara-Wasser-Fälle an der Grenze zwischen New York und Ontario; der Niagara-Fluss verbindet den Eriesee mit dem Ontariosee. Wie gesagt, das Verhältnis zur USA ist das eine entscheidende Canadas, neben dem mit GB. Das NAFTA-Handelsabkommen (das auch eines mit Mexico war) wurde unter dem nationalistisch-isolationistischen Trump aufgekündigt.(66)

Das Verhältnis zwischen diesen Staaten wurde im Film „Unsere feindlichen Nachbarn“/“Canadian Bacon“ (1995) von Michael Moore persifliert, dem letzten Film von John Candy; auch Daniel Aykroyd (ebenfalls Kanadier) wirkte darin mit.(67) Andere Kanadier, die im US-amerikanischen Film-Business mitmischen sind etwa David Cronenberg, Norman Jewison, Michael Fox, William Shatner, Graham Greene (ein Oneida), Ryan Gosling, Keanu Reeves, James Carrey, Evangeline Lilly; früher Leslie Nielsen oder Lorne Greene. Aus der Musikindustrie sind Oscar Peterson, Neil Young, Leonard Cohen, Shania Twain, Glenn Gould oder Bryan Adams zu nennen.(68) Zu den Interaktionen im Sportgeschäft noch mehr im Eishockey-Abschnitt. Alaska ist übrigens der USA-Bundesstaat mit dem höchsten Anteil an Ureinwohnern/Indianern, Alaska das spät zur USA kam und noch später Bundesstaat wurde. Eine andere Region der USA mit einer noch relativ grossen indigenen Bevölkerung, die an Canada grenzt, sind die nördlichen Great Plains (hauptsächlich North und South Dakota), wo hauptsächlich Sioux-Gruppen leben – deren Angehörige teilweise französische Namen haben (wie Peltier, Bellecourt), diese Region war Teil von Louisiane. „Indianer“ gibt es in der USA in absoluten Zahlen mehr als in Canada, ihr Anteil an der Bevölkerung ist in Canada klar höher (<1% gegenüber etwa 4%).

Von den „Ureinwohnern“ Canadas war ja schon die Rede. Die grösste Gruppe sind die Cree (etwa 100 000, das sind etwa 10% der Indigenen Canadas), dann gibt es andere Algonquin, Inuit, Ottawa, Sioux, Mohawk, Salish, Mikmak,…(69) Die Völker sind in der Regel in Stämme gegliedert, die Kainai etwa sind ein Stamm der Blackfoot. Wie schon erwähnt, gibt es in Canada einen „Indianer-Status“ und jener der Métis (Nachkommen von Franzosen und Cree hauptsächlich) ist etwas unklar. Sie werden aber meist zu den First Nations gerechnet – wohingegen die (Cape-)Coloureds in Südafrika nicht zu den schwarzen Völkern des Landes gezählt wurden/werden. Es gibt organisierte, „anerkannte“ Metis-Gemeinschaften, aber auch ausserhalb davon lebende Metis, und gelegentlich wird der Begriff für alle Kanadier verwendet, die sowohl europäische als auch (indianisch-)amerikanische Wurzeln haben. Je weiter man in den unwirtlichen Norden Canadas kommt, desto grösser ist der Anteil der „Ureinwohner“ an der Bevölkerung, in Nunavut machen sie 85% aus (hauptsächlich Inuit). Im Yukon Territory sind es immerhin noch um die 25%. Diese Territorien sind spärlich besiedelt; in Ontario gibt es am meisten First Nations in absoluten Zahlen. In jener Provinz, die so etwas wie das Herz Canadas ist, zwischen Hudson Bay (Kangiqsualuk ilua) und dem Seengebiet.

Die Assembly der First Nations (AFN) ist der wichtigste Dachverband der Indianervölker in Canada. Sie wurde 1982 als Nachfolgeorganisation der seit 1968 bestehenden National Indian Brotherhood gegründet. Daneben gibt es noch die Inuit Tapiriit Kanatami und das Métis National Council. Die staatliche Behörde die für Belange dieser Völker zuständig ist, heisst Department of Indian Affairs and Northern Development, wird seit 2017 von zwei Ministerien geleitet. Es gibt etwa 2250 Reservate von Stämmen (bands), zustande gekommen durch Verträge mit der Bundesregierung. Die meisten Reservate gibt es in British Columbia, das Kainai-Reservat in Alberta soll das grösste Canadas sein. 2017 hat, nach einer Serie von Suiziden unter Ureinwohnern, ein Untersuchungsbericht der kanadischen Justiz 17 vernichtende Kritik am System der Reservate geübt. Die Menschen in den Reservaten lebten wie in einem „Apartheid-System“, heisst es in dem Bericht des Untersuchungsrichters Lefrancois in der Provinz Quebec. Es war auch Quebec, wo es 1990 zur Oka-Krise kam, die den Auftakt zu einer Reihe gewalttätiger Auseinandersetzungen von First Nation People mit dem kanadischen Staat im späten 20. Jh bildet. 

Es handelte es sich um eine Auseinandersetzung der Mohawk aus dem Kanesatake-Reservat mit der nahegelegenen Gemeinde Oka, 1990. Die Krise entzündete sich an Plänen von Bürgern der Stadt, einen Golfplatz auf Land auszudehnen, das von den Mohawk beansprucht wurde. Die Mohawk errichteten Barrikaden, diese wurden von der Polizei angegriffen. Es kam zu Gewalt, und im Verlauf der 78 Tage dauernden Krise wurden ein Polizist der Quebecer Provinzpolizei Sûreté du Québec sowie ein Mohawk-Aktivist getötet. In dieser Situation rief der Premierminister von Québec, Robert Bourassa, die kanadische Armee zu Hilfe, die einige der Barrikaden räumte. Erst nach langwierigen Verhandlungen wurden die letzten Barrikaden abgebaut und die dortigen Mohawk gaben ihren Kampf auf. 1997 erwarben die Bundesbehörden das Gelände von der Gemeinde Oka, eigentlich, um es an die Mohawk zu übereignen. Einen ähnlichen Landkonflikt gab es 1995 am Ipperwash-Park am Huron-See in Ontario, zwischen Chippewa-Indianern und dem Staat. Die Entstehung Nunavuts war wiederum ein Zugeständnis an die First Nations Canadas, kam nach langen Verhandlungen zu Stande.

1999 wurde das Territorium Nunavut aus den Northwest Territories herausgelöst, aus deren östlichem Teil, darunter der frühere Keewatin-Distrikt. Das war die erste Änderung kanadischer Verwaltungsgrenzen seit 1949, der Aufnahme von Newfoundland. Nunavut wurde Canadas drittes Territorium. Die Territorien haben weniger Autonomie als die 10 Provinzen, hauptsächlich was das Gesundheitswesen, die Bildung, die Sozialfürsorge betrifft. Auch USA, Australien, Neuseeland haben alle Gebiete inner- und ausserhalb ihres geschlossenen Gebiets, denen sie den Status einer „minderwertigen“ Verwaltungsgeinheit gegeben haben, und das sind „zufälligerweise“ Gebiete mit grossteils indigener, nichtweisser Bevölkerung. Premier Paul Martin (Liberale Partei, LPC) trat 04 für den Provinzstatus für alle 3 Territorien Canadas ein, also Nunavut, Northwest Territories, Yukon Territories. Nunavut (ᓄᓇᕗᑦ) ist die grösste kanadische Verwaltungseinheit  und jene mit der geringsten Bevölkerungsdichte.

Die etwa 35 000 Einwohner sind v.a. Inuit.(70) Nunavut umfasst den Grossteil des kanadischen arktischen Archipels (wie Baffin Island, wo die Hauptstadt Iqaluit liegt), Inseln in der Hudson Bay, etwas Festland. Einige der westlichen arktischen Inseln sind „geteilt“ zwischen Nunavut und Northwest Territories, so wie Kitlineq/ Victoria Island. Im Osten ist Grönland der Nachbar, ggü von Ellesmere Island/ Umingmak Nuna. Das Territorium Nunavut ist eines der Inuit-Selbstverwaltungsgebiete in Canada (Inuit Nunangat/ ᐃᓄᐃᑦ ᓄᓇᖓᑦ), neben der Inuvialuit Settlement Region (aufgeteilt auf NWT, Yukon; die Inuvialuit sind eine Inuit-Gruppe), Nunavik (im nördlichen Quebec), Nunatsiavut (in Newfoundland-Labrador). In der Verwaltung dieser Gebiete spielt die Inuit Tapiriit Kanatami (ITK) eine gewisse Rolle. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Canada, USA, Australien, Neuseeland, Südafrika bei der Behandlung der vor-europäischen Bevölkerung des Landes. Verdrängungen, Naturzerstörung, Entfremdung von ihrer Kultur, Verschleppung von Kindern, Umerziehungen, niederen Behandlung, allmählich theoretische Gleichberechtigung,…

Ein Zickzack-Kurs des Staates im Umgang mit der Vergangenheit, unterschiedliche Diskurse in der Historiographie. Auch wenn das Land an sich (Canada) und seine Hauptstadt (Ottawa), einige Provinzen (wie Quebec),… benannt sind mit Bezeichnungen der voreuropäischen, vorkolonialen Bevölkerung des Landes, wird diese nicht als Gründernation(en) gesehen – und eigentlich war sie das auch nicht. Canada entstand als Konstrukt des britischen und französischen Kolonialismus. 1979 wurde erstmals ein Inuk (Einzahl von Inuit), Peter Ittinuar, zum Parlamentsabgeordneten gewählt, für die NDP, aus einem Teil der Northwest Territories (NT), die heute Nunavut bilden. Erster „Ureinwohner“ überhaupt, der ins Bundesparlament kam, waren Pierre Delorme und Angus McKay, Metis aus Manitoba, 1871 für die Konservative Partei. Louis Riel wurde 1873 als Unabhängiger für Provencher in Manitoba ins Unterhaus (House of Commons) gewählt. Richard Hardisty, ein Metis aus den NT, wurde 1888 als erster in das Oberhaus (Senate) gewählt. Dann gab es eine Pause bis in die Mitte des 20. Jh. Romeo Saganash (Cree, NDP, Quebec) war einer der längstdienenden (2011-19 Unterhaus).

Aus dem Senat sind etwa James Gladstone (Cree, Alberta, konservativ), Willie Adams (Inuit, NT/NU, liberal), Gerry St.Germain (Metis, BC, konservativ) zu nennen. Erster Angehöriger einer First Nation in einem Provinzparlament war der Metis Pascal Breland 1870 in Manitoba. Frank Calder, ein Nisga’a, war in British Columbia von 1949 bis 1979 Abgeordneter. Während es in Nunavut, Northwest Territories, Saskatchewan, Manitoba, British Columbia relativ Viele in den Provinzparlamenten gab, gab es in Nova Scotia und Prince-Edward-Island noch keine, in New Brunswick gerade einen. In Quebec übrigens auch erst zwei. Der Norden und der Westen sind also die Siedlungsschwerpunkte dieser Ethnien. Der Norden Canadas, das sind die arktischen und zT subarktischen Gebiete, also Nunavut, Northwest Territories, Yukon sowie der Norden von Quebec und (Newfoundland-) Labrador. Dieses Gebiet ist im Süden entlang des 60. Breitengrades begrenzt, Grenzen von Provinzen/Territorien laufen entlang dieses Breitengrades, vom Atlantik bis zur Hudson Bay. Und der Westen Canadas beginnt westlich von Ontario bzw der Bucht. Der Ausdruck „north of 60“ bezeichnet im kanadischen Kontext in der Regel die 3 Territorien.(71) Der 60. Breitengrad entspricht der Südgrenze der Alaska-Halbinsel, auch wenn sich der „Pfannenstiel“ des USA-Bundesstaats ein Stück südlich davon bei BC entlang zieht.

Vom Gebiet südlich des 60. Breitengrades ist der Norden subarktisch, der Süden „mild“ und wiegesagt Siedlungsschwerpunkt dieses Landes, besonders der Südosten. Der äusserste Westen (BC) ist gebirgig (Ausläufer der Rocky Mountains), östlich davon wird es sehr flach, es dominiert im Süden Waldland. Der Norden wurde also ein Siedlungsschwerpunkt der First Nations Canadas (auch wenn dort eigentlich nur eine dieser Nationen, die Inuit, dominieren) – weil dieses Land als weitgehend unattraktiv gesehen wird. Die Inuit leben, genau wie die Cree oder die Ottawa, nur noch teilweise traditionell. Rund um den Nordpol, in den Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans/ Nordpolarmeers, leben zu einem guten Teil (nicht in den europäischen Teilen) Völker, die Vieles mit einander gemeinsam haben. Dieses Gebiet erstreckt sich vom Osten des asiatischen Teils Russlands nach Nordamerika, bis Grönland, umfasst somit Teile von Russland, USA, Canada, Dänemark. „Eskimo“ (frz. Esquimaux) wird als Sammelbezeichnung für die indigenen Völker in diesem nördlichen Polargebiet verwendet.

Dazu gehören hauptsächlich die Inuit und die Yupik. Inuit leben im kanadischen Norden (etwa 65 000), Alaska (> 16 000), Grönland (etwa 50 000)(72), im kanadischen Norden und dänischen Grönland bilden sie die Mehrheit. Yupik leben in Nordost-Sibirien (bzw -Asien; Tschukotka) sowie Alaska. Verwandt, ethnisch und kulturell, sind die Aleut/Unangan in Alaska und Kamtschatka sowie die Tschuktschen östlich der Beringstrasse. Der kanadische Norden hat also eine direkte Grenze mit Alaska und eine Seegrenze mit Grönland/Kalaallit Nunaat. Ellesmere Island/ Umingmak Nuna (Nunavut) ist von der Nordwestspitze Grönlands durch die Nares-Strasse getrennt, Baffin-Island/Qikiqtaaluk (ebf. NU) liegt etwas weiter südlich und ist durch die Baffin-Bucht getrennt von Kalaallit Nunaat. Qikiqtaaluk ist die 5tgrösste Insel der Welt, die grösste kanadische; sie wurde von Eskimos besiedelt, von Wikingern angefahren, von den Briten in Besitz genommen, sie gehörte zur Hälfte zum North-Western Territory, zur anderen zum British Arctic Territory.

Nunavut ist die fünft-grösste Verwaltungseinheit global, mit über 2 Mio. km², macht 20% der Fläche von Canada aus, ist circa so gross wie Mexico, und noch einmal halb so dünn besiedelt wie Grönland. Die grössten Verwaltungseinheiten der Welt sind Sacha/Jakutien (Russland), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut, Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Canada),… Durchwegs Gebiete die dünn besiedelt sind. Grönland hat die Aussicht, unabhängig zu werden. Mit 90% „Indigenen“-Anteil an der Bevölkerung stünde Kalaallit Nunaat klar an der Spitze in Amerika, vor Bolivien (dort gibt es v.a. Quechua/Inka), Guatemala (Maya), Peru (Inka), Ecuador (Inka). Wenn das Eis in der Arktis-Region taut, im Rahmen des Klimawandels, wird der Zugang zu am Meeresgrund vermuteten Bodenschätzen einfacher. Die Arktis-Anrainerstaaten versuchen sich Gebiete in der Region um den Nordpol zu sichern (Russland, Canada, USA, Dänemark,…).

Ministerpräsident (Premierminister) Canadas 2006-15 war Stephen Harper von den Konservativen, aus Ontario, ein vormaliger Liberaler.(73) Harper gab eine Entschuldigung bei den Ureinwohnern ab, für die jahrzehntelange kanadische Politik ihnen gegenüber, wie die Entführungen und Zwangsassimilierungen über die genannten Schulen, in denen auch sexueller Missbrauch stattfand. Die Parallelen mit Australien und den Aborigines sind auch hier unübersehbar. 2008 bis 2015 war eine kanadische Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) aktiv, die das System der Indian residential schools aufarbeiten sollte. So weit, so gut, aber sobald das Entgegenkommen etwas kostet… Als die UNO-Vollversammlung 2007 nach 20-jährigem Ringen eine Deklaration verabschiedete, die „Ureinwohnern“ weltweit Schutz vor Diskriminierung zusagte, stimmte der Vertreter Canadas auf Geheiss Harpers mit „Nein“, wie auch USA (Bush), Australien (Howard) und Neuseeland (Clark). Diese Staaten haben unter Anderem gemeinsam, dass die vorkoloniale, unterworfene Bevölkerung dort Länder mit natürlichen Ressourcen für sich beansprucht. Es gibt kein grosses Interesse der kanadischen Mehrheitsbevölkerung an den konkreten Problemen der „First Nations“(74), und schon gar nicht im konservativen Bereich. Harpers Nachfolger Justin Trudeau ist dafür bekannt, links zu blinken und dann rechts abzubiegen.

Justin Trudeau, Sohn von Pierre (Premier 68-79, 80-84), wurde 2013 Führer der LPC und damit Oppositions-Chef und 2015 nach dem Wahlsieg Premierminister. Trudeau junior hat sich auch im Namen Canadas bei den „Indianern“ entschuldigt (Grausamkeiten ihnen gegenüber eingestanden). Er geht auf die Indigenen des Landes anders zu (zB bei einem Treffen mit traditionellen Führern 2015), hat dann aber etwa bei der Trans Mountain Pipeline von Alberta nach British Columbia gegen die Wünsche und Bitten von deren Organisationen gehandelt. Christina „Chrystia“ Freeland wurde unter Trudeau Handelsministerin, dann Aussenministerin. Als Aussenministerin bot sie US-Präsident Donald Trump erfolgreich die Stirn. Nach der Wahl ’19 (Liberale mussten aufgrund der Stimmenverluste eine Minderheitsregierung bilden) wurde sie Ministerin für innerstaatliche Angelegenheiten sowie Vize-Premierministerin; in diesem Ressort war sie für die „Verständigung“ zwischen der Bundesregierung und den Provinzregierungen zuständig. Herausfordernd dabei war nicht nur Quebec (wo der separatistische BQ die Wahl gewann), sondern auch die westlichen Provinzen Manitoba, Saskatchewan, Alberta, British Columbia, wo die CPC die LPC klar schlug. Dabei ging/geht es hauptsächlich um Öl, Energiepolitik, Klimapolitik. Dort sieht man Ontario und Quebec gewissermaßen als unter einer Decke… Freeland wurde 2020 Finanzministerin.

Robert Ford war 2010 bis 2014 Bürgermeister von Toronto, als Unabhängiger. Der frühere (streng) Konservative liess sich 2013 in „seiner“ Stadt mit somalischen Drogen-Dealern fotografieren, von denen er anscheinend „Crack“ gekauft hatte. Er starb zwei Jahre nach seiner Absetzung an einer Krebserkrankung

Bei der Regierung des erzkonservativen Stephen Harper (06-15) zeigte sich diese Kombination aus extremer Pro-Israel-Haltung, Washington-Hörigkeit, Naturzerstörung, Anglochauvinismus,… Dieser Zusammenhang zwischen inneren und äusseren Zielsetzungen, wie in Australien. Harpers Regierung hielt aus Sorge um ein Wirtschaftswachstum das Kyoto-Protokoll zum Kohlendioxid-Ausstoss, unter der LPC-Vorgängerregierung angenommen, nicht ein. 2012 hat Canada unter Harper aus Protest gegen die „unnachgiebige Haltung“ des Irans in „seinem“ Atomstreit die diplomatischen Beziehungen zu diesem abgebrochen. Aussenminister John Baird verfügte, dass die Botschaft in Teheran geschlossen wird und alle iranischen Diplomaten in Canada des Landes verwiesen werden. Zur Begründung verwies der Minister auf das iranische Atomprogramm, die „feindliche Haltung des Landes gegenüber Israel“ und die Unterstützung Irans für den syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Iran sei zudem ein staatlicher Unterstützer für Terrorakte, sagte Baird. „Canada sieht die Regierung des Iran als die größte Bedrohung für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit an, die es gegenwärtig gibt“. Das hätte auch von Mohammed bin Salman al Saud sein können, der damals noch in den Startlöchern zur Macht in Saudi-Arabien war und zu dessen Regime Canada immer gute Beziehungen unterhielt.

Die kanadische Unterstützung für Israel ähnelte der anderer Rechtskonservativer, von Bush junior bis Kurz. Jene, die Canada am stärksten an die USA banden, Mulroney und Harper (jeweils an ideologisch ähnlich gesinnte Regierungen dort), waren/sind auch Israels grösste Cheerleader. Ein Beispiel: Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat ’14 mit überwältigender Mehrheit Israel aufgefordert, den Libanon für eine Ölkatastrophe nach dem Luftangriff ’06 zu entschädigen. Bei dem Bombardement des küstennahen Kraftwerkes Jiyeh liefen etwa 15 000 Tonnen Erdöl aus und verschmutzten 150 Kilometer Küste im Libanon und in Syrien. Gegen die juristisch nicht bindende Resolution stimmten nur Israel, die USA, Canada, Australien, Mikronesien und die Marshall-Inseln.(75) Konservative (zB) in Canada sehen Israel als wertvollen militärischen Aussenposten des Westens in dessen Region, als Renommierprojekt (zur „Entkräftung“ von Rassismus-Einschätzungen) und oft auch aus der evangelikalen Perspektive. Yves Engler: „Considering this [canadian] history, it’s not surprising that Ottawa opposes the Palestinian national liberation struggle. To focus on the Jewish lobby is to downplay Canada’s broader pro-colonial, pro-empire policy.“

Die Israel-Lobby besteht auch in Canada aus der Allianz von Rechten, jüdischen Organisationen, Evangelikalen. Der kanadische Evangelikale Tristan Emmanuel beklagt den „Anglo-Saxon self-hatred“ und Einwanderung nach Nord-Amerika, begleitend zu seiner Israel-Unterstützung… Sehr aktiv ist Irwin Cotler, jüdischer kanadischer Politiker (LPC), etwa bei UNwatch, CAMERA, United against a nuclear Iran. Ein Wolf der im liberalen Schafspelz auftritt. Zu nennen sind hier auch Michael Coren (Sun News), Anne Bayefski (die sich ebenfalls auf die UN eingeschossen hat), Mark Steyn.(76) Nicht überraschend korreliert Stephen Harpers Haltung zu Palästina/Israel mit einer entsprechenden ggü der frankokanadischen Minderheit. Nachdem der Eishockey-Spieler Shane Doan 2005 in einem NHL-Spiel einen Quebecer Referee beschimpft hatte, nahm sich der Abgeordnete Denis Coderre der Sache an, protestierte 06 beim Chef des Eishockey-Verbandes Hockey Canada, Nicholson, gegen die Nominierung Doans in das kanadische Team für Olympia 06. Doan klagte Coderre und Harper rief Doan an um diesem den Rücken zu stärken.(77) Wie gesagt, die Rechtspopulisten sind in der Konservativen Partei aufgehoben, es braucht keine eigene (bzw neue) solche Partei. Die Haltungen zur Umwandlung Canadas in eine Republik und zu Bemühungen, die 3 Territorien zu (gleichwertigen)  Provinzen zu erheben, passen teilweise auch in dieses Schema.

Kanadische Regierungen leisteten nach dem 2. WK fortwährenden Widerstand gegen Entkolonialisierungen rund um die Welt. Unterstützten in Afrika v.a. den britischen Kolonialismus, nach der Entkolonialisierungswelle 1960 Frankreich gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens, Portugal gegen jene seiner 5 Kolonien auf diesem Kontinent, und das Apartheid-Regime Südafrikas. Canada ist selbst ein Produkt des europäischen Kolonialismus, und (ein guter Teil seiner „Leute“) sträubt sich dagegen, etwas anderes zu werden. Einen Nationalismus (bzw ein Nationsverständnis) der (das) sich auf die ganze Nation bezieht (inklusive Ureinwohner und andere Nichtweisse, das französische Erbe,…), besteht nur ansatzweise, im Gegensatz zu einem Anglo-Chauvinismus der rechten (à la Andrew Roberts) oder linken (à la Richard Dawkins) Spielart. Canada war nie undemokratisch und hat eine ruhige innere Geschichte…ausser für Nicht-Weisse, und das ist hauptsächlich die vor-europäische Bevölkerung. Rassismus war Vorbedingung zum Kolonialismus, zur europäischen Unterwerfung der Welt in der Neuzeit. Conrad Black, ein anglophoner Quebecer, der auch Brite wurde, brachte ein Buch über Canadas Geschichte („Rise to greatness“) heraus, das genau seinem Hintergrund entspricht. Auch in Australien gibt es Ansätze zu einer anderen nationalen Selbstauffassung bzw Orientierung bzw Identität.

Zum Beispiel, indem Aborigines (ab den 1970ern etwa) als Teil australischer Identität wahrgenommen werden – nicht mehr als äusseres Phänomen oder Teil der Widrigkeiten, die es bei der Inbesitznahme und Besiedlung des Landes zu überwinden galt. Ein Blick auf die kanadische Militärgeschichte(78)…zeigt, dass die britischen und französischen Kolonialarmeen sowie Milizen der Siedler dieser Kolonialmächte als Vorläufer der kanadischen Streitkräfte angesehen werden, nicht aber die „Milizen“ die die Cree oder Mohawk aufstellten, zur Verteidigung gegen diese. Der Krieg gegen die USA 1812-15 war ein wichtiger Meilenstein in dieser Militärgeschichte, viele Siedler Britisch-Nordamerikas kämpften da in der britischen Kolonialarmee. Des Weiteren zeigt sich in dieser Militärgeschichte das Ringen Canadas um Selbstständigkeit von Grossbritannien. Auch wenn es bereits vor 1867 Siedler-Milizen gab und dann eine kanadische Armee, das Kommando über diese blieb bis Anfang des 20. Jh bei GB. In dieser Zeit wurden dann auch kanadische Marine und Luftwaffe gegründet. 1968 entstand durch die Vereinigung der drei Waffengattungen die Canadian Armed Forces. Kanadische Armee, Luftwaffe, Marine (bzw Streitkräfte) waren von ihren Anfängen an bis heute immer dabei, wenn es galt Teil einer „Anglo-Weltpolizei“ zu sein.

Im Anglo-Burenkrieg, in den Weltkriegen (> Wehrpflichtkrisen), im Korea-Krieg, im „2. Golfkrieg“ 1990/91, im neuen Jahrtausend gegen islamistischen Terrorismus in Afghanistan und Irak, kämpften kanadische Truppen an der Seite von USA und GB. Gewisse Operationen in den Weltkriegen (Kriegen westlicher Mächte gegeneinander) sowie im Koreakrieg werden bis heute als traditions- und identitätsstiftend für das kanadische Militärs gesehen, wie die Schlacht bei Arras (1. WK) und die „Operation Jubilee“ (ebenfalls in Frankreich, 2. WK). Am „Suez-Krieg“ gegen Ägypten 1956 nahm Canada nicht teil, der damalige Aussenminister Lester Pearson initiierte vielmehr eine Friedenstruppe unter UN-Mandat an der ägyptisch-israelischen Grenze, die ’57 zu Stande kam (UNEF) und an der kanadische Truppen teilnahmen. Pearson bekam dafür den Friedensnobelpreis. Die Sache trug übrigens zum Wunsch nach einer neuen kanadischen Fahne bei: Ägypten lehnte kanadische Soldaten zunächst ab, da ihre Flagge die britische beinhaltete.

Es war dies die erste Friedensmission, an der kanadische Truppen beteiligt waren, in den 1990ern waren sie das im zerfallenen Jugoslawien (UNPROFOR). Unter Premier Chretien lehnte Canada ab, beim Bush-Krieg im Irak 03 mitzumachen. Canada ist auch eines der Länder, in denen es US-amerikanische Militär-Stützpunkte gibt. Und eines, das von der USA respektiert wird; die rechte Militärdiktatur Argentiniens 1976-83 war pro-USA, aber das nutzte ihr nichts im Krieg um die Malvinas-/Falkland-Inseln im äussersten Süden des amerikanischen Kontinents. Da stellte sich die USA auf die Seite von GB. Wie erwähnt, wurden Soldaten auch einige Male im Inneren eingesetzt, so jeweils in Quebec 1970 während der FLQ-Aktionen und 1990 während der Gewalt zwischen dem Staat und den dortigen Mohawk 1990 in Oka. Dabei entstand das Foto „Face to Face“ (von Shaney Komulainen), das den Gefreiten Patrick Cloutier und den Anishinaabe-Aktivisten Brad Larocque zeigt, die sich grimmig anstarren. Cloutier wurde danach von manchen Kanadiern als Held gesehen (warum eigentlich?); die Zeitung „Globe and Mail“ verglich ihn mit jenem (unbekannten) Chinesen, der sich im Jahr davor in Peking vor Panzer gestellt hatte. Cloutier wurde schnell befördert…um 2 Jahre später wieder degradiert zu werden, wegen Kokain-Konsum.(79)

Trudeau, Windsor 1982 (s.o.)

Die Frage der Umwandlung des Staates in eine Republik bzw die Ersetzung des britischen Monarchen als Staatsoberhaupt durch einen (gewählten, eigenen) Präsidenten(80) steht in Canada nicht ganz oben auf der Tagesordnung, aber es ist ein Thema. Weniger aktuell als in Australien, wo es 1999 ein Referendum darüber gab. Kanadier nicht-britischer Herkunft (französischer Herkunft, irischer,…) sind tendenziell eher für eine Republik, aber da gibt es auch Überraschungen. Die Frage ist natürlich eine der „Abnabelung“ von Grossbritannien, wenn man so will sogar ein Stück Entkolonialisierung. Die republikanische Organisation Canadas ist die CCR (Citizens for a Canadian Republic/ Citoyens pour une République Canadienne), auf der Gegenseite steht die Monarchist League of Canada. Die eine Seite nimmt die britische Königin als über der politischen Klasse stehend wahr und schätzt die Institution von daher (ähnlich wie in Australien), sieht sie als Garanten der Einheit und der Stabilität. Tom Freda, Chef der CCR, sagt dagegen: „Wir sind die einzige Ex-Kolonie, die im Parlament die endgültige Loslösung nicht einmal diskutiert hat“. Vor einigen Jahren sprachen sich in einer Umfrage 37% für die Umwandlung Canadas in eine Republik aus, 33% für die Beibehaltung der Monarchie in Personalunion mit GB. Freda vor 10 Jahren (2010): „Wenn Königin Elizabeth stirbt, werden Australien, Neuseeland, Jamaica und andere die Gelegenheit nutzen, und sich endgültig abnabeln…Ich wünsche der Königin alles Gute. Aber sie ist 84. In spätestens 20 Jahren ist Kanada eine Republik.“

Auch in Australien denken Viele (vor Allem aus dem Lager der Australian Labor Party/ALP), dass der nächste Thronwechsel zur Gelegenheit genommen werden sollte, die Monarchie im Lande abzuschaffen, damit den „Kolonialzopf“ abzuschneiden.(81) In Neuseeland wurde 2015/16 über eine neue Staatsfahne abgestimmt (ohne den Union Jack), die Änderung wurde abgelehnt; diese hat auch Australien noch vor sich, Canada (wie Südafrika) hinter sich. Vertreter des britischen Monarchen im Land ist wie gesagt der Generalgouverneur, seit Elizabeth sind diese Kanadier. Auch einige Frauen, Frankokanadier und Angehörige späterer (bzw kleinerer) Einwandererethnien sind diesbezüglich schon an die Reihe gekommen. Die Vorvorgängerin der jetzigen, Michaëlle Jean, stammt ja aus Haiti. Bei ihrer Angelobung 2005 in Ottawa demonstrierte die CCR für die Republik. Jean biss dann bei einem Medienauftritt in ein rohes Robbenherz, um die Belange der kanadischen Inuit zu fördern, ihr Recht auf Robbenjagd.

Letzter Generalgouverneur von Neu-Frankreich (Gouverneur général de la Nouvelle-France) war übrigens ein Pierre Rigaud, Marquis von Vaudreuil-Cavagnial. Rigauds Vater hatte diese Funktion schon inne gehabt und er wuchs in Neu-Frankreich auf. Durchlief eine Offiziers-Laufbahn, wurde 1755 von König Louis XV. zum Gouverneur der Kolonie ernannt, nachdem er zuvor jener über das Teilgebiet Louisiane gewesen war. Mit Louis-Joseph de Montcalm, dem militärischen Chef der Kolonie, soll Rigaud ein schlechtes Verhältnis gehabt haben, Montcalm sah Rigaud als zu nordamerikanisch bzw kanadisch, vom Mutterland entfremdet. Tatsächlich baute Rigaud mehr auf die Milizen der französischen Siedler im Land und die indianischen Verbündeten, Montcalm auf die reguläre Armee. Gemeinsam ging man im Krieg gegen die Briten unter, wobei die Schlacht von Quebec 1759 (Montcalm und Wolfe die Kommandanten) entscheidend war. Rigaud musste Montreal 1760 an die Briten übergeben, verliess Nordamerika, wurde einer der Sündenböcke für die Niederlage bzw den Verlust der Kolonie, wurde 1762 in der Bastille in Paris eingesperrt, entging aber einer schwereren Strafe. Sein Neffe Louis-Philippe de Vaudreuil war ein Führer der französischen Truppen, die die USA dann in ihrem Unabhängigkeitskrieg unterstützten.

Das siegreiche kanadische Team nach dem Finale des Olympia-Eishockey-Turniers 2002

Zum Abschluss nochmal zum Eishockey… Etwas mehr zur Entwicklung und Verbreitung dieses Sports in anderen Artikeln. Gegen Ende des 19. Jh wurde es allmählich ernst mit Eishockey wie man es heute kennt, also etwas nach dem Beginn der Entstehung Canadas. Wie erwähnt, wurden National Hockey League (NHL) und Stanley Cup erst 1927 „eins“, bis dahin gab es auch andere Ligen. Und, es begann im internationalen Eishockey sehr früh mit dem Nebeneinander von NHL und den Turnieren der International Ice Hockey Federation (IIHF). Nicht-Nordamerikaner kamen kaum in die NHL und NHL-Spieler nicht zu Weltmeisterschaften und Olympia-Turnieren. Canada durfte nicht mit Mannschaften aus seinen Profi-Spielern zu WM und Olympia kommen, schickte daher bis 1963 Amateur-Klubteams, dann Nationalmannschaften aus Amateur-Spielern. Nach dem 2. WK kam der Kalte Krieg hinzu, vertiefte die Kluft zwischen diesen Parallelwelten. Die Sowjetunion begann (Mitte der 1950er), Teams zu den internationalen Turnieren zu schicken (nach Entwicklungshilfe aus der Tschechoslowakei und ihren baltischen Republiken) und dominierte gleich.

Wichtig in Canada, als Breitensport wie als Spitzensport, sind auch Lacrosse (das auch dort entstanden ist), Basketball, Leichtathletik (> D. Bailey), Rugby, Reiten, Radfahren, Schwimmen, Baseball, Fussball (dazu noch mehr), Golf, Tennis, Boxen, Motorsport (Villeneuves!),… Doch Wintersport-Arten sind wichtiger, neben Eishockey sind da Skilauf (in allen Arten, bei den alpinen Männern gab es die Crazy Canucks), Eisschnellauf & Curling, Eiskunstlauf zu nennen. Canada hat zwei Mal Winter-Olympia-Turniere ausgerichtet, einmal Sommerspiele; bei Winter-Olympia gehen immer viele Medaillen nach Canada. Richard Pound spielte lange eine wichtige Rolle im IOC. Canada ist eines der Länder, in denen Fussball nicht Sport Nr 1 ist; bemerkenswerterweise sind das durchwegs grosse Länder, nämlich auch USA, China, Russland, Indien, Australien. Im internationalen Fussball ist Canada ein Zwerg, sein Nationalteam hatte Mitte der 1980er ein Hoch (mit WM-Teilnahme 86, Olympia-Teilnahme 84 und dem Sieg bei der CONCACAF-Meisterschaft 85), und dann um 2000 (mit H. Osieck). Im Fussball sind Anglo- und Franko-Kanadier in der Minderheit, er ist dort dominiert von ethnischen Minderheiten (wie auch in USA, Australien, zT NZL).

„Minderheiten-Kanadier“, also Angehörige später (und von anderswo) eingewanderter Bevölkerungsgruppen (zT in erster Generation), aus der Karibik, Lateinamerika, Osteuropa, Afrika,… Dank dieser (auch unter Konsumenten/Fans) ist Fussball auch in Canada inzwischen mehr als eine Randsportart. Aber, über Allem steht dort Eishockey. Es ist dort entstanden, man ist Weltklasse, es ist identitär. Auch im kanadischen Spitzeneishockey finden sich Leute mit Wurzeln aus fast allen Teilen der Welt, aber die Demografie des Landes wird dort eher abgebildet. Selten schaffen es anderswo Geborene/Aufgewachsene (also Einwanderer der ersten Generation) in die NHL bzw in’s Team Canada; Beispiele dafür sind Poul Popiel und Kenneth Hodge. Die Rolle des Hockeys in Canada zeigt sich auch durch die Unruhen 1955 in Montreal nach einer Sperre für den dortigen Starspieler Maurice Richard wegen einer Attacke auf einen Linienrichter, eine Art Vorbote der „Stillen Revolution“ in Quebec.

Um fortzufahren mit der Entwicklung des internationalen Eishockeys, Canada boykottierte die IIHF-Turniere WM und Olympia 1970 bis 1976 wegen der Amateur-Regelung, die NHL-Spieler ausschloss (und die Ostblock-Nationen begünstigte, deren Spieler als Amateure galten). In dieser Zeit kam es mit den Summit Series erstmals zu einem Kräftemessen der besten Eishockey-Spieler (bzw -Mächte), (aus) Canada und Sowjetunion. Die Summit Series 1972 wurde zwischen den Auswahlen dieser beiden EH-Supermächte gespielt, 4 Matches in Canada, dann 4 in der SU. Zwischendrin und danach ausserdem Exhibition Games der Kanadier gegen die Teams von Schweden und Tschechoslowakei (in diesen Ländern). Es war ein erstes kanadisches Team der Besten, (damit auch) das erste Duell der Auswahlen der Besten dieser Länder. Das kanadische Team (das grossteils ohne Helme spielte) bestand u.a. aus Philip Esposito, Henderson, Clarke, Cournoyer, Hull, Perreault, Ratelle, Mahovlich, Savard, Mikita, Lapointe, Dryden(82), Orr (nicht eingesetzt), Trainer Sinden. Eine NHL-Auswahl, die eine kanadische Auswahl wurde. Die Sbornaja hatte hauptsächlich das Trio Mihailov-Petrov-Charlamov.

Die Sache war, im Kalten Krieg, natürlich extrem politisch. Bei einem Unentschieden gewann die SU-Auswahl 3 Partien, 4 gewann das kanadische Team – das somit die Serie für sich entschied – und das mitten in der Dominanz der SU bei WM- und Olympia-Turnieren. Die Entscheidung fiel im letzten Spiel in Moskau, das Canada gewinnen musste, bei einem Unentschieden hätte die Tordifferenz für die SU gesprochen. Nach 2 Dritteln stand es 5:3 für die Sbornaja, nach 59 Minuten 5:5. Das Tor von Paul Henderson in der Schlussminute wurde legendär, brachte den Sieg im Spiel und in der Serie. 1974 fand wieder so eine „Gipfel-Serie“ statt, ab 1976 hiessen diese Turniere (die nicht von der IIHF veranstaltet wurden) Canada Cup, ab 1996 World Cup. Gegen Ende der 1970er beendete Canada seinen Boykott der IIHF-Turniere, kam aber nie in Top-Besetzung zu WM und Olympia (auch nicht, nachdem ab 1988 auch Profis bei Olympia-Turnieren teilnehmen konnten), da die Besten natürlich in der NHL spielten, wo es im Frühling, wenn die WMen stattfinden, mit dem Play-Off ernst wird.

Seit Anfang der 1990er kommen, im Zuge des Endes des Kalten Kriegs, auch die besten Osteuropäer in die NHL. Seit 1998 macht die NHL während Olympia Pause (2018 nicht), sodass es auch dort zu Best-on-Best-Duellen kommt. Die besten Best-on-Best-Duelle im Eishockey waren wahrscheinlich die Summit Series 1972, der Canada Cup 1987, Olympia 2002 (siehe Foto). Jeweils war Team Canada beteiligt, das SU-Team war in den ersten beiden Turnieren Haupt-Gegner. Mario Lemieux war 87 und 02 dabei, 87 an der Seite von Wayne Gretzky (der 02 Manager war).(83) Auf Youtube kommentierte Einer: „Lemieux and Gretzky on the ice together. It was hockey porn.“ Gretzky hat sich seinen Status als grösster Eishockey-Spieler, den die Welt bislang gesehen hat, aber eindeutig in der NHL erarbeitet, nicht bei den internationalen Turnieren. Vor ihm galt Gordon Howe (1946-80 in der NHL!) als der Grösste, ein Abwesender beim Summit 72. Gretzky hat ukrainisch-weissrussisch-polnische Wurzeln, seine Grosseltern sind nach dem 1. WK aus der nunmehrigen Sowjetunion nach Canada ausgewandert. Einen wie ihm kann man ruhig als Anglo-Kanadier zählen, ausser dem Namen gibt es kaum etwas, was ihn von diesen unterscheidet. Er wechselte 1988 von Edmonton nach Los Angeles, lebt nun auch in der USA. Gretzky hat sich politisch als sehr konservativ „geoutet“, pries Bush II und Harper.

Der letzte kanadische Sieger der NHL (des Stanley Cups) waren die Montreal Canadiens, 1992/93. Die Freudenfeiern in Montreal damals verliefen zT gewalttätig. Die Canadiens sind auch der erfolgreichste NHL-Klub (24 Siege), vor Detroit, Toronto, Boston; und der letzte frankophone, nach dem Verkauf der Quebec Nordiques nach Colorado; und das letzte Stanley-Cup-Siegerteam, das ausschliesslich aus nordamerikanischen Spielern bestand(84); sowie der älteste professionelle EH-Klub. US-amerikanische Klubs mischten von Anfang an mit in der NHL, und mittlerweile gibt es dort eine amerikanische „gekaufte“ Dominanz. Auch in den anderen grossen Sportligen Nordamerikas machen sowohl US-amerikanische als auch kanadische Vereine mit, im Fussball (MLS) immerhin 3 kanadische, im Basketball (NBA)(85) und im Baseball (MLB) je einer, nur im American Football (NFL) keiner. Und nur im Eishockey können die Kanadier mitmischen. Nach 93 waren die Vancouver Canucks ’94 und ’11 im Finale (Serie ging jeweils 3:4 aus; 2011 war Roberto Luongo die tragische Figur), 04 Calgary, 06 Edmonton, 07 Ottawa. ’16 waren zum zweiten Mal nach ’70 keine kanadischen Klubs im Play Off der NHL.

Es gab in der NHL immer wieder Aufstockungen sowie Übergabe von Franchise-Rechten; 96 „übersiedelten“ die Winnipeg Jets nach Phoenix (bzw wurden dort zu den Coyotes), wo EH wenig interessiert; 2011 ging das Atlanta-Franchise an Winnipeg, was dort zu Strassenfeiern führte, trotz Kälte. Übrigens, auch wenn amerikanische Klubs dominieren, die wichtigen Spieler sind dort durchwegs Kanadier. Nicht wenige kanadische EH-Spieler die nicht zu den ganz Guten zähl(t)en, haben anderswo in der Welt angeheuert, wurden dort zT auch für das jeweilige Nationalteam eingebürgert, von USA bis Süd-Korea. „Gordie“ Howes Sohn Mark spielte etwa für die USA, James Corsi für Italien, Brian Stankiewicz für Österreich, Larry van Wieren für die Niederlande,… So etwas gibt es im Fussball mit Brasilianern, ausserdem in abgeschwächter Form im Skisport mit Österreichern, mit Chinesen im Tischtennis, im Basketball mit US-Amerikanern,…

(1) Der letzte zwischenstaatliche Krieg, danach waren noch einige „Indianer-Kriege“, zuletzt 1885 die North-West Rebellion Saskatchewan gegen die Métis.

(2) Alle diese Zeit betreffenden topographischen Bezeichnungen waren natürlich damals nicht aktuell

(3) Der ja auch Alaska (gehörte zu Russland, dann zur USA) und Grönland (bei Norwegen, dann Dänemark) umfasst und Einiges gemeinsam hat mit dem Nordosten von Asien bzw Russland

(4) Die Wikinger stiessen über Grönland auf das amerikanische Festland vor, die Inuit gingen den umgekehrten Weg

(5) Cristoforo Colombo/Christophorus Columbus/Cristobal Colon aus Genua war bei seinen 4 Reisen nach Amerika (1491-1502) im Dienste des spanischen Königs Fernando im Karibikraum gelandet (der eigtl. Karibik, in Mittelamerika, und im N von Südamerika) und leitete die Inbesitznahme Süd- und Mittelamerikas (inklusive Karibik) für Spanien ein

(6) Die Seen werden dadurch zum Atlantik hin entwässert

(7) Das Baskenland (Euskadi) bildete im Hoch-Mittelalter grossteils das Königreich Navarra, beiderseits der Pyrenäen, das 1512 zerfiel, an Frankreich und Spanien

(8) Die Franzosen gründeten das Fort Plaisance auf der Insel

(9) Von René-Robert Cavelier de La Salle nach dem französischen König Louis XIV. benannt

(10) Die den umgebenden Siedlungen ihre Namen gaben welche von den Briten übernommen wurde, und zu Namen US-amerikanischer Städte wurde

(11) In Basse-Louisiane gab es diese Plantagen aber, und die versklavten Afrikaner, die dort arbeiten mussten, sie kamen über die Karibik und Nouvelle-Orléans. Frankreich hatte in der Karibik wie auch in Westafrika seine Kolonien

(12) Die Iroquois/Haudenosaunee waren eine Art Konföderation, umfassten die Mohawk, Onondaga, Oneida, Cayuga und Seneca, ab 1722 auch die Tuscarora

(13) Im 17. Jh bestand Nieuw Nederland an der amerikanischen Atlantikküste, ausserdem Nya Sverige, beide Gebiete wurden von den Engländern „kassiert“

(14) Die nordamerikanischen Kriege und die dazugehörigen europäischen Kriege waren:
1689–1697 King William’s War – Pfälzischer Erbfolgekrieg > Frieden von Rijswijk
1702–1713 Queen Anne’s War – Spanischer Erbfolgekrieg > Friede von Utrecht
1744–1748 King George’s War – Österreichischer Erbfolgekrieg > Frieden von Aachen
1754–1763 French and Indian War – Siebenjähriger Krieg > Pariser Frieden

(15) Auch etwas dort, wo New England und Canada aufeinander trafen, die neufranzösische Kolonie Canada, also etwa das heutige Quebec

(16) „Beringia“ bezeichnet heute Tschukotka/ Nordost-Sibirien, das Beringmeer bzw die Beringstrasse (früher dort eine Landverbindung), mit den Aleuten-Inseln, sowie Alaska/Nordwest-Amerika, umfasst Land und Meer 

(17) Der US-amerikanische Schriftsteller James F. Cooper schrieb im 19. Jh seine Geschichten über die Entstehung und das Wachsen der USA, u.A. die „Leatherstocking Tales“. Die mit den Franzosen verbündeten Indianer sind bei ihm die Bösen. Auch in seinem 1826 erschienenem wichtigsten Roman „Der letzte Mohikaner“, der in diesem Krieg spielt, eine Art historischer Roman ist. „G-Geschichte“: Cooper macht die Irokesenliga, ein Bündnis von indianischen Völkern, zu Verbündeten der Franzosen, obwohl die meisten der Six Nations offiziell neutral waren. Er verwischt die Unterschiede zwischen Six Nations, Huronen, Mohawk und Mingos, die er alle zu einem Volk zusammenfasst, sowie zwischen Mohegan (den Mohikanern des Romans) und Delawaren. So kann er seinen „guten Indianer“ Uncas zu einem Nachfahren des Delawaren-Häuptlings Tamanend machen, eines Symbols für friedfertige Beziehungen zwischen englischen Kolonisten und „Indianern“. Der historische Uncas war jedoch ein Mohegan, der auf europäischer Seite gegen die Pequot kämpfte. Die Ausrottung der Pequot im Mystic River Massaker bewirkte 1637 einen Wendepunkt in der Beziehung zwischen Kolonisten und Indianern…

(18) Das vom alten Frankreich geprägt worden war, dem vor der Revolution!

(19) Übrigens: In dem Krieg drangen USA-Truppen nach Quebec ein, ergriffen Franzosen dort nicht ihre Partei

(20) Inklusive der (versklavten) Afrikaner und „Indianer“, die aber nicht zählten

(21) Anlass war übrigens ein Aufstand von Versklavten auf Jamaica

(22) 1793 eine Expedition unter Alexander Mackenzie (Alasdair MacCoinnich) an den Westrand Nordamerikas, nördlich von Neu-Spanien, 12 Jahre vor der Lewis- & Clark-Expedition

(23) Übrigens, der Franzose Marie-Joseph Motier de La Fayette voluntierte 1776-82 beim Aufstand der britischen Siedler in Nordamerika gegen ihr Mutterland

(24) Diese Loyalisten wurden nicht schwer verfolgt in dem Gebiet, in dem die USA entstand, es gab aber Übergriffe und ihren Besitz verloren sie natürlich

(25) Sie hat einige vorgelagerte Inseln

(26) Ein Stück weiter südlich am Festland bauten die Spanier den Aussenposten „Fuca“, den Ort nannten sie Bahía de Núñez Gaona, heute heisst er Neah Bay und gehört zum USA-Bundesstaat Washington

(27) In der englischen Wikipedia wird diesbezüglich die Nase gerümpft: „Santa Cruz de Nuca was the only verified Spanish settlement in what is now Canada. Some early Spanish maps had claimed the existence of additional Spanish settlements in the area, however these other unverified local ghost-Spanish-settlements appear to have most probably been merely a ‚political fiction,‘ created by Spanish cartographers with the aim of dissuading other nations from attempting to expand in the area.[1][2][3]“

(28) Präsident Jefferson wollte eigentlich nur den südlichsten Teil davon, in etwa der heutige Bundesstaat Louisiana, mit New Orleans. Doch Konsul Napoleon Bonaparte hatte mit seinen Truppen in so vielen Gebieten (hauptsächlich in Europa) zu tun, aus Saint Domingue (Haiti) war man gerade vertrieben worden. Und die USA wurde im Gegensatz zu GB nicht als Gegner gesehen

(29) Der englische und der französische Kern Kanadas wurden also wieder getrennt und umbenannt

(30) Nach dem Anschluss British Columbias dann, vorher noch mehr

(31) Das Labrador-Gebiet am Festland (beim französischen Canada gewesen) kam 1763 zu Quebec, 1791 zu Lower Canada, 1908 zu Newfoundland

(32) Voller englischer Name: „An Act to amend and consolidate the laws respecting Indians“

(33) McDougall war Verwalter für Rupert’s Land und North-Western Territory, ehe diese zu denc Northwest Territories wurden

(34) Es soll eine Friedenspfeife geraucht worden sein. 1881 bereiste Generalgouverneur Lorne den Norden Canadas um ihn auf Möglichkeiten der Besiedlung zu untersuchen. Es kam dabei zu einem Treffen mit dem Blackfoot-Chief Crowfoot

(35) Thathanka Iyotake (Sitting Bull) kehrte 1881 aus Canada (NWT) in die USA zurück. 1889 wurde das Sioux-Reservat in 5 kleinere aufgesplittert, Tȟatȟáŋka Íyotake wurde durch eigene Stammesangehörige in der Reservation Standing Rock getötet. Bald darauf kam es im Pine Ridge-Reservat der Lakota-Sioux, in South Dakota, zu einem Massaker, das so etwas wie den Abschluss der Unterwerfung der Indianer der USA darstellt. Am Fluss Wounded Knee/ Čaŋkpé Opí töteten US-amerikanische Soldaten ungefähr 300 Lakota, darunter ihren Häuptling Spotted Elk/ Uŋpȟáŋ Glešká. Im Land der Sioux war Platz für europäische Siedler; in der Region von den grossen Seen (Staaten Michigan, Wisconsin, Minnesota) bis zu den Dakotas und Montana haben sich besonders skandinavische Einwanderer eingefunden

(36) Zu den Grossen Seen gehören: Lake Superior/ Lac Supérieur/ Gichigami/ Oberer See, Lake Huron/ Lac Huron/ Karegnondi/ Huronsee, Lake Erie/ Lac Erie/ Eriesee, Lake Michigan/ Michigansee, Lake Ontario/ Ontariosee

(37) Der Südosten Canadas besteht aus dieser Region sowie der Region am Atlantik und Sankt-Lorenz-Golf mit den kleinen Provinzen. Der Norden ist unwirtlich, der Südwesten (westlich von Ontario) ist vorwiegend im äussersten Westen (Pazifikregion, BC) dichter besiedelt

(38) Das Holzfällen gilt noch immer als etwas Kanadisches, verbunden damit wird eine Lebensart: vor-industriell, männlich, rural. Ein legendärer Lumber Jack ist Joseph Favre „Montferrand“, der im 19. Jh wirkte, in Quebec und Ontario; zuvor bei der HBC im Pelztransport war („Voyageur“), auch Boxer, und während der Arbeit bei Konflikten zwischen britischen, irischen und französischen Kanadiern mitmischte

(39) Bezüglich Canada, Australien,… blieben natürlich auch über 1931 hinaus Bindungen auf unterschiedlichsten Gebieten. Was Canada betrifft, weiss man das, wenn man die riesige kanadische Botschaft in London gesehen hat

(40) Wenn in dem Krieg Truppen Nazi-Deutschlands Grossbritannien eingenommen hätten, hätten wohl nicht nur britische Königsfamilie und Regierung das Land verlassen, sondern auch etliche exilierte Monarchen und Regierungen aus diversen Teilen Europas. Und Canada wäre für sie als Zufluchtsort sehr wahrscheinlich gewesen

(41) Was andere Nicht-Weisse betrifft: Einwanderer aus Afrika gab es in Canada nie viele, die meisten „Schwarzen“ dort stammen aus dem Karibik-Raum – auch die Nachfahren von Sklaven (s.o.) können dazu gerechnet werden. Bleiben „farbige“ Lateinamerikaner sowie Ozeanier

(42) Und danach Oppositionschef

(43) Nur Weisse durften wählen und unter diesen waren/sind Afrikaaner in der Mehrheit

(44) Die „Lage“ im südlichen Afrika „eskalierte“ Anfang der 1960er. Schwarzen-Organisationen in Südafrika (hauptsächlich der ANC) nahmen den Kampf gegen die Apartheid auf, in den beiden portugiesischen Kolonien in der Region wurde der Kampf um die Unabhängigkeit aufgenommen,… Nebenbei: der Austritt Südafrikas aus dem Commonwealth hatte natürlich auch mit der britisch-burischen Geschichte zu tun; dass Südafrika diese Bindungen lösen wollte bzw diesen Charakter des Landes ändern, wäre an sich nicht das Problem gewesen. Dass viele der wichtigsten Politiker der Nationalen Partei im 2. WK gegen eine Bekämpfung Nazi-Deutschlands waren, daraus folgert auch noch nicht zwangsläufig diese ihre Politik gegenüber den Nicht-Weissen des Landes

(45) Was das Sprachliche betrifft, gibt es ausserdem (im privaten Bereich oder in Vereinen,…) diverse andere Einwanderersprachen in Canada, europäische, asiatische,…

(46) Ersterer war letzter Kaiser des Byzantinischen Reichs, Sebastião wird zugeschrieben, dass die Grösse Portugals mit ihm untergegangen sei

(47) Es erinnert an De Gaulles Auftritt in Algier fast 10 Jahre zuvor, mit dem Ausspruch „Je vous ai compris!“ an die dortigen Franzosen. Hat er ihnen etwas versprochen? Hat er eine konkrete Aussage gemacht? Im Artikel über De Gaulle in der englischen Wikipedia wird darauf hingewiesen (nicht ganz zu Unrecht), dass De Gaulle die sprachlich-ethnischen Besonderheiten der Frankokanadier (bzw ihre Unterschiede zur Mehrheitsbevölkerung) „hervorhob“ (ohne freilich zu konkretisieren, was er unter einem „freien Quebec“ verstand), während ethnisch-sprachliche Minderheiten in Frankreich (wie Bretonen, Korsen, Elsässer) traditionell nicht all zu viel Spielraum haben, ihre Besonderheiten eher unter den Tisch gekehrt werden. CDG in Montreal: http://www.youtube.com/watch?v=amApwFT49JQ

(48) Einer ihrer Gründer war George Schoeters, ein belgischer (flämischer) Einwanderer, der im 2. WK im belgischen Widerstand aktiv war. Er wurde bereits 1963 verhaftet und verurteilt, war bis 1966 im Gefängnis. „Die Deutschen haben mich als 14-jährigen besser behandelt als die Polizei von Montreal“. Er verliess Canada und beging 1996 in Schweden Selbstmord

(49) Die Entführer töteten Laporte und liessen Cross frei, durften nach Cuba ausreisen

(50) Irischer und französischer Herkunft

(51) Bei diesen verbliebenen Vollmachten handelte es sich um das Recht des britischen Parlaments, die kanadische Verfassung zu ergänzen (bzw kanadische Verfassungsänderungen ablehnen zu können) sowie jenes, auf Bitte des kanadischen Parlaments Gesetze mit Bezug zu Canada zu erlassen

(52) Die selbe Zeitung würde etwa über Abspaltungskräfte (zT sehr religiös[-islamistische]) in manchen Regionen des Iran, in denen eine Achse des Guten unterstützt, sehr sehr anders darstellen

(53) Der aus dem Iran stammende Amir Khadir ging in die Politik (mehrmals Parteien gewechselt, nun bei Quebec Solidaire), ist ein Unabhängigkeits-Befürworter

(54) Das spätere Ontario-Gebiet hatte zT zum französischen Canada gehört, zT zum Gebiet der britischen Hudson Bay Company, hatte bis 1763 wenig europäische Besiedlung, bildete dann nacheinander einen Teil von Quebec, Upper Canada, einen Teil von Canada, wurde 1867 Ontario

(55) Was die Cajuns betrifft, so konnten sie das bis ins 20. Jh hinein, stellten eine Parallelgesellschaft in Louisiana dar

(56) Wo auch viele französisierte Indianer und topographische Bezeichnungen von der französischen Vergangenheit zeugen

(57) So wie die Eltern von Jean-Louis L. de „Jack“ Kérouac (1922 – 1969). Es gibt in Quebec auch eine Partei, die den Anschluss des Landes an die USA befürwortet

(58) Ethnische und linguistische Gruppen decken sich dort grossteils

(59) Der erste Test dort war bereits 1966 und 1962 wurde das Atoll dafür ausgewählt, dann Vorbereitungen getroffen

(60) Frankreich begann 1974, dort unterirdisch zu testen

(61) Die Ausrottung des Beutelwolfes (Tasmanischer Tiger) in Australien infolge der Kolonisierung liess sich nicht rückgängig machen, und auch die Löwenpopulation im Iran (das den Löwen als Nationalsymbol hat) hat sich nicht wieder erholt

(62) 09 haben die kanadischen Behörden dem Südafrikaner Brandon Huntley Flüchtlingsstatus gewährt, weil dieser sich als Weisser von der „schwarzen“ Regierung nicht genügend geschützt und wegen seiner Hautfarbe verunglimpft fühlte. Manche weisse Südafrikaner schieben Diskriminierung und Kriminalität vor, wenn es eigentlich um den Verlust von Privilegien geht

(63) A propos: Kann Quebec eigentlich als Teil Lateinamerikas gesehen werden?

(64) Was man so liest, hat er trotz/wegen seiner Taten weibliche Fans draussen

(65) Über GayRomeo hatte er eine Mit-Wohngelegenheit in der deutschen Hauptstadt gefunden

(66) Übrigens, der Nationalismus eines Trump ist schon mal gar keiner, der sich auf die Gesamtheit des Demos der USA bezieht…aber gerade deshalb sind ja Köppel, Seehofer, Mölzer von ihm entzückt

(67) Siehe http://www.youtube.com/watch?v=cC1f2e6Kk7c . Das ist auch eine Wahrnehmung der Zweisprachigkeit Canadas (wenn hier auch charmant vorgebracht): obligatorisch, nervend,… Zu viel, was Anderen zu wenig ist

(68) Adams hat McTaggart bei dessen Initiative zur Schaffung des Southern Antarctic Whale Sanctuary geholfen

(69) Es ist ein kanadischer Cree, mit dem Namen Neil Diamond, der eine sehenswerte Dokumentation über die Darstellungen der Indianer in Hollywood-Filmen gestaltet hat („Reel Injun“, 2009)

(70) 1953-55 wurden Inuit aus Nunavik in Quebec in diesen damaligen Teil der Northwest Territories deportiert, diese sind zT verhungert

(71) Auch wenn einige zu Nunavut gehörende Inseln in der Kangiqsualuk ilua südlich davon liegen und der Norden von NL und QC wie gesagt nördlich davon

(72) Und im Exil; allein im Hauptland-Dänemark sind über 15 000 Inuit aus Grönland

(73) In die Gegenrichtung (von der LPC zur CPC) ging Belinda Stronach, die in den 00er-Jahren Abgeordnete und Ministerin (unter Paul Martin) war. Die Tochter des österreichischen Einwanderers Franz Strohsack ging dann wieder in dessen Unternehmen, Magna International

(74) Etwa die Zustände im Thunder Bay District Jail (Ontario), unter denen besonders indigene Insassen leiden

(75) Letztere zwei sind Staaten Ozeaniens, die Israel-Verbündete geworden sind, bzw dazu gemacht wurden, nicht zuletzt wegen solchen Veto-Stimmen

(76) Es gab übrigens in den 1990ern Proteste des offiziellen Canadas gegen die Verwendung von (gefälschten) kanadischen Pässen durch den israelischen Auslands-Geheimdienst (Ha)Mossad (leModiʿin uleTafkidim Meyuḥadim); damals wurde dies so begründet, Canada sei eben ein multikulturelles, meist neutrales, vielerorts beliebtes Land

(77) Im selben Jahr hat ein anderer NHL-Spieler, Sean Avery, über die „french guys in the league“ gelästert. Avery ist aber auch ein Experte, was schwarze Spieler betrifft

(78) Siehe dazu auch hier

(79) Auch der weitere Weg Cloutiers ist interessant: er diente in den kanadischen Friedenstruppen in Bosnien-Herzegowina (manche seiner Kollegen verübten nach diesem Einsatz Selbstmord); wurde 1993 nach einem verschuldeten Verkehrsunfall aus dem Militär entlassen; 95 nahm er an einem Softporno-Film teil (der die Ereignisse in Oka parodierte); später heuerte er bei der kanadischen Küstenwache an; er hat ausserdem gesagt, dass er eigentlich auf der Seite der Indianer stand, nicht auf der Golfanlage („J’étais pour les Indiens ! Je passe beaucoup de temps au Nunavut et les Premières Nations, c’est mon peuple préféré“)

(80) Da gäbe es dann die Möglichkeiten des deutsch-österreichischen Systems (Präsident hat repräsentative aber nicht exekutive Macht, die ist beim Kanzler bzw Premier), des französischen Systems (Präsident und Premier teilen sich die Exekutivgewalt) und des südafrikanischen/US-amerikanischen (Präsident ist Staats- und Regierungschef; wobei der Präsident in Südafrika vom Parlament gewählt wird und somit automatisch dort eine Mehrheit hat, in USA werden Präsident und Parlament unabhängig voneinander gewählt)

(81) In letzter Zeit gab es Medienmeldungen, wonach ein Thronwechsel in GB bevor stehen könnte, als einziges Indiz wurde dann aber präsentiert, dass Kronprinz Charles Windsor den Verkauf seines Landsitzes planen soll

(82) Kenneth Dryden, Tormann der Montreal Canadiens, wurde in den 2000er Parlaments-Abgeordneter für die Liberale Partei und Arbeitsminister

(83) Beim Canada Cup 87 spielte Canada mit Gretzky, Lemieux, Messier, Bourque und Coffey in der ersten Linie…das entscheidende Tor kam von Lemieux (nach Pass von Gretzky). Die Sbornaja damals mit Krutow-Makarow-Larionow-Fetisow-Kasatonow. Bei Olympia 02 gewann Canada das Finale gegen die USA (die Generation mit Chelios, Modano, Rafalski,…), hatte neben Lemieux etwa Yzerman, Lindros, Brodeur, Niedermayer, Kariya, Sakic, Pronger, Iginla

(84) Wie gesagt, Russen, Tschechen,… kamen ab Anfang der 1990er in die NHL, gleichzeitig aber auch Schweden, Finnen,… verstärkt, und dann wurde es auch leichter für Spieler aus kleinen EH-Nationen wie Deutschland oder Österreich

(85) Toronto Raptors

(86) Und objektiv? Die „Encyclopedia Britannica“ noch nach dem 2. WK: der Neger (Negro) sei geistig dem Weissen unterlegen, Hinweis auf diesbezügliche Studien, auch über „seine“ sexuellen Neigungen stand dort etwas

 

Harold Cardinal: Unjust Society (1999)

Stéphanie Goerens: Kanadas Politik des Multikulturalismus vor dem Hintergrund der kanadischen Immigrationsgeschichte (2011). Geschichte-Masterarbeit bei Friedrich Edelmayer, Universität Wien

Jason Blake: Kanadische Hockeyliteratur (2010)

Lionel-Adolphe Groulx: La Confédération canadienne (1919)

James Daschuk: Clearing the Plains: Disease, Politics of Starvation, and the Loss of Aboriginal Life (2013)

Anne Mcclintock: Imperial Leather: Race, Gender, and Sexuality in the Colonial Contest (1995). Über den britischen Imperialismus, die Verbindungen von Rasse, Klasse, Geschlecht

Jack Jedwab: À la prochaine? Une rétrospective des référendums québécois de 1980 et 1995 (2000)

Desmond Morton und Morton Weinfeld (Herausgeber): Who Speaks For Canada?: Words That Shape a Country (1998). Darin die Kurzgeschichte von Roch Carrier: Une abominable feuille d’érable sur la glace (1979), auch: „Le chandail de hockey“, englisch “The Sweater”. Es geht um die Rivalität zwischen Montreal Canadiens und Toronto Maple Leafs, die für die Spannungen zwischen dem französischen und dem englischen Canada stehen

„Dee“ Brown: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses (1975)

Luisa Rodríguez-Sala: De San Blas hasta la alta California: los viajes y diarios de Juan Joseph Pérez Hernández (2006)

Herbert E. Bolton: The Colonization Of North America, 1492-1783 (2015)

Territorial evolution of Canada

Entwicklung der kanadischen Provinzen: en.wikipedia.org/wiki/Canada#/media/File:Canada_provinces_evolution_2.gif

A History of the Native People of Canada

https://yvesengler.com

https://www.canadashistory.ca/

Dies ist die Fortsetzung dieses Artikels

Sofort nach seinem Amtsantritt als König 2015 entliess Salman al Saud den bisherigen Verteidigungsminister und Vorsitzenden des königlichen Hofes, Chalid al-Tuwaidschri, den „Richelieu Saudi-Arabiens“. Beide Ämter bekam Salmans Sohn, Mohammed bin Salman al Saud übertragen. Nach einigen Monaten im Amt bzw am Thron wurde der damals knapp 80-jährige König Salman in ein Krankenhaus in Riad eingeliefert und sediert. Man sprach von psychischen Problemen, Demenz und Selbstgefährdung. Von einigen Beobachtern wurde jedoch ein stiller Staatsstreich mittels Psychopharmaka vermutet. Kronprinz Mohammad bin Nayef (Salmans Neffe) stand scheinbar kurz vor einer Machtübernahme. Doch die Palastrevolte, falls es eine war, führte nicht zum Ziel. Und Prinz Mohammed wurde 2017 durch den Sohn des Königs, Mohammed bin Salman (zuvor Vizekronprinz), abgelöst. Seither bestimmt dieser die klerikale Diktatur.

Der relativ junge „MBS“, ein Enkel Ibn Sauds, hatte zuvor schon zuvor diverse Funktionen im Regime, u.a. als Vorsitzender im Aufsichtsrat von Saudi Aramco. Sein Vater, König Salman, ist alt und wie gesagt gesundheitlich schwer angeschlagen. Sohn Mohammed agiert infolgedessen immer weniger im Hintergrund, der Kronprinz baut nicht nur für die Thronübernahme vor, ist de facto bereits Herrscher Saudi-Arabiens. Ein Liberalisierer sei er, hiess/heisst es von verschiedenen Seiten. Vieles deutet eher in die Gegenrichtung… Wie der paranoide Hass gegenüber Iran und Schiiten, der über die Gegnerschaft zum iranischen Regime hinausgeht. Er setzt auf eine impulsive Interventionspolitik in der Region, und sichert diese gewissermaßen mit Konzessionen in verschiedene Richtungen ab.

Demonstration gegen M. al Saud

Und innenpolitisch? 2017 stellte sich Mohammed al Saud mit einer „Säuberungs“-Welle als Kronprinz ein. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen Korruption wurden Ende ’17 Mitglieder der Saud-Familie, Politiker, andere Führungspersönlichkeiten, Unternehmer,… im Ritz-Carlton-Hotel in Riad festgehalten. Und ihr Vermögen zT konfisziert. Bei dem Machtmanöver ging es um die Festigung seiner Macht innerhalb des Regimes, hauptsächlich wurde die dem ehemaligen König Abdullah verbundene Fraktion kaltgestellt. Immer wieder kommt es zu Inhaftierungen und Hinrichtungen von Regierungskritikern und Aktivisten. Für besonderes Aufsehen weltweit sorgten die Fälle des Bloggers Raif Badawi und des Journalisten Jamal Khashoggi, dazu noch mehr. Der Westen gibt sich entsetzt.

Doch dann kann man lesen: „Der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman hat sich in ungewöhnlich klaren Worten für die Liberalisierung des ultrakonservativen Königreiches ausgesprochen.“ „Wir gehen zu dem zurück, wie wir waren: dem moderaten Islam, der offen gegenüber der Welt und allen Religionen ist“, wurde Mohammed bin Salman al Saud zitiert. Saudi-Arabien, so der Kronprinz weiter, sei vor der Besetzung der Grossen Moschee in Mekka 1979 anders gewesen. Das stimmt, aber dreht er die Uhren wirklich davor zurück? Oder zielen seine Reformen nicht eher darauf ab, auf Unbehagen im Land und im Westen „einzugehen“, während er so wenig wie möglich vom Status quo aufgibt? Und, will er etwas davon angehen, was es auch in den 1970ern in KSA nicht gab, substantielle Reformen machen?

Wird/will MBS eine Änderung der absolutistischen Monarchie Saudi-Arabiens bewirken, eine Demokratisierung im Sinne von Machtverschiebung zu einem gewählten Parlament? Wird er etwas für die Menschenrechte im Land tun, zB gegen die unverhältnismäßige Anwendung der Todesstrafe? Etwas an diesem striktesten Islamismus ändern, der vorgeschrieben und auch exportiert wird. In Saudi-Arabien ist es verboten, eine andere Religion als den Islam öffentlich zu praktizieren. Bei aller berechtigter Kritik an der Mullah-Herrschaft im Iran, der Vergleich zwischen diesen Staaten in diesem Punkt lohnt sich. Aber es wird von/in Saudi-Arabien ja auch nur der wahabitische sunnitische Islam als „vollwertig“ akzeptiert.(1) Wird MbS etwas an der Internet-Zensur in Saudi-Arabien ändern, oder sie eher verschärfen? Diese Zensur mit dem fliessenden Übergang vom Porno-Verbot über „Unislamisches“ zum Regimekritischem.

Wird Mohammed bin Salman die gegenwärtigen Strafen für Kritik am Saudi-Regime, zB für Journalisten, zur Diskussion stellen, also die Inhaftierung für 10 Jahre oder mehr oder 1000+ Peitschenhiebe? Und die Frauendiskriminierung… Saudi-Arabien war bis 2018 das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht Auto fahren dürfen. Ohne die Zustimmung ihres Mannes oder ihrer Familie dürfen Frauen dort bis heute weder arbeiten noch reisen noch Verträge unterschreiben. Saudi-Arabien und Monaco dürften heute die letzten Staaten sein, in denen Frauen nicht einmal Vize-Minister wurden. Das öffentliche Leben ist streng nach Geschlechtern getrennt. Es heisst, eine Mehrheit der Bevölkerung, darunter auch der Frauen, will daran nichts bzw nicht all zu viel, ändern.(2) Umso erstaunlicher ist eine Onlinepetition, die von König Salman die Abschaffung der gesetzlichen männlichen Vormundschaft fordert und von Tausenden Saudis unterzeichnet wurde. Die Frauen vom Arbeitsmarkt weitgehend auszusperren, wird auch für das ölreiche Saudi-Arabien allmählich zu einem Luxus. 

2010 hat sich die Saudi-Araberin Hissa Hilal beim Dichterwettbewerb eines Fernsehsenders in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Freiheit genommen, islamische Geistliche und ihre Fatwas zu kritisieren. Die Frauenrechtlerin Wajeha al Huwaider spielte u.a. in der Kampagne zur Aufhebung des Fahrverbots in Saudi-Arabien eine führende Rolle. Auch nach Aufhebung des Verbots durch (bzw unter) König Salman ’18 blieben einige diesbezügliche Aktivistinnen in Haft, etwa Loujain al Hathloul. Politische Gefangene sind auch jene Saudi-Araberinnen, die für ihren Aktivismus gegen die Bestimmungen männliche Vormundschaft betreffend gefangen sind. Viele davon wurden und werden gefoltert, auch unter Aufsicht von Saud al Qahtani, einem engen Berater von Kronprinz/ de facto Herrscher Mohammad bin Salman. Die Schriftstellerin Raja al Sanea bringt ihre Botschaft eher subtil herüber.  

Der Blogger Raif Badawi wurde aufgrund seiner Regimekritik mit (1 000) Peitschenhieben sowie Gefängnis bestraft. Früher habe er aus Angst vor Verbrechern zu Hause immer alle Türen und Fenster verriegelt, „und jetzt lebe ich mitten unter ihnen“. Badawi entdeckte aber bei einigen Zellengenossen ein „zartes, grandioses menschliches Feingefühl“. Und eine Schmiererei in einer der verdreckten Toiletten der Haftanstalt habe ihn besonders berührt. Zwischen Obszönitäten entdeckte er den Satz: „Der Säkularismus ist die Lösung!“ Gibt es Hoffnung für dieses Land? Der Religionsgelehrte Ahmed al Ghamidi, ehemaliger Leiter der Religionspolizei von Mekka, hat Kontroversen ausgelöst, weil er seine Ehefrau in einer Fernsehsendung ohne Gesichtsschleier auftreten ließ. Es heisst, in den IT-Netzwerken erhielt der Religionsgelehrte Todesdrohungen, aber auch viel Zustimmung.   

Die drei Menschenrechtler Abdullah al Hamid, Mohammed F. al Kahtani und Walid Abu al-Chair, die das autoritäre/totalitäre System ihres Landes friedlich herausfordern, sitzen derzeit allesamt im Gefängnis. Sie setzen sich für die Umwandlung Saudi-Arabiens in eine konstitutionelle, pluralistische Monarchie sowie für die Gleichstellung der Frauen und einen von Gewaltenteilung geprägten Rechtsstaat ein. 2018 bekamen sie den „alternativen Nobelpreis“ zugesprochen, den Right Livelihood Award – den ihr Anwalt für sie in Schweden entgegen nahm. Von Massenprotesten blieb das saudische Regime bisher „verschont“. Kleinere Kundgebungen wurden schnell mit Gewalt aufgelöst, wie der Aufstand von Frauen gegen das Frauenfahrverbot oder einige Kundgebungen 2011 im Rahmen des Arabischen Frühlings.

So wie in Jeddah, wo Hunderte gegen die schwache Infrastruktur der Stadt demonstrierten, nachdem Überflutungen 11 Menschen getötet hatten. Die Öl-Milliarden nutzen die Scheichs, die Bevölkerung mit kleinen Wohltaten ruhig zu stellen. Der Westen wird mit kleinen Reformen ruhig gestellt. Solche, die die Islamisten nicht all zu sehr reizen. Im Rahmen der „Vision 2030“ wird nicht nur eine wirtschaftliche Neuausrichtung versucht, sondern auch solche gesellschaftlich-politischen Reformen. 2018 verfügte Kronprinz Mohammed bin Salman die Erlaubnis für Frauen, Auto zu fahren.(3) Auch Kinos eröffneten in Saudi-Arabien nach 35 Jahren wieder. Überhaupt schient es jetzt ein grosses Anliegen zu sein, das Image des Landes bzw des Regimes aufzupolieren. So hat Saudi-Arabien die Gründung einer „islamischen Militärallianz im Kampf gegen den Terrorismus“ verkündet.(4)

Ob die Bombardierungen im Jemen, die von einer von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition geleitet werden, bereits Arbeit dieser Allianz sind? Zu dieser Zeit, 2018, stand Saudi-Arabien etwas in der Kritik, wegen des Mordes am Journalisten Khashoggi (s.u.), anderen Menschenrechtsverstössen, seiner Auslegung des Islams, seiner Rückständigkeit,…(5) Auch mit internationalen Sport- und Musikevents wird eine Imagekorrektur versucht, gleichzeitig der Bevölkerung Ventile für Unmut geboten. Frauen wurde der Besuch von Fussballstadien erlaubt. Bei einem Konzert Ende 18 traten u.a. die Black Eyed Peas und Enrique Iglesias auf. 2021 wird Saudi-Arabien (Jeddah) erstmals Schauplatz eines Formel-1-Grand-Prix sein…

Und, man bemüht sich jetzt um Tourismus. Saudi-Arabien hätte gerne mehr Besucher neben islamischen Pilgern. Einreise-Visa wurden auch bis vor wenigen Jahren nur für islamische Pilgerreisen, kurze Geschäftsreisen, Besucher mit Angehörigen in dem Wüstenstaat und an organisierte Reisegruppen vergeben. Für Touristen attraktiv gemacht werden soll Saudi-Arabien nicht zuletzt durch die Oasenstadt al-Ula, nordwestlich von Medina, an der historischen Weihrauchstrasse gelegen, Hauptstadt des antiken lihyanischen Reiches, mit den nabatäischen Monumentalgräbern von Mada’in Salih und dem osmanischen Bahnhof der Hejaz-Bahn. Am Roten Meer wird ein Urlaubsresort gestaltet, heisst es, in dem die Religionspolizei dann nicht die sonst im Land geltenden Gesetze durchsetzen wird. Der Besuch von Mekka und Medina soll Moslems vorbehalten bleiben. Durch diese Städte hat Saudi-Arabien eine besondere Rolle für Moslems in aller Welt. Inzwischen haben sich innenpolitische und regionalpolitische (oder gar globalpolitische?) Herausforderungen für das saudische Regime in gewisser Hinsicht verbunden.

Saudi-Arabien ist vom Westen bis an die Zähne hochgerüstet worden, ist der wichtigste Verbündete der USA in der Region (nach Israel) und ein Erdölexporteur von geopolitischer Bedeutung. Unter Trump als USA-Präsident ist die Verbindung zu Saudi-Arabien ist nochmal verstärkt worden, hauptsächlich wegen des Erdöls. Die destabilisierende Rolle Saudi-Arabiens in seiner Region wird vom Westen nicht nur hingenommen, auch unterstützt. Ungeachtet seines totalitär-religiösen Systems. Ein solches hat auch der Iran unter den Mullahs, was auch dort im Inneren eine schlimme Menschenrechtslage bedeutet sowie nach Aussen fragwürdige regionalpolitische Ambitionen.(6) Die Islamische Republik Iran als Feind eint Saudi-Arabien und Teile des Westens.

Saudi-Arabien gibt 8% seines BIP für sein Militär aus, bekommt jede Menge Waffen vom Westen (USA, BRD,…) geliefert. Die Heere golf-arabischer Staaten sollen grossteils aus belutschischen Pakistanern bestehen, somit aus Söldnern. Saudische „Sicherheits“kräfte werden von westlichen ausgebildet, wissend, dass sie auch gegen die eigene Bevölkerung vorgehen. Saudi-Arabien beansprucht Einfluss bzw Vorherrschaft in der Region (Westasien), in der Region um die Halbinsel herum ohnehin. Saudi-arabisches Militär wurde etwa 2011 zur Niederschlagung schiitisch dominierter Proteste nach Bahrain entsandt. Wobei „schiitisch dominiert“ wahrscheinlich irreführend ist: die Mehrheit der Bahrainis sind Schiiten, daher war/ist die Demokratiebewegung von diesen dominiert, und ist diese kein automatischer Verbündeter der IR Iran.

Der Iran und Saudi-Arabien buhlen um die Vorherrschaft und den Einfluss in der Region. Der Iran hat diese Ambitionen erst seit dem Sturz des Schahs, und ist eigentlich erst nach Bush’s Irak-Krieg ’03 in der Region mächtig geworden. Die Türkei wurde auch ein „Spieler“ in der Region. Nach dem Atomabkommen ’15 kehrte der Iran in gewisser Hinsicht auf das internationale diplomatische Parkett zurück. Das iranische Regime sieht sich als Förderer/Schutzmacht der Schiiten, das saudische als jene des sunnitischen Islams. Wenn man so will, ist ein Konflikt aus der Frühzeit des Islams (siehe Teil I) wieder aktuell… Im Westen wird Saudi-Arabien als Verbündeter gesehen, der Iran vielfach als Quelle aller Probleme der Region. Mit Trumps Antritt als US-Präsident und Mohammed bin Salmans Aufstieg zum eigentlichen Machthaber in Riad (beides 2017) hat sich der Konflikt nochmal verschärft.

Trump Riad 17

„MbS“ möchte eine Allianz gegen den Iran schmieden, mit der USA, den sunnitisch dominierten arabischen und islamischen Staaten, und Israel. Beobachter Juan Cole: „Was MBS verspricht, ist mehr Krieg und mehr Kriegslust“. In der IR Iran gibt es auch diese Kriegslust, unter Hardlinern des Regimes… Hardliner des iranischen Regimes, Israel und Israel-Unterstützer, Saudis, Salafisten sowie Neocons und dergleichen (Tea Party,…) in der USA teilen so Manches. Die von Saudi-Arabien geführte sunnitische Achse umfasst auch die anderen Golfstaaten (UAE,…), Ägypten (unter Sisi), Pakistan, Afghanistan (die vorherrschenden Paschtunen), Jordanien, die Mehrheit der Staaten der Arabischen Liga und der Islamischen Weltkonferenz, Teile der syrischen Aufständischen (al Nusra,…), die 14. März-Allianz im Libanon, diverse salafistische Gruppen. Diese Achse ist mehr oder weniger Verbündeter des Westens. 

Dem vom (islamistisch regierten) Iran geführten schiitischen Block gehören auch der Irak (mit seinen schiitisch dominierten Regierungen)(7) an, die Reste des (alawitisch dominierten) Baath-Regimes in Syrien, Hisbollah und andere Teile der (ursprünglich pro-syrischen) 8. März-Allianz im Libanon, und Organisationen der schiitischen Minderheiten in Afghanistan, Jemen, Bahrain, Pakistan,…(8) Katar wird vom Kern der Saudi-geführten Allianz, den Golfdiktaturen, die im Golfkooperationsrat (GCC) zusammengeschlossen sind, isoliert, weil dieses Iran sowie die Moslembrüder „zu wenig“ schneidet.(9) Zusammen mit Türkei (das die ägyptische Moslimbruderschaft unterstützt) und Iran bildet Katar im Weltbild von MbS ein „Dreieck des Bösen“.

antiimperialista.org: „Formal gesehen ist Qatar der Saud-Monarchie am ähnlichsten, denn das Thani-Regime bekennt sich offiziell ebenfalls zum Wahabismus, was für die anderen Golfdiktaturen nicht gilt. Genau hier liegt die ausschlaggebende Differenz zu den Herrschern von Qatar, den Thanis. Seitdem der Herrscher vor zwei Jahrzehnten seinen Vater weggeputscht hat, setzt der Scheich in seiner Außenpolitik auf islamische Strömungen einschließlich des Massenelements.“

Zu den islamistischen Gruppen, die das Regime von Katar unterstützt, gehören demnach auch die afghanischen Taliban. Parallel dazu gab es aber auch eine gewisse Liberalisierung, wozu auch die Schaffung des Senders „Al Jazeera“ gehört. In Katar gibt es seit 2008 eine (katholische) Kirche, etwas das Saudi-Arabien noch nicht erlaubt hat. Im so rückständigen Iran gibt es recht grosse autochthone christliche Gemeinschaften, die Armenier und Assyrer, mit vielen Kirchen. AIK weiter: „Die Saudis machen den Thanis den Bruch der antiiranischen Front zum Vorwurf. Doch außer Bahrain, in das die saudische Armee zur Niederschlagung des Arabischen Frühlings 2011 einmarschierte, unterhalten alle anderen Staaten des Golfkooperationsrates (GCC) gewisse Beziehungen zum Iran. Der wichtigste Staat, die VAE, machen sogar glänzende Geschäfte, wenn auch lautlos. Doch alle versuchen den übermächtigen Bruder nicht zu verärgern, während die Thani-Diktatur das offen tut. Dafür werden sie nun abgestraft, übrigens mit voller Unterstützung der Scheichs in Abu Dhabi.“

Der nächste Schachzug Saudi-Arabiens gegen Katar könnte der sein, das Land auf seiner Halbinsel im wahrsten Sinne des Wortes zu isolieren bzw (ab-) zu schneiden: Es gibt Spekulationen über den saudischen Bau eines Kanals an der Grenze, der Katar zu einer Insel machen würde (wie Bahrain). An einem Teil des Kanals sei auch eine Atommülldeponie geplant, heisst es. Kampfschauplätze im Ringen um die regionale Vorherrschaft zwischen den Achsen sind v.a. Syrien und Jemen. Stellvertreterkämpfe im begrenzteren Ausmaß gibt es auch im Irak, Libanon(10), Afghanistan. Saudi-Arabien agiert überall mehr oder weniger in Übereinstimmung mit der USA… Saudi-Arabien unterstützt auch, wie Israel und wahrscheinlich auch die USA, Gruppen wie die belutschisch-islamistische Jundullah, die im Iran agieren.  

Bei der blutigen Konfrontation in Syrien steht auf der einen Seite eine säkulare Diktatur, auf der anderen neben Demokraten auch die schlimmsten Islamisten. Zweitere werden zT von Saudi-Arabien unterstützt. Sie sind von der selben Natur wie die Jundullah im Iran, die Saudi-Arabien unterstützt um diesen zu destabilisieren, und jene Gruppen, die es im Irak unterstützt. Was die al-Nusra in Syrien betrifft, zieht Israel hier am selben Strang. Israel, das im Syrien-Krieg mitmischt (wie Türkei, Russland,…), um seine regionalpolitischen Ziele durchzusetzen. Ein anderer Stellvertreter-Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran ist der im Jemen; aber wie der Krieg in Syrien ist auch dieser „hausgemacht“, im Land entstanden. Beim Bürgerkrieg (mit internationaler Beteiligung) in Jemen zeigt sich auch schön der Übergang vom Kalten Krieg ins neue Zeitalter.

Im Bürgerkrieg in Nordjemen in den 1960ern (s.o.) unterstützte KSA (wie GB) dort noch die Restauration des saiditischen (5er-schiitischen) Königreichs, gegen die nasseristische (und sunnitische) Republik. Letztere setzte sich durch, und 1990 kam es zur Wiedervereinigung von Nord- und Südjemen. Die Marginalisierung des (schiitisch dominierten) Nordens unter Präsident Saleh koinzidierte mit der Politik des Nachbarn Saudi-Arabien, Jemen seine (sunnitische und ultrakonservative) Auslegung des Islam aufzuoktroyieren. Und führte (2014) zum Aufstand der im Norden (bzw Westen) des Landes beheimateten saiditischen Huthi-Bewegung und damit zum Bürgerkrieg. In dem Saudi-Arabien die Regierungs-Seite unter Präsident Hadi massivst unterstützt, dabei wiederum von der USA unterstützt wird.

Die IR Iran unterstützt die Huthi-Aufständischen und ihre Gegenregierung in Sanaa etwas. Der Frontverlauf entspricht in etwa der früheren Grenze Nord-/Süd-Jemen. Thronfolger/Kronprinz Mohamed bin Salman al Saud ist der Falke auch hinter dem Krieg im Jemen.(11) Die USA unter Trump unterstützt Riad nicht nur mit Waffenlieferungen, sondern auch mit detaillierten Geheimdienstinformationen… Die Huthi-Führer haben anscheinend inzwischen auch das Ziel, die Sauds im Nachbarland zu stürzen. Daneben ist Saudi-Arabien dabei, einen gigantischen Zaun entlang der 1 800 Kilometer langen Grenze zum Jemen zu ziehen. Offiziell gegen Schmuggler und Islamisten der al Qaida (Al-Kaida), eigentlich aber weil der Funke des „Arabischen Frühlings“ Anfang der 10er ja nicht überspringen soll(te). Jede Form von Volksherrschaft (Demokratie) oder Säkularismus in der Region ist ja illegitim, und wenn notwendig, hilft man beim Scheitern (oder eben Niederwerfen) nach.

Saudis, (andere) Salafisten, Zionisten, Konservative im Westen sind sich (auch) darin darin, dass solche Bestrebungen eine Gefahr darstellen, und keine Chance, um dem entsprechend diffamiert werden müssen. Das Scheitern des Arabischen Frühlings, das Wüten des IS (im Westen wie in islamisch geprägten Ländern), der Krieg in Syrien passte dort ganz gut in’s Konzept. Wobei, Saudi-Arabien unterstützte den Aufstand in Syrien gegen das Baath-Regime, mischt ja bis heute dort mit, natürlich nicht für eine Demokratisierung. Das Saudi-Regime bot gestürzten Herrschern wie Tunesiens Ben Ali (wie früher Idi Amin) Exil (nicht aber Flüchtlingen, auch nicht aus dem islamischen Raum), aktuellen Herrschern Unterstützung gegen Demokratisierungsbestrebungen. Beim Militärputsch, der 2013 in Ägypten Präsident Mursi gestürzt und die Demokratie abgewürgt hat, war Saudi-Arabien entscheidend beteiligt.

Bezüglich Ägypten ist die Achse von Saudi-Arabien, Israel und Teilen des Westens besonders stark. Dass auch diverse salafistische Gruppen mit an dieser Achse hängen, stört nicht weiter. Saudi-Arabien und andere konservative Golfstaaten unterstützen die Militärherrschaft über Ägypten, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Bei linkssäkularen Bestrebungen, aber eben auch bei Infragestellung des monarchischen Prinzips – und sei es durch islamische Massenbewegungen – kennt man in Riad kein „Erbarmen“. Die Ergebenheit des ägyptischen Militärdiktators Sisi gegenüber Saudi-Arabien geht so weit, dass er 2018 zwei Inseln im Roten Meer, Tiran und Sanafir, an dieses abtrat.

Bei Ägyptens Nachbar Libyen ist Saudi-Arabien ja auch sehr involviert. Den Putschversuch in der Türkei 2016 sollen die Sauds zusammen mit Fetullah Gülen vorbereitet haben. Mit der Unterstützung von (und Zusammenarbeit mit) Salafismus, einer absolutistischen Diktatur oder Gender-Apartheid haben jene im Westen, die sich gerne als grosse Kämpfer gegen den Islamismus darstellen (wie Donald Trump), gar kein Problem. So war das aber auch schon in den 1980ern bei der Unterstützung der Mujahedin in Afghanistan, die dort die städtische Bevölkerung, Linke, Feministinnen, ethnische Minderheiten,… jahrelang terrorisierten, und aus denen die Taliban hervor gingen.(12) Saudi-Arabiens innere Verfasstheit und sein Gebahren im Ausland wird vom Westen unangetastet gelassen, obwohl Frauen dort kaum Rechte haben, ebenso Ausländer, die meisten 9/11-Attentäter von dort kamen, radikaler Islam nicht nur „vorgelebt“ sondern auch weltweit unterstützt wird, es sich um eine absolute Monarchie handelt,…

Aber hey, es ist ja jetzt de facto ein Reformer an der Macht und man hat Frauen bereits das Auto-fahren erlaubt. Und es geht um strategisch-wirtschaftliche Interessen des Westens. Man braucht saudi-arabisches Erdöl und diesen Staat als Kunden für seine Waffenindustrie (nicht zuletzt die BR Deutschland).(13) Um diese Thematik ging es bereits hier. Die „Menschenrechts-Anliegen“ der Islam-Kritiker und Iran-Gegner von Trump bis Grigat… Der „Pragmatismus“ jener Leute, die sonst über „Islamfaschismus“ und „counterjihad“ reden. Und jener, die über das Wohl von Moslems und dem Islam reden, mit dem „Vorgehen“ Saudi-Arabiens gegen Moslems keinerlei Problem haben.    

Saudi-Arabien, von der USA seit Jahrzehnten aufgerüstet, blieb nach 9/11 wichtigster islamischer Verbündeter der USA (in gewisser Hinsicht des Westens allgemein), gewann sogar noch an Bedeutung/Unterstützung hinzu. Bezüglich Syrien kommt man KSA und den anderen dort engagierten Golf-Arabern so weit entgegen, dass man ihnen genehme “Rebellengruppen” aufrüstet.(14) Bush „ermutigte“ Mitte der 00er die befreundeten Regime von Saudi-Arabien und Ägypten (Mubarak) zu „demokratischen Reformen“. Die Regierung Saudi-Arabiens könne ihren Führungsanspruch in der Region mit einer „stärkeren Selbstbestimmung der Bevölkerung unterstreichen“, so Bush. Die USA unterstützten überall die Verbreitung der Freiheit, würden aber niemandem eine Regierungsform diktieren wollen (…). Auch Barack Obama wagte es nicht, sich mit dem saudischen Regime anzulegen; in einer Nahost-Rede kritisierte der zwar die bahrainische Regierung, nicht aber die Saudis. Obama: Manchmal müsse man eine „Balance“ finden zwischen „Menschenrechtsfragen“ sowie der Zusammenarbeit im “Anti-Terror-Kampf” (!) und Fragen “regionaler Stabilität”.

Der saudi-arabische Reporter Jamal Khashoggi (Dschamal Chaschukdschi)(15) verschwand im Oktober 2018 zunächst in der Türkei, nach Besuch im saudischen Konsulat in Istanbul; dann kam die Ermordung des Regimekritikers im Konsulat durch staatliche saudische Kräfte heraus. Türkeis Präsident Recep Erdogan warf Saudi-Arabien vor, Khashoggi grausam getötet zu haben. Die türkische Staatsanwaltschaft: Khashoggi sei kurz nach Betreten des saudi-arabischen Konsulats erwürgt worden, dann hätten die Täter seine Leiche zerstückelt. Die Tötung war offenbar lange im Voraus geplant. Der Kronprinz und Machthaber Mohammed al Saud räumte im September ’19 einen staatlichen saudischen Mord an Khashoggi ein.

Der Mord an dem kritischen Journalisten sei aber gewissermaßen gegen die Regimelinie gewesen, ein „Versehen“. Man versucht seither, Königsfamilie und Kronprinzen über jeden Verdacht zu erheben, und überhaupt zu beschönigen. Will die festgenommenen Verdächtigen nicht an die Türkei ausliefern. Ende 19 gab es angeblich Todesurteile in KSA für die Khashoggi-Mörder. Zwei ranghohe Berater von Kronprinz Mohammed bin Salman seien hingegen entlastet worden… Es gibt wenig Zweifel daran, dass MbS Khashoggi liquidieren liess, in Saudi-Arabien läuft nichts Wichtiges an ihm vorbei.(16) Saudi-Arabiens Aussenminister Adel al-Dschubeir hat mehrmals davor gewarnt, Kronprinz Mohammed bin Salman für den Mord an Khashoggi verantwortlich zu machen. Damit würde eine „rote Linie“überschritten“; der Kronprinz sowie König Salman würden „jeden einzelnen saudi-arabischen Bürger repräsentieren“. „Und wir werden keine Diskussion oder irgendetwas tolerieren, das unserem König oder unserem Kronprinzen gegenüber verunglimpfend ist.“ 

lobe

Jim Lobe (lobelog.com) kommentierte auf twitter Michael Pompeos Tweet: „Did you ask him where Khashoggi’s dismembered body is (since you committed the State Department to a full investigation).“

Trump lobte die Erklärung des saudischen Regimes zu seinem Mord an Khashoggi, schickte seinen Aussenminister Pompeo, dann Bolton nach Riad, mehr um gemeinsames weiteres Vorgehen mit den Verbündeten zu besprechen als diese zur Rede zu stellen. Trump hielt eine „Mitwisserschaft“ des saudischen Kronprinzen am Mord für möglich. An der guten Beziehung zu Saudi-Arabien würde sich so oder so nichts ändern. Es geht schliesslich um Ölpreise, mögliche „Nachteile ggü Russland und China“…und seine eigenen Firmenbeziehungen nach/zu Saudi-Arabien. Hier auch einige Ausführungen über das Verhältnis von Trump, Kushner & Co zu Saudi-Arabien. Und Israel und Netanyahu? Zur entstehenden Allianz Israels mit Saudi-Arabien noch mehr. Netanyahu war auch schnell zur Stelle mit Beschwichtigung zum Khashoggi-Mord, es gehe um “Stabilität”, für die Region, nein für die Welt, darum gehe es (ihm), und das rechtfertigt ja nun alles.(17)

In Deutschland waren die Minister Nahles und Maas für Sanktionen gegen Saudi-Arabien, auch bei Rüstungsexporten. Wegen der unzureichenden Aufklärung des Mordes an Khashoggi hat die Bundesregierung ihre Rüstungsexporte in das Königreich dann eingestellt. Für wie lange? Mehr als nur Augen-Auswischerei bzw ein Ohren-Reiberl?! CSU-Politiker Ramsauer ist einer der der Saudi-Lobbyisten in der deutschen Politik, war gegen Sanktionen, man müsse „im Gespräch bleiben“… Kein Wunder, Jene im Westen die am prononciertesten gegen Islam(ismus) auftreten und dabei „Menschenrechts“-Argumente bringen sind jene, die Saudi-Arabien am stärksten fördern und hofieren. Merkel und Erdogan haben sich beim Deutschland-Besuch des Zweiteren öffentlich bei einer Pressekonferenz einen Schlagabtausch über das Thema Pressefreiheit geliefert. Es ging um den im deutschen Exil lebenden Can Dündar (siehe hier), bzw die deutsche „Einäugigkeit“ bei diesem Thema.

Kronprinz Mohammed bin Salman der grosse Modernisierer oder doch der grösste Reaktionär?! Während MBS von Manchen im Westen gepriesen wird, siechen saudi-arabische Intellektuelle, Aktivisten und Journalisten in Gefängnissen dahin. Khashoggi selbst hat den faktischen Herrscher Saudi-Arabiens klar eingeschätzt: Mohammed sei völlig selbst-bezogen und jede „Reform“ sei arrangiert/gekünstelt. Die beabsichtigte Planstadt „Neom“ passt wohl dazu. Auch hier geht es dabei, einen Eindruck von „Fortschritt“ oder „Aufbruch“ zu vermitteln, für die eigenen Leute und die Welt, und dabei abzulenken vom eigentlich Wesentlichen, von dem was eigentlich Fortschritt ausmachen würde in diesem Land. Mohammed bin Salman und seine „Reformen“.

Saad Al Jabri ist ein früherer Top-Militär Saudi-Arabiens (Generalmajor), Minister und Berater des abgesetzten Kronprinzen Mohammed bin Nayef of Saudi Arabia. Bei Mohammed bin Salman ist er 2015 in Ungnade gefallen, er hätte mit Nayef gegen ihn geplottet, wie so oft in solchen Fällen kamen „Korruptionsvorwürfe“ auf den Tisch… 2017 ging al Jabri ins Exil nach Canada, währenddessen wurde seine Familie in Saudi-Arabien eingesperrt. Ein paar Tage nach dem Mord an Khashoggi in der Türkei 2018 gab es einen Mordversuch auf Jabri in Canada, und auch dies ging von Mohammad bin Salman aus. Es gab weitere solche Versuche gegen ihn. 

Nochmals zur schiitischen Bevölkerungs-Minderheit Saudi-Arabiens, die ja im Osten (Ost-Provinz) ihren Schwerpunkt hat, wo auch ein Grossteil der Erdöl-Förderung geschieht. Ein Zentrum ist die Stadt Awamija (Governorat al Qatif). Schiiten sind in KSA immer wieder Repressalien ausgesetzt, was sich mit dem wahabitischen Islam des Landes erklären lässt. Im Zuge des Arabischen Frühlings rief unter Anderen der schiitische Geistliche Nimr al-Nimr 2011 zu gewaltfreien Protesten auf. Es kam in der Ostprovinz 2011/12 zu Protesten von Schiiten gegen ihre Diskriminierung. al Nimr wurde 2012 verhaftet, nach einem Schusswechsel, was zu Unruhen mit mehreren Toten führte. Ebenfalls verhaftet wurde sein Neffe Ali M. B. al Nimr für seine Teilnahme an den Protesten. 2014 wurden der populäre Prediger und sein Neffe beide zum Tode verurteilt.

Dem Kleriker wurde vorgeworfen, zu sektiererischer Gewalt im Osten des Landes und zum bewaffneten Widerstand gegen Sicherheitskräfte aufgerufen zu haben. Im Jänner 2016 wurden der ältere Nimr und 46 weitere politische Gefangene getötet. Die Todesstrafe für den jugendlichen Ali al-Nimr, er soll geköpft und gekreuzigt werden(18), wurde bislang nicht vollstreckt. Es geht um das Image und so manchen Protest aus dem Westen (darunter von Amnesty International) – nicht aus der USA; von Bush oder Trump war so etwas auch nicht zu erwarten, aber auch Obama hat die Erwartungen der Familie Nimrs enttäuscht.

Der als Signal der Stärke gedachten Hinrichtungsreigen am 2. Jänner ’16 ist für das Saudi-Regime eher „nach hinten“ losgegangen. Es gab negative Reaktionen sowohl in der islamischen Welt als auch im Westen. Im eigenen Land hat sich die Kluft zwischen dem Regime (bzw der Mehrheitsbevölkerung) und den Schiiten dadurch noch vergrössert. Seit 2017 ist in der Gegend um al Qatif im Osten ein Aufstand im Gange(19), ein Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt. Im Irak kam es nach der Tötung Nimrs zu anti-sunnitischer Gewalt. Das iranische Regime versucht(e) natürlich, die Sache zu instrumentalisieren. In Teheran stürmten aufgebrachte regimenahe Demonstranten in der Nacht nach den Hinrichtungen die saudi-arabische Botschaft und setzten sie teilweise in Brand.

Saudi-Arabien brach am Tag darauf seine diplomatischen Beziehungen zum Iran ab. Kappte auch Handelsbeziehungen mit dem Iran, auch Reiseverbindungen wurden eingestellt. Bahrain und Sudan folgten sogleich, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait reduzierten ihr diplomatisches Personal im Iran. Auf einem Gipfeltreffen der Arabischen Liga in Kairo am 10. Januar 2016 stellten sich fast alle dort vertretenen arabischen Staaten (die Mitgliedschaft Syriens ist zurzeit suspendiert) hinter Saudi-Arabien und verurteilten in einer gemeinsamen Erklärung die Erstürmung der saudi-arabischen Botschaft in Teheran. Lediglich die Vertreter des Libanon unterschrieben die Erklärung, aus Rücksicht auf die in der libanesischen Regierung vertretene Hisbollah, nicht.

Saudi-Arabien ist ein Verbündeter des Westens, war dies schon im Kalten Krieg und davor eigentlich auch, beginnend mit dem Arabischen Aufstand im 1. WK. Und blieb es im Zeitalter von Islamismus und Islamophobie. Der wichtigste Verbündete von USA, Israel, EU,… in der Region (“Naher”/ ”Mittlerer Osten”). Man unterhält ausgezeichnete wirtschaftliche Beziehungen, seit Jahrzehnten, verlässt sich auf das saudische Regime. Trotz dem, was es für die eigene Bevölkerung bedeutet, die Region und den weltweiten Islam(ismus). Wie gesagt, saudisches Öl her, deutsche Rüstungsgüter hin,… Der Hegemonialstreit Saudi-Arabiens mit der Islamischen Republik Iran verstärkte die westliche Unterstützung der Saudis.(20) Die Saud-Monarchie ist neben Israel die wichtigste Stütze der von der USA geführten globalen Ordnung in der Region. Es existiert eine Art Dreieck USA (Trump) – Israel (Netanyahu) – Saudi-Arabien (MBS).

Der Charakter des Regimes? Menschenrechte, von Saudi-Arabern und Anderen? Der britische Premier (10-16) Cameron: „Saudi-Arabien ist wichtig für unsere Sicherheit“. Seine Nachfolgerin May hat König Salman und dessen Kronprinzen ihre Aufwartung gemacht, versucht, diese nach dem Iran-Atom-Abkommen zu besänftigen. 2018 Verwerfungen zwischen Canada und KSA; Auslöser war ein kritischer Tweet der kanadischen Aussenministerin Freeland zur Festnahme von Menschenrechtsaktivisten in Saudi-Arabien. Riad wies den kanadischen Botschafter aus und zog seinen Botschafter aus Ottawa zurück… Die saudische Prinzessin Sara, Enkelin vom verstorbenen König Abdullah, hat für sich und ihre Kinder in GB um politisches Asyl angesucht; damit einen diplomatischen Eklat zwischen den Staaten bewirkt. Nur nicht die Saudis vergraulen. Bald nach dem Khashoggi-Mord ist Mohammed bin Salman beim G-20-Gipfel in Buenos Aires ein freundlicher Empfang bereitet worden; er ist auf der internationalen Bühne alles andere als isoliert.   

Ob Trump das Weisse Haus in Washington im Jänner 2021 verlassen wird, was er aufgrund des Ergebnisses der Wahl vor Kurzem eigentlich müsste, sei einmal dahin gestellt. „Trat das amerikanische Imperium nach dem 11. September 2001 zeitweilig als Hypermacht auf, so erwies sich doch recht schnell, dass die USA lediglich in ihre Supernova-Phase eingetreten war: maximale Ausdehnung als Vorstufe des nahenden Kollapses“, so Bernd Ulrich in seinem Buch „Guten Morgen, Abendland“ (2017). Donald Trump bekennt sich stärker als seine Vorgänger zu einem US-amerikanischen Egoismus(21), spielt weniger den Retter der Welt und ihrer Menschen.(22)

Von ihm kamen, hauptsächlich in seinem ersten Präsidentschafts-Wahlkampf 16, grosse Anti-Islam(ismus)-Sprüche. In Riad war man mit seiner Wahl mehr als zufrieden. Als Präsident kam von ihm Geld für die Saudis, Abkommen und Säbeltanz mit diesen – und Saudi-Arabien wird auch weiterhin als Verbündeter des Westens gegen den islamistischen Terror behandelt. Bei seinem Besuch in Riad ’17 hiess es nicht mehr „der Islam hasst uns“ wie im Wahlkampf, seine Berater hatten ihm eine „Grundsatzrede“ über den Islam und die „Bekämpfung des Terrorismus'“ geschrieben. Forderte islamische Staaten auf, mit der USA zusammen zu arbeiten und „Terroristen zu vertreiben“. Welche Gruppen seine Gastgeber in Syrien und Irak unterstützen oder welchen Islam sie weltweit propagieren, hat er natürlich nicht angesprochen. Oder dass der islamistische Terror personell und inhaltlich jenen Kräften (bzw jenem Islam) entsprang, die (den) man in den 1980ern in Afghanistan unterstützte. Über die Widersprüche dabei, Saudi-Arabien als Verbündeten gegen islamistischen Terrorismus zu behandeln, auch hier.

Von Riad reiste Trump im Mai ’17 dann weiter nach Israel. Richtete dort wie schon zuvor harte Worte an den Iran. Das Land müsse „mit der Finanzierung, der Ausbildung und der Ausrüstung von Terroristen und Milizen“ umgehend aufhören.(22) Der westliche „Kampf gegen Islamismus“ ist allgegenwärtig, aber Saudi-Arabien, das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird gefördert. Das repressivste und rückständigste Regime der Region wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen.

Daran ändert auch nicht, dass es seit 9/11 ein gewisses Umdenken gegeben hat, man über Zustände in „der Region“ (Westasien/Nordafrika) den Kopf schüttelt. Siehe die Ausführungen von Bush II, oben. Man (be)klagt (über) arabische Diktaturen und unterstützt die repressivste – wenn es den eigenen Zielen dient. Dass der Westen in dieser Region Demokratie(sierung) nie wirklich unterstützt hat, dazu noch mehr. Trump (von dem grosse Worte gegen Islamismus kommen) ist einer Jener, die die Pseudo-Reform-Schritte von MBS in KSA loben, die vielen “Rückschritte” unter ihm un-kommentiert lassen. Die Geschlechtertrennung in Restaurants wurde aufgehoben, wow. Daran zeigt sich auch Heuchelei in der Kritik am iranischen Regime, die hauptsächlich mit „Menschenrechtsbedenken“ geführt wird.

Die Massenhinrichtung von 47 Menschen an einem Tag in Jänner 2016 stellte Manche im Westen vor ein Dilemma, aufgrund des nach aussen propagierten Bildes von sich (Kämpfer gegen Islamismus und für Menschenrechte). So einfach lassen sich die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien nicht mehr ignorieren oder verharmlosen. Oder nach der Ermordung Khashoggis, der Bestrafung des Bloggers Raif Badawi. Ali al Nimr, der ebenfalls der saudi-arabischen Opposition angehört, ist weiterhin inhaftiert, kann jederzeit hingerichtet werden. Wird der Westen Leute wie Badawi, Qahtani, Huwaider unterstützen, oder doch die Saud-Familie? Das Saudi-Arabien das Badawi will, und jenes das MBS will… Werden auch hier Menschenrechte für „höhere“ Interessen verhandelt (bzw geopfert) werden? Wird weiter weggeschaut und beschwichtigt werden?

Der Absolutismus oder die Frauen-Unterdrückung, die man in Europa infolge der Aufklärung beseitigt hat, was „Westisten“ immer zum Imperatif für den „Orient“ machen > aber wenn dort etwas unternommen wird in die Richtung…  Dass die aus Angst vor ihrer Familie geflohene Saudi-Araberin Rahaf Mohammed al-Kunun 2019 über Thailand nach Canada ausreiste, hat das „bereits angespannte Verhältnis“ zwischen Saudi-Arabien und Canada „zusätzlich belastet“. Manche schauten etwas betreten. Man muss „im Gespräch bleiben“, die “Stabilität der Region“ im Auge behalten, die „Reformen“ von König und Kronprinz würdigen. Jene die posaunen, es müsse hier und dort „Position bezogen und gehandelt“ werden(23), hat es die Sprache verschlagen, wenn die Opfer nicht in ihr Konzept passen.

Auf der einen Seite Anna Politkovskaja, Alexander Litvinenko, Boris Nemzov, Deniz Yücel, Neda Agha-Soltan, Liu Xiaobo,…, auf der anderen Jamal Khashoggi, Nimr al-Nimr, Raif Badawi, oder Ahed Tamimi. Dissident ist nicht gleich Dissident, Oppositioneller nicht gleich Oppositioneller, Zivilist nicht gleich Zivilist, Journalist nicht gleich Journalist, politischer Gefangener nicht gleich politischer Gefangener. Manchmal muss man halt ein Auge zudrücken (oder die Schuld umkehren). Jürgen Todenhöfer: Wäre Syrien ein USA-Verbündeter, könnte es sich noch eine viel brutalere Diktatur leisten. Dann hätte es auch nicht so einen heuchlerischen Aufschrei gegeben wie beim mutmaßlichen Giftgasangriff des Assad-Regimes 2013. 

Die guten Beziehungen Saudi-Arabiens zum Westen beruhen auf Geschäften und Geopolitik, nicht auf Werten. Entgegen der grossen Töne zB von Frau Merkel, „westliche Werte“ seien nicht verhandelbar. Dass Saudi-Arabien Partner des Westens ist, entlastet nicht Saudi-Arabien, sondern belastet den Westen.(25) Was gegenüber dem Iran angeführt wird, Menschenrechte, Demokratie, Säkularismus, Minderheitenrechte, Nicht-Einmischung in andere Staaten, wird Saudi-Arabien mehr oder weniger erlassen, für wirtschaftliche und strategische Interessen. Diese Diskrepanz zeigt eben auch, was sich mitunter so hinter der „Unterstützung“ des iranischen Widerstands verbirgt bzw hinter der Gegnerschaft zum iranischen Regime…

In „Der Standard“ schrieb Einer, „…Wenn es um den Freiheitskampf im Iran geht, stecken weite Teile der österreichischen Linken ihre Köpfe in den Sand. Und das ist der eigentliche Abgesang auf die viel beschworenen europäischen Werte. Auf die der Linken sowieso…“. Derselbe promotet (passenderweise) auch Mossab H. Yousef, jenen Alibi-Palästinenser der ja gegen palästinensische Belange angeführt wird, kommt ggü Ron Paul bezüglich dessen Haltung zum Iran mit dem „Appeasement“-Vorwurf, ist auch einer jenen, die hiesigen Rechtsextremismus gerne auf den islamischen Raum abwälzen würden… Oh, und Andreas Koller („Salzburger Nachrichten“), der zB von „Werten und Freiheiten, um die unsere Vorfahren jahrhundertelang gekämpft haben“ schreibt, was sagt er zu den Zuständen in Saudi-Arabien und dem was dessen Regime in der Region und der Welt so treibt?(26)

„Saudi-Arabien ist wichtig für Stabilität in Region“, und für das grosse Geschäft. Wenige sind so offen wie der US-amerikanische republikanische Abgeordnete Dana Rohrabacher. Der hat angeregt, über Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien oder Usbekistan hinweg zu schauen, aufgrund der nationalen Interessen der USA. Er unterstützt auch die Aufhetzung von ethnischen Minderheiten im Iran (darunter die belutschische Jundullah) und natürlich die Unterstützung der Volksmujahedin (bzw ihre Verwendung als Instrument in/gegen Iran). Pseudo-Linke im deutsch-österreichischen Raum führen auch „Homosexuellenrechte“ im Iran für ihre Kriegskampagne(n) an, Saudi-Arabien ist diesbezüglich kein Thema, und jetzt, wo Saudi-Arabien vollends Partner Israels wird, schon gar nicht.

Die zurückgebliebenen Orientalen aus ihrer “selbstverschuldeten Unmündigkeit” zu befreien, sie am “Licht der westlichen Aufklärung” teilhaben zu lassen“, so und so ähnlich wird gerne postuliert in diesen Zeiten. Aber mit Saudi-Arabien und seiner Diktatur wollen wir mal nicht so streng sein, und mit „unseren Werten“ etwas flexibler sein. Der exil-syrische Autor „Adonis“ thematisierte die westliche Unterstützung von Saudi-Arabien, nennt sie als Mitgrund von Islamismus und Terrorismus. Einer wie er bekommt nie die „Aufmerksamkeit“ eines Mossab H. Yousef (oder H. Abdelsamad,…), seine Analysen sind nicht so „angenehm“. Als vor nicht allzu langer Zeit Vertreter von Saudi-Arabien in eine UN-Kommission für Frauenrechte gewählt wurde, hat unwatch, das die UN im Sinne Israels kritisiert, das (noch) aufgegriffen, für seine Kampagne benutzt, Aufmerksamkeit von Medien dafür bekommen (zB orf.at).

Die Entwicklung wird aber dahin gehen, dass die Unterstützer Israels Derartiges (wie Frauenrechte in Saudi-Arabien und ihre Unterdrückung) nicht mehr als Beleg für die Verdorbenheit dieser Region, die falsche westliche Politik dieser gegenüber und die Unrechtmäßigkeit palästinensischer Anliegen anführen werden, sondern davor die Augen zudrücken bzw noch aggressiver davon abzulenken versuchen.(27) Auch gegenüber der Türkei und Erdogan wird gerne skandalisiert, kommen grosse Töne. Natürlich auch von Sebastian Kurz. Im Streit der Türkei mit Griechenland und Zypern über die Erforschung von Erdgasfeldern im östlichen Mittelmeer, sagte Kurz, die EU dürfe „nicht wegsehen“, sondern „klar reagieren“, dem türkischen Präsidenten Recep T. Erdogan „rote Linien aufzeigen“, „mit Sanktionen gegenüber der Türkei agieren“. Nicht wegsehen, rote Linien aufzeigen, mit Sanktionen agieren…

Die Inkosequenz/Inkonsistenz von Politikern wie Kurz zeigt sich ja nicht nur bei der Politik ggü Saudi-Arabien – griechische Belange werden natürlich nie und nimmer auf ganzer Linie unterstützt, darüber hier Einiges (in Zusammenhang mit Kurz‘ Vizekanzler Strache), hier und hier. Saudi-Arabien und die mit ihm verbündeten Staaten der sunnitischen Achse sind die „moderaten arabischen Staaten“. Was beim Iran, der Türkei oder den Palästinensern skandalisiert wird, bleibt dort unangetastet bzw wird verharmlost. Da wird weg geschaut. In der Gegnerschaft zum Atomabkommen der führenden Westmächte mit dem Iran waren/sind sich die Hardliner des iranischen Regimes, die Saudis, andere Salafisten, manche (exil-) iranische Gegner der Islamischen Republik Iran, Israel und seine Unterstützer, der rechte Rand der Democratic Party in der USA sowie die Republican Party, Islamophobe (von den Evangelikalen bis zu den „Anti“deutschen)(28) im Westen,… einig.

Der israelische Historiker (iranischer Herkunft) David Menashri hat ja nicht Unrecht wenn er sagt: „Iran is in a compromising geo-strategic position, sandwiched between a nuclear Pakistan and a politically decapitated and quasi-anarchical Iraq“. Plus Saudi-Arabien in der Nachbarschaft, das sich mit der USA, Israel,… gegen ihn verbündet. Dass grosse Teile des Westens mit Saudi-Arabien und der sunnitisch-arabischen „Welt“ gemeinsame Sache gegen den Iran machen, zeigt auch, was von den „Menschenrechts“-„Begründungen“ für einen Krieg (gegen Iran) zu halten ist. Und, manchen dieser „Parteien“ geht es bei der Gegnerschaft zum Iran um mehr als nur das schiitisch-fundamentalistische Regime Irans – Saudi-Arabien auf jeden Fall…

Der iranische Aktivist Taghi Rahmani nach der Hinrichtung des Ringers Navid Afkari durch das Regime: „Eine robuste Zivilgesellschaft ist die Essenz von Demokratie“. Im Iran gibt es das ansatzweise, trotz der islamistischen Diktatur (bzw gegen diese). Aber auch wenn man vergleicht, was das Regime zulässt, fällt der Vergleich nicht zum Vorteil von Saudi-Arabien aus. Die Kandidaten für Parlamentswahlen werden zwar im Vorhinein ausgesiebt und Parlamentsbeschlüsse können leicht vom (nicht gewählten) Wächterrat umgestossen werden, aber zumindest gibt es solche Wahlen. Auch bei den Einschränkungen für Frauen und Nicht-Moslems ist es so: Das Land mit den fehlenden Kirchen ist Saudi-Arabien, nicht Iran.(29) Wie kann also die westliche Unterstützung Saudi-Arabiens damit rechtfertigt werden, dass dieser Staat (und sein Einfluss) das kleinere Übel ist?

Was die „Befreiung Irans“ betrifft (siehe hier und hier)(30), lohnt sich zum Einen ein Blick auf Allianzen die sich da auftun. Die iranischen Volksmujahedin/ Mujahedin-e Kalq/ MEK sind für Neokonservative im Westen der wichtigste Partner unter Iranern dafür geworden. 2017 trat auf einer MEK-Veranstaltung in Paris neben John Bolton, Rudolph Giuliani, Joseph Lieberman, Newt(on) Gingrich, Joseph Lieberman, Rudolph Giuliani auch der saudi-arabische Prinz Turki Bin Faisal al Saud auf (langjähriger Chef des saudi-arabischen Geheimdienstes,…). Zum Anderen sollte man sich den Diskurs um die „Befreiung Iraks“ durch den Bush-Krieg 2003 ansehen. Die Hofierung eines Regimes und seiner terroristischen Ziele hat der Westen beim Baath-Regime Saddam Husseins über den Irak in den 1980ern(31) betrieben wie heute gegenüber Saudi-Arabien. Saddam wurde von der USA unterstützt, Qasim von ihr gestürzt

Jene im Westen, die die USA-Militärintervention gegen Irak 1991 und 2003 bejubelten (wie Enzensberger, Giordano und viele andere Ex-Linke), verdrängen das (1963 und die 1980er). Auf Youtube schrieb Einer (über Hussein): „Evil or not, he kept those animals over there in check. Now look.“ Nun ja, es sind ja Leute aus dem Baath-Regime, die sich mit anderen sunnitischen arabischen Irakern und ausländischen Freiwilligen dem IS und ähnlichen Gruppen dort angeschlossen haben, sie unterstützen. Welche salafistischen Gruppen Saudi-Arabien in Irak, Syrien,… wirklich unterstützt, sei dahin gestellt, die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien allein sagt schon genug aus. Der IS sieht die Islamische Republik Iran jedenfalls als eben so grossen Gegner wie die USA und manche ihrer Verbündeten.(32)

Die unter Bush junior regierenden Neocons haben sich inzwischen fast alle von ihrem Krieg distanziert. Und Trump hat gesagt, der Welt ginge es heute zu „100 Prozent besser“, wenn Saddam Hussein nicht gestürzt worden wären… Gegnerschaft zu dem Krieg, den USA und Verbündete (wie Saudi-Arabien) 03 gegen Irak führten, wurde als „antiamerikanisch“ und letztlich „antiisraelisch“, „antisemitisch“ gebrandmarkt; trifft auch für den Krieg 91 zu. Der Iran (bzw die Islamische Republik Iran) profitierte vom Krieg 03 und dem Machtwechsel im Irak, obwohl Bush, wie auch Trump jetzt, den Iran dann als Hauptgegner sah. Inwiefern die Politik der schiitisch dominierten irakischen Regierungen wie jener Malikis Iraker in die „Arme“ von Daesh/IS „trieb“, sei auch dahin gestellt. Aber, Alle machen sich die Diktatur im Iran zu Nutze, ignorieren jene Saudi-Arabiens. Jeder Kampf gegen Islamismus kapituliert vor Saudi-Arabien, scheitert daran.

Von Netanyahu über Missfelder bis Osten-Sacken, jene die sich als entschiedenste Kämpfer gegen Islamismus stilisieren, sind in der Regel Saudi-Unterstützer…und (damit) Islamismus-Verharmloser. Da wird über „die Lüge vom friedlichen Islam“ gewettert (der saudische ist sicher kein friedlicher), über Kulturrelativismus – und dann werden weltanschauliche Postulate aus opportunistischen Erwägungen aufgegeben. Gerne wird das mit dem „Wohl Israels“ argumentiert, wie bei Missfelder. Zum Einen wird immer wieder vorgegeben, dass alle „emanzipativen“ Bestrebungen in dieser Region im Sinne Israels seien, zum Anderen heisst es dann, das Wohl von Saudi-Arabien (der rückständigste Staat der Region was Freiheiten betrifft) sei im Sinne Israels. Und wenn sich Leute in der Region für Demokratie und Freiheiten erheben, wird das in der Regel als Bedrohung gesehen/dargestellt.  

Wie bei Ägypten. Mursi und die Moslembrüder die im Zuge der Revolution in Ägypten an die Macht kamen (durch eine Wahl), verkörpern aber viel weniger den islamischen Faschismus (von dem man öfters schreibt) als der Wahhabismus und andere Erscheinungsformen des Salafismus. Diesen, der in Saudi-Arabien bei Wahlen nicht eingeschränkt werden kann, hätschelt man. Als Mursi in Berlin war, wurde er auf Menschenrechte in Ägypten unter ihm „angesprochen“ – Mubarak musste sich nicht rechtfertigen, und die Sauds brauchen bei einer Merkel diesbezüglich auch keine Angst haben. Entsprechende doppelte Standards kann man bezüglich Rohani oder Erdogan ausmachen. Hinter westlichem „Menschenrechts-Engagement“ steckt in der Regel etwas Anderes und „westliche Werte“ sind verhandelbar.

Der britische Offizier Richard Kemp, an der Besatzung von Nordirland oder Irak beteiligt(33), Geheimdienst-Berater der britischen Regierung, christlicher Zionist und Israel-Lobbyist, verteidigt Saudi-Arabien bzw die westliche Zusammenarbeit mit ihm vor diesem seinen Hintergrund: „Wir schätzen ihr System nicht, aber sie haben Öl und sie helfen uns gegen Feinde“. Grigat oder jemand aus dieser Ecke (der „linken“ Israel-Freunde, im deutschsprachigen Raum): „Die öffentlichen Reaktionen im Karikaturenstreit und die juristische Praxis bei Ehrenmorden und Zwangsheiraten in Europa zeigen das Unvermögen und den Unwillen, Tendenzen der Barbarisierung entschieden entgegenzutreten.“ Da ist das Mokieren über „Dialog“ (mit Vertretern anderen Kulturen) und das Aufdeckungsgetue bezüglich der „Doppelzüngigkeit“ der Orientalen und der „medialen Herumdruckserei“.

Die vorgebliche Gegnerschaft/Bekämpfung von „islamischem Faschismus“ und „Kulturrelativismus“… Bei einer Veranstaltung von Stop drop the bomb“ ’07 (veranstaltet von „Cafe critique“ und IKG Wien) etwa, Grigat „Moderator“ einer „Podiumsdiskussion“ zum Thema „Wie kann der islamische Faschismus bekämpft werden?“. Auch um „Kulturrelativismus“ ging es dort; wobei das „westliche Kultur zur Norm machen“ in diesen Kreisen bald an Grenzen stösst. Gut, in diesem Kulturalismus sind Deutsche/Westler an sich aufgeklärt und von daher Anderen überlegen (das Gefühl der westlichen Überlegenheit und das damit verbundene Anspruchsdenken wird heute nicht mehr rassisch argumentiert); den “Nicht-Weissen” wird meist (theoretisch) “zugestanden”, dass sie dieses Stadium erreichen können wenn sie sich von „ihrer Kultur“ emanzipieren. Doch da gibt es Stolpersteine

Es wird ja nicht nur aus diesem Lager der Brückenbau in’s rechte versucht(34), sondern auch vice versa.(35) Bei den rechtskonservativen Kulturkämpfern (und auch unter linksliberalen gibt es solche…) sieht man aber auch Penis-Beschneidung und Schächten als orientalische Unsitten. Zu Zeiten der Kurz-Strache-Regierung wurde über ein Verbot des Schächtens diskutiert, Kanzleramtsminister Blümel (Kurz‘ „rechte Hand“) beruhigte schnell, redete von „jüdisch-christlichen Wurzeln“, „jüdischen Mitbürgern“, „verteidigen“,… Die Kurz-ÖVP ist ja sauber, genau wie die Strache-FPÖ.

Doch, was SIND unsere „Standards“, „Normen“,…? Das was die Einen hochhalten, ist für die Anderen die „grosse Verschwulung“, siehe Broder(36), Fest, Pirincci, Matussek,… Ökologie-Bewusstsein etwa? Man muss sich nur die Thunberg-Hasser ansehen. Es gibt auch innerhalb des rechten politischen Spektrums eine Dichothomie, jene zwischen Orban/FIDESZ (und Ähnlichen) und dem Mainstream der Europäischen Volkspartei (bzw den Haltungen/Ansichten dieser). Bei „Dropthebomb“ wurden anfangs Homosexuelle unter Iranern und „Orientalen“ übergross herausgestrichen (und dass man sich für diese engagieren würde), weil man noch keine „Verbündeten“ unter (Exil-) Iranern hatte. Später (nun hatte man die Mujahedin-e Kalq, einige Monarchisten, Nationalisten, Kurden,…) wurde das dann etwas unter den Tisch gekehrt, auch weil manche dieser „iranischen Verbündeten“ nicht sehr glücklich waren damit…

Bezüglich Saudi-Arabien spielt so etwas gar keine Rolle. Saudi-Araber, die sich kritisch mit dem Islam und dem Regime ihres Landes auseinandersetzen, treten in solchen Kreisen nicht auf, das verlangt man auch nicht von ihnen. Saudi-Arabien ist ja nun nicht nur ein Verbündeter des Westens, sondern auch Israels. Darüber versucht man sich (bei „Drop“ zB) hinweg zu schwindeln. Iranische Kurden präsentiert man dort auch stolz als „Verbündete“, die iranischen Belutschen von der Jundullah die (von Israel,…) auch unterstützt werden, eher nicht. Es gibt bei „Dropthebomb“ Jene, die sagen, dass die Iraner für „ihr“ Regime verantwortlich seien und nicht anders als dieses seien (Morris, Schirra,…) und Jene (seit 09, Ostensacken, Grigat,…) die sagen dass die/viele Iraner für „ihre Befreiung“ seien. Beides wurde/wird angeführt für einen Krieg gegen Iran.

Man beachte auch weitere Widersprüche dort. Zum Einen Grigat und was er über das angebliche Hochhalten von Universalismus sagt, etwa wenn er Frauenrechte im Iran anführt für seine Kampagne. Und zum Anderen Ariel Muzicant (wie gesagt, die IKG Wien unterstützt „Stopthebomb“) und was er über „Orientale“ sagt; einige seiner Aussagen hier. Zum Beispiel: „Sensibel kann man vorgehen, wenn man in Mitteleuropa lebt. Im Nahen Osten wird ein sensibles Vorgehen als Schwäche ausgelegt“ – dort sind andere Massstäbe anzulegen. Oder, zu einem Interviewer: „Sie und andere Träumer gehen immer davon aus, dass man mitteleuropäische Konzepte auf den Nahen Osten übertragen kann“. Zum Arabischen Frühling: „Normalerweise führen Demokratien zu weniger Kriegen, aber bei dem, was wir jetzt sehen, sind wir von Demokratie noch Lichtjahre entfernt“.

Es gibt eine lange Geschichte der westlichen Unterstützung für Diktaturen, inner- und ausserhalb der „islamischen Welt“, gegen Demokraten. „Zuverlässige“ Diktaturen installieren oder aufrecht erhalten (wie jene Mubaraks, der Muzicant in einem der oben angerissenen Interviews nachtrauerte), entspricht eher den Realitäten als das Gerede von „Demokratie und Menschenrechten“, die man verbreiten möchte. Dann wird auch wieder “der Westen” geschlossen gegen “den Orient” in Stellung gebracht, gegenüber gestellt. Bei einer Veranstaltung von Stopthebomb/den „Anti“deutschen/ den Israel-Freunden in Wien 2003 („Remember Ground Zero“) hat Simone D. Hartmann, Grigats Partnerin in mehrfacher Hinsicht, u.a. gesagt: „…wird die Diskrepanz zwischen jenen, die trotz aller Widrigkeiten das Leben hochhalten, und jenen, die allein im Tod die Erfüllung finden, nur noch deutlicher.“ Es geht dabei um Israel (bzw Juden) und seine palästinensischen „Nachbarn“ (Unterworfenen), bzw Moslems.(37)

Das Anlegen universeller Standards für Palästina/Israel wird ohnehin als „Antisemitismus“ ausgelegt, das hat sich auch kürzlich beim „Shitstorm“ gegen Achille Mbembe gezeigt. „Humanitärer Interventionismus“ fängt nach der westlichen Unterstützung für Saddam Hussein an und hört vor Abu Ghraib auf. Aber: Wenn es darum geht, eine westliche Militärintervention in Syrien zu erreichen, zählen auch jene Syrer die Opfer eines Giftgasangriffs geworden sein sollen, und wie. Zurück zu Saudi-Arabien: Der US-amerikanische Politiker Thomas „Tom“ Tancredo (Republican Party), er hat sich ’08 für die Präsidentschaftskandidatur seiner Partei beworben, hat „Amerika“ beschworen, nicht der „Verführung des Multikulturalismus“ zu erliegen und bezeichnete den Islam als „Zivilisation darauf erpicht, unsere zu zerstören“.(38)

2005 hat Tancredo vorgeschlagen, auf künftige terroristische Angriffe mit Bombenangriffen auf Mekka zu reagieren, auch mit Atombomben. McCain, gegen den er 08 die Nominierung verlor, hat lieber „Bomb, bomb Iran“ gesungen und gedroht. Bezüglich „Multikulturalismus“ ist Saudi-Arabien ja nun ganz und gar nicht „verführt“ worden. Hinzuweisen ist noch auf die Formulierung „unsere Zivilisation“, was ja die Frage der Abgrenzung aufwirft > wer genau sind die Anderen und was Alles gilt nicht für sie? Jedenfalls, die Verbindung der USA mit Saudi-Arabien steht ausser Frage, welcher US-amerikanische Spitzenpolitiker wagt es, daran zu zweifeln? Trump redet vom Bekämpfen des Islam(ismu)s, und fördert KSA massiv. Aus diesem Artikel: Es heisst, Trump hat ein Foto von Afghanistan in den 70ern zu Gesicht bekommen, mit Frauen in Miniröcken, und danach beschlossen, das USA-Militär dort stärker „zu unterstützen“. Abgesehen von den Gedanken, die jemandem wie ihm beim Anblick leicht bekleideter Frauen durch den Kopf gehen müssen:

Es war die Politik der USA gewesen, fortschrittliche Entwicklungen in Afghanistan (wie Erhöhung des Mindestalters von Frauen bei Heiraten) abzuwürgen, in dem man die islamistischen Mujahedin gegen die Kommunisten unterstützte… Und Saudi-Arabien, damals am begeistertsten und tatkräftigsten beim Rückschritt in Afghanistan beteiligt, ist auch jetzt (noch) wichtigster Verbündeter der USA in der Region. In den 1980ern war in der saudi-arabischen Unterstützung der Islamisten in Afghanistan gegen die Kommunisten noch kein Widerspruch zur westlichen Politik, zog man offen an einem Strang. Die Regierung von George Bush junior rechtfertigte den Krieg gegen Afghanistan dann auch als Befreiung der Musliminnen, die Regierung der sein Vater George Bush senior als Vizepräsident angehörte, hatte die Unterstützung dieser Islamisten als „Befreiung der Afghanen“ deklariert.

Einerseits sind Saudi-Araber und ihre Kultur die Personifizierungen der von Islamophoben verachteten arabischen Kultur(39), Archetypus des rückständigen Orientalen, andererseits sind diese ihre Verbündeten in der Region. Daran ändert, in Zeiten des islamistischen Terrors, auch nichts, dass Saudi-Arabien zumindest den theoretischen Unterbau dafür verbreitet. Manche sind, aus unterschiedlichen Gründen, über diesen Fanatismus und Rückständigkeit auch froh…(40) Saudi-Arabien, der ewige problematische Verbündete des Westens, der USA. Hillary Clinton fädelte als Aussenministerin (09-13) den grössten Waffen-Deal in der Geschichte ein, über 80 Milliarden Dollar. Diese Waffen werden mittlerweile in verschiedenen Gegenden der Region eingesetzt. Damit die Kritik auch nicht zu stark ausfällt, „investiert“ das Saudi-Regime einen Teil seines Budgets in US-amerikanische Medien.

Islamisten wie Islamophobe sind gegen eine (echte) Demokratisierung der Region Westasien-Nordafrika, Demokratie wird von ihnen als Gefahr angesehen. Noam Chomsky: „Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern. Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‚Bedrohung‘ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten“. Eben, der Westen setzte oft auf rückständige Moslems gegen fortschrittliche, etwa in Afghanistan in den 1980ern, wo man ruralen tribal geprägten „Traditionalisten“ zum Sieg über die urbane Intelligenz verholfen hat. Wenn man sich Ägypten ansieht: Die Phase von der nominellen Unabhängigkeit 1922 bis zur Revolution 1952 war gekennzeichnet von einem „Macht-Dreieck“ zwischen dem Königshaus, den Briten und der Wafd-Partei (die wichtigste Partei, stellte mehrere Premiers).

Die Wahlen dieser Zeit waren relativ frei und fair (Moslembrüder sowie Linke waren gebannt), aber sie brachten wenig Macht für Regierungen und Parlamente. Jemand hat gesagt, Gamal A. Nassers Geringschätzung von Parteien ist nicht so sonderbar angesichts der ägyptischen Erfahrung in dieser semi-unabhängigen und semi-demokratischen Phase. Später hat man dann mit aller Macht Hosni Mubarak und sein Regime an der Macht zu halten versucht. Wie soll in dieser Region Demokratie eingeführt werden, nach einer Erfahrung wie dem Umgang mit den Wahlen von 2011/12 (mit Siegen für die Moslembrüder), die zu einem Putsch und einer schärferen Diktatur führte? Dieser Putsch wurde u.a. von Saudi-Arabien ermöglicht. Und die Bekämpfung von Terrorismus…

Beim Gipfeltreffen der Arabischen Liga 2014 (nach dem Sisi-Putsch) haben Vertreter des Regimes über Ägypten die anderen Staaten um Unterstützung „im Kampf gegen den Terrorismus“ gebeten. Zuvor waren dort im Zuge eines Massenprozesses 529 Anhänger der Moslembruderschaft zum Tode verurteilt worden waren, grösstenteils unter dem Terrorismus-Vorwurf. Ägypten war auch einer der Staaten, der sich dagegen wehrte, dass der Sitz Syriens der syrischen Exilregierung zugebilligt. Nun ja, dort sind auch Demokraten vertreten, nicht nur der Nusra-Front Nahestehende. 

Die Unterstützung Saudi-Arabiens reiht sich ein in die Politik des Westens (insbesondere der USA) in dieser Region, und in seine Doppelzüngigkeit bezüglich der Verbreitung von Demokratie. Steht in einer Linie mit der europäischen Unterwerfung der Welt in der Neuzeit, den Weltkriegen, Faschismus, der Unterstützung des Franco-Regimes nach dem 2. WK, des Regimes von Mobutu in „Zaire“, Pinochet,… Die nicht-weisse/-westliche Welt müsse zuerst die Aufklärung nachholen, auf eine Stufe mit dem Westen kommen, heisst es. Patrice Lumumba etwa hat aber Jean-Jacques Rousseau und „Voltaire“ gelesen – dass man die Ideale der Aufklärung „solchen wie ihm“ nicht zugebilligt hat, das war hier der „Punkt“. Bei Mohammed Mossadegh im Iran oder Babrak Karmal in Afghanistan, wo es nicht nur nicht um die Beförderung islamistischer Agenden ging, sondern sogar gegen diese, wurde die Gegenseite unterstützt.

Nicolas Sarkozy, der sich als so kämpferisch gegen Islamismus gibt, hofierte als Präsident die nordafrikanischen Diktatoren Mubarak, Gaddaffi, Ben Ali. Nach Ausbruch des Aufstands in Libyen 2011 initiierte er den westlichen Militäreinsatz dort – auf Seiten der Gaddaffi-Gegner…(41) Die SU-Nachfolgestaaten Aserbeidschan und Usbekistan sind zwei weitere islamische Staaten, in denen der Westen das Regime gewähren lässt, aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen. Eine Diktatur ist „dem Westen“ egal, solange sie nicht gewisse Interessen berührt, er hat selbst oft genug eine solche errichtet. Und umgekehrt, eine Demokratie wird bekämpft, wenn sie wirtschaftliche oder strategische Interessen berührt.

Auch Pakistan ist ein Alliierter der USA. Wenn man so will, gibt es hier ein Dreieck mit Saudi-Arabien, das zu beiden Staaten enge Beziehungen hat. In den 1980ern hat man ja bezüglich Afghanistan zusammengearbeitet. Als Muhammad Zia-ul-Haq Herrscher Pakistans war, nach dem Militär-Putsch gegen Zulfikar Bhutto 1977. Bhutto, der Vater von Benazir, war 71-73 Staatspräsident, dann Ministerpräsident. Obwohl er eher ein Liberaler war, bezüglich Afghanistan begann unter ihm die Unterstützung dortiger Islamisten, gegen die Republik, wegen (möglicher) afghanischer Gebietsansprüche auf den Westen Pakistans.(42) Zia blieb Herrscher bis 88, arbeitete mit der Reagan-Administration zusammen, bei der Unterstützung von Islamisten gegen Afghanistan. Unter Reagan wurde Pakistan unter Zia zur „Frontlinie“ im Kampf gegen die „Bedrohung des Kommunismus“ erklärt.

Pakistans Militärdiktator Zia-ul-Haq hat dem ultrakonservativen saudischen Islam auch in “seinem” Land Tür und Tor geöffnet. Damals wie heute mächtig war der Geheimdienst ISI (Urdu: بین الخدماتی استخبارات‎); dieser unterstützte später die Taliban, gründete Lashkar-e Toiba,… Der gestürzte Militärdiktator Musharraf verteidigte Lashkar-e Toiba von seinem Exil in VAE aus weiter, er ist gleichzeitig pro-USA. Die enge Beziehung zwischen Pakistan und Saudi-Arabien ist in den letzten Monaten etwas „abgekühlt“, weil man in Islamabad der Meinung ist, dass Riad sich zu wenig für die moslemische Bevölkerung in Kaschmir (bzw gegen Indien) einsetzt, siehe hier

Nun zu den beiden Theokratien Iran und Saudi-Arabien, und den Umgang mit ihnen. Und der Beziehung dieser Länder zu einander in modernen Zeiten. In den 1920ern, als Reza Khan die Pahlavi-Dynastie gründete und sich zum Schah machte (anstatt des letzten Kadscharen, Ahmad), den modernen Iran schuf, war Abdulaziz al Saud (Ibn Saud) dabei, auf der Arabischen Halbinsel Saudi-Arabien zu schaffen. Ibn Saud, damals Sultan von Najd, beglückwünschte Schah Reza Pahlevi 1925 und versprach, persische Pilger im Hejaz zu schützen. Bereits im Jahr 1926 kam es jedoch zu einem Zwischenfall, bei dem Truppen der Ichwān schiitische Pilger in Mekka angriffen, die gerade ein Aschura-Ritual abhielten. Persien sandte ein Protestschreiben mit einer scharfen Verurteilung des Wahhabismus. Beide Länder bekamen Grossbritannien, dann die USA als „Vormund“. Der Iran und Saudi-Arabien standen im Kalten Krieg auf der selben Seite, bis zur Revolution im Iran 1979.

Anfang des 3. Jahrtausends verschlechterte sich das Verhältnis erneut, besonders seit dem „MBS“ de facto Saudi-Arabien regiert. Das Meiste was im Iran infolge der „Islamischen Revolution“ über das Land kam, war/ist in Saudi-Arabien selbstverständlich, zT noch viel Strengeres. Saudi-Arabien ragt auch in seiner unmittelbaren Region negativ heraus. In den Staaten am Arabisch-Persischen Golf (Ost-Arabien) gibt es zT Baha’i und Christen, in der Regel mehr Freiheiten für die Bevölkerung. Gerade UAE ist relativ fortschrittlich. Jemen in Süd-Arabien hat eine alte Kultur, aber keinen inneren Frieden, auch weil Saudi-Arabien dort immer wieder interveniert, zur Zeit auch der Iran.

contradictionary: „Die grüne Bewegung bleibt … Ausdruck, welche Hoffnung viele IranerInnen nach wie vor in systemkonforme Kandidaten setzen. Das die Wahlen manipuliert wurden – ob wahlentscheidend oder nicht – ist ebenfalls ein Indiz dafür, dass selbst innerhalb der eng abgesteckten Parametern ‚islam-republikanischer Demokratie‘ etwas zur Wahl steht, wenn die IranerInnen alle vier Jahre ihren Präsidenten mitbestimmen und (jeweils zwei Jahre später) das Parlament bestellen.“ Die Drohung eines Angriffs zwingt viele Oppositionelle zu einem gewissen Schulterschluss mit dem Regime. Hoder schrieb über die Querfront aus Hardlinern in Teheran und Washington gegen Ro(u)hani, das Atomabkommen, gegenseitige Verständigung – und lässt dabei Saudi-Arabien, Israel oder die „Anti“deutschen aus (siehe oben).

„Rouhani ran a successful campaign in 2013 against Iran’s hardliners [Vor Allem Ghalibaf] with an ambitious platform of saving the economy (through reaching a deal with the Western power over its nuclear programme) and ending the police state (by keeping social media unblocked) — both caused by Ahmadinejad and his hardline allies.
Before he began running for a second term, he had already delivered both. Despite very serious challenges by hardliners, with backing from the Supreme Leader, he reached the best possible deal with the six world powers and managed to lift crippling UN and EU sanctions which had started to pose an existential threat to the regime. He also succeeded in keeping hardliners from blocking the emerging social media of the time, i.e. Instagram and Telegram.“

Zur Wiederwahl Rohanis 2017 gegen Raisi: „They threw everything they had behind Raisi. From their huge influence in clerical establishment, state media, and the Revolutionary Guards’ quasi-private cultural empire they had built under Ahmadinejad’s corrupted rule. …
Trump had already shocked everyone around the world, including the Iranian establishment. Hardliners, though, visibly welcomed his victory because they knew how Trump hated the deal and implicitly hoped he would kill it — something they failed to do due to the strong practical (not so much rhetorical) support of the Supreme Leader.
It was not an accident that some US hawks, such as Elliot Abrams, explicitly wished for Rounahi’s rival to win. Their goal of regime-change in Iran could never be achieved while moderates were in power. 
American hawks have found a golden opportunity to undermine the nuclear deal and the moderates without much effort, both of which are big hurdles for their ultimate project of regime-change.
After his victory, hardliners quickly began to embarrass Rouhani before a crucial part of his base: women. They lobbied the clerical establishment against appointment of women as cabinet ministers. They forced Rouhani to move his reformist vice-president for women’s affairs, Shahindokht Molaverdi, out of that position. They also blocked his plans to allow women in football stadiums, as well as a fresh clamp-down on young women’s dress-code in big cities and stopping female musicians to perform on stage alongside men.
The tacit alliance of US hawks and Iran hardliners reached a climax earlier in October when Trump officially announced his policy of regime-change in Iran.“ Derartiges gab es auch bei Ahmadinejads Antreten bei den Wahlen 05 und 09, als Viele in Israel bzw dessen Unterstützer auf einen Sieg des Hardliners hofften, siehe hier.(42)

Saudi-Arabien will nun mit der zivilen Nutzung von Atomkraft beginnen, wie auch der Iran. Prinz Faisal soll ausserdem gesagt haben, dass die Saudis gezwungen wären, die Atombombe zu bauen, falls die Iraner eine hätten. Wie wird man (im Westen) damit umgehen? Und was genau verlangt man von Iran diesbezüglich? Beendigung jeder Nuklearaktivität? Totale Abrüstung? De-Industrialisierung? Und darüber hinaus? Menschenrechte wie in Saudi-Arabien, das ja vom Westen auf Händen getragen wird? Die meisten Iraner sind gegen „ihr“ Regime – im Fall der Saudi-Araber wird so etwas (vom Westen) gar nicht erwartet, würde auch nicht unterstützt werden, obwohl dieses Regime eigentlich noch viel reaktionärer ist. Der Iran verdient ein anderes „Regime“(44), und Saudi-Arabien? Eine Führungsrolle des Landes in der islamischen Welt oder eine starke Stellung des Islams im Land (als Teil nationaler Identität) wird von der saudi-arabischen Bevölkerung, auch vielen Dissidenten, kaum angefochten.

Die Rolle des Islams im Iran ist eine andere, nicht nur weil sich eine andere islamische Richtung (die schiitische) durchgesetzt hat, es gibt teilweise eklatante Diskrepanzen zwischen dem was das Regime (die Mullahs) vorgibt und was die Bevölkerung lebt. Dieser Artikel ist diesbezüglich hilfreich. Das eigentliche Arabien war vor dem Islam in mehrerer Hinsicht arm(45), während Persien oder Ägypten ein reiches vorislamisches Erbe haben. Araber herrschten nach der Verbreitung des Islams über Völker, die ihnen überlegen waren. Perser übten nach ihrer Eingliederung ins Arabisch-Islamische Reich unter den Kalifen Widerstand wie auch Anpassung aus, gaben den Islam auch an Andere weiter (v.a. den Türken), formten ihn gewissermaßen um. 

Persien/Iran lebte zwischen Sasaniden und Safawiden fast 1000 Jahre unter Fremdherrschaften, wenngleich die Buyiden aber etwa Perser gewesen sein dürften, wenn auch unter ihnen kein unabhängiges Persien entstand.(46) Das was Saudi-Arabien wurde, das Land das den Islam hervor brachte, geriet ab den Omayaden im Kalifat in eine Randlage. Omayaden wie Abbasiden waren aber noch „echte Araber“, stammten von der Halbinsel. Mit dem Bedeutungsverlusts des Kalifats bzw der Zentralgewalt in dem Reich im Hoch-Mittelalter endete die arabische Herrschaft über Arabien sowie über die anderen islamisierten Gebiete. Allerdings begann in dieser Zeit die regionale Herrschaft einheimischer Fürsten über Teile der Halbinsel, unter der (teilweise nur „theoretischen“) Oberherrschaft hauptsächlich von Fatimiden, Ayyubiden, Mameluken und Osmanen.

Die Haschemiten herrschten ab dem Spät-Mittelalter regional, die Sauds ab der frühen Neuzeit. Nach dem 1. Weltkrieg brachten die Sauds den grössten Teil der Halbinsel unter ihre Kontrolle, wollten ja ausserdem zB noch Kuwait. Iran hat nicht zu sich gefunden mit der Mullah-Herrschaft und Verschiedenes zeigt klar, dass die Feindschaft gegenüber dem Iran im aktuellen Kontext (nicht zuletzt von Saudi-Arabien) über jene zum Mullah-Regime hinausgeht. Wobei Saudi-Arabien ohnehin der letzte Staat wäre, der das Recht hätte, ein (anderes) islamistisches Regime zu „tadeln“. al Qaida wie auch IS (wie auch Saudi-Arabien) haben den Iran und Schiiten generell zu Feinden erklärt, Iraner zu Feinden der Araber, und den (Post-Saddam-) Irak zur Kampfzone mit dem Iran. Dessen de-facto-Herrscher, Kronprinz Mohammed bin Salman al Saud, hat Irans Rahbar (Staatschef) Ali Khamenei in die Nähe von Adolf Hitler gerückt („Hitler versuchte, Europa zu erobern, Khamenei dagegen versucht, die Welt zu erobern.“); das könnte auch von Netanyahu gewesen sein.(47)

Zur „New York Times“ sagte „MbS“ ausserdem, dass sein Land nicht wolle, „dass der neue Hitler im Iran [Khamenei] im Nahen Osten wiederholt, was in Europa passiert ist“. Was sich hinter der Feindschaft ggü der Islamischen Republik Iran versteckt, zeigt sich, wie gesagt, hin und wieder. Scheich Abdul-Aziz al-Sheich (Shaik), Grossmufti Saudi-Arabiens, sagte 2016, dass die Iraner bzw die Führer des Irans Abkömmlinge von Zarathustriern seien und keine Moslems. Es sollte nicht verschwiegen werden, dass Khamenei davor Araber des Tötens von Moslems beschuldigte. Und auch nicht, wofür Scheich sonst so steht. Aus dem Wikipedia-Artikel: In einer Fatwa im Jahre 2000 verbot er in Saudi-Arabien Barbiepuppen, da diese eine Hetze gegen den Schleier darstellten, und verbot gleichzeitig Pokémonspielkarten, da diese zum Glücksspiel verleiten würden. Er empfahl auch allen Muslimen weltweit, sich nicht an Aprilscherzen zu beteiligen, da diese eine Sünde seien, da Muslime auch aus Spaß nicht lügen sollen.

Jim Lobe schrieb zu Recht, Iraner mit der Religion Zarathustras in Zusammenhang zu bringen, ist eigentlich ein Kompliment. Es gibt ein Wieder-Aufleben (Revival) des Zoroastrismus unter Iranern… Als Alternative zum Islam, der eben durch die Mullah-Herrschaft für Viele diskreditiert ist. Und aus einer Wiederaneignung dieser Religion als der ursprünglichen des Landes, im Gegensatz zum arabischen Islam. Aus welchen Gründen auch immer hat sich der Zoroastrismus diesbezüglich anscheinend klar gegen die Baha’i-Religion durchgesetzt. Der Faravahar, das geflügelte Symbol der Zoroastrier, ist zu einer Art Nationalsymbol geworden und wird als Schmuckanhänger auch von (nominellen) Muslimen getragen. Kein Zweifel, es gibt unter Iranern (jenen im Land und jenen im Exil) eine starke und deutliche Gegnerschaft zu der vom Regime vorgegebenen Auslegung des Islams. Ob es diese in Saudi-Arabien gibt, ist fraglich; sicher gibt es die Haltung wie von Otaibi und Bin Laden, die einen noch restriktiveren Islam wollen. Und: Dass dieses Regime schon grosse Probleme damit hat, den schiitischen Islam zu akzeptieren (diesen tendenziell als „häretisch“ ansieht), ob im eigenen Land oder im Irak, ist Ausdruck der selben Haltung aus der heraus Nicht-Moslems in dem Land keine Rechte eingeräumt werden.

Ob sich Iraner in den Augen von Islamophoben „exkulpieren“ können, wenn sie sich vom Islam abwenden? Jene (im Westen), die sich immer so um nicht-moslemische Minderheiten im „islamischen“ Raum engagiert zeigen, liegen dann mit Jenen im Bett, die islamische Dominanz über Reste vor-islamischer Religionsgruppen in der Region propagieren… Und dass hinter Islamophobie oft Abneigung gegenüber „orientalischen“ Kulturen/Ethnien (und deren Anliegen) generell steht, zeigt sich zB beim Umgang mit christlichen Palästinensern wie Azmi Bishara. Jene die sich in Deutschland gerne als fortschrittlich/antifaschistisch/um Menschenrechte bemüht zu profilieren bemühen, können mittlerweile auch die Unterstützung für Saudi-Arabien und jene Israels unter einen Hut bringen.

Dennoch, heute ist es gang und gäbe, Solidarität mit der iranischen Bevölkerung vorzugeben und gewisse Iraner gegen Interessen ihres Landes (und der Region) anzuführen. Und manche von ihnen wirken auch direkt mit in entsprechenden Kampagnen. Die Redner auf der Veranstaltung der (iranischen) Volksmujahedin ’17 wurden oben erwähnt – Neokonservative, Israel-Lobbyisten, Saudis. Die Beherrschung Afrikas im Neokolonialismus durch den Westen konnte nur funktionieren durch Afrikaner als Verbündete, wie Mobutu, Savimbi, Botha.(48) Die Tlaxcalteken verbündeten sich mit den Spaniern gegen die Azteken, verloren aber auch im Endeffekt (bzw, wurden genau so wenig geschätzt).

Es werden gewisse Iraner geschätzt in Kreisen jener, die einen Krieg, harte Sanktionen,… gegen den Iran wollen. Und diese haben sich an jene Grenzen zu halten, die ihnen zugewiesen werden.(49) Und werden dann möglicherweise doch mit Jenen in einen Topf geworfen, gegen die man sie ausspielen wollte. Wie man zB bei Maryam Namazie sieht (siehe). Und: Sind die Exil-Iraner, derer man sich bedient, ausgenommen davon „Ziegenficker“ zu sein, zu der von Sarrazin oder Broder definierten Problemgruppe zu gehören, vom Rassismus von Gruppen wie der JDL? Man ist auch an Strache und die Serben erinnert (siehe). A propos, der versucht(e) ja auch, sich mit der „Behandlung“ von „islamischem Antisemitismus“ zu profilieren, auch dafür sind Iraner ja per se Kandidaten.(50)

Ausgrenzung/Abkanzelung oder aber Aneignung/Instrumentalisierung, das kann nahe bei einander liegen. Edles Opfer für das man sich einsetzt (was die edle Gesinnung von Einem zeigt) oder aber unerwünschte Problemgruppe. Rupert Neudeck, seine Frau und Weitere begannen in den 1970ern damit, mit dem Schiff „Cap Anamur“ Bootsflüchtlinge aus (dem nun vereinten, kommunistischen) Vietnam im Südchinesischen Meer zu retten und nach (West-) Deutschland zu bringen. Sie bekamen dafür Hass-Briefe, weil sie „Kanaken“ nach Deutschland gebracht hätten… Das waren jene Süd-Vietnamesen, für die ja angeblich der Krieg der USA geführt wurde, die ja nun Opfer des kommunistischen Vietnams waren, die auch die Kalten Krieger in der BRD immer wieder anführten. 

Die exil-iranischen Volksmujahedin (MEK) werden von USA, Saudi-Arabien und Israel gegen die Islamische Republik Iran „verwendet“, aber auch gegen Interessen des Irans an sich. Die Relativität der Kategorisierung als „Terrorgruppe“ zeigt sich hier besonders, denn als solche wurden die Mujahedin vom Westen lange Zeit gesehen/behandelt. Sogar John Lewis, Abgeordneter aus Georgia, Kämpfer für Bürgerrechte für Afro-Amerikaner, wurde dazu gebracht, sich für die MEK auszusprechen. Und Howard Dean (ebenfalls DP) aus Vermont, für US-amerikanische Verhältnisse ein Liberaler, hat angeregt, dass MEK-Führerin Maryam Rajavi als Exilpräsidentin des Irans anerkannt wird. Es geht um einen Krieg gegen den Iran. Die Volksmujahedin haben einst gegen Israel und USA gekämpft, für Ruhollah Khomeini und dann gegen Saddam Hussein. Der Irak-Krieg 03 mit dem Sturz Saddams war nicht nur Vorbild für einen Iran-Krieg, er hat die MEK auch heimatlos gemacht… Aber sie haben ja neue Meister gefunden. Mit Saddam haben sie einst gegen Iran gekämpft, jetzt bieten sie diesen Dienst Anderen an.(51)

MEK-Führer Massud Rajavi 1986 bei Saddam Hussein

„Newt“ Gingrich („die Palästinenser sind ein erfundenes Volk“) pries MEK-Führerin Rajavi (auf der Veranstaltung in Paris) in dem er sie mit George Washington verglich. Er hatte einst Barack Obama dafür kritisiert, sich vor dem saudischen König zu verbeugen, inzwischen macht er das selbst. USA, Israel und Saudi-Arabien unterstützen daneben die wahabitische und separatistische Jundullah (siehe oben), Manches daran erinnert an die afghanischen Mujahedin… Tja, die Agenden der Mujahedin-e Kalq (MEK), der Jundullah, der ebenfalls separatistischen kurdischen PJAK, und der iranischen Monarchisten und Nationalisten, die in den entsprechenden Kampagnen mitwirken, sind gar nicht so leicht unter einen Hut zu bringen.(52) Aber Hauptsache, die Iraner werden gegeneinander ausgespielt.(53)

Jene im Baltikum, die sich im 2. WK mit Hitler-Deutschland gegen die Stalin-Sowjetunion verbündeten, wussten nicht, dass die Nazis ihre Region insgeheim an diese abgetreten hatten. Auch jene OUN-Aktivisten, die glaubten, dass mit der Wehrmacht eine unabhängige Ukraine kommen würde, wurden eines Besseren belehrt. Manche Exil-Iraner haben sich ihr Unbehagen schöngeredet. Der Unterschied in den Reaktionen auf die Ermordungen der Journalisten Sahra Kazemi-Ahmadabadi (Iran/Canada; bei einem Iran-Besuch) und Jamal Khashoggi (Saudi-Arabien; im Konsulat seines Landes in der Türkei)…(53) Auch Gruppen die die Abspaltung der Provinz Khusestan vom Iran anstreben, aufgrund dessen teilweise arabischer Bevölkerung, werden unterstützt.

Einerseits heisst es, es “gibt schon genug arabische Staaten” (mit denen sie ja nichts anfangen könnten…), andererseits unterstützt man Gruppen, die einen weiteren gründen wollen. Die Araber brauchen doch nicht noch einen weiteren Schotterhaufen, oder?(55) Was sagt da der Osten-Sacken aus Deutschland dazu? Der die Kurden den Arabern so positiv gegenüberstellt. In seinem Kampagnen-Buch „Verratene Freiheit“ (mit Feuerherdt, Broder, Kunstreich, Naghibzadeh,…) klagte er ausserdem über die Politik des Westens gegenüber dem Iran, angesichts des Aufstands dort 2009; versucht darin, diesen zu vereinnahmen und setzt seinen „Befund“ „die meisten Iraner wollen Demokratie“ als Argument für einen Krieg ein. 

Leute wie er haben mit Saudi-Arabien kein Problem und sein „Engagement“ für Kurden bezeugt, dass dieser immer wieder Objekt der Grossmächte werden.(56) Und ein weiterer arabischer Staat („al Ahvaz“ im iranischen Khusistan)? Wenn es der „Stabilität in der Region“ dient… Denken muss man hier auch an den israelischen Spitzenpolitiker Naftali Bennett und Aussagen von ihm wie: „Ich habe in meinem Leben schon viele Araber getötet, das ist gar kein Problem.“(57) Der Linken-Politiker Jürgen Klute, 2009 – 2014 im Europäischen Parlament, Pfarrer: „Ahwazi kämpfen um ihre Rechte…Ahwazi-Bewegung demonstriet vor dem Europäischen Parlament in Brüssel und fordert Freilassung von in Dänemark und den Niederlanden inhaftieren Aktivisten…“(58) Dabei kann er sich nicht überraschend auf die Gesellschaft für bedrohte Völker berufen(59), die ja ihre Wurzel in der Unterstützung der Biafra-Sezession von Nigeria hat.(60)

Im September 2019 die Drohnen-Angriffe auf zwei „Schlüsselanlagen“ von Saudi Aramco in Saudi-Arabien (die Ölverarbeitung von Abqaiq und das Ölfeld von Churais), vermutlich aus Jemen, von der Huthi-Bürgerkriegspartei. Die USA-Regierung unter Trump und Andere machten sogleich den Iran dafür verantwortlich und drohten mit militärischer Vergeltung – ein „Iran-Krieg“ war wieder mal in greifbarer Nähe, und damit möglicherweise ein Dritter Weltkrieg.(61) Saudi-Arabiens de facto Machthaber will „den Iran stoppen“. Vor Kurzem (Nov. 20) die Ermordung des „Vaters des iranischen Atomprogramms“ (Netanyahu), Mohsen Fachrisadeh. Ebenfalls heuer die Ermordung von General Soleimani, der Angriff auf die Atomanlage in Natanz,… Das Dreieck Trump – Netanyahu – MBS. Trumps Aussenminister Pompeo war kurz vor dem Mordanschlag auf Fachrisadeh bei Netanyahu, soll ein Geheimtreffen mit dem saudischen De-facto-Herrscher Mohammed bin Salman al Saud vermittelt haben. Und Kushner wird in Saudi-Arabien und Katar erwartet.

13. 6. 2019

Im Jänner 2021 soll Donald Trump aus dem Weissen Haus in Washington ausziehen.(62) Moderate Mullahs wie Ro(u)hani sollen geschwächt werden mit diesen Anschlägen, diese wissen, „nur wenn Iran diese Demütigung wegsteckt, gibt es nach der Amtseinführung von Joe Biden eine Chance für die Rückkehr zum Atomvertrag und für die dringend nötigen Erleichterungen bei den Sanktionen“ (Martin Gehlen, „Zeit“). Wobei Einiges darauf hindeutet, dass Netanyahu auch in einer Biden-Regierung ihm genehme Leute haben wird. Rouhani wird im Sommer abtreten wenn der Iran einen neuen Staatspräsidenten wählt.

Zum Schluss etwas über die (stille, junge) Allianz Saudi-Arabiens mit Israel. Ein Bündnis, zu dem noch keiner der beiden recht stehen will. Und das eben noch inoffiziell ist, denn in jüngster Zeit haben die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain sowie Sudan Beziehungen mit Israel aufgenommen (Netanyahu: „neue Ära des Friedens“), aber noch nicht Saudi-Arabien. Die US-Regierung unter Trump war bei diesen diplomatischen Kontaktaufnahmen entscheidend involviert. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass das reaktionärste arabische Regime der wichtigste Verbündete Israels in der Region geworden ist. Siehe auch Caroline Glicks Ausführungen dazu. Es geht dabei natürlich um den gemeinsamen Feind Iran und die gemeinsame „Subversion“ gegen ihn.

Aber es gibt darüber hinaus Verbindendes zwischen den Regimen. Im Februar 2019 hat Kronprinz Mohammed (bin Salman) al Saud sogar Chinas Gefangenenlager für die (moslemischen) Uiguren in Sinkiang verteidigt, es gehe dabei um Terrorismus-Bekämpfung, nationale Sicherheit,… Darum (und natürlich um Stabilität in der Region) ging es auch, als ein 16-jähriges palästinensisches Mädchen (Ahed Tamimi) schwerbewaffnete israelische Soldaten mit der Hand geschlagen haben soll – jedenfalls wurde sie als Terroristin behandelt. Als Saudi-Arabien bzw sein Führer Mohammed al Saud einen seiner Bürger (ein Journalist und Dissident) in der Türkei töten liess, hatte Israel bzw seine NSO Group die (“Pegasus”-) Spyware geliefert, und zwei der Beamten, die al Saud für den Mord pro forma “degradierte”, waren involviert in proisraelische Öffentlichkeitsarbeit in Saudi-Arabien.

Netanyahu und Saud wären sich bezüglich dieses Künstlers sicher auch einig. Die Beiden sind sich auch irgendwie einig darin, dass Hitler in bzw aus der Region ist/war > Husseini, Khameini. Beide Staaten nehmen keine Flüchtlinge auf bzw behandeln sie ähnlich, erlauben ausländischen Arbeitern keine Integration. Beide wollen keine Demokratisierung in „der Region“. Der Arabische Frühling wurde dort nur mit Unbehagen gesehen…und bekämpft.(63) Israel und Saudi-Arabien mischen beide in Syrien mit, auf der selben (islamistischen) Seite. Diese gemeinsam unterstützen tun beide Staaten auch gegen Iran, die (grossteils von Pakistan aus agierende) Jundullah. Diese Gruppe verübte etwa 2019 einen Selbstmordanschlag (…) auf einen Bus mit iranischen Soldaten in der Provinz Sistan-Belutschistan, 27 wurden getötet.(64) Israel hätte jetzt einen Krieg begonnen (> Libanon/Gaza 2006, Libanon 1982,…). 

Saudi-Arabien, das 1973 einige Einheiten in den „Yom-Kippur-Krieg“ schickte (über Syrien) und danach den Ölboykott initiierte (siehe Teil I), hat Solidarität mit den Palästinensern aufgegeben.(65) 2002 sprachen sich die Arabische Liga unter Führung Saudi-Arabiens dafür aus, einen zionistischen Staat unter bestimmten Bedingungen anzuerkennen. Der Friedensplan der Arabischen Liga sah(66) die Anerkennung Israels vor, falls sich dieses aus den Gebieten zurückzieht, die es seit 1967 besetzt. In den palästinensischen dieser Gebiete (Westjordanland mit Ost-Jerusalem, Gaza-Streifen) sollte ein palästinensischer Staat entstehen, der Jawlan/Golan an Syrien zurückgegeben werden.(67) Weiters wird eine gerechte Lösung für die 1947-49 vertriebenen Palästinenser bzw ihre Nachfahren verlangt. Der Friedensplan der Arabischen Liga wurde auf deren Gipfeltreffen 2007 und 2017 abermals bestätigt bzw angeboten, wurde von Israel nicht angenommen.

Noch 2009, nach der israelischen Militäraktion gegen Gaza, hat der saudi-arabische König Abdullah Israel aufgefordert, das von ihm mit-initiierte arabische Friedensangebot anzunehmen. „Der arabische Vorschlag liegt nicht mehr lange auf dem Tisch“, sagte er während des Gipfeltreffens der Arabischen Liga in Kuwait. 2011 kritisierte die saudische Regierung die pro-israelische Haltung der USA und fordert eine Anerkennung eines palästinensischen Staates durch die UNO. Damals ging es Riad aber auch schon sehr darum, dass die palästinensische Hamas-Organisation eine „arabische Haltung“ einnimmt und sich nicht zu eng an Iran bindet. 2014 gab es in der Arabischen Liga auch noch grossteils Einigkeit ggü Israel/Palästina, etwa dass Israel bei Friedensverhandlungen mit den Palästinensern keine Ernsthaftigkeit erkennen lasse und dass die Anerkennung Israels als jüdischer Staat ausgeschlossen wird. Doch dann kam MbS.

Und Trump. Die US-Regierung unter Trump/Kushner liess 2018 die PLO-Vertretung in Washington schliessen, warf der Palästinensischen Autonomiebehörde vor, sich „Friedensgesprächen mit Israel“ zu verweigern. Die Palästinenserführung sieht die USA-Regierung nicht mehr als neutralen Vermittler in dem Konflikt an, seit Präsident Trump im Dezember 2017 einseitig Jerusalem/Quds als Israels Hauptstadt anerkannt hat. Ebenfalls 2018 tourte der saudische Kronprinz durch Teile der USA (nicht lange vor dem Mord an Khashoggi) und kritisierte bei mehreren Gelegenheiten die Palästinenser. Bei einem Treffen mit US-amerikanischen jüdischen Organisationen in New York etwa; die Palästinensische Autonomiebehörde unter Mahmoud Abbas würde Friedensangebote ausschlagen (darunter Trumps “Deal of the Century”), die palästinensische Führung seit Jahrzehnten Gelegenheiten zum Frieden auslassen. Die Palästinenser sollten die „Angebote“ annehmen und an den Verhandlungstisch zurückkehren, oder aufhören sich zu beklagen.

In einem Interview für das Magazin „The Atlantic“ sagte er damals: „Ich glaube, dass die Palästinenser und die Israelis ein Recht auf ihr eigenes Land haben“. 2020 attackierte auch Riads Botschafter in Washington, Prinz Bandar bin Sultan al Saud, in einem Interview die Palästinenser – was als Vorbereitung für die eigenen Bürger interpretiert wurde, die Beziehungen mit Israel allmählich offiziell zu machen. Als Netanyahu im Wahlkampf zu einer der beiden Wahlen 2019 ankündigte, im Falle eines Sieges das (mittlerweile von Palästinensern grossteils “gesäuberte”) Jordantal im besetzten Westjordanland zu annektieren, kam auch von KSA Kritik. Es ist nicht so leicht, beides unter einen Hut zu bringen, die Politik gegen die Region und die Bündnispolitik mit (anderen) reaktionären Mächten dort. Israel hat die Annexions-Pläne dann im Gegenzug für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten auf Eis gelegt, baut aber seine Siedlungen im Westjordanland aus.(68)

Ein saudischer wahhabitischer Machthaber, den die israelische Unterdrückung der Palästinenser kalt lässt, ist eigentlich keine Sensation. Mohammed al Saud (MbS) gibt sich moderat und dialogbereit, ist aber das Gegenteil, und da ist er seinem Partner Netanyahu ähnlich. Die saudisch-israelische Zusammenarbeit soll die IRI schwächen, erreicht aber eher das Gegenteil. Auch wenn die Islamische Republik Iran die Hamas unterstützt, sind die iranisch-palästinensischen Beziehungen nicht wirklich unkompliziert. Der letzte Schah arbeitete mit Israel zusammen, ähnlich wie heute die Herrscher Saudi-Arabiens. PLO-Chef Yassir Arafat besuchte den Iran nach der Revolution ’79, stellte sich dann aber im Krieg Iran-Irak (80-88) auf die Seite Saddam Husseins, eben so wie 90/91 (als dieser Kuwait besetzen liess), womit er es sich mit den Saudis verscherzte. Wie kompliziert hier die Fronten verlaufen, zeigt sich, wenn man einen speziellen Teil der iranischen (ausserparlamentarischen) Opposition heranzieht, die Pan-Iranistische Partei (Ḥezb-e Pān-Irānist).(69) Diese Partei (die einen pan-iranischen Nationalismus vertritt, wie der Name verrät) unter ihrem Gründer und Chef Pezeshkpour zerstritt sich mit dem Schah(-Regime) 1970/71 über die Anerkennung der Unabhängigkeit Bahrains (von GB), ein Land das die Partei als Teil des Irans reklamiert(e).

Die Pan-Iranistische Partei trifft sich mit ihrem Gegenpol, den regierenden Islamisten, bei der Ablehnung des Kommunismus (was nicht mehr so eine aktuelle Frage ist), darüber hinaus hat das Regime einen iranischen Nationalismus teilweise übernommen bzw adaptiert, wobei bei ihm der schiitische Islam nationale iranische Identität definiert. Die Pan-Iranistische Partei übernahm Ideen aus dem europäischen Faschismus, nichtsdestotrotz wird auch Zionismus und USA-Imperialismus positiv affirmiert, wohingegen (der früher von Nasser angeführte) Pan-Arabismus Todfeind ist. Die Haltung dieser Regimegegner zur Saudi-Israel-USA-Partnerschaft ist daher ziemlich „komplex“… Aber Partner der USrael-Saudi-Allianz unter Iranern sind ja hauptsächlich die MEK geworden (neben der salafistischen Jundullah,…). In seiner Peripherie-Strategie hat Israel seit den 1950ern Verbündete am Rande “der Region” bzw der “islamischen Welt” gesucht; ironischerweise wurde in den 2010er-Jahren Saudi-Arabien Israels wichtigster Verbündeter in der Region, die Macht im „Herzen“ der arabischen Welt. Die Peripherie-Strategie und der Yinon-Plan sind nicht dasselbe, überschneiden; gemäß Zweiterem soll Israel seine Umgebung schwächen durch eine Art Balkanisierung. Es gibt seit Herzl eine zionistische Realpolitik der Zusammenarbeit mit welchen Partnern auch immer, wie dem Südafrika zur Zeit der Apartheid.   

Israel geht gleichzeitig „Bündnisse“ ein mit türkischen Kemalisten und Kurden, mit iranischen Nationalisten und Separatisten,… Bei der Herzliya-„Konferenz“ (die jährliche Party für Israels „Sicherheits“-Establishment) 2017 rief die rechtsextreme Justizministerin Ayelet Shaked von der Bennett-Partei zur Gründung eines kurdischen Staates auf, dies wäre integral für Israels Bemühungen zu einer „Umgestaltung“ der Region. Genau, darum gehts. Für die (damals kemalistische) Türkei Öcalan in Kenya fangen, oder der Türkei bei der Verschleierung des osmanischen Völkermords an den Armeniern helfen, oder auf die „kurdische Karte“ setzen – ganz nach Bedarf und gegen die Region. Naftali Bennett sagte (zu DW) über die Region (Westasien-Nordafrika): „We are surrounded by the strangest people“.(70) Netanyahus Vater Benzion Mileikowsky (aus dem damals russischen Polen) unterstellte „den Arabern“ Ausrottungs-Absichten – um für eine komplette Vertreibung („Transfer“) der Palästinenser („Araber“) aus Palästina zu argumentieren. Noch 2009 wusste er über den Araber zu sagen (zu „Maariv“), dass die Tendenz zum Konflikt dessen „Essenz“ sei. Aber, das arabischste und islamischste Land, das rückständigste der Region, ist Israels wichtigster Verbündeter in dieser…

Avichai Adraee ist Sprecher des israelischen Militärs (IDF/Zahal/צה״ל) für arabische Medien, er veröffentlichte vor nicht allzu langer Zeit ein Video mit Texten von Ibn Taimiyyah, einem moslemischen Theologen des späten Mittelalters, der im kleinasiatisch-syrischen Raum lebte und wahrscheinlich arabischer Ethnizität war (oder arabisiert). Gedacht war das Video, um „die Araber“ über die Schiiten (bzw die Iraner) aufzuklären. Natürlich gehe es darum, Gefahr für die „moslemische Gemeinschaft“ abzuwenden, die von der Shia ausginge. Ibn Taimiyyahs „Warnungen“ aus dem 14. Jh seien aktuell für die „gegenwärtige iranische Bedrohung“. Dieser Ibn Taimiyyah hat schon Djihadisten von Bin Laden bis Baghdadi inspiriert…

Das Video dreht sich darum, schiitische Moslems als „Ungläubige“ gegenüber Sunniten zu porträtieren, bringt auch Koran-Verse dazu. Nun ja, wenn man das heranzieht, was Caroline Glick, Efraim Karsh, Moshe Sharon, David Bukay, Naftali Bennett,… über den Islam sagen, und den logischen Dreisatz anwendet, würde das ja sogar für die Schiiten sprechen. Adraee zitiert auch Muhammad Ibn Abd al-Wahab, den Vater des in Saudi-Arabien vorherrschenden (und von dort exportierten!) Islams, wonach Schiiten schädlicher für den Islam seien als Christen und Juden. Nur zur Erinnerung: für die saudi-arabischen Partner ist das Problem mit den Iranern ja, dass diese von ihren Wurzeln Zoroastrier sind (somit „keine echten Moslems“), nicht dass sie Schiiten sind. Für die Partner mag das auf’s Selbe hinaus laufen („keine [echten] Moslems“), für die im Iran verbliebenen oder im Exil lebenden Zoroastrier (Zartoshti) sowie jene Iraner, die eine Rückkehr dieser Religion wünschen (aufgrund der Erfahrung der Islamischen Republik), ist es ein Unterschied um’s Ganze.(71) Hier sieht man auch, dass es um historisch-ethnische Feindseligkeiten geht, nicht um die Islamische Republik Iran.

Abgesehen davon, dass Saudi-Arabien gerade was Religionsfreiheit betrifft noch um Einiges rückschrittlicher ist als die IR IranAber als Partner Saudi-Arabiens und Gegner des Iran muss man ja auch den besonders strengen saudischen Islam promoten (zumindest gegenüber den Arabern).(72) Westliche Islamophobe wie auch Islamisten bekämpfen normale Reformer aus/in der islamischen Welt und definieren diesen Teil der Welt als islamisch.(73) Israel wird gerne als Gegenpol zu Islam und Islamismus dargestellt, als Bastion der Aufklärung und westliche Werte in einer dunklen Region, „Schutzmacht“ für Nicht-Moslems in dieser,… Natürlich stimmt es nicht, dass alles Progressive und Emanzipative in der bzw für die Region im Sinne Israels sei. Demokratisierungsbemühungen in arabischen Ländern haben dessen Fürsprecher fast nur skeptisch-ablehnend gesehen, und man sehe sich an, wen in der Region es unterstützt (Nusra, Jundullah, Saudi-Arabien,…).(74)

Netanyahu sprach zum Auftakt der „Nahost-Konferenz“ in Warschau ’19 in einem Video davon, dass er mit den arabischen Teilnehmern „unser gemeinsames Anliegen eines Krieges mit dem Iran“ voranbringen wolle.(75) Danach ruderte er etwas zurück, auf seine Art, wie nach seinen Aussagen über die Verwantwortlichkeit Husseinis für den Holocaust oder jener über die „israelischen Araber“ die wählen gehen… Er sagte einst auch, in den Vereinigten Arabischen Emiraten machten Westler (Christen) und Hindus zusammen die Mehrheit aus („Bin ich der Einzige, der das weiss?“).(76) Nun aber, da man ein „Abkommen“ mit den VAE hat, sieht man das ja anders. Israels (damaliger) Generalstabschef Gad(i) Eisenkot sagte in einem Interview mit der saudi-arabischen Zeitung “Elaph”, der Iran sei “die grösste Bedrohung für die Region” und Israel sei (diesbezüglich) bereit, Geheimdienst-Informationen mit “moderaten arabischen Staaten” zu teilen. Damit sind Saudi-Arabien und einige seiner Nachbarn in der “Golfregion” gemeint… Die saudische Auslegung des Islams und seine Bemühungen, diese Moslems weltweit aufzuoktroyieren, zeugt ja auch von dieser Ausrichtung. 

MbS’s Sicht auf die Dinge bzw die Region erinnert an die von Vertretern und Freunden Israels dauernd vorgebrachte: „Wir leben in einer Gegend, die nicht von Mexiko, Kanada, dem Atlantik und dem Pazifik umgeben ist“, sagte er dem „Atlantic“ hinsichtlich der geografischen Lage der USA. Sein Land sei von Feinden umzingelt. Dass diese Region so ist, daran hat sein Land (Saudi-Arabien) einen enormen Anteil, mit seiner Regionalpolitik, seiner Art des Islams, seinen Interventionen in der Nachbarschaft,…(77) 2011/12 wurde in Wien das „König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ (KAICIID; auch: „King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre“) eröffnet, ein „Zentrum für interreligiösen Dialog“, benannt nach dem König eines Landes (und finanziert von diesem), das Religionsfreiheit mit Füssen tritt und auch Salafisten vielerorts finanziert.(78)

Und in dem ein Blogger wegen „Beleidigung des Islams“ zu 1 000 Peitschenhieben (sowie einer Gefängnisstrafe) verurteilt worden ist. 2019 wurde die Schliessung des Zentrums beschlossen, sie ist aber (noch) nicht umgesetzt worden.(79) Auch die saudische Schule in Wien wurde geschlossen, nachdem islamistische Lehrinhalte bekannt geworden waren. Gegenwind für Saudi-Arabien ist aber selten, in der Regel wird etwa Erdogan und die AKP auf die selbe Stufe wie Saudi-Arabien gestellt oder sogar als der „schädlichere“ politische Islam.(80) Westliche Staaten, wie die BR Deutschland, rüsten Saudi-Arabien auf.

(1) Ob es stimmt, dass die Swissair (solange es sie gab) bei Flügen nach Saudi-Arabien ihr Logo mit dem Kreuz abdecken musste, müsste man recherchieren…

(2) Auch das ein Unterschied zum Iran

(3) Wow

(4) Hust

(5) Nicht bei Trump, Netanyahu, Merkel,…

(6) Im Iran durften Frauen aber immer Auto fahren, studieren, wählen,…Letzteres natürlich nur innerhalb der Grenzen der Islamischen Republik. Und dort gibt es trotz Diktatur eine sehr lebendige Filmemacherei

(7) Der Irak ist Führer der schiitischen „Allianz“ in der Arabischen Liga

(8) Die palästinensische Hamas wird zT dieser Achse zugerechnet

(9) Dabei hat das United States Central Command (CENTCOM) seine Kommandobasis in Katar

(10) Saad Hariri ist in Saudi-Arabien geboren, wo sein Vater damals arbeitete. Er hat eine saudi-arabische Frau, und auch die Staatsbürgerschaft des Königreichs. Ende 2017 flog er, als libanesischer Premier, zu einem nach Riad, zur Zeit der „Säuberungen“ von Kronprinz Mohammed. Er verkündete von dort seinen Rücktritt, führte den Einfluss von Iran und Hisbollah in der Region an. Es zirkulierten Vermutungen, dass Hariri dort festgehalten werde und zum Rücktritt gezwungen. Hariri stritt das ab, tauchte dann in Paris auf. Zurück in Beirut, trat er vom Rücktritt zurück

(11) al Qaida, Daesh (IS) und ähnliche Gruppen mischen auch mit, angeblich gegen beide Seiten

(12) Diese Mujahedin haben schon in 1980ern zB Mädchen gewaltsam vom Schulbesuch abzuhalten versucht, die Bevölkerung terrorisiert (können als islamistische Terroristen eingeordnet werden)

(13) Was diesbezüglich für Saudi-Arabien gilt, gilt in geringerem Maß für andere arabische Diktaturen am Golf (bzw der Halbinsel), also UAE, Kuwait, Bahrain, Katar, Oman, Jemen

(14) Es könnte in Jemen und in Syrien direkte USA-Militärinterventionen auf der Seite der Saudis geben

(15) Hatte in den 1980ern in Afghanistan für die islamistisch-westliche Seite (gegen die Kommunisten) gekämpft

(16) Es gibt eine Behauptung, wonach es bei dem staatlichen saudischen Mord an dem Journalisten auch um den Hack des Smartphones von Amazon-Chef Jeff Bezos, eine Erpressung mit Nacktfotos und Verwicklungen einer Trump-nahen Zeitung nach Saudi-Arabien gegangen sein soll

(17) 2013, als es im Syrischen Krieg einen Giftgasangriff durch das Assad-Regime gegeben haben soll (und eine westliche Militärintervention im Raum stand), beteuerte er, dass „unsere Herzen bei den abgeschlachteten Zivilisten sind“. Seine Partner Lieberman oder Bennett sind da „direkter“

(18) Bei dieser „besonderen“ Art der Todesstrafe in Saudi-Arabien wird der Verurteilte zuerst geköpft, dann wird der Kopf wieder angenäht und die Leiche für mehrere Stunden öffentlich am Kreuz zur Schau gestellt

(19) Wie schon sporadisch seit 1979 und besonders 2011/12

(20) Die Sauds und ihre Unterstützer (hauptsächlich im Najd) stritten mit Osmanen, den Alawiyyas aus Ägypten (die Dynastie die Mohammed Ali im 19. Jh begründete, die Herrscher über Äygpten wurde, unter Osmanen, Briten und in der Unabhängigkeit), Haschemiten, Raschiden, revolutionären arabischen Regimes (hauptsächlich Ägypten unter Nasser) um Hegemonie auf der Halbinsel und in der Region, nun mit dem Iran…aber immer wieder auch mit Anhängern eines Islamismus der noch radikaler als der von ihnen propagierte ist

(21) Wie er in den Tagen von Theodore Roosevelt noch offen vertreten wurde

(22) In einem Interview im Oktober 1980 sprach sich Trump für einen Einmarsch in Iran aus: „Ich denke, in diesem Augenblick wären wir ein ölreiches Land, und ich glaube, wir hätten es tun sollen, und ich bin sehr enttäuscht, dass wir es nicht getan haben, und ich denke nicht, dass uns jemand hätte aufhalten können.“ Irgend wann sprach er auch davon, dass „wir ihre Länder besetzen und uns ihr Öl nehmen“ sollten

(23) Der inzwischen verstorbene US-amerikanische Neokonservative Charles Krauthammer war zufrieden mit Trumps Auftritten, rügte ihn nur dafür, es als im Interesse der USA dargestellt zu haben, das unfolgsame Katar zurecht zu weisen. “It’s good to see our Sunni allies confront Qatar and try to bring it into line. But why make it personal — other than to feed the presidential id? Gratuitously injecting the U.S. into the crisis taints the endeavor by making it seem an American rather than an Arab initiative and turns our allies into instruments of American designs rather than defenders of their own region from a double agent in their midst”

(24) Die an „verbalem Durchfall leiden“, wie es Broder ausdrückte, der auch einer dieser ist

(25) Bei „Kottan“: „Ich bin seit 25 Jahren bei der Polizei“ – „Überall anderswo wärst du nach einer Woche hinausgeflogen“

(26) Seine Kollegin Rosemarie Schwaiger wärmte im „Profil“ die Geschichte mit wegretouschierten Gipfelkreuzen in bayerischen Prospekten für Saudi-Touristen auf…diese Skandalisierung ist erlaubt, bezüglich diesem (vermeintlichen) Einknicken vor den Saudis

(27) A propos: Wenn in Saudi-Arabien Vergewaltiger geköpft werden, sind Feministinnen wie Alice Schwarzer oder Caroline Fourest dann eigentlich zufrieden?

(28) Bei Leuten wie T. Maul zeigt sich, wie relativ hier die „Kluft“ dazwischen ist

(29) Broder stellte die Zustimmung zu Moscheen in Deutschland mit einer „Kirche in Riad“ in Zusammenhang. Abgesehen davon, dass er, genau wie unwatch, sich nun mit Kritik ggü Saudi-Arabien zurückhalten wird, die Frage dieser Reziprozität ist grundsätzlich nicht illegitim. Im Frankreich-Algerien-Artikel wird auf sie eingegangen. In Ägypten, Syrien, Iran oder Türkei gibt es Kirchen, in Saudi-Arabien nicht, in anderen Staaten der Halbinsel kaum

(30) Jene, die auf westliche Kriege gegen Syrien und Iran hoffen bzw darauf hin arbeiten

(31) Damals waren auch die islamistischen Mujahedin in Afghanistan die Guten…weil sie Kommunisten bekämpften

(32) Abgesehen davon, während Saddam-Schergen mordeten, Uday Hussein vergewaltigte, und sich Baath-Reste dem IS und seinen Vorgängern anschlossen, sind die Iraker „Tiere“… Andere auf Yt, zu Saddam-Exekution oder Grausamkeiten von/unter Saddam: „So etwas sollte man hier (USA,…) mit ‚Verrätern‘ machen“. Videos über Grausamkeiten von Saddam oder Uday Hussein werden auch kommentiert „USA also doch recht gehabt“ oder „Wegen nicht gefundenen Atomwaffen braucht man sich also nicht aufregen“. Andere behaupten auch noch immer Verbindungen Hussein-Kaida

(33) Verteidigte kürzlich den Irak-Krieg 03, natürlich ausblendend, wer Saddam lange stützte…bevor man ihn stürzte

(34) Grigat 09 Vortrag vor dem Wiener Akademikerbund über „Die Islamische Republik Iran und die Menschenrechte im Kampf der Kulturen“

(35) Rechtskonservative stellen Linksliberale auch gerne als „unter einer Decke“ mit dem Islam(ismus) dar und vice versa

(36) Der auch: “Das kleine, feige, beschissene Europa, das inzwischen sogar zum ficken zu faul ist…“

(37) Man sollte auch nicht vorenthalten was dann noch so kam, zB: „Die Linke hat sich diesem Todeskult [Islam] schon längst angeschlossen – wo es nicht um ein besseres Leben geht, sondern um den Verzicht auf all jene Vorzüge kapitalistischer Vergesellschaftung, die auf die Möglichkeit einer befreiten Gesellschaft zumindest noch hinweisen; wo also unter dem Titel ‚Konsumverzicht‘ für ein Vegetieren im Elend demonstriert wird…“

(38) Siehe Hartmann

(39) Öl, Islam, Wüste, Patriarchat, Beduinen, Oasen, Kamele,…

(40) Zum Beispiel aus diesem: Die Beherrschung eines Gebiets fällt um so leichter aus, desto unbefriedeter dieses ist

(41) Angeblich nachdem sich B-H Levy bei ihm dafür eingesetzt hatte. Und anscheinend hat er sich von Gaddaffi sogar seinen („akzentuierten“) Wahlkampf 07 finanzieren lassen

(42) Bhuttos PPP gewann die Wahl 77, doch das Militär unter General Zia-ul-Haq würgte die Demokratie ab, konservative Kräfte setzten sich durch, und Bhutto wurde 79 getötet

(43) Hoder, der 2008 bis 2014 im Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert war, weiter: „It’s yet to become clear if these hardliners had anticipated violence or not, but they surely had expected that US hawks would eagerly endorse the protests and put Rouhani in a losing game: If he let the protests continue, they would paint it as a grave failure of his economic policy which includes the nuclear deal and ultimately accuse him of severe incompetence. If he curbed them, they would illustrate him as an aloof autocrat who crushed the poor or the unemployed to cover up for his broken policies.
When the protests turned violent and the US hawks jumped on it, hardliners found their dream scenario. They forced Rouhani (who doesn’t have the majority vote in the committee which controls internet filtering and is overseen by the judiciary) to break his promise and block Telegram and Instagram — both blamed by the same hardliners for inciting violence. They also blame him of endangering national security by neglecting the economy and expressed wishes to kill the ’fruitless’ nuclear deal.
On the other side, American hawks have found a golden opportunity to undermine both the nuclear deal and the moderates without much effort — they are both big hurdles for their ultimate project of regime-change.“

(44) Ende 2019 gingen Hunderttausende im Iran gegen das Regime auf die Strassen, Hunderte wurden getötet

(45) Und materiell vor den Ölfunden im 20. Jh grossteils

(46) Und, Fremdherrscher wie die Mongolen nahmen grossteils die persische Kultur an

(47) Der hat ja 2015 erklärt, dass nicht Hitler, sondern der palästinensische Grossmufti zur Zeit der Nakba, Mohammed Amin al-Husseini, der eigentlich Schuldige am Holocaust sei. Einig sind sich Saud und Netanyahu, dass Hitler gut dasteht, im Vergleich mit Husseini bzw Khamenei

(48) In deutschen Kampagnen zur Wiedergewinnung der Schutzgebiete hiess es auch, „Die Afrikaner wollen die Deutschen als Kolonialherren zurück“ – und natürlich ging es darum, was diese wollten

(49) Man kann leicht eine Neda (Agha-Soltan) anführen für seine Zwecke, wenn man nicht genauer fragt, wofür sie (und die anderen Protestierenden 09) eigentlich stand

(50) Robert Spencer auf seinem jihadwatch über Namazie wegen ihrer Kritik an israelischen Krieg gegen Gaza (~09): „antisemitic supporter of jihad against Israel…“

(51) Was H.-C. Strache und die Volksmujahedin gemeinsam haben? Wenn man pro Israel wird, wird Einem alles Andere vergeben, nachgesehen. In gewisser Hinsicht trifft das auch auf S. Kurz zu

(52) Und auch nicht die tatsächliche Politik mit den eigenen Postulaten/Ansprüchen, man macht mit Saudi-Arabien und Jundullah gemeinsame Sache (gegen den Iran), heuchelt Unterstützung für die iranische Demokratie-Bewegung vor, nennt sich „Liga für Aufklärung und Freiheit im Nahen und Mittleren Osten“ oder „Gesellschaft für politische Aufklärung“, faselt von „westlichen Werten“, „Feindaufklärung und Reeducation“, „Kulturrelativismus“, davon dass „Israel eine Agentur neuzeitlicher Aufklärung in einer Region weltgeschichtlichen Mittelalters“ sei, Islamismus der europäischen Aufklärung entgegen steht. (Letzteres ist übrigens von Strache)

(53) Im November 2018 berichtete die „New York Times“ darüber, wie Akteure aus Israel und Saudi-Arabien mit persischsprachigen Fake-Accounts Twitter/Facebook Unruhen in Iran anheizen wollen

(54) Kazemi wurde sogar als „Kanadierin“ proklamiert, auch von Leuten die hier sonst ethnisch-kulturelle Ausgrenzung praktizieren. Bei Khashoggi muss man ja aufgrund der „regionalen Stabilität“ ein Auge zudrücken. A propos „orientalische“ Frauen und Journalisten: Hier ist man an Hengameh Yaghoobifarah von der „taz“ erinnert, und den Shitstorm heuer nach ihrem Kommentar über Rassismus und Polizei > Innenminister Horst Seehofer droht mit Anzeige, redete von „Grenzen der Meinungs- und Pressefreiheit“, einer „Enthemmung der Worte“, Ulla Jelpke von der Linken stellte diesen darauf hin „Despot“ Erdogan gegenüber, Merkel übte sich wie immer in Appeasement, auch „taz“-Chefredakteurin Barbara Junge knickte ein

(55) Auch Aseris und andere Nationalitäten des Irans versucht man zu instrumentalisieren (siehe etwa Dana Rohrabacher)…während man gleichzeitig iranische Nationalisten umschmeichelt, aber auch solche, die einfach nur eine bürgerliche Demokratie für dieses Land wollen

(56) Wie die Ukrainer vom Westen gerne als Gegengewicht zu Russland „verwendet“ werden, werden die Kurden das zu Iranern, Arabern, Türken

(57) Araber verachten das Leben“, wissen deutsche Experten, bewundern aber amerikanische/israelische Soldaten, wenn sie Araber töten. Wenn (zB) syrische Zivilisten getötet werden, kann dies ja zur Herbeirufung westlicher Militärinterventionen zu instrumentalisieren versucht werden, aber auch zur Demonstration, wie „Araber miteinander umgehen“

(58) Alle Fehler von seinem Kommentar im „Freitag“ übernommen

(59) “Zunehmend wird die kulturelle Identität der Ahwazi durch gezielte Maßnahmen der iranischen Regierung unterdrückt…“

(60) Einiges dazu in diesem Artikel

(61) > Sender-Gleiwitz-„Überfall“ oder aber Habsburg-Mord

(62) A propos: Wie viel er mit Netanyahu gemeinsam hat, zeigt sich in den lautstarken Gegenbeschuldigungen der Beiden, wenn es in ihren Ländern Untersuchungen gegen sie wegen Korruptionsvergehen/Amtsmissbrauch gibt, oder sie eine Wahl verlieren. Es sind die „Linken“, die ihnen so böse mitspielen. https://lobelog.com/netanyahus-real-crimes/

(63) Der frühere Botschafter Israels in der USA, Itamar Rabinovich, in einem Kommentar in „Jediot Achronot“: „Aus regionaler Sicht macht die Schwächung Syriens ein wenig den Schaden wett, den Israel durch den Richtungswechsel in Ägypten erfahren hat.“ Andererseits berge ein möglicher Sturz Assads auch „Gefahren“ für Israel

(64) Bei der Jundullah verbinden sich Drogenschmuggel, belutschischer Separatismus, salafistischer Islamismus 

(65) Die Golf-Araber halfen nach der Nakba den Palästinensern durch Aufnahme Vertriebener in ihre Länder genau so wenig wie heute den Syrern

(66) Die Vergangenheitsform ist hier wahrscheinlich angebracht

(67) Wobei die Sheba-Farmen teilweise als zu diesem syrischen Jawlan zugehörig betrachtet werden, teilweise als libanesisch

(68) Als Konsequenz aus Annexionsplänen Israels im Westjordanland hat Palästinenserpräsident Abbas die Aufhebung aller Vereinbarungen mit Israel und der USA erklärt

(69) Die Partei ist in der Islamischen Republik verboten, operiert aber auch im Iran

(70) Umgekehrt, wenn in dieser Region so über Israel geredet wird…

(71) Der islamische Charakter Irans/Persiens ist vom schiitischen Islam geprägt, viele Iraner wünschen sich ihr Land aber weniger islamisch geprägt. Der saudische „Vorwurf“ geht aber dahin, dass sich dort der „falsche“ Islam ausgebreitet hat, kaum, dass der Iran säkularer werden soll…

(72) Sie zu „gewinnen“, indem man den Palästinensern das Leben erleichtert, kommt ja nicht in Frage

(73) Leute wie Wolfgang Sobotka haben eine Freude mit Leuten wie Hamed Abdel-Samad aber nicht mit solchen wie Shirin Ebadi

(74) Und auch mit wem es ausserhalb dieser Region Bündnisse eingeht oder -ging (ob Apartheid-Südafrika oder die argentinische Militärjunta) oder unterstützt wird (von Gingrich bis Strache)

(75) Saudi-Arabien wäre bei einem Krieg gegen Iran schon dabei, würde Israel wohl seinen Luftraum nutzen (durchqueren) lassen

(76) Und wenn man Israel/Palästina nimmt und Palästinenser und Mizrahi-Juden zusammenzählt, kommt man auf 90% der Bevölkerung. Oder, Palästinenser ohne und mit israelischer Staatsbürgerschaft und andere Nichtjuden (wie ein Teil der Einwanderer aus der SU) sind in diesem Land bald in der Mehrheit. Den Gegensatz zwischen den Ansprüchen „so viel Land wie möglich“ und „ohne andere Einwohner“ versuchte Scharon mit einem Politizid zu lösen

(77) Abgesehen davon, aus Mexiko kommen laut seinem Partner Trump doch nur Vergewaltiger und andere Kriminelle

(78) Die Moschee in Wien an der Alten Donau, das Islamische Zentrum/ Islamic Centre, wird von der Islamische Weltliga/ Liga der Islamischen Welt/ Muslim World League geführt, die von Saudi-Arabien dominiert wird

(79) Es war die Badawi-Verurteilung, die bei den Politikern zu einem Umdenken bezüglich der Saudi-Einrichtung geführt hat, hier zu Recht

(80) Die österreichische Regierung unter Kurz hat nach dem Anschlag in Wien (November 20) Maßnahmen gg. Moslembrüder und Hamas in Österreich unternommen, saudische/salafistische Einrichtungen blieben unangetastet

 

Carlos Latuff zum Wirken Saudi-Arabiens in seiner Region, in der es sich von Feinden umzingelt sieht

Trump-Netanyahu-Saud

The Likudnik Saudi royals

Israel und Saudi-Arabien

Tribes And Tribalism: Arabian Peninsula

Literatur

Albert Dietrich: Geschichte Arabiens vor dem Islam. In: Albert Dietrich, Geo Widengren, Fritz Moritz Heichelheim: Orientalische Geschichte von Kyros bis Mohammed (1966)

Sebastian Sons: Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – ein problematischer Verbündeter (2016)

Banafsheh Keynoush: Saudia Arabia and Iran, friends or foes? (2016)

Marshall Hodgson: The Venture of Islam: The expansion of Islam in the Middle Periods (1974)

Michael Lüders: Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt (2018)  

Hans-Jürgen Kornrumpf: Die osmanische Herrschaft auf der arabischen Halbinsel im 19. Jahrhundert. In: Hans-Jürgen Kornrumpf: Beiträge zur osmanischen Geschichte und Territorialverwaltung (2001)

Guido Steinberg: Krieg am Golf: Wie der Machtkampf zwischen Iran und Saudi-Arabien die Weltsicherheit bedroht (2020)

Uwe Pfullmann: Thronfolge in Saudi-Arabien: wahhabitische Familienpolitik von
1744 bis 1953 (1997; Arbeitsheft 13 des Zentrums Moderner Orient, Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin e.V.)

David Holden, Richard Jones: The House of Saud (1982)

Albert Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker (1991)

Ilja Steffelbauer, Khaled Hakami (Hg.): Vom Alten Orient zum Nahen Osten (2006)

Guido Steinberg: Saudi-Arabien: Politik, Geschichte, Religion (2014)

Yaroslav Trofimov: The Siege of Mecca. The Forgotten Uprising in Islam’s Holiest Shrine and the Birth of Al Qaeda (2007)

Fouad Ajami: The End of Pan-Arabism. In: Foreign Affairs Vol. 57, No. 2 (Winter 1978/79)

Michaela Prokop: Saudi-Arabien (2005)

Ben Fowkes, Bülent Gökay: Unholy Alliance: Muslims and Communists – An Introduction. In: Journal of Communist Studies and Transition Politics Vol. 25, Iss. 1 (2009)

Eric Margolis: American Raj: America and the Muslim World (2009)

Harold Dickson: The Arab of the Desert (1949)

Christopher Othen: Soldiers of a Different God: How the Counter-Jihad Movement Created Mayhem, Murder, and the Trump Presidency (2018)

Madawi al Rashid: History of Saudi Arabia (2001)

Michael Stausberg: From Power to Powerlessness: Zoroastrianism in Iranian History. In: Anne Sofie Roald, Anh Nga Longva: Religious Minorities in the Middle East. Domination, Self-Empowerment, Accommodation (2011; Social, Economic and Political Studies of the Middle East and Asia, Band 108)

Dirk Van Den Berg: The Siege of Mecca / Mekka 1979 – Urknall des Terrors? (2018) Dokumentarfilm

 

 

Die Arabische Halbinsel, also im Wesentlichen das heutige Saudi-Arabien, war (mit Ausnahme der südlichen Küste, also hauptsächlich dem heutigen Jemen), vor Mohammed (also in der Antike) Peripherie (im Sinne von unbedeutender Randlage) – und bald danach auch wieder. Und das änderte sich erst mit den Funden grosser Ölreserven bald nach der Entstehung Saudi-Arabiens in den 1930ern. Arabien wurde im Zuge der Ausbreitung des Islams „bald“ Peripherie des islamischen Raums; es war das Öl, das das Land wieder wichtig machte. In den letzten 3 Jahrzehnten wurde Saudi-Arabien für den Westen vor dem Hintergrund von „Erscheinungsformen“ des Islamismus „strategisch“ wichtig, ein Staat der einen denkbar „radikalen“ bzw konservativen Islam hochhält und diesen auch zu exportieren versucht… Islamismus kommt oft genug aus Saudi-Arabien, wird dort gelebt.

In den Jahrhunderten der (relativen) Bedeutungslosigkeit der Halbinsel (grob gesagt war das von 700 bis 1900) war nur der Hejaz (Heschas), die Westküste Arabiens, von einer gewissen Bedeutung, mit den für Moslems als Geburtsstätte des Islams bedeutenden Städten Mekka und Medina. Das Königreich Saudi-Arabien ist der welt-grösste Ölproduzent, hat es so in den letzten bald 100 Jahren zu Reichtum gebracht. Der Staatshaushalt kann ausser auf Einnahmen aus Öl-Exporten eigentlich nur auf jene zurückgreifen, die durch moslemische Pilger (nach Mekka) ins Land kommen (hauptsächlich zur jährlichen Zeit der Hadj). Islam, Öl, Wüste. 

Saudi-Arabien ist der flächenmäßig grösste Staat in West-Asien, der zweitgrösste arabische (nach Algerien), und der dreizehnt-grösste insgesamt(1). Seit seiner Ausrufung 1932 wird der Wüstenstaat von der (namensgebenden, weitverzweigten) Familie Saud als totalitäre, absolute Monarchie geführt, mit dem wahabitischen Islam als Staatsdoktrin; man könnte Saudi-Arabien als erbliche theokratische Diktatur bezeichnen.(2) Wahlen und Parteien gibt es nicht, das Leben von Frauen ist mit strengen Regeln belegt; die Nicht-Moslems im Land sind entweder westliche Ausländer oder solche aus der „Zweiten“ und „Dritten Welt“, (auch) dazu noch mehr. Das Regime „propagiert“ den fundamentalistischen Islam, den es dem Land vorschreibt, auch in anderen islamischen Ländern sowie in der islamischen „Diaspora“.

Saudi-Arabien hat so Manches mit seinen östlichen Nachbarstaaten gemeinsam (Kuwait, Katar, Bahrain, Arabische Emirate, Oman), diese anderen Staaten am Persisch-Arabischen Golf sind auch streng-islamische Monarchien, aber bei Weitem nicht in dem Maß. Im Kalten Krieg waren die „revolutionären“ arabischen Staaten (voran Ägypten unter Nasser) der Hauptgegner; dann wurden es schiitisch dominierte Staaten und Organisationen, voran natürlich die Islamische Republik Iran. Somit waren und sind die grossen Feinde Saudi-Arabiens zT zusammen mit ihm in der Arabischen Liga. Auch wenn der Iran (natürlich) kein arabisches Land ist, sind es einige Staaten auf der schiitischen Achse, voran der Irak seit dem Sturz des Baath-Regimes unter Hussein. Das iranische Regime macht dem saudischen die Führungsrolle in der Region West-/Zentralasien-Nordafrika sowie in der „islamischen Welt“ streitig, jene in der „arabischen Welt“ wird zur Zeit eben auch hauptsächlich von der schiitischen Achse herausgefordert.

Und, Saudi-Arabien war und ist ein enger Verbündeter des Westens (mittlerweile auch inklusive Israels), sein wichtigster in der „islamischen“ Region (Westasien-Nordafrika). Da geht es um geschäftliche Interessen (die BR Deutschland etwa kauft saudi-arabisches Öl und verkauft dem Land viele Waffen) und um geo-strategische, und daher wird die Rückständigkeit „im Islam“, die man im Westen seit etwa 2001 andauernd thematisiert, bei Saudi-Arabien nicht so „eng“ gesehen, bzw verharmlost, der Diskurs von dort weg-gelenkt. Vieles im Zusammenhang mit der Geschichte und Gegenwart Saudi-Arabiens ist in anderen Tiara-Artikeln schon behandelt oder angeschnitten oder eingestreut; über Saudi-Arabien im internationalen System etwa hier und hier, über Irak/Mesopotamien hier, Persien/Iran u. a. hier, Byzanz hier, den Islamophobie-Diskurs hier, den salafistischen Islamismus hier.

Eine Anmerkung zur Geschichtsschreibung über Saudi-Arabien: Dieses entstand 1932, und im 18. und 19. Jahrhundert entstanden im Landesinneren der Arabischen Halbinsel (Najd) ansatzweise souveräne Staaten unter den al Sauds. Hier geht es aber natürlich um das gesamte Gebiet des heutigen Saudi-Arabiens (sowie die Umgebung) und die gesamte Vorgeschichte.(3) Die Geschichten vieler Staaten/Länder im eigentlichen Sinn beginnen ziemlich spät, haben lange Vorgeschichten… Henri Pirenne hat eine sieben-bändige Geschichte Belgiens verfasst, und nur die letzten beiden Bände behandeln die Zeit der Existenz „Belgiens“ ab 1830 bzw die Zeit der unmittelbaren Entstehung.

Es beginnt somit auch nicht mit der Entstehung und Ausbreitung des Islams unter Mohammed und seinen Kalifen. Sondern mit der vor-islamischen Geschichte Arabiens (im „Schatten“ von Persern, Römern, Griechen). Die Entstehung des Islams ist natürlich eng verbunden mit der Geschichte des Arabertums, auf ihrer Halbinsel und darüber hinaus. Mit der Ausbreitung des Islams wurden Völker vom Nordwesten Afrikas bis Mesopotamien arabisiert, ohne dass die arabischen Invasoren dort in grösserer Zahl „hängen geblieben“ wären. Die „eigentlichen Araber“ spielten mit dem Zerfall des Arabisch-Islamischen Reichs im Hoch-Mittelalter eine immer geringere Rolle. Das geeinte Arabisch-Islamische Reich (unter den Raschiden, Omayaden, Abbasiden) hatte eigentlich eine kurze Blüte, etwa 200 Jahre.(4)

Die Arabische Halbinsel (das „eigentliche Arabien“) kam unter die Herrschaften anderer (wenngleich islamischer) Völker, blieb das die gesamte Neuzeit hindurch. Die Ablösung arabischer (und arabisierter) Gebiete vom Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg hatte schon viel mit westlicher, hauptsächlich britischer, Einflussnahme zu tun. Je näher wir zur Gegenwart kommen, desto mehr wenden wir uns benachbarten Komplexen und Themen zu. Das Ende des Erdöl-Zeitalters, das nun absehbar ist, wird auf Saudi-Arabien (und die Region) enorme Auswirkungen haben; darauf wird aber nicht näher eingegangen. Über Diverses das mit Islamismus und Islamophobie in Zusammenhang steht, dagegen schon. Dieser erste Teil der Abhandlung über Saudi-Arabien geht von den Himjaren und anderen vorislamischen Staaten auf der Arabischen Halbinsel bis fast zur Gegenwart; der zweite Teil behandelt diese, der (Quasi-) Machtantritt von Mohammed bin Salman 2017 stellt die Grenze dar.

Etwas zur Geographie bzw zur Abgrenzung des Gebiets des heutigen Saudi-Arabiens: Im Westen, am Roten Meer (Afrika zugeneigt, wenn man so will), also der Hejaz, mit den Städten Mekka und Medina. Die Region im Osten, am Persisch-Arabischen Golf, wird Al-Ahsa bzw Hasa bzw Lahsa genannt; die Region schliesst im historischen Kontext auch Kuwait und einen Teil Katars ein. Südlich daran schliessen sich die anderen Golfstaaten Bahrain und Vereinigte Arabische Emirate (und Oman) an.(5) Im Südwesten die Region Asir, angrenzend an Jemen. Der Norden des Landes wird Nefud genannt, grenzt an Jordanien (Westen) und die irakische Provinz Anbar (Osten). Diese Gebiete begrenzen die Arabische Halbinsel, grenzen an Syrien (Westen) bzw Mesopotamien (Osten). Das Landesinnere wird Nedschd/Najd genannt, dort liegt die Hauptstadt Riad. Najd wird zum Süden hin von der Wüste Rub al-Chali „abgeschlossen“ (Grosse Arabische Wüste).

Asir kann als Subregion vom Hejaz gesehen werden, Nefud als jene von Najd. Und, es handelt sich um geographisch-historische Regionen. Der Hejaz etwa ist heute auf 4 Provinzen (Saudi-Arabiens) aufgeteilt. Die wichtigsten Gebiete Arabiens (bzw der Halbinsel) sind die Küstengebiete, zum Roten Meer (Hejaz), zum Golf (Ahsa und das Gebiet südlich davon), zum Arabischen Meer (Jemen, Oman). Ein grosser Teil des Ostens, der Golfregion, gehört nicht zu Saudi-Arabien, die Südküste ebenfalls nicht. Bleibt der Hejaz, er war das einzige von den jeweiligen Zentralherrschern richtig kontrollierte Gebiet Arabiens (Omayaden, Abbasiden, Osmanen,…). In anderen Gebieten dominierten regionale Herrscher, zT bei formaler Unterstellung unter „auswärtige“ Herrscher. Aber auch am Hejaz gab es solche, wie noch gezeigt wird. Vor Allem Najd, das Landesinnere, wurde von auswärtigen Herrschern über Arabien meist „allein“ gelassen. Und nach dem Ende des raschidischen Kalifats waren eigentlich alle diese Herrscher von „auswärts“ bzw herrschten auch von dort aus. Dort im Najd etablierten sich regionale Herrscher, von denen die Sauds die wichtigsten wurden.

Seine vorislamische Geschichte ist für bzw in Saudi-Arabien eine Art (ideologisches) Tabu. Im Süden der Arabischen Halbinsel, also auf dem Gebiet der heutigen Staaten Jemen und Oman, gab es höhere Kulturen, im Südwesten, also im („Proto“-) Jemen. „Impulse“ gingen dabei von Abessinien/Äthiopien aus, auf der anderen Seite des Bab el Mandeb gelegen. Es entstand das Reich von Saba in Südwest-Arabien (Blüte 800-500 vC), mit der Sabäer-Religion (siehe dazu unten). Dort gab es dann das Hadramaut-Reich, dann jenes der Himjaren. Auch auf diesem Weg (durch die Aksumiter/Abessinier/Äthiopier nach Südwest-Arabien) kamen Christentum und Judentum auf die Halbinsel; ausserdem über Syrien. Aber die Geschichte Südarabiens gehört ja eigentlich nicht zur Vorgeschichte Saudi-Arabiens.

In der Mitte Arabiens, in der Wüste des Najd, hat Archäologie(6) Zeugnisse des Kinda(h)-Reichs zu Tage gebracht. Der Kinda-Stamm stammte aus Hadramaut (Jemen), drang im 5. Jh von Südarabien nach Zentralarabien vor. Etablierte dort ein Nomadenkönigtum, unterhielt Beziehungen mit Himjaren oder auch Römern. Die Kinda (bzw Kinditen) waren (zunächst) polytheistisch. Sie konvertierten dann im 7. Jh wie fast Alle auf der Arabischen Halbinsel zum Islam (bzw wurden konvertiert), spielten eine Rolle bei islamischen Eroberungen. Ihre Nachfahren sollen heute noch in eigenen arabischen Stämmen „organisiert“ sein. Eine semitische, proto-arabische oder vorislamisch-arabische Kultur auf der Halbinsel war auch jene von Al-Magar.

An der Ost- bzw Golfküste Arabiens gab es die Dilmun-Kultur, Herrschaftsbildungen der Mesopotamier (Babylonier, Assyrer,…), dann der Perser. Die Lachmiden dehnten ihr Reich zeitweise über die ganze Ostküste aus und einen Teil des Landesinneren. Dort war auch die Handels-Stadt Gerrha/ al Jara. Nun zum Norden Arabiens, dem Nefud. Dort gab es in vor-islamischer Zeit das Kedariten-Reich, die Thamud-Zivilisation, das Reich von Lihyan bzw Dedan. Die Lihyaniten wurden Konkurrenten der Nabatäer (al Petra), die am Nordwest-Rand von Arabien lebten(7). Ungefähr in dieser Gegend gab es einige Jahrhunderte zuvor auch die Midianiter, bzw Ausläufer von deren Reich in Kanaan/Palästina/Israel. Die Nabatäer hingen ja um 100 nC gegen die Römer unter, die damals in der Region „expandierten“ bzw diese eroberten. Sie stiessen erst in Mesopotamien auf Widerstand, das die Perser (unter den parthischen Arsakiden) unterworfen hatten.

Arabien soll die Urheimat der Semiten sein, es gab von der Halbinsel etliche Wanderungswellen in benachbarte Regionen. Mit diesen Regionen (Äthiopien/Abessinien, Mesopotamien, Syrien, Persien,…) gab es auch rege Handelsbeziehungen und es gab Einwanderungen von dort. Es gab in Arabien in der Antike keine wirkliche Hochkultur, die Region bzw die Reiche die es dort gab, war(en) stark in den Fern-Handel mit einbezogen (Weihrauchstrasse!). Oasen, Kamele, Karawanen. Die Bevölkerung war in Stämme gegliedert, diese in Sippen. Ein grosser Teil lebte beduinisch/nomadisch.

Eurasien um 565

Nach dem römischen „Vorrücken“ in die Region grenzten Römisches und Persisches Reich meist am Euphrat aneinander, Persien ab dem 3. Jh unter den Sas(s)aniden, von Rom ab dem späten 4. Jh der östliche Teil. Es gab häufige Kriege gegen einander, in beiden Reichen gab es ethnische und religiöse Vielfalt, beide hatten Probleme mit „illoyalen“ Minderheiten bzw Unterworfenen. Und diese Reiche waren die Nachbarn Arabiens zur Zeit des Aufkommens des Islams. 602 bis 628 gab es einen grossen Krieg der Grossmächte Ostrom und Persien gegeneinander. Arabien/Araber war(en) an diesen Kriegen beteiligt: die Lachmiden (Banu Lakhm) und die Ghassaniden (Banu Ghassan) waren arabische Stämme, die für Perser bzw Römer deren Grenzen sicherten. Die Lachmiden hatten ihren (Klientel-/Vasallen-) Staat im Nordosten Arabiens, an der Grenze zu Mesopotamien, das ja die Perser beherrschten, Hauptstadt war Hira.(8) Im Nordwesten der Halbinsel, im Grenzgebiet zu bzw am Rand von Syrien, die Ghassaniden, mit ihrer Hauptstadt Jabiya. Es gab am Vorabend der Entstehung des Islams in Arabien (auf die sogleich seine Ausbreitung folgte) „Zerwürfnisse“ der beiden Grossreiche mit ihren arabischen Klientelstaaten, was sich dann beim islamisch-arabischen Angriff rächte.

In dem Krieg Persien-Ostrom Anfang des 7. Jh hatten zuerst die Perser die Oberhand, eroberten Teile des Oströmischen Reichs, darunter Ägypten. In dieser Phase kam in der oströmischen Hauptstadt Konstantinopel Herakleios an die Macht. Dieser Kaiser/Basileos war es, der Ostrom hellenisierte, Byzanz begründete. In Persien war 591-628 Chosrou (Khosrow) II. König/Schah. Der Machtantritt von Herakleios, der sein Heer auch persönlich anführte, führte zu einer Kriegswende zugunsten des nunmehrigen Byzantinischen Reichs. Herakleios schlug die (zoroastrischen) Perser zurück, eroberte die Herrschaft über Ägypten, Palästina, Syrien,… zurück. Der Sieg Byzanz‘ 628 stürzte Persien in’s Chaos, auch Byzanz war nach dem Krieg „erschöpft“. In Persien gab es nach Chosrous Tod 628 in Ktesiphon grosse Thronstreitigkeiten, eine Art Bürgerkrieg, zwischen Anwärtern aus der Sasaniden-Familie und ihren Unterstützern, 628-32. Schliesslich wurde 632 Chosrous 8-jähriger Enkel Yazdgerd (III.) neuer Schah. Das war zu jener Zeit, als der Prophet Mohammed starb.

Doch der Reihe nach. Im vor-islamischen Arabien war das Christentum vertreten (v.a. nestorianisches)(9), Judentum, regionale arabische Kulte wie die jener der Sabäer. Sabäer/Sabier waren Anhänger eines Gestirnkults in Jemen/Südarabien, der im Koran erwähnt wird. Ausserdem gab es das zoroastrische Persien und das christlich-orthodoxe Byzanz in der Nachbarschaft. Das meiste Islamische ist älter als der Islam, wie die Kabaa oder Armabhacken als Strafe bei Diebstahl. Die Kabaa/Ka’aba in Mekka am Hejaz spielte in arabischen Kulten eine Rolle, war ein „Brennpunkt“ polytheistischer Religion(en) in Arabien gewesen. Die Kaaba ist ein würfelförmiges Gebäude aus Granit, mit einem schwarzer Stein an der östlichen Ecke, der besonders verehrt wurde. Die Kabaa wurde als Heiligtum des Gottes Hubal verehrt, es gab auch Göttinnen wie al-Lat (wovon sich Allah ableiten dürfte). Es gab in diesen vorislamischen Kulten ein spezielles Priesteramt, das mit der Kaaba verbunden war; erster Inhaber dieses Amtes soll Qusaiy ibn Kilāb, der Gründer des Stammes der Quraisch, gewesen sein.  

Die Quraisch oder Bene Kuraish waren der Stamm aus dem Mohammed kam und der damals im Hejaz mächtig war, er kam aus der Hashim-Sippe (Banu Hashim), die etwas von der Macht entfernt war. Mohammed wuchs nach dem Tod der Eltern beim Onkel Abu Talib auf, in Mekka, einem Handelsknotenpunkt, auch Mo wurde Händler. 610 hatte er sein Berufungserlebnis. Er formte aus alt-arabischen Kulten, jüdischen, christlichen, zarathustrischen (zoroastrischen) Einflüssen den Islam, der nun eine monotheistische Religion war. Mohammeds Frau Khadijeh war die erste Konvertitin zum Islam.(10) Nach Verkündigungen wurde Mohammed 622 aus seiner Heimatstadt Mekka nach Medina vertrieben („Hedschra“). 630 die siegreiche Rückkehr nach Mekka, Weihung der Kaaba für den Islam („Reinigung vom Götzendienst“). Die Kaaba in Mekka wurde das zentrale Heiligtum des Islams, vorgeschriebenes Ziel der Wallfahrten (Hadsch, Haj) der Moslems.

Im Zuge der Islamisierung wurde dem Stein eine übernatürliche Herkunft zugeschrieben, die Kaaba soll von Adam erbaut und die zwischenzeitliche Ruine von Abraham (إبراهيم / Ibrāhīm) in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Ismael im Auftrag Gottes als Wallfahrtsstätte wiedererrichtet worden sein. Jedenfalls wurde nun eine Moschee darum herum gebaut. Bis zum Tod des Propheten wurde die Arabische Halbinsel islamisiert. Und, die arabischen Glaubenskrieger tasteten sich allmählich an die Grenzen Arabiens heran. 630 nahmen sie Tabuk ein, eine Oase an der Grenze zwischen dem nun moslemischen Arabien und dem byzantinischen (und christlichen) Syrien. Die Gegend gehört heute zu Saudi-Arabien; damals hat Byzanz wahrscheinlich keine Kontrolle darüber ausgeübt. Christen, Juden und Sabäer wurde im Islam Tolerierung zugesagt („Leute des Buches“). Sabäer/Sabier waren ursprünglich (wie erwähnt) die Anhänger eines Kults in Jemen; dann nahmen Anhänger eines semitischen Kults in Syrien sowie die Mandäer in Mesopotamien diesen Namen an, um toleriert zu werden.

Die Situation der Region (Westasien) zur Zeit der Entstehung des Islams wurde geschildert, mit den Grossmächten Byzanz und Persien, die sich bekriegten, während in Arabien eine neue Religion entstand und im Zuge dessen allmählich auch ein starkes Reich und eine schlagkräftige Armee. Nach islamischer Überlieferung hat Mohammed (Muhammad) im Jahr 628 Briefe an Herrscher in Persien, Byzanz, Äthiopien, Jemen, Hira geschickt (überbringen lassen), ihnen darin die Konversion zum Islam nahe gelegt. Kurz vor seinem Tod 632 trat ein Aswad Ansi auf, der sich als Prophet deklarierte, ausserdem in Südarabien als „Warlord“ (Kriegsherr) auftrat. Er wurde, als Apostat, von Firuz (Piruz), dem Gouverneur von Jemen, getötet.(11) Inwiefern Mohammed ein Prophet war, der mit dem Schwert kam (im Gegensatz zu anderen Religionsstiftern), und/oder seine Lehre nach seinem Tod so verbreitet wurde (im Gegensatz zu anderen Religionen), sei hier aussen vor gestellt. Beim Christentum kam die grosse Gewalt nicht in der Frühzeit der Religion, sondern hauptsächlich bei der europäischen Unterwerfung der Welt. Im Islam wurden jene Völker, die islamisiert wurden (per se) selbst Träger des Islams – und waren zT später an seiner Verbreitung beteiligt.

Mohammed (der keine Söhne hinterliess) starb also im Juni 632, als der letzte sasanidische König (Schah) Persiens, Yazd(e)gerd (Yazdgard) III., sein „Amt“ antrat… In Byzanz herrschte 610-641 Kaiser (Basileos) Herakleios/ Heraclius/ Iraklius. Mohammeds Schwiegersohn und Cousin Ali wurde nach dem Tod des Propheten als Nachfolger übergangen, stattdessen wurde Mohammeds Schwiegervater Abu Bakr erster Kalif. Ali wurde von seinen Anhängern als Imam ausgerufen.(12) Der Kalif war geistlicher, politischer und militärischer Führer des Reichs das damals die Arabische Halbinsel umfasste und von Mekka aus regiert wurde. Abu Bakr, Kaufmann aus Mekka, einer der ersten Anhänger Mohammeds, mit ihm nach Medina gegangen, war auch Vater von dessen Frau Aisha. Er festigte die Herrschaft des Islams in Arabien, unternahm mit seiner Armee erste Vorstösse nach Byzanz (Syrien) und Persien (Mesopotamien).

Unter dem zweiten Kalifen (634-644) Omar machte das Arabisch-Islamische Reich die wichtigsten Eroberungen: fast ganz Persien sowie den grössten Teil (etwa drei Viertel) des Byzantinischen Reichs, darunter Syrien und Ägypten.(13) 636 gelangen den Arabern am Yarmuk-Fluss in Syrien und bei Qadisiy(y)a in Mesopotamien entscheidende Siege über die Byzantiner bzw Perser, Siege die Schlüssel für die weiteren Eroberungen in/von diesen Reichen waren (wurden). Mesoptamien/Irak war kein Teil des eigentlichen Persiens/Irans, aber so etwas wie Zentrum des Reichs der Sasaniden, wurde Asoristan genannt. War die Südwest-Flanke des Persischen Reichs, dort wo das Zweistromland in die arabische Wüste übergeht. Nachdem die Lachmiden, frühere persische Vasallen, dort an der Wende vom 6. zum 7. Jh unter Schah Chosrou gewaltsam in’s Perserreich eingegliedert wurden, fehlte dort nun ein zuverlässiger Grenzschutz.(14)

Friedensgespräche im Vorfeld der Qudishiyah-Schlacht zwischen Persern und Arabern waren gescheitert.(15) Nach dem Sieg von von Qadisiya/ Kadesia in Mesoptamien 636 stiessen die Araber über das Zagros-Gebirge ins „eigentliche“ Persien (das Kernland) vor. 642 dort die (auch) entscheidende Schlacht von Nehawend. Der Königs-Hof unter Yazdgerd III. flüchtete nach der aus Qadisia-Schlacht aus der Hauptstadt Ktesiphon in den Osten (auf dem selben Weg wie die Araber dann bald), organisierte im Kernland neuen Widerstand gegen die Invasoren, auch nach der Nehawend-Schlacht.

Yazdgerd flüchtete, verfolgt von arabischen Truppen, in den Nordosten seines Landes, nach Chorassan (das damals einen grossen Teil Zentralasiens umfasste!). Er wurde 651 während Unruhen in Merw (heute Turkmenistan) ermordet. Bald darauf zogen die Araber auch dort ein. Das Ende des Persisch-Arabischen Kriegs wird entweder mit Yazdgerds Tod 651 angesetzt oder mit 654. Yazdgerd beabsichtigte möglicherweise, im Nordost-Iran Hilfe von benachbarten Türken (Turk-Völkern) zu bekommen. Diese waren grossteils im Einflussbereich von China (das von der Tang-Dynastie regiert wurde).(16) Chorassan wurde zuletzt von den moslemischen Arabern erobert, aber persische Unabhängigkeit hielt sich darüber hinaus in Teilen Chorassans sowie in Tabaristan (Masandaran). Manche Regionalgouverneure in Chorassan riefen sich in der „Übergangszeit“ zu Herrschern aus (wie Dewashtitschi in Sogdien).(17)

636 am Fluss Yarmuk in Syrien die Schlacht zwischen den angreifenden Arabern und den dort herrschenden Byzantinern. Die Araber nahmen in der Folge Syrien, Palästina, Ägypten, und einen Teil Kleinasiens ein.(17) 10 Jahre nachdem Byzanz die Stadt Jerusalem/Jebus zurückerobert hatte, zog 638 Kalif Omar (Umar) dort ein. Der Staat der Ghassaniden, Grenzvasallen Byzanz‘, war bereits vor Herakleois zerfallen, nach Einmischungen von Byzanz; dies war wie die persische Zerstörung des Lachmiden-Staats mit kriegs-entscheidend bei der Niederlage gegen die Araber.(18)

Armenien war seit Ende des 4. Jh zwischen Byzanz und Persien geteilt; nachdem diese beiden Reiche von den moslemischen Arabern erobert wurden, fiel also auch Armenien unter deren Herrschaft. Im Gegensatz zu seinem langjährigen Rivalen, (dem sasanidischen) Persien, konnte sich das Byzantinische Reich (bis 641 weiter unter Kaiser Herakleios) wenigstens erfolgreich gegen eine vollständige islamische Eroberung verteidigen. Byzanz verlor aber wie gesagt Vorderasien und Ägypten, wurde geostrategisch entscheidend geschwächt. Herakleios und Yazdgerd haben 635 auch eine Allianz (bzw gegenseitige Hilfe) gegen die Araber vereinbart!(19)

Arabien, zuvor unbedeutend zwischen bzw unter diesen Grossreichen, eroberte diese also ab den 630ern ganz oder teilweise, dehnte sich enorm aus. Damit auch seine Sprache und seine Religion. Anders als bei den Griechen Alexanders, die Persien (das der Achämeniden) etwa ein Jahrtausend zuvor eingenommen hatten, konnte sich der Zoroastrismus als Religion der Perser/ Iraner nun nicht mehr behaupten. Persien verlor seine Unabhängigkeit und seine Religion, behielt aber seine Sprache und Kultur (die Ägypter verloren auch diese grossteils). Die Konfrontation zwischen Arabern (insbesondere Saudi-Arabien) und Persien/Iran ist ja gerade wieder aktuell; und teilweise ist dieser Antagonismus durch den Krieg im 7. Jh und die darauf folgende arabische Herrschaft zurück zu führen.

Im moslemischen Arabischen Reich (oder Kalifat) gab es nun viele Nicht-Araber und Nicht-Moslems. Die Entstehung/Normierung der arabischen Sprache und Schrift ist übrigens eng mit der Entstehung des Islams verbunden. Islamisierungs- und Arabisierungsprozesse begannen, mit unterschiedlichen Ausgängen. Perser, Syrer und Ägypter nahmen auf den Islam und das Arabische Reich in den nächsten Jahrhunderten grosse Einflüsse. Unter Kalif Omar wurden im 7. Jh auch Juden von der gesamten Arabischen Halbinsel (ausser Jemen) umgesiedelt. Noch unter Mohammed war die von Juden bewohnte Oase Khaybar nahe Medina/ Yathrib am Hejaz eingenommen worden. Juden und andere Nicht-Moslems wurden unter arabischer/islamischer Herrschaft teilweise toleriert.

Omar wurde 644 von Perser Pirouz Nehavendi getötet(20); sein Nachfolger wurde Osman (Othman). Unter diesem dritten Kalifen geschah die endgültige Redaktion/Zusammenstellung des Korans. Es gab Kämpfe mit Byzanz im Grenzgebiet, und Eroberungen in Nordafrika westlich von Ägypten. Diese Kämpfe mit den Berbern kamen erst unter den Omayaden zum Abschluss. 656 wurde Imam Ali auch als Kalif anerkannt – von Teilen der Führung des Reichs. Er verlegte das Zentrum des Reichs von Medina am Hejaz nach Kufa in Mesopotamien. Der wichtigste Gegner Alis war Muawiya(h), der Statthalter von Syrien, vom Clan der Omayaden (Umayyaden; arabisch Umawiyyun oder Banu Umayya) aus Mekka. Es kam zu einer Art Bürgerkrieg im Arabisch-Islamischen Reich, zwischen den Anhängern der Aliden (der Schi’at Ali, der „Partei Alis“)(21) und der Omayaden, ausgetragen vor allem im mesopotamisch-syrischen Grenzbereich. Am Ende dieser ersten „Fitna“ (interne Auseinandersetzung) wurde Kalif/Imam Ali 661 getötet. Alis Sohn Hassan wurde zunächst Nachfolger, fünfter Kalif. Er musste nach einem halben Jahr abtreten, Muawyia setzte sich als neuer Kalif durch. Hassan blieb Imam, beanspruchte (für sich und seine Familie) weiterhin die Führung des Reichs und der Religion.

In der Schlacht von Kerbala (Mesopotamien/Irak) 680 kämpften die Schiiten unter Hassan gegen die Sunniten unter dem omayadischen Kalifen Yazid. Wahrscheinlich kann man erst nach dieser Schlacht (die einen sunnitischen Sieg brachte) von „Sunniten“ und „Schiiten“ sprechen, kam es wirklich zu dieser Spaltung im Islam. Die Sunniten gaben die Macht bzw das Kalifat nicht mehr aus der Hand, bis zum Machtverlust der Abbasiden ab dem 9. Jh. Die Spaltung(22) war nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische(23), die schiitischen Imame stellten eine Art Gegenregierung zum Kalifat dar, mit wenig Macht.(24) Ein wenig paradox ist es, dass es eigentlich die Linie der schiitischen Imame war, die das Erbe der Raschiden fortsetzte, der Verwandten Mohammeds. Damals gab es kaum Moslems ausserhalb dieses Reichs, (fast) alle lebten in diesem, aber lange nicht Alle in dem Arabischen Reich waren Moslems. „Araber“ und „Moslem“ war damals aber praktisch kongruent; Christen in Syrien oder Ägypten (die heute auch als „Araber“ gesehen werden) hatten noch eine eigene nationale Identität. Die Umma, die „Gemeinschaft der Moslems“ (die [fast] alle im Arabisch-Islamischen Reich kämpften), war (früh) gespalten, in Sunniten und Schiiten. Dann gab es im Reich die „Spaltung“ in Araber und Andere (Perser, Syrer,…). Wobei es von diesen Nicht-Arabern (religiös v.a. Christen und Zoroastrier) eine stetige Konversion zum Islam gab, aus verschiedenen Gründen.(25)

Dass sich unter den Persern/Iranern der schiitische Islam durchsetzte, ist eine komplexere Sache (und war erst mit der Machtergreifung der Safawiden entschieden!), aber es hatte sicher damit zu tun, eine „dissidente“ Rolle einzunehmen, eine Gegenposition zum vor-herrschenden sunnitischen Islam. Wobei auch der schiitische Islam eigentlich eine arabische „Kreation“ ist. Die Spaltung in Sunniten und Schiiten war Teil der „2. Fitna“, die sich auch während der Expansion des Reichs und der Religion, in Nordafrika, abspielte. Unter den Omayaden wurde die Iberische Halbinsel (Reiche der Westgoten und der Sueben) eingenommen (von wo aus die Araber dann in das Frankenreich einfielen) und die Ostränder Persiens, an den Übergängen zu Turkestan/China bzw Indien. Das Arabisch-Islamische Reich erreichte unter den Omay(y)aden-Kalifen seine grösste Ausdehnung. Es reichte damals, im 8. Jh, von Iberien bis an die Grenzen Indiens und Chinas, jene von Abessinien und dem Frankenreich. „al Andalus“, die Iberische Halbinsel nach der arabischen Eroberung im 8. Jh, war der westlichste und nördlichste Bereich des Reichs bzw des Kalifats.(26) In seiner grössten Ausdehnung umfasste dieses Arabische Reich etwa 11 Millionen km2 und 62 Millionen Einwohner, womit es eines der grössten Reiche der Weltgeschichte ist. Und, bald nach diesem Höhepunkt begann der Auseinanderfall.

Unter den Omayaden wurde Damaskus (Syrien) Reichs-Hauptstadt; das eigentliche Arabien (die Halbinsel) wurde wieder ziemlich bedeutungslos, geriet in eine Randlage. Dabei stammte die Omayaden-Familie ja aus Mekka. Der erste Kalif aus der Familie, Muawiya, liess in seiner Heimatstadt bauen. Schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde die Kaaba in Mekka 683 bei den Auseinandersetzungen zwischen dem omayadischen Kalifen Yazid und ʿAbdallāh ibn az-Zubair, der sich (unabhängig von den Schiiten) zum Gegenkalifen ausrief. 747 nahm ein kharidschitischer Rebell aus Jemen mit seinen Anhängern Mekka ein, wurde vom letzten Omayaden-Kalifen Marwan II. (bzw dessen Truppen) besiegt. Medina und noch mehr Mekka blieben spirituelle/religiöse Zentren des islamischen Reichs (und später der Moslems global), der Hejaz und Arabien wurden aber wieder Peripherie (im Arabisch-Islamischen Reich und überhaupt), verloren ihre politische Bedeutung (und damit auch die wirtschaftliche zT). Mit der Machtergreifung der Abbasiden wurde Bagdad Zentrum des Reichs und Arabien kam natürlich auch unter die Herrschaft dieser Kalifen.

Die Omayaden sahen und praktizierten den Islam als Religion der Araber (vielleicht noch mehr als die Raschiden). Während Berber, Ägypter, Syrer, Mesopotamier,… arabisiert wurden, behielten die Perser ihre Sprache und Identität (wenn auch nicht die religiöse), waren die grösste Minderheiten-Nationalität. Auf das Konfessionelle heruntergebrochen gab es in diesem Reich die grossen Minderheiten der Christen und Zoroastrier. In Ägypten war um das Jahr 1000 etwa die Hälfte die Bevölkerung christlich (Kopten), im „Grossraum“ Syrien mindestens ein Drittel (v.a. Syrisch- und Griechisch-Orthodoxe).(27) Persien blieb unter den raschidischen Kalifen überwiegend zoroastrisch, unter den omayadischen war noch immer mindestens die Hälfte der Bevölkerung zoroastrisch. In der Omayaden-Ära versuchten islamisierte Perser, den Islam als teilweise persische/iranische Religion darzustellen, um die Islamisierung zu fördern. Salman Farsi hätte grossen Einfluss auf Mohammed gehabt, und der Mythos wonach Imam Hussein Yazdgerds Tochter Shahrbanu (siehe Fussnote 17) geheiratet habe, dürfte vor dem Hintergrund erfunden worden sein. Mitte des 8. Jh gab es einen Aufstand moslemischer Perser gegen die Omayaden-Herrschaft, unter Führung von Abu Muslim Khorrasani, die eine andere arabische Familie, die Abbasiden, an die Macht brachte.(28)

Ein Blick nach Europa nun. Das (christliche) Frankenreich und das Arabisch-Islamische Reich sind etwa zur selben Zeit entstanden und untergegangen, und weisen auch sonst einige Parallelen zu einander auf. Das merowingische Königtum war anfangs ein Sakralkönigtum und stellte ein Symbiose römischer Vorbilder und eigener Traditionen dar. Chlodwig vollzog mit seiner Taufe 498 die Abkehr von alten Göttern, begann dann mit seinen Feldzügen. Im Arabisch-Islamischen Reich 750 der Dynastiewechsel von Omayaden zu Abbasiden, im Frankenreich 751 der von Merowingern zu Karolingern.(29) Henri Pirenne, in „Mohammed und Karl der Grosse“: die Ausbreitung des Islams (bzw seine Auswirkungen auf Europa) habe in Europa erst einen richtigen Bruch mit der Antike bewirkt, die Karolingerzeit stelle den Beginn des Mittelalters dar. Im Kalifat gab es aber keine Teilungen durch Erbkonflikte unter Herrscher-Söhnen oder inner-dynastische Teilungen die zu neuen Reichen führte; aber mit der Abspaltung des Omayadenreichs in Iberien doch so etwas „Ähnliches“ wie die Teilungen des Frankenreichs unter den Karolingern. Das Kalifats-Reich ging aber unter, weil die reale Macht an regionale Herrscher sowie Offiziere/Soldaten überging. Mit dem 911 Tod des letzten Karolingers im Ost-Frankenreich (Ludwig „das Kind“) ging die fiktive Einheit des (vormaligen) Frankenreichs zu Ende. Das Kalifat als rein religiöse Institution hielt sich über den Auseinanderfall des Reichs hinaus, bis ins 13. Jh. In den beiden Reichen gab es eine multi-gentile bzw multi-nationale Struktur mit Vorherrschaft der Franken bzw Araber, und eine Entwicklung zu Gleichberechtigung anderer Stämme bzw Völker.

750 also der Übergang vom Omayaden- zum Abbasiden-Kalifat, mit Mesopotamien (Bagdad) als Zentrum. Mit der Entmachtung der Omayaden in diesem Reich spalteten sich diese mit ihrer Herrschaft über die Iberische Halbinsel ab, regieren dort weiter; dies war der erste territoriale „Abfall“ von diesem Reich.(30) Mesopotamien hatte unter Achämeniden, Arsakiden und Sasaniden zu Persien gehört, war kulturell ziemlich stark persisch geprägt. Und Perser (und ihre Kultur) kamen unter den Abbasiden zu mehr Geltung – allerdings zum Preis einer stärkeren Islamisierung. Der Wechsel von Omayaden zu Abbasiden war für nicht-arabische Moslems vorteilig, für Nicht-Moslems nachteilig. Das Abbasiden-Reich war weniger ein arabisches als ein islamisches.   

Die Abbasiden waren mit Hilfe iranischer Moslems an die Macht gekommen.(31) Zoroastrier und Christen wurden unter den Abbasiden verfolgt und Erstere wurden in dieser Ära zur Minderheit in Persien. Moslemische Perser nahmen aber eine starke Stellung in diesem Reich ein, als Offiziere, Kleriker, Beamte, Händler oder Wissenschafter, wie die Barmakiden-Familie. Die Rohheit und Ungeschliffenheit der beduinischen Wüstenbewohner prägte eigentlich die Anfänge des Islams, ab den Abbasiden ist eine höhere Kultur auszumachen. Die Abbasiden-Zeit 750-850 war wahrscheinlich die Blütezeit dieses Islamischen Reich, obwohl es auch damals viele innere Machtkämpfe und interne Spaltungen gab. Ein „Unterkönigtum“ war in der Geschichte oft die Vorstufe zu Teilungen bzw Abspaltungen (> Brasilien, Frankenreich, Jugoslawien,…), auch die Kalifen verloren allmählich Macht an regionale Statthalter/Herrscher, auch wenn diese (zunächst noch) ihre Oberherrschaft anerkannten. Teilweise wurde diese Entwicklung dadurch begünstigt, dass diese Regionalherrscher eine Art Autonomie von nicht-arabischen Völkern herstellten. Die Tahiriden etwa waren (ethnisch persische) Gouverneure der Abbasiden-Kalifen über Chorassan/Khorasan, agierten aber zunehmend unabhängig. Die Buyiden, schiitische Perser, herrschten um die Jahrtausendwende in grossen Teilen Persiens und Mesopotamiens. In Nordafrika gab es die Fatimiden oder die Idrisiden in Nordafrika, in Syrien Toluniden oder Hamdaniden.

Ab Ende des 9. Jh herrschten die Abbasiden direkt/effektiv nur über Mesopotamien, auch dort gerieten sie dann unter die Kuratel von türkischen Offiziern (ehemalige Militärsklaven) und persischen Beamten, dann auch regionale Herrscher. Mesopotamien/Irak war unter den Abbasiden Kalifats-Kernland, aber das Kalifat wurde mehr und mehr in die Rolle eines geistigen Oberhaupts (und lokalen Herrschers) zurückgedrängt. Erinnert etwas an die Entwicklung der Moguln in Indien. Zur selben Zeit ging das das Imamat der Schiiten unter, 878 „verschwand“ der zwölfte Imam der schiitischen Hauptrichtung, Mohammed Ibn Hassan („al Mahdi“), es wurde kein Nachfolger mehr gewählt.(32) Das Abbasiden-Kalifat verlor die Macht im Hoch-Mittelalter, zunächst an Regionalherrscher (oft nicht-arabischer Ethnizität oder Herkunft), die tatsächliche Machthaber wurden und sich zT dezidiert abspalteten, dann an v.a. turkstämmige Sklavensoldaten; es blieb zT Oberherrscher über die regionalen islamischen Machthaber, behielt jedenfalls eine Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Und ging dann gegen die Mongolen unter.

Der Islam hat(te) einerseits einen universalistischen Anspruch, andererseits gab es eine Privilegierung und eine Vormachtstellung von Arabern – erst unter den Abbasiden änderte sich das. Viele Konvertiten („Mawali“)(33) traten zur Schia über, aufgrund der Diskriminierungen die sie (als Moslems) erfuhren. Der abbasidische Widerstand gegen die Omayaden nutze diese Spannungen hauptsächlich zwischen Arabern und Persern auch aus für seinen Umsturz; als sie das Kalifat dann inne hatten, räumten sie Persern Gleichberechtigung ein, sofern sich diese dem Islam anschlossen, ihre Schriften auf Arabisch verfassten und sich dem Kalifat unterordneten. Nach der Abu Muslim – Ermordung gab es Widerstand von Persern gegen die islamisch-arabische Herrschaft, in Form einer Wiederbelebung der Mazdak-Religion unter Babak Khorramdinam. Die Abbasiden begannen im 9. Jh wie gesagt die Kontrolle über das Reich zu verlieren. Nun, da es kaum noch eine arabische Vorherrschaft im islamischen Reich gab (bzw kaum noch ein Reich als solches), erhoben sich nicht-arabische Völker, hauptsächlich Berber/Mauren, Syrer/Aramäer, Ägypter, Perser(34), in einer Bewegung, die Schuʿūbīya oder Shuubiyah (الشعوبية) genannt wird, im 9. und 10. Jh. Im Zuge des Auseinanderfalls des Arabisch-islamischen Reichs kamen auch (aus Zentralasien stammende) Türken zu Bedeutung in ihm.

Mit dem Zerfall des Reichs bzw Verfall des Kalifats kehrten in Arabien wieder Stammesherrschaften ein bzw regionale Fürsten. Das galt insbesondere für das Landesinnere der arabischen Halbinsel (Najd, Nefud, Asir), dieses blieb von nun (Hoch-Mittelalter) ausserhalb grosser Reiche und Kulturen – bis im 20. Jh die Sauds von dort aus ihren Staat gründeten. Wichtig von Arabien blieben nur die Küsten, im Süden (Jemen, Oman), Osten (Golf), besonders aber im Westen, der Hejaz, mit den heiligen islamischen Städten (bzw Stätten in) Mekka und Medina, und der Nähe zu Afrika. Ab dem 10. Jh (und bis ins 20. Jh) ist die Herrschaft der haschemitischen Scharifen über Mekka und Medina bezeugt. Ihr Gebiet umfasst anfangs eben nur diese beiden Städte, im 13. Jh wurde es auf den restlichen Hejaz ausgedehnt. Das Scharifat von Mekka war ein quasi-unabhängiger Staat, aber über die Jahrhunderte hinweg waren die Scharifen durchwegs einem grossen islamischen Reich in der Region „unterstellt“. In abbasidischer Zeit entstanden, kam das Scharifat über den Hejaz nacheinander unter die Oberhoheit der Fatimiden, Ayyubiden, Mameluken und Osmanen. Die Haschemiten bzw Banu Hashim stammen aus dem Kuraish-Stamm, wie der Prophet.

Etwas das u.a. auch das marokkanische Königshaus (Alaoui), das ehemalige libysche (Senussi/Sanusya) oder die fatimidischen Aga Khans für sich beanspruchen (können). Der imamitische Teil der Ismailiten gründete im 10. Jh von Nordwest-Afrika aus ein Reich, nach dem Sturz der Toluniden und Aghlabiden dort, nahm Ägypten ein. Diese Fatimiden-Dynastie (bzw -Herrscherschicht) proklamierte sich auch zu Kalifen, Ausdruck der Gegnerschaft zu den Abbasiden in Mespotamien, deren Macht verfiel. Es waren die (schiitischen) Fatimiden, die Ägypten den (sunnitischen) Abbasiden abnahmen; das selbe taten sie dann auch mit dem Hejaz. Dann eroberten sie auch Gross-Syrien. Das Fatimiden-Reich war das bedeutendste islamische seiner Zeit (Hoch-Mittelalter), nahm den Abbasiden selbst einen grossen Teil der verbliebenen Macht ab. Die anderen Zentren der islamischen Welt waren damals Cordoba (Omayaden/Almoraviden) und Bagdad (Abbasiden). Bereits im 9. Jh gründeten die Mahdisten unter den Ismailiten, die Karmaten, ihr Reich, an der arabischen Golfküste (al Ahsa). Es  hatte vom 9. bis zum 11. Jh Bestand, sein Zentrum war auf Bahrain. Der Karmaten-Staat umfasste den grössten Teil Ost-Arabiens. Vieles an der Karmaten-Kultur wurde als Un-Islamisch gesehen, v.a. von Sunniten. Aber auch mit dem Fatimiden-Reich gab es Kämpfe, in Syrien. 930(35) nahmen die Karmaten Mekka am Hejaz ein, entführten den Ka’aba-Stein, nach Bahrain. 951 kehrte er (nach Vermittlung der ebenfalls ismailitischen Fatimiden) nach Mekka zurück.      

Im 11. Jh wurden die Karmaten auf Bahrain von den Uyuniden besiegt, am ostarabischen Festland ebenfalls bald, mit Hilfe der Seldschuken. Das Uyuniden-Emirat dehnte sich bald über den Najd bis Syrien aus. Es wurde im 13. Jh von den Usfuriden besiegt. Im 14. Jh nahmen süd-persische Regionalherrscher Bahrain und Qatif ein, den Rest ihres Reichs verloren die Ufsuriden im 14. Jh an die (schiitischen, arabischen) Jarwaniden. Im 15. Jh übernahmen die Jabriden die Herrschaft in Ostarabien, „zusammen“ mit (bzw in Konkurrenz zu) den persischen Hormuz-Herrschern. In Südwestarabien/Jemen kamen im Zuge des Verfalls des (Abbasiden-) Kalifats die Sulaihiden und andere ismailitische Herrscher an die Macht, dann die saiditischen Rassiden. Die Ismailiten gingen im 12. Jh in Ägypten gegen die Ay(y)ubiden unter, die bald auch Syrien und Hejaz eroberten. Der Hejaz wurde weiter von Ägypten aus verwaltet, nach Fatimiden und Ayubiden war das dann auch unter Mameluken und Osmanen so. Turkvölker, ursprünglich aus/in Zentralasien, wurden von Persien aus islamisiert, sickerten im Hoch-Mittelalter ins Gebiet des Arabisch-Islamischen Reichs (Kalifats) bzw regionaler Herrschaftsgebilde ein oder wurden als Militärsklaven rekrutiert. Als diese in Kommandopositionen aufstiegen, dauerte es nicht lange, bis sie sich fragten, ob sie nicht selbst die Macht übernehmen konnten.

Ungefähr so kamen die Reiche der Ghaznawiden, Seldschuken, Karachaniden, Mameluken,… zu Stande; im eigentlichen Siedlungsgebiet (bzw nahe daran) entstand zB das Khanat der usbekischen Scheibaniden. In Iberien wurden die Omayaden im 11. Jh von den Almoraviden (die Berber waren) abgelöst, während die Reconquista „tobte“, es folgten Almohaden und Nas(i)riden, und am Ende des Mittelalters gab es dort mit Spanien und Portugal christliche Reiche statt eines moslemischem. Vom 11. bis zum 13. Jh die Kreuzzüge europäischer Mächte in den moslemisch gewordenen Raum, u.a. nach Palästina. Der Prozess des Untergangs der Macht des abbasidischen Kalifats (der eigentlichen Zentralmacht) kam erst im 13. Jh zum Abschluss, als die Mongolen (nach dem Tod von Dschingis Khan) über Zentralasien und Persien in Mesopotamien/ Irak eindrangen und den letzten Kalifen töteten, 1258. Die Mongolen rückten auch nach Westasien vor, beendeten die Ayubiden-Herrschaft in Syrien, rückten nach Ägypten vor – wurden 1260 bei Ayn Djalut in Palästina von den ägyptischen Mameluken „empfangen“ bzw besiegt.(36) Die Zeit vom Hoch-Mittelalter bis in die frühe Neuzeit war also für den islamischen Raum (Nordafrika-Westasien-Zentralasien) eine des Entstehen und Untergehens von Reichen/Staaten, dem Ende des Kalifats (lange nach Ende seiner Bedeutung), der Dominanz nicht-arabischer Akteure. Inwiefern das Fatimiden-Reich ein arabisches war, darüber kann man diskutieren.

Mehr oder weniger war es das, somit das letzte bedeutende arabische und es ging etwa mit dem Ende des Hoch-Mittelalters unter.(37) Die maximale Expansion des Islamisch-Arabischen Reichs war eben unter den Omayaden erreicht (wobei dieses Reich aber damals schon innerlich gespalten war), unter den Abbasiden dann mit dem Omayaden-Reich in Iberien die erste Abspaltung, es folgten viele weitere; und die Arabische Halbinsel wurde grossteils wieder bedeutungslos. Es gab aber weitere Ausbreitung- und Expansionswellen des Islams, über den Machtverlust der Araber hinaus, in Zentralasien, Indien, Schwarzafrika, Südost-Asien, am Balkan (Südosteuropa), etwa durch Türken und Perser.  Zuvor Konvertierte wurden selbst „Missionierer“(38) in dieser zweiten Runde der Expansion des Islams; die Samaniden-Herrscher waren etwa zoroastrische persische Adelige (im Sassaniden-Reich) gewesen, die zum (sunnitischen) Islam konvertierten, dann im Abbasiden-Reich eine Rolle spielten und sich dann unabhängig machten. Indien wurde grösstenteils moslemisch erobert (so unter den Moguln), die Bevölkerung wurde aber grösstenteils nicht moslemisch (blieb hauptsächlich hinduistisch) – es gab also Unterschiede bei der „Ausbreitung“ (Eroberungen/ Konversionen). Und es entstand auch eine islamische Diaspora, Moslems in nicht-moslemischen Staaten.(39)

An der Wende zur Neuzeit entstanden (oder expandierten entscheidend) die drei islamischen Grossreiche der Osmanen, Moguln, und Safawiden. Zu jener Zeit also, als das letzte islamische Reich auf der Iberischen Halbinsel, das Emirat Granada (unter den Nasriden), unterging. Daneben gab es einige kleinere islamische Reiche, in Asien und Afrika, wie das Mali-Reich in Westafrika. Das osmanische war das wichtigste, wegen den Kontakten mit Europa, der Übernahme (bzw Wieder-Aufnahme) des Kalifats, und der Herrschaft über die heiligen Städte/Stätten am Hejaz. Das Osmanische Reich wurde von Türken/Türkisierten geführt, und Araber/Arabisierte machten die Mehrheit der Bevölkerung aus, schliesslich wurde nahezu die gesamte Arabische Halbinsel dem Reich eingegliedert, ausserdem Mesopotamien/Irak, Gross-Syrien, Ägypten und das restliche Nordafrika. Wenn man von „arabischen Gebieten“ (oder „Arabien“) sprach, war nun nicht mehr nur die Arabische Halbinsel gemeint, sondern der gesamte nun Arabisch-sprachige Raum von Marokko bis Irak. Von diesen Gebieten hatten zu osmanischen Zeiten eigentlich nur der Hejaz, Ägypten, der Grossraum Syrien (mit Palästina) grössere Bedeutung.

Unter Sultan Selim I. eroberten die Osmanen 1517 Mekka und Medina von den Mameluken, weiteten ihr Gebiet um den restlichen Hejaz aus, die daran anschliessende Asir-Region, dann die Golfküste (Ost-Arabien). Die Osmanen beanspruchten die Oberherrschaft (Suzeränität) auch über das Landesinnere der Halbinsel (Najd), wo es regionale bzw tribale Herrscher gab. Und, zeitweise gelang es ihnen auch, Südarabien, also Jemen und Oman, zu beherrschen. Osmanische Herrschaft über die Westküste Arabiens (Hejaz und Asir) und Ostarabien (u.a. Hasa/Ahsa/Lahsa) war aber nie vollständig (wenn sie auch länger dauerte als jene über die Südküste), genau so wenig wie über Nordwestafrika/Maghreb. In (bzw von) diesen Ländern kontrollierten die Osmanen nur die Häfen bzw den Schiffsverkehr vor der Küste ordentlich. Schliesslich waren in der frühen Neuzeit portugiesische Schiffe unterwegs, die Stützpunkte anzulegen beabsichtigten, auch an den Küsten des Roten Meeres, des Persischen Golfs und des Arabischen Meeres (wenn man so will, alles Nebenmeere des Indischen Ozeans). Die Küsten Arabiens waren (und sind) ausserdem die bevölkerungsreichsten Gebiete der Halbinsel. Der Hejaz war natürlich auch als Wiege des Islams von Bedeutung, die Herrschaft darüber verlieh den Osmanen Legitimität (nicht zuletzt in der islamischen Welt), hatte jährlich ein hohes Aufkommen an Pilgern, die für Steuer- und Handelseinnahmen sorgten.

Am Hejaz herrschten die Scharifen von Mekka weiter, nun eben (ab 1517) unter osmanischer Oberhoheit; die Soldaten des Scharifen „expandierten“ auch nach Asir und Teile des Najd. Die Osmanen verwalteten den Hejaz anfangs als Teil des Eyalets (Provinz) Ägypten, gründeten dann das Eyalet Habesh (ایالت حبش‎, Eyālet-i Ḥabeş), auch bekannt als Eyalet von Habesh und Jeddah oder Eyalet Jeddah. Es umfasste auch ein Gebiet auf der gegenüberliegenden, afrikanischen Küste des Roten Meeres (Gebiete die heute zu Eritrea und Sudan gehören). Es gab einen osmanischen Gouverneur in der Verwaltungs-Hauptstadt Jeddah/Jidda, ständige osmanische Garnisonen meist nur in Medina und Jeddah. Für „innere“ Angelegenheiten waren die haschemitischen Sharifen zuständig. Das Eyalet Jemen umfasste eigentlich nur den Norden (bzw Westen) Jemens, und es ging im frühen 17. Jh an den jemenitischen Saiditen-Staat verloren; die Osmanen gewannen die Kontrolle darüber im 19. Jh wieder. Oman, teilweise zu Südarabien, teilweise zu Ostarabien zugehörig, behielt grösstenteils seine Unabhängigkeit, unter Dynastien wie den Nabhani, den Yaruba, den Said.(40)

Die Portugiesen versuchten auch, sich in Ostarabien bzw der Golfküste festzusetzen. Die Osmanen schufen dort das Eyalet Basra, dann das Eyalet Lahsa. In Nachbarschaft zum safawidischen Persien, kam die Region im 17. Jh unter Herrschaft der arabischen Stammes-Konföderation der Bani Khalid, die aber auch die osmanische Oberherrschaft anerkennen mussten. Das Landesinnere (Najd) wurde ja meist von auswärtigen Herrschern allein gelassen, auch die Osmanen hatten darüber kaum Kontrolle, auch wenn sie Oberhoheit darüber beanspruchten. Zu Zeiten, als die Osmanen die Kontrolle über die Golfküste verloren (17.-19. Jh), hatten sie über den Najd schon gar keine Kontrolle. In diesem Raum behielten Stammesherrscher das Sagen, kam es (zunächst) nicht zu überregionalen Herrschaftsbildungen. Vor allem die Saud- und die Raschid-Familie wurden dort wichtig. Schon aus der Zeit vor der osmanischen „Inbesitznahme“ der Arabischen Halbinsel, im 15. Jh, ist ein Manʾ al-Muraydī as-Saʿūd, in Zentralarabien bezeugt. In Mekka am Hejaz wurde 1630 die Kaaba bei einer Überschwemmung so schwer beschädigt, dass sie zusammenzustürzen drohte. Dies veranlasste den osmanischen Sultan Murad IV. zu einem Neubau, der heutige Bau stammt aus dieser Zeit. 

Im 18. Jh dann gelang dem Saud-Clan im Najd eine neue Einigung der arabischen Stämme und Errichtung eines Staatswesens, wie einst Mohammed Ibn Haschemi. Oberhaupt der Al-Saud war damals Scheich Mohammed Ibn Saud, Stammesherrscher in ad Diryah, einer Oasensiedlung, die im 15. Jh von den Sauds gegründet sein dürfte. Er schloss sich im Jahr 1744 mit dem fundamentalistischen islamischen „Reformer“ Mohammed Ibn Abd el-Wahab zusammen, der Begründer des wahabitischen Islams war. Das Herrschaftsgebiet umfasste den grössten Teil des Najd, des Landesinneren der Arabischen Halbinsel, und wurde bald in osmanisches Gebiet (Hejaz, Lahsa) expandiert. Hauptstadt des Staates wurde wurde Diryah in seinem Kerngebiet, unweit des damals bedeutungslosen ar-Riad. Dieser „erste saudische Staat“ wurde/wird auch „Emirat von Najd“ genannt oder „Emirate von Diryah“, bestand 1744 bis 1818. Dieser Saudi-Staat umfasste in seiner grössten Ausdehnung mehr Gebiet als Saudi-Arabien dann (der zweite saudische Staat dann etwas weniger). Mit ihm begann der Aufstieg der Saud-Dynastie, wurde die ideologische Basis für den heutigen Staat gelegt. Was natürlich auch mit der Allianz mit dem Wahhabismus zu tun hat, dieser strengen Form des sunnitischen Islams.

Krieger des Saudi-Staats zerstörten 1802 teilweise Kerbala im südlichen Irak /Mesopotamien/ Beth Nahrin(41), eine für Schiiten äusserst wichtige Stadt, nahmen 1803 Mekka ein, das im Gebiet der haschemitischen Sharifen und ihrer osmanischen Oberherrscher stand. Dieses „erste Saudi-Arabien“ bestand 75 Jahre lang, bis zur osmanischen (Rück-) Eroberung unter Mohammed Ali und seinem Sohn und General Ibrahim Pascha 1818. Mohammed Ali, ein Albaner, war nach der französischen Invasion in Ägypten um die Jahrhundertwende (1800) zunächst zum Vali (Gouverneur) des Eyalets (Provinz) Ägypten aufgestiegen war, dann seine Macht dort ausbaute (v.a. durch Ausschaltung der Mamluken). 1811 begann die Armee unter Mohammed Ali mit der osmanischen Rückeroberung der Arabischen Halbinsel, drang über den Sinai in den Hejaz vor, dann auch in den Najd vor, nahm 1818 Diryah ein. Herrscher Abdullah al Saud wurde gefangen genommen und in Istanbul getötet. Der Hejaz wurde danach von Ägypten regiert, somit von Mohammed Ali, der auch Syrien einnahm. 1841 (nach anderen Angaben 1845) musste er diese Gebiete aufgeben, dafür wurde seine Herrschaft in Ägypten (bei Beibehaltung osmanischer Oberhoheit) anerkannt.

Die osmanische Herrschaft war wieder her gestellt, aber die Sauds und die Wahabiten blieben nach ihrer Niederlage gegen die Osmanen motiviert. Und Ägypten musste de facto an Mohammed Ali abgetreten werden. Der Niedergang des Osmanischen Reichs hat nach der Niederlage in Wien Ende des 17. Jh begonnen, und im 19. Jh ging es Schlag auf Schlag, daran konnten auch die vielen Reformbemühungen nichts ändern. Vor Allem warfen europäische Mächte, voran die Briten begehrliche Blicke auf die den Osmanen unterstehende Gebiete (ausserdem auf Zentralasien, Südasien,…). Tief im Inneren Arabiens entstand 1824 ein „zweiter saudischer Staat„, das Emirat Najd, mit Riad als Hauptstadt, bzw als Herrschersitz, der damals allmählich zu einer Stadt wuchs.(42) 1891 besiegte der Al Rashid-Clan, der über das Emirat von Jabal Shammar, ebenfalls im Najd, herrschte, den Saudi-Staat. Viele Jahrzehnte hatte es zwischen den Staaten dieser Familien Konflikte gegeben. Die Sauds mussten ins Exil nach Kuwait gehen, das seit dem späten 18. Jh ein unabhängiges Scheichtum unter den as-Sabah war. In Ostarabien entstanden in der Neuzeit weitere unabhängige Emirate. Das osmanische Lahsa-Eyalet war ja schon im 17. Jh von den Banu Khalid „aufgelöst“ worden. Sowohl der erste als auch der zweite saudische Staat hatten an die Golfküste expandiert.

Im 19. Jh meldeten sich dort die Osmanen wieder zurück, gründeten den Sandjak Najd – der aber eben nicht Najd, das Innere Arabiens umfasste, sondern den Norden der Golfküste (Hasa/Ahsa/Lahsa). Der Sandjak gehörte zum Vilayet Bagdad (1871-1875), dann zum Vilayet Basra. Am Hejaz versuchten die Osmanen im 19. Jh nach Mohammed Ali und den Sauds ihre Herrschaft wieder zu festigen, weiter mit den Haschemiten als „Unterherrscher“. Es wurde 1872 das Vilayet Hejaz geschaffen, an Stelle des Eyalets Habesh, im Rahmen einer Verwaltungsreform die Eyalets durch Vilayets ersetzte (die weiter in Sandjaks unterteilt waren). Das Vilayet Hejaz erstreckte sich südlich von der Stadt Ma’an (Vilayet Syrien) bis zum Vilayet Jemen. Die osmanische Herrschaft über Arabien war aber im 19. Jh in’s Wanken gekommen. Die Briten kontrollierten einen Grossteil der Golfküste Arabiens, waren ausserdem in Ägypten, Persien,… Die Franzosen hatten sich grosse Teile des Maghrebs gesichert und Libanon von Syrien abgetrennt (bei Beibehaltung osmanischer Hoheit darüber). Doch Jemen wurde im 19. Jh nochmal osmanisch. Das Eyalet, später Vilayet, Jemen umfasste den Asir (als Sandjak), aber wiederum nicht den Süden Jemens, der (mit Hadramaut) als Aden Protectorate unter britischer Kontrolle stand. 

Das Osmanische Reich verlor vor dem 1. Weltkrieg fast Alles in Europa, Alles in Afrika(43); von Kleinasien zog sich das osmanische Territorium bis fast an die Südspitze Arabiens. In dem Zustand, in dem sich das Reich befand, war fast Alles (was es noch hatte) strategisch wichtig. Auf das Innere der Arabischen Halbinsel (Najd) erhob das Sultanat weiterhin Ansprüche, in der Realität befand es sich weiterhin ausserhalb seiner Kontrolle. Der Saud-Clan hatte sich Ende des 19. Jh ja in’s Emirat Kuwait zurück gezogen (das auch unter britischem „Schutz“ stand). Und hatte Pläne für die Halbinsel, die sich zT mit den britischen deckten. Auf der Arabischen Halbinsel waren (und sind) die drei Küstenregionen die entwickeltsten, bevölkerungsreichsten und (strategisch, wirtschaftlich) wichtigsten Teile. Die Westküste (Rotes Meer, Hejaz) und den Norden der Ostküste (Golf, Hasa/Ahsa) wurde von den Sauds beansprucht für einen künftigen Staat; die Südküste (Jemen, Oman) und die südliche Golfküste hatten sich historisch und politisch (zT auch ethnisch) eigenständig entwickelt.

In der Spätphase des Osmanischen Reichs zielten diverseste Nationalbewegungen auf (Abspaltung von) Gebiete(n) dieses Reichs ab, von Griechen über Araber bis Zionisten, ausserdem die Grossmächte Grossbritannien und Frankreich. Ein arabischer Nationalismus, wie er im 19. Jh entstand, ging von einer Nation der Arabisch-sprachigen von Marokko bis Irak aus, die ethnisch, religiös und kulturell äusserst diversifiziert waren und unter verschiedenen Fremdherrschaften standen. Die meisten Theoretiker dieses Nationalismus‘ waren Syrer und Libanesen (wie Sati al Husri oder Michel Aflak), viele davon Christen (v.a. griechisch-orthodoxe). Die Mehrheit der Araber soll sich aber als Untertanen des Osmanischen Reichs gesehen haben. Die Sauds im kuwaitischen Exil und die Haschemiten am Hejaz hatten eigene Vorstellungen von einer arabischen Nation. Und dann gab es natürlich auch diverse islamische Erneuerungsbewegungen. Darunter auch die Wah(h)abiten und andere Salafisten. Nach dem osmanisch-saudischen Krieg (auch osmanisch-wahhabitischer Krieg genannt) von 1811-18 verfuhren die Osmanen mit den religiösen Führern des Aufstands ziemlich harsch, richteten Sulayman ibn AbdAllah und Andere hin. Die Wahabiten waren weiterhin mit den Sauds verbündet.

1902 drang Saud-Führer Abdul Aziz mit Anhängern und Unterstützung des Emirs von Kuwait im Najd ein, eroberten Riad und Umgebung zurück, das zum Emirat Ha’il (Jabal Shammar) gehört hatte, geführt vom Haus Raschid, eines der Stammesfürstentümer im Najd. Bei dieser „Schlacht um Riad“ spielten erstmals die Ikhwan eine Rolle, eine Reitermiliz aus ursprünglichen beduinischen strengen Moslems, ganz dem Wahabismus gewidmet. Dieser „dritte saudische Staat“ wurde die Keimzelle des jetzigen Saudi-Arabiens. Er wurde zunächst „Emirat von Najd“ genannt, manchmal auch „Emirat von Riad“, und der Emir war natürlich ein Saud, Abdul’aziz. Das restliche Emirat Ha’il (bzw Jabal Shammar) war bald in einem neuen Krieg mit dem Saudi-Staat bzw dem Najd-Emirat. Wobei die al Raschids pro-osmanisch waren und von diesem Reich auch unterstützt wurden in diesem Krieg (1903–1907, „Erster Saudi–Raschidi Krieg“). Der Saudi-Staat umfasste nun das Zentrum des Najd. Im Asir, Teil des osmanischen Vilayets Jemen entstand 1906 unter den Idrisiden (nicht zu verwechseln mit den marokkanischen) ein Emirat.

Abdelazis al Saud ritt 1913 zusammen mit den Ikhwan (unter Faisal Al-Dawish) in die Nordküste Arabiens ein (Hasa/Ahsa/Lahsa), die ja als Sandjak Najd Teil des Vilayets Basra war. Die Region wurde in sein Emirat integriert, das nun den Namen „Emirat von Najd und Hasa“ bekam. Die Region Hasa war und ist der Siedlungsschwerpunkt von Schiiten auf der arabischen Halbinsel. Und anders als unter den Osmanen gab es unter den Saudis keine Toleranz für diese. Wahhabiten und andere Salafisten und die ihnen gewissermaßen zu Grunde liegende hanbalitische Rechtsschule lehnen Formen des schiitischen Islams in der Regel (als „nicht-islamisch“) ab. Nun kam es erstmals seit Jahrhunderten wieder zu Übergriffen gegen Schiiten in Arabien.     

Im 1. Weltkrieg, als die grossen multinationalen Reiche der Habsburger, Romanovs und der Osmanen auseinanderfielen(44), wurden diverse Volksgruppen von diversen Mächten unterstützt bzw instrumentalisiert (bzw wurde das versucht), gegen das Reich in dem sie lebten, selten uneigennützig: von den Ukrainern im Zarenreich über die Italiener in der Donaumonarchie bis zu den Arabern unter den Osmanen.(45) Am Schlimmsten endete diese Konstellation für die Armenier. Die Regierung Grossbritanniens wandte sich an den Sharifen von Mekka am osmanischen Hejaz, Hussein bin Ali al Haschemi, bezüglich eines arabischen Aufstands gegen ihren Kriegsgegner, die Osmanen. Zuerst hatte man sich an „Ibn Saud“ gewandt, einen Vertrag (jenen von Darin) abgeschlossen, dann aber auf dessen Konkurrenten „umgesattelt“.(46) Der britische Hochkommissar in Ägypten, Henry McMahon, wandte sich 1916 an die Haschemiten.

Scharif Hussein wollte, als Gegenleistung für eine arabische Revolte gegen das Osmanische Reich, ein Arabisches Reich im gesamten Mashriq, mit der Halbinsel, Irak, Syrien, Palästina. MacMahon stellte in seinen Briefen einen unabhängigen arabischen Staat (unter den Haschemiten) zwischen Ägypten und Persien in Aussicht (also das was gewünscht wurde), allerdings mit Ausnahme von Irak (wo Öl bereits eine Rolle spielte!) und Libanon, auch Kuwait und Aden dürften die Briten nicht zugesagt haben.(47) Der arabische Aufstand (الثورة العربية‎) gegen die Osmanen (unterstützt wenn nicht angefacht von den Briten) begann im Juni 1916 in Mekka. Scharif Hussein al Haschemi, politischer Führer des Aufstands, liess diesen beginnen, nachdem er erfahren hatte, dass in Syrien arabische Nationalisten auf Geheiss von Jungtürken-Führer Ahmet Jemal Pascha (der für den arabischen Raum zuständig war) hingerichtet worden waren, und dass osmanische Truppen mit ihren deutschen Verbündeten auf den Weg in den Hejaz waren.

Im November 1916(48) liess sich Haschemi zum „König der Araber“ ausrufen. Grossbritannien und Frankreich erkannten ihn allerdings nur als König des Hejaz (Hedschas) an. Militärischer Führer war Husseins Sohn Feisal (der Abgeordneter im osmanischen Parlament (gewesen) war); Thomas E. Lawrence („of Arabia“), der an Verhandlungen mit dem Scharifen beteiligt gewesen war, war eine Art Militärberater. Der Aufstand breitete sich vom Hejaz nach Syrien aus. Allerdings, die arabischen Soldaten der osmanischen Armee blieben grossteils loyal zu dieser; nur einige Tausend Araber (grossteils vom Hejaz) schlossen sich Feisals Armee an. Die haschemitische Armee nahm Mekka und Jeddah ein, zog im Oktober 1918 in Damaskus/ Dimasq ein. Der Feldzug half den Briten und Franzosen bei ihren Eroberungen der bislang osmanischen Gebiete in Westasien in diesem Krieg (Irak, Palästina, Jordanien,…). Hussein al Haschemi wurde König des Hejaz, wo die osmanische Herrschaft also wie überall in den arabischen/arabisierten Gegenden zu Ende ging.(49) Und Husseins Sohn Feisal herrschte 1918 bis 1920 zusammen mit den Briten über Syrien. Dass die Briten andere Pläne hatten für die Region als er und sein Vater, war damals noch nicht klar. Damaskus wurde Zentrum einer (pan-) arabischen Nationalbewegung, wobei der Haschemit an der „Schnittstelle“ zwischen alten/echten/südlichen und neuen/unechten/nördlichen Arabern stand.

Die Entente- bzw Alliierten-Mächte gewannen den Krieg, „erbten“ die bislang osmanischen Gebiete in Westasien; zT wurden diese ihnen von von ihnen dominierten Gremien oder Konferenzen zugesprochen. Der ost-arabische Staat in diesem Gebiet (von Palästina bis zumindest Syrien, inklusive der Halbinsel) den die Briten den Haschemiten für ihre Hilfe versprochen hatten, kam natürlich nicht zu Stande. Das 1917 von der bolschewistischen russischen Regierung öffentlich gemachte Abkommen, das von den Diplomaten Mark Sykes (GB) und Francois Georges-Picot (Frankreich) ausverhandelt wurde, stand im Gegensatz zu den schriftlichen Versprechungen von Henry McMahon an den Scharifen von Mekka. Und, der britische Aussenminister Arthur Balfour sagte L. Walter Rothschild 1917 die Schaffung eines jüdischen Staats in Palästina zu.(50) Der von den Haschemiten geführte arabische Aufstand hatte London anscheinend eher enttäuscht und in seiner imperialistischen/paternalistischen Haltung bestätigt, wonach die „arabische“ Region künftig von ihm kontrolliert werden müsse.

Viele heutige Problem in Westasien gehen auf Grenzziehungen der Sieger nach dem 1. WK zurück, wie Robert Fisk kommentierte(51). Zum Beispiel auf die Grenzziehung des Irak, im Südwesten, unter Einschluss der Anbar-Region. Aber nicht nur nach dem 1. WK…dieser McMahon hat ja auf der Konferenz in Simla in Indien 1913/14 auch die Grenze zwischen Tibet und Indien (damals britisch beherrscht) festgelegt. Oder die heutige Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan, 1893 von Mortimer Durand gezogen. Ob so ein angedachtes haschemitisches Königreich von Palästina bis Irak gut für die Region gewesen wäre, ist eine andere Frage. Für die Arabische Halbinsel als Alternative zu Saudi-Arabien, dazu unten mehr. Für Palästina wäre es sicher besser gewesen als das, was dann kam. Irak und Jordanien bekamen eine solche Herrschaft. Dazu ist auch zu sagen, dass es Strömungen in den Nationalbewegungen in Irak, Syrien, Libanon, Palästina,… gab, die auf politische Eigenständigkeit abzielten und ein eigenständiges Nationskonzept hochhielten (statt dem einer pan-arabischen Nation). Und, Fikret Adanir meinte (nicht ganz ohne Berechtigung), dass die neuen Konflikte in bzw zwischen Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs in Vorderasien, aber auch am Balkan, zT viel schärfer waren als jene unter der Türken-Herrschaft, ob in Palästina oder Makedonien. Das Konzept einer arabischen Nation ist in den arabisierten Ländern wie Ägypten oder Syrien sicherlich hegemonial, vielleicht mehr als in den eigentlichen arabischen Ländern auf der Halbinsel… Die arabischen Völker hatten ihre Unabhängigkeit im Zuge der Ausbreitung des Islams verloren, „ihrer“ Religion, begannen sie nach dem 1. WK wieder zu gewinnen.

Und die al Sauds? AbdulAziz al Saud, später als „Ibn Saud“ bekannt, Staatsgründer und erster König Saudi-Arabiens, kontrollierte sein Emirat von Najd und Hasa, das das Innere und den Nordosten der Arabischen Halbinsel umfasste. Er ging im 1. WK ein Bündnis mit den Briten gegen die Osmanen ein, hielt sich und seine Untergebenen aber von der Arabischen Revolte fern. Widmete sich lieber dem Kampf gegen die al Raschids, die ja auch mit den Osmanen verbündet waren. Das saudische Emirat grenzte an das haschemitische Königreich und diverse (andere) britische Protektorate im arabischen Raum, von Irak bis Oman. Und im Süden Arabiens machte sich 1918 Nord-Jemen unabhängig (als erster arabischer Staat!), schüttelte auch die osmanische Herrschaft ab. Der Süden Jemens blieb britisch. 1918/19 der erste haschemitisch-saudische Krieg um die Vorherrschaft in Arabien, der im Grenzgebiet zwischen Hejaz und Najd ausbrach, bei der Oase von Al-Khurma.

Die für „Ibn Saud“ kämpfenden Ikhwan waren siegreich, britische Intervention verhinderte aber noch ein Vordringen im Hejaz. Gleich darauf nahmen sich die Saudis Kuwait vor, das sie annektieren wollten. Dieser Krieg 1919/20 war für sie nicht von Erfolg gekrönt. Auf der Qqair-Konferenz 1922 wurden die Grenzen zwischen Najd und Kuwait festgelegt, und Ibn Saud überzeugte die Briten, seinem Staat einen grossen Teil kuwaitischen Territoriums zuzuteilen. Und erst 1940 hat Saudi-Arabien dieses Emirat anerkannt. Bis dahin gab es immer wieder saudische Überfälle. 1921 liess Ibn Saud seinen Staat um den Norden des Najd vergrössern, der das raschidische Emirat von Jabal Shammar bildete, nach der Hauptstadt auch Ha’il-Emirat genannt. In diesem „zweiten saudisch-raschidischen Krieg“ bildeten die Ikhwan-Reiter wieder einen Grossteil der saudischen Armee. Das Hail-Gebiet wurde in das Emirat von Najd und Hasa inkorporiert, das nun die Bezeichnung „Sultanat Najd“ bekam.

Feisal al Haschemi hielt sich nach dem Krieg einige Jahre in Damaskus auf(52), 1919 wurde anscheinend ein Emirat unter ihm über Syrien ausgerufen, als sich die Briten zurückzogen. Im März 1920 wurde er zum König von Syrien ausgerufen. Sein Bruder Abdullah, beim arabischen Aufstand/Kriegszug dabei gewesen, wurde am selben Tag zum König des (ebenfalls britisch beherrschten) Irak ausgerufen, er verzichtete/verweigerte aber. Feisal und der Syrische Nationalkongress unter Hashim al-Atassi beanspruchten ein Gebiet das der Region Syrien bzw Gross-Syrien entspricht, also mit Libanon, Antiochia, Palästina, dem späteren Jordanien. Was letzteres Gebiet betrifft, der Norden gehört historisch-kulturell zu Syrien, der Süden zur Arabischen Halbinsel. In osmanischer Zeit entsprach der Norden in etwa dem Sandjak Hauran, der Süden dem Sandjak Ma’an, beides Teile des Vilayets Syrien. Der vormalige osmanische Sandjak Ma’an (mit Akaba und der palästinensischen Nagab-Wüste) wurde 1918 von haschemitischen Kriegern besetzt.

Das Königreich Syrien erstreckte sich über den Norden des späteren (Trans-) Jordanien, beanspruchte aber auch den Süden, der auch von Feisals Vater als König des Hejaz beansprucht wurde. Die Briten anerkannten das Königreich Syrien nicht, hatten Syrien (und den Libanon) Frankreich „zugestanden“. So nahmen bereits im Juli ’20 französische Truppen das Königreich ein. Nach der dafür entscheidenden Schlacht von Maysalun wollte der Haschemit Abdullah intervenieren, rückte vom Hejaz über Transjordanien vor, wurde aber von Winston Churchill vom Plan der Intervention in Syrien zugunsten seines Bruders abgebracht. Feisal bekam 1921 den Irak als „sein Königreich“, auf das sein Bruder ja verzichtet hatte. Abdullah etablierte sich 1920/21 in den Gebieten die dann Transjordanien ausmachten, wurde (1921) von von Grossbritannien als Emir unter seinem Protektorat anerkannt. Gleichzeitig wurde es dem britischen Mandatsgebiet Palästina angegliedert, blieb das bis zu seiner Unabhängigkeit als Königreich 1946. Der Nagab/Negev wurde 1922 innerhalb dieses Mandatsgebiets von Transjordanien an Palästina transferiert. Der Syrische Nationalkongress unter Atassi wollte Palästina für Syrien, die Zionisten wollten Transjordanien (aber nicht dessen Einwohner) für ihren Staat in Palästina.(53)

Im März 1924 wurde in der neu gegründeten Republik Türkei das Kalifat (das die Osmanoglus inne hatten) abgeschafft; 2 Tage später proklamierte sich der damalige König des Hejaz, der Haschemit Hussein, zum Kalifen, bei einem Aufenthalt bei seinem Sohn in Transjordanien. Die Rezeption, in der islamischen Welt und bei den Briten, war wenig enthusiastisch. Und bald darauf verlor Hussein seine Machtbasis, jene die seine Familie jahrhundertelang inne gehabt hatte. Der wahrscheinlich wichtigste Schritt in der Entstehung/Schaffung Saudi-Arabiens war die Eroberung des Hejaz durch die Sauds 1924/25. Ibn Saud liess die Ikhwan in den Hejaz reiten, den „zweiten Saudi-Haschemiten-Krieg“ beginnen, auch Hejaz-Najd-Krieg genannt. Der von den Haschemiten beherrschte Hejaz (mit Mekka) wurde ’25 von den (davor östlich davon herrschenden) Sauds erobert. Die Briten entschieden sich, Hussain al Hashemi, der sich von ihnen gegen die Osmanen hatte einspannen lassen, nicht gegen die Saudis zu helfen. 1925 ging also nicht nur das haschemitische Königreich Hejaz unter (das nur 8 Jahre bestanden hatte), sondern auch das jahrhundertelange Scharifat der Haschemiten über Mekka und Medina (seit 968)(54). Der Hejaz ging, ohne Asir, 1925 an den Saud-Staat.

1926 proklamierte sich Ibn Saud zum König des Hejaz, 1927 erhob er auch den Najd zu einem Königreich (davor war es ein Sultanat). Für die nächsten 5 Jahre herrschte er in Personalunion über die Königreiche Hejaz und Najd, diese wurden aber gerne als „Königreich von Najd und Hejaz“ (Mamlakat al-Ḥijāz wa-Najd) bezeichnet. Die Erweiterung des dritten Saudi-Staats, der ab 1902 entstand, war fast komplett. Hussein bin Ali al Haschemi setzte 1925 seinen Sohn Ali noch als König des Hejaz ein, bevor die Familie vor dem saudischen Angriff fliehen musste. Die Haschemiten hatten auf der Arabischen Halbinsel keine Machtbasis mehr (dort waren sie von den Sauds vertrieben worden), hatten aber durch Gnade der Briten 2 Länder nördlich davon bekommen, Transjordanien und Irak. Hussein liess sich in Amman nieder, wo sein Sohn Abdullah Emir war (unter Aufsicht der Briten). Er hat anscheinend „im Exil“ weiter den Titel (bzw die Funktion) des Kalifen beansprucht(55), benahm sich weiter wie ein König, redete seinem Sohn hinein; dieser „schob“ ihn schliesslich nach Akaba (Aqaba) ab, im Süden des Landes, in Nachbarschaft zu „seinem“ Hejaz. Dieser Hussein wurde dann am Tempelberg/ Haram as Sharif in Jerusalem/ Quds begraben, nachdem dieser Teil Palästinas infolge von Nakba bzw israelischer Staatsgründung um 1948 zu Transjordanien gekommen war.

Die Sauds vom Najd setzten sich also auch im Hejaz durch, gegen die Hashims. Damit setzte sich deren wahabitischer Islam im Hejaz durch, im späteren Saudi-Arabien, und bekam Einfluss auf sunnitische Moslems in aller Welt.(56) Die Najdis, grossteils nomadische Wüstenbewohner, sehr tribal geprägt, zum Teil analphabetisch/illiterat, durften über die Küstenregionen im Westen (Hejaz) und Osten (Hasa) herrschen, Gesellschaften die ihnen in mancher Hinsicht überlegen waren. Die Ikhwan waren unverzichtbar bei der Errichtung Saudi-Arabiens (die mit der Eroberung des Hejaz fast abgeschlossen war), doch nun fand sich der Monarch in einem Konflikt mit ihnen. Seine ultrakonservative Auslegung des Islams, die er dem Staat aufzwang, war ihnen noch zu wenig. Die Ikhwan wollten zum Einen den saudisch-wahabitischen Staat ausdehnen, auch die (britischen Protektorate) Transjordanien, Irak und Kuwait zu überfallen. Ikhwan-Überfälle auf Transjordanien hatte es bereits ’22-24 gegeben, in den Irak drangen sie 1921 ein, töteten dort 700 Schiiten. Mit Duldung, wenn auch nicht mit Unterstützung von Ibn Saud.

Der sah nun aber einen potentiellen Konflikt mit den Briten, wollte die Ikhwan bremsen. Zum Anderen ging es den Ikhwan (die teilweise von religiösen Führern/Funktionären beeinflusst wurden) gegen die Modernisierung, die sie Ibn Saud im Inneren betreiben sahen, damit verbunden die Zahl der Nicht-Moslems im Land. So brach 1927 ein Aufstand der Ikhwan gegen das Doppelkönigreich aus, der bis 1930 niedergeschlagen wurde. Hauptsächlich Angehörige der Stämme Otaibah, Mutair und Ajman lehnten sich auf, fielen in Zuge dessen auch in Transjordanien, Kuwait und Irak ein. Im März 1929 die Schlacht von Sabilla, in der die Ikhwan von Einheiten treu zu Ibn Saud geschlagen wurden. Die Anführer des Aufstands wurden im Zuge der Kämpfe getötet, angeblich massakriert. In den folgenden Monaten gab es weitere Kämpfe, in der Region Jabal Shammar im nördlichen Najd sowie im Bereich des Awazim-Stammes im Nordosten (Hasa). Ein Anführer der aufständischen Ikhwan, Faisal Al-Dawish, floh danach nach Kuwait – wo ihn die Briten aber einfingen und an die Saudis auslieferten. Anfang 1930 gaben die letzten Aufständischen auf.

al Dawish starb 1931 in einem Gefängnis in Riad, Sultan bin Bajad, ein anderer Anführer, wurde im selben Jahr getötet. Die Ikhwan-Miliz wurde in die Armee des Doppelkönigreichs inkorporiert, aus der die saudi-arabische Armee wurde. Es wurden aber Konfliktlinien deutlich, die bis heute aktuell sind: Das zutiefst islamische Saudi-Arabien und jene Islamisten, denen es „zu verdorben“ ist… Diese Konstellation gab es bei der Besetzung der Grossen Moschee in Mekka 1979 (>) und ab etwa 1990, mit al Qaida bzw dann Daesh als Akteuren auch gegen den saudischen Staat. Juhayman al-Otaibi, der Anführer der Aktion von 1979, war sogar direkter Nachkomme (vermutlich Enkel) von einem Ikhwan der 1920er, der sich gegen die Sauds aufgelehnt hat. Viele der Ikhwan von damals starben im Gefängnis, viele ihrer Nachkommen blieben ablehnend gegenüber dem Staat Saudi-Arabien, reaktionärer/konservativer als dieser.

Ibn Saud liess 1930 die Asir-Region annektieren, wo ja ein Kleinstaat unter der Idrisiden-Dynastie entstanden war. Und, 1932 entstand schliesslich das Königreich Saudi-Arabien, durch die Vereinigung der Königreiche Hejaz und Najd (das auch Hasa umfasste), die zuvor in Personalunion (von Ibn Saud) geführt wurden. Damit kam die Schaffung des dritten saudischen Staats zum Abschluss; der 23. September an dem das 1932 geschah, wurde im Königreich Saudi-Arabien (Kingdom of Saudi-Arabia, KSA) zum Nationalfeiertag. Dieser Zug geschah mit Billigung der Briten, die damals übrigens alle Nachbargebiete Saudi-Arabiens unter ihrer Kontrolle hatten.

Es gab und gibt in Saudi-Arabien den König, seine Familie (die grösstenteils die Regierung stellt), ein Majlis al-Shura, ein nicht-gewähltes Notabeln-„Parlament“, das den König beraten darf. Das Gesellschafts- und Rechtssystem beruht natürlich auf der wahabitischen Auslegung des Islams. Ibn Saud hatte circa 28 Frauen, von diesen circa 50 Söhne und 36 Töchter. Sein ältester Sohn Saud bin Abdulaziz al Saud (im kuwaitischen Exil geboren) wurde 1933 zum Kronprinz ernannt.

Mekka 1935

Die Annexion des Asirs führte 1934 zu einem Krieg Saudi-Arabiens mit „Nordjemen“ (Kgr. Jemen), das die Region ebenfalls beanspruchte. Saudi-Arabien konnte seine Herrschaft darüber behaupten; im Vertrag von Ta’if in diesem Jahr musste Jemen das anerkennen. Wie erwähnt war Saudi-Arabien auch auf Kuwait aus und auch mit den Grenzen zu (Trans-) Jordanien und Irak tat man sich schwer. Die zwei nördlichen Nachbarn Saudi-Arabiens waren die beiden haschemitischen Monarchien Jordanien und Irak(57); beide standen gewissermaßen unter Vormundschaft Grossbritanniens, mehr als Saudi-Arabien. Das Gebiet nordwestlich von Saudi-Arabien, Jordanien, gehört historisch-kulturell-geografisch teilweise zu Arabien (der Halbinsel), teilweise zur Region Syrien; im Nordosten grenzt KSA an die südwest-irakische Provinz Anbar (früher Ramadi), die mehr Arabien als Mesopotamien ist (der Euphrat fliesst aber durch seinen nordöstlichen Rand), und die sunnitischste Gegend des Irak. Die Region, die vom Dulaim-Stamm dominiert ist, wurde wie gesagt nach dem 1. WK dem Irak zugesprochen.(58)

Wie erwähnt war Nord-Jemen (1918 Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich) der erste unabhängige arabische Staat (dort hatten saiditische Imame das Sagen), nicht Saudi-Arabien und Irak, die 1932 von GB formal „entlassen“ wurden (beide Gebiete standen zuvor ebenfalls unter osmanischer Herrschaft). Ägypten wurde 1922 de jure unabhängig von GB, dort zog sich der Prozess der Erringung einer echten Unabhängigkeit aber bis 1956, unter Nasser. Die Unabhängigkeit arabischer bzw arabisierter Länder kam überwiegend nach dem 2. WK – entweder von Grossbritannien oder von Frankreich. Bis dahin wurde (pan-) arabischer Nationalismus in diesen Ländern mehr oder weniger stark, aus Opposition zur europäischen Herrschaft. Als GB im 1. WK Araber zum Kampf gegen die Osmanen gewinnen wollten, hatten sie nationalistische arabische Ideologie gefördert…(59)

Der deutsche Psychologe und Autor Ludwig F. Clauss reiste 1927-31 in die westasiatische Region (hauptsächlich in das britische Protektorat Transjordanien und das semi-souveräne Königreich Hejaz-Najd), wo sich damals die heutige Staatenwelt heraus bildete, trat dort zum Islam über. Clauss hatte eine jüdische Lebensgefährtin (wurde daher aus der NSDAP ausgeschlossen), wurde aber aufgrund seiner „Rassenforschungen“ auch als „Wegbereiter der Nazis“ gesehen. Er brachte 1937 „Semiten der Wüste unter sich“ heraus, wo Araber (primär wahhabitische, mit denen er zusammen gelebt hatte) ethnologisch betrachtet werden. Wurde später von den Israelis (zeitweise!) als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Mohammed Asad wiederum wurde als Jude namens Leopolod Weiss in Österreich-Ungarn geboren, wanderte aus dem Österreich der I. Republik ins damals britische Palästina aus, dann nach Saudi-Arabien, konvertierte zum Islam und seinen Namen; später lebte er in Britisch-Indien bzw dann Pakistan sowie Spanien. In Saudi-Arabien kam er in die Nähe von Ibn Saud, in Pakistan wurde er Diplomat. Auch den Briten Harry S. „Jack“ Philby zog es ins spätere Saudi-Arabien. Er kam zunächst als Mitarbeiter des Geheimdienstes des Colonial Office (britische Kolonialverwaltung) in die Region, brachte dafür viele Sprachkenntnisse mit.

Er konvertierte 1930 zum Islam, heiratete eine Saudi-Araberin und wurde Berater von Ibn Saud, soll bei dessen „Vereinigung“ der Arabischen Halbinsel eine Rolle gespielt haben. Philby durchstreifte abgelegene und (zumindest für „Westler“) unbekannte Gegenden Arabiens, wie Asir. 1932 war er in der Wüste im Süden des Najd, der Rub al-Chali („Leeres Viertel“), suchte dort nach der Stadt Iram, von welcher in der Sure 89 des Korans steht, sie sei von Gott zerstört worden, da sich die Bewohner dem Propheten Hūd widersetzt hätten. Er fand drei Krater eines Meteoriten-Einschlags, dann Wabar-Krater genannt (ein Gebiet von der Fläche etwa eines halben Quadratkilometers). Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass der Einschlag im 18. Jh erfolgte.(60)

Philby half Ibn Saud auch bei Verhandlungen mit Grossbritannien, als 1938 Erdöl in Saudi-Arabien gefunden wurde… Geologen der US-amerikanischen Standard Oil Company bohrten ab 1933 in Saudi-Arabien nach Erdöl, hauptsächlich im Osten des Landes. Öl war im 19. Jh wichtig geworden in der Weltwirtschaft, als Brennstoff statt Kohle, wurde im 20. Jh immer wichtiger; in andern Ländern der Region, wie Irak, wurde es bereits gefördert – die strategische Wichtigkeit der Region für den Westen ergab und ergibt sich ja nicht zuletzt daraus. Standard Oil bzw Standard Oil of California errichtete für die Bohrungen eigens eine Tochtergesellschaft, die California Arabian Standard Oil Company (CASOC). Im März 38 wurde Öl in Dammam im Osten Saudi-Arabiens (Ahsa/Hasa) entdeckt, weitere Funde in der Gegend folgten.

Die Förderung in Saudi-Arabien begann 1941, eben durch die US-kontrollierte CASOC. 1943 oder ’44 wurde deren Name in Arabian American Oil Company (Aramco) geändert. Zumindest bis in die 1950er wurden weitere Ölfelder entdeckt, der Osten (bzw Nordosten), die Gegend um Dammam, des Landes blieb dabei der Schwerpunkt. Der „Ölboom“ löste einen Bauboom aus; es entstanden Raffinerien, Leitungen (Pipelines), Verladehäfen,… Mit steigendem Reichtum wurde auch die Infrastruktur des Landes ausgebaut. Dabei war sehr oft der Bin-Ali-„Clan“ mit seinen Firmen involviert. Wichtig wurden etwa die Trans-Arabian Pipeline, deren Bau von 1945 bis 1950 lief. Oder in Ras Tanura an der Golfküste eine Raffinerie und ein Verladehafen.(61)

Wie man weiss, hat das Erdöl Saudi-Arabien von Grund auf verändert. Es wurde neben dem Islam zum wichtigsten wirtschaftlichen und politischen „Faktor“ des Landes. War die Wirtschaft des Landes davor von karger Landwirtschaft und Einnahmen durch moslemische Pilger nach Mekka bestimmt, so wurde bald die ganze Wirtschaft auf das Erdöl ausgerichtet. Früher gingen Saudi-Araber oder Menschen aus den Gebieten, aus denen dieses Land entstand, in den Jemen oder Oman um zu arbeiten, nach den Ölfunden ist es umgekehrt. Wobei auch in anderen Ländern der Halbinsel Öl gefunden wurden, hauptsächlich in Kuwait, den Vereinigten Emiraten, Katar. Nach dem 2. WK kamen Menschen aus vielen Teilen der Welt (v.a. Südasien, Südostasien) in die Region, um dort zu arbeiten. Es heisst, dass der Zustrom von Gastarbeitern in Saudi-Arabien eine bestehende Xenophobie verstärkt hat.

Saudi-Arabien hat weltweit die zweitgrössten Ölreserven (hinter Venezuela!), wurde der zweitgrösste Produzent (hinter der USA), der grösste Exporteur des „schwarzen Goldes“, verfügt ausserdem über riesige Erdgas-Reserven. 1950 kam Aramco zu 50% in Besitz des Königreichs Saudi-Arabien, und auch eine Steuererhebung auf die Profite der (eigentlich US-amerikanischen) Gesellschaft wurde vereinbart. Das Öl verhalf KSA nicht nur zu Reichtum, sondern auch zu weltpolitischem Einfluss… Hauptsächlich gegenüber dem Westen – mit dem das Königreich im Wesentlichen verbündet blieb. So einfach das Leben auf der Arabischen Halbinsel war, bevor das Öl sprudelte, etwa ab den 1940ern änderte sich das rapide. Wobei wiederum hauptsächlich der Hejaz entwickelt wurde (oder sich entwickelte).

1953 starb der erste König der islamisch-konservativen Monarchie, „Ibn Saud“. Alle seine bisherigen Nachfolger waren/sind Söhne des Staatsgründers. Erster Nachfolger wurde wie geplant bzw festgelegt der Saud (bin Abdulaziz) al Saud. Er fand sich von Anfang an in einem Machtkampf mit dem nächstwichtigen Sohn Ibn Sauds, seinem Halbbruder Feisal. König Saud war zunächst sein eigener Premierminister (der erste Saudi-Arabiens!), dann wurde es Feisal. Dieser, zum Thronfolger/ Kronprinzen ernannt, übernahm zunehmend die Macht, 1964 wurde er nominell König, durch die Absetzung Sauds. Seit damals ist der König immer gleichzeitig auch Premier! Daneben gibt es de facto Premiers, wie jetzt Mohammed bin Salman (MBS) al Saud.(62) 

Die 50er und 60er waren eine Zeit der grossen Umwälzungen, der Modernisierung der Infrastruktur, von Liberalisierungen, von Unruhen in Teilen der Gesellschaft daher. Prinz Talal bin Abdulaziz al Saud, Sohn von Abdulaziz al Saud (alias Ibn Saud) und einer Armenierin, die den Masskern und Deportationen im untergehenden Osmanischen Reich entging, war ein Reformer, lebte in den 1960ern im Exil, weil er sich offen gegen das Königshaus in Saudi-Arabien stellte. Später zog er in das Königreich zurück und übernahm vor allem karitative Aufgaben, etwa als Sonderbotschafter für UNICEF. Er ist Begründer der ersten Mädchenschule in Riad und finanzierte die Studien zahlreicher saudischer Mädchen im Ausland.    

Nach dem 2. WK, im frühen Kalten Krieg, wurde die USA statt GB Saudi-Arabiens „Vormund“, die Orientierung des Landes am (bzw die Bindung an den) Westen blieb. Grossbritannien verlor mit dem Suez-Krieg 1956 seine „Polizisten“-Rolle in der Region Westasien-Nordafrika. Und, nach und nach wurden jene arabischen (bzw arabisierten) Länder in die Unabhängigkeit entlassen, die noch unter britischer Herrschaft standen: Trans-Jordanien 1946, Libyen 1951, Kuwait 1961, Süd-Jemen 1967; und Bahrain, Oman, Katar und VAE jeweils 1971, als letzte arabische Staaten.(63) Darunter waren also fast alle Nachbarn die KSA hat; neben Irak sind das Jordanien, Kuwait, Katar, Bahrain, VAE, Oman, und das mittlerweile vereinigte Jemen; von Ägypten und Israel/Palästina ist es durch den Golf von Akaba getrennt.(64)

Frankreich entliess den Libanon 1943-46 in die Unabhängigkeit, Syrien 1946, Marokko und Tunesien 1956, Algerien 1962. Saudi-Arabien war mit einigen Nachbarn in Grenzstreitigkeiten verwickelt. Zum Einen, ab den 1950ern, mit Abu Dhabi (dem wichtigsten der Vereinigten Arabische Emirate(65), das einzige dieser Emirate das ein „Hinterland“ hat und nicht an der Südostspitze Arabiens liegt) sowie Oman um die Buraimi-Region. Der Konflikt wurde erst im Abkommen von Jeddah 1974 beigelegt. 1952 bot Ibn Saud dem Herrscher von Abu Dhabi, Shakhbut al Nahayan, 42 Millionen Dollar – dies war für einige Jahre die höchste Bestechungssumme für eine Einzelperson – an, wenn er seinen Anspruch auf Buraimi aufgibt. Ebenfalls in Jeddah wurde 2000 der Grenzkonflikt zwischen Saudi-Arabien und Jemen geklärt.

(Trans-) Jordanien gewann infolge Nakba bzw Ha’atzmaut 1948 das Westjordanland hinzu, mit dem östlichen Jerusalem/Quds. Jordaniens König Abdullah, der Haschemit, betrieb absolut keine Palästinenser-freundliche Politik, unterdrückte palästinensische nationale Identität, wollte eine Expansion seines Jordaniens, war für eine Einigung mit Israel über die Köpfe der Palästinenser hinweg offen. Er wurde 1951 in Jerusalem von einem Palästinenser ermordet.(66) 1965 wurde die Grenze zwischen Jordanien und Saudi-Arabien neu gezogen. Das Herrscherhaus von Jordanien wie vom Irak stamm(t)en ja aus dem nunmehrigen Saudi-Arabien, wobei die Haschemiten den Saud(i)s alles Andere als freundschaftlich verbunden sind.

1952 gab es in Ägypten etwas zwischen Putsch und Revolution, nach einem tödlichen „Zusammenstoss“ ägyptischer Sicherheitskräfte mit britischen Soldaten in Ismailia, unter Generalstabschef Mohammed Nagib und dem Bund freier Offiziere, König Faruk (aus der Mohammed-Ali-Dynastie) wurde zur Abdankung gezwungen. Er hat noch seinen Babysohn (Ahmed) Fuad als neuen König eingesetzt, unter Regentschaft. 1953 setzte Nagib Fuad (II.) ab, erklärte Ägypten zur Republik und sich zum Präsidenten; und ’54 erst trat Gamal-Abdel Nasser in den Vordergrund, „schob“ Nagib „beiseite“. Nasser, der neue Herrscher Ägyptens, lehnte sich gegen den Westen auf, suchte Kontakte zum kommunistischen Staatenblock, wurde ein Feind Saudi-Arabiens, auch wegen dessen dem Imperialismus des Westens dienlichen Politik. Und, er suchte eine Führungsrolle unter den arabischen Staaten.

1958 kam es zu einigen Erschütterungen in der „arabischen Welt“, die alle (mehr oder weniger) die Stellung von Saudi-Arabien erschütterten. Im Irak wurde die Monarchie unter der haschemitischen Dynastie gestürzt, womit dieses Dynastie nur noch in Jordanien herrschte. Der neue Machthaber, Premierminister Abdelkarim Qasim, war ein irakischer Nationalist, kein Pan-Arabist. Und er beanspruchte Kuwait sowie Gebiete im Grenzgebiet zum Iran; und er erhob irakische Ansprüche auf Teile der saudi-arabischen Region al Hasa, die ja unter osmanischer Herrschaft zuletzt zum Vilayet Basra gehört hatte. Im Libanon gab es Unruhen, und, unter den Vorzeichen des Pan-Arabismus von Ägyptens Präsident Nasser vereinigten sich Ägypten und Syrien (die ja keine gemeinsame Grenze hatten/haben) zur Vereinigten Arabischen Republik (الجمهورية العربية المتحدة‎); bis 1961 schloss sich dann auch noch Nord-Jemen der Konföderation an.

Ein Spaltung zwischen den arabischen Staaten (so in der Arabischen Liga) im Kalten Krieg wurde vor diesem Hintergrund verschärft. Auf der einen Seite war der Block der konservativen und prowestlichen Monarchien (wie Saudi-Arabien, die anderen Golfstaaten) und Marokko und Republiken; auf der anderen Seite „revolutionäre“ Staaten wie Ägypten und Irak. Der Iran stand damals unter dem Schah übrigens in keinem Gegensatz zu Saudi-Arabien. Im Irak wurde Qasim 1963 gestürzt, und mit ihm die progressiven und emanzipativen Ansätze, von etwa jener internationalen Koalition (unter Einschluss Saudi-Arabiens), die dann auch Mursi in Ägypten stürzte. In Libyen wurde 1969 ein konservative Monarchie (unter einer Herrscherdynastie, die Wurzeln auf der Arabischen Halbinsel hatte) von einer Militärjunta unter Muammar Ghadaffi gestürzt. Ägypten löste unter Präsident Sadat (ab 1970) nicht nur die Vereinigung mit dem von der Baath-Partei regierten Syrien, es wandte sich auch vom Ostblock ab und dem Westen wieder zu.

Der Bürgerkrieg in Nord-Jemen 62-70 war (auch) ein Stellvertreterkrieg zwischen den beiden arabischen Lagern – so wie der Bürgerkrieg in Jemen heute (wieder mit Saudi-Arabien auf der einen Seite, auf der anderen der Iran). Auf der einen Seite die Regierung der 1962 ausgerufenen Republik, unterstützt hauptsächlich von Ägypten und Sowjetunion; auf der Gegenseite jene Jemeniten die der ’62 gestürzte Monarchie der saiditischen Imame anhingen, unterstützt von Saudi-Arabien und Grossbritannien.(67) Ägypten engagierte sich dort so sehr, dass wichtiges Personal fehlte, als Israel 1967 seine Invasion durchführte, nachdem ägyptische Truppen am Sinai zusammengezogen worden waren.

Im Oman kämpften etwa von 1965–1975 Truppen des Sultanats gegen jene der Popular Front for the Liberation of Oman and the Persian Gulf (PFLOAG), im Governorat Dhofar (Ẓufār), an der Grenze zu Süd-Jemen. Auf der einen Seite v.a. die VR Süd-Jemen und die SU, auf der anderen Seite v.a. der Iran, GB. Bemerkenswert ist, dass Saudi-Arabien die marxistisch-separatistischen Aufständischen unterstützte (PFLOAG, Nachfolgerin der DLF)(68) – genau so wie, aus heutiger Sicht, dass KSA im Jemen die Schiiten unterstützte. Grund war der Dreieckskonflikt zwischen Abu Dhabi (UAE), Saudi-Arabien und Oman um das Buraimi-Gebiet im Oman, an der Grenze zum Emirat Abu Dhabi. Saudi-Arabien beansprucht(e) einen Teil von Abu Dhabi sowie Buraimi, hat im Oman bereits in den 1950ern Aufstände unterstützt.

Die Saud(i)s unterstütz(t) eher Panislamismus als Panarabismus; arabischer Nationalismus hatte Verbindungen zum Ostblock, inkludiert(e) etwas Progressives, war/ist gegen westlichen Einfluss in der Region gerichtet. Islamisten wurden im Kalten Krieg auch vom Westen unterstützt, nach der weltpolitischen Wende wurde „Islam“ Gegensatz zum „Westen“. Früher hat man Islamisten gegen Nasser unterstützt, nun Mubarak oder Sisi gegen Islamisten. 1926 hat Ibn Saud in Mekka (kurz nach dessen Inbesitznahme) einen Kongress abgehalten, der seine Herrschaft über die heiligen Stätten islamisch sanktionieren sollte. Was so nicht geschah; doch auf Grundlage dieses Kongresses wurde 1949 in Pakistan der World Muslim Congress (WMC; Islamischer Weltkongress) gegründet. Der palästinensische Mufti Mohammed Amin al-Husseini spielte eine Rolle beim Kongress 1926 und im frühen WMC.

Arabische Liga HQ Kairo

1945 wurde die Arabische Liga gegründet, innerhalb derer es ja öfters Auseinandersetzungen gab. Die Gründung soll darauf zurückgehen, dass die Briten im 2. WK wieder arabische Kooperation brauchten, die pan-arabische Karte spielten, und zur Gründung der Organisation ermutigten, die dann eben am Ende des Kriegs stattfand. Stark unter saudi-arabischer Kontrolle steht die 1962 gegründete Islamische Weltliga (World Muslim League/ WML, رابطة العالم الإسلامي). Die 1969 gegründete Organisation für Islamische Zusammenarbeit (Organization of Islamic Cooperation, OIC) ist wie die Arabische Liga nur vordergründig ein Ort (bzw Instrument) der Einheit. Auch dort gibt es, hauptsächlich hinter den Kulissen, jene Konflikte, die eben jene „draussen“ wiederspiegeln.

Saudi-Arabien war und ist jedenfalls ein Führungsstaat in seiner Region, unter den arabischen Staaten, für Moslems (Sunniten) global; besonders Ägypten, die Türkei und der Iran haben in der einen oder anderen Hinsicht immer wieder Konkurrenz gemacht. Arabischer Nationalismus bzw Pan-Arabismus wird eher von Anderen hoch gehalten als von echten Arabern, gerne Ägyptern oder Syrern… Es gibt in diesen Ländern aber auch andere Nationskonzepte. Die Entstehung und Ausbreitung des Islams brachte eine Einigung der arabischen Stämme, die Errichtung eines mächtigen Reichs, die Islamisierung und Arabisierung diverser Völker/Länder. Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Bahrain und Jemen sind am wenigsten arabisch in dieser Region. Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, teilweise wird auch Somalia als arabisches Land gesehen.

Arabischer Nationalismus kann auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Es gibt verschiedene Varianten bzw Dialekte der arabischen Sprache, die Hochsprache können Wenige. Die Konstruktion einer arabischen Nation spielte auch im Widerstand gegen Israel eine Rolle. Saudi-Arabien ist von Israel/ Palästina nur durch den Golf von Akaba getrennt. Im Krieg 1948 schickte Saudi-Arabien Hunderte Freiwillige, wobei Jordaniens König Abdullah ihnen den Durchmarsch verweigerte, sie sich deshalb der ägyptischen Armee anschlossen. Saudi-Araber waren bei der Verteidigung des Gaza-Streifens vor israelischer Besatzung beteiligt.(69) Während Israel 1967 nicht nur den Rest Palästinas besetzte, sondern auch Teile Ägyptens und Syriens, gab es ein erstes Öl-Embargo, auch an diesem war Saudi-Arabien führend beteiligt.

Es galt allen Staaten die Israel militärisch unterstützten. Manche arabischen Öl-Export-Länder (bzw OAPEC-Staaten) stellten Exporte ganz ein. Im „Nahost“-Krieg 1973 schickte Saudi-Arabien 3000 Soldaten nach Syrien, in diesem Krieg behauptete Israel ja seine Besatzungen weitgehendst. Nach diesem Krieg beschlossen die Ölminister der OAPEC-Länder auf einer Konferenz in Kuwait auf Initiative von Saudi-Arabien (König Feisal) einen Boykott (bzw eine Drosselung) von Ölexporten, das von Oktober 1973 bis März 1974 lief. Es betraf wiederum Staaten die Israel unterstützten, in erster Linie war das die USA unter Johnson. Die OAPEC-Länder verlangten einen Rückzug Israels auf die Grenzen in denen es von 1949 bis 1967 bestand.

Ersatz für die westlichen Staaten kam in erster Linie von Iran und Venezuela. Die Ölpreise gingen in die Höhe, es gab Fahrverbote, eine Rezession der Weltwirtschaft. Die USA besänftigte Saudi-Arabien hauptsächlich, indem sie ihm mehr Kontrolle über Aramco gab. Und Saudi-Arabien wandte sich schnell wieder dem Westen zu. König Feisal al Saud wurde 1974 von Sadat und Ghadaffi der Kalifen-Titel angetragen, der lehnte ab. Feisal wurde 1975 von seinem Neffen Feisal im Palast in Riad erschossen. Es gab in der Saud-Familie Spannungen wegen Modernisierungsschritten im Land. Feisal wurde von seinem Halbbruder Khalid nachgefolgt; der Mörder wurde zur Strafe mit einem Schwert geköpft.

1979 zwei Ereignisse, die Saudi-Arabien bis heute beeinflussen (seine Innen- und Aussenpolitik), eines im Land, das andere anderswo. Zu Beginn des Jahres der Umsturz im Iran, der bald darauf hinauslief (aber nicht davon motiviert wurde!), dass ein schiitisch-fundamentalistisches Regime unter Ruhollah Khomeini installiert wurde. Der „Startschuss“ zum Ende der liberalen 1970er und zum globalen Erstarken von Islamismen. Mit der Islamischen Republik Iran entstand auch ein regionaler Konkurrent zu Saudi-Arabien. Am Ende des Jahres die Besetzung der Grossen Moschee in Mekka von sunnitischen, saudi-arabischen Islamisten. Dazwischen lag, in gewisser Hinsicht als Verbindungsglied, Unruhe in der Ostprovinz Saudi-Arabiens (das historische Hasa/Ahsa), Heimat der schiitischen Minderheit des Landes wie auch der Ölförderung. Es gab im November 1979 ein Massaker saudi-arabischer Staatskräfte an schiitischen Saudi-Arabern in der dortigen Oasen-Stadt Qatif.

Was die Henne und was das Ei war, ist auch hier umstritten: Unterstellungen gegenüber der dortigen Bevölkerung, sie würden unter den Einfluss von Khomeinis Iran kommen, und Unterdrückungs-Maßnahmen aufgrund dieser Unterstellungen, die zu Gegenreaktionen führten; oder eine (tatsächliche) Aufhetzung dieser Menschen durch Khomeinis Iran, die zu militanten Aktionen führte, die niedergeschlagen wurden. In der Gegend, wo es 1979 auch Streiks gab, liegt auch D(h)ahran.(70) Nach dem 2. WK errichteten die US-amerikanischen Streitkräfte dort einen Militärflughafen. 1979 landeten dort US-amerikanische Kampfjets für Manöver, Leute aus Qatif, grösstenteils Schiiten, demonstrierten dagegen, dabei auch gegen die Saud-Königsfamilie; dagegen wurde das saudi-arabische Militär geschickt. Am 30. November kam es zu einem „Showdown“ in Form einer Schiesserei (man spricht von 24 Toten) und Massenverhaftungen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Besetzung der Grossen Moschee in Mekka schon begonnen. Es war eine Mischung aus Terroranschlag, Aufstand, vielleicht Putschversuch,… Bewaffnete Islamisten besetzten die Grosse Moschee in Mekka (Masjid al-Haram; die mit der Kaaba im „Hof), riefen zum Sturz des Hauses Saud auf, erschossen Sicherheitsleute, nahmen Betende als Geiseln. 15 Tage, vom 20. November bis zum 4. Dezember, liefen Besetzung der Moschee und Belagerung der Besatzer. Die „Aufständischen“ kamen aus Familien der ehemaligen Ikhwan-Miliz, streng wahabitische Beduinen, denen Saudi-Arabien zu liberal geworden war.

Anführer war Juheyman al Otaibi, ein ehemaliger Soldat des saudi-arabischen Militärs, aus dem Najd, Angehöriger des Utaybah-Stammes. Viele Angehörige seiner Familie war beim Aufstand gegen Ibn Saud Ende der 1920er (und der Schlacht von Sabilla) führend beteiligt gewesen. Nachdem sie ihn bei der Schaffung Saudi-Arabiens unterstützt hatten. Darunter sein Grossvater, Sultan bin Bajad al Otaibi, der 1931 in Gefangenschaft getötet wurde. Juheyman al Otaibi sah den saudischen Staat ähnlich wie sein Grossvater, der nicht damit einverstanden war, dass Ibn Saud Einfälle der Ikhwan in Nachbarstaaten unterbinden wollte und auf Akzeptanz und Auskommen mit den Briten aus war!

Inzwischen gab es ein (vereintes, unabhängiges) Saudi-Arabien und war die USA seine „Schutzmacht“. Otaibi verkündete, dass der Mahdi in Form einer der Führer des Aufstands, Mohammed A. al-Qahtani, erschienen sei, und Moslems ihm zu gehorchen hatten. Wobei es im sunnitischen Islam unterschiedliche Auffassungen zum Mahdi gibt, die auf die Hadithen zurückgehen. Wie bei den Schiiten ist er dort eine Art endzeitliche Erlöserfigur. Die 1970er waren eine liberale Dekade, global, auch in vielen islamischen Ländern, sogar in Saudi-Arabien. Und nun kam eine Gegenreaktion, jene die den „wahren Islam“ „wiederherstellen“ wollten. Islamisten griffen das Heiligste des Islam an… Bei der Explosion einer Bombe während der Besetzung der Grossen Moschee wurde der Boden der Kaaba zerstört.

Unter den Trümmern kamen nach der Aktion Kultbilder vorislamischer altarabischer Gottheiten zum Vorschein – die durch die saudische Behörden umgehend entfernt wurden. Da saudi-arabische(s) Militär und Polizei allein dafür untauglich waren, riefen die Behörden französische Polizei-Spezialeinheiten (GIGN)  zur Hilfe. Die islamistischen „Ultras“ wurden so nach etwa 2 Wochen besiegt. Zuletzt hatten sie sich im Keller des Gebäudes versteckt, Tränengas wurde gegen sie eingesetzt. Es gab etwa 330 Tote, Pilger, Sicherheitsleute und Terroristen, Saudi-Araber und Ausländer; und Hunderte Verletzte. Manchen Quellen zufolge sind einige der Salafisten der Belagerung entkommen und gab es Tage später in Teilen Mekkas sporadische Schusswechsel.

Irans neuer Machthaber Khomeini, der zur selben Zeit (Nov. 79) die USA-Botschaft in Teh(e)ran stürmen liess und das Personal gefangen nehmen, sagte über das Radio, die Besetzung/Geiselnahme in Mekka sei das Werk des „kriminellen amerikanischen Imperialismus‘ und des internationalen Zionismus'“… Leute die das anscheinend glaubten, griffen sogleich die USA-Botschaft in Pakistan an. Weil also die USA als hinter dem Angriff auf die heiligste Islam-Stätte stehen würden – und nicht Gegner des engen Verhältnisses Saudi-Arabiens zur USA. Und als ob Pakistan nicht der wichtigste KSA-Lakai ausserhalb der arabischen Region wäre. Und als ob Khomeini und die anderen Mullahs ggü dem saudischen Regime nicht ähnlich feindselig gegenüber stehen würde wie Otaibi & Co, aus zT gegensätzlichen Gründen.(71)

63 der 170 überlebenden Angreifer (darunter Otaibi) wurden 1980 hingerichtet, da wurde auch die Moschee wieder eröffnet. Doch sie erreichten zu einem grossen Teil was sie wollten, eine konservative Wende in Saudi-Arabien! Es kam eine Re-Islamisierung(72) im Sinne Otaibis, Geschlechtertrennung überall,… das was Saudi-Arabien auch heute noch ausmacht. Die einflussreichen Ulemas Saudi-Arabiens (religiöse Gelehrte) stimmten eigtl. mit den meisten Forderungen der „Terroristen“ überein. Das saudische Regime wollte/konnte den Islamismus nicht den schiitischen Iranern und den Fundamentalisten im eigenen Land überlassen. Saudi-Arabien beschuldigte seinerseits den Iran, hinter der Mekka-Besetzung zu stehen.(73) Iran und Saudi-Arabien wurden ab 1979 grosse Feinde, beide beanspruchen Einfluss bzw Vorherrschaft in der Region, sind Führungsstaat „ihrer“ konfessionellen Richtung (Schiiten bzw Sunniten).

So dass man dann in den 1980ern 25 Milliarden $ zur Unterstützung von Saddam Hussein in seinem Krieg mit dem Mullah-Regime des Irans ausgab, also für eines der revolutionären arabischen Regime (Baath in diesem Fall), die eigentlich der Antagonist Saudi-Arabiens waren. Dafür verantwortlich war grossteils Fahd, der 1982 nach Khalids Tod König wurde. Fahd war mit dem Machtantritt seines Halbbruders Kronprinz geworden (als ein anderer Halbbruder, Feisal, getötet worden war) und spielte während Khalids Herrschaft eine wachsende Rolle (als de facto Premier), als sich dessen Gesundheit verschlechterte. Saddam bekam damals ja auch vom Westen Unterstützung. Gleichzeitig aber auch der Iran, über die Iran-Contra-Dreiecksverbindung – und dabei spielte der saudi-arabische Geschäftsmann Adnan Khashoggi eine  wichtige Rolle, zusammen mit Manucher Ghorbanifar. Dieser Khashoggi (gestorben 2017) war Onkel des ermordeten Journalisten Jamal; die Familie ist türkischer Herkunft (Kaşıkçı), soll auch jüdische Wurzeln haben.

1987 gab es 400 Tote in Mekka während der Hadj bei Auseinandersetzungen zwischen iranischen Pilgern und saudischen Sicherheitskräften vor Hintergrund des Iran-Irak-Konflikts. Ungefähr die selbe Summe, die Saudi-Arabien dem irakischen Baath-Regime unter Hussein zukommen liess, wenn nicht mehr, wurde für die Unterstützung der Mujahedin in Afghanistan ausgegeben, die die kommunistische Regierung und die sowjetischen Truppen im Land bekämpften. Viele Araber, auch Saudis, meldeten sich auch freiwillig zu diesem Kampf, den wiederum auch der Westen gross unterstützte. Das lief Alles über Pakistan(74), und dabei spielte ein gewisser Osama Bin Laden, Bauunternehmer aus Saudi-Arabien, eine wichtige Rolle.

Bin Laden stand damals noch nicht im Gegensatz zum Saudi-Regime und die Unterstützung von (sunnitischem) Islamismus, die dieses weltweit betrieb (u.a. über Moscheen in islamischen Ländern und „islamischer Diaspora“), stand nicht im Gegensatz zur Politik des Westens. Saudi-Arabien, heute engster Israel-Verbündeter in der Region (Westasien-Nordafrika), war damals auch führend beteiligt, Ägypten in der Arabischen Liga zu „schneiden“, nach dem Friedensabkommen Sadats mit Israel. Was den Libanon-Bürgerkrieg (mit internationaler Beteiligung) betrifft, fädelte Saudi-Arabien unter König Fahd al Saud immerhin das Friedensabkommen von Taif 1990 ein. Saddam, der auch einmal als Stabilitätsgarant in der Region gesehen wurde, liess 1990 bekanntlich Kuwait besetzen, und erst hier wurde er allgemein ein „Problemfall“. Für Saudi-Arabien und den Westen.

Einschub. Nach der Islamisierung Arabiens waren auf der Halbinsel die Juden in Jemen wahrscheinlich bald die einzigen Nicht-Moslems, Christen und Sabäer dürfte es bald keine mehr gegeben haben.(75) Aber, es wurden Afrikaner als Sklaven „eingeführt“ (die islamisiert wurden, falls sie das nicht schon waren); erst 1962 wurde die Sklaverei in Saudi-Arabien verboten. Möglicherweise hat es darüber hinaus auch Einwanderung aus  Nordost-Afrika auf die Arabische Halbinsel gegeben. 12er-Schiiten („Imamiten“) gibt es in Saudi-Arabien wie gesagt im Osten, es sind weniger als 10% der Bevölkerung; in Bahrain gibt es viele, und im Iran natürlich, im Irak,… In KSA gibt es auch kleinere ismailitische Gruppen, Mustalis, in Najran, im Süden an der Grenze zu Jemen. Vielleicht auch Saiditen (5er-Schiiten), wie im Norden/Westen Jemens. Und, bald nach dem Transfer der Juden Jemens nach Israel kamen die Gastarbeiter nach Saudi-Arabien und andere Länder Arabiens, für die Ölindustrie in erster Linie. Diese kamen/kommen aus arabischen Ländern, Südostasen, Südasien, Schwarzafrika,… Es sind Moslems, Hindus, Christen,… In Katar sind weniger als 20 % der Bevölkerung Katarer, in anderen Ländern der Region ist es ähnlich.

Es gibt Ägypter, Philippinos, Inder, Pakistanis, Iraner, Nigerianer,…(76) In KSA sind bei einer Bevölkerung von rund 27 Millionen Menschen etwa sechs Millionen ausländische Gastarbeiter. Es dürfte das Land mit den meisten Moslems in der Bevölkerung in relativen Zahlen sein, gut 100% der Staatsbürger, aber nicht der Einwohner. 2013 gab es Unruhen im armen Einwanderer-Viertel Manfuha im Süden der saudischen Hauptstadt Riad, wobei es einige Tote, viele Verletzte und hunderte Festnahmen gab. Es handelte sich primär um Südasiaten und Afrikaner (v.a. Äthiopier) und es ging um eine Aktion gegen ausländische Schwarzarbeiter (die von einer Rezession motiviert ist). Bei diesen handelt es sich meist um Leute, deren Arbeitserlaubnis abgelaufen ist. Es kam damals auch zu Abschiebungen von über 100 000 ausländischen Arbeitern. Menschenrechtsorganisationen haben vielfach kritisiert, dass es in Saudi-Arabien für ausländische Arbeiter praktisch unmöglich ist, auf legale Art und Weise den Arbeitgeber zu wechseln. 

Anfang 1991 fand ein etwa einwöchiger Krieg einer USA-geführten Allianz gegen die irakische Besetzung Kuwaits statt, die damit endete. Der Krieg wurde hauptsächlich über Saudi-Arabien aufgebaut. Das Baath-Regime Iraks unter Hussein feuerte sowjetische Scud-Raketen auf Israel und Saudi-Arabien(77) (3 und 1 Toter) ab. Osama Bin Laden war für die Intervention in Kuwait nach dem irakischen Einmarsch dort unter dem säkularem Baath-Regime, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 1990, die ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte. Das Saudi-Arabien 1990/91 auf Seiten der USA bei der Zurückschlagung der irakischen Invasion Kuwaits stand, war für ihn anscheinend nicht das Problem; er warf der saudischen Führung (bzw Familie, das ist dort dasselbe) vor, den US-Truppen im Land zu viele Freiheiten eingeräumt zu haben. Es gibt einige Militärstützpunkte in KSA, die auch von der USA genützt wurden/werden, wie die Prince Sultan Air Base, die King Faisal Naval Base, die Dhahran Air Base.

Im Afghanistan der 80er und frühen 90er haben Bin Laden, Saudi-Arabien und Westen noch am selben Strang gezogen. Bin Laden gegen die Sauds, das steht in einer Linie mit Sabilla 1929 und Mekka 1979. Der Abzug der SU aus Afghanistan ’89 war für arabische und andere islamische Freiwillige dort Anlass zur Gründung von al Quaida, man wollte den Kampf gegen „Ungläubige“ bzw Djihad nun anderswo fortsetzen. Bin Laden, der Salafist,   ging Anfang der 90er in den Sudan, wurde terroristisch aktiv, bzw nun gegen die USA; weiterhin im Namen des Islams. Pakistan dürfte die ab 1996 in Afghanistan herrschenden Taliban (die Bin Laden aufnahmen) wie die Mujahedin unterstützt haben. Oppositionelle in Saudi-Arabien, das sind in erster Linie (radikalere) Islamisten; es gibt aber auch Demokraten, und es gibt Konkurrenten des regierenden Königshauses (bzw innerhalb dieser Familie).

Wirtschaftliche Stagnation hat Anfang der 1990er zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung geführt. König Fahd reagierte darauf mit einigen Reformen, so erliess er 1992/93 eine Art Grundgesetz bzw Verfassung für das Land. Im Zuge dessen kam ’93 ein Konsultativrat (oder Beratende Versammlung; Majlis as Schura) zu Stande, mit 60 Mitgliedern und einem Vorsitzenden – alle vom König ausgewählt. Dieses (vom König) ernannte Parlament darf den König beraten. Fahd damals: „Ein System mit Wahlen ist nicht vereinbar mit unserem islamischen Glauben, der Regieren mit Beratung verlangt“. Ausser-europäische Monarchien sind meist noch absolut, in Thailand wird um eine echte Demokratisierung gerade gerungen. In Saudi-Arabien scheint sich diesbezüglich nicht wirklich etwas zu bewegen (siehe unten), in einem Staat der sich schon in seinen Namen über die Saud-Familie definiert.

Etwa 5000 Mitglieder hat diese Familie, und der König ist auch geistliches Oberhaupt. Die Regierung wird auch vom König ernannt und viele der Minister sind auch Sauds. Provinzen? Richtig, ihre Gouverneure werden vom König ernannt, und sind oft Familienangehörige. Darunter kommen Verbündete der Familie, Religionsgelehrte (Ulemas), Stammes-Scheichs,… Rechtsbasis ist die Scharia, und Frauen werden generell benachteiligt. Wie gesagt, in Opposition zu diesem Saudi-Arabien stehen sowohl religiöse Eiferer als auch Demokraten/Liberale/Progressive. Der reaktionären Opposition (manche hier sympathisieren mit dem IS) sind „Reformen“ des Königshauses viel zu liberal, der anderen Seite gehen sie viel zu wenig weit. Wobei, der wahabitische Islam prägt in den meisten Teilen des Landes seit Jahrhunderten die Gesellschaft, die Bevölkerung besteht zT aus Nomaden/Beduinen, Stammeszugehörigkeit spielt eine wichtige Rolle. Wie stark sind also die städtischen Liberalen?

Srbijanka Turajlić, serbische Professorin und Politikerin, aus einer grossbürgerlichen Belgrader Familie, sagte in der Film-Doku ihrer Tochter, Leute wie sie und ihr Milieu (Liberale in Serbien) passten in einen Autobus und Viele in diesem Land hätten diesen gerne ausser Landes… das (was natürlich etwas übertrieben ist) trifft auf viele Länder zu. Der Druck den das (fundamentalistische) Saudi-Regime von Ultra-Fundis spürt, ist sicher stärker. Und, dieses Regime promotet (einen salafistischen) Islamismus, nicht nur als Lebensform im eigenen Land. Konfliktpotential ist immer wieder das Verhältnis zum Westen, Verbesserungen für Frauen, oder auch Fussball, der von Fundamentalisten als etwas Westliches gesehen wird. KSA gehört im Fussball zu den grossen Vier in Asien (neben Japan, Südkorea, Iran).(78) Im Lande verwurzelt ist die Falknerei.

Die Bedeutung des Islams für das Land kommt durch die Nationalflagge heraus. Die jetzige ist seit 1973 in Gebrauch, 1932-73 gab es ganz ähnliche; und davor jene der Vorgängerstaaten. Auf grünem Grund (Farbe des Islams) auf Weiss ein Schwert und das Glaubensbekenntnis (Shahada) als Inschrift. Saudi-Arabien wird manchmal „Land der zwei Moscheen“ genannt, in Referenz auf die Grosse Moschee/ Masjid al-Haram in Mekka, und die die Prophetenmoschee/ al-Masjid an-Nabawi in Medina, die beiden heiligsten Orte im Islam. Der saudische König trägt seit 1986 den Titel „Diener der beiden heiligen Städte“. Pilgerfahrten nach Mekka machen KSA in der islamischen Welt wichtig und bringen viele Einnahmen. Nichtsdestotrotz hat das saudische Regime in den letzten Jahrzehnten viele historische islamische Stätten zerstört.  

Grosse Moschee Mekka zur Zeit der Hadsch

Hauptsächlich geschah/geschieht das im Zusammenhang mit Erweiterungsarbeiten rund um die Grosse Moschee in Mekka und die die Prophetenmoschee in Medina begründet. Jene Moscheen, die die meisten Pilger besuchen. Es geht dabei um andere Moscheen, Gräber und sogar Gebäude/Orte die in Zusammenhang mit dem Propheten stehen. Auch Stätten die unter den Osmanen gebaut wurden oder mit Schiiten in Verbindung stehen, sind betroffen… Im September ’15 sind Dutzende Menschen in der weltgrössten Moschee in Mekka ums Leben gekommen. Ein Kran war abgestürzt und hatte das Dach der Grossen Moschee durchschlagen. Das Unglück ereignete sich knapp vor dem Freitagsgebet und war voll mit Gläubigen. Kurz darauf kam es dort im Rahmen der Hadj zu einer Massenpanik, die über 700 Tote forderte – darunter 131 Iraner. Saudi-arabische und iranische Politiker beschuldigen die Gegenseite.

Wirtschaftlich ist Saudi-Arabien total vom Erdöl abhängig, ist grösster Ölproduzent der OPEC, was natürlich den Reichtum des Landes ausmacht. In den 1980ern wurde Aramco verstaatlicht (bzw die Amerikanern rausgekauft), heisst seither Saudi Aramco. Schwerpunkt der Förderung, Verarbeitung und Verschiffung ist wie gesagt der Osten. Andere Sektoren sind schwach aufgestellt, private, innovative, Dienstleistungen,…; nennenswert ist zB der Elektronik-Konzern Al Fanar. Es scheint sich aber diesbezüglich ein langsamer Wandel anzubahnen. Saudi-Arabien (und sein Rial) steht und fällt wirtschaftlich mit dem Öl; Schätzungen zufolge hat KSA Öl-Reserven die seinem Eigenkonsum für etwa 221 Jahre entsprechen. Aber das Meiste wird ja exportiert, somit werden die Reserven viel kürzer halten. Das Ende des Öl-Zeitalters kommt, Elektro-Autos werden allmählich häufiger. Das Regime propagiert die „Vision 2030“, mit der es das Land auch auf mittlere Sicht von Öleinnahmen unabhängig machen will.  

1995 erlitt König Fahd einen Schlaganfall, der ihn am Leben liess, aber stark eingeschränkt. Sein Halbbruder Abdullah übernahm die meisten Regierungsgeschäfte, folgte ihm nach seinem Tod 2005 als König nach. Auch Abdullah ist einer der Söhne von Ibn Saud (wie seine Vorgänger und Nachfolger), aber (im Gegensatz zu Fahd) keiner der sieben Söhne von dessen Frau Hassa al Sudairi. Zwei Sudairi-Söhne (Sultan and Naif) waren Kronprinzen, starben aber vor Abdullah. Somit rückte Salman in die „Warteposition“ auf. Turki brach 1978 mit seinen Brüdern.

15 der 19 Flugzeug-Entführer der al-Qaida die am 11. September 2001 4 Anschläge in der USA verübten, waren Saudi-Araber, ausserdem ihr Anführer und andere Hintermänner, den offiziellen Angaben zufolge. Osama Bin Laden hat demnach von Afghanistan (damals von den Taliban beherrscht) aus die Sache dirigiert. Das „Wall Street Journal“ berichtete, George Bush senior habe zwischen 1998 und 2000 in der saudischen Hauptstadt Riad mehrfach Mitglieder der Bin-Laden-Familie getroffen. Und, es gab Geschäftsbeziehungen zwischen der Carlyle Group und der von Osama Bin Ladens Bruder geführte Baufirma, die unter dem Eindruck des 11. September im gegenseitigen Einvernehmen beendet wurden. Carlyle-Ableger in der Rüstungsindustrie profitierten nach den Anschlägen von Aufträgen der Regierung unter Bush junior.

Mekka Grosse Moschee, Fort Meade NSA-HQ

Dann bald die US-Militärintervention in Afghanistan gegen die Taliban, während der Bin Laden anscheinend untergetaucht ist, dann nach Pakistan ging. Islamistischer Terror wurde aber nicht weniger, im Gegenteil. Der Westen machte den Islamismus zum neuen Hauptfeind, nachdem er ihn zuvor im Kalten Krieg mit Waffen und Propaganda unterstützt hatte. Und, Saudi-Arabien, das hinter dem meisten Islamismus auf der Welt steckt, wurde von Bush junior (erneut) ein Führungsanspruch in seiner Region eingeräumt, wurde noch wichtiger für den Westen. Auch Saddam Hussein, der 03 durch eine US-geführte Militärintervention im Irak gestürzt wurde, wurde mal vom Westen unterstützt. Der Iran wurde zum grossen Feind, die USA und ihre Verbündeten müssten „gemeinsam der iranischen Gefahr begegnen”.

2008

Und, das iranische Regime mit seinem Einsatz für den schiitischen Islam profitierte schliesslich von den Bush-Kriegen gegen Afghanistan und vor Allem Irak. Im Irak kam es durch den Krieg bzw Sturz des Hussein/Baath-Regimes zur “Machtübernahme” der grössten Bevölkerungsgruppe des Landes, der Schiiten, und einer Anlehnung an den Iran. Was besonders unter Premier Nuri al Maliki (06-14) der Fall war.(79) Malikis Politik der schiitischen Hegemonie im Irak hat vermutlich viele sunnitische Iraker „abgestossen“, und zwar in’s Lager der Gegner des Staates mit terroristischer „Vorgehensweise“. Ein von Schiiten (schiitischen Irakern) beherrschter Irak ist für jemanden wie Bin Laden schlimmer als ein von US-Amerikanern beherrschter.

Der „Islamische Staat“ (IS/ISIS/ISIL/Daesh) „erwuchs“ im Irak aus dem Widerstand gegen die Nachkriegsordnung. Wurde da mächtig, als Bush weg war, Bin Laden tot(80), zu Zeiten des Arabischen Frühlings, also um 2010 herum. Daesh/IS sieht den Iran als eben so grossen Gegner wie die USA und ihre Verbündeten; sein Terror im islamischen Raum richtet sich nicht zuletzt gegen Schiiten. IS ist viel schlimmer als Kaida; deren Spitzenleute haben nicht in Moscheen gepredigt (wie Baghdadi), haben nicht versucht Grenzen zu verändern (wie jene zwischen Irak und Syrien). Salafisten sind besonders „arabistisch“ und anti-schiitisch; Leute die Daesh/IS unterstützen, könnten auch einen Iran mit einer nicht-fundamentalistischen, demokratischen Regierung nicht akzeptieren…

Saudi-Arabien und andere „Golf-Staaten“ (UAE, Kuwait, Katar, Bahrain, vielleicht auch Oman) unterstützen vielerorts Salafismus, eine besondere Form des sunnitischen Islamismus. Und das Bündnis mit der USA (bzw dem Westen allgemein) ändert daran für beide Seiten nichts. Saudi-Arabien wird als der wichtigste Verbündete der USA in der Region gesehen, auch im Kampf gegen Al-Kaida und Islamischer Staat… Und dem entsprechend unterstützt. Saudi-Arabiens Verhältnis zum internationalen Djihadismus ist aber widersprüchlich. Zum Einen ist die saudische Königsfamilie bzw das saudische Regime ein Feindbild, eine Zielscheibe salafistischer Terroristen. Die Ikhwan wandten sich gegen die Sauds, versuchten sie 27-30 zu stürzen, ihre Nachfahren versuchten das 50 Jahre später in Mekka und etwas mehr als 10 Jahre später begann mit Bin Laden wieder ein ultraradikaler Untertan die Bekämpfung des islamistischen Regimes.

Die Rolle Saudi-Arabiens in Syrien und Irak ist höchst dubios, dort unterstützen die Saudis salafistischen Islamismus. Im Irak unterstützten sie zumindest die Vorläufer des IS im „Widerstand“ (Terror) gegen den neuen Staat. In Syrien ist es ähnlich. Das Regime von Saudi-Arabien unterstützt in Afghanistan möglicherweise wieder/weiterhin die Taliban. Kann man Saudi-Arabien als Unterstützer des IS ausschliessen? Es heisst, die Sauds haben seit dem Ende des Kalten Kriegs quietistische Strömungen des Salafismus bevorzugt. Saudi-Arabien und die anderen Golfmonarchien haben jahrzehntelang weltweit Salafismus unterstützt. Die Abgrenzung ggü den Formen des Salafismus, die IS oder al Quaida praktizieren/propagieren, erfolgt(e) nur zögerlich… 

Die Ideologie von IS, Lashkar-e Taiba & Co, aber auch von Parteien wie Jamaat-e-Islami Pakistan geht auf den Wahabismus zurück, der von den Saudis in alle Welt verbreitet wurde. Über Schulen und Moscheen hauptsächlich, wie die King Fahd Mosque in Los Angeles, wo zwei der 9/11-Attentäter „ausgebildet“ wurden. Dass Tunesier überproportional vertreten sind unter salafistischen Djihadisten in Syrien/Irak oder Westeuropa, geht auch auf Saudi-Bemühungen dort zurück. Gleichwohl sieht man dort die Islamisten von der Ennahda-Partei als das Problem… Terror in Europa ist durch den von Saudis in Moscheen verbreiteten Islam vorbereitet worden. Der Tschetschene der kürzlich in Paris einen Geschichtelehrer enthauptet hat (der im Unterricht Mohammed-Karikaturen verwendete)? Man wird sehen, was über ihn herauskommen wird.(81) Während der Iran als Terror-Pate dargestellt wird, wird Saudi-Arabien als Opfer von (islamistischem) Terrorismus und Verbündeter des Westens verstanden…

Und kaum als Sponsor von Islamismus und Terrorismus, obwohl es das viel mehr als die IR Iran ist. Für „Kulturkrieger“ in der westlichen Welt sind Iran unter den Mullahs, Türkei unter AKP, Hamas, Moslembrüder,… ein gösseres Problem als Saudi-Arabien und der von ihm praktizierte und propagierte Islam. Damit teilen sie auch das Feindbild der Saud(i)s. Michel Aoun gab ein „FAZ“-Interview, bevor er libanesischer Präsident wurde. Der maronitische Christ, ein „Warlord“ im Bürgerkrieg, ist ein innenpolitisches Bündnis mit der Hisbollah bzw dem prosyrischen/proiranischen Lager eingegangen. Er sieht, sagte er zur FAZ, Hisbollah als „Fundamentalisten“, die Fundamente ihrer Religion vertreten – wohingegen „Integristen“ (Salafisten) Anderen ihr Lebensmodell überstülpen wollten.

Aoun, der auch die israelische Politik ggü den Palästinensern kritisierte, attackiert den Arabischen Frühling, dem ggü er gestürzte oder z Zt bekämpfte diktatorische Systeme als kleineres Übel darstellt, sogar Assad, vor dessen Regime er einst aus Libanon floh. Dieser „Frühling“ würde überall für Islamisten Chancen bieten. Doch während er Assad Entwicklungsfähigkeit und Mäßigung unterstellt (zu Beginn des Aufstandes sei dieser bereit gewesen, über die Vorherrschaft der Baath zu verhandeln), sieht er diese nicht bei Islamisten wie Ennahda, AKP, Moslembrüder. Er scheint als christlicher Libanese Widerwillen ggü von arabischen Golf-Staaten gelenktem sunnitischem Fundamentalismus und Panarabismus zu haben.(82) Die syrische (Exil-) Opposition beinhaltet aber nicht nur (von Saudi-Arabien gelenkte) Islamisten.

2005 starb König Fahd, Nachfolger wurde sein Halbbruder Abdullah, der das Land zu diesem Zeitpunkt schon rund zehn Jahre, seit einem Schlaganfall seines Vorgängers Fahd, aus der zweiten Reihe geführt hatte. Kronprinz unter Abdullah wurde Prinz Sultan, der starb aber 2011, Abdullah ernannte darauf hin Nayef – der starb 2012 und somit rückte Salman zum Kronprinzen auf. Fahd, Sultan, Nayef, Salman sind alles Söhne von Ibn Saud und seiner Hauptfrau (Sudairi), Abdullah war ihr Halbbruder. Abdullah kündigte 2015 an, Frauen in Saudi-Arabien das Wahlrecht bei Gemeinderatswahlen zu verleihen. Ziel war, dem durch den Arabischen Frühling enstandenen Druck ein Ventil zu öffnen. „Sensation“, „Revolution“. Etwas Anderes als Gemeinderäte wird auch nicht gewählt in dem Land, und das auch erst seit 2005. Und zwei Drittel der Räte, der Rest wird vom König ernannt. 2005, 2011 und 2015 gab es solche Wahlen. Der Bürgermeister wird nicht vom Gemeinderat gewählt, sondern vom König (Malik) ernannt. Gemeinderäte beschäftigen sich mit Fragen wie Abfallbeseitigung. Kaum Frauen wurden gewählt.

Natürlich geht das auf die Ideologie des Wahhabismus zurück, genau so wie die Einschränkung von Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit.(82) 2015 verstarb Abdullah, Salman wurde sein Nachfolger als König – der letzte der Sudairi-Sieben der eine Rolle spielt. Prinzen halten in der Saud-Familie meist dann zusammen, wenn sie selbe Mutter haben. Es sind ausser diesen Clan-Loyalitäten persönliche Ambitionen und ideologische Differenzen (trennende) Faktoren.(84) Die Sudairi-7 waren jahrzehntelang der mächtigste Clan. Salman al Saud war fast 50 Jahre lang Gouverneur der Provinz Riad gewesen. Er ist mit Problemen konfrontiert, die es in dieser Häufung in bzw für Saudi-Arabien in seiner jetzigen Form noch nie gab. Da er schon krank den Thron bestieg und sich sein Gesundheitszustand seither noch verschlechtert hat, hat(te) er nicht all zu viel tatsächliche Macht in der Hand.

Muqrin bin Abdulaziz al Saud, ein Sohn von Ibn Saud und einer anderen Frau, wurde 2014 zum stellvertretenden Kronprinzen (hinter Salman) ernannt. Wie alle Prinzen hatte er Aufgaben bzw Posten in der Herrschaft über das Land bekommen, er war Generaldirektor des saudi-arabischen Geheimdienstes Al Mukhabarat Al A’amah, ausserdem zweiter Vize-Premierminister und Anderes. Nach dem Tod Abdullahs ’15 wurde er Kronprinz und erster Vizepremier. Doch der neue König Salman (sein Halbbruder) ersetzte Muqrin als Kronprinzen mit Nayefs Sohn Mohammed. Die Thronfolgeregelung erschwert einen Generationswechsel in der Führung, führt dazu, dass der Staat wegen des angegriffenen Gesundheitszustandes greiser Könige de facto von Kronprinzen geleitet werden. Und natürlich gibt es Versuche (Intrigen), sich zu Lebzeiten des Vaters oder Bruders in der Thronfolge zu etablieren.

(1) Hinter Russland, Canada, VR China, USA, Brasilien, Australien, Indien, Argentinien, Kasachstan, Algerien, DR Congo, Dänemark (mit Grönland)

(2) Im Gegensatz zum Iran seit der Revolution spielt der (hier sunnitische) Klerus im Staat keine grosse Rolle – das spiegelt gewisse Unterschiede zwischen sunnitischem und schiitischem Islam wieder

(3) Es war hauptsächlich der Hejaz, der nicht zu diesen beiden „Proto-Saudi-Arabiens“ gehört hatte

(4) Wobei die Meinungen ja auseinandergehen, was als „Blüte“ und was als „Niedergang“ zu sehen ist… Für die Einen war Expansion und Herrschaft der Araber über Andere das Eine, für Andere war es das Andere

(5) Oman liegt eigentlich am Golf von Oman bzw am Arabischen Meer

(6) Die ersten Ausgrabungen gab es im 18. Jh im damals osmanischen Hejaz, durch den Deutschen Carsten Niebuhr, der mit Anderen in den 1760ern zu einer Erforschungsreise nach Westasien aufbrach

(7) Das Reich von Lihyan zog sich dagegen von der Gegend um Yathrib hinauf an den Rand Arabiens

(8) Wenn man Mesopotamien sehr „grosszügig“ definiert, war das Gebiet bereits Teil davon

(9) Es gab christliche Flüchtlinge aus Byzanz und Persien

(10) Ein anderer früher war ein Salman (al) Farsi stammte, der (wie der Name ja aussagt) aus Persien stammte. Der wandte sich vom Zoroastrismus ab, soll zuerst Christ geworden sein (vermutlich nestorianischer), suchte aber (verstört von der Korruptheit eines Bischofs) weiter, geriet in arabische Gefangenschaft, wurde als Sklave an Juden verkauft und landete so bei einem der jüdischen Stämme in Yathrib (dem späteren Medina). Dort stiess er auf Muhammad, der ihn freikaufte, er schloss sich ihm an. Über diesen Farsi (und Andere) sollen Elemente des Zoroastrismus in den damals im Entstehen begriffenen Islam eingeflossen sein. Er wurde dann unter Kalif/Imam Ali als Provinzgouverneur des Arabisch-Islamischen Reichs in Persien eingesetzt

(11) Dieser war wie Salman Farsi ein Perser/Iraner, der vor der Eroberung Persiens zum Islam übertrat

(12) Bei den Schiiten gibt es einen Glauben an ein Erbcharisma der Familie des Propheten, über die Aliden, in männlicher Linie

(13) Omar nahm an diesen Feldzügen nicht persönlich teil, blieb wahrscheinlich in Medina

(14) Der letzte Lachmiden-König Numan II. wurde auf Anordnung Chosrous getötet. 633 wurde die frühere Lachmiden-Hauptstadt Hira bereits von den Arabern eingenommen

(15) Auf verschiedenen Plattformen, auch im IT, wurden auch Szenarios über einen kontrafaktischen Verlauf der Schlacht ausformuliert, mit einer anderen Vorgehensweise des persischen „Generalstabschefs“ Rostam Farrokhzad, der in der Schlacht getötet wurde

(16) Yazdgards Sohn Piroz dürfte sich nach China durchgeschlagen haben

(17) Und, Yazdgerds Tochter (Bibi) Shahrbanu soll Imam Hussein geheiratet haben. Zur ideologischen Legitimation eines Herrschers bzw einer Dynastie bei Dynastiewechsel/Umsturz/Invasion wurde immer wieder Anschluss an eine vorhergehende Herrscher-Dynastie gesucht, durch Einheiratung, oder es wurde eine solche erfunden. Siehe dazu auch die Behauptungen einer Abstammung von Mohammed durch islamische Herrscher. In diesem Fall geht es um eine Verbindung der Linie der schiitischen Imame (die ja aus der Familie Mohammeds kamen) mit dem Persischen

(17) Wenn von Syrien in früheren Jahrhunderten die Rede ist, sind in der Regel Libanon, ein Teil der Türkei (Antiochia-Gebiet), ein Teil Jordaniens mit gemeint; oft auch Palästina/Israel und Teile Iraks. Die Syrische Sozialistische Nationalistische Partei inkludiert in ihrer (extremen) Vorstellung von einem Gross-Syrien auch weitere Teile bzw den Rest von Türkei, Irak, Jordanien sowie Kuwait, Zypern und Teile Ägyptens

(18) Ghassaniden liefen beim arabischen Angriff im syrisch-arabischen Grenzgebiet auch über...

(19) Während des Persisch-Byzantinischen Kriegs wiederum hatten sich die Byzantiner mit dem Khaganat der Göktürken gegen die Perser verbündet. Eigentlich ein Thema für diesen Artikel

(20) Auch als Piruzan oder Baba Shuja-e-din oder (arabisch) Abu-Lu’lu’ah al-Nahawandi/Abu Lulu bekannt, war er Soldat unter Rostam gewesen, und wurde in der Schlacht von Qādisiyyah gefangen genommen, dann nach Arabien gebracht – dort gelang es ihm, Kalif Omar zu ermorden. Er liegt in Kashan begraben. Pirouz Nahavandi soll Vorbild für Haji Firouz sein, der beim iranischen Norus-Fest eine Rolle spielt, ein Fest das auf das zarathustrische Erbe zurückgeht und sich bis heute erhalten hat

(21) Ali war eigentlich (auch) ein Raschide

(22) Es war eher das als eine Abspaltung der Schiiten

(23) Aber keine ethnische oder aus ethnischen/nationalen Gründen

(24) 11 Imame wurden von Sunniten ermordet, der 12. ist „verschwunden

(25) Die Zahl der nicht-arabischen Moslems wuchs also und der Anteil der Araber durch genannte Entwicklung auch. Eine konträre Sicht zur Islamisierung Persiens gab es bei salvavenia, aber der hat seinen Blog ja stillgelegt

(26) Arabisch-moslemische Herrschaft umfasste anfangs fast ganze Halbinsel, die Rückeroberung (die praktisch umgehend begann) führte zu einer kontinuierlichen Verkleinerung, in den Süden hinunter

 (27) Natürlich war (bzw ist…) damit auch ein Nationalgefühl verbunden, die Bezugnahme auf das vorarabische Erbe des Landes fand/findet sich auch in der Pflege der Sprachen Koptisch bzw Aramäisch wieder

(28) Zur selben Zeit spaltete sich die schiitische Religionsgemeinschaft, nach dem Tod des 6. Imams Jafar. Ein Teil der Schiiten sah Musa als Nachfolger, der andere Teil favorisierte Ismail. Diese Zweiteren spalteten sich als Ismailiten ab. Ein Teil der Schiiten hatte sich bereits gut ein halbes Jahrhundert zuvor abgespalten, nachdem sich Said nicht als 5. Imam durchsetzen konnte; Schwerpunkt dieser Saiditen/5er-Schiiten wurde Süd-Arabien/Jemen

(29) Parallel zum Abstieg der Merowinger geschah der Aufstieg der (Vor-) Karolinger, als Hausmeier

(30) 751 am Talas-Fluss in Zentralasien (heute Kirgisistan) ein arabischer Sieg über ein chinesisches Heer; aber kein Vorstoss in Türken/Chinesen-Gebiet – wäre auch ein Fall für kontrafaktische Spekulationen

(31) Dieser „Abu Muslim“, wahrscheinlich ein Schiit, wurde dann unter ihnen Gouverneur, dann aber getötet

(32) Die Imame hatten ungefähr ab der Zeit als das Kalifat dorthin „übersiedelte“, auch in Mesopotamien residiert, wurden nach und nach von Sunniten, im Auftrag der Kalifen, umgebracht. In Mesopotamien (Kernland der Kalifen!) gab es, wenn keine schiitische Bevölkerungsmehrheit, zumindest einen sehr grossen Bevölkerungsanteil, der dieser islamischen („dissidenten“) Richtung anhing, und im Zuge des „Verfalls“ des Abbasiden-Kalifats ab dem 9. Jh auch schiitische Herrscher (wie früher waren Persien und Mesopotamien, Iran und Irak, oft zu einer Herrschaft „zusammengefasst“)

(33) Zoroastrische Perser, christliche Ägypter oder Syrer,…

(34) Ein Teil dieser Völker war nicht nur islamisiert, sondern auch arabisiert worden

(35) Nach anderen Angaben 931

(36) Das Mongolische Reich war wie das Arabische um ein Vielfaches grösser als eigentliche Mongolei, die Mongolen exportierten aber keine Religion

(37) Schon klar, „Mittelalter“ und seine Unterteilungen sind eigentlich Kategorien aus der europäischen Geschichtsschreibung

(38) Und in gewisser Hinsicht „Diskriminierer“

(39) Neben einem Bedeutungsverlust der Araber im Islam im Hoch-Mittelalter (mehr oder weniger parallel zum Untergang des Abbasiden-Kalifats) hätte es auch einen des sunnitischen Islams geben können, zur Zeit des Fatimiden-Reichs, der Sulaihiden in Jemen, der Buyiden in Persien und Mesopotamien,… Dies wurde im Fatimiden-Artikel bereits angeschnitten. In Arabien war (und ist!) die Schia v.a. in Hasa/Ahsa (Nordostarabien), Jemen und Bahrain verbreitet, also mancherorts in Küstenregionen. Vom späteren Mittelalter bis zur späteren Neuzeit entstanden, hauptsächlich aus dem schiitischen Islam, auch einige Abspaltungen vom bzw Sondergruppen im Islam, von den Drusen bis zu den Baha’i

(40) Oman, wo der ibaditische Islam stark ist, wurde zeitweise von den Portugiesen heimgesucht und war davor Teil des Karmaten-Staates gewesen

(41) Töteten an die 5000 Menschen

(42) 1828 hat anscheinend Mohammed Alis Armee, vom Hejaz aus, dort interveniert

(43) Ägypten war bis zu Kriegsbeginn de jure unter osmanischer Oberhoheit, de facto hatten dort die Briten und die Mohammed-Ali-Dynastie das Sagen

(44) Und das eigentlich ebenfalls multinationale britische beteiligt war, mit all seinen Kolonien

(45) Ein Überblick dazu findet sich im Meuterer-Artikel

(46) Dies nachdem der Kontaktmann William Shakespear gestorben war

(47) Auch Herbert Kitchener war an diesen Verhandlungen beteiligt

(48) Nach anderen Angaben Ende Oktober

(49) Um die Grenze zwischen Kleinasien/Anatolien (wo dann die Türkei entstand) und Syrien wurde noch gerungen

(50) Dazu passend: Mark Sykes (der übrigens 1918 an der Spanischen Grippe starb) spielte auch eine Rolle beim Zustandekommen der Balfour-Deklaration. Und McMahons Nachfolger als Hochkommissar in Ägypten war 1917 McMahon Francis R. Wingate, Cousin von Orde Wingate, der während der britischen Herrschaft über Palästina (1918-48) ein grosser Unterstützer des zionistischen Projekts dort war

(51) Dazu Raschid Khalidi: http://www.youtube.com/watch?v=cbFXaDloxaY

(52) Er war Teilnehmer an der Pariser Nachkriegs-Konferenz 1919/20

(53) Und die Grenze Transjordaniens im Süden zum damaligen Königreich Hejaz war nicht klar festgelegt, wurde später ein Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Jordanien

(54) 1918/19 hatte die osmanische Kontrolle darüber geendet

(55) Etwas woran den Sauds nichts gelegen war

(56) Unter den Haschemiten war es auch religiöser Brauch gewesen, Grabstätten (Mausoleen, Moscheen,…) von Leuten aus der Umgebung Mohammeds zu besuchen und zu verehren; nach der Übernahme des Hejaz durch die Saudis wurden diese Grabstätten überhaupt beseitigt, da ihre Verehrung als „häretisch“ gesehen wurde

(57) Im Irak herrschte von der Unabhängigkeit 1932 bis zum Putsch 1958 unter den Königen Ghazi und Feisal II. in der Regel Nuri as Said, der zur Monarchie und den Briten stand

(58) Siehe hier, der Unterschied in der politischen und der geografischen Definition der Arabischen Halbinsel

(59) Die ost-arabische Küste war in der Zwischenkriegszeit noch vollständig britisch, ausserdem Süd-Jemen, und eben Jordanien; im 2. WK übernahmen die Briten in Nordafrika Libyen von den Italienern; auch Sudan wird teilweise als arabischer Staat gesehen; in der Region Westasien stand ausserdem Persien/Iran über den 2. WK hinaus unter britischer Vormundschaft, dann unter amerikanischer

(60) Philbys Sohn aus erster Ehe, Kim Philby, ging auch in den britischen Kolonialdienst, gab von dort im Kalten Krieg Informationen an die Sowjetunion weiter, liess sich schliesslich dort nieder

(61) Und ein Wohnviertel für die Arbeiter,…

(62) Noch unter Saud als König machte Malcolm X/ Malik Shabazz/ Malcolm Little aus der USA, einer der Führer der Nation of Islam („Black Muslims“) Hadj/Wallfahrt nach Mekka. Er trat dort zum sunnitischen Islam über und löste sich von „anti-weissen“ Haltungen, blieb aber in der damals brandaktuellen „Bürgerrechts-Frage“ engagiert. Im Jahr darauf wurde er ermordet, anscheinend von einem NOI-Aktivisten. Malcolm sah die Ermordung JFK’s 63 als „Strafe“ für die CIA-Intervention im Congo bzw den Lumumba-Mord

(63) Wenn man Palästina mal aussen vor lässt

(64) Die längsten Grenzen hat KSA mit Irak, Jemen, Oman

(65) Diese gingen hervor aus Staaten an der südlichen Küste des Persischen Golfes, die mit den Briten 1835 beziehungsweise 1853 Abkommen schlossen, sich deren Protektorat unterstellten, wurden Trucial States genannt und die Küste Waffenstillstandsküste

(66) Bald nachdem der libanesische Premier el Solh dort aus wahrscheinlich ähnlichen Gründen getötet wurde

(67) 1970 die endgültige Niederlage der Saiditen. Südjemen wurde 1967 als Volksrepublik unabhängig

(68) Ägypten unterstützte übrigens den Sultan, auch das irgendwie grotesk

(69) Sie zogen nach dem Waffenstillstand 1949 über Arish am Sinai ab

(70) Das, anscheinend wegen Ölanlagen im 2. WK von italienischen Kampfflugzeugen angegriffen wurde, als Teil der Bombardierung Bahrains, wo die Briten getroffen werden sollten

(71) Es folgten anti-amerikanische Kundgebungen in Teilen der moslemischen Welt, auch unter Schiiten in Saudi-Arabien. Die US-Botschaft in Libyen wurde auch zerstört. Die Kundgebungen und Übergriffe richteten sich nicht dagegen, dass die USA menschenrechtsfeindliche Regimes unterstützt(e), es wurde dabei davon ausgegangen, dass sie hinter dem Angriff in Mekka steckte, und nicht Leute, die auf eine noch schlechtere Menschenrechtssituation aus waren als das Regime Saudi-Arabiens

(72) Kein idealer Ausdruck, als ob in diesem Land Islam jemals unwichtig gewesen wäre

(73) Kein idealer Ausdruck, als ob in diesem Land Islam jemals unwichtig gewesen wäre

(74) Über die damalige North-West Frontier Province sowie Belutschistan, jene beiden Grenz-Provinzen Pakistans, die auch von Paschtunen dominiert sind

(75) Es gibt zwei Länder der Arabischen Halbinsel, in denen es noch einigermaßen autochthone Christen gibt, Bahrain und Kuwait. In beiden Ländern machen sind die Christen Zuwanderer aus „arabischen“ Ländern wie Irak oder Palästina, wobei ein Teil davon schon Jahrhunderte im Land ist und eingewurzelt. Griechisch-Orthodoxe dominieren jeweils

(76) 1978 soll es in Saudi-Arabien eine Art Aufstand von nigerianischen Gastarbeitern gegeben haben

(77) Das diesen Irak im Krieg gegen Iran unterstützt hatte

(78) In der Leichtathletik haben saudi-arabische Sportler auch Manches erreicht. Zum Teil handelt es sich um Leute mit afrikanischen Wurzeln

(79) Bush hat den alleinigen Weltmacht-Status der USA, zu dem sie nach Ende des Kalten Kriegs Anfang der 1990er, infolge der Implosion der SU und des restlichen Ostblocks kam, eher niedergemacht

(80) Staudinger im „Profil“: Bin Laden hatte eine Zeit lang Sympathien in der islamischen Welt, die waren zur Zeit seiner Tötung 2011 in Pakistan durch US-Militär verbraucht; er hat noch die arabischen Aufstände erlebt, die sich an Demokratie orientierten, nicht an Islamismus…

(81) Zur Zeit dieses Anschlags (Oktober 20) gab es auch eine Attacke auf die französische Botschaft in Saudi-Arabien, dann jene in Wien

(82) Ähnliches gilt womöglich für die in Syrien herrschenden Alawiten

(83) In allen diesen Punkten steht die Islamische Republik Iran, obwohl zweifellos eine Diktatur, besser da

(84) Dabei geht es darum, wie wenig Reform zugelassen wird

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Goof wird auch als Sammelbegriff bzw Oberbegriff für Filmfehler an sich verwendet, bezeichnet im engeren Sinn Anschlussfehler. Ein Plot hole/ Handlungsloch ist ein schwerer inhaltlicher Fehler in einem Film, darum geht es hier in erster Linie. Historische Fehler sind gewissermaßen inhaltliche Fehler sehr spezifischer Art; sie wurden schon etwas abgehandelt im Artikel über historische Filme. Daneben gibt’s filmtechnische Fehler (zB ein Mikrofon zu sehen), Synchronisationsfehler.  

Kulissen Cinecittà (Rom)

Um einen Fehler handelt es ich natürlich nur dann, wenn „er“ in der Endfassung ist, nicht rausgeschnitten wurde. Bloopers (gewisse rausgeschnittene Szenen) werden gerne gezeigt, manchmal sogar im Anschluss an den betreffenden Film; dabei handelt es sich meist um spielerische Fehler (ein Schauspieler muss lachen oder vergisst seinen Text), diese fallen auf. „Hoppalas“ oder Improvisationen werden manchmal in Filmen gelassen, zB die Strassenüberquerung in „Midnight Cowboy“, das Line-Up in „Usual Suspects“ (das anders hätte „ablaufen“ sollen).

Absichtliche filmtechnische Fehler hat Quentin Tarantino in seinem „Death Proof“ (07) eingebaut, als Reminiszenz an das Grindhouse-Kino bzw B-Movies (zweitklassige Filme) der 1970er. Absicht ist es natürlich auch, dass in „Big Lebowski“ der „Cowboy“ in die Kamera redet und die Handlung kommentiert, eine Art Stilmittel. „Kevin allein zu Hause“ ist einer jener Filme, in denen so Manches unrealistisch ist (streng genommen inhaltliche Fehler vorliegen), dies aber nicht so ernst zu nehmen ist; bei jenen Filmen handelt es sich um Phantasy, Komödien,… aber auch Action-Filme. „Law Abiding Citizen“/ „Gesetz der Rache“ etwa, oder „The Rock“, „Indiana Jones“.

In den James Bond – Filmen ist auch das Meiste unrealistisch, ohne dass man dies als (inhaltliche) Fehler bewerten würde. Die Filme von Ed(ward) Wood strotzen nur so vor Fehlern, verschiedener Art, wurden dadurch Kult, besonders „Plan 9 aus dem Weltall“.(7) Meist handelt(e) es sich dabei eher um filmtechnische und Anschlussfehler denn als Handlungslöcher; wie „primitive“ Spezialeffekte, haarsträubende Dekorationen bzw Hintergrundbilder, schlecht geschnittenes Filmmaterial. Hinzu kamen schlecht geschriebene Geschichten, die schlecht gespielt wurden – somit spiel(t)en mögliche inhaltliche Fehler eigentlich keine Rolle mehr.

Dass „Rosemaries Baby“ grösstenteils im Los Angeleser Stadtteil Hollywood gedreht wurde, aber in New York spielt, ist eben so wenig ein Fehler wie wenn der deutsch-österreichische Schauspieler Christoph Waltz einen US-Amerikaner spielt, oder dass das Übergewicht von Marlon Brando in “Apocalypse Now“(1) kaschiert/verborgen wurde. Es ist auch ein Unterschied zwischen einem Plotloch und etwas der Imagination der Zuseher zu überlassen > offene Fragen bzw offen Gelassenes, Unklares, mehrdeutige Ausgänge, wie in „Mulholland Drive“. Und, es gibt Filme wo die Probleme woanders liegen als in der „inneren Stimmigkeit“ oder der Abweichung von der Realität. „Limitless“: die Existenz einer Droge mit einer solchen Wirkung zu erfinden, ist legitim. Fragwürdig ist eher, warum Einer mit einem Mittel das so „smart“ macht, sich Geld von einem „Mobster“ borgt. Und: die innere Entwicklung des Protagonisten wird zu wenig gezeigt, es geht zu schnell, vom erfolglosen Autor zum frauenaufreissenden HighSociety-Geschäftsmann.

Nicht dass das eine solche Entwicklung ganz unlogisch/widersinnig wäre, aber sie wird zu wenig behandelt. Kein Plotloch im eigentlichen Sinn sind auch rassistische Darstellungen wie in „Casablanca“ oder „True lies“. Bei offeneren Propaganda-Filmen wie „Birth of a Nation“ ist das schon eher der Fall. Das Hauptaugenmerk hier liegt auf Handlungslöchern, nicht auf Anschluss-/Filmtechnikfehlern. Logik-Katastrophen gibt es natürlich auch in der Literatur, in Epik und Dramatik. So in Agatha Christie’s Theaterstück „The Mousetrap“/“Die Mausefalle“ – wo der Polizei-Detektiv etwa die Identität des Mörders herausgefunden hat, diesen aber weiter töten lässt, anstatt ihn festzunehmen. 

Unlogisches Verhalten ist noch kein Plot-/Handlungsloch, dass ein Charakter (eine Figur) anders handelt als er es nach dem Verständnis vieler Zuschauer machen sollte. Menschen handeln oft irrational. In „Fargo“ hätte sich die von Buscemi dargestellte Figur nach der Übernahme des Geldes (am Parkplatz, mit Schiesserei) damit aus dem Staub machen können, anstatt zu der Hütte zurück zu kehren – wo ihn sein Komplize ja dann getötet hat und den Holzzerkleinerer mit seiner Leiche „gefüttert“. In „Ein perfekter Mord“ steigt „David“ (Mortensen) auf „Stevens“ (Douglas) Mordplan ein, spielt dann sein eigenes Spiel. Was er auch machen hätte können, wäre, mit dem aufgenommenen Mordanweisungen zu „Emily“ (Paltrow) und der Polizei zu gehen. Selbst wenn er sich nach der letzten Verurteilung etwas zuschulden hat kommen lassen, hätte ihm diese wohl eine Art „Deal“ vorgeschlagen. Und David hätte Emily und ihr Geld bekommen.(2)

Oder, eine Umgereimtheit wie in „Das Appartment“, wo die von Shirley MacLaine dargestellte Frau so promisk ist und auf jemanden wie den Chef „abfährt“ (was nicht ganz zu ihrem Charakter passt). In manchen Fällen gibt es Erklärungen für Handlungslöcher. Zuseher/Fans diskutieren auch darüber, nicht zuletzt im Internet. Etwa bezüglich der „Stars Wars“-Filme. Bei „Citizen Kane“ spielt das anfangs geäusserte letzte Wort von Charles F. Kane („Rosebud“) eine wichtige Rolle, ein Journalist versucht dann, dessen Bedeutung zu ergründen. Doch, Kane ist allein gestorben… Es gibt potentielle Lösungen/Erklärungen dafür; der Butler könnte nicht nur den Toten gefunden haben, sondern auch im Zimmer gewesen sein, nicht im Bild. Er könnte auch am Zimmer vorbei gegangen sein und das Wort so gehört haben.

Das haben Zuseher und Kritiker spekuliert. In „Die üblichen Verdächtigen“ hat der von Kevin Spacey dargestellte „Keyser Soze“ Glück, dass das Phantombild (von ihm) gefaxt wird kurz nachdem er aus der Polizeistation weg gegangen ist, und auch nicht gleich bemerkt wird… Hier hätte es andernfalls ein anderes Ende gegeben, in anderen Filmen wären diese zerstört gewesen. Dazu noch mehr bei „Vier im rasenden Sarg“. Für die Literatur gibt es im Englischen den Begriff „idiot plot“, was eine Geschichte bezeichnet, die so nur geschehen kann wenn sich die meisten Involvierten idiotisch verhalten. In der logisches Verhalten die Handlung „zerstören“ würde.    

„Der Schakal“ (das Original) spielt 1963, in einer Szene ist ein 1970er-Citroen zu sehen –  so etwas fällt aber kaum ins Gewicht – wie Fehler generell selten einen Film wirklich „entwerten“. Man erwartet von Filmen auch nicht, dass sie vollkommen realistisch und logisch sind, das ist nicht Bedingung für ihren Genuss; in der Regel geht es schliesslich um Unterhaltung. Keine Notwendigkeit, zu überanalysieren… Dennoch einige Links zu Webseiten die sich mit Filmfehlern beschäftigen: https://www.moviemistakes.com/ , https://www.scifi-forum.de/forum/filme-tv-serien-und-co/filme/der-herr-der-ringe/72215-plotholes-und-logikfehler-des-films-in-vergleich-zu-den-b%C3%BCchern/ , https://www.urbo.com/content/8-movies-with-plot-holes-that-completely-ruined-everything-and-how-to-fix-them/ , https://www.boredpanda.com/interesting-movie-plot-holes/ , https://bestlifeonline.com/major-movie-mistakes/

Einige Handlungs-Löcher/ Plot holes

Es gibt jene, die der Logik in individuellen Szenen widersprechen; solche die der Logik von Haupt-Charakteren widersprechen; und die ganz grossen, die die Handlung an sich in Frage stellen.

* „Sleepers“ (Film, nicht Buch): Pubertierende in einem Arbeiterviertel in New York, ein „Streich“ schief gelaufen, darauf hin sexueller Missbrauch im Jugendstrafvollzug… Schnitt: 13 Jahre sind vergangen (Reagan, nimmer Johnson Präsident der USA), 2 sind gut geblieben, 2 böse geworden, alle 4 sind mit dem Missbrauch (den sie geheim gehalten haben) in verschiedener Weise noch immer beschäftigt; zufälliges Wiedersehen der Zwei, die auf die schiefe Bahn geraten sind, mit einem der Übeltäter von damals, die Gelegenheit wird zur Rache (dem Mord an ihm) genutzt. Die Beiden kommen vor Gericht, die beiden „Guten“ schalten sich ein, helfen ihnen diskret, verhelfen ihnen zum Freispruch; „nebenbei“ wird auch mit den restlichen drei Sexualverbrechern von damals abgerechnet, mit 2 davon legal, mit einem über die italienische und die schwarze Mafia.  

Themen/Genres: Rache, auch Schicksal („Man sieht sich immer zwei Mal im Leben“, Momente die Leben verändern); Freundschaft bzw Verschwörung; Jugendproblemfilm; Milieustudie in einem Problemviertel in NYC („Hell’s Kitchen“)(3) wo die irisch-italienisch-puertoricanische-… Unterschicht lebt, > der erste Teil spielt 1968, und „Flower Power“ und die Jugendproteste gegen den Vietnamkrieg werden als Sache der Ober- und Mittelschicht „abgehandelt“; Mafia; Gerichtsdrama(4); die Katholische Kirche ist sehr präsent, aber auf der Gegenseite (zu den Pädophilen); sexueller Missbrauch von Jugendlichen; Katharina Rutschky in der „taz“, 1997 (als der Film auf Deutsch in die Kinos kam): „Die Aufgabe, über den Unterschied von Freundschaft, Kumpanei und Bandenbildung nachzudenken, überläßt der Film den anderen vier, in deren Fänge die Buben nun geraten, nachdem sie zu Strafe und Besserung in eine Erziehungsanstalt eingewiesen werden.“   

Unvereinbarkeiten/Auslassungen und dergleichen: Die Rache fällt allgemein etwas zu glatt aus. Zunächst hätte sich „Nokes“ in einer solchen Situation (mit vorgehaltenen Waffen mit seinem Missbrauch konfrontiert) anders verhalten, etwa die Beiden nicht noch provoziert. Der Barkeeper, der die Beiden persönlich kannte, wurde anscheinend davon abgehalten, gegen sie auszusagen, das ist in Ordnung. Aber, dann in der Gerichtsverhandlung: Andere hätten die Verbindung kennen müssen, zwischen den Angeklagten und dem Staatsanwalt zumindest, wenn nicht zwischen ihnen zusammen mit dem Opfer (die 2 haben ihn ja auch gleich wieder erkannt, nach all den Jahren) – etwa „Ferguson“, der als Zeuge aussagte.

Und: Die Angeklagten („Riley“ & „Marcano“) wurden nicht eingeweiht in den Plan, den ihre Kumpels von früher mit der Mafia im Viertel, dem Pfarrer,… ausgeheckt und umgesetzt haben. Sie hätten doch leicht vor Gericht aussagen können bzgl des sexuellen Missbrauchs (und damit die Verbindung bestätigen,…) oder zumindest Zwischenrufe tätigen, ggü dem Staatsanwalt (Pitt). Bei ihren Vorstrafen und bei einer Mordanklage hat ihnen eine sehr, sehr harte Strafe gedroht, hätten sie nicht versucht, ihr Verhalten plausibel zu machen? Oder aus Wut-Gefühlen ihrem (Ex-) Freund und den Jugendgefängniswärtern ggü heraus… Wie gesagt, dass der von Pitt dargestellte Charakter daran arbeitete, den Prozess zu verlieren, wussten sie ja nicht.

Dann, die Zeugenaussage von „Pfarrer Carillo“, der ihnen ein Alibi gibt, sie seien mit ihm bei einem Basketballspiel (der New York Knicks) gewesen. Auch das war nicht koordiniert mit den Angeklagten, und zumindest bei der Polizei werden sie dazu befragt worden sein, was sie an diesem Abend taten, wenn nicht in der Bar jemanden umgebracht… Das Alibi hat Carillo für sie erbracht, ohne dass sie davon wussten. Das was der von De Niro dargestellte Charakter aus-sagte (und sie rettete), hätten die Beiden als Erstes zur Polizei sagen müssen! Ausserdem ist es fraglich, ob (im Bundesstaat New York) ein Zeuge während des Kreuzverhörs bei Gericht neues physisches Beweismaterial einbringen kann.

Warum wurde die Gelegenheit zur Rache an den Anderen (der Plan von „Michael“/Pitt) eigentlich genutzt, als Rache am Haupttäter (durch Zufall) schon vollzogen war? Warum haben sich die 2 bzw die 4 „Nokes“ und die Anderen nicht früher vorgeknöpft, ihn gesucht, anstatt die zufällige Begegnung dafür zu nutzen. Und, warum versuchten der Staatsanwalt und der Journalist nicht, ihren abgesackten Kumpels früher zu helfen – ehe diese als Mörder vor Gericht stehen?

Neben diesen Handlungslöchern gibt es einen historischen Fehler: der Grieche dessen Imbisswagen die Jungs stahlen, hat auf diesem eine griechische Flagge befestigt. Diese hat Ende der 1960er aber anders ausgesehen als die jetzige. Und, Kontinuitätsfehler: „Michael“ als Teenager wurde von B. Renfro (dessen Schicksal tatsächlich tragisch ist) dargestellt, der hatte braune Augen, als Erwachsener von Pitt und der hat blaue. Und, Bacon/“Nokes“ hat im Gefängnis einen anderen Akzent als dann in der Bar.  

Die Frage der Authentizität ist hier verbunden mit jener der Handlungslöcher. Wobei dann noch Abweichungen in der Verfilmung von der literarischen Vorlage möglich sind. Dessen Autor, Lorenzo Carcaterra (geboren 1954 in Hells Kitchen, Vorfahren aus Kampanien), war Journalist (wie “Shakes”,  als Vorlage für diesen deklarierte er sich), sagte, die Geschichte ist authentisch (autobiografisch), nur Namen, Daten,… seien geändert. Wenn die Plotlöcher doch von der Literatur-Vorlage übernommen sind, ist der Film diesbezüglich unschuldig, es gibt solche Fälle. „Sleepers“ kam ’95 als Roman raus, wurde 96 verfilmt (Barry Levinson, Warner Brothers). Die „Sacred Heart of Jesus Church and School“ in Manhattan (die Carcaterra besuchte), das Büro des Bezirks-Staatsanwalts von Manhattan sowie Jugendbehörden dementierten, das etwas Derartiges in ihrem Bereich geschah.

Tiara hat auf Carcaterras Blog angefragt, bezüglich der loopholes im Film. Er schrieb dazu nur: „…films are a very unique format. They have time and production constraints, unfortunately. They rely on people having read the original book and by people filling in the blanks for themselves.“ Übrigens, eine Meldung in den ORF-IT-Nachrichten kürzlich: „In den Niederlanden hat der Tod eines 73-Jährigen eine Debatte über die eigenmächtige Verfolgung Pädophiler durch Bürgerinnen und Bürger entzündet. Eine Gruppe von Jugendlichen in der Stadt Arnhem hatte in einem Chat ein Treffen zwischen dem Mann und einem Minderjährigen fingiert und diesen anschließend am Treffpunkt abgepasst und verprügelt. Er wurde so schwer verletzt, dass er im Krankenhaus starb. Nun warnte die niederländische Polizei eindringlich vor solchen ‚Pädophilenjagden’“.

* Der SF-Film „Westworld“ (1973; spielt 1983): War einer der ersten Filme mit Computer-Animationen, ein Vorläufer zu „Terminator“ oder „Jurassic Park“; Michael Crichton hat auch eine Art Romanvorlage zu „Westworld“ geschrieben. Widersprüche gibt es v.a. bzgl der Waffen in „Delos“: Die Waffen der Gäste hatten Wärmesensoren, so dass sie nur auf Roboter schiessen können, aber: Querschläger?! Bzgl der Roboter/Gunslinger/Androiden wurde ihre Programmierung anscheinend als so sicher gesehen dass sie mit scharfer Munition ausgestattet wurden, dann geraten sie durch eine Art Computer-Virus aber ausser Kontrolle. Der von Brynner dargestellte Roboter gerät so ausser Kontrolle dass er Freude am Schrecken entwickelt… Ausserdem wird kaum Munition nachgeladen, das ist aber wahrscheinlich Gang und Gäbe in Hollywood. Bzgl der Schwerter in der Mittelalter- und der Antike-Welt wäre ein Verletzen der Gäste gegeneinander möglich.

* „Race with the devil“ / „Vier im rasenden Sarg“: Hat einige Gemeinsamkeiten mit „Easy Rider“ > Mitwirkung von Peter Fonda, Motorräder, Hinterwäldler (Texas bzw Louisiana), aber auch mit „Delieverance“ (Stadtleute,…), „Duell“ (Strassen-Action), „Rosemarys Baby“ (Horror/Okkultes, Paranoia/Erkenntnis > wem vertrauen?, Realität von Hexerei). Spannender Aufbau, jedoch Inkonsistenzen: fast Alle in dem County sind involviert in den Satanistenring (zB die Leute in der nächsten Polizeistation die sie nach der Beobachtung und der ersten Verfolgungsjagd finden…). Die 2 Paare auf Urlaubsreise kriegen nach ihrer zufälligen Beobachtung einer Menschenopferung eine Warnung, jedoch bevor sie etwas Neues unternehmen (können), werden sie schon (wieder) angegriffen.

Am Ende sind sie unangebracht unvorsichtig, und die Satanisten legen einen Feuerring um ihr Wohnmobil, können sie sich vorknöpfen. Diese hätten so etwas schon vorher machen können bzw sie einfach töten, wenn sie ihre Leute eh überall haben. Aber: das ist in vielen Filmen so, wenn jemand zum „richtigen“ Zeitpunkt die Polizei gerufen hätte oder der Schurke früher zugeschlagen hätte, wäre die Geschichte zu Ende gewesen… „Psycho“ war auch insofern eine Innovation, als der Hauptcharakter zur Hälfte des Films getötet wird > dies machte dann den Plot aus und lockte andere Figuren zum „Bates Motel“ und seinen Besitzer. A propos, Alfred Hitchcock hat ja bezüglich Realismus und so im Film gesagt, eine Frau die den ganzen Tag am Fliessband in einer Fabrik steht, möchte am Abend im Kino nicht eine Frau sehen, die in einer Fabrik am Fliessband steht.

Das dramatische Ende in „Sieben“ konnte so nur ablaufen, weil die von Morgan Freeman dargestellte Figur nicht ein Bombenentschärfungskommando ruft, sondern die gelieferte Schachtel selbst öffnet…bei dem was „John Doe“ bis dahin aufgeführt hat, musste man auf Alles gefasst sein und ein (erfahrener) Polizist hätte das kaum selbst gemacht, mit der Möglichkeit einer Sprengvorrichtung wäre ohne Weiteres zu rechnen gewesen. Aber, was wäre dieser Film schon gewesen ohne die persönliche Involvierung der Pitt-Figur in die Mordserie am Ende, und seiner Entscheidung zwischen „Gott“ (Freeman) und „Teufel“ (Spacey). Oder in „No Country for old Men“: die von J. Bardem dargestellte Figur hat eigentlich bis zum Schluss einiges Glück.

* „The Game“/„Das Spiel“: War er immer sicher, war immer alles ausgeklügelt? Wie der Sturz vom Hochhaus am Ende. Unter Youtube-Videos vom Film fragen Kommentatoren, was wenn die von Michael Douglas dargestellte Hauptfigur („Nicholas van Orton“) an einer anderen Stelle gesprungen wäre? Wenige Meter neben der Stelle an der er (durch Sicherheitsglas) in den Festsaal stürzte, waren Balken… Kommentatoren spekulieren darüber, dass alles auskalkuliert gewesen sei, „Van Ortons“ Verhalten aufgrund der Eingangstests vorhersehbar, bis hin zu solchen Details von wo er in dieser Situation springen würde.

Weiters werden an Möglichkeiten genannt: das Gebäude hätte „umgebaut“ worden sein können, mit Luftkissen an anderen Stellen, „Balken“ aus elastischem Material,… „Feingold“ hätte ihn (an der Stelle) stossen können. Oder, es hätte oben am Dach ein Team warten können, das van Orton festgenommen hätte, wenn er dort nicht gesprungen wäre, ihn wieder unter „Downer“ setzen, und er wäre wieder irgendwo aufwacht. Die „Auflösung“ hätte dann anders und später stattgefunden. Oder gab es nichts dergleichen, war das glatte Ende Glück/Zufall, bzw eben nur Teil eines Spielfilms…? Jedenfalls, „NVO“ brauchte diese Nahtoderfahrungen zur Läuterung.

* „Pulp fiction“: Die Szene mit dem Autozusammenstoss und der Vergewaltigung („Butch“, „Marsellus“, das Pfandgeschäft, „Maynard“, „Z“). Butch & Marsellus sind nach dem Crash nur leichter verletzt; keine Polizei in der Gegend, als Butch das Pfandgeschäft verlässt (und Marsellus ein paar abgebrühte „Niggas“ ruft, die den angeschossenen Vergewaltiger mit Lötkolben und Kneifzangen bearbeiten sollen) – es hätte dort zu dem Zeitpunkt noch immer von Polizisten gewimmelt; aber genial: eine Situation erfinden, die zu Zusammenhalt und Versöhnung zwischen den beiden Feinden führt… Den „Gimp“ vor Augen muss man sagen, Butch rettete Marsellus davor, für den Rest seines Lebens in eine Kiste gesperrt und für anale Vergewaltigungen hervor geholt zu werden. Von der Tötung „Vincents“ wusste Marsellus da noch nicht, aber angesichts dessen hätte er ihm dennoch verzeihen können.

Als Vincent mit „Mia“ ausgeht, findet sie sein Heroin, hält es für Kokain (das sie konsumiert), nimmt davon, überdosiert. Vincent rast mit ihr zum Haus seines Dealers „Lance“, wo sie mit einer Adrenalin-Spritze in ihr Herz wiederbelebt wird. Abgesehen davon dass davor anscheinend keine Wiederbelebungsmaßnahmen ergriffen wurden, kann das so in der Realität medizinisch so nicht funktionieren. Obwohl der Schauspieler Steven Prince (der Waffenverkäufer in „Taxi driver“)(8), ein vormaliger Heroin-Süchtiger, in einer Doku über ihn sagt, dass er so etwas erlebt hätte – es ist eine Art urbane Legende, dass dieser Fall in „Pulp fiction“ eingearbeitet wurde. Zum Einen bräuchte man eine sehr spezielle Nadel, um so in das Herz vorzudringen, und wenn das gelingt, würde man wahrscheinlich eine Koronararterie treffen. Zum Anderen ist Adrenalin nicht die Lösung für eine Opiat-Überdosis. Es behebt nämlich nicht das Problem der Atemdepression.

* Weitere Plotlöcher/Unstimmigkeiten:

In „Face off“/“Im Körper des Feindes“ gibt es diese v.a. rund um „Castor Troys“ Gegenaktion, Handlungslöcher so gross, dass Lastwagen durchfahren können. Ein Schwerverbrecher wird für so etwas herangezogen, OK; er und der gegen ihn ermittelnde Polizist sind sich körperlich in Vielem sehr ähnlich, OK; aber: er wacht nach der Operation unbewacht und unsediert auf, hat Gelegenheit seine Leute anzurufen und sie genau dort hinzuschicken, wo sie leicht eindringen und alle überwältigen können, und damit sind auch alle Hinweise auf den Identitätstausch vernichtet,…

„Full Metal Jacket“: „Pyle“/D’Onofrio erschiesst Hartman/“Ermey“ zum Abschluss des Boot camps in Parris Island > in diesem Stadium der Ausbildung wäre er nie ausserhalb des eigentlichen Trainings an eine scharfe Waffe gekommen… Abgesehen davon war Ermey in mehrerer Hinsicht nahe bei „Hartman“ (beruflich, politisch, vlt nicht charakterlich).   

Dubios: Die Rettung von Hanks in „Cast away“/„Verschollen“, durch eine Flossfahrt nach ein paar Jahren auf der Insel mit Beobachtung der Gezeiten; die Rettung an sich wurde ja nicht gezeigt, es gibt einen Jump Cut vom Auftauchen und Signalgeben des Frachtschiffs zum Heimflug Hanks‘

„She’s all that“/ „Eine wie keine“: Ein High School – Abschlussball, bei dem Alle wie Profis tanzen

* Berühmte, oft genannte Handlungslöcher:

„Titanic“ (1997): die Türe im Meer auf die sie sich rettet, hatte er darauf nicht auch Platz?!

„Back to the Future“/ „Zurück in die Zukunft“ I (1985): „Doc“und „Marty“ reisen aus den 1980ern in die 1950er, Marty trifft dort auf seine Eltern als Teenager, damit es ihn in der Gegenwart weiterhin gibt, hilft er bei ihrem Zusammenkommen nach, rettet seinen Vater davor, von einem Auto angefahren zu werden, flirtet mit seiner Mutter. Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass sie ihn dann nicht erkennen, als er in das entsprechende Alter kommt

„Shawshank Redemption“: So Einiges… Die Verschlüsse der Bierflaschen, die den Gefangenen bei/nach der Arbeit am Dach genehmigt werden, gab es damals lange noch nicht. Beobachter meinten auch, das muss das weisseste Gefängnis der USA (gewesen) sein. Was über dieses Land etwas aussagt: der hohe Anteil von Afro-Amerikanern in Gefängnissen und die Unwahrscheinlichkeit, dass es mehr als einen in einer tragenden Rolle in einem Hollywood-Film gibt. „Andy“ (sehr smart) geht zum Wärter bzw Gefängnisdirektor mit der Info, wer seine Frau getötet haben soll – anstatt zu seinem Anwalt… Ja, und das Wirken dieses Direktors ist insgesamt auch etwas abwegig. Vor Allem aber läuft die Flucht bzw das Ende zu glatt.

Andy bleibt 20 Jahre in der selben Gefängniszelle, und hat dadurch (und ein Raquel-Welch-Poster) Gelegenheit, in aller Ruhe ein Loch bzw einen Gang zu graben? Na gut. Er tut das mit diesem Werkzeug und wird das Mauermaterial auf diese Art los? Okay. Aber wie hat Andy das Poster vom Gang aus wieder an der Wand befestigt, fragen sich Manche. Eine Art wörtliches Plotloch

Die „Gremlins“ werden u.a. dann „asozial“, wenn man sie nach Mitternacht füttert…doch auch wenn ich sie beispielsweise um 23:30 füttere, ist das das ja auch nach Mitternacht, nach der letzten, eben so wie um 00:30 des selben Tags

„Karate Kid“: Der entscheidende Kick ist regelwidrig (auf den Kopf)

„Toy Story“: „Buzz Lightyear“ glaubt (anfangs), dass er kein Spielzeug ist, dennoch macht er immer mit, wenn sich die anderen Spielzeuge tot stellen, sobald ein Mensch auftaucht

„Ocean’s 11“: Beim Raub der vorgetäuscht wird, gehen die Elf mit Taschen mit „wertlosen“ Papier statt Geld heraus, und dann erst räumt die Bande (als Spezialkommando der Polizei verkleidet) den Tresor leer…doch wie kam das Fake-Geld/ Papier in den Tresorraum, dafür gibt es keine Antwort

„Hangover“: Wie konnte „Doug“ 2 Tage am Dach eines Casinos/Hotels bleiben? Ohne Nahrung, Wasser, Schatten und nicht entdeckt von Sicherheitskameras

„Gesprengte Ketten“: Der von J. Coburn dargestellte Charakter schlägt sich nach Frankreich durch, sitzt in einem Cafe, als Nazi-Offiziere dort durch einen Resistance-Anschlag getötet werden; den Offizieren entgeht dass der Australier „Liberation“ liest, die Resistance-Zeitung, und er beim „Anruf“ hörbar auf Englisch antwortete

In „Harry Potter und der Gefangene von Azkaban“ benützen „Harry“ und „Hermione“ eine Zeitmaschine unter Anderem dafür, um „Sirius“ und „Buckbeak“ zu retten. Nun, wenn „Dumbledore“ einer 13-Jährigen ein solches Gerät gibt (auch für Unwichtigeres), warum nutzt er sie dann nicht um  „Voldemort“ in der Vergangenheit zu besiegen?

In „Armageddon“ werden einige Ölbohrarbeiter in den Weltraum geschickt, um die Erde vor einem Asteroiden zu retten. Wäre es nicht einfacher, Astronauten beizubringen, zu bohren, als Ölbohrarbeiter beizubringen, Astronauten zu werden..? Ein Darsteller dieser Arbeiterhelden, Ben(jamin) Affleck, sprach das ggü Regisseur Michael Bay auch an, liest man

„Ernst S. Blofeld“ taucht in insgesamt 8 „James Bond“-Filmen als Bösewicht auf, dargestellt von 7 verschiedenen Schauspielern. In „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ trifft George Lazenby als „James Bond“ auf „Telly“ Savalas als „Blofeld“. Bond kennt Blofeld nicht, doch in „Man lebt nur zweimal“ waren sie schon aufeinander getroffen. Auch wenn beide Figuren da von Anderen dargestellt wurden (Connery/Pleasance), es sind die selben Figuren.

In „Groundhog Day“/„Und täglich grüsst das Murmeltier“ (1993) muss „Wettermann“ „Phil Connors“ („Bill“ Murray) sein Leben von Grund auf ändern, um die Zeitschleife verlassen zu können. Was eigentlich die Ursache des „Zeitlochs“ ist (eine göttliche Macht?), wird offen gelassen, herausgekommen ist er jedenfalls, indem er an sich arbeitete, sich vom zynischen Macho zum „verträglichen Mitmenschen“ wandelte. Wie lange Connors in Punxsatawney verbrachte, wird oft spekuliert…jedenfalls ist er dort auch gestorben (und wieder aufgewacht). Eine Möglichkeit des Entkommens aus Punxsatawney hätte es wohl gegeben, in der Früh, vor dem Schneefall… Im ursprünglichen Drehbuch des (Fantasy-?) Films war das auch so vorgesehen, da brach er einige Male aus (besuchte auch seine Mutter), wachte aber immer wieder in Punxsatawney auf. Jedenfalls hätte er ein paar Stunden Spass irgendwo ausserhalb des Städtchens haben können

„Memento“: die Hauptfigur verlor ihr Kurzzeitgedächtnis, seine Geschichte wird in umgekehrter Reihenfolge erzählt, das Ende lässt Vieles offen. Der 20 Jahre alte Film wird nach wie vor diskutiert, Regisseur Nolan hat eine Website über den Film designed. Es werden auch einige Handlungslöcher ausgemacht. Wikipedia: „Ein inhaltlicher Fehler liegt auch dann vor, wenn Filme, die auf realen Ereignissen basieren, sich von der Realität unterscheiden.“ Das Reale ist in dem Fall die anterograde Amnesie (Verlust Kurzzeitgedächtnis), und es gibt einige Kritik an ihrer Darstellung in dem Film. Ein sehr spezifischer Fehler, mehr noch als historische Fehler (s.u.). „Leonard“ hat anscheinend eine sehr starke anterograde Amnesie, und dafür agiert er nicht stimmig. Es heisst, man weiss in so einem Fall nicht, dass man etwas vergisst, daher macht man sich keine Notizen. Und kommt nicht auf die Idee, in die Tasche zu schauen um nach Notizen/Fotos zu suchen. Leonard („Lenny“) wäre Vieles nicht bewusst gewesen, zB dass er ein neues Auto hatte

Noch etwas… In dem Film notiert sich Lenny die Autonummer von Teddy, als „SG137IU“; diese lässt sich er sich dann auch auf seinen Körper tätowieren. Doch, an einer anderen Stelle bekommt er von Natalie Informationen, da lautet das Kennzeichen „SG1371U“. Als das Automobil in einer späteren Szene (die chronologisch wahrscheinlich früher war) zu sehen ist, sieht man das die Nummer tatsächlich auf „71U“ endet. Kontinuitätsfehler oder absichtlich, Teil des Plots bzw Lennys’ Problem, fragt man sich (wenn man darauf aufmerksam wird, siehe hier oder hier)… Es dürfte eindeutig Absicht sein, zur Demonstration der Perspektive Lennys, seines unverlässlichen Narrativs. Er notiert so, dass „I“ und „1“ nicht zu unterscheiden sind und die Tätowiererin macht „I“ daraus. Nolan hat auch gesagt, dass der farbige Teil Lennys unverlässliche Perspektive zeigt, siehe. Das Kennzeichen dürfte sich ausserdem von der Postleitzahl vom Ort von Nolans Uni in GB ableiten

Auch auf Youtube wird darüber diskutiert

In „Explosiv – Blown Away“ (1994) ist fast Alles unglaubwürdig, von der Darstellung der IRA bis zum Rachefeldzug der von Tommy L. Jones dargestellten Figur

Ein Abstecher noch zu TV-Serien. Bei „Columbo“ am Ende immer die Überführung der Täter- die aber oft keine wirkliche ist. Dennoch lenken diese ein, kapitulieren vor „Columbo“, gratulieren ihm gelegentlich, machen sich auf dem Weg in die Todeszelle(5) – anstatt nach ihrem Anwalt zu rufen, wie in der USA üblich, und erst Recht bei diesen High Society – Leuten. Das was normalerweise eher in der Gerichtsverhandlung kommt, wird in diesem Krimi zwischen Columbo und dem Mörder ausverhandelt. Zum Beispiel in der Folge „The most crucial game“/“Wenn der Eismann kommt“ (1972): Das akkustische Signal der Tisch-Uhr war nicht am Tonband…aber ein guter Anwalt hätte den Manager des Football-Teams (Robert Culp) da heraushauen können, dennoch wird eine Resignation von ihm „angedeutet“

„Sopranos“, 5. Staffel, 1. Folge: „Christopher“ geht in eine Zucker-Bäckerei, nimmt eine Nummer, fühlt sich dann zurückgesetzt, schickt den Kunden „Gino“ heraus, zieht eine Handfeuerwaffe, und schiesst dem Besitzer/Angestellten nachdem er seine Süssigkeiten (Cannoli,…) bekommen hat, in den Fuss. „Gino“ wird dargestellt vom Selben (J. Gannascoli), der dann später in der Serie „Vito“ darstellte > eine Art Handlungsloch (der selbe Schauspieler spielt in der selben Serie einen anderen Charakter). Abgesehen davon ist die Sache an sich, mit der Gewaltanwendung Christophers, unrealistisch. Es gibt darin eine Anspielung auf „Goodfellas“ wo Michael Imperioli von den Mafiosi in den Fuss geschossen wurde („Du hast in meinen Fuss geschossen“ – „Das kommt vor“)

Historische Fehler in Filmen

Sie werden im Artikel über Geschichte im Film eigentlich abgehandelt. Solche Anachronismen (Abweichungen von tatsächlichen geschichtlichen Rahmenbedingungen) sind nicht nur in Historienfilmen von Relevanz. Diese speziellen Handlungslöcher sind nicht für Alle offensichtlich, bleiben oft verborgen. Meistens sind die unbeabsichtigt und resultieren aus Nachlässigkeit oder falschen Annahmen. Beabsichtigt Falsches ist Ausdruck künstlerischer Freiheit oder entspringt der Absicht, ein Geschichtsbild zu propagieren (oft aus politischen Erwägungen heraus). 

Eine gewisse Darstellung von Kapitän Bligh zieht sich durch die meisten Filme über die Meuterei auf der „Bounty“, dürfte nicht den Tatsachen entsprechen. Hier kann man von irrtümlichen Annahmen ausgehen. Ebenso, wenn in „Braveheart“ die Schotten in Kilts auftreten, die es zu dieser Zeit noch lange nicht gab. In Kriegsfilmen und dergleichen werden natürlich gerne Generäle erfunden werden, die es nicht gab – mehr oder weniger ist das ein Eingriff in die tatsächliche Geschichte, ihre Veränderung. Bezüglich „Pearl Harbor“ (2001) gibt es eine ganze Reihe von Beanstandungen bezüglich seiner historischen Akkuratesse. Diese Abweichungen vom Geschichtsverlauf hatten verschiedenen Ursprungs, von der Motivation, ein Geschichtsbild zu transportieren über dramaturgische Gründe bis Kenntnislosigkeit. Ähnlich ist es bei „Windtalkers“. In Biopics wie „Catch me…“ (Frank Abagnale) oder „Good morning, Vietnam“ (Adrian Cronauer) gibt es üblicherweise Einiges an Übertreibungen und Erfindungen.

Filme die Ungeklärtes behandeln (wie den Kennedy-Mord) müssen sich natürlich mit Spekulationen und „Annäherungen“ helfen. So ist es auch bei „23 – Nichts ist so wie es scheint“, vor allem was das tatsächliche Zutreffen der Verschwörungen (im historischen und im aktuellen Kontext) betrifft. Etwas ganz Anderes: „Roter Drache“ (2002): „Will“ hat Videofilme in einer Lade, darunter „Mrs. Doubtfire“… „Roter Drache“ stellt die Vorgeschichte die „Schweigen der Lämmer“ dar, die Romane kamen auch in dieser Reihenfolge heraus, im Gegensatz zu den Filmen. Und „Schweigen der Lämmer“ kam 1991 in die Kinos, „Mrs. Doubtfire“ 1993

„Serendipity“/“Weil es dich gibt“ kam 2001 heraus, und zwar im Oktober, wurde grösstenteils im Sommer 2000 gedreht. Der grossteils in New York spielende Film zeigt noch die Skyline der Stadt mit dem World Trade Center. Dieses wurde im Nachhinein digital entfernt, aus „Pietät“, nicht um das Gegenwärtige abzubilden. Noch etwas: Die beiden Hauptfiguren haben sich jahrelang gesucht, aber nicht über Internet, Facebook,… Es war knapp bevor sich die Zeiten diesbezüglich verändert haben; Filme sind eben Dokumente der Zeit in der sie entstanden, in der einen oder anderen Hinsicht

Der Oscar-überhäufte Film über den Untergang der „Titanic“ (1997) ist anscheinend recht stimmig bezüglich des tatsächlichen Geschehens, obwohl darüber einige falsche Annahmen zirkulieren. Bewusst eingegriffen in die Geschichte hat Quentin Tarantino mit „Inglorious Basterds“ (wie auch in „Once Upon a Time in Hollywood“), erzählt da eine Alternativgeschichte, erhebt nicht den Anspruch auf einen Historienfilm. Über Drogeneinnahmen und -wirkungen könnte man auch Einiges schreiben; im Artikel über Morphium ist die Verabreichung desselben an einen angeschossenen Soldaten in „Soldat James Ryan“ bereits analysiert worden. Hier kommt man auch auf ein ziemlich spezielles Gebiet, wie zB auch bei „Memento“

Goofs im engeren Sinn sind also Anschluss-/Kontinuitätsfehler in einem Film, kommen auch zwischen Filmen und ihren Fortsetzungen vor. Gerade bei Szenen in denen gegessen oder getrunken wird, geht oft was schief, da Szenen in der Regel in mehreren Aufnahmen gedreht werden. Also: Ein Glas steht links vom Darsteller, dann plötzlich rechts. Hier einige Goofs/Anschlussfehler. Ein Sonderfall: Montgomery Clift (galt als besser als Brando, schöner als Dean) hatte während der Dreharbeiten zu „Raintree County“/“Im Land des Regenbaums“(6) (spielt zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs) 1956 einen Auto-Unfall, bei dem er sich schwere Gesichts-/Kopfverletzungen zuzog, die sein weiteres Leben beeinträchtigten…sichtbar verändert waren seine Physiognomie und seine Stimme. Ein Teil des Films war schon gedreht, der andere Teil wurde mit dem „neuen“ Clift gedreht. Da Szenen für gewöhnlich nicht in der Reihenfolge gedreht werden, in der sie dann für den Film zusammengeschnitten werden, gibt es in dem Film immer wieder diese „Sprünge“

Filmtechnische Fehler, zB wenn ein Mikrofon (in der Endfassung des Films) zu sehen ist. In „Titanic“ gibt es einige Spiegelungen, in denen die Filmcrew zu sehen ist. In „Jurassic Park“ gibt es eine Szene in der vorgeblich eine Live-Video-Konversation geführt wird, man sieht aber klar am Bildschirm dass ein Video abgespielt wird: http://www.youtube.com/watch?v=uOIa6N_ooSc (ab 00:20). Kann man auch als Logikfehler bzw kleines Handlungsloch werten. Was relativ oft vorkommt: Dass der maskenbildnerische Sprung von Jung auf Alt oder umgekehrt nicht ganz gelingt.  

In Ed Woods Filmen gibt es wie gesagt viele filmtechnische und Anschlussfehler. Gründe dafür waren Mängel an Geld, Zeit, Talent. Es gibt darin gewissermaßen Stegreif- bzw Live-Darbietungen: Wood schickte die Schauspieler meist ohne Proben vor die Kamera, liess Szenen selten wiederholen oder schneiden… Er sparte (gezwungenermaßen) bei Kulissen, Kostümen, Spezialeffekten, Stunts. Wood bekam 1980 posthum den Golden Turkey Award als „Schlechtester Regisseur aller Zeiten“ zugesprochen, infolge dessen wurden seine Filme erst wirklich interessant. Bekanntlich wurde dann ein Film über ihn und seine Arbeit gemacht.

Synchronisationsfehler: Übersetzungsfehler oder „Zeitfehler“

 

(1) Der auf den Philippinen gedreht wurde, aber in Vietnam spielt

(2) Abgesehen davon, den Schlüssel unter dem Rohr haben die Polizisten anscheinend nicht gefunden…

(3) Aus „Hell’s Kitchen“ in Manhattan stammen übrigens Sylvester Stallone (Vater Apulier, Mutter Jüdin, Gesicht bei Geburt „entstellt“), Mario Puzo („Der Pate“), Daniel Moynihan (DP-Politiker, irischer US-Amerikaner, Soziologe, Hardcore-Zionist), die Eishockey-Spieler Joseph & Brian Mullen, „Mickey“ Spillane (irische Mafia); „Taxi driver“ (De Niro!) spielt auch grossteils dort bzw wurde dort gedreht

(4) Mit Dustin Hoffman in einer feinen Nebenrolle; wie De Niro in“Jackie Brown“

(5) Vor der Einführung der Giftinjektion hatte Kalifornien übrigens die Gaskammer

(6) Aber nicht bei den Dreharbeiten

(7) 1959, Horror/Science Fiction, http://www.youtube.com/watch?v=Ln7WF78PolA 

(8) Übrigens, man sagt, die Figur verwendet in dem Film falsche Bezeichnungen für die Schusswaffen… Vergleiche dazu „Jackie Brown“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das 100-Jahr-„Jubiläum“ der Volksabstimmung von 1920 war eigentlich nicht der Anlass des Artikels, hat sich anderwärtig ergeben. Aber mit der schwierigen Abgrenzung zum Land der Slowenen ist man schon mitten in der Geschichte Kärntens. Kärnten grenzt an Osttirol, an Salzburg, an die Steiermark, die italienischen Regionen Friaul – Julisch Venetien und Venetien… und, im Süden, an Slowenien. Es ist ein Verhältnis zwischen Nähe und Abgrenzung. Als Ursula Plassnik, Kärntnerin (mit einem slowenischen Namen), anlässlich des EU-Beitritts Sloweniens sagte, sie „als Kärntnerin“ freue sich besonders darüber, versuchte sie, dieses Verhältnis positiv zu affirmieren. Es gibt aber eben noch eine andere Seite.

Kärnten ist Teil einer grossen „Kontaktzone“ zwischen Germanen, Romanen und Slawen, die der Alpen-Adria-Region entspricht, im engeren Sinn Kärnten, Slowenien und Friaul-Julisch-Venetien umfasst. Die Karawanken, ein Gebirgsstock der südlichen Kalkalpen, stellen seit 1919/20 die Grenze von Kärnten zum nicht-österreichischen slowenischen Gebiet dar. Sie begrenzen Südost-Kärnten in den Süden, nördlich davon das Klagenfurter Becken mit Klagenfurt und Villach, nördlich, östlich und westlich dieses Beckens wieder Gebirgslandschaften.

Kärnten/Koroska wurde/wird teilweise als Grenzregion Mitteleuropas gesehen. Wenn man Slowenien zu Osteuropa bzw Südosteuropa/Balkan rechnet… Man könnte sagen, nach dem 2. Weltkrieg ist Krieg kaum jemals so nahe an Mitteleuropa gekommen wie beim Slowenien-Krieg 1991, in dem sich das Land die Unabhängigkeit von Jugoslawien erkämpfte. Jedenfalls gab es 1945 bis 1991 an der Grenze dort (Österreich-Jugoslawien) eine Art Eisernen Vorhang. Zumindest Südost-Kärnten ist seit dem 2. WK in einer Randlage, vielleicht sogar schon seit dem 1. WK; es war davor, in der Monarchie (Österreich-Ungarn), mitten im Reich, mitten in Europa…inzwischen hat sich das wieder geändert.

Am Ende der beiden Weltkriege (die eigentlich europäische Kriege waren) drangen Südslawen in Kärnten ein, erhoben Ansprüche auf Gebiete dort, die (grossteils) „abgewehrt“ wurden. Am Ende des 2. WK suchten NS-Kollaborateure aus dem jugoslawischen Raum, überwiegendst Kroaten, Zuflucht im Kärnten, das damals unter die Besatzung des britischen Militärs kam. Die Briten gewährten ihnen diese Zuflucht (vor den Partisanen) ja nicht. Beim Zerfall des zweiten, sozialistischen Jugoslawiens 91/92 kamen wiederum Leute über die Grenze nach Kärnten (und die Steiermark), die Österreich als Schutzort sahen. Die Südgrenze spielt in der Geschichte Kärntens eine besondere Rolle, darauf wird hier auch besonders eingegangen.

Spätestens mit seiner Erringung der FPÖ-Bundesobmannschaft auf einem Sonderparteitag 1986 wurde der aus Oberösterreich stammende Jörg Haider eine Art Aushängeschild Kärntens, teilweise das personifizierte Imageproblem. Wobei, die Kärntner haben ihn ja oft genug gewählt, bzw seine Parteien, nicht zuletzt bei Landtags-Wahlen. Es wurde immer wieder versucht zu analysieren, was die Kärntner an sich hätten, dass sie so „auf ihn abfahren“. Der Veranstalter Hannes Jagerhofer sagte dazu, die Kärntner seien „keinen Deut anders“ als die anderen Österreicher.

Neben der Nähe zu Slowenien und der slowenischen Minderheit hat Kärnten auch die Nähe zu Italien und nicht wenige Kärntner haben italienische Namen bzw Wurzeln. Und daneben hat sich das evangelische Christentum dort besser gehalten als in den meisten anderen Gegenden Österreichs. Eigentlich eine gute Mischung. Auch Franz Klammer, einer der grössten Sporthelden Österreichs, ist evangelischer Kärntner. Am Ende geht es um Peter Handke, an dem sich einige der Widersprüche des Landes zeigen. Und natürlich gibt es wieder viel „Crossover“ bzw „Abschweifungen“. Hauptsächlich zur allgemein-österreichischen und zu slowenischen Entwicklungen.

Die Bezeichnung „Karawanken“ ist vermutlich vom keltischen „karv“ für Hirsch abgeleitet. Kelten und Illyrer dürften der Grundstock der Kärntner Bevölkerung sein, um 300 vC dürfte es dort zu Vermischung dieser Völker gekommen sein. Es entstand aus Stammesverbänden das Fürstentum Noricum, das unter den Römern in der Provinz Regnum Noricum aufging. Germanen kamen ab der Römerzeit ins spätere Kärnten: Markomannen, Goten, Langobarden, ab dem frühen Mittelalter dann Bajuwaren. Zu diesen Verschmelzungen und „Überlagerungen“ kamen um 600 nC Slawen hinzu, gründeten das Fürstentum Karantanien/Karantanija, das vom 7. bis zum 9. Jh bestand und Teile der späteren Länder Kärnten, Steiermark, Slowenien umfasste.(1) Von den deutschen Nachbarn wurden die Karantanen mit dem germanischen Sammelnamen für die slawischen Völker als „Windische“ bezeichnet.(2)

Im 8. Jh wandte sich das slawische Fürstentum Karantanien (unter Borut) an das Frankenreich, um Hilfe gegen die einfallenden Awaren. Karantanien (das eine gemischte Bevölkerung hatte) kam unter Oberhoheit der fränkischen Herrscher (743 bis 907). Karantanien (mit Kärnten) war eine Grenzmark im Frankenreich, wurde dann Teil der baierischen Ostmark. Nach der Teilung des Frankenreichs kam Baiern mit Karantanien natürlich zum östlichen Reich. Dort vollzog sich der Aufstieg von Arnulf (Arnolf) von Kärnten, der ab 887 König des Ostfrankenreiches war und von 896 bis 899 „römischer Kaiser“, als letzter Karolinger. Die Bezeichnung „Kärnten“ dürfte im (bzw ab dem) Hochmittelalter aus „Karantanien“ entstanden sein (über den Zwischenschritt „Carantanum“), zu Arnulfs Zeiten gab es sie noch nicht.

Nach Arnulfs Tod entstanden die Stammesherzogtümer neu, Karantanien kam wieder unter die Herrschaft bairischer Herzöge; wobei es nun zu einer starken Besiedlung durch Baiern kam… 976 wurde Karantanien (Kärnten) durch Kaiser Otto II. von Bayern (Baiern) getrennt und zu einem eigenständigen Herzogtum (innerhalb des Heiligen Römischen Reichs), zunächst unter dem Luitpoldinger Heinrich. Karantanien/ Kärnten umfasste auch bzw herrschte über Friaul, Istrien, Krain. Und es kam, im 11. Jh, zur Gründung der Karantanischen Mark innerhalb des Herzogtums, aus der die Steiermark wurde. Das Herzogtum Kärnten/Karantanien wurde von diversen Herrschergeschlechtern regiert. Die grösste Teil der Christianisierung Kärntens fand in diesen Jahrhunderten statt, in diese Zeit fallen auch viele Klostergründungen sowie Bauten von Schlössern und Befestigungsanlagen. Und erster deutscher Papst war im 10. Jh der Kärntner Herzogssohn Bruno, als Gregor V. 

Unabhängig von Kärnten entwickelten sich im HRR das Herzogtum Baiern und seine Ostmark. Aus dieser (Marcha orientalis) entwickelte sich vom 10. bis zum 12. Jh Österreich/Ostarrichi. Dieses war zunächst eine Markgrafschaft im Herzogtum Bayern, wurde 1156 als Herzogtum Österreich unabhängig im Römisch-Deutschen-Reich, unter den Babenbergern. Nach ihrem Aussterben im 13. Jh übernahmen die Habsburger ihr Erbe. Die Phase der Eigenständigkeit des Herzogtums Kärnten dauerte bis 1335, als es Kaiser Ludwig von Wittelsbach an die Habsburger übertrug, die es mit Österreich, Steiermark und Krain vereinigten. 1273 war mit Rudolf der erste Habsburger römisch-deutscher Kaiser geworden, ab dem Spät-Mittelalter (Albrecht II.) bekamen mit einigen wenigen Ausnahmen nur noch Habsburger die Reichskrone aufgesetzt.

Das Gebiet Krain/ Kranjska/ Carniola, heute der Westen Sloweniens, war Teil des Herzogtums Kärnten, wurde im 11. Jh von diesem abgetrennt, kam ebenfalls 1335 an die Habsburger. Die südlich von Kärnten liegende Krain wurde ein Herzogtum in Österreich (später ein Kronland). Es beinhaltete das Gebiet Kočevje / Gottschee, das ab dem 14. Jh mit Kärntnern und Ost-Tirolern besiedelt wurde, unter dem Kärntner Herrschergeschlecht Ortenburger. Das zweite grosse spätere slowenische „Teilland“ war der „untere“ Teil der Steiermark.(3) Die Habsburger, mit dem Herzogtum (ab dem 15. Jh Erzherzogtum) Österreich als Stammland wurden also Oberherrscher des HRR. 1379 bis ca. 1490 gab es eine Teilung der habsburgischen/österreichischen Länder, zwischen der albertinischen/österreichischen Linie, der leopoldinischen/steiermärkischen, und der tirolischen. Abermals Ende des 16./Anfang des 17. Jh (kaiserliche, steirische, tirolische Linien). Kärnten war mit der Steiermark zusammen, im „innerösterreichischen“ Gebiet.

In Kärnten war die habsburgische Gegenreformation weniger scharf, zum Einen aufgrund der diesbezüglichen Politik in Innerösterreich zu Zeiten der Erbteilung, zum Anderen wurden schwer zugängliche Gebirgstäler dort verschont, wie auch in Oberösterreich, das zum östlichen Teil Österreichs gehörte. So hielt sich in Kärnten auch eine evangelische Bauernschaft. Dennoch blieb auch vielen evangelischen Kärntnern nicht der Weg ins Exil erspart, wenn sie den Glauben bewahren wollten, hauptsächlich gingen sie in andere Teile Deutschlands. Und, Kärntner waren unter jenen österreichischen Protestanten, die im 18. Jh in’s eben österreichisch gewordene Ungarn gingen, nach Siebenbürgen/ Erdely/ Ardeal, wo es bereits die Siebenbürger Sachsen gab. Diese Auswanderer, aus Oberösterreich, Kärnten, Steiermark, wurden „Landler“ genannt, nach dem „Landl“ in Oberösterreich, das in etwa dem Hausruckviertel entspricht. Ungefähr in dieser Zeit wurden auch die Donauschwaben in Ungarn angesiedelt.  

Auch Kärnten war in der Neuzeit von den „Türkenkriegen“ betroffen, wie auch von Bauernaufständen und eben den Folgen der Gegenreformation. Unter „Kaiserin“ Maria Theresia kam es Ende des 18. Jh zu Reformen, die die Macht der Stände beschnitten und den Bauern das Recht an ihrem Besitz zusicherten. Mit der Einschränkung der Befugnisse der Stände wurde aber auch die Selbstverwaltung der Länder beschnitten. Im Zuge der Napoleonischen/ Revolutions- Kriege(n) fiel 1809 Oberkärnten (der Westteil Kärntens) an Frankreich bzw unter französische Besatzung, wurde in den „Illyrischen Provinzen“ organisiert, zusammen mit Osttirol, Krain, Istrien, Kroatien. Nach der Rückgabe dieser Länder an Österreich 1813/14 organisierte der Wiener Hof dieses Gebiet als „Königreich Illyrien“, mit den zwei Gubernien Laibach (mit Krain und Kärnten) und Triest. Unterkärnten wurde 1825 dazugenommen.

Österreich wurde 1804 Kaisertum, zunächst im HRR, bis dessen Auflösung 1806. Für beide Schritte war der Habsburger Franz II. verantwortlich. 1849, nach der Revolution und den anschliessenden Staatsreformen, wurde das Königreich Illyrien aufgelöst, und die Kronländer Kärnten, Krain und Küstenland gebildet.(4) Kärnten erlangte also administrative Selbstständigkeit und Landeseinheit zurück. Wie die angrenzende Krain behielt es den Status eines Herzogtums, ab 1867 natürlich in der westlichen Reichshälfte Österreich-Ungarns. Die Krain wurde als eines der Kernländer der Monarchie gesehen, sogar als Teil der österreichischen Ländergruppe (neben der böhmischen Ländergruppe).

Obwohl sie überwiegendst slowenisch war; slowenisch waren ausserdem Teile Kärntens, der Steiermark, des Küstenlands, des westlichen Ungarns (Raab-Tal), sowie Kroatien-Slawoniens (Medjmurje). Und im Königreich Lombardo-Venetien, das 1815 als Teil Österreichs gebildet wurde(5), gab es in der Provinz Udine (westliches Friaul) eine slowenische Bevölkerung. 1859 wurde die Lombardei zunächst französisch, 1861 nach dessen Gründung dann Teil des Königreichs Italien. Venetien (mit Udine) kam 1866 an Italien. Kärnten war (und ist) von Krain durch die Karawanken getrennt, doch das slowenische Sprach- bzw Bevölkerungsgebiet erstreckt sich auf beiden Seiten, bzw auf beide Länder. Je weiter man in Kärnten in den Südosten geht, desto slowenischer wird es; das Gebiet im Südosten des Südostens, mit Eisenkappel, Bleiburg, Ferlach,… hat am meisten Slowenen. Dazu ist auch zu sagen, dass die Gebiete Seeland und Miesstal, die südlich der Karawanken liegen, damals auch noch zu Kärnten gehörten, Teil dieses Südost-Kärntens waren.(6)

Im 19. Jh breiteten sich diverse Nationalismen aus, in Kärnten eben der deutsche und der slowenische. Anscheinend sind die Begriffe „slowenisch“ oder „Slowene“ erst im 19. Jh üblich geworden, zumindest in Kärnten, bis dahin gab es den Begriff „Windisch(e)“, der auch weiter üblich blieb, aber nun allmählich eine negative Bedeutung erhielt. Man kann sagen, dass die bürgerliche(n) Revolution(en) 1848 den Nationalismen enormen Aufschwung gaben, wie überhaupt der Abschied vom Alten nicht nur Gutes brachte. Was die slowenische Bevölkerung Kärntens betraf, konnten hauptsächlich Bauern und Intellektuelle ihre Identität voll bewahren, jene ganz unten und ganz oben in der sozialen Struktur. In Schulen, in Behörden, in der Wirtschaft,… wurde die slowenische Sprache ab Mitte des 19. Jh grossteils herausgedrängt, und es erhielten jene am stärksten ihre Kultur, die diese dennoch „ausleben“ konnten. Bei vielen Kärntnern erinnern nur noch die Namen (in der Regel jene auf -nig bzw -nigg, -nik) an eine slowenische Herkunft, wobei diese Assimilation auch schon in früheren Jahrhunderten stattfand. Auch italienische Namen bzw Wurzeln sind in Kärnten noch relativ häufig; auch hier ist eine Nähe zum „Hauptverbreitungsgebiet“ dieser Nation gegeben.

Und, in der Krain gab es eine deutsch(sprachig)e Bevölkerung, die Sprachinseln der Gottscheer (am Vorabend des 1. WK ca. 25 000 Personen) und Zarzer. In der Untersteiermark (damals eben Teil der Steiermark) gab es dieses Nebeneinander auch, und auch dort wurde damals daraus oft ein Gegeneinander. Im Kronland Küstenland (Istrien, Teil Friaul) lebten Slowenen, Deutsche bzw Österreicher, Italiener und Kroaten (und weitere, kleine Volksgruppen). Eigentlich lebten in fast allen Kronländern Österreich-Ungarns mehrere Nationalitäten (mehr oder weniger) zusammen. Und, Konflikte zwischen Nationalitäten bzw zwischen Nationalismen wurden zu einem bestimmenden Thema von Österreich-Ungarn bzw für das Habsburger-Reich in seinen späten Jahren. Deutsche machten 23% der Gesamtbevölkerung von Österreich-Ungarn aus, darunter waren auch assimilierte Juden oder Slowenen, und natürlich auch die Deutschen/Deutschsprachigen in der ungarischen Reichshälfte (wie die Donauschwaben). 20% waren Ungarn, dann kamen Tschechen, Polen, Kroaten, Ukrainer, Rumänen,… Slowenen waren, wie Italiener, eine der kleinen Nationalitäten der „Donaumonarchie“.

Und, es gab auch an die Slowenen Assimilierte, v.a. Deutschstämmige, wie die Familie von Karl Maister… Zedinjena Slovenija, ein „vereinigtes Slowenien“, war Ziel/Programm der slowenischen Nationalbewegung im 19. Jh, die Vereinigung aller slowenisch besiedelten Gebiete…innerhalb Österreichs sollten sie vereinigt sein. Vor dem Ausgleich mit Ungarn 1867 und Aufgehen Venetiens in Italien im Jahr davor waren sie alle bei Österreich, aber eben nicht vereinigt zu einem Kronland oder dergleichen. Es gab aber auch jene slowenischen Nationalisten, die die Zukunft der slowenischen Länder bzw Menschen in einem Zusammenschluss mit den anderen Südslawen sahen. Vorkämpfer für die Vereinigung der Südslawen unter habsburgischer Führung („Illyrismus“) war der kroatische Priester Josip Strossmayer in Slawonien – dessen Familiie väterlicherseits aus Österreich (der Steiermark) stammte. Tja, und Gouverneur/Landeschef von Bosnien-Herzegowina zur Zeit des Attentats am österreichisch-ungarischen Thronfolger 1914 war Oskar Potiorek, aus Südost-Kärnten, mit tschechischem Vater. Der Offizier spielte dann in dem Krieg zwischen den europäischen Mächten, der folgte, eine wichtige Rolle in den Streitkräften Österreich-Ungarns.(7)

In Kärnten wurde im 1. Weltkrieg(8) nicht gekämpft, aber danach, und Kärntner dienten in den Streitkräften der Doppelmonarchie (k. u. k. Armee, Landwehr oder k. u. k. Kriegsmarine), an der Ostfront gegen Russland, am Balkan gegen Serbien und Rumänien, im Osmanischen Reich gegen Briten, an der Dolomitenfront und an der Isonzo-Front gegen Italien.(9) Österreich-Ungarn zerfiel im 1. WK, an dessen Ende.(10) „Dem deutschen Teil des alten Österreichs war zunächst gewiss am wenigsten an einer Auflösung der Donaumonarchie gelegen“, so der Historiker Walter Rauscher in „Die verzweifelte Republik. Österreich 1918-1922“ (2017). „Binnen weniger Tage musste man jedoch erkennen, dass in den anderssprachigen Gebieten des Doppelstaats die zentrifugalen Kräfte eindeutig die Oberhand gewonnen hatten und die Richtung vorgaben.“

Zum Zeitpunkt der dritten Piave-Schlacht an der Isonzofront Oktober/ November 1918 war die österreichisch-ungarische Seite bereits stark dadurch beeinträchtigt, nämlich durch Desertionen und Überlaufen von Soldaten und Offizieren, sowie Abspaltungsschritten von verschiedenen Ländern des Reichs.(11) Der italienische Angriff war siegreich, nach dem Villa-Giusti-Waffenstillstand rückten italienische Truppen in Teile Kärntens, Tirols, Krains, des Küstenlandes, Dalmatiens vor. In Kärnten waren das Kanaltal und auch Gebiete nördlich der Karawanken betroffen, letztere nur für einige Monate. Vom Juni bis zum Oktober 1919 waren Gebiete Kärntens (bis St. Veit/Glan) vom Kanaltal aus von italienischen Truppen besetzt worden.

Am 21. Oktober 1918 waren die deutsch-österreichischen Abgeordneten des Reichsrats zum ersten Mal als Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen getreten. Am 30. Oktober wurde eine Regierung unter Renner bestellt, womit der Staat Deutschösterreich und die Republik Konturen annahm. Österreich-Ungarn war spätestens mit der Ausrufung der Republik Deutschösterreich im November ’18 Geschichte. Die westlichen Bundesländer unternahmen eigene Anschlussversuche an das Deutsche Reich und die Schweiz. Rund um Rest-Österreich entstanden neue Nachbarstaaten aus ehemaligen Teilen des gemeinsamen Reichs. Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei (SDAP), der jüdische Burschenschafter Viktor Adler sagte nach dem 1. WK: „Wir erkennen das Selbstbestimmungsrecht der slawischen und romanischen Völker ohne Vorbehalt und ohne Einschränkung an. Wir fordern es ohne Vorbehalt und ohne Einschränkung auch für unser deutsches Volk“.   

Die Republik Deutschösterreich (die vom Kriegsende bis zum Vertrag von St. Germain etwa ein Jahr später hielt) umfasste die österreichische Reichshälfte (Cisleithanien) ohne die Küstenlande, die Krain, das italienischen Tirol (Trentino), Dalmatien, Bukowina, Galizien, dem grössten Teil der böhmischen Länder. Umstritten waren von Kärnten Kanaltal (Italien) und Südostkärnten (SHS), von Tirol Südtirol (Italien), von Steiermark die Untersteiermark (SHS)(12), sowie die böhmisch-mährischen Gebiete: der Böhmerwald als Teil von Oberösterreich, Südmähren als Teil Niederösterreichs, Deutschböhmen, Sudetenland und die „Sprachinseln“ als eigene Länder – diese Gebiete wollte natürlich auch die neu geschaffene Tschechoslowakei haben. Gekämpft um Grenzen wurde in Südostkärnten, der Untersteiermark, und den (grossteils deutsch besiedelten) Randgebieten Böhmens und Mährens, die Deutschösterreich beanspruchte, über die es aber am wenigsten tatsächliche Kontrolle hatte.(13). Und in Westungarn, wo dann das Burgenland entstand.(14)

Nun zu Kärnten: Am 11. November 1918 beschloss die Vorläufige Landesversammlung von Kärnten die Konstituierung des Landes Kärnten sowie seinen Beitritt zum Staat Deutschösterreich. Ungefähr zur selben Zeit trat ein slowenischer Nationalrat zusammen, mit Vertretern aus den bislang österreichisch-ungarischen slowenisch besiedelten Ländern, beschloss, ganz Kärnten zu fordern (und die Untersteiermark). Diese Forderung wurde später eingeschränkt, auf ein Gebiet südlich der Linie Villach-Feldkirchen-St.Veit-Wolfsberg (mit Klagenfurt). Als Zwischenstufe zur Vereinigung der südslawischen Länder bildeten Bosnien-Herzegowina sowie die slowenischen und kroatischen des bisherigen Österreich-Ungarns im Oktober 1918 den Staat der Slowenen, Kroaten, Serben (SHS-Staat, bestand Okt.-Dez. 18), der auch eine Armee bildete. Der slowenische Anteil an diesem Staat bestand zunächst im Kern aus der Krain, hinzu kamen die Untersteiermark, sowie Prekmurje, das Übermurgebiet, von Ungarn. Dazu wollte man eben einen grossen Teil von Kärnten sowie des Küstenlands.

Der SHS-Staat wurde im Dezember 1918 mit dem bisherigem Königreich Serbien (das Montenegro, Nord-Makedonien, Kosovo mit ein brachte) zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Kraljevstvo Srba, Hrvata i Slovenaca) vereinigt. Dieses wurde 1921 in Kraljevina Srba, Hrvata i Slovenaca umbenannt (slowenisch: Kraljevina Srbov, Hrvatov in Slovencev), 1929 in Königreich Jugoslawien. Serbien war im 1. WK ein Hauptkriegsgegner von Österreich-Ungarn gewesen, Südslawen aus der „Donaumonarchie“ liefen dorthin über, besonders am Kriegsende. Das SHS-Königreich bildete eine gemeinsamen Armee aus den beiden Landesteilen, wobei jene des nördlichen Landesteils (vormaligen SHS-Staats) aus ehemaligen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Streitkräfte bestand. Die Grenzen des SHS-Königreichs waren umstritten zu Österreich (Steiermark, Kärnten) und Italien (Istrien, Friaul), dabei ging es jeweils hauptsächlich um Slowenen. 

Rudolf Maister stammte aus einer deutschsprachigen Familie im Kronland Krain, dem Hauptgebiet der Slowenen in Österreich-Ungarn. Als junger Erwachsener wandte er sich dem slowenischen Nationalismus zu. Eine Offizierslaufbahn in der österreich-ungarischen Armee, die er machte, stand damals nicht unbedingt im Widerspruch dazu. Während des 1. WK wurde er zunächst als Verdächtiger in Graz konfiniert, dann nach Intervention des Reichsrat-Abgeordneten Anton Korosec als Major des Landsturms in Marburg/Maribor stationiert…(15) Nach Gründung des SHS-Staates (noch nicht des Reiches) stellte er eine slowenische Miliz auf, diese versuchten die Kontrolle über die Untersteiermark zu gewinnen und stiess, erstmals im November 18, über die Karawanken nach Kärnten vor. Bald leitete Maister im Namen des SHS-Königreichs militärische Aktionen in der Steiermark und Kärnten, versuchte jene (slowenischen) Gebiete abzustecken, die der Südslawen-Staat haben wollte. Maisters SHS-Truppen übernahmen die Kontrolle über grosse Teile der Untersteiermark.

Da diese ja nicht eindeutig abgegrenzt bzw definiert war (die Mur bildet nur teilweise die Grenze), drangen die Truppen auch auf Gebiete nördlich der späteren Staatsgrenze vor, dort an der Grenze von der Mittel- zur Untersteiermark gab es einige Kämpfe, wie in Radkersburg/Radgona (das dann geteilt wurde). Im Jänner 1919 der „Blutsonntag“ im überwiegendst deutschsprachigen Marburg/Maribor, bei einer Kundgebung für den Verbleib bei Deutsch-Österreich, wegen der Anwesenheit des US-amerikanischen Gesandten Oberst Miles; Maisters Truppen erschossen 13 Demonstranten, die Umstände sind umstritten. In Kärnten gab es 1919 zwei weitere Vorstösse der SHS-Truppen. Aus dem Widerstand entwickelte sich der “Kärntner Abwehrkampf” bzw der “Boj za severno mejo“ (der “Kampf um die Nordgrenze”), was etwa von Anfang bis Mitte 1919 lief. Den Südslawen gelang es nicht, in alle jene Gebiete vorzudringen, die sie beanspruchten, aber schon ins untere Lavanttal und das Gailtal, ins Klagenfurter Becken mit Klagenfurt und Villach. Das Kanaltal wollten sie auch, dort waren aber schon Italiener eingerückt. 

Im Ersten Weltkrieg kämpften deutsch(sprachig)e und slowenische Steirer und Kärntner noch grossteils gemeinsam, nach diesem Krieg standen sie sich gegenüber. Zumal auf SHS-Seite hauptsächlich Slowenen kämpften. Auf Kärntner Seite organisierten sich Freiwillige, da ein reguläres österreichisches Heer nicht zur Verfügung stand; die österreichisch-ungarischen Streitkräfte (k. u. k. Armee, Landwehr, k. u. k. Kriegsmarine) waren zusammengebrochen, das Bundesheer noch nicht geschaffen. Ein Zwischenschritt dabei war die Volkswehr, der „Kärntner Abwehrkampf“ wurde zT mit ihr bestritten. Der Widerstand hielt den südslawischen Vorstoss wenig auf, nach dem dritten Vorstoss intervenierten die Alliierten, hauptsächlich die ebenfalls in Kärnten befindlichen italienischen Truppen. Die Kämpfe gingen mit einem amerikanisch vermittelten Waffenstillstand zu Ende, der die Besetzung Kärntens bis Klagenfurt „einfror“. Der Widerstand hat aber zumindest dazu beigetragen, dass die alliierten Siegermächte des abgelaufenen Kriegs dann eine Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit der besetzten/umstrittenen Gebiete ansetzten. In der Steiermark gab es einen solchen Widerstand nur bei der „Abgrenzung“ der Untersteiermark, in Südtirol gar nicht.(16)

Im Vertrag von St. Germain im September 1919 wurden die Grenzen der Republik Österreich festgelegt. Italien bekam Tirol bis zum Brenner, das ganze Küstenland, das Kanaltal mit Raibl, Teile der Krain und Dalmatiens zugesprochen.(17) Die Tschechoslowakei bekam bzw behielt die Randgebiete Böhmens und Mährens, die auch Österreich beanspruchte. Die Untersteiermark bekam zur Gänze das SHS-Reich. Diesem wurde auch die Kärntner Gebiete südlich der Karawanken zugesprochen, die bereits besetzt worden waren. Das waren: das Miesstal/ Mežiška dolina inklusive Unterdrauburg (im Drautal, schliesst an die Untersteiermark an) und die Gemeinde Seeland/ Jezersko im Kankertal unmittelbar südlich des Seebergsattels. Bezüglich der von SHS-Truppen besetzten (Südost-) Kärntner Gebieten nördlich der Karawanken beschlossen die Alliierten eine Volksabstimmung.

Dafür behielt Österreich Vorarlberg (> Schweiz) und bekam das deutschsprachige Westungarn zugesprochen (dessen Grenzen noch abgesteckt werden mussten). Daneben wurde Österreich zur Eigenständigkeit ggü Deutschland verpflichtet. Der Übergang zur Republik, eine andere Staatsform, ganz andere Grenzen,… es war ein tiefer Bruch nach diesem Krieg. Der grösste Teil der deutschsprachigen Gebiete der österreichischen Hälfte von Österreich-Ungarn war bei der Republik Österreich, aber eben nicht die Südtiroler, Untersteirer, „Sudetendeutschen“,… auch nicht die Gottscheer der Krain oder die Österreich-Stämmigen in Friaul. Und die Deutschen in der vormaligen ungarischen Reichshälfte, welche (auch) auf mehrere Staaten aufgeteilt wurde. Und die Zukunft der besetzten Kärntner Gebiete standen vor der Volksabstimmung 1920 noch in der Schwebe. 

Es gab auch einen kleinen Exodus der Deutschen/Deutschsprachigen aus verlorenen Gebieten nach „Rest-Österreich“ dann, wie vom Politiker Hanusch aus dem österreichischen Schlesien, aber auch Nicht-Deutsche kamen, wie der Militär Boroevic (s.u.). Wirtschaftsregionen waren auseinander gerissen, zB das Waldviertel und Südmähren; die grossen Industriegebiete der Monarchie (Südböhmen und Südmähren) waren nun bei der Tschechoslowakei. Marburg bestand vor dem 1. WK zu ca 80% aus Deutschsprachigen. Laut Gauss gab es mehr Deutsche (bzw Alt-Österreicher) in Marburg/Maribor als in Klagenfurt/Celovec, dort wiederum mehr Slowenen als in Marburg. Der grösste Teil der österreichischen Hälfte der Donaumonarchie ging eigentlich an das SHS-Reich, mehr als an die Tschechoslowakei.(18)

Das SHS-Reich und Italien stritten um einige Gebiete des Erbes von Österreich-Ungarn. Von dem, was Italien zugesprochen bekommen hatte (Südtirol, Küstenland, Kanaltal, kleine Teile der Krain und Dalmatiens), war bis auf Südtirol Alles auch für den Südslawen-Staat attraktiv, weil zT slowenisch oder kroatisch besiedelt; er bekam aber nur den Grossteil von Krain und Dalmatien. Und, eine vernünftige Abgrenzung italienischer und slawischer Siedlungsgebiete in diesem Raum war auch extrem schwierig. Das Kanaltal (Val Canale, Kanalska dolina), bis dahin ein Teil Kärntens, kam in Italien zum Compartimento Venezia Euganea, was zuvor und danach Venetien/Veneto war. Auch kam vom Küstenland der Friaul dort dazu. Der Rest des Küstenlands (Istrien mit Triest, die Kvarner Bucht sowie Görz), Zara/Zadar und einige Inseln in Dalmatien sowie von der Krain das Gebiet um Postumia/Postojna bildeten die Venezia Giulia (Julisch Venetien). Südtirol und Trentino bildeten das Compartimento Venezia Tridentina.

Dann, vor nun 100 Jahren, die Volksabstimmung in Südost-Kärnten, über die Zugehörigkeit der besetzten Gebiete zu SHS oder Österreich. Es gab nach dem 1. WK einige Abstimmungen über Gebietszugehörigkeiten, hauptsächlich in Ostmitteleuropa. Im burgenländischen bzw westungarischen Ödenburg/Sopron (auch mit einer gemischten Bevölkerung) gab es 1921 eine solche, mit 65% für Ungarn. Die Alliierten legten für Kärnten die Zonen A (Slowenen in der Mehrheit) und B (mit Klagenfurt, deutschsprachige Mehrheit) fest. Nur bei einer Mehrheit für das SHS-Königreich in Zone A sollte auch in der anderen Zone abgestimmt werden. Das gesamte (tatsächliche und potentielle) Abstimmungsgebiet war von SHS-Truppen besetzt; Propaganda für den Verbleib bei Österreich musste in das Gebiet hinein geschmuggelt werden.

Aufruf an die Kärntner Slowenen für Jugoslawien zu stimmen. „Glaubet nicht an deutsche Lügen und falsche Versprechen! Hab keine Angst vor dem deutschen Terror, unsere jugoslawische Regierung würde es nie zulassen.“

Bei der Abstimmung in Zone A, dem Südosten von Südost-Kärnten, gab es eine Mehrheit von 59 % für Österreich. Damit keine Abstimmung in Zone B, keine weitere Gebiets-Abtrennung (Miesstal, Seeland sowie das Kanaltal waren ja bereits verloren worden). Zögernder Abmarsch der SHS-Truppen. Im Süden der Zone A wurde 1920 überwiegend für das SHS-Reich gestimmt, so in der Gemeinde Ferlach/Borovlje. In ihrem Norden für Österreich. Die Gesamtbevölkerung in der Zone A war zu 70% slowenisch – was bedeutet dass auch ein grosser Teil der Kärntner Slowenen dort für Österreich stimmte; in Zahlen laut Mirko Bogataj 10 000 – 12 000 Personen. Wahlforscher Guido Tiemann sagt in einer Studie, die bald erscheinen wird, dass nicht alle Deutschsprachigen für Österreich stimmten – was der Anteil der Kärntner Slowenen, die für Österreich stimmten, noch erhöhen würde.

Demnach hätte eine knappe Mehrheit von ihnen für Österreich gestimmt. Wie auch in Sopron und anderswo gab es nicht nur den ethnolinguistischen Aspekt, sondern auch wirtschaftliche und andere Gründe, die das Abstimmungsverhalten ausmachten. Die Karawanken-Grenze stand eben auch für die Kärntner Slowenen, und bei einer Zugehörigkeit zum SHS-Reich wären sie dadurch vom Rest dieses „abgeschnitten“ gewesen; die Märkte in Klagenfurt waren (auch) für sie näher als jene in Laibach/Ljubljana. Die „Deutsch-Kärntner“ wiederum die für das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen stimmten, haben sich laut Tiemann in diesem agrarisch geprägten Staat eine bessere Abnahme für (ihre) Industrieprodukte versprochen. Österreich-freundliche Slowenen hat es aber damals nicht nur in Kärnten, sondern auch in Krain oder Untersteiermark gegeben.

1920 zogen die SHS-Soldaten aus Kärnten ab und die italienischen aus Nord-Tirol. Aber, auch mit Saint-Germain und der Kärntner Volksabstimmung waren die Grenzen Österreichs noch nicht endgültig gezogen, im Osten zu Ungarn dauerte dies bis 1921 (als u.a. die Abstimmung in Sopron statt fand). Die Geschichte der Ersten Republik ist stark vom Ringen zwischen jenen Kräften, die an ein eigenständiges Österreich glaubten, und jenen, die ihre Zukunft in einem „Anschluss“ an Deutschland sahen, geprägt. Ein Staat, den zumindest anfangs Wenige wollten. Daneben gab es natürlich ein Ost-West-Gefälle, das zwischen linken und rechten Kräften, zwischen Stadt und Land. Was nach dem Abtritt der Habsburger in Österreich blieb, war der starke Katholizismus, die Tradition von Gegenreformation und Obrigkeitsdenken.

Nach dem 1. WK kam also viel von der Steiermark an das SHS-Reich, wenig von Kärnten. Und so gibt es viele Slowenen in Kärnten, wenige in der Steiermark; gab es in der Untersteiermark (bis zum Hitler-Stalin-Krieg) eine recht grosse deutsch(sprachig)e Volksgruppe, die in den südslawisch gewordenen Gebieten Kärntens (Miesstal, Seeland) war winzig; hinzu kamen noch jene in der Krain (Gottschee/Kocevje, Zarz/Sorica). Die Slowenen in Kärnten und Steiermark wurden eine der ethnisch-sprachlichen Minderheiten (in) der Republik Österreich, neben den Kroaten, Ungarn und Sinti im neu hinzu gekommenen Burgenland, den Tschechisch- und Slowakisch-Stämmigen in Wien.(19)  

In einem feierlichen Entschluss der provisorischen Kärntner Landesversammlung vom 28. September 1920 wurde den Kärntner Slowenen die Behandlung bzw Akzeptanz als nationale Minderheit zugesichert, wie sie im Friedensvertrag von St. Germain vorgesehen war. So weit die Theorie. Natürlich hatten in Kärnten das Entstehen eines neuen Nachbarstaates an der Südgrenze, das militärische Vorrücken von dort, die punktuelle Mitwirkung der Minderheit dabei, das Bewusstsein dass man auch ein grösseres Gebiet inklusive der Landeshauptstadt verlieren hätte können, und dass man im SHS-Reich Ansprüche auf manche Landesteile nicht aufgab, für „Unruhe“ und Besorgnis gesorgt. Gab es Unsicherheit im Umgang mit der Minderheit, zumal die Rahmenbedingungen gegenüber der Monarchie nun ganz andere waren. Aus der Abstimmung konnte man auch herauslesen, dass ein stattlicher Teil der Kärntner Slowenen eine „Anbindung“ an das SHS-Reich ggü einer Zugehörigkeit zu Österreich bevorzugte. Wobei es auch Slowenischsprachige/ -stämmige unter den Abwehrkämpfer gab, solche die assimiliert waren.

Wie eingangs schon gesagt, Kärnten, besonders sein Südosten, war „mitten im Reich“ gelegen, nun in einer Rand- bzw Grenzlage, zT abgeschnitten vom wirtschaftlichen Hinterland. Dafür lehnte sich Ost-Tirol, vom Rest des österreichisch gebliebenen Tirols abgetrennt, nun an Kärnten an. Dass es Diskriminierungen für jene Kärntner Slowenen gab, die sich für den Anschluss ans SHS-Reich eingesetzt hatten, war wahrscheinlich nicht so verwunderlich. Dass aber die zugesagte Kulturautonomie zu einem grossen Teil vorenthalten wurde, ist schwerer zu verstehen. Es gab in der Zwischenkriegszeit eine Partei der Kärntner Slowenen, die 1921 als Zusammenschluss von slowenische Listen entstand, die seit 1890 auf Gemeindeebene kandidierten, bzw als Wahlpartei des Politično in gospodarsko društvo za Slovence na Koroškem („Politischer und wirtschaftlicher Verein für die Slowenen in Kärnten“). Diese Koroška slovenska stranka (KSS) schaffte regelmäßig den Einzug in den Kärntner Landtag, stellte dort in der Ersten Republik regelmäßig zwei Abgeordnete.  Die Landeshauptleute kamen in der Zeit der 1. Republik von Sozialdemokraten (SDAPÖ), Christlichsozialen (Landbund, Vaterländischer Front), oder waren Parteilose. 

In der Zwischenkriegszeit, nach Abwehrkampf und Volksabstimmung, bekam der Begriff „Windisch“ in Kärnten eine neue, politischere Bedeutung. „Windische“ wurde Bezeichnung für die guten, pro-österreichischen, möglichst assimilierten, „heimattreuen“ Kärntner Slowenen, im Gegensatz zu den „jugoslawisch orientierte Nationalslowenen“. Eine kulturell slowenische Identität bzw Ausrichtung wurde mit einer politischen Orientierung zum SHS-Königreich, dem späteren Jugoslawien, konfluiert. Martin Wutte versuchte aus der „windischen Identität“ eine eigene nationale Kategorie zu formen. Wutte (1876-1948), Kärntner Regionalhistoriker und Ideologe des Kärntner Heimatdienstes (s.u.), spielte dann auch im NS eine Rolle. Aber es gab und gibt jene Kärntner Slowenen, die sich als „Windische“ deklarieren, das Slowenische demonstrativ ablehnen, oder ihre slowenische Herkunft überhaupt verstecken. Und erbittertste Vorkämpfer gegen Slowenisches sind…(20) Es gibt aber auch Jene mit slowenischen Wurzeln, die einfach keinerlei slowenische Identität haben, so wie es in Wien Leute mit Namen wie Vranitzky und Klima gibt, die ausser dem Namen (und den Vorfahren) nichts Tschechisches an sich haben.

Und Slowen(i)en im SHS-Reich? Etwa 5000 Kärntner Slowenen sind nach dem Krieg dorthin ausgewandert. Der Krieg, der dem Nationalismus zum Durchbruch verhalf, was nicht immer schlecht war, wenn man etwa daran denkt, dass die Polen nach dem Krieg nach Jahrhunderten ihre Unabhängigkeit wieder gewannen. Das SHS-Reich bzw Jugoslawien „krankte“ an dem Gegensatz zwischen Norden (ehemals österreichisch-ungarische Gebiete, katholisch, mitteleuropäisch) und Süden (das was Serbien einbrachte, orthodox, byzantinisch-osmanisch geprägt); Bosnien-Herzegowina stand gewissermaßen dazwischen. Rudolf Maister machte in der Armee des SHS-Königreichs keine grosse Karriere, die serbische Dominanz in diesem Staat war in seiner Armee besonders ausgeprägt. Und nachdem die Grenzfragen 1920 erst mal geklärt waren, war dieses Militär auch eher ein innenpolitisches Instrument. Und Svetozar Boroevic, ein Serbe aus Kroatien, der im 1. WK im österreichisch-ungarischen Militär diente, wurde nach diesem Krieg in diesen Streitkräften nicht willkommen geheissen. Anton Korosec, ein katholischer Priester, der Slowenien gewissermaßen aus Ö-U ins SHS-Reich/YU führte, war 1928/29 letzter Premier des SHS-Reichs vor der Königsdiktatur.

Mit dem Beginn der Königsdiktatur 1929 wurde der Staat erst in „Königreich Jugoslawien“ umbenannt. Slowenien wurde von 1929 bis 1941, im Rahmen einer Verwaltungsreform, zur Dravska Banovina (Banschaft Drau, Drau-Banat). Es gab dort an deutschsprachigen Gruppen also die Untersteirer (in Marburg/Maribor, Abstall/Apace,…) und die Gottscheer; ausserdem an winzigen Gruppen die Zarzer und Unterkärntner (Miesstal, Seeland), auch im Übermurgebiet im Osten Sloweniens gab es einige Dörfer wie Füxeldorf/ Fikšinci wo zT Deutsch gesprochen wurde.(21) Es gab in der Zwischenkriegszeit bzw aus dem ersten Jugoslawien Auswanderungen von Untersteirern und Gottscheern, hauptsächlich nach Österreich, aber auch in die USA. An Deutschen gab es im SHS-Reich bzw Kgr. YU ansonsten die Donauschwaben (in serbischen und kroatischen Gebieten, die zuvor ungarisch gewesen sind)(22), ausserdem wenige Österreich-Stämmige in Bosnien.

Die Donauschwaben (die v.a. in der serbischen Vojvodina leb[t]en, einem multinationalen Gebiet) dominierten klar die Interessensvertretung der Deutschen/Altösterreicher in Jugoslawien gegenüber jenen in Slowenien.(23) So in der Deutschen Partei (Nemačka Stranka)(24) und im Schwäbisch-Deutschen Kulturbund. Diese Organisationen kamen in den 1930ern (wie andere „volksdeutsche“ Gruppen) unter den Einfluss Nazi-Deutschlands. Die NS-Kollaborateure wie Josef Janko und Branimir Altgayer setzten sich gegen die „Altkonservativen“ wie Stefan Kraft durch. Bei den Gottscheern widersetzte sich dann Josef Eppich dem NS-Einfluss. Der katholische Priester wurde ein(e) Integrationsfigur/Führer der Gottscheer im SHS-Reich, leitete gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Hans Arko die Gottscheer Bauernpartei und arbeitete im Hauptausschuss des (1924 gegründeten und 1929 verbotenen) Politischen und wirtschaftlichen Vereins der Deutschen in Slowenien mit.

1927 wurde Eppich in den Gebietsausschuss (slowenischen Landtag) gewählt, wirkte auch im Schwäbisch-Deutschen Kulturbund mit, und als Journalist bei Gemeinschaftszeitung(en). Er baute in dieser Zeit Kontakte mit Kärntner Slowenen auf und bemühte sich gemeinsam mit deren Sprecher Janez Starc (Priester, Partei der Kärntner Slowenen) um Zugeständnisse an die Minderheiten in Jugoslawien und Österreich auf der Grundlage der Reziprozität. 1937 gab es diesbezüglich eine Einigung, und eine Denkschrift an Jugoslawiens Premier Stojadinovic. Leute wie Eppich und Starc haben sich leider im Europa der 1930er nicht durchgesetzt. In der Zwischenkriegszeit gab es in Italien viel mehr Slowenen als in Österreich (Kärnten, Steiermark), und zwar in der Venezia Euganea (Kanaltal, Friaul) und Venezia Giulia (Istrien, Görz).(25) Das Ziel der Vereinigung aller Slowenen bzw ihrer Länder gab es in Jugoslawien weiterhin; wobei in Österreich wie in Italien die Abgrenzung dieser Gebiete schwer war.

Die Erste Österreichische Republik kam Anfang der 1930er in die Krise, so wie viele Demokratien in Europa damals. 1933 die Errichtung des austrofaschistischen Ständestaats (-> 38) nach Ausschaltung der Demokratie (des Parlaments) unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuss (CS, BK seit ’32), 1934 bürgerkriegsähnliche Unruhen. Und im selben Jahr die Ermordung Dollfuss‘ im Zuge eines nationalsozialistischen Putschversuchs. Der Mostviertler Dollfuss lehnte sich an Mussolini an, in seinem Umfeld glaubte man, dadurch Nazi-Deutschland zu „entkommen“.(26) Im Austrofaschismus wurde eine österreichische Nation propagiert, der Katholizismus hochgehalten. Näherte sich die Republik an die Habsburger an, wurde eine Ledigensteuer eingeführt. Verschlechterte sich die Lage der Kärntner Slowenen (Koroški Slovenci). Begannen Aktivisten, sich in linken Bewegungen zu engagieren.

Ausserdem wurden unter dem Austrofaschismus Protestanten diskriminiert, das betraf natürlich Kärnten besonders (neben Burgenland). Nicht wenige Evangelische in Kärnten schlossen sich auch deshalb dem Nationalsozialismus an. Dollfuss‘ Nachfolger war Kurt Schuschnigg, Tiroler kärntnerisch-slowenischer Herkunft (der Name schreibt sich auf Slowenisch Šušnik)(27), aus einer geadelten Offiziersfamilie. Als Kanzler im autoritären Ständestaat versuchte Schuschnigg, den Anschluss an Hitler-Deutschland zu verhindern. 1938 wurde er genötigt, Nazis als Minister in seine Regierung aufzunehmen, bald danach zum Rücktritt gedrängt. Nationalsozialist Arthur Seyss-Inquart wurde Bundeskanzler, dann Reichsstatthalter.(28)

Nach Einmarsch, Anschlussgesetz und Massenbegeisterung (Hitler Heldenplatz) im März ’38 dann im April die Volksabstimmung über den Anschluss. Empfehlung für ein „Ja“ von Kardinal Innitzer und Sozialdemokraten-Führer Renner(29); die Meisten durchschauten Hitler und den NS noch nicht, und Sozialdemokraten und viele Katholiken hatten es unter dem NS dann nicht so gut.(30) Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 38 wurden aus den neun Bundesländern sieben Reichsgaue: Vorarlberg und Tirol wurden fusioniert, Osttirol wurde Kärnten zugeschlagen, das Burgenland zwischen „Niederdonau“ (NÖ) und der Steiermark aufgeteilt.

Am 27. 7. 1938 wurde Osttirol mit Kärnten zum „Gau Kärnten“ vereinigt, kam erst wieder am 1947 zu Tirol zurück. Ein gewisser „Anschluss“ an Kärnten ist aber geblieben. Osttirol war mit der Abtrennung Südtirols vom restlichen österreichischen Tirol (Nordtirol) getrennt, weil sich das oberste Südtiroler Ahrntal (Seitental des Pustertals) dazwischen „schiebt“. War in der Folge verkehrsmäßig nur mehr über Italien/Südtirol oder Salzburg (Pinzgau) oder eben Kärnten zu erreichen. In der Zwischenkriegszeit, unter dem Austrofaschismus, war die Grossglockner-Hochalpen-Strasse gebaut worden, über die Hohen Tauern, die Kärnten mit Salzburg verbindet, in Heiligenblut (Bezirk Spittal, Oberkärnten) endet.

1941, im dritten Kriegsjahr, der Angriff Nazi-Deutschlands (mit seinen Verbündeten) auf das Königreich Jugoslawien, die Besetzung und Zerstückelung dieses. Dort gab es Widerstand und Kollaboration gegenüber den Achsenmächten. Slowenien wurde teilweise (das Prekmurje-Gebiet) Ungarn angeschlossen, die südliche Krain (mit Ljubljana) nahm sich Italien, der Mittelteil mit Oberkrain (Gorenjska) und Untersteiermark ([Spodnja] Štajerska) kam zum „Grossdeutschen Reich“, wurde an die ex-österreichischen Gaue Kärnten und („Ober-„) Steiermark angeschlossen, blieb aber (aufgrund der nicht-deutschen Bevölkerung) unter Besatzungsstatus. Nach italienischer Kapitulation bzw Seitenwechsel 1943 besetzten die Deutschen die bislang italienischen Gebiete, wobei sie Teile der relativ milden italienischen Besatzungspolitik fortbestehen ließen. Mit dem Balkan-Feldzug der deutschen Wehrmacht 1941 kamen auch die in St. Germain abgetretenen Gebiete Kärntens, Miesstal und Seeland, wieder zu Kärnten, nicht aber das Kanaltal.(31)

Der von Martin Wutte beeinflusste Kärntner Friedrich Rainer wurde 1938 vom „Führer“ Hitler zum Gauleiter von Salzburg bestimmt und 1941 zum Reichsstatthalter von Kärnten, blieb dies bis ’45. Rainer wurde auch Chef der Zivilverwaltung („CdZ“) in der besetzten/annektierten Oberkrain (Zivilverwaltungsgebiet „Kärnten und Krain“, welches von Klagenfurt aus verwaltet wurde). 1943 übernahm er zusätzlich die Führung der „Operationszone Adriatisches Küstenland“, also die bis dahin italienisch besetzten Teile Sloweniens. Und, mehr als 11 000 Gottscheer (die allermeisten) wurden 1941/42 aus der von Italien annektierten Unterkrain in die Untersteiermark umgesiedelt(32), die ja nun deutsch (annektiert/besetzt) war. Der Führer wollte das Gebiet der Gottscheer seinem italienischen Bündnispartner überlassen, daher mussten sie umgesiedelt werden. Wie in Südtirol auch hier die Vorkämpfer für das Deutschtum…

Für die Ansiedlung der Gottscheer wurden etwa 36 000 Slowenen aus Teilen der Untersteiermark zwangsausgesiedelt, in Lager der Volksdeutschen Mittelstelle deportiert. Und, aus dem Kanaltal, das italienisch bleiben sollte, wurden die Deutschsprachigen wie aus Südtirol (im Zuge derselben Option) ausgesiedelt – nicht zuletzt in Liegenschaften der Kärntner Slowenen. Führend in der Kollaboration bei den Gottscheern war Wilhelm Lampeter. Josef Eppich widersetzte sich NS-Einfluss und der Aussiedlung und blieb in seiner Kirche in Mitterdorf zurück. Am 2. Juni 1942 kam er dort bei einem Gefecht zwischen italienischen Soldaten und slowenischen Partisanen unter ungeklärten Umständen gewaltsam zu Tode.     

Widerstand gegen die Aufteilung und Unterjochung Jugoslawiens durch Nazideutschland und seine Alliierten kam von kommunistischen Partisanen sowie royalistischen Tschetniks. Partisanen-Führer Josip „Tito“ Broz stammte aus dem österreichisch-ungarischen Kroatien (Mutter Slowenin), machte eine Mechanikerlehre, war dann Testfahrer bei Austro Daimler (Porsche) in Wiener Neustadt; war im 1. WK in der k.u.k. Armee, an der Ostfront (> Kriegsgefangenschaft), in der Zwischenkriegszeit führte er die jugoslawische KP (die in dieser Zeit meist verboten war), war Teilnehmer am Spanischen Bürgerkrieg,… In Slowenien (damals also aufgeteilt auf grossdeutsche, italienische, ungarische Zonen)(33) formierte sich 1941 die „Befreiungsfront“ Osvobodilna fronta (slovenskega naroda), OF, an der sich Kommunisten, Sozialisten und Demokraten beteiligten. Militärischer Arm der OF waren die slowenischen Partisanen, unter Josip Vidmar, Boris Kidrič, Edvard Kardelj.      

Schon 1939, zu Beginn des Krieges, als es im „Grossdeutschen Reich“ eine Generalmobilmachung gab, flüchteten viele Kärntner Slowenen über die Berge nach Jugoslawien oder versteckten sich in den Wäldern. Zweitere wurden als „Grüne Kader“ bezeichnet. Mit der Besetzung Jugoslawiens 1941 begann auch die Verfolgung der Kärntner Slowenen, mit Sprachverbot Slowenisch, dann Aussiedlungen. Das hat viele von ihnen zusätzlich zu den jugoslawischen Partisanen „gebracht“, bzw der kommunistisch dominierten YU-slowenischen Osvobodilna Fronta (OF). Es gab einen gemeinsamen Kampf im besetzten Jugoslawien sowie im angrenzenden Österreich, bis zum Kriegsende. Die Alliierten unterstützten die jugoslawischen Partisanen, auch die die in (Südost-) Kärnten operierten; so wurden sie von den Briten mit Fliegerabwürfen versorgt und bewaffnet. 

Kärntner Slowenen, die zusammen mit YU-Partisanen bzw OF Widerstand gegen den NS leisteten, kämpften zT auch für nationale Ziele, für eine Vergrösserung (des jugoslawischen) Slowenien(s) um jene Gebiete von Österreich und Italien, die „man“ nach dem 1. WK nicht bekommen hat – darunter Teile Kärntens oder das ganze. Die (von Serben dominierten) Tschetnik-Milizen, die der Exilregierung von König Petar II. Karadjordjevic loyal waren, stellten territoriale Ansprüche im Namen der Slowenen, die kommunistischen Partisanen auch. Der kroatische Historiker Ivo Goldstein: „Der Unterschied zwischen der Ustascha und den Tschetniks war, dass die Tschetniks 1941 bis 45 keinen Staat (hinter sich) hatten. Wenn sie den gehabt hätten, wären ihre Verbrechen in einem ähnlichen Maß ausgefallen, glaube ich“.

Der österreichische Widerstand gegen den NS entwickelte sich hauptsächlich aus jenem den es vor 1938 gegen den Austrofaschismus gegeben hatte. Linke Gruppierungen leisteten gegen beide Systeme Widerstand, gegen den NS auch Christkonservative wie O5. Teile des kommunistischen Widerstands (KPÖ) bildeten auch bewaffnete Gruppen, kämpften in Kärnten und Steiermark mit dortigen Slowenen und YU-Partisanen. Es gab auch Gottscheer die für OF kämpften. Für die Kärntner Slowenen war es im 2. WK sehr schwer, pro-österreichisch zu sein. In diesem Krieg war das Nationalistische ein noch schärferes Schwert, eine noch trennendere Kraft als im vorangegangenen.(34) Für die nazideutsche Politik stellten sich auch gegenüber den Slowenen einige Fragen: Sollte man sie eher assimilieren oder sie deportieren? Sie wie einen Teil der Kroaten mit Zugeständnissen an sich binden?

Sollte man angesichts des südslawischen Partisanenkampfes gegen Slowenen an sich vorgehen oder versuchen, die „Einheitsfront“ der Slowenen aufzubrechen, indem man sich einzelner Gruppen (wie der „Windischen“) „bediente“? Wutte plädierte für letztere Möglichkeit. Dieses Dilemma gibt es für Eroberer/Besatzer immer wieder. Die Nazis etwa auch bezüglich der Kaschuben in Polen, die man einerseits von den Polen wegbrechen wollte, andererseits aber auch als klar „minderwertig“ ggü Deutschen sah.(35) Immer wieder haben Unterworfene versucht, sich mit Ablegung ihrer ethnokulturellen Identität und Assimilierung an die jeweiligen Herrscher zu retten bzw zu helfen. 

Irgendwie trifft das auch auf Odilo Globocnik zu, in Triest (damals Küstenland, Österreich-Ungarn) geborener Österreicher, der von Slowenen und Vojvodina-Slawen abstammt…und ein mächtiger Nazi wurde. Nach dem 1. WK liess er sich in Kärnten nieder. Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich wurde er für einige Monate NSDAP-Gauleiter in Wien und war dort maßgeblich für die Judenverfolgung mitverantwortlich. Dies war er dann auch im besetzten Polen. 1943 wurde er zum SS- und Polizeiführer in der Operationszone Adriatisches Küstenland ernannt, wo er die Partisanenbekämpfung und die Deportation von Juden organisierte.

Es gab übrigens einen anderen Globocnik, Josip Globocnik, möglicherweise Slowene, der Politkommissar in einem der Lager wurde, in denen nach dem 2. WK „Volksdeutsche“ (Donauschwaben) in der Vojvodina gefangen gehalten wurden; er dürfte auch den kroatischen Bischof Stepinac in dessen Gefangenschaft drangsaliert haben. Und, es gab Leute wie Otto Skorzeny mit polnischem Namen bzw Herkunft, der hochrangiger SS-Mann wurde, oder den rumänischen Faschisten-Führer(36) Corneliu Codreanu der ursprünglich „Zelinski“ hiess (und diverse nicht-rumänische Vorfahren hatte). Der aus Galizien stammende Taras Borodajkewycz wurde kein ukrainischer Nationalist (im Exil), sondern ein Deutschnationaler, aktiv im Allgemeinen Deutschen Kulturbund, zusammen mit dem Schriftsteller Mirko Jelusich. Es gibt viele weitere Beispiele für Superpatrioten dieser Art, von Napoleon (Buonaparte) bis (Hendrik) Verwoerd.(37) 

Friedrich Rainer, Reichsstatthalter und Gauleiter in Kärnten, knüpfte Kontakte zum slowenischen Bischof Gregorij Rožman, über den er anscheinend an Leon Rupnik herankam, einen jugoslawischen General mit österreichisch-ungarischer Vergangenheit und ebenfalls Slowene. Rupnik lehnte die OF wegen der kommunistischen Dominanz in ihr ab und kollaborierte mit den deutschen und italienischen Besatzern. Rupnik wurde ein Führer der Slovensko domobranstvo („Slowenische Landeswehr“ oder „Heimwehr“), der slowenischen Kollaborateurs-Miliz, die 43 bis 45 aktiv war, vorwiegend in der Gegend Sloweniens die bis dahin italienisch gewesen war(38). Die „Domobranci“, wie sie genannt wurden, arbeiteten mit den Besatzern gegen die Partisanen zusammen. Rainer und Rupnik arbeiteten dabei eng mit SS-General Erwin Rösener zusammen, Chef der SS-Division “Alpenland”, deren Operationsgebiet Slowenien war. 

Die Rolle von Bischof Rožman ist etwas komplexer. Er war definitiv anti-kommunistisch und unterhielt Beziehungen mit den Besatzern. Seine Verteidiger, hauptsächlich die Katholische Kirche Sloweniens, sagen, sein Verhalten war darauf ausgerichtet, Schaden unter der slowenischen Bevölkerung während der Besatzung zu minimieren. Bei der Besetzung und Aufteilung des damaligen Königreich Jugoslawiens 1941 hatten bzw fanden die Achsenmächte Kollaborateure unter allen Völkern dieses Staates. Am wichtigsten war die kroatische Ustaša (Ustascha), der man den „Unabhängigen Staat Kroatien“ (NDH) überliess, ohne die Küstengebiete (die an Italien abgetreten werden mussten…), dafür mit ganz Bosnien-Herzegowina. Das Dilemma, dass sich daraus ergab, dass Slawen ja in der Nazi-Ideologie „Untermenschen“ waren, wurde dadurch gelöst, dass man sagte, die Kroaten stammten von einer vorslawischen germanischen Bevölkerung ab.(39)

Dass es ein Überlaufen von Kroaten aus der Ustascha zu den Partisanen gab, hatte wohl auch mit dem Unbehagen darüber zu tun, von Deutschen und Italienern nicht wirklich als gleichwertig gesehen/behandelt zu werden… Auch die Partisanen haben Gräuel begangen; hauptsächlich als Vergeltungsmaßnahmen beim Vormarsch am Kriegsende, auch in Kärnten. Das Massaker am Perschmann-/Peršman-Hof in Bad Eisenkappel im April 1945 war aber eines von NS-Einheiten an (elf) Zivilisten der Familien Sadovnik und Kogoj, weil der Hof als Partisanenstützpunkt gedient hat.(40) Heute beherbergt der Hof ein Museum zum Widerstand der Kärntner Slowenen gegen den Nationalsozialismus. Der diesbezügliche rechte Kärntner Revisionismus dreht die Sache um(41); in dieser Konstellation gibt es immer die Optionen dazu stehen („geschah ihnen recht“) oder aggressiv leugnen.

Als Anfang Mai 45 die jugoslawischen Partisanen vom Süden heranrückten und die britischen Truppen vom Norden, trat Gauleiter/Statthalter Rainer zurück, am 7. Mai. Und übergab die „Herrschaft“ über Kärnten einer provisorischen Allparteien-Regierung – die sich mit den einrückenden Briten einigte, dass die Partisanen (bzw Jugoslawische Armee) „zurückgeschickt“ würden. Am 1. März hatten sich Titos Partisanen in „Jugoslawischen Armee“ (Jugoslovenska armija) umbenannt. Rainer machte sich darauf hin aus dem Staub. Einer der Befehlshaber der Wehrmacht in Jugoslawien war Alexander Löhr.

Vater „Reichsdeutscher“, Mutter jüdische Russin, die Familie liess sich in Rumänien nieder (Kinder wurden orthodox erzogen), Ausbildung dann in Österreich-Ungarn, Militärlaufbahn, Luftwaffe, Teilnehmer 1. WK. Dann zum (ersten) österreichischen Bundesheer, nach dem Anschluss zur Wehrmacht. Im 2. WK zuerst gegen Polen, dann (’41) am Balkan (YU/ Griechenland). Am 8. Mai 1945, dem Tag der Gesamt-Kapitulation der Wehrmacht, befanden sich noch 150 000 ihrer Soldaten in Jugoslawien, im Rückzug auf die Nordgrenze dieses Landes(42), und das war die slowenisch-kärntnerische Grenze. Generaloberst Löhr verhandelte in Griffen bei Völkermarkt mit den Briten über die Überführung der noch auf jugoslawischem Gebiet stehenden Teile seiner Heeresgruppe nach Kärnten in deren Gewahrsam – was die Briten jedoch ablehnten.

Daraufhin gab Löhr den Befehl zur Kapitulation gegenüber den Partisanen. Am selben Tag, davor, trafen sich Löhr und andere Naziführer im besetzten Jugoslawien in Rogaska Slatina in Slowenien mit Führern der Ustascha/NDH. Löhr selbst wurde dann von den Briten an (das neu entstehende) Jugoslawien ausgeliefert und musste sich deshalb am 15. Mai mit seinem engsten Stab nach Maribor/Marburg begeben.(43) Ante Pavelic und seine engste Umgebung reisten am 8. 5. 45 nach Österreich, das bereits von den Alliierten besetzt war(44), wahrscheinlich über die slowenisch-burgenländische Grenze, damit in die SU-Besatzungszone, inkognito, dann in die US-Zone, Oberösterreich, Salzburg.

Der Rest der Ustascha-Leute wollte sich den Briten ergeben. Am 9. Mai rückte die Partisanen-Armee in Kärnten ein (bzw vor), bis Klagenfurt. Titos Soldaten mussten sich aber damit abfinden, dass bereits britische Truppen in Kärnten waren. Bereits am 1. Mai waren die Jugoslawen nach Triest vorgestossen, nachdem sie Istrien und die Kvarner Bucht mit Rijeka/Fiume unter ihre Kontrolle gebracht hatten (italienisches Vorkriegs-Territorium). Triest, von wo 43-45 Globocnik seine Operationszone geleitet hatte – dazu gehörte ein „KZ“ in Triest, hauptsächlich für Partisanen. Die Vorstösse der Partisanenarmee nach Kärnten und ins Julische Venetien waren Teil der Befreiung Jugoslawiens, von dort aus war die Besetzung über ihr Land gekommen. Und sie waren verbunden mit massiven Gebietsforderungen, Forderungen auf ungefähr jene Gebiete die nun unter jugoslawischer Kontrolle waren, also Südost-Kärnten und Istrien bis Triest. 

Diese Forderungen wurden im Namen der Slowenen erhoben, es waren in beiden Gebieten (die dort verwurzelten) Slowenen die jugoslawische Ansprüche rechtfertigten bzw motivierten. Und, die Besetzung Südost-Kärntens im Mai 45 war verbunden mit Verschleppungen und Übergriffen. Es gab wie nach dem 1. WK kein österreichisches Heer, diesmal aber keinen spontanen Abwehrkampf. Kärntner sehnten das Eingreifen britischer Truppen herbei, wie die „Kollabos“ aus YU an der Grenze. Vielerorts war es in dieser Zeit so im deutschsprachigen Raum, dass man die Herrschaft der Anglo- bzw Westalliierten wollte, diese auch bekam, und dann schnell Teil eines freien Westens wurde. Die Briten errichteten aber auch ein Kriegsgefangenenlager in Wolfsberg.(45) Wenn es keinen Kampf gegen Hitler (und jene die ihm folgten) gegeben hätte, würde es in Österreich und Deutschland keine Demokratie geben. Jene Kärntner, die die Briten als Befreier sahen/sehen und die Partisanen als die Wurzel allen Übels, übersehen da etwas.

Der „Antifaschistische Rat der nationalen Befreiung Jugoslawiens“ (AVNOJ) unter Tito beschloss im November 1943 in Jaijce (Bosnien) die Vertreibung und Enteignung von Personen deutscher Volkszugehörigkeit in Jugoslawien, bzw visierte das als Ziel nach der Befreiung an. Am Ende des Kriegs bzw danach wurden die Funktionäre der Donauschwaben und Sloweniendeutschen die mit den Nazis kollaboriert hatten, von den Partisanen abgeurteilt oder aber sie entkamen in eine der alliierten Besatzungszonen von Österreich und Deutschland. Aber auch fast alle Anderen aus diesen Gemeinschaften mussten flüchten, wurden vertrieben oder „abgeurteilt“. Für die Deutschen in Jugoslawien brachte der 2. WK, die nazideutsche Besatzung, ihr Ende, auch für jene die nicht kollaboriert hatten. Die (meisten) Gottscheer wurden, zur Erinnerung, von den Nazis umgesiedelt. Und nach dem militärischen Zusammenbruch kamen Vergeltung, Diskriminierung, Auswanderung,…    

Viele dieser „Volksdeutschen“ zogen mit der Wehrmacht ab, nicht wenige blieben aber. Am Kriegsende kamen diese unter die Gewalt der Partisanen. So wie die Reste der Gottscheer im Ursprungsgebiet sowie in der Untersteiermark (zusammen mit den Untersteirern). Es entstanden Gefangenenlager, wie jenes in Sterntal bei Pettau/Ptuj (Stajerska/Untersteiermark) oder, für die Donauschwaben zB jenes in Knićanin/Rudolfsgnad (Vojvodina). Und, die Dolinen im slowenischen Karst, die Abrechnungen der Partisanen, mit Faschisten…oft aber auch nur mit Gegnern der Kommunisten oder ethnischen Deutschen (bzw „Altösterreichern“). Slowenien war auch eine der Regionen in Europa wo über die Gesamtkapitulation der Wehrmacht (die als Ende dieses Kriegs gilt) hinaus gekämpft wurde, zwischen Einheiten der Achsenmächte (bzw ihren Kollaborateuren) sowie solchen der Alliierten (bzw mit diesen Verbündeten). Wobei es sich um reine Rückzugsgefechte der Ersteren handelte.

Anfang Mai 1945 rückten über 15 000 slowenische Domobranci, kroatische Ustaschi, serbische Tschetniks, alle zusammen mit dazugehörigen Zivilisten sowie politischen Führern dieser Kollaborateure und Antikommunisten, auf die kärntnerisch-slowenische Grenze vor, um sich dort in britische Gefangenschaft zu begeben, den Partisanen zu entgehen.(46) Auch Wehrmachts-Reste waren dabei, und „Volksdeutsche“ aus Jugoslawien. In Poljana (Slowenien) fand am 14./15. Mai ein solches Rückzugsgefecht von verbliebenen Wehrmachts-Einheiten sowie Kollaborateuren der Achsenmächte in YU (v.a. kroatische und slowenische) gegen die Tito-Partisanen und britische Verbände statt. Trotz des Sieges der alliierten Seite dort gelangten viele der „Flüchtlings“-Kolonnen zur Grenze.

Die Briten internierten am 14. Mai eine slowenisch dominierte „Kolonne“, auf einem Feld im Klagenfurter Aussenbezirk Viktring, wo diese für mehrere Wochen ein Lager aufschlagen. Am Tag danach kamen Kroaten an, Funktionäre der Ustascha-Staates und ihre Angehörigen überwiegendst. Sie ergaben sich in Bleiburg/Pliberk den britischen Truppen. Diese schickten sie jedoch an die Grenze zurück, wo die Partisanen gewissermaßen auf sie warteten. Es heisst, Tito hatte „seine“ Armee auch nach Kärnten geschickt, um „Kollabos“ zu „bekommen“, nicht nur um den Feind zu besiegen und jugoslawisches Territorium abzustecken. So begannen, am 15. Mai in Bleiburg, die Repatriierungen an der kärntnerisch-slowenischen Grenze. In der Folge wurden Tausende dieser Zurückgeschickten von den Partisanen getötet, an der Grenze oder im Laufe der „Überführung“ in die Gefangenschaft, in anderen Teilen des neu entstehenden Jugoslawien. Auch manche Wehrmachts-Angehörige aus „Grossdeutschland“ wurden an die Partisanen ausgehändigt.

Bleiburg 1945

Ende Mai/Anfang Juni 1945 wurde der Grossteil der Slowenen vom Viktringer Feld nach Jugoslawien geschickt. In dieser Zeit stellten die Briten aber die Auslieferungen ein, nachdem Berichte der Massaker die Runde machten. Es gab eine aus antikommunistischen Russen gebildete Wehrmachts-Einheit namens „Kosaken“, deren Angehörige am Kriegsende (mithilfe von Globocnik) in Osttirol und Oberkärnten „strandeten“. Sie wurden von den Briten aus ihren Lagern in Lienz und Oberdrauburg abgeholt und in Judenburg (Steiermark) an die Rote Armee übergeben. Besonders in Kroatien spielt die Erinnerung an die Auslieferung bei Bleiburg und die darauf folgenden Massaker noch eine wichtige Rolle, damit auch die Spaltung in Ustaschi und Partisanen; nachdem in der SFR Jugoslawien die Diskussion darüber tabu war.

Für diese Kroaten (und manche Andere) war Kärnten 1945 Fluchtziel. Der andere Ansturm der Südslawen bzw vom Balkan, nicht abzielend auf die Inbesitznahme slowenischer Gebiete, sondern auf den Schutz der British Armed Forces. Kärnten wurde das Gebiet, wo der kommunistische Machtbereich endet, für einige Jahrzehnte. Für nicht Wenige in Kärnten und Österreich wurden das kommunistische System in Jugoslawien und dessen Nachbarstaaten sowie die Übergriffe der Partisanen (auf Südslawen und Andere) Vorwand dafür, wieder/weiter das Bild des „wilden Balkans“ zu zeichnen (der gleich hinter den Karawanken beginnt), wohingegen man selbst sich auf einer höheren Zivilisationsstufe befinde. Auch jene in Deutschland und Österreich, die in der NS-Zeit Domobranci oder Ustaschi bedienten.(47)

Dass der Überfall Nazi-Deutschlands (mit Österreich) auf Jugoslawien die Entwicklung „hin zu Bleiburg“ überhaupt eingeleitet hat, blendet(e) man da aus. Bezüglich jener Menschen, die im Mai 1945 Zuflucht in Kärnten suchten(48), gibt es unterschiedliche Narrative. NS-Kollaborateure oder antikommunistische Flüchtlinge? Geschichts-Revisionismus oder objektive Wahrheitssuche?(49) Tja, und im Zusammenhang damit kann man auch die Frage stellen, ob Tito der grosse Versöhner unter den Völkern Jugoslawiens war, oder doch ihr Unterdrücker. Immerhin, es wurden zB auch die Tschetniks weggesperrt und getötet, die (meist serbischen) Royalisten, die gegen die Besatzer kämpften.(50)

Ustascha-Führer Ante Pavelic bekam übrigens in Salzburg Protektion von den US-Amerikanern, gelangte dann über die „Rattenlinie“ (also mit Hilfe der Katholischen Kirche) nach Italien und von dort nach Argentinien. Der Kalte Krieg war im Entstehen. Der slowenische Bischof Rožman flüchtete auch Anfang Mai 45 nach Kärnten, wanderte nach Aufenthalten in Österreich und der Schweiz 1948 in die USA aus, wo er die slowenische Exil-Gemeinde betreute. Er wurde im kommunistischen Jugoslawien 1946 in Abwesenheit wegen Kollaboration verurteilt. Rupnik wurde 46 in Laibach hingerichtet. Globocnik flüchtete am Kriegsende auf die Möslacher Alm im Gebiet des Weissensees, wo er auf Friedrich Rainer und dessen Kameraden traf. Gemeinsam wollte man nach Italien. Am 31. Mai 1945 wurde die Gruppe Rainer/Globocnik von einem britischen Kommando festgenommen und nach Paternion gebracht. Nach seinem ersten Verhör vergiftete sich Globocnik dort mit Zyankali. Rainer wurde nach Hinweisen aus der Bevölkerung verhaftet.(51)

Die jugoslawischen Truppen mussten am 20. Mai 1945 auf Drängen der Alliierten aus Kärnten abziehen. Wie schon gesagt, gab es auch in Kärnten am Ende des Kriegs Übergriffe durch diese Armee, der auch Kärntner Slowenen angehörten. Das Bündnis der Briten mit den YU-Partisanen zerbrach bald nach Kriegsende, der Kalte Krieg war im Entstehen. In Wolfsberg im Lavanttal gab es 1941–1945 das NS-Kriegsgefangenenlager „Stalag 18A“ und anschliessend (1945–1948) das Interniertenlager „Camp 373“. Dort wurden in erster Linie Österreicher/Deutsche gefangen gehalten. Karel Prušnik, Kärntner Slowene, ein Partisanenführer, wurde von den Briten in Graz-Karlau eingesperrt. Zur Zeit des Austrofaschismus war er der KPÖ nahe gestanden, wurde deshalb 1935 (wegen „Hochverrat“) zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die er im Karlau-Gefängnis in Graz absass.

Prusnik, in der OF hatte er den Decknamen „Gašper“, wurde nach dem Krieg von der britischen Militärverwaltung in Kärnten zwei Mal zu Gefängnisstrafen verurteilt, die er wiederum in Karlau absitzen musste. Beide Verurteilungen, 1947/48, gingen auf Äusserungen ggü den britischen Besatzern zurück. Anscheinend beide Male bei Enthüllungen von Partisanen-Denkmälern, bei Bleiburg und in Völkermarkt. Prusnik soll nach dem Abzug der Tito-Armee (weiter) auf einen Anschluss von Teilen Kärntens an Jugoslawien hin gearbeitet haben.(52) Er war Obmann des Verbandes der Kärntner Partisanen, aktiv in kärntnerslowenischen Organisationen, schrieb ein Buch über den Partisanenkampf (s.u.); starb 1980 in Ljubljana. 

Der Loiblpass zur Zeit der britischen Besatzung. Der Pass über die Karawanken verbindet Kärnten und die Oberkrain

Die Auslieferungen von antikommunistischen bzw nazikollaborationistischen „Aktivisten“ durch die Westalliierten an Ostblock-Mächte, wie in Kärnten ’45, lief etwa von 1943 bis 1947, wird „Operation Keelhaul“ genannt. Also bis etwa dahin, wo sich Westalliierte und Sowjetunion endgültig entzweiten, der Kalte Krieg begann. Wie schmal der Grat zwischen „antikommunistisch“ und „kollaborationistisch“ (bzw „faschistisch“) sein konnte, zeigt sich am slowenischen Bischof Rozman, der ja dann in der USA wirkte. Slowenien wurde eine Teilrepublik in der SFR Jugoslawien, war nach dem 2. WK in seinen heutigen Grenzen „zu Stande“ gekommen, die die meisten slowenischen Siedlungsgebiete umfassen.(53) Jugoslawien bzw Jugoslawisch-Slowenien wollte aber noch die slowenischen Gebiete im Südosten Kärntens.

Das zweite Jugoslawien erhob wieder Gebietsansprüche auf Teile Kärntens – bis 1949. Bei der Aussenministerkonferenz in London 1947 legte der jugoslawische Vertreter Joze Vilfan (der aus Italien stammte) ein Memorandum vor, in dem der Anschluss „Slowenisch-Kärntens“ (einschließlich Klagenfurt und Villach) gefordert wurde. Nur war Tito-Jugoslawien mit seiner Forderung nach dem Bruch mit Stalin 1948 chancenlos.(54) Jugoslawien verstand sich als Schutzmacht der Kärntner Slowenen (dann die unabhängige Republik Slowenien), wie Österreich für Südtirol.

Italien verlor in seinem Nordosten, vom Julischen Venetien, nach dem Faschismus fast Alles, an Tito-Jugoslawien, die Gebiete kamen an die Teilrepubliken Slowenien und Kroatien. Nur Triest konnte es behaupten. Ein kleinerer Teil der italienischen Bevölkerung von Istrien und dem östlichen Friaul blieb, wurde eine Minderheit in Jugoslawien. Viele bürgerliche bzw antikommunistische Slowenen wanderten in dieser Zeit aus, soweit es ging, nach Argentinien, Australien,… und über Kärnten. Militante Aktivitäten gegen die SFR YU kam aber (hauptsächlich von den 50ern bis zu den 70ern) eher von Exil-Kroaten, wobei dort auch die Grenze zum Faschismus „fliessend“ war. In der Gottschee wurden in den frühen 50er auch die Slowenen weggebracht, es gab Sprengung(en), der Wald kam dorthin zurück.

Manche „Nachbardörfer“ hielten sich und auch wenige deutschsprachige Gottscheer. Wie auch Untersteirer, und die Donauschwaben in Serbien (Vojvodina), und Kroatien (Ost-Slawonien). Die deutsch(sprachig)e Minderheit in Jugoslawien wurde ungefähr so behandelt, wie die Nazis zuvor die Slawen behandelt hatten. Anpassung (bzw Unterwerfung) oder Auswanderung (falls das möglich war). Ihre Anliegen waren (bzw sind!) durch die NS-Politik diskreditiert, sofern sie nicht durch diese direkt (Umsiedlungen durch Nazis!) oder indirekt (Gegenreaktionen) die Heimat verloren hatten. In der Untersteiermark waren die slowenische Bevölkerung zT aus- und „Volksdeutsche“ aus der Dobrudscha und Bessarabien sowie der Gottschee angesiedelt worden. Bis 1945. Dann standen abermalige Umsiedlungen bevor.(55)

Die meisten Gottscheer, Untersteirer und Donauschwaben aus YU, die 1945 flüchteten oder vertrieben wurden, kamen über die Südgrenze von Kärnten oder der Steiermark nach Österreich, Viele blieben auch dort, Andere zogen weiter. Die Gottscheer und Untersteirer liessen sich hauptsächlich in Kärnten und Steiermark nieder.(56) Österreich lag nun am Rande Westeuropas, grenzte an zwei Warschauer-Pakt-Staaten sowie Jugoslawien. Es entstand, als unabhängige Republik, in den Grenzen von 1920/21 neu, zunächst unter „Vormundschaft“ der Alliierten.

In Kärnten waren nach dem Krieg die Besetzung und die Gebietsansprüche Jugoslawiens präsent, die es ja nach dem 1. WK auch schon gegeben hatte. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kamen südslawische Truppen bis Klagenfurt. Südost-Kärnten (im engeren Sinn oder im weiteren, mit der Landeshauptstadt) hat der Südslawen-Staat nach beiden Kriegen gewollt und nicht bekommen. Dass Jugoslawien kommunistisch geworden war, festigte das Bedrohungsgefühl noch. Südslawische Begehrlichkeiten auf Kärnten waren keine paranoide Unterstellung. Aber: Die südslawischen Gebiete waren bis zum 1. WK zu einem grossen Teil unter österreichischer Herrschaft gestanden. Und, Grossdeutschland inklusive Österreich hatte im 2. WK ganz Jugoslawien besetzt, zerstückelt, die Bevölkerung unterdrückt (bzw unterdrücken lassen).

Der bewaffnete Widerstand der Partisanen gegen die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten war auch eine der Grundlagen, dass Österreich als demokratischer und unabhängiger Staat neu entstehen konnte; auch weil durch die Beteiligung der Kärntner Slowenen daran von den Alliierten als Teil des österreichischen Widerstands gegen den NS ausgemacht wurde, den „eigenen Beitrag zur Befreiung Österreichs“, wie er von den Alliierten in der Moskauer Deklaration von 1943 gefordert worden war. Es ist hier ein schmaler Grat zwischen „Gut“ und „Böse“, Recht und Unrecht, es gab zweifellos Gräueltaten von Partisanen, Massaker und Verschleppungen – auch gegenüber Menschen die den NS nicht unterstützt hatten. Die als Angehörige einer feindlichen Ethnie oder als politische Gegner gesehen wurden.  

Während des Kriegs vertieften sich die Gräben zwischen den beiden „Volksgruppen“ Kärntens. Viele deutschsprachige Kärntner dienten in Wehrmacht oder SS, viele Kärntner Slowenen schlossen sich den Partisanen an. Gewalt fand oft gegeneinander statt, und jedenfalls nicht im Sinne Kärntens oder Österreichs. Nach dem Krieg sahen die Einen in der anderen Volksgruppe Nazis, die Anderen Kommunisten, beide sahen im Anderen Akteure von Vertreibungen und Massakern. Es wurden vielfach Kärntner Ängste vor Jugoslawien, Kommunismus, Besatzung,… auf die Slowenen im Land projiziert und diese dem entsprechend behandelt. Der Semi-Dokumentarfilm „Der Graben“ (2015) behandelt das Zusammenleben von deutschsprachiger Mehrheit und slowenischsprachiger Minderheit in Südost-Kärnten(57) (spezifisch Bad Eisenkappel/Zelezna Kapla) nach dem Krieg. Und 1979/80 kam vom ORF die Mini-Serie „Das Dorf an der Grenze“: darin geht es um den fiktiven Kärntner Ort „Selitsch“, an der Grenze zu Slowenien. Von den 1920ern bis in die 1970er.

Schon bald nach dem Krieg organisierten sich in Kärnten ehemalige Nationalsozialisten in „Heimat-Verbänden“. Peter Pilz, früher ein scharfsinniger Politiker und Beobachter (bevor er ein „Linkspopulist“ wurde), hat einmal gesagt, die Kärntner FPÖ ist die einzige legitime Nachfolgeorganisation der NSDAP in Österreich. Thomas Bernhard, der Christlichsoziale, schrieb „Die schönsten Gegenden Österreichs
haben immer die meisten Nazis angezogen. Salzburg Gmunden Altaussee
das sind nichts als Nazinester“. Kärnten hat er hier also „vergessen“.

Robert Scheuch, Gutsherr am „Sternhof“ im Mölltal, etwa war ab 1935 Mitglied der NSDAP gewesen, 1938 dann Sektionschef im Landwirtschaftsministerium in der NS-Regierung von Seyss-Inquart. Nach dem Krieg war er Mitbegründer des Verbands der Unabhängigen (VdU), dann auch in dessen Nachfolgepartei FPÖ aktiv. Die Enkel Kurt und Uwe traten sein Erbe an. Der VdU erreichte bei seinem ersten Antreten in Kärnten, bei der Landtagswahl 1949, gleich über 20%; die FPÖ war in den nächsten Jahrzehnten in Kärnten immer überproportional stark, kam aber erst 1989 unter Haider (als Bundesobmann) über diese Marke (und dann gleich auf Platz 2).

Aber viele ehemalige Nationalsozialisten gingen auch zur SPÖ. Der erste Nachkriegs-Landeshauptmann Hans Piesch (SPÖ) musste 1947 wegen seiner NS-Vergangenheit zurücktreten. Nachfolger wurde Parteikollege Ferdinand Wedenig, der bis 1965 LH blieb. Wedenig war im KZ Dachau gewesen, er war es aber, der Slowenisch als Pflichtfach in den Volksschulen im zweisprachigen Gebiet von Kärnten abschaffte. Wofür er von den Verbänden der Kärntner Slowenen stark kritisiert wurde. An diesen entstanden in der Nachkriegszeit aus Partisanen die Osvobodilna fronta za slovensko Koroško. Von ihr spaltete sich 1949 der christdemokratische „Rat der Kärntner Slowenen“ (NSKS) ab. Ebenfalls 49 entstand die „Demokratische Front des werktätigen Volkes“, aus der 1955 der „Zentralverband slowenischer Organisationen in Kärnten“ hervorging, der der SPÖ nahesteht. 1957 eröffnete das slowenische Gymnasium in Klagenfurt. 

Die an der SU orientierte KPÖ schloss übrigens nach dem Bruch Jugoslawiens mit der SU mehrere hundert slowenische Kommunisten aus der Partei aus. Mit dem Staatsvertrag Österreichs 1955 wurden die Grenzen Österreichs, auch jene zu Jugoslawien(58), bestätigt. Die Neutralität des Landes ist darin entgegen einer weitverbreiteten Annahme nicht enthalten, aber der Schutz von ethnisch-sprachlichen Minderheiten, wobei die Slowenen in Kärnten und der Steiermark und die Kroaten im Burgenland genannt sind.(59) „Schutz“ heisst Schuldbildung in diesen Sprachen, diese als (zusätzliche) Amtssprachen in den betreffenden Gebieten sowie zweisprachige topographische Aufschriften (Ortstafeln). Die allerletzten Besatzungssoldaten die Österreich 1955 verliessen, waren anscheinend Briten die aus Klagenfurt abzogen.(60)

Nach dem 1. WK war ein „Kärntner Heimatdienst“ (K.H.D.) gegründet worden, 1924 wurde dieser in „Kärntner Heimatbund“ umbenannt. Er wurde zu einer Plattform der Nationalsozialisten in Österreich, auch nach dem Verbot der NSDAP in Österreich 1933. Martin Wutte war in ihm aktiv. 1957 wurde ein neuer „Kärntner Heimatdienst“ (KHD) gegründet. Er war an der Gründung der „Ulrichsberggemeinschaft“ 1958 maßgeblich beteiligt. Bereits 1955 war der „Kärntner Abwehrkämpferbund“ gegründet worden. Während in Kärnten über Jahrzehnte die SPÖ dominierte, wurde mit Josef Klaus ein ÖVP-Politiker aus Kärnten Bundeskanzler. Der Wehrmachts-Veteran zog nach Hallein, arbeitete dort als Anwalt, war 1949-61 Landeshauptmann von Salzburg.

64-70 dann Kanzler, bis 66 in einer grossen Koalition, dann einer ÖVP-Alleinregierung. Kärntner Landeshauptmann wurde 1965 (bis 74) Hans Sima, aus einer gemischten (deutsch-slowenischen) Familie, ebenfalls Wehrmachts-Veteran. Er war es, der Erik Schinegger, damals noch eine Erika, im Namen des Landes gratulierte, als sie von der Ski-WM in Portillo (Chile) 1966 als Weltmeisterin zurückkehrte. In diese Zeit fiel, wie vielerorts, eine gewisse Industrialisierung und Modernisierung. Gastarbeiter kamen nach Österreich, aus Jugoslawien (kaum Slowenen, eher aus südlichen Republiken), der Türkei,…, auch nach Kärnten. Und der Tourismus in das Land mit den Seen und Bergen kam auf Touren, aus Deutschland, der Niederlande,… Österreicher begannen wiederum, nach Jugoslawien auf Urlaub zu fahren, hauptsächlich nach Kroatien mit seiner langen (Adria-) Küste.

Es war auch Landeshauptmann Sima, unter dem, 1972, endlich die staatsvertraglich festgeschriebenen Ortstafeln mit slowenischen Ortsnamen neben (bzw unter) den deutschen aufgestellt wurden. Anlässlich der 50-Jahr-Feiern der Volksabstimmung fanden im Jahr 1970 Aktionen gegen einseitig deutsch beschriftete Ortstafeln statt (Überschmierungen/Ergänzungen, Abmontierungen), wohl von slowenischen Aktivisten (so etwa in Klagenfurt und Hermagor). 1971 beschloss die SPÖ-Bundesregierung unter Bruno Kreisky schliesslich, auf Basis der Volkszählung von 1961 in Gemeinden mit 20% oder mehr Slowenen zweisprachige Ortstafeln aufzustellen.

Dies traf auf 36 Gemeinden zu. Der Kärntner Abwehrkämpferbund erklärte, die Aufstellung solcher Tafeln käme in höchstens sieben Gemeinden in Frage, im äussersten Südosten, in den „slowenischsten“ Gemeinden, wie Bleiburg oder Vellach.(61) Im Frühling 1972 nahm Landeshauptmann Sima mit Kanzler Kreisky Gespräche zu einer Lösung der Ortstafelfrage auf. Die Atmosphäre in Kärnten spitze sich zu. Im Juli 72 beschloss der Nationalrat gegen die Stimmen von ÖVP und FPÖ ein Bundesgesetz betreffend der Anbringung zweisprachigen topographischer Bezeichnungen in Kärnten. Am 20. September 1972 liess Kreisky die ersten zweisprachig beschrifteten Ortstafeln (von geplanten 205 Ortschaften) im gemischtsprachigen Gebiet aufstellen. 

Es folgt der Ortstafelsturm, bei dem diese Tafeln beschmiert, abmontiert oder entwurzelt (ausgerissen) wurden – in einigen Fällen auch vor laufender Kamera oder unter Duldung oder sogar Mithilfe von Polizei oder Gendarmerie. Entwurzelte zweisprachige Ortstafeln wurden dann auch in Klagenfurt vor das Haus von Landeshauptmann Sima gelegt. Kärntner Heimatdienst und Kärntner Abwehrkämpferbund gelten klarerweise als Kandidaten für die Organisation der Sache, ihre Sprecher haben das aber immer in Abrede gestellt. Spontan scheint der „Sturm“ aber auch nicht entstanden zu sein. Der jetzige Slowenen-Vertreter Borut Marjan Sturm studierte zu der Zeit in Wien, erhielt Anrufe von seiner Mutter in Kärnten, die ihm davon erzählte, dass Leute mit ihren Autos den Bauernhof der Familie umkreisten, hupten und brüllten. Bei einer Kundgebung in Klagenfurt sagte ein älterer Mann zum ORF „An klanen Adolf bräuchat ma“. Es kam auch zu Bombendrohungen gegen das Gebäude der Kärntner Landesregierung.(62)

Manche „Schmierer“ wurden festgenommen, die Tafeln wurden umgehend gereinigt und wieder aufgestellt, doch wieder wurden sie beschädigt oder entfernt, fast alle. Die Aufstellung der Tafeln wurde gestoppt. Anscheinend sind einige in Gemeinden mit zweifellos hohem Slowenenanteil belassen worden. 72-75 tagte die so genannte Ortstafelkommission. Die heftige Reaktion von Teilen der Bevölkerung führte 1974 zum Rücktritt von Landeshauptmann Sima und seiner Ablöse durch Leopold Wagner.(63) Seine Enkelin Ulrike „Ulli“ Sima, Stadträtin für die SPÖ in Wien, sagte, ihr Grossvater habe sich von der Partei fallen gelassen gefühlt. 1976 wurden nach einer „geheimen Spracherhebung“ in Kärnten weitere zweisprachige Tafeln aufgestellt, in Orten mit mindestens 25% Slowenen.

Der Diplomat Wolfgang Petritsch, Kärntner Slowene, zum Verhältnis Österreichs unter Kreisky (für den arbeitete) zu Jugoslawien: „Es gab eine Achse Tito – Kreisky. Beide sind im multiethnischen Raum aufgewachsen. Man hatte den Eindruck, sie sind beide wie alte ‚Habsburger‘“. Kreisky setzte bezüglich der Anschläge und anderer Aktivitäten des jugoslawischen Geheimdienstes UDBA in Österreich auf Deeskalation.(64) 2010 hat eine Historikerkommission von der Kärntner Landesregierung unter Gerhard Dörfler den Auftrag bekommen, Hintergründe von insgesamt 19 Sprengstoffanschlägen in den 1970ern in Südkärnten aufzuklären. 2015 kam der Bericht der Kommission unter Wilhelm Wadl (Direktor des Kärntner Landesarchivs) heraus. 

Dem Bericht zufolge war die „Aktivität“ des UDBA in Kärnten in den 1970ern weitreichender als angenommen – und fand unter Mithilfe von Kärntner Slowenen statt. Das „Profil“ brachte 2015 einen Artikel (des Kärntners Robert Buchacher) über den Bericht.(65) Dem Bericht zufolge fanden diese UDBA-Aktionen in Österreich in Zusammenarbeit mit Kärntner Slowenen, v.a. Nachkommen von Partisanen (ein Netzwerk namens „Sora“), statt, auch Polizisten oder Zöllner waren dabei. Schaltzentrale war Marburg/Maribor im jugoslawischen Slowenien. Ausserdem habe es vom UDBA unabhängige Aktivisten unter Kärntner Slowenen gegeben wie Johann Hanin. Die slowenisch-jugoslawischen Aktionen fanden demzufolge zT unter falscher Flagge statt, auch beim Ortstafelsturm waren Agents Provocateurs beteiligt!

Filip Warasch, Generalsekretär des Rats der Kärntner Slowenen, wurde 1977 bezüglich einer Anstiftung zu einem Anschlag freigesprochen. Beim Sprengstoffanschlag auf das Heimatmuseum in der Burg in Völkermarkt 1979 wurde ein Täter verletzt durch eine vorzeitige Explosion; der Agent kam dann durch einen Gefangenen-Austausch frei. Dem Wadl-Bericht zufolge haben pro-jugoslawische Kärntner Slowenen auch die Staatspolizei in Kärnten unterwandert sowie Abwehrkämpferbund und Heimatdienst ausspioniert. Dem Bericht zufolge wollte man Chaos produzieren, provozieren, Österreich in ein schlechtes Licht rücken, ablenken von innerjugoslawischen Problemen. Zur Stellung Sloweniens innerhalb Jugoslawiens, siehe unten.

UDBA und Kärntner Slowenen hätten an einem Krisenszenario gearbeitet, das einen jugoslawischen Einmarsch in Kärnten ermöglichen sollte. Wadl meinte, man könne froh sein, dass in Kärnten kein Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Aus dem Bericht wurde ein Buch gemacht („Titos langer Schatten“), siehe unten. Der Jurist Rudolf „Rudi“ Vouk vom Rat der Kärntner Slowenen (und Politiker bei LIF sowie Enotna Lista) und andere Vertreter der Kärntner Slowenen reagierten mit scharfem Protest auf den Bericht bzw das Buch. 2012 nahm Wadl kärntner-slowenische Historiker in Schutz gegen Anwürfe der FPK(66), diese (Valentin Sima, Augustin Malle und Dusan Necak) hätten für den UDBA gearbeitet.(67) Die Tatsache, dass Wadls Mitarbeiter beim Buch, Josef Lausegger, eine deutschnational-chauvinistische IT-Seite unterhält(68), spricht aber auch für sich.

Slowenien war nördlichster und westlichster Teil Jugoslawiens(69), dessen mitteleuropäischstes Gebiet. Die Slowenen pendelten zwischen der Zugehörigkeit zu Mitteleuropa (und dem Wunsch nach Eigenständigkeit) und jener zum Balkan (und Zusammengehörigkeit mit den anderen Südslawen). Während für die Österreicher jenseits der Karawanken der Balkan beginnt, rümpft(e) man dort, bei den Slowenen, in ähnlicher Weise die Nase über den Balkan.(70) Der Fussball wurde/wird in Slowenien in gewisser Hinsicht als etwas „balkanisches“ gesehen(71); während die Slowenen dort am Rand standen, dominierten sie in den Wintersportarten, wie Skilauf (Alpin & Nordisch) und Eishockey.(72)

Was die Zugehörigkeit Sloweniens zu Mitteleuropa betrifft, gegen Österreich (bzw zeitweise Grossdeutschland) und Italien musste Slowenien aber hart um seine Grenzen kämpfen, während bzw nach den Weltkriegen. Dass Slowenien in seinen heutigen Grenzen unabhängig existieren kann, wäre ohne das Zusammenwirken mit den anderen Südslawen in/nach diesen Kriegen nicht möglich gewesen. Gleichwohl blieben auch nach dem 2. WK in Österreich und Italien slowenisch besiedelte Gebiete zurück (auch in den anderen beiden Nachbarstaaten, Ungarn und Kroatien). Was den Sport betrifft, hat Kärnten eigentlich Einiges gemeinsam mit Slowenien, auch dort (mit den Seen und Bergen) sind Eishockey und Skirennlauf wichtiger als Fussball.

Wobei Kärnten im Fussball anscheinend überproportional viele (wichtige) Tormänner hervor gebracht hat, beginnend mit „Friedl“ Koncilia. Auch Thomas Ravelli ist ein Fussball-Torhüter mit Kärntner Wurzeln, in eine Auswanderer-Familie (mit italienischen Wurzeln…) in Schweden geboren. A propos Auswanderer, noch mehr von sich reden machte der aus St. Veit stammende Koch Wolfgang Puck, in der USA. Kärnten hat bislang drei Spieler in die nordamerikanische Eishockey-Liga NHL gebracht, Michael Grabner, Michael Raffl und Thomas Pöck; aus Slowenien schafften das Anze Kopitar und Jan Mursak.(73)

Was die Skirennläufer aus Kärnten betrifft, ragt natürlich Franz Klammer heraus (Olympia 1976…). Eigentlich erstaunlich, dass in dem katholischen Österreich zwei der grössten Sporthelden (die übrigens beide ihre beste Zeit in den 70ern hatten), evangelisch sind, er und Johann Krankl aus Wien. Etwa 10% der Kärntner sind heute Lutheraner/Evangelische, damit ist dieses Bundesland Nr 2 hinter dem Burgenland. Im Burgenland ist die Zugehörigkeit zu Ungarn dafür verantwortlich, dass sich das halten konnte, in Kärnten wie erwähnt die Teilung der habsburgischen Herrschaft. Ziemlich evangelische Gegenden Österreichs sind im Burgenland insbesondere der Bezirk Oberwart, dazu gehört die Gemeinde Oberschützen, einer der Orte mit evangelischer Mehrheit. In Kärnten sind das die Bezirke Villach Land und Hermagor, mit jeweils über zwanzig Prozent Evangelischen.

Franz Klammers Heimatort Mooswald ist seit 1964 aufgeteilt auf die Gemeinden Fresach und Ferndorf, liegt in Villach Land. Weiters sind hier zu nennen: das steirische Ennstal (Bezirk Liezen, u.a. Ramsau) und das anschliessende Salzkammergut, sein steirischer und oberösterreichischer Teil (zB Gosau im Bezirk Gmunden). Es gibt eine Art „Bindung“ der Evangelischen in Österreich an das Deutschnationale, seit dem 19. Jh, und die FPÖ hat in protestantischen Gegenden in Kärnten und Oberösterreich meist besonders gut abgeschnitten. Die Kirche der Mehrheit, die Katholische, spielt in dem „Nationalitätenkonflikt“ im Land natürlich eine Rolle, es gibt von beiden Seiten Erwartungen und hier besteht wie auch in Südtirol eine Chance, auf ein Zusammenkommen. Die katholische Diözese Gurk ist in ihrem Umfang praktisch deckungsgleich mit dem Bundesland Kärnten.

Ziemlich genau da, wo Franz Klammer aufhörte mit dem Spitzensport (1985), fing ein anderer Kärntner Abfahrer an, Armin Assinger aus Hermagor. Klammer gewann 25 Abfahrten + 1 Kombination, + 3 Medaillen, Assinger gewann 3 Abfahrten + 1 Super-G. Von Bedeutung wurde er mehr durch seine Fernseh-Karriere, die als Co-Kommentator bei Skirennen begann, zunächst in der Zeit seiner Verletzungspause (1989/90). In einem Interview vor einigen Jahren wurde Assinger auf „seinen“ Landeshauptmann Jörg Haider angesprochen, er wehrte sich zunächst gegen die Frage, lobte Haider aber dann doch dafür, ein „Ohr bei den Anliegen der Menschen“ gehabt zu haben. Christian Mayer, ebenfalls ehemaliger Kärntner Skirennläufer, hat sich „prononcierter“ zur FPÖ und den Kärntner Slowenen geäussert…wobei er nun für die slowenische Skifirma Elan arbeitet und für den ORF, dort Frauen-Rennen co-kommentiert, er der einst sagte, man solle den Frauen-Weltcup abschaffen.

Jörg Haider aus Bad Goisern im oberösterreichischen Salzkammergut kam 1979 für die FPÖ in den Nationalrat, ging 1983 nach Kärnten, wohin es ihn aus privaten Gründen zog, in den Landtag. Er „lobte“ seinen Förderer Mario Ferrari-Brunnenfeld aus der Kärntner Landespolitik weg, dieser wurde Staatssekretär in der Bundesregierung, die 83 aus SPÖ und FPÖ gebildet wurde. Norbert Steger, FPÖ-Bundesparteiobmann, wurde Vizekanzler in dieser Regierung. Er repräsentierte liberales Grossstadtbürgertum, war damit eigentlich näher an der FPÖ-Wurzel als die rurale Bildungsferne. Andererseits war das Liberale in der FPÖ immer eine „Randerscheinung“ gewesen, gegenüber dem Deutschnationalen.

Landeshauptmann war damals Leopold Wagner; dieser trat 1988 ab, nachdem ihn ein ehemaliger Schulkollege im Jahr davor angeschossen hatte. Als Wagner in den 1980ern die Idee aussprach, Osttirol (den Bezirk Lienz) an Kärnten anzuschliessen (wohin es tatsächlich starke Verbindungen hat), reagierte sein Tiroler Kollege Eduard Wallnöfer (ÖVP) mit der „Drohung“, bei einem solchen Versuch die Tiroler Schützen und die Feuerwehr aufmarschieren zu lassen. Im April 1986 ging das Bärental im Südosten Kärntens notariell beglaubigt in Haiders Besitz über, was ihm (dem Juristen und Politiker) materielle Sicherheit brachte. In der Folge verstärkte Haider die Angriffe auf den Bundesparteichef und Vizekanzler, forderte ihn auf einem Parteitag in Innsbruck heraus. Und gewann. Die FPÖ war damals am Rande des „Abgrunds“ gestanden (um die 4%-Hürde herum), die Wende zum Rechtspopulismus brachte ihr die „Rettung“.

Im Jahr 1986 kam in Österreich so Manches durcheinander: die Bundespräsidenten-Wahl, der Abtritt Kirchschlägers, Waldheims Kandidatur, die Diskussion um seine Aktivitäten in der NS-Zeit (Wehrmachtsdienst in Jugoslawien…(74)), die eine um Österreich in dieser Zeit auslöste; Waldheims Wahlsieg, der den Rücktritt Kanzler Sinowatz‘ bewirkte, Vranitzky führte die SPÖ/FPÖ-Koalition weiter; dann Haiders Machtübernahme in der FPÖ – die Vranitzky dazu bringt, Neuwahlen anzusetzen; bei diesen blieb die SPÖ (trotz der Skandale um sie in den Jahren davor) vor der ÖVP unter Mock, die ganz auf Haider ausgerichtete FPÖ gewann stark hinzu, die Grünen zogen erstmals in den Nationalrat ein. Zum Drüberstreuen löste Hans Groer Franz König als Erzbischof von Wien ab.(75)

Mock (in der Wahlnacht schwer geschockt) wollte 86 mit Haider koalieren, es kam aber 87 eine grosse Koalition zu Stande, bis 00, und wie schon 49 bis 66. Eine grosse Koalition, die Haider als Oppositionschef (87-00) vor sich her trieb, mit den Themen Machtmissbrauch und Zuwanderer. 1989 der grosse Zugewinn der Haider-FPÖ bei der Landtags-Wahl in Kärnten, der Zweitplatzierte und der Drittplatzierte (die ÖVP unter Zernatto) bildeten eine Koalition, Haider wurde erstmals Landeshauptmann.(76) Er redete von einem „Freistaat Kärnten“, übte sich in Regionalpatriotismus -chauvinismus, wetterte gegen „die in Wien“ – dort sorgte er aber auch für Begeisterung, zB am Adler-Markt, und die Wiener FPÖ (wo in den 90ern H.-C. Strache „heranreifte“) zählt(e) zum Rüdesten was die FPÖ aufzubieten hat(te).(77)

Nachdem er 91 nach seinem Ausspruch über die „ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ zurücktreten musste, ging Haider wieder nach Wien, führte gleichzeitig die Kärntner Landespartei. Viele wurden im Laufe der Jahre von ihrem Idol verstossen – oder kehrten von ihm ab (wie Heide Schmidt, die sich 1993 mit dem LIF unabhängig machte). Die „Buberl-Partie“, das waren die Haider persönlich (und nicht unbedingt der Partei an sich) Loyalen, zu denen es zT auch homoerotische Verbindungen gab. Überflüssig zu sagen, dass Haider und FPÖ bzw dann BZÖ unter ihm bezüglich der Anliegen der Kärntner Slowenen alles Andere als unterstützend waren.

Nach dem Tod Titos 1980 wanderte in Jugoslawien Macht von der Zentralregierung an die Teilrepubliken. Eine Reform des Staatssystems kam Ende der 1980er schleppend in Gang, unter Ministerpräsident Ante Markovic, behindert sowohl von den Altkommunisten als auch den Nationalisten in den Teilrepubliken – die Einen wollten kein reformiertes YU, die Anderen kein vereintes.(78) Beim Fall des Eisernen Vorhangs 1989 spielte Österreich eine gewisse Rolle (hauptsächlich bei der ungarischen Grenzöffnung). Doch bald sollten auch Flüchtlinge aus Jugoslawien kommen. 1990 wurde in den Teilrepubliken frei gewählt, aber nicht das Bundesparlament. Es kam zu keiner Reform Jugoslawiens, sondern zum Auseinanderfall. Kroatien und Slowenien nahmen Kurs auf die Unabhängigkeit…und entdeckten ihre Verbundenheit zu Mitteleuropa neu.

Die neuen Zustände im noch jugoslawischen Slowenien zeigten sich auch darin, dass der „Musikantenstadl“ Ende 1990 in Marburg aufgeführt wurde… 1986 begannen Österreich und Jugoslawien mit dem Bau des 8 km langen Karawankentunnels (Predor Karavanke). Die Eröffnung wurde am 31. Mai 1991 gefeiert, am Tag darauf erfolgte die Verkehrsfreigabe. Am 25. Juni 91 erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien. Die jugoslawische Armee (JNA) versuchte auf Anweisung der Bundesregierung die jugoslawische Kontrolle über Slowenien wieder herzustellen, hauptsächlich die Grenzübergänge (zu Österreich, Italien, Ungarn) unter Kontrolle zu bringen. Slowenien wehrte sich mit seiner Territorialverteidigung (slowenisch Teritorijalna obramba, TO), die in allen Teilrepubliken existierte, und nach der Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei 1968 geschaffen worden war…um eine WP-Invasion ggf besser abwehren zu können.

Jugoslawien hatte Angst vor einer WP/SU-Invasion, Slowenien hatte Angst vor einer YU-Invasion und wehrte sich dagegen mit der Truppe, die gegen eine SU-Invasion geschaffen worden war…und Österreich hatte lange Angst vor einem Angriff von SU oder YU. Der Kalte Krieg ging im Sommer 91 zu Ende, bald nach dem Slowenien-Krieg, infolge des Putsches gegen Gorbatschow in der SU, der nach ein paar Tagen zusammenbrach. Die slowenische TO wurde Kern der künftigen slowenischen Streitkräfte, und viele Slowenen in der JNA liefen während des Krieges zu ihr über.(79) Zu Kämpfen und Zusammenstössen zwischen TO und JNA kam es v.a. in Grenzgebieten Sloweniens (eben noch Jugoslawiens), zu Österreich (Ktn, Stmk, Bgld), Italien (Friaul – Julisch Venetien), Ungarn (Komitate Vas, Zala), ausserdem in Ljubljana und Umgebung.

Die Kämpfe an den Grenzübergängen(80) betrafen natürlich auch Österreich. Umkämpft waren etwa die Grenzstationen Dravograd-Lavamünd und Šentilj-Spielfeld, dabei kam es auch zu Verletzungen des österreichischen Luftraums durch JNA-Kampfflugzeuge. Die österreichische Regierung war gespalten, Vranitzky und die SPÖ sahen einen innerstaatlichen Konflikt (und waren für eine Behandlung des Konflikts als solcher), Mock und die ÖVP sahen einen zwischenstaatlichen Krieg (in dem man Slowenien unterstützen müsse). Jedenfalls kam es zu einem Sicherungseinsatz des Bundesheers an der Grenze zu Jugoslawien Slowenien, sein erster seit seiner Gründung 1955.(81) Ein Übergreifen der Kämpfe auf österreichisches Gebiet wurde für möglich gehalten.(82) Auch Abfangjäger kamen zum Einsatz.(83)

Dieser Krieg machte die Auflösung Jugoslawiens unumkehrbar, und was von der JNA noch blieb, wurde ein Instrument für Rest-YU bzw Gross-Serbien, das bis 1995 in Kroatien und Bosnien „aktiv“ war. 1991 gab es also erstmals seit dem Fürstentum Karantanien ein eigenständiges Slowenien. In Kroatien begann die serbische Minderheit 1990 mit ihrer Auflehnung gegen die Tudjman-Regierung, der sich (mit Unterstützung von Serbien bzw Rest-Jugoslawien unter Milosevic) 91 zu einem Krieg auswuchs.(84) Mit der TO als Kern wurde in Kroatien ab Frühling ’91 eine Nationalgarde aufgebaut, aus der das kroatische Militär entstand.

Rudolf Perešin war Kampf-Pilot in der JNA (Jugoslawische Volksarmee) als der „Kroatische Unabhängigkeitskrieg“ (91/92) begann. Man misstraute in der JNA Kroaten wie ihm, liess ihn nur Aufklärungsflüge machen, mit einer unbewaffneten Aufklärungsversion der „MiG“. Bei einem solchen, im Oktober 91 von der Basis in Željava (nahe Plitvice, das Gebiet das die Serben als „Krajina“ von Kroatien abspalten wollten), desertierte er damit. Geeignete Flugplätze zur Landung in Kroatien (die nicht unter Kontrolle der JNA standen) gab es damals nicht. Daher flog Peresin seine MiG über die Karawanken, im extremen Tiefflug, wegen dem Radar bzw der Flugabwehr der JNA, damit auch für die österreichische Luftraumüberwachung überraschend. Als die jugoslawische MiG den Flughafen im Klagenfurter Stadtteil Annabichl anflog, meldete der Diensthabende im Tower das an’s Bundesheer. 

Dieses dirigierte zwei „Draken“, die gerade im Ennstal unterwegs waren, ins Klagenfurt Becken um. Die zwei österreichischen Abfangjäger erreichten das Flugzeug aber erst, als dieses bereits in Klagenfurt landete. Auf jenem Flughafen, der unter LH Haider (in dessen zweiter Amtszeit, 99-08) dann etwas ausgebaut wurde. Peresin händigte dort seine Handfeuerwaffen aus und erklärte, dass er ein Deserteur sei. Vier Tage später durfte er nach Kroatien ausreisen, schloss sich dort der Nationalgarde an, half beim Aufbau einer eigenen Luftwaffe. Peresin flog noch im Krieg 91/92 Einsätze(85) Bei der Rückeroberung der serbisch besetzten Gebiete 1995 (Operationen „Bljesak“, „Oluja“) wurde er über Ost-Slawonien abgeschossen.(86)

Peresins Desertion nach Klgft wirft ein Licht auf die Haltung der Kroaten zu Kärnten und Österreich, die eine andere ist als die der Slowenen. Kroaten, die mit Jugoslawien ein Problem hatten, „wichen“ immer wieder nach Kärnten (oder Steiermark) „aus“. Für sie ist es eher ein neutrales Territorium, bzw ein befreundetes. Nationalistische Slowenen erheben Ansprüche auf Teile Kärntnens; die ultra-nationalistische kroatische Ustascha hielt 1932 in Spittal ein Treffen ab, mit „Poglavnik“ Pavelić. Damals entschieden sie, einen kleinen Aufstand gegen das Königreich Jugoslawien (bzw die kroatische Zugehörigkeit zu ihm) abzuhalten, das dann im Velebit stattfand (mit Unterstützung des faschistischen Italiens).

Die (Karawanken-) Grenze zwischen Kärnten und Slowenien hat eine lange, bewegte Geschichte. Am Ende beider Weltkriege kamen „jugoslawische“ Truppen herauf, besetzten Teile Kärntens, erhoben Ansprüche auf Teile des Landes. Dabei sollte nicht unterschlagen werden, dass Slowenien (neben anderen Gebieten) zuvor von grossdeutschen Truppen besetzt worden war (2. WK) bzw unter österreichischer Herrschaft gestanden war (vor 1. WK). In der Zeit des Kalten Kriegs kamen (auch) über diese Grenze Leute als Gastarbeiter nach Österreich, nicht nur aus Jugoslawien. 1991 dann die Kämpfe an der Grenze, als sich Slowenien unabhängig machte. Diese Unabhängigkeit war für Slowenien nicht nur die Trennung von Jugoslawien, sondern auch vom Balkan, eine Hinwendung zu Mitteleuropa. Bald kamen Flüchtlinge aus anderen Teilen des zerfallenden Jugoslawiens, als dort Kriege waren, über Slowenien (manche blieben auch dort), und nach Kärnten, Steiermark oder Burgenland.   

Später reisten dort Firmen (-Vertreter) und auch wieder Touristen „runter“. Der Südsteirer Franz Fuchs, einziges Mitglied der „Bajuwarischen Befreiungsarmee“, radikalisierte sich nach eigenen Angaben wegen der Eröffnung einer slowenischsprachigen Volksschule in Klagenfurt und Österreichs Aussenpolitik unter Bundeskanzler Franz Vranitzky; und anscheinend wegen privaten Erfahrungen, darunter eine mit einer Jugoslawin. Mit seinen Briefbomben und Rohrbomben 93-96 markierte er gewissermaßen die Grenze der Steiermark und Österreichs zu den Südslawen.(87) Seine Opfer waren Angehörige von Minderheiten, Zuwanderer und Österreicher die sich für diese engagierten.(88)

Eine Rohrbombe legte er 1994 vor der deutsch-slowenischen Volksschule in Klagenfurt ab. Der Polizist Theo Kelz, ein Sprengmeister, brachte diese (in einer Sporttasche) zum Flughafen Klagenfurt, um sie zu untersuchen. Dabei detonierte die Bombe, Kelz wurden beide Hände abgerissen. Eines der „ungewollten“ Opfer von Fuchs. Der wurde 97 („zufällig“) verhaftet, 99 verurteilt, nahm sich 00 das Leben. Mit dem Beitritt Sloweniens zur EU 2004 und dem Schengener Abkommen 2007 verschwand eine durch viele Ereignisse im 20. Jahrhundert belastete Grenze in gewisser Hinsicht. 2015 kam ein Teil des Flüchtlingsanstroms über diese Grenze, über die aus österreichischer Sicht Mitteleuropa und der Balkan verbunden werden. Für Andere (Slowenen, Kroaten,…) beginnt der Balkan weiter südlich.

Österreich war 1995 der EG beigetreten. Slowenien wurde 04 auch Mitglied auch NATO, bekam 07 den Euro – Österreich wie die anderen EU-Mitglieder 02. Der andere ausländische Nachbar Kärntens, Italien, war Gründungsmitglied von E(W)G und NATO. Die Republik Slowenien betrachtet sich als Patron der autochthonen Slowenen in Österreich, wie zuvor Jugoslawien, Österreich für Südtirol. Es gibt ein Ministerium für Auslandsslowenen, das zuständig ist für autochthone Slowenen in den Nachbarstaaten Österreich, Ungarn, Kroatien, Italien(89), sowie die slowenische Diaspora.

1999 wurde die FPÖ bei der Landtags-Wahl in Kärnten stärkste Partei, Jörg Haider wurde darauf wieder Landeshauptmann. Zwischen Haider I und II war Zernatto von der ÖVP Landeshauptmann gewesen. Das war im April; Ende des Jahres war dann die Nationalrats-Wahl, mit Thomas Prinzhorn und Patrick Ortlieb als Spitzenkandidaten der FPÖ(90) – die Zweiter wurde. 2000 kam eine Bundesregierung aus ÖVP und FPÖ zu Stande. Haider blieb in Klagenfurt.(91) Bund oder Kärnten, Politik für die Prinzhorns oder die Walchs, Regierung oder Opposition,… Mit den Worten „Ich bin schon weg“ gab Haider nach dem Wirbel um seine Irak-Reise (zu Saddam Hussein) im Februar 2002 seinen „Rückzug aus der Bundespolitik“ bekannt. Er schied aus dem Koalitionsausschuss aus, engagierte sich aber weiterhin bundespolitisch. 

02 ein Treffen nicht-regierungsloyaler FPÖ-Delegierter im steirischen Knittelfeld, Haider war dort, aber nicht Riess. Das Zerreissen eines Kompromisspapiers durch einen der Scheuch-Brüder. Dieser sogenannte „Knittelfelder Putsch“ führte zum „Rücktritt“ von FPÖ-Regierungsmitgliedern (Grasser,…), dem vorzeitigen Ende der Bundesregierung Schüssel I. Die Neuwahl brachte starke FPÖ-Verluste, das Kabinett Schüssel II kam zustande (03-07). 05 spaltete Haider das BZÖ von der FPÖ ab, setzte damit die Koalition mit der ÖVP fort. In den 00er-Jahren zerstörte ein manisch-depressiver Jörg Haider die FPÖ fast.(92)

Nach dem ersten Versuch einer Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln(93) in Kärnten 1972 kehrte etwas Ruhe in den Konflikt dort ein. 2000 wurden im Burgenland deutsch-kroatische Ortstafeln aufgestellt. 2001 hob der Verfassungsgerichtshof die 25-Prozent-Regelung bzgl der slowenischsprachigen Einwohner für die Aufstellung von zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten auf und setzte die Grenze bei 10% fest. Landeshauptmann Haider ging darauf hin wütend verbal auf VfGH-Präsident Ludwig Adamovich los.(94) Bei der Wahl 04 in Kärnten behaupteten sich Haider und die FPÖ. 2005 wurden erstmals seit langer Zeit wieder zweisprachige Ortstafeln aufgestellt, zum 50-Jahr-Jubiläum des Staatsvertrags, nach einigen „Kärntner Konsenskonferenzen“, zT im Beisein von BK Schüssel und LH Haider. 

Einer Lösung des Konflikts war man 05 schon sehr nahe. Nachdem der VfGH zwei weitere zweisprachige Schilder vorschrieb, liess Haider die dortigen Ortstafeln verrücken. Im Nationalratswahlkampf 2006 liess der Landeshauptmann zweisprachige Tafeln durch deutsche Ortsschilder mit kleinen slowenischen Zusatztafeln ersetzen. 2007 wurden die Tafeln erneut umgestaltet, die Zusatzschildchen wurden in die Tafel hineinmontiert. Dass der VfGH diese Aktionen als verfassungswidrig erklärt, kümmerte Haider nicht. Die ÖVP, Koalitionspartner von FPÖ bzw dann BZÖ im Bund, gefiel sich in ihrer Rolle, denn als Schuldiger bzw Bremser stand Jörg Haider da, während sie sich nach Aussen konziliant gab.

2008 die Fussball-EM in Österreich und der Schweiz, dafür wurde auch Klagenfurt als Spielort bestimmt und das Wörthersee-Stadion abgetragen (05) und neu gebaut (06/07), Spatenstich natürlich mit Jörg Haider. 3 Vorrunden-Spiele in der Österreich-Gruppe fanden dann in dem Stadion statt, das für die Stadt etwas zu gross ist – eine neue Halle für den Eishockey-Verein KAC wäre wahrscheinlich „angemessener“ gewesen.(95)  Die TV-Diskussions-Runde der Parteichefs vor der NR-Wahl im Herbst 08 war einer der letzten „grossen Auftritte“ von Jörg Haider. Bei der Wahl schaffte sein BZÖ (wohin ihm seine Getreuen wie Westenthaler gefolgt waren) den Wiedereinzug ins Parlament (sogar gute Zugewinne), zum letzten Mal.

Etwa einen Monat später verunglückte er tödlich bei einem Autounfall am Weg von Klagenfurt ins Bärental. Er war mit überhöhter Geschwindigkeit und alkoholisiert unterwegs gewesen. Vor der Fahrt hatte Haider anscheinend zwei Lokale aufgesucht, zunächst eines in Velden, dann das Klagenfurter Schwulen-Lokal „Zum Stadtkrämer“.(96) Haider habe dort einen jungen Mann getroffen und Wodka getrunken. Haider dürfte bisexuell gewesen sein. Grissemann/Steermann: „Claudia Haider war eifersüchtig auf Stefan Petzner“.(97) Petzner war einer Jener, die von einem Mordanschlag an Haider redeten, wie auch andere FPÖ/BZÖ-Politiker wie Karlheinz Klement oder Gerald Grosz, sowie das Internet-Portal politically incorrect. Der Unfallort Lambichl in Köttmannsdorf/ Kotmara vas südlich von Klagenfurt wurde eine Art Pilgerstätte.

Slowenen-Vertreter Rudi Vouk, mit Haider im „Clinch“ wegen den Ortstafeln gewesen, redet von Druck zur Trauer in Kärnten.(98) Es wurden vom TV damals aber auch kritische Stimmen zum Verstorbenen in Kärnten eingefangen. Am Tag vor dem Unfall war Haider bei einer Feier zum Jahrestag der Volksabstimmung 1920 aufgetreten, auf dem Friedhof Annabichl, sagte dabei, die Regierung Sloweniens solle sich aus der Kärntner Ortstafelfrage heraushalten.(99) Der Chef der slowenischen Rechtsaussen-Partei SNS, Jelincic-Plemeniti, kommentierte den Unfalltod Haiders in Süd-Kärnten so, dass ihn dieser „auf slowenischem Boden“ ereilt habe.(100) Der (damals) kommende slowenische Premier Pahor sandte dagegen ein Beileidsschreiben an die Familie Haiders. Auch italienische Rechte (s.u.) beklagten den Tod Haiders.

FPÖ-Prominenz bei Haider-Begräbnis

Beim Begräbnis in Klagenfurt trat u.a. Bundeskanzler Gusenbauer auf, leitete möglicherweise einen Frieden der Republik mit Haider ein. Der evangelische Superintendent von Kärnten, Manfred Sauer, lobte Haider in einem Hirtenbrief als Mensch und Politiker, wurde dafür auch auf dem BZÖ-Parteitag gelobt. Gertraud Knoll, evangelische Pfarrerin, trat aufgrund dessen aus der Evangelischen Kirche aus, „als Ausdruck ihrer protestantischen Identität“.(101) Bemerkenswert in dem Zusammenhang war auch, dass von „beiden Kirchen“ des Landes gesprochen wurde, fast wie in Deutschland. Normalerweise steht die evangelische Kirche in Österreich klar im Schatten der katholischen.

Das Fellner-Blatt „News“ brachte „Haiders schöne Töchter“ auf der Titelseite… die Ältere, Ulrike, hat einen Italiener geheiratet und lebt auch dort. Zum Verkauf der Hypo Alpe Adria Bank an die Bayern LB 2007 durch ihren Vater sagte Ulrike Haider-Quercia, dieser habe die Hypo „vorteilhaft für die Steuerzahler verkauft“, der Fehler sei der Rückkauf 2009 durch den damaligen Finanzminister Josef Pröll (ÖVP) gewesen. Auch Michael Jeannee („Kronen Zeitung“) verdrehte die Schuld daran, dass die meisten Österreicher für Haiders Hypo-Geschäfte zahlen mussten. Haider-Quercia gehört auch zu Jenen, die nicht an einen Unfalltod von JH glauben (wollen). Ein Zeit lang sah es so aus, dass sie auch in die Politik geht (fürs BZÖ), auch von ihrer Mutter wurde das spekuliert.

Unter Haiders Nachfolger als LH (08-13), Gerhard Dörfler (FPÖ, BZÖ, FPK), behauptete sich das BZÖ bei der LT-Wahl 09 nochmal. ’13 ist dieses politische Erbe Haiders aus dem NR geflogen (bzw schaffte nicht mehr den Einzug), ging in der Folge unter. Die FPÖ unter Strache erlebte dagegen Höhenflüge, und ein grosser Teil des BZÖ kehrte zu ihr zurück, in Kärnten mit dem Zwischenschritt FPK. Die Politologin Stainer-Hämmerle sagte vor einigen Jahren zum Erbe Haiders, dieser würde heute Bundeskanzler oder im Gefängnis sein. Unter Dörfler wurde 2011 eine Lösung des lang-schwelenden Ortstafel-Konflikts geschafft, nach Verhandlungen zwischen der Kärntner Landesregierung, Staatssekretär Josef Ostermayer, der Slowenenvertreter und Heimatbünde. Die Einigung, die gefunden und umgesetzt wurde: In Gemeinden mit einem Anteil von 17,5 Prozent an slowenischsprachiger Bevölkerung müssen zweisprachige Ortstafeln aufgestellt werden. Dörfler: „Der Jahrhundertstreit ist endlich beendet.“   

Angesichts des Vergleichs mit der kroatischen Minderheit im Burgenland und dem Unterschied zur dortigen Behandlung/Lösung der „Ortstafelfrage“ muss man sich eigentlich fragen, was diesen Unterschied ausmacht… Ist es die Mehrheitsbevölkerung oder die Minderheit oder der historische Hintergrund? Andere ethnische Minderheiten als diese beiden sind in Österreich de facto nicht existent. Zu den Slowenen in der Steiermark siehe unten; die Ungarn und Sinti im Burgenland hatten es wie diese schwer, ihre nationale Identität in diesem Staat zu behaupten, allein schon wegen ihrer Grösse. Aber auch bei Kärntner Slowenen und Burgenländer Kroaten gibt es viel Assimiliation und Vermischung – Burgenländer mit Namen auf -its und Kärntner mit Namen auf -nig müssen keineswegs eine kroatische bzw slowenische Identität haben… In Kärnten hat der Streit um zweisprachige Aufschriften Ortstafeln jedenfalls jahrzehntelang das Verhältnis der slowenischen Minderheit zur Mehrheit dominiert; oder ist es eher so, dass sich dieses Verhältnis im Ortstafelkonflikt wiederspiegelte

Die Situation zwischen den Volksgruppen in Kärnten hat sich jedenfalls entspannt. Neben den genannten Slowenen-Organisationen NSKS (Rat, christdemokratisch, Vorsitzender z Zt V. Inzko) und ZSO (Zentralverband, sozialdemokratisch, Vorsitzender z Zt M. Jug) gibt es den SKS (Gemeinschaft, Abspaltung vom Rat 03, Vorsitzender z Zt B. Sadovnik). Und die Koordinationsplattform KOKS. Alle diese Verbände haben ihre Mitgliedsvereine. Langjähriger Obmann des Zentralverbandes slowenischer Organisationen in Kärnten (ZSO) war Borut Marjan Sturm, Historiker der an der Universität Wien über die innere Entwicklung der slowenischen Widerstandsbewegung Osvobodilna fronta dissertierte. NSKS-Chef Valentin Inzko ist Diplomat, Hoher Repräsentant der UN für Bosnien-Herzegowina.

Verheiratet ist dieser mit der Sängerin Bernarda Fink, die in Argentinien in eine ausgewanderte slowenische Familie geboren wurde. Seit 2015 ist sie auch Gemeinderätin der slowenischen Liste VS/WG in Feistritz im Rosental. Solche Listen und Einzelpersonen in Kärntner Gemeinderäten sind in der Enotna Lista (deutsch: Einheitsliste, Abkürzung: EL) zusammengeschlossen, die in dieser Form 1991 entstand. Sie ist im zweisprachigen Gebiet in zahlreichen Gemeinderäten vertreten. Mit Franz J. Smrtnik stellt die EL in Eisenkappel-Vellach seit 2009 den Bürgermeister. Der Bezirk Völkermarkt ist am slowenischsten in Kärnten (dann Klagenfurt Land,…) und Eisenkappel-Vellach (Železna Kapla-Bela) ist vielleicht der slowenischste Ort Kärntens. 1939 wurden Eisenkappel und Vellach zusammengeschlossen, der Ort mit seinen etwas über 2000 Einwohnern wird meist einfach Eisenkappel genannt; Hauptort der Gemeinde ist Bad Eisenkappel. Im Gemeindegebiet liegt der südlichste Punkt Österreichs.

Das Gemeindegebiet erstreckt sich im oberen Vellachtal bis zum Hauptkamm der östlichen Karawanken, hat zwei Grenzübergänge zu Slowenien, den Seebergsattel (Jezerski vrh) und den Paulitschsattel (Pavličevo sedlo). Offiziell sind 38% der Einwohner Slowenen. Die Autorin Maja Haderlap ist von dort, und der kroatische ehemalige Fussballtrainer Otto Barić wurde dort geboren. Im Landtag haben die Kärntner Slowenen kein Festmandat und ihr Anteil an der Bevölkerung liegt unter der Grundmandatshürde. Daher geht die EL bei Landtagswahlen Bündnisse ein, mit den Grünen, dem LIF oder deren Nachfolgepartei NEOS. Als 2013 der Grün-Abgeordnete Kuchling im Landtag eine Ansprache (auch) auf Slowenisch hielt, verliessen die FPK-Abgeordneten den Saal.

Kar(e)l Smolle aus Klagenfurt war Autor und Gerichtsdolmetscher, dann Obmann des NSKS, dann war er Abgeordneter für die Grünen im Nationalrat (86-90), schliesslich für das LIF (98/99). Dazwischen war er Botschafter Sloweniens in Österreich.(102) Angelika Mlinar, ebenfalls Kärntner Slowenin, war Abgeordnete der NEOS im NR und EP, trat bei der EP-Wahl ’19 für die slowenische liberale SAB-Partei an, wurde aber nicht gewählt. Auch „Mirko“ Messsner, KPÖ-Bundeschef, ist Kärntner Slowene. Sein Vater war Partisane, den es nach Jugoslawien verschlug, seine Mutter Nordmakedonierin.

Nach dem SPÖ-Sieg bei der Landtagswahl 2013 wurde Peter Kaiser Landeshauptmann, als erster SPÖ-Mann seit Peter Ambrozy 1988/89. 2018 hat sich die SPÖ behauptet. Bei der Wahl ’18 schaffte das BZÖ nicht die Mandatshürde und trat die FPÖ wieder als solche an (nicht mehr als FPK). Die Scheuch-Brüder Kurt und Uwe haben sich mittlerweile aus der Politik zurückgezogen. Beide waren, in Post-Haider-Zeiten, Landeshauptmann-Stellvertreter und Landesparteichefs gewesen. Uwe Scheuch wurde dafür verurteilt, mehreren russischen Personen als Gegenleistung für Parteispenden und Investitionen die österreichische Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt und aktiv auf deren Verleihung hingewirkt zu haben („Part of the Game“).(103)

Der damalige FPÖ-Obmann Strache, auch ein Saubermann und Korruptionsbekämpfer, hat dem damaligen FPK-Obmann Scheuch den Rücken gestärkt. Dieser sei zu Unrecht verurteilt worden. Auch die heftige Kritik an der Justiz sei gerechtfertigt, solange das Urteil noch nicht rechtskräftig sei. Strache hat dann 2017, als Vizekanzler unter Kurz, auf der Balearen-Insel Ibiza(104) einer vermeintlichen Nichte eines russischen Oligarchen gegenüber seine Bereitschaft zur Korruption, Umgehung der Gesetze zur Parteienfinanzierung sowie zur verdeckten Übernahme der Kontrolle über parteiunabhängige Medien an den Tag gelegt. Was 2 Jahre später herauskam und zum Ende der Regierungskoalition führte…und zum Parteiausschluss von Strache. In der FPÖ/BZÖ/FPK-Ecke hat man also zur slawischen Bedrohung ein „pragmatisches Verhältnis“.

Strache verwehrte sich gegen Vorwürfe, die FPÖ beherberge „Kellernazis“, und bezeichnete seine Partei als „soziale Heimatpartei“. Er sei gegen Ausländer, die nicht arbeiten und sich nicht integrieren wollen. Slawische Feindbilder sind jedenfalls in Österreich „verschwunden“, sogar bei der FPÖ. Sogar beim KHD, siehe Unten. Bei einer Änderung ihres Parteiprogramms vor einigen Jahren hat die FPÖ auch erstmals autochthone Minderheiten in Österreich (wie die Kärntner Slowenen), neben den „Deutsch-Österreichern“, anerkennend erwähnt. Doch unter Strache wurden die Serben, mehr als Kroaten, Slowenen oder Ungarn, die Guten. Was auch mit dem hohen Anteil an Serbischstämmigen (Wählern) in Österreich zu tun hat. Grosses Feindbild wurde „der Islam“, und „dem“ gegenüber werden auch Frauenrechte oder Juden positiv affirmiert.(105)

Auch die Instrumentalisierung des türkisch-kurdischen Genozids an den Armeniern steht in diesem Zusammenhang. In der FPÖ bemüht man sich auch zeitweise um die Kurden als Verbündete, was wiederum mit den „Anti“deutschen und anderen Kulturkämpfern verbindet. Der Wiener Zahntechniker(106) Strache, der die FPÖ 05-19 führte (länger als Haider!)(107), sieht die Dinge aber etwas anders als „im Süden“. Während Strache die Serben glorifizierte („500 Jahre osmanische Fremdherrschaft überlebt“) äusserte etwa der steirische FPÖ-Politiker Gerhard Kurzmann Mitgefühl mit den Opfern der Tito-Partisanen.(108) Strache hat das Grenzland gewissermaßen in den Süden hinunter verlegt. Serbien am Balkan stellt bei ihm die Grenze der Zivilisation zur Wildnis dar, nicht mehr die Karawanken.(109)

Strache sprach vom „Wiener Blut im europäisch-christlichen Sinn“, das auch serbische Anteile hätte, der drohenden Islamisierung Europas. Er ging/geht auch in serbische Lokale in Wien, liess Wahlwerbung der FPÖ auf Serbisch bringen (Zeitungsinserate), trat (wie Handke) in Belgrad auf, er auf einer Kundgebung der dortigen Ultranationalisten, war 2013 bei einem Konzert der Serben-Sängerin „Ceca“ („Arkan“-Witwe) in Vösendorf (veröffentlichte auf Facebook nachher ein Foto mit ihr für seine serbischen Fans).(110) Natürlich gibt es hier etliche Fallen, Stolpersteine, Widersprüche. Wenn es um den heimischen Arbeitsmarkt geht (und den Zustrom von Zuwanderern aus Ländern wie Serbien auf diesen), hält sich die „konkrete“ Begeisterung von Seiten der FPÖ in sehr engen Grenzen, und als die EU Griechenland in dessen Finanzkrise helfen sollte, kam lautes Maulen von den wackeren Verteidigern des Abendlandes.(111) Und natürlich hatten/haben FPÖ-Anhänger Probleme mit Arnautovic(112) oder Dragovic im österreichischen Fussball-Nationalteam, nicht nur wegen Arnautovics Verhalten beim Abspielen der Hymne.(113)

Josef Feldner vom KHD und Marjan Sturm vom ZSO waren langjährige Gegner und umarmen sich heute zeitweise. Brachten zusammen (2007) das Buch „Kärnten neu denken – Zwei Kontrahenten im Dialog“ heraus. Noch 2001 hat Feldner erklärt: „Jede zusätzliche Ortstafelgemeinde ist ein Schritt hin zu Slowenisch-Kärnten, und da dürfen, und da werden wir nicht mitmachen.“ Nun warnt er vor der „multikulturellen Durchmischung Europas“ und einem „Millionenheer von Moslems“. Die Versöhnung von Teilen des Heimatdienstes und der Slowenen-Organisationen (die sich in der „Kärntner Konsensgruppe“ treffen) wird vom Abwehrkämpferbund nicht mit gemacht. Für Franz Jordan vom KHD sind ebenfalls Slowenen nimmer der Feind, es ginge nun um die „Verteidigung christlicher Werte gegen neue Religionen, die ins Land drängen“. Zuwanderer vom Balkan, aus Afrika, Westasien, Nordafrika,… gibt es auch in Kärnten.(114)

Das Verhältnis zur slowenischen Minderheit bleibt eines der bestimmenden „Themen“ Kärntens. Im Kärnten nach Haider scheint etwas mehr Miteinander entstanden zu sein, statt Neben- oder gar Gegeneinander. Der Künstler Cornelius Kolig sagte mal über seine Landsleute, die Hälfte der Kärntner hat slawisches Blut, deshalb tun die Kärntner besonders deutsch-national… Die Namen sind jedenfalls ein Zeugnis von diesen slowenischen Wurzeln und Namen, und auch von der Vermischung und Assimilierung der Slowenen im Land. Natürlich ist da viel an verleugneter Identität/ Wurzeln dabei. Der Anteil der Slowenen in Kärnten wird in der Regel über die Sprachpraxis erhoben/definiert, beträgt um die 5 % – der Anteil der Kärntner mit slowenischen Namen/Wurzeln ist viel höher. Manche geben bei Volkszählungen „Windisch“ als ihre Sprache an.

Sprachliche und genetische/ethnische Entwicklung korrelieren nicht zwangsweise…und Viele haben sich Slowenisch (aus unterschiedlichen Gründen) nicht als Erstsprache bewahrt, Viele auch nicht mal als Zweitsprache. Schätzungen zufolge gab es im 19. Jh, bevor die Nationalismen bedeutend wurden, etwa ein Drittel Slowenen im Land, inklusive der 3 Gebiete die dann an Italien und Jugoslawien verloren gingen. In Südost-Kärnten hat „fast jeder irgendwo zumindest eine slowenische Großmutter“, sind die Volksgruppen besonders durchmischt. Zell/Sele westlich von Eisenkappel dürfte der einzige Ort mit slowenischer Mehrheit sein. Manche sind sauer darüber, wenn in dieser Gegend Gottesdienste auf Slowenisch stattfinden, statt auf Deutsch.(115)

Volkstumsgrenzen sind oft nicht so eindeutig, auf beiden Seiten der Karawanken. Auch in Slowenien gibt es diese Vermischten und Assimilierten. Leute die deutsche Namen haben, ohne sich als solche (oder [Alt-] Österreicher) zu fühlen. Ein wichtiger Partisanenführer in Slowenien war Franc Rozman, auf der Gegenseite stand damals Odilo Globocnik. „Rozman“ leitet sich natürlich von „Rossmann“ ab, so wie „Maister“ von „Meister“, oder „Sadounig“ von „Sadovnik“ oder „Schuschnigg“ von „Susnik“(116), „Preschern“ von „Prešern“,… Wenn jemand in Slowenien „Gajser“ heisst, hat er vermutlich Vorfahren, die „Kaiser“ hiessen; ein Kärntner mit dem Namen „Ferlitsch“ hat eine „verstümmelte“ Version des slowenischen Namens „Verlic“.        

Vinko Hafner war im kommunistischen Jugoslawien einer der wichtigsten slowenischen Politiker, im österreichischen Kärnten gab es derweil einen Ferdinand Wedenig als Landeshauptmann. Der slowenische Botschafter in Österreich war Ivo Vajgl (> Waigel). Den Namen „Grilc“ tragen zB der Kärntner Slowene Mateuz G. (vom Rat, soll Anschläge in Österreich durchgeführt haben) oder der niederösterreichische Fussballer Florian Grillitsch, und der Name des Gottscheer-Aktivisten August(in) Gril dürfte sich auch davon ableiten. Aus „Jančar“ wurde in Österreich „Jantscher, aus „Schweinzer“ wurde in Slowenien „Švajncer“.(117) Dann gab es den Untersteirer Ivan Kramberger, ein Aktivist und Aktionist, der sich in der Politik versuchte, bei der slowenischen Präsidentenwahl 90 antrat; 92 wurde er ermordet.

Und, natürlich gibt es auch in Slowenien eine nationalistisch gefärbte Geschichtsbetrachtung, mehr nationale „Leit“-Identität als kulturelle Vielfalt. Zwei der wichtigsten Historiker dieses Landes heissen übrigens Grafenauer und Zwitter. Es gibt in Slowenien auch Leute mit ungarischen und italienischen Namen bzw Wurzeln, zT werden deren Namen auch „angepasst“. So wie sich der Name des burgenland-kroatischen Fussballers Andreas Ivanschitz in Kroatien „Ivančić“ schreibt.(118) Otto Barić (Kroate) und Thomas Parits (Burgenland-Kroate) haben eigentlich den selben Namen, anders geschrieben. Der kroatische Fussballer Đovani Roso hat zT italienische Vorfahren (was in Dalmatien von wo er stammt, nicht ungewöhnlich ist), sein Name ist natürlich die slawisierte Version von „Giovanni Rosso“.(119)

Ein Blick zu den Slowenen in der Steiermark. Es gibt sie in 2-3 getrennten Gebieten im Süden, die an Stajerska/Untersteiermark grenzen, sie haben nicht diese Infrastruktur mit Schulen und Vereinen wie die Kärntner Slowenen. Es gibt aber den Artikel-VII-Verein und das Pavelhaus. Im östlichen Teil dieses Raums spielt auch das Ungarische und Kroatische eine Rolle. Siehe dazu hier (Artikel & Kommentare).

Haider erklärte einmal den Widerstand gegen zweisprachige Ortstafeln als Reaktion auf den „ständigen Versuch der Slowenen in den letzten Jahrzehnten, sich einen Teil Kärntens einzuverleiben.“ Es ist aber nicht vorstellbar, dass Südostkärnten wieder zu einem militärischen Streitpunkt wird. Die Schutzmachtstellung für eine Volksgruppe (wie Slowenien für die Slowenen in den Nachbarländern oder Österreich für die Südtiroler) beinhaltet auch eine Anerkennung der Grenzen. Den Charakter des südslawischen Vorrückens nach Kärnten nach den Weltkriegen kann man diskutieren – genau so wie den Widerstand und die Vorgeschichten. Die Partisanen haben nicht für ein demokratisches und unabhängiges Kärnten gekämpft (wenn sie auch gegen den Faschismus gekämpft haben). Und die Wehrmacht hat davor Slowenien und den Rest von Jugoslawien besetzt und zerstückelt.(120)

Slowenische Kärntner haben da mitgemacht, „Deutsch-Kärntner“ dortsie (bzw ihre Nachfahren) wollen aber auch nicht mehr damit in Verbindung gebracht werden – bzw ihre Rechte in Kärnten davon abhängig gemacht haben… Manchmal wird im Zusammenhang mit den Kärntner Slowenen die Frage der „Reziprozität“ aufgeworfen, die verbliebenen Deutschen/ Altösterreicher in Slowenien betreffend. Das sind die Untersteirer und Gottscheer. Diese Slowenien-Deutschen sind ebenso von Assimilation betroffen wie die Slowenen in Kärnten. Die Untersteirer sind eine Art Steirer, die Gottscheer in der Krain/Kranjska korrespondieren gewissermaßen mit Kärnten, stammen auch zT von dort. Die nach dem 1. WK von Kärnten/Österreich abgetrennten und im 2. WK (vom Grossdeutschen Reich) annektierten Gebiete Seeland und Miesstal bilden Slovenska Koroška/ Slowenisch Kärnten.(121)

Zarz/Sorica liegt auch in der Krain(122), die dortige Sprachinsel wurde grossteils von Einwanderern aus dem Tiroler Pustertal gebildet. Die Zarzer sind längst an die slowenische Umgebung assimiliert, geblieben sind die Familiennamen. Manche sagen, dass es im Miesstal und Seeland, also in Slowenisch-Kärnten, auch noch Deutschsprachige gibt (Deutschstämmige wohl schon), diese werden als „Unterkärntner“ bezeichnet. Im Wesentlichen geht es bei den Slowenien-Deutschen aber um die Gottscheer und Untersteirer. Die Gottscheer sind also „eine Art Kärntner“, bewahrten ihren altertümlichen oberdeutschen Dialekt, das Gottscheerische, sechs Jahrhunderte lang. Der Niedergang begann mit der Besetzung und Annexion Jugoslawiens 1941 durch die Achsenmächte; nachdem die Unterkrain von Italien annektiert wurde, wurden die meisten Gottscheer ausgesiedelt.

Vor dem Hitler-Stalin-Krieg gab es 600 000 Deutsch(sprachig)e in Jugoslawien, 1980 waren es noch 50 000 Deutsche im kommunistischen/sozialistischen Jugoslawien, 2012 wurde ihre Zahl auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawiens (zur Zeit 7 Staaten)(123) auf unter 10 000 geschätzt. Ausser den genannten Gruppen in Slowenien gibt es noch die Donauschwaben, deren Gebiete nach dem Auseinanderfall Jugoslawiens 1991/92 zu Serbien (Vojvodina)(124) und Kroatien (Ost-Slawonien) gehören.(125) Kroatien anerkennt seine deutsche Minderheit (bzw was davon noch übrig ist), nimmt also auch hier eine andere Haltung als Slowenien ein.

Slowenien gewährt den Gottscheern und Untersteirern keine Anerkennung und keinen Minderheitenschutz, im Gegensatz zu den Minderheiten der Italiener im Westen (Primorska) und der Ungarn im Osten (Prekmurje).(126) Aus Sicht der Republik Slowenien gibt es eine deutsch(sprachig)e Minderheit in Slowenien in dem Sinn nicht. Der slowenische Botschafter in Österreich (~Vajgl) hat vor einigen Jahren gesagt, die Deutschstämmigen in Slowenien seien weder im historischen noch im aktuellen Kontext auf einer Stufe mit den anerkannten Minderheiten. Weil sie grossteils assimiliert sind (nicht ganz so wie die Tschechisch-Stämmigen in Wien zB) oder wegen des 2. Weltkriegs? Ex-Präsident Kucan hat die AVNOJ-Beschlüsse betreffend der Vertreibung der Deutschen aus YU verteidigt, u.a. in einem „Profil“-Interview.

Jörg Haider hat die Frage der Reziprozität im Kontext mit Minderheitenrechten der Kärntner Slowenen mal angeschnitten. Natürlich ging es da um Ablenken und historischen Revisionismus. Aber auch Karl-Markus Gauss hat die Reziprozität hier aufgeworfen, in „Die sterbenden Europäer“ (2002), im Abschnitt über die Gottscheer bzw ihre Überreste. Darin schreibt er vom Gottscheer Augustin Gril. „Schwierigkeiten als Gottscheer habe er in (127) Slowenien nie gehabt, einfach weil es die Gottscheer Minderheit offiziell gar nicht mehr gab und, wer in Lande geblieben war, als Slowene galt“. Er wurde aber doch in seiner Militär-Akte als Sohn eines Eigentümers und national unzuverlässiges Element(128) gekennzeichnet; dennoch wurde er Chauffeur von Offizieren des Generalstabs der JNA. Es ist bei den Gottscheern wie bei anderen bedrängten Minderheiten, etwa den Griechen in der Türkei: Auswanderer schwächen Bleibende, Misstrauen schürt Illoyalität, Assimilation wird als Lösung angenommen,..

Die Haltung Sloweniens in dieser Frage kann man als ein Zeichen von Schwäche sehen, genau so wie die zeitweilige Hysterie in Kärnten um die Ortstafeln. Angehörige der Volksgruppen der Ungarn und Italiener(129) in Slowenien haben im 2. WK auch mit ihren „Mutterländern“ (die sich Teile Sloweniens einverleibten) kollaboriert. Es wäre problematisch, wenn man mit einer derartigen Kollaboration Minderheitenrechte verwirkt hat. Man kann aber auch die andere Seite sehen…

Um die serbischen Kroaten, also die Serben in der kroatischen „Krajina“, ging es bei der Auflehnung, dem Krieg, der Besatzung, der Phase die 1990 begann (nach der freien Wahl in Kroatien) und 1995 (mit „Oluja“ und „Bljesak“) endete. Die Krajina war eine Militärgrenze in Kriegen gegen die Osmanen, dort wurden aus dem osmanischen Bereich geflüchtete Serben angesiedelt. Diese Gebiete waren aber immer Teil Kroatiens. Die Krajina-Serben wurden nach dem HDZ-Wahlsieg ’90 von Milosevic, Babic,… aufgehetzt (ähnlich wie die serbischen Bosnier), sie müssten sich wehren gegen das was Kroatien mit ihnen vorhätte, wurden zur Illoyalität ggü Kroatien gebracht. Nach der Rückeroberung waren die Dinge natürlich etwas anders. Eine Art selbsterfüllende Prophezeiung…(130) Da gab/gibt es genau so das Spielen der Opferkarte wie bei jenen „Reichs-“ oder „Volksdeutschen“(131) die infolge der Hitler-Kriege ihre Heimat verloren.

Wenn man die Sudetendeutschen Bürger der Tschechoslowakei sein hätte lassen (bzw sie sich), wären sie das wohl heute noch. Natürlich waren sie im Endeffekt (auch) Opfer. Von der IT-Seite der Österreichischen Landsmannschaft (ÖLM), die Vertriebene vertritt, über die Untersteiermark(132): „Deutsche und slawische Bauern wohnten friedlich nebeneinander. Da aber die Slawen südlich der Drau dichter siedelten und dort slawische Priester in der Überzahl waren, ging die deutsche bäuerliche Bevölkerung im Laufe von Jahrhunderten im slawischen, auch ‚windisch‘ genannten, Volkstum auf.  Erst im 19. Jahrhundert wurde das friedliche Zusammenleben der Deutschen und Windischen durch den aufkeimenden slowenischen Nationalismus gestört.“ 

Das Verorten der nach dem 2. WK vertriebenen/geflüchteten Deutschen in der Opferrolle zieht sich dort wie ein roter Faden durch alle Ausführungen, alle Zeiten betreffend. „Zahlreiche Türkeneinfälle zwischen 1471 bis 1532 verheerten die Untersteiermark. Tausende Tote und in die Türkei verschleppte Kinder und Frauen waren jedesmal die furchtbaren Folgen. Die Bedrohung durch die Türken blieb bis ins 17. Jahrhundert bestehen.“ Oder: „Anfang Juni wurden alle, deren Familiensprache deutsch war, samt Kleinkindern und Greisen in die slowenischen Konzentrationslager Sternthal bei Pettau, Tüchern bei Cilli, Gutenhaag bei St. Leonhard und in Gefängnisse getrieben, wo sie brutal behandelt wurden.“ Überall die Eigen-Viktimisierung, Dämonisierung der Gegenseite, Ausblendung des Leids auf dieser. Zurück zu den Gottscheern, nochmals zur Erinnerung: Es waren die Nationalsozialisten, die sie aus ihrer jahrhundertelangen Heimat aussiedelten, weil man das betreffende Gebiet dem Verbündeten Mussolini-Italien übergeben wollte (genau wie einen Teil der Südtiroler).

Die Südtiroler sind die einzige Altösterreicher-Volksgruppe, die sich in einem nennenswerten Maß halten konnte, als solche.(133) Übrigens, Südtiroler und Kärntner Slowenen arbeiten auch immer wieder zusammen, so von Minderheit zu Minderheit. 2014 besuchte eine Kärntner Delegation mit Landtagspräsident Rudolf Schober, dem KHD-Obmannstellvertreter Franz Jordan, Erika Glantschnig und Ewald Klammer von der Gottscheer Landsmannschaft Klagenfurt die Gegend um die Stadt Kočevje (Gottschee). Empfangen wurde sie von Mitgliedern des Gottscheer Altsiedlervereins um August(in) Gril. 

Das südliche Kärnten ist Teil einer grossen Kontaktzone von Deutschsprachigen, Slowenen und Italienern. Kärnten hat eine lange Grenze mit (bzw Verbindung zu…) der italienischen Region Friuli Venezia Giulia (Friaul – Julisch Venetien), und zwar an deren Provinz Udine – zu dieser gehört auch das Kanaltal/ Val Canale.(134) Im Westen hat Kärnten ausserdem eine äusserst schmale (nicht befahrbare) Verbindung zur Region Veneto/Venetien, deren Provinz Belluno (die auch an Südtirol grenzt). Und zwar vom Lesachtal (Lesna dolina) bei Kötschach-Mauthen im Bezirk Hermagor über die Karnischen Alpen in’s Cadore-Tal. Im Kanaltal mit Tarvis(io) gibt es keine Deutschsprachigen (Kärntner) mehr, aufgrund der Aussiedlungs-Option unter den Nationalsozialisten 1941 (zusammen mit den Südtirolern).

Die Kanaltaler wurden in (anderen) Gebieten Kärntens angesiedelt, wobei dafür die dortigen Slowenen vertrieben wurden, und manche dieser Gebiete (wie Oberkrain und Miesstal) 1945 (wieder) an das jugoslawische Slowenien fielen, diese Leute somit abermals weiterwandern mussten. Es gibt aber deutsche Sprachinseln in Friaul-Julisch Venetien, so wie in Sauris und Timau.(135) Das Kanaltal liegt in der Ecke Kärnten (Villach Land) – Slowenien (Primorska/Küstenland) – Friaul. Slowenen gibt es auch in dieser Gegend des Friauls, sowie in anderen Teilen der Region.(136)

Österreich befindet sich zwischen dem deutschen Manne und der italienischen Mamma.(137) In Kärnten und in Österreich generell ist eine positive Haltung ggü Italien vorherrschend, jene zu Slowenien ist „anders“… Die in Kärnten übliche positive Haltung gegenüber Italien hat auch der Oberösterreicher Jörg Haider übernommen – der auch einen italienischen Schwiegersohn hatte. Der damalige Landeshauptmann im „Standard“-Interview 2003: „…die Lebensweise des Italieners ist eine offenere. Der Slowene ist ein Slawe. Slawen sind viel schwermütiger und daher auch introvertierter in vielen Bereichen als der Italiener. Abgesehen davon will der Oberitaliener Friulaner oder Veneter sein und kein Italiener.“ Haider hatte auch zu italienischen Rechtspopulisten recht gute Verbindungen, in erster Linie zur Lega Nord und Umberto Bossi. Südtirol war für Haider kein echtes Anliegen.(138)

Bleiburg/Pliberk, eine der slowenischsten Gemeinden Kärntens, sie liegt oberhalb von Miesstal/Jezersko, wird jährlich zu einem Treffpunkt nationalistischer Kroaten. Bei der Gedenkstätte auf dem Loibacher Feld wird an die „Übergabe“ der Ustaschi an die Partisanen durch die Briten (und die darauf folgenden Massaker) erinnert – aber nicht an die Massaker durch die Ustaschi in den Jahren davor. Die „Tragödie von Bleiburg“ wird von Deutschnationalen und Geschichtsrevisionisten gerne im Zhg mit dem Partisanenkampf in Kärnten gebracht, dem Wirken der Wehrmacht in Jugoslawien, anderen Partisanen-Abrechnungen am/nach Kriegsende. Zum Beispiel hier: „Bleiburska Tragedija: Verschwiegene Geschichte: Massenmorde im Mai 1945 in EX-Jugoslawien und Kärnten: Die kroatischen Massaker von Bleiburg und die Vernichtung des Deutschtums am Balkan: Der Verfasser Mag. Dr. Florian Rulitz ist Kärntner Zeithistoriker mit dem Schwerpunkt Militärgeschichte und hat bereits mehrere wissenschaftliche Veröffentlichungen zur kommunistischen Partisanengewalt in Österreich, Slowenien,…“.  

Ulrichsberg

In Kroatien gab es nach dem Wahlsieg der HDZ 1990 bzw nach der Unabhängigkeit 1991 natürlich Änderungen in der Geschichts- und Erinnerungspolitik. Es kam aber nicht zu einer Rehabilitierung des Ustascha-Staates. Kroatiens Präsident Tudjman hat bei den Partisanen gewirkt, nicht auf der Gegenseite. Dass er sich dann vom sozialistischen Jugoslawien abwandte, steht auf einem anderen Blatt.(139) Anderswo in Kärnten, am Ulrichsberg (zwischen St. Veit an der Glan und Klagenfurt), findet auch eine jährliche Gedenkfeier statt, seit 1958. Veranstalter des Ulrichsbergtreffen ist die Ulrichsberggemeinschaft, die zu den Kärntner Heimat- bzw Traditionsverbänden gezählt wird. Formal handelt es sich um eine Gedenkfeier für die Opfer beider Weltkriege und des Kärntner Abwehrkampfes.

Teilnehmer der Veranstaltung sind ehemalige Wehrmachts- und SS-Soldaten und Veteranenorganisationen aus ganz Europa(140), auch Neonazigruppen. Für besonderes Aufsehen sorgte die „Kameradschaft IV“, die sich 1995 formell zurückzog. Dabei handelte es sich um einen Soldaten- und Traditionsverband der Waffen-SS. Das österreichische Bundesheer nahm auch bis 2009 teil. Gelegentlich nehmen auch Politiker Teil. Anhaltende Proteste nach sich ziehen auch die Treffen der Kameradschaft IV in Krumpendorf bei Klagenfurt, das traditionell am Vorabend des Ulrichsbergtreffen statt findet. Gudrun Burwitz, Tochter von Heinrich Himmler, war dort zB zu Gast. 1995 hielt Jörg Haider (damals FPÖ-Bundesobmann und Oppositionschef in Wien) eine Rede, in der er die anwesenden Waffen-SS-Soldaten lobte. Und, jedes Jahr am 10. Oktober wird in der Landeshauptstadt und anderswo in Kärnten der so genannte „Kärntner Abwehrkampf“ mit einem Trachtenaufmarsch gefeiert.

Ein Blick auch auf jene, die gegen diese Treffen mobilisieren… Bezüglich der Bleiburg-Veranstaltung 2018 waren das hauptsächlich das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), das Mauthausen-Komitee Österreich (MKÖ), die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG), auch die Politikerin Angelika Mlinar von den NEOS. Wenn Linke und Liberale (bzw die, die sich als solche deklarieren) in Wien und anderswo) für die Kärntner Slowenen und gegen Rechtsextremismus Partei ergreifen, gibt es auch „Fallen“.(141) Zum Einen, weil sich hinter vermeintlichem Anti-Nationalistischen mitunter auch eine Art Nationalismus „versteckt“, wobei ein slowenischer Nationalismus nicht nur von der Jelincic-Partei SNS vertreten wird. Dann, das slowenische oder pro-slowenische Narrativ hat für die Zeit nach beiden Weltkriegen ein kleines Problem, da es für „diese Seite“ damals um die Abtrennung Kärntner Gebiete und ihren Anschluss an einen Südslawen-Staat ging, nicht um den Kampf um Minderheiten-Rechte innerhalb Österreichs.

Bei der Volksabstimmung 1920 hiess es auf einem SHS-Propagandablatt übrigens: „In Jugoslawien ist der Bauer Fürst, in Deutschösterreich sind es die Juden und Barone.“ (Foto hier) Wo legitimes Engagement für das eigene Leben, die eigene Volksgruppe, aufhört, und Nationalismus anfängt, ist nicht immer leicht zu sagen. Oder wo sich Nationalismus und Reaktionäres hinter „Menschenrechtsengagement“ und „Liberalem“ versteckt?(142) Beim DÖW und den anderen genannten Organisationen (wo man sich antifaschistisch gibt), wird man kaum ein Bekenntnis zu substantiellen Zugeständnissen an die unter israelischer Herrschaft (der einen oder anderen Form) lebenden Palästinenser finden. Als Israel 2009 die arabischen Aufschriften auf Ortstafeln und Strassenschildern drastisch einschränkte (Details hier), gab es von dort keinen Aufschrei, nein. Dass der Grüne Kuchling im Kärntner Landtag Slowenisch sprach, mag dort entzücken, aber als Israel 2017/18 im Rahmen seines „Nationalstaatsgesetzes“ unter Anderem Arabisch als offizielle Sprache abschuf, kam aus dieser Ecke höchstens Wut darüber, dass das thematisiert wird.(143)

Gegen das was Lieberman, Bennett, Netanyahu & Co sagen, sind Haider oder Strache ohnehin harmlos. Haider nicht mehr, aber Strache (die nächste Generation) hat Israel ja positiv affirmiert, wie die Serben. Haider hatte „zum Islam“ ein widersprüchliches Verhältnis. Einerseits die Kontakte zu Ghadaffi junior oder Saddam, andererseits das Minarettverbot in Kärnten, sein Spruch über Moscheen (siehe den Artikel über ihn auf de.wiki). Robert Spencer, ein „Vorprediger“ der Islamophobie, lobte (auch) Jörg Haider. Über Caroline Glick und was sie zu Nationalismus allgemein sagt(e), hier.(144)

Schliesslich, der Respekt für gewisse Kroaten aus den Reihen hiesiger Rechtsextremisten hält sich in gewissen Grenzen, eben so wie jener aus der proisraelischen Ecke für gewisse Exil-Iraner… Da ist man schnell wieder bei den slawischen Feindbildern, beim „Zigeunergsindl“, den „zivilisatorischen Unterschieden“,… Trifft natürlich auch die Einstellung ggü Serben zu, und was Strache oder der „Anti“deutschen-Führer Wertmüller ihren Anhängern diesbezüglich verordnen woll(t)en.(145) Kärntner in Wien soll es um die 25 000 geben(146). Die Bandbreite dieser Exil-Kärntner reicht von Agnes Husslein-Arco (die der FPÖ nahe steht) bis Friedrich Orter vom ORF („Ich bin ein Fluchtkärntner“). Haider brachte Haupt, Reichhold, Rumpold, Gaugg, Sickl,… nach Wien. Zur Zeit ist die FPÖ nicht mehr so von Kärntnern dominiert. Es gibt Wissenschafter, von Rauchensteiner bis Liessmann, Journalisten (von Sperl über Emmerich bis Engstler), und darunter auch Slowenen wie Glawischnig oder Vospernik. In Vorarlberg gibt es auch eine kärntnerische „Diaspora“.

Heuer fand zum 100. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung ein (Corona-geprägter) Festakt im Wappensaal des Klagenfurter Landhauses statt, durch den Ute Pichler vom ORF führte. Es soll die Idee des slowenischen Staatspräsidenten Borut Pahor gewesen sein, den Gedenktag gemeinsam zu feiern. Im Rahmen der Feier gab es im Klagenfurter Dom einen ökumenischen Gottesdienst in beiden Landessprachen. Mit Josef Marketz (Jože Markec), 2020 zum Bischof der Diözese Gurk-Klagenfurt geweiht, und Superintendent Manfred Sauer. Bundespräsident Alexander Van der Bellen betonte, dass die slowenische Volksgruppe „ein selbstverständlicher Teil Kärntens und Österreichs“ sei, erinnerte daran, dass bei der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 „auch sehr viele Kärntnerinnen und Kärntner der slowenischen Volksgruppe für die Einheit Kärntens und die Zugehörigkeit zu Österreich gestimmt“ hätten. „Ohne sie, ohne diese Stimmen, wäre die Volksabstimmung anders ausgegangen.“

„Als Tiroler, die Geschichte Südtirols vor Augen, sind Volksgruppenfragen für mich stets nicht nur eine politische Frage, sondern eine Herzensangelegenheit“, so der Bundespräsident. Vanderbellen entschuldigte sich bei der slowenischen Minderheit „für das erlittene Unrecht“, in Deutsch und Slowenisch. Er dankte seinem slowenischen Amtskollegen Borut Pahor und dem Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser für den „Mut“ zur gemeinsamen Feier. Auch Pahor bemühte sich, das Verbindende zu betonen. Strich das Europäische hervor, die Zukunft. Begrüsste neben den anwesenden Exzellenzen die Slowenen „diesseits und jenseits“ der Grenze. „In so mancher Hinsicht wurden die Versprechen und Verpflichtungen erfüllt, in vielerlei Hinsicht noch nicht“, so Pahor im Hinblick auf die Kärntner Slowenen. Fragwürdig: „Das ist das beste Europa, das wir je hatten, es erlaubt uns zu sein, was wir sind.“

In gewisser Hinsicht schon. Er wies auf den Frieden in Europa seit dem 2. WK hin, die Demokratisierungen in Osteuropa. Aber: Die Jugoslawien-Kriege in den 1990ern mit Srebrenica, Vukovar,… Das nach wie vor bestehende Konfliktpotential etwa in Bosnien-Herzegowina. Und, wenn man an Lukaschenka oder Putin denkt, weiss man dass Europa nicht vollständig demokratisch ist. Darüber hinaus sei Pahor sein Landsmann Slavoj Žižek entgegen gehalten. „Die einzig wirklich wichtige Frage ist die Fukuyama-Frage: Leben wir mit liberaler Demokratie und Kapitalismus tatsächlich im bestmöglichen System? Oder sind wir mit Antagonismen konfrontiert, die so ernst sind, dass wir sie nicht innerhalb des Systems werden lösen können?“ Zizek bejahte seine Frage und nannte die Klimakrise als Beispiel.

Kanzler Kurz war nicht bei der Veranstaltung in Klagenfurt, aber sein Stellvertreter Kogler und mehrere Ministerinnen. Und FPÖ-Chef Norbert Hofer, Dritter Nationalratspräsident. Dieser fand lobende Worte für die erste gemeinsame österreichisch-slowenische Feier. Es sei „ein wichtiger Tag“, sagte er. Aber: „Was wir uns einfach wünschen als Österreich, und ich glaube auch viele Kärntner, dass auch in unserem Nachbarland die Rechte der Volksgruppen, der Minderheiten noch weiter ausgebaut werden“. Gemeint waren die Gottscheer und Untersteirer in Slowenien, viel konkreter wurde Hofer nicht. Laut orf.at ist die Anerkennung der deutschsprachigen Volksgruppe in Slowenien in der österreichischen Politik ein(e) parteiübergreifende Forderung/Wunsch. Es blieb dem FPÖ-Mann überlassen, den Umgang Sloweniens mit „Österreichern“ mit jenem Österreichs mit Slowenen zu „verbinden“.(147)

Auch die Spitzenleute der Kärntner Slowenen-Organisationen und Heimatverbände waren dabei. Der Vorsitzende des Rates der Kärntner Slowenen, Valentin Inzko, zeigte sich erfreut über die „historische Entschuldigung“ von Van der Bellen. Manuel Jug vom Zentralverband slowenischer Organisationen strich auch das Versöhnende hervor, das was sich gegenüber früher zum Positiven geändert hat. „Machen wir ein Duett nicht nur beim Singen, sondern überall dort, wo wir, Kärntnerinnen und Kärntner, zusammenleben sowie mutig und optimistisch Zukunft gestalten“, sagte der 23-Jährige und erntete damit lang anhaltendem Applaus der über 100 Festgäste. Gegen die Veranstaltung demonstriert wurde nicht von der äusseren Rechten sondern von der Gegenseite, etwa 100 Menschen waren der Aufforderung der Slowenischen Studentinnen und der Plattform Radikale Linke gefolgt.

Vanderbellen: „Kärnten ist ein ganz besonderes Land. Es verbindet Österreich und Slowenien auf besondere Weise“. So ähnlich hat es Gusenbauer als Bundeskanzler in Bezug auf Südtirol und das Verhältnis zwischen Österreich und Italien formuliert. Das ist auch das Potential dieser Länder, im Idealfall ist hier eine Brücke, über den Graben gewissermaßen. Ein drachenartiges Wesen als Skulptur gibt es sowohl in Klagenfurt/Celovec als auch in Ljubljana/Laibach. In den Mythologien beider Länder gibt es eine Verbindung davon zum Lindenbaum. Und dann gibt es auch Peter Handke. Aus Kärnten kommt Kunst ja nicht nur in Form von Otto-Retzer-Filmen oder Nockalm Quintett. Sondern auch in Form von Epik, Lyrik oder Dramatik von Peter Turrini oder Ingeborg Bachmann, oder eben Handke – der bezüglich des Verhältnisses Kärntens zu Slowenien und zum ex-jugoslawischen Raum ja Einiges zu sagen hat. 

Seine Mutter (geborene Sivec) war eine Kärntner Slowenin, sein leiblicher Vater ein Deutscher, der als Wehrmachtssoldat in (Südost-) Kärnten stationiert war, sein Stiefvater ein anderer deutscher Wehrmachtssoldat, Adolf B. Handke. Mit dem Sprechstück „Publikumsbeschimpfung“ (das durch Claus Peymann ur-aufgeführt wurde) begann 1966 Handkes Karriere als Schriftsteller. Ab Mitte der 1970er unternahm er Wanderungen im italienischen und slowenischen Karstgebiet und hielt seine Eindrücke in Notizbüchern fest, lernte Slowenisch. In der Erzählung „Die Wiederholung“ (1986) geht es um Kärntner Slowenen und die Beziehung zum damals jugoslawischen Slowenien. Auch „Langsame Heimkehr“ (1979) handelt von der Thematik. Anfang der 1980er zog er nach Salzburg, lebte mit der Schauspielerin „Marie Colbin“ (Maria Kölblinger) aus Gmunden zusammen… Eine Zeit lang lebte er in Paris.

Ab den 1990ern scheint ihn nur mehr der Auseinanderfall Jugoslawiens beschäftigt zu haben. 1991 erschien der Essay „Abschied des Träumers von Neunten Land“. Es heisst, Handke wurde Liebhaber des alten Jugoslawiens, weil dieses ein Vielvölkerstaat war. Genau dem ist aber Slobodan Milošević, den er so liebte, entgegen gestanden. Ivan Stambolić, in den 1980ern wichtigster Mann in Serbien, war zuerst Förderer Milosevics, wurde dann von diesem aus dem Weg geräumt.(148) 1996 veröffentlichte Handke den „Bericht“ seiner „winterlichen Reise“ in den postjugoslawischen Raum (Untertitel: „zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“), machte auch darüber hinaus verharmlosende Kommentare zu serbischen Kriegsverbrechen wie jenen in Srebrenica.   

Weil sich der Papst (damals noch Johannes Paul II.) seiner Meinung nach vom Kosovo-Krieg 1998/99 distanzieren hätte müssen, trat Handke aus der Katholischen Kirche aus, trat zur Serbisch-Orthodoxen über. Sein Problem war aber nicht der Krieg an sich, sondern die Gegenwehr zum Vorgehen Rest-Jugoslawiens unter Milosevic. Die NATO griff gegen die Serben ein, wie schon 1995, Handke sprach von „NATO-Verbrechern“. Infolge des Krieges verlor Rest-Jugoslawien bzw Serbien die Kontrolle über Kosovo/Kosova. 1999 hat er anscheinend auch die Staatsbürgerschaft dieser Bundesrepublik Jugoslawien angenommen. 2004 unterzeichnete er einen vom kanadischen Autor Robert Dickson verfassten Künstlerappell zur Verteidigung Slobodan Milosevics.(149) Im selben Jahr besuchte er den 2000 von der serbischen Demokratie-Bewegung gestürzten Milosevic im Gefängnis des UN-Kriegsverbrechertribunals für YU in Den Haag. 

2005 wurde Handke von den Verteidigern Milosevic zur „Zeugenaussage“ vor diesem Tribunal in der Niederlande(150) geladen, was der ablehnte. Er veröffentlichte dazu einen Essay mit dem Titel „Die Tablas von Daimiel – Ein Umwegzeugenbericht zum Prozess gegen Slobodan Milosevic“. 2006 trat Handke beim Begräbnis von Milosevic als Grabredner auf, schrieb „Milosevic: Ein Begräbnis“. 06 verzichtete er auf den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, wegen Kritik aus dem Stadtrat an seiner politischer Haltung, die längst sein Schreiben dominierte. Worauf hin Schauspieler des Berliner Ensembles und Andere im Namen der „Freiheit der Kunst“ das vorgesehene Preisgeld in gleicher Höhe sammeln wollten.(151) Handke verwendete das Geld als Spende an das serbische Dorf Velika Hoca im Kosovo/Kosova…

2008 sagte Handke, wenn er Serbe wäre, würde er den Nationalisten Tomislav Nikolic (SRS) wählen. Im selben Jahr, ungefähr zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung Kosovos, schrieb er einen Kommentar für „Le Figaro“, in dem er an das vereinte Jugoslawien und den Sieg der jugoslawischen Partisanen über den Nationalsozialismus erinnerte und die westlichen Staaten als „Gaunerstaaten“ bezeichnete. Es wurde also zunehmend schwer, Handkes Werk von seinen serbo-faschistischen Ansichten zu trennen. Kunst und Politik und Moral… Der Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio (16./17. Jh) hat jemand getötet. Kann man seine Bilder losgelöst davon sehen? Anlässlich des Nobelpreises an Handke Ende 19 die Wiener Wochenzeitschrift „Falter“ mit einer Titelgeschichte über „Kunst und Moral“ (> Foto), am Titelblatt abgebildet Handke, Jackson, Bardot, Wessely, Morrissey, Caravaggio, Schiele, ?. Da gab’s auch noch „Mickey“ Rourke mit seiner Unterstützung für die IRA (was ihm auch viel Anerkennung einbrachte), Harvey Weinstein, Otto Mühl, „Bill“ Cosby, Salman Rushdie, Hermann Nitsch, Kurt Westergaard, Steven Georgiou („Cat Stevens“, „Yusuf Islam“), Günter Grass, Emir Kusturica,… Über den Umgang mit „Tal der Wölfe“, Iwan Franko, Pink Floyd,… hier.

Handke (der Kärntner „Teilslowene“, Schriftsteller/Intellektueller) und Strache (der Wiener Rechtspopulist) treffen sich bei den Serben bzw beim serbischen Nationalismus. Sonst noch wo? Haider war negativ ggü „moderner Kunst“, aber Strache hat ja Verschiedenes positiv affirmiert… Freiheit der Kunst, die für Handke in Anspruch genommen wird, hat es in Jugoslawien(152) zumindest in der Literatur nicht gegeben. 1999, als Handkes Parteinahme für Milošević und noch radikaleren serbischen Nationalismus allmählich Fahrt aufnahm, schrieb seine frühere Lebensgefährtin Marie Colbin einen offenen Brief an ihn, der im „Format“ veröffentlicht wurde. Handke hatte Colbin demnach im Zuge einer Auseinandersetzung gewalttätig angegriffen.

„Ich bin Pazifistin. Und wenn’s nach mir ginge, gäbe es nicht eine Waffe auf Erden! Jedoch weiß ich, solange es Männer gibt auf dieser Welt – Männer wie Dich – einäugig, unnachgiebig, machthungrig und Ego-breit – wird es auch Waffen geben und somit Kriege. Ich höre noch meinen Kopf auf den Steinboden knallen. Ich spüre wieder den Bergschuh im Unterleib und auch die Faust im Gesicht. Nein, Du bist kein Mann des Friedens!“ Und Colbin weiter: „Nichts hast du im Vorfeld für den Frieden getan! Warum nicht? Einäugig wütest Du um Dich. Weiter und weiter. Handke – abgelichtet vor einer bombardierten Fabrik in Belgrad. Oh, welch eitles Getue, welch lächerliches, hohles Pathos! Der Indianer auf Kriegspfad, als letzter Serbianer. Fühlst Du Dich nun als Held in Deinem ,Einbaum‘ und paddelst so weiter?“ Oder: „Ja, ich höre Deine abgedroschenen, vulgären Phrasen: ,Ich scheiße auf Eure Menschenrechte. Ich scheiße auf Eure bedrohten Völker. Steckt Euch die Toten in den Arsch!‘ Wer bist Du denn, daß Du Dich so wichtig nimmst? Bist weder groß, noch edel oder gar bescheiden und aufrichtig. Ein eitler Schreiber bist Du, der sich sonnt in der Rolle des ,einsamen Rufers‘. Nur sind das Rufe nach Zustimmung für ein Verbrecherregime. Du bist ein Ideologe des modernen Balkanfaschismus.“   

„Es war Notwehr”, antwortete Peter Handke seinem Biografen Malte Herwig („Meister der Dämmerung“, 2010) auf die Frage, ob er Colbin tatsächlich verprügelt hatte. „Ich wollte einfach arbeiten. Und das ging nicht. Irgendwie bin ich dann durchgedreht. Trotzdem war das nicht gut …”  Was „Frauenrechtlerin“ Elfriede Jelinek, selbst Literaturnobelpreis-Trägerin, wiederum nicht stört(e). Sie zeigte sich begeistert über die Vergabe der Preises an Handke letztes Jahr. Die Nobelpreis-Jury, die sich auf Grund von sexuellen Übergriffen und Korruption 2018 eine Auszeit verordnet hatte, vergab 2019 den Preis für ’18 und jenen für ’19. Den einen an die polnische Feministin Olga Tokarczuk, den anderen an den serbisch-österreichischen Autor Handke. Handke selbst meinte, die Schwedische Akademie habe eine „mutige Entscheidung“ getroffen, ihm den Nobelpreis zu verleihen.

Der serbische Präsident Vucic gratulierte ihm. Kritik kam zB vom Empfänger des Deutschen Buchpreises, Saša Stanišić, einem in Deutschland lebenden Bosnier. Handke traf sich in diesen Tagen in Griffen mit LH Kaiser, von Medienvertretern auf Stanisic angesprochen, reagierte er wütend. Im Vorfeld der Preisverleihung verteidigte/wiederholte er seine serbofaschistischen Äusserungen und Aktionen nicht, nahm sie aber auch nicht zurück; erwartete nun, das von seinem Geschreibe zu trennen. Er war aber nicht nur zu Milosevic gepilgert, zur serbisch-orthodoxen Kirche übergetreten, serbischer Staatsbürger geworden,… sein literarisches Werk dreht sich seit längerer Zeit auch darum.

 

(1) Die slowenische Rechtsaussen-Partei SNS bezieht sich mit ihren Symbolen auf diesen Staat

(2) Ursprünglich soll die Bezeichnung „Winades“ oder „Winedi“ gelautet haben und den slawischen Venetern gegolten haben

(3) Übrigens, dort wo dann Graz entstand, errichteten nach der Römerzeit Slawen/Slowenen einen Ort, den sie „Gradec“ nannten, wovon sich der Stadtname ableitet. Im Mittelalter wurde die Stadt zur Unterscheidung von Windisch-Grätz in der Untersteiermark meist „Bairisch-Grätz“ bezeichnet. Noch heute heisst die Stadt im Slowenischen „Gradec“

(4) Das illyrische Königtum wurde aber (förmlich) bis 1918 im Titel des Kaisers von Österreich geführt

(5) Venetien kam nach den Napoleonischen/Revolutions-Kriegen zu Österreich, die Lombardei war das schon jahrhundertlang gewesen

(6) Beide Gebiete hatten eine slowenische Bevölkerunsgmehrheit. Auch das Kanaltal hat(te) eine teilweise slowenische Bevölkerung, war dreisprachig

(7) Aus der Unter-Steiermark stammte Johann Puch bzw Janez Puh, Begründer der Puch-Werke in Graz; er starb 1914 (in Zagreb), bevor das Alles eskalierte zwischen den „Nationalitäten“

(8) Dessen Auslöser bekanntlich der Mord am öterreichisch-ungarischen Thronfolger in Sarajevo durch einen serbischen Bosnier war

(9) Es gab in der k. u. k. Armee quasi-ethnische Einheiten, zB das 17. Infanterieregiment, in der Krain, bestand überwiegendst aus Slowenen, gehörte zum 3. Korps mit HQ in Graz; diese Slowenen kämpften an der Ostfront gegen Russland, an Italienfronten (Isonzo war für sie gewissermaßen Heimat), am Balkan gegen Serbien

(10) 1917 gab es im Reichsrat eine Erklärung des Jugoslawischen Klubs (slowenische, kroatische, bosnische Abgeordnete), vorgetragen von Korosec, mit Forderungen nach mehr Selbstbestimmung im Reich

(11) Gründung von Proto-Staaten bzw Proto-Gründung von Staaten

(12) Genau genommen beanspruchte Österreich von der Untersteiermark nur den nördlichen Teil, mit Marburg/Maribor, der am ehesten geschlossen deutsch war

(13) Bis auf jene Teile, die Anschluss an NÖ und OÖ hatten, hatten diese Gebiete auch keine Verbindung zum „eigentlichen“ Deutschösterreich

(14) Deutsche gab es ausser in diesem anfänglichen Deutschösterreich in der Krain (Gottscheer; nun beim SHS-Reich), Küstenlande (Italien), weiteren Gebieten von Böhmen/Mähren (Sprachinseln, wie in Prag; nun Tschechoslowakei), Galizien (bei Polen), Bukowina (Rumänien), Bosnien-Herzegowina (SHS), sowie in Ungarn (Siebenbürger Sachsen,…)

(15) Dieser Teil ist grossteils vom Meuterei-Artikel übernomm