Luftansicht "Fordlandia" 1934

Luftansicht „Fordlandia“ 1934

Der US-amerikanische Industrielle Henry Ford brauchte Kautschuk für seine Autofertigung, v.a. für die Reifen. Dieser wurde damals in Südost-Asien gewonnen, in britischen (v.a. in Malaysia) und niederländischen Kolonien (Indonesien), auf Kosten der bzw. ohne Gewinn für die Einheimischen. Der Kautschuk-Baum stammte zwar aus Brasilien, der Brite Wickham hatte aber seinen Samen aus dem Land „geschmuggelt“, um in britischen Kolonien damit ein Geschäft aufzuziehen. Daher war der Kautschuk-Boom in Brasilien schon vorüber (etwa ab 1913), als Ford dort sein Projekt begann. 1927 kaufte Ford etwa 10 000 km2 Land in NW-Brasilien, an einem Amazonas-Nebenfluss, im Bundesstaat Para, ein Gebiet so gross wie Libanon oder Zypern! Er liess dort Tausende Kautschuk-Bäume pflanzen, aber seinen Managern vor Ort fehlten botanische Kenntnisse und so wurden die Bäume viel zu eng aneinander gepflanzt; ausserdem war die Gegend an sich ungeeignet dafür (zu hügelig). Die Bäume gediehen nicht, dafür ein Pilz und andere Schädlinge, die die Pflanzen dahinrafften. Es entstand auch eine Kleinstadt (das eigentliche „Fordlandia“), nach amerikanischem Vorbild, mit der Fabrik für die Weiterverarbeitung (Vulkanisation), einem Kraftwerk und Häuschen für die Arbeiter.

Den 8000 brasilianischen Arbeitern (die hauptsächlich „Indios“ waren) wurde die amerikanische bzw frühindustrielle Arbeitsweise aufgezwungen (Arbeitszeiten von 9:00 bis 17:00, im tropischen Klima) sowie die (US-)amerikanische Lebensweise. Neben nordamerikanischer Nahrung wurde ein Alkoholverbot eingeführt, auch Tabak und Frauen waren ihnen in der Stadt verboten, auch in ihren Heimen. Lokale und Bordelle entstanden so in der Umgebung der Stadt. Und von dem Krankenhaus hatten die Arbeiter auch nichts weiter – wer wirklich krank wurde, wurde gefeuert. Auch mussten die Arbeiter Identitätsabzeichen tragen. 1930 kulminierte die Unzufriedenheit der Arbeiter zu einem Aufstand, die amerikanischen Manager flüchteten in den Dschungel, das brasilianische Militär schlug ihn nieder (es war der Beginn der ersten Amtszeit von Getulio Vargas als autoritärer Präsident von Brasilien). Wegen der botanischen Probleme wurden die Kautschukplantage und die Verarbeitung 1934 nach „Belterra“ verlegt, wo auch eine „Siedlung“ für die Arbeiter entstand. Auch dort lief die Gummi-Produktion, aus verschiedenen Gründen, nie im erwarteten Maß. Das Gummi wurde mit Schiffen transportiert, unter anderem nach São Paulo, wo sich eine Ford-Auto-Fabrik befand. 1945 gab der Ford-Konzern nach 17 Jahren seine brasilianische Gummi-Produktionsstätten auf, nachdem synthetischer Kautschuk eine Alternative zum natürlichen darstellte. Henry Ford, der Angst vor Tropenkrankheiten hatte, war nie dort gewesen, starb 2 Jahre später. Das Land und die Anlagen wurden an den brasilianischen Staat verkauft, alles in allem mit grossem Verlust. Belterra besteht als Gemeinde weiter, evtl. auch die Kautschukanpflanzung, während die damaligen Produktions- und Wohnanlagen verfallen, das früher aufgelassene Fordlandia wurde eine Geisterstadt im Regenwald. Was von den Gebäuden übrig ist, wird z.T. von Armen besiedelt, auf den früheren Plantagen bauen diese Nahrungsmitteln an.

Kolmannskuppe

Kolmannskuppe

Kolmannskuppe/Kolmanskop bei Lüderitz in SW-Namibia: Der Ort ist nach einem John Coleman benannt, der dort am Platz der späteren Siedlung zu Beginn des 20. Jh. in der Namib-Wüste steckengeblieben war; Coleman war ein Nama (eine Untergruppe der Khoikhoi bzw. Khoisan). Wenige Jahre später wurden dort  Diamanten gefunden, so wie vielerorts im südlichen Afrika damals (Ende 19./Anfang 20. Jh), von einem Schwarzen, Zacharias Lewala, wahrscheinlich ein Ovambo. Das Land war damals Deutsch-Südwestafrika, die wichtigste der deutsche Kolonien bzw. Schutzgebiete. Die Schürfrechte bekam Lewalas Vorgesetzter bei der dortigen Eisenbahn, August Stauch, der auch in Thüringen schon bei der Eisenbahn gearbeitet hatte. So entstand der Ort in der Wüste, unter Aufsicht der Kolonialverwaltung. Die härteste Arbeit bei der Diamantengewinnung (anfangs durch Sand robben, später mit Bagger, Schüttelsieb, etc.) machten Schwarze, die aber gleichzeitig am wenigsten vom Gewinn hatten und im Ort auch am bescheidensten lebten. Nach dem 1. WK ging Südwestafrika an (damals Britisch-) Südafrika, die Schürfrechte in Kolmannskuppe bekam der Oppenheimer/De Beers-Konzern (heute Teil von Anglo American). Um 1930 waren die Vorräte dort erschöpft, anderswo noch nicht, der Ort leerte sich allmählich. August Stauch verlor sein Vermögen in der Weltwirtschaftskrise, kehrte nach Deutschland zurück. Die letzten Einwohner waren in den 1940er/50er-Jahren weg. Brauchbares aus den Häusern und Produktionsstätten wurden im Laufe der Jahrzehnte weggebracht, die Wüste tat ihr übriges zum Verfall. Heute ist Kolmanskop Besichtigungs-Ziel mancher Tourismus-Veranstalter.

Ex-Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen Berlin, wo heute Führungen stattfinden

Das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in Berlin, wo heute Führungen stattfinden

In Berlin sind die tiefen historischen Brüche auch greif-/sichtbar. Der Spreepark und Hohenschönhausen sind zwei Beispiele für aufgelassene Einrichtungen, wobei nur erstere wirklich verlassen ist, das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis ist heute eine Gedenkstätte. Das sind auch das ehemalige Gefängnis in Plötzensee oder die Aufnahmestelle für Übersiedler in Marienfelde. In Luftschutzbunkern aus dem 2. WK finden im Rahmen der „Berliner Unterwelten“ heutztage auch Führungen statt. Der Spreepark war der einzige Freizeitpark in der DDR, war wie viele „Mehrfach“-Einrichtungen in der Stadt (Universitäten, Flughäfen,…) durch die Teilung sinnvoll und nach ihrem Ende dann „überflüssig“. Das Gebiet um die Mauer war früher ein einsamer Ort. Oder der Palast der Republik, das Spandauer Gefängnis und das Stadtschloss, jeweils zwischen „Auflassung“ und Abriss. Der „Führerbunker“ unter der neuen Reichskanzlei (von Speer konzipiert), wo sich ein Teil des Untergangs der NS-Diktatur vollzog, wurde von der sowjetischen Armee weitgehend zerstört. Der geschlossen Flughafen Tempelhof wäre noch so ein einigermaßen verlassener Ort in Berlin. Im brandenburgischen Umland der Stadt gibt es diesbezüglich die grossteils verfallenen „Heilstätten“ in Beelitz, ein Krankenhaus-Komplex, nach dem Krieg für die Rote Armee genutzt, oder das Olympische Dorf von 1936, in zwei Gemeinden des Havellandes.

Spreepark Wasserrutsche

Wasserrutsche im Spreepark

Ein Beispiel für eine Art Niemandsland ist die Pufferzone entlang der „grünen Linie“ durch Zypern, zwischen den türkisch besetzten und dem griechischen Teil. In Nikosia wurde bereits 1963 eine Trennlinie zwischen den Stadtteilen der beiden Nationalitäten geschaffen, die freilich erst 1974 eine undurchdringliche wurde. In der Altstadt von Nicosia ist die Pufferzone teilweise nur um die 4 Meter breit. UN-Blauhelme kontrollieren das mit Barrieren versehene Gebiet, das tatsächlich sehr „grün“ ist, weil sich die Natur dort „zurückgemeldet“ hat. In den 1990ern gab es in bzw. an der Zone kurz hintereinander zwei tödliche „Vorfälle“. 08 wurde in Nikosia ein Durchgang geöffnet. Bei der Invasion der türkischen Armee 1974 wurde  auch der Flughafen der Stadt, ausserhalb gelegen (nun im griechischen Süden), zerstört. In Varosa bei Famagusta in Nord-Zypern, das vor der Teilung der Insel ein Tourismuszentrum war, befindet sich jetzt ein Sperrgebiet, das Gebiet am Strand mit den (längst verfallenen) Hotels wird anscheinend als Verhandlungstauschobjekt gehalten; durch die Abwesenheit von Menschen konnte der Strand wenigstens wieder ein Brutgebiet für Suppenschildkröten werden.

Nikosia

Nikosia

Phnom Penh 1979

Phnom Penh 1979

 

Ein Beispiel für eine zeitweilige Geisterstadt war Phnom Penh, die Hauptstadt Kambodschas. Unter der Herrschaft der kommunistischen Roten Khmer wurde 1975 fast die gesamte Stadtbevölkerung aufs Land deportiert, sollte sich auch um Landwirtschaft kümmern, um eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen. Von ursprünglich zwei Millionen Einwohnern lebten nur noch etwa 20 000 Menschen in der Stadt. Nach der Vertreibung der Roten Khmer durch vietnamesische Invasionstruppen im Januar 1979 erholte sich die Stadt langsam wieder.

 

 

Igman bei Sarajevo

Igman bei Sarajevo

 

Die ehemalige Skisprung-Anlage „Malo Polje“ am Igman-Berg bei Sarajevo. Wo sich bei Olympia 1984 Nykänen und Weissflog Duelle lieferten, war 8 Jahre später für die serbischen Bosnier ein Stützpunkt für die Belagerung und den Beschuss Sarajevos. Deshalb wurde die Schanzenanlage auch angegriffen; möglicherweise liegen noch immer Minen dort.

 

 

Die Prince-Edward-Inseln sind 2 (ziemlich) verlassene Inseln zwischen Südafrika und der Antarktis, an Menschen leben nur jene von der Forschungsstation (metereologisch/biologisch) dort. 1979 dürfte vor ihrer Küste ein Atomtest stattgefunden haben.

Marion Island, eine der beiden südafrikanischen Prince Edward Islands, Foto von Richard Skinner vom südafrikanischen Umweltministerium, von http://www.worldtimezone.com/travel/travel-subantarctic-marion-island03.html

Marion Island, eine der beiden südafrikanischen Prince Edward Islands, Foto von Richard Skinner vom südafrikanischen Umweltministerium, von http://www.worldtimezone.com/travel/travel-subantarctic-marion-island03.html

 

 

 

Sealand

Sealand

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor der britischen Nordsee-Küste entstanden im 2. Weltkrieg die nach ihrem Planer Guy Maunsell benannten „Sea Forts“ (Seefestungen), an Ölbohrplattformen erinnernde militärische Einrichtungen, die auch viele deutsche Schiffe und Flugzeuge zerstörten. In Küstennähe entstanden zudem die turmähnlichen „Army Forts“. Seit Ende der 1950er waren sie unbenutzt und leer, einige der „Festungen“ wurden demontiert und/oder beschädigt. Die Plattform „Roughs Tower“ wurde vom ehemaligen Offizier Paddy Roy Bates, der zuvor auf einer anderen der Plattformen einen Piratensender betrieben hat, 1967 zum „Principality of Sealand“ ausgerufen.

 

 

"Gullivers Kingdom"

„Gullivers Kingdom“

„Gulliver’s Kingdom“ war ein Themenpark nahe des Fuji-Berges, der 1997 geöffnet hat aber bereits 4 Jahre später schliessen musste – es wird darüber spekuliert, dass deshalb so wenige Besucher kamen weil der Fuji Japans Selbstmord-Schauplatz Nr. 1 ist. Nachgestellt wurde der Phantasieort „Lilliput“, in Swifts Romanen eines der Ziele von Gullivers Reisen.

 

 

 

 

Der Flughafen von Gaza: 98 eröffnet, 00 von Israel geschlossen, 01/02 von ihm zerstört, steht i-wie für den "Friedensprozess"

Der Flughafen von Gaza: 98 eröffnet, 00 von Israel geschlossen, 01/02 von ihm zerstört, steht i-wie für den „Friedensprozess“

Diese Ferienhäuser in Sanzhi in NW-Taiwan wurden Ende der 1970er gebaut, nicht zuletzt für US-amerikanische Soldaten. Bereits 1980 wurde die Anlage geschlossen, 2010 wurde sie abgerissen. Foto von Yao Jui-Chung

Diese Ferienhäuser in Sanzhi in NW-Taiwan wurden Ende der 1970er gebaut, nicht zuletzt für US-amerikanische Soldaten. Bereits 1980 wurde die Anlage geschlossen, 2010 wurde sie abgerissen. Foto von Yao Jui-Chung

Pripjat wurde nach dem AKW-Unglück im benachbarten Tschernobyl evakuiert, verfällt seither.

Pripjat wurde nach dem AKW-Unglück im benachbarten Tschernobyl evakuiert, verfällt seither

 

 

 

 

 

 

 

 

Die japanische Insel Hashima, wo unterseeisch Kohleabbau betrieben wurde, ist seit 1974 verlassen, als dieser eingestellt wurde, die verfallene Anlage war Drehort für einen James Bond-Film.

Die japanische Insel Hashima, wo unterseeisch Kohleabbau betrieben wurde, ist seit 1974 verlassen, als dieser eingestellt wurde; die verfallene Anlage war Drehort für einen James Bond-Film

 

Aus der nord-palästinensischen Staat Khalsa wurde mit der Nakba die Reissbrettstadt "Kirjat Schemona". Die Reste von Khalsa sind auch hier von einem vom JNF/KKL gepflanzten Wald verdeckt, Palästinensern ist der Zugang  zur alten Moschee verwehrt, sie soll als Bar genutzt werden/worden sein

Aus der nord-palästinensischen Staat Khalisa wurde mit der Nakba die Reissbrettstadt „Kirjat Schemona“. Die Reste der Stadt sind auch hier von einem vom JNF/KKL gepflanzten Wald verdeckt, Palästinensern ist der Zugang zur alten Moschee verwehrt, sie soll als Bar genutzt werden/worden sein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das geschlossene griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki

Das geschlossene griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki

 

 

 

Der Reschensee im Vinschgau (Südtirol) wurde 1939 bis 1950 durch Aufstauung mit dem Mittersee "fusioniert", die Bevölkerung der dabei überfluteten Dörfer der Gegend zwangsumgesiedelt. Ein Projekt, dass also teilweise in faschistischer, teilweise in demokratischer Zeit umgesetzt wurde. Der so entstandene Stausee speist das Kraftwerk in Glurns. Die Gemeinde Graun wurde an einem anderen Ufer des Reschensees neu erbaut, an das alter Graun erinnert die versunkene kirche mit dem herausragenden Turm.

Der Reschensee im Vinschgau (Südtirol) wurde 1939 bis 1950 durch Aufstauung mit dem Mittersee „fusioniert“, die Bevölkerung der dabei überfluteten Dörfer der Gegend zwangsumgesiedelt. Ein Projekt, dass also teilweise in faschistischer, teilweise in demokratischer Zeit umgesetzt wurde. Der so entstandene Stausee speist das Kraftwerk in Glurns. Die Gemeinde Graun wurde an einem anderen Ufer des Reschensees neu errichtet, an das alte Graun erinnert der herausragende Turm der versunkenen Kirche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ehemalige Gefängnis auf Alcatraz

Das ehemalige Gefängnis auf Alcatraz, heute ein Tourismusziel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Viking"-Aufnahmen vom Mars, 1976. Ob er wirklich nicht ganz sicher

„Viking“-Aufnahmen vom Mars, 1976. Ob er wirklich „verlassen“ ist, ist nicht ganz sicher

AKW Zwentendorf. Man kann es als eine Art Schildbürgerstreich sehen, eine Volksabstimmung darüber erst nach seinem Bau durchgeführt zu haben. Verlassen ist das Gelände seit der Aufgabe des AKW-Vorhabens eigentlich nicht

AKW Zwentendorf. Man kann es als eine Art Schildbürgerstreich sehen, eine Volksabstimmung darüber erst nach seinem Bau durchgeführt zu haben. Verlassen ist das Gelände seit der Aufgabe des AKW-Vorhabens eigentlich nicht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu erwähnen wären auch: Das stillgelegte Kohlekraftwerk mit Kühlturm in Charleroi, Belgien. Die offene Diamanten-Mine in Mirny, Ost-Russland (Sacha, Sibirien), 04 geschlossen, neben der Stadt die durch die Diamantenfunde/gewinnung in SU-Zeit entstanden war. In der Antarktis gibts einige aufgelassene Stützpunkte, wissenschaftliche, militärische oder wirtschaftliche, auf „Deception Island“ etwa eine Geisterstadt die auf eine 1931 aufgelassene Walfangstation zurückgeht und 1969 durch eine vulkanische Eruption zerstört wurde. Das Ryugyŏng Hot’el (auch Yu-Kyung Hotel) ist ein seit 1987 im Bau befindliches Hotelprojekt in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, das ursprünglich einmal mit einer Höhe von 330 Metern das höchste Hotel der Welt werden sollte; die Fassade wurde Juli 2011 fertiggestellt, ein Eröffnungstermin steht jedoch nach wie vor nicht fest. Rhyolite in Nevada ist einer jener Orte in USA, die mit einem „Goldrausch“ entstanden und mit seinem Abklingen verfielen; nach Goldfunden in der Gegend entstand sie um 1905, 1910 war das Vorkommen auch schon erschöpft, bald danach gingen die Einwohner und seit gut 100 Jahren ist es eine Geisterstadt. Leere Schlösser/Burgen/Paläste wie Prinz Said Halim’s Palast in der Champollion-Strasse in Kairo (später eine Schule, leer seit 04). Aufgelassene Zoos wie der Safaripark Gänserndorf bei Wien. Ruinen (verfallende Gebäude jeder Art) sind meistens mit Touristen überfüllt, ob die ägyptischen Pyramiden, das ausgegrabene Pompeji oder Angkor Wat (und somit nicht verlassen).

 

abandoned places

lost places

plätze in wien

forbidden places

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorbemerkungen

Für viele im Westen ist „der Islam“ nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks und spätestens mit den Anschlägen von 2001 in USA zum Feindbild geworden. Cem Özdemir sprach in dem Zusammenhang von einem „Feindbildwechsel von Marx zu Mohammed“. Am unmittelbarsten war dieser Übergang in Afghanistan, wo die kommunistische Regierung mit dem Kollaps der Sowjetunion ihre Unterstützung verlor und bald darauf gegen die vom Westen unterstützen islamistischen Mujahedin verlor. Der Begriff „Islamophobie“ legt nahe, dass es dabei tatsächlich nur um die Abneigung/Ablehnung gegenüber einer Religion bzw. ihrer Politisierung ginge – und nicht um Vorurteile und Hetze gegen Menschen aus und in der „islamischen Welt“ (die sich ungefähr von Marokko bis Pakistan erstreckt), die keineswegs nur an deren Religion festgemacht wird und die weit vor die Entstehung des modernen Islamismus zurückgehen. So wie echter Antisemitismus nicht wirklich auf das Judentum als Religion abzielt. Es gibt jene (Islamophoben), die den Unterschied zwischen Rassismus gegenüber Leuten mit „muslimischem Hintergrund“ und notwendiger Kritik des Islamismus absichtlich verwischen und jene, für die dieser Unterschied nicht existiert. Die Reaktionen auf Islamophobie leisten dieser Irreführung aber meist Vorschub. Ideal ist der Ausdruck „Islamophobie“ nicht (das ist auch „Antisemitismus“ nicht), da er insinuiert, es ginge um diese Religion, ihre Auswüchse und Kritik daran. Der Alternativ-Ausdruck „Anti-Islamismus“ deutet noch stärker auf Gegenwehr zum Islamismus hin. „Islamkritik“ ist eher der angemessene Ausdruck für sachliche Auseinandersetzung mit kritikwürdigen Punkten in bzw. aus islamisch geprägten Ideologien und Gesellschaften, eine Form von Religionskritik also, gegen die nichts einzuwenden ist. Islamophobie ist eine Form von Rassismus, die aber so tut, als gehe es ihr darum, den „Islam“ kritisieren zu dürfen. Es geht um die ethnische Gruppe(n), ihre (vermeintlichen) rassischen oder kulturellen Spezifika (die jedenfalls bedrohlich, fremd und minderwertig sind), die Definition dieser durch ihr (oft vorgebliches) islamisch-sein, um Hetze und Heuchelei gegen sie. Einen islamistischen globalen Herrschaftsanspruch auszumachen, ist keine Verschwörungstheorie, diesen den Moslems zu unterstellen, schon. Ein Missbrauch des Islamophobie-Begriffs ist es, wenn in Paris hunderte religiöse/konservative Moslems, darunter verschleierte Frauen, bei einer Demonstration diesen Vorwurf erheben, nachdem eine Voll-Verschleierte kontrolliert worden war, oder Kritik am Islamismus als „Islamophobie“ diskreditiert wird.

Die islamistischen Anschläge in den USA 2001 haben eine neue Weltära eingeleitet, die gerne als Kampf der „westlichen“ mit der „islamischen“ Welt verstanden/dargestellt wird. Für manch einen bot diese Entwicklung Entlastung und Gewinn. Was erst allmählich deutlich wird, ist, dass die Krise der islamischen Welt der Vorbote für den Übergang zu ihrer dringend notwendigen Reform war/ist. Das jahrhundertealte westliche Bild von Moslems bzw. Orientalen als kriegerischen, verschlagenen, unaufgeklärten Menschen wurde jedenfalls neu belebt und gestärkt. Bücher, TV-Diskussionen, Zeitschriftenartikel und Konferenzen über Gefahren durch den Islam schossen wie Pilze aus dem Boden. Mit den Zuspitzungen und Provokationen Pim Fortuyns in den Niederlanden, zuerst in Buchform, dann in der Politik, nach heftigen Attacken des Imams von Rotterdam gegen Homosexuelle, begann im Westen die intensive Politisierung des Islam-Themas. Die antiislamischen Wellen kamen nicht aus dem Nichts, sachliche Analyse und Kritik fanden aber selten statt. Vorgebliche Verteidiger einer aufgeklärten und freien Gesellschaft tauchten allerorts im Westen auf, ihre Anklagen gegen „den Islam“ waren/sind oft Plädoyers für Xenophobie und Sicherheitswahn. Die Thematik überschneidet sich mit jener der Immigration/Integration oder der von Nord und Süd. Bush’s Irak-Krieg 03 löste gerade bei vielen (Ex-, Pseudo-) Liberalen/Linken Begeisterung aus, etwa beim Ex-68er Hans Magnus Enzensberger, obwohl die Baath-Herrschaft (wenngleich natürlich auch totalitär) zum Islamismus geradezu eine Antithese war (nicht nur weil am Beginn ihrer Entwicklung ein christlicher Syrer stand). Das Bush-Regime hat in seiner Kriegsrechtfertigung nicht nur die „Atombomben“ Husseins angeführt, sondern auch eine „Verbindung“ von ihm zu al Qaida konstruiert. Die Begeisterung für den Krieg zeigte grundsätzliche Widersprüche bzw. Heucheleien in dieser Welle auf, in IT-Foren wurde er einerseits als „mutige, beherzte Befreiungsmission für die Iraker“ gefeiert, andererseits als das „Niederbomben der Muselbirnen“. Der Höhepunkt der Islamübergangskrise und der Reaktion darauf war ungefähr Mitte der 00er-Jahre erreicht.

Koordinatenverschiebungen und Feindbildparadoxa infolge von 11/9: Linke und Liberale die die Rettung des christlichen Abendlands beschwören, Rechte und Konservative die plötzlich Frauen, Juden, Homosexuelle beschützen wollen. Eine Fortschrittlichkeit, Sorge um Frauenrechte, geben fast alle vor, Rückständigkeit ist ja Merkmal der Anderen. Als Islamisten in Tunis im Laufe der Umwälzungen dort ein Rotlichtviertel anzündeten bzw. das versuchten, haben sich viele in Empörung geübt, war das eine Möglichkeit, den Arabischen Frühling zu diffamieren. Andere antiislamische Kulturkämpfer wussten nicht so genau, wie damit umzugehen sei, wo hier schützenswerte Freiheit und wo verurteilenswerter Verfall zu orten ist. Betrachtungen bzw. Beurteilungen der „islamischen Welt“ spiegeln eben immer innere Auseinandersetzungen der „westlichen Welt“ wieder. Der westliche Liberalismus, die Postmoderne, inkl. Feminismus, Toleranz für Homosexualität, ist entweder den Wilden zu verordnen oder aber ist böse und steckt mit den Wilden unter einer Decke (Jonah Goldberg in der National Review: „The White Male is the Jew of Liberal Fascism”). Rechte Islamophobe unterstellen meist den Linken Komplizenschaft mit Moslems/Islamisten (z.B. „Antisemitismus ist links und islamisch“, jedenfalls eine Möglichkeit zu ver/urteilen), linke Islamophobe unterstellen in der Regel Moslems/Islamisten Komplizenschaft mit Rechten; Querfront-Behauptungen gehören hier einfach dazu. Manche Islamophobe versuchen aber auch den Brückenschlag ins jeweils andere Lager, die pseudo-linken „Anti“deutschen etwa gern zu den Neokonservativen.

Gewisse Topoi sind längst Mainstream geworden. Das zeigt sich etwa, wenn Molterer von der ÖVP im österreichischen Nationalrats-Wahlkampf 08 nochmal den Fall in der BRD hervorkramt, als eine Richterin in einem Verfahren den „kulturellen Hintergrund“ eines Angeklagten berücksichtigte, und sich als Vorkämpfer für Geschlechter-Gleichberechtigung präsentiert. In manchen Medien hat sich bezüglich „Islam“ eine Mischung aus Gruseligem und Lächerlichem etabliert, siehe Überschriften wie „Australien: Schwerverbrecher konvertieren zum Islam“. Oder die Sache mit den Gipfelkreuzen: Ursprünglich hatte das von Jörg Haider gegründete BZÖ im Nationalrats-Wahlkampf 06 in ihrer Anti-Ausländer-Kampagne, beim Versuch, die FPÖ dabei zu überholen, die Behauptung eines Briefs des irakisch-stämmigen SPÖ-Politikers al Rawi an den Alpenverein, in dem sich dieser über Gipfelkreuze als „christliche Herrschaftssymbole“ beschwert haben soll, aufgebracht. Das Ganze ging aber auf einen leicht als Satire zu erkennenden „Antwort“-Brief des Alpenvereins an Rawi zurück, der absichtlich in Umlauf gebracht wurde und auf den Westenthaler vom BZÖ hereingefallen war. Dennoch haben in der Folge auch Weimer vom Springer-Verlag und Udo Ulfkotte die Geschichte mit der angeblichen moslemischen Beschwerde über Gipfelkreuze vorgebracht, zur Stützung ihrer Islamisierungs-Behauptungen. Zuletzt ging die Geschichte dann in manchen Medien so, dass in Bayern ein Werbekatalog für Touristen aus dem arabischen Raum veröffentlicht worden sei – „aus Rücksicht“ ohne Gipfelkreuz auf der Zugspitze. Oder: wenn Muslime sich anders verhalten als unterstellt, betrieben sie „Taqqiya“, würden sich also verstellen um ihre wahren, finsteren Absichten zu verschleiern. Den Audruck bzw. diese Deutung haben „Islamexperten“ bekannt gemacht, die in Wirklichkeit mehr Brandstifter als Brandexperten sind. Taqqiya ist eigentlich etwas schiitisches, eine Verstellung, um Anfeindungen, z.B. sunnitischen, zu entgehen, oder das stille ertragen einer feindlichen weltlichen Herrschaft wie jener der Baath im Irak.

Islamophobie ist in der Regel nicht nur rassistisch und unsachlich, sondern – offen oder versteckt – auch mit anderen Zielen verbunden. Den Islamisten an die Eier gehen ohne Neo-Konservatismus, ohne Israel-Apologetik oder -Hysterie, das machen nur wenige (Hitchens evtl.). Bei David Horowitz etwa sind Afro-Amerikaner neben Linken und Moslems die Zielscheibe, der Westen und seine Werte werden bei ihm auch vor den Chinesen wie auch vor dem Dalai Lama gerettet. Abrechnungen mit der Linken bzw. dem Antiimperialismus im besonderen sind im Zuge von „Islamdebatten“ gang und gäbe. Den Westen kämpferisch „in Stellung bringen“ geht gerne einher mit Schelte an ihm ob seiner „Verdorbenheit“… Für eine Seite ist dabei (etwa) Religiosität im Westen Anzeichen für Verdorbenheit, für die andere Areligiosität. Mit dem aufpeitschen der gesellschaftlichen Diskurse waren auch die völkerrechtsbrechenden Sauereien seit 9/11 verbunden. Jene Islamkritik, die nicht rassistisch und unsachlich ist, die wirklich universalistisch und emanzipativ ist, die gegen Ideologien und nicht gegen Menschen (aus bestimmten Gegenden und Kulturen) ist, und den Islam auch nicht als „Platzhalter“ verwendet, diese ist Teil der Lösung und nicht des Problems.

Stimmungsmache gegen bestehende oder geplante Moscheen oder Koran-Verbrennungen wie die von Evangelikalen in Florida sind m.E.n. weniger das Problem, da es dabei wirklich um die Religion an sich geht. Ein rassistisch motivierter Messerangriff auf einen Taxifahrer aus Bangla Desh in New York ist schon schlimmer, oder Attacken gegen Sikh, die schnell einmal für „Moslems“ gehalten werden. Ralph Giordanos Engagement gegen die Moschee in Köln ist weniger schlimm als dass er Moslems abspricht, Teil der deutschen/der westlichen Gesellschaft(en) zu sein. Heuchlerische Kriegshetze oder rassistische Psychopathologisierung wie von Frau Wilting ist bedenklicher als Mohammed-Verspottungen. Der bekannteste Fall eines Streits um eine geplante Moschee war der in New York; nahe „Ground Zero“ in Manhattan, dem Ort der Terroranschläge vom 11. September 2001 sollte ein moslemisches Gemeindezentrum („Cordoba house“ oder „Park 51“) entstehen. Präsident Obamas Unterstützung für die Pläne gab den Gerüchten um seine „geheime moslemische Identität“ neuen Auftrieb (es lässt sich schon eine Überschneidung von Obama-Hassern und Koran-Verbrennern feststellen). Geert Wilders ist dort vor Moschee-Gegnern aufgetreten, amerikanische Politiker wie Newt Gingrich benutzen das Projekt für Polemiken. Nach 11/9 hetzten in den USA auch rechte Politiker von Bush abwärts nicht im Inneren gegen Moslems, längst hat sich das gedreht.

Die grössten Islamophoben wie Henryk Broder, Horowitz, die „Anti“deutschen, stellen ihre Existenz wütend in Abrede. Clemens Heni u.a. sagen, Islamophobie“ sei eine Erfindung Khomeinis, „Islamkritiker“ Klaus Blees dass sie ein „Kampfbegriff gegen Islamkritik“ sei, Thomas von der Osten-Sacken, dass sie  von „islamistischen Lobbies“ zur Parallelisierung des „Antisemitismus“ eingeführt worden sei, westliche Intellektuelle machten sich zu „Nachbetern“ dieser „Ideologie“, Stephan Grigat, dass der Begriff zur Delegitimierung von Kritik an „den Bösen“ verwendet werde und der sich aufdrängende Vergleich mit Antisemitismus eine Frechheit sei. Auch von einem Udo Wolter gibts immer wieder Texte, die eine Islamophobie in Abrede stellen, aber bei ihm hält sich die Aggressivität der Leugnung bzw. der Gegenangriffe noch in Grenzen.

Kulturalismus und Rassismus

Im offenen Rechtsextremismus sind Menschen durch ihre biologische Herkunft oder Merkmale so weit vorgeprägt, dass eine gleichberechtigte Koexistenz nicht möglich ist. Bestimmte Freund-Feind-Haltungen werden als naturnotwendig und vorbestimmt dargestellt. In den meisten Spielarten der Islamophobie sind Muslime nicht biologisch unterlegen, so wird argumentiert, aber eben kulturell inkompatibel/unterlegen. Diese kulturalistische Argumentationslinie stellt wie der Rassismus  Gleichrangigkeit und im Extremfall die Existenzberechtigung „des Anderen“ in Frage und läuft im Endeffekt auch auf Vorbestimmtheit und biologisch-völkische Beurteilungen hinaus. Bei „Ihr werdet nie Demokratie haben“ kommt das deutlicher heraus als bei „Ihr habt keine Demokratie“. Die individuelle Auffassung und Ausübung von Religion spielt keine Rolle wenn man die Betreffenden qua ihrer Herkunft/Identität als „rückständig“ einstufen kann. Bei Islamophoben ist die Personengruppe „Muslim“ mit „Türken und Araber und Iraner und …“ deckungsgleich. Atheisten aus dem islamischen Kulturkreis oder christliche Palästinenser werden aus dem selbem Sentiment heraus abgelehnt, mit den selben „Argumenten“ niedergemacht.

Gerne wird heutzutage unsere schöne Werteordnung in Abgrenzung zum Islam bzw. zum islamischen Extremismus beschworen. Als ob der Bürgerliche, der diese Errungenschaften heute imperialistisch in Stellung bringt, ursprünglich für sie gekämpft hätte, z.B. für den Feminismus. Im „Westen“ ist „der Islam“ das „Andere“ geworden, das man braucht um sich zu definieren. Die indische Autorin Arundhati Roy schrieb von einer anmaßenden Abgrenzung von „westlicher Zivilisation“ gegenüber „orientalischer Barbarei“. Islamisten gehen mit ihrer Verachtung für andere Kulturen und andere Auffassungen des Islams ähnlich um. Bush hat vor etwa 10 Jahren im deutschen Bundestag posaunt: „Wir kämpfen um unsere Zivilisation“. Islamophobie-Ikone Pamela Geller: „Israel ist ein sehr gutes Vorbild, denn im Krieg zwischen den zivilisierten Menschen und den Wilden muss man sich an die Seite der zivilisierten Menschen stellen.“ Demokratie und Menschenrechte werden von „Kulturkriegern“ als “westliche Errungenschaften” gesehen, für den einen Teil sollte der Westen sie mit Gewalt (v.a.) in den islamischen Raum bringen, für die anderen sind die Menschen dort unreif bzw. unwürdig, sie zu teilen. Dabei hat der Westen schon seit jeher in der „zweiten“ und „dritten“ Welt „zuverlässige“ Diktaturen einer Demokratie vorgezogen.

Als Ersatz für “volksgemeinschaftliche” Ausgrenzungen bieten sich „werte-gemeinschaftliche” an. Die These eines (zu) toleranten und gerechten Westens und eines zurückgebliebenen und zu erziehenden Orients sagt letztlich viel über gewisse Überheblichkeiten in westlichen Gesellschaften aus. Wenn Grigat sagt, Moslems/Islamisten teilten „die antiwestlichen Ressentiments“ der hiesigen Rechten, dann um einen geschönten Westen ohne Rechte zu erfinden. Jene, die „universelle Werte“ propagieren und „Kulturrelativismus“ anprangern, sind meistens jene, die ihre eigenen Werte am identifikationswürdigsten halten und auf das Leben von Nicht-Weissen in der globalen „Peripherie“ andere Maßstäbe anlegen. Gerade die ganz armen lateinamerikanischen Staaten mit farbiger Bevölkerungs-Dominanz werfen Fragen über Definition bzw. Ausdehnung des „Westens“ auf, erst recht wenn sie linke/selbstbestimmende Regierungen haben. Prinzipieller Respekt für andere Kulturen ist aus den Gelüsten nach Belehrung und Disziplinierung leicht als „Relativismus“ zu denunzieren. Manche Aspekte der Heucheleien bezüglich „Islam“ erinnern an jene des Antikommunismus, etwa, Russen (oder Polen,…) seien „Untermenschen“, aber Kommunisten seien Verbrecher weil sie Russen unterdrücken. Das von der Freiheit im (bzw. durch den) Westen auch, oder das mit dem (sie) retten oder vernichten, das so eng beieinanderliegt. Unter Hitler war die Sowjetunion noch „Asien“, die es auch zur Rettung des Abendlands zu bekämpfen galt.

Wenn chauvinistisch-hämisch darauf hingewiesen wird, dass Moslems so wenige Nobelpreise hätten im Vergleich mit anderen, hat das natürlich eine rassistische Konnotation, die meist auch gar nicht geleugnet wird. Die „Aufbereitungen“ arabischer Sexualität sind ein weiteres Beispiel für kulturalistischen Rassismus.

Der Diskurs über den Islam

Man wird das doch wohl einmal sagen dürfen. Die Tyrannei der politisch Korrekten. Die Sprachpolizei die verhindert, Missstände klar zu benennen. Denk- und Sprechverbote. Das Einknicken des Westens. Das Tabu Islam-Kritik. Falschverstandene Toleranz. Redefreiheit bedroht. Schweigekartell der Mainstream-Medien. Westliches Zurückweichen vor dem Islamismus. Mut zum aussprechen. Sie unterwandern uns, arbeiten an der Machtübernahme, tarnen sich und ihre wahren Absichten geschickt. Im Kampf der Kulturen muss man Stellung beziehen. Ein Islam-Bild, das aus Terror, Ehrenmorden, Hasspredigten besteht. Dieser Kanon dominiert zumindest im deutschsprachigen Raum und dennoch behaupten seine Vor- und Nachbeter, gegen den Strom zu schwimmen. Wo die echten Tabus sind, hat sich anhand der Aufregung über die paar Zeilen von Günter Grass gezeigt. Jene, die den deutschen „Selbsthass“ über Antiislam entsorgen wollen, stossen im Hohmann-Steinbach-Diskurs schnell an Grenzen… Aus „Nein zur Scharia“ kann man so ziemlich alles herausargumentieren; Menschen aus dem islamischen Raum pauschal als Islamisten und faschistische Fanatiker, denen mensch Einhalt gebieten müsste darzustellen, ist da eigentlich gar nicht mehr nötig.

Auch die Schönbohms, Mißfelders, Stadtkewitzs,.. können getrost gegen den Islam lospoltern, Missfallen bzw. Einwände etwa gegenüber einer toleranten Linie gegenüber Homosexuellen zu formulieren, ist da schon schwieriger. Spätestens mit Sarrazins Buch (das irgendwie ein Ausbruchsversuch zu sein scheint, durch die Thematisierung von Rasse, Vererbung, durch Ausschluss nicht auf rein kulturalistischer Basis, sondern auch durch die Einbeziehung biologischer Parameter) scheint sich in Deutschland die Islamdebatte mit der Ausländer-/Integrationsdebatte, ja mit dem Nationsdiskurs, verbunden zu haben. Auch hier kann man sich auf alte volkstümliche Einstellungskomplexe stützen, ob im „Konkret“ ein Henschel eine Tirade mit „Sei doch kein Muselman“ übertitelt oder die NPD auf Wahlplakaten einer orientalischen Familie (gezeichnet mit Hakennasen, dunklem Bartschatten,…) auf einem fliegenden Teppich „gute Heimreise“ wünscht. Versöhnung mit Deutschland und Schlussstrichziehen mit NS über Philozionismus und Islamkritik. Aber gelegentlich auch historische Revisionen oder Verachtung für Hartz-IV-Empfänger. Oder dass Deutschland bzw. der ganze Westen von innen, durch „Schuldkomplex“ und  „Masochismus“, bedroht sei.

Manchmal werden Moslems auch zur Zielscheibe, wenn man eigentlich jemand anderen treffen will (z.B. Linke, Afrikaner) oder um sich zu gegenüber Zielgruppen zu profilieren.

Angesichts der Proteste gegen die Manipulationen bei der iranischen Präsidentenwahl 09 und ihrer brutalen Niederschlagung gab es einen Umschwung in hiesigen Islam-/Orient-Wahrnehmungen. Davor gingen die Angriffe meist in die Richtung, „der Islam“ UND (alle) seine „Angehörigen“ seien böse; „Anti“deutsche hielten Veranstaltungen über das „antisemitische Mordkollektiv Iran“ u.ä. ab. Nun mussten manche immerhin einräumen, der Islam sei böse weil „er“ seine Angehörigen unterdrückt. In den Kriegskampagnen gegen Iran begann erst jetzt, das Wohl der Iraner eine Rolle zu spielen… Die Frage ihrer realen Unterdrückung war und ist dabei nicht wichtig, sondern nur dass sie das diskursive Kanonenfutter sind. Die verschiedenen Ebenen des Islams (und erst recht jene, die nicht wirklich etwas mit ihm zu tun haben), als Lehre, seine Entstehung/Verbreitung, die Kultur der betreffenden Länder und der Menschen (von) dort, seine politische Instrumentalisierungen, usw., geraten schnell einmal durcheinander.

Was die Integration von Migranten (auch nicht-moslemischen) in westlichen Gesellschaften betrifft, läuft der Diskurs so, als ob multikulturelle Konzepte in Deutschland oder sonstwo jemals hegemonial gewesen seien, als ob es sowas wie eine vernünftige Grundtoleranz im „Westen“ gäbe. Der österreichische „Rechtsextremismusexperte“ Schiedel /Peham: „Für muslimische MigrantInnen in Österreich stellt der Antisemitismus auch so etwas wie ein unausgesprochenes Integrationsangebot von Seiten der österreichischen Gesellschaft an sie dar.“ Also doch nicht die „universellen Werte der europäischen Aufklärung“, die man hier vorfindet und die es anzunehmen gilt, will man sich integrieren, so gesehen. Alan Posener hat einiges Treffende über Integration (beste solche schützte Juden nicht vor NS-Vernichtung), aber auch über Neokonservativismus, Unteilbarkeit der Toleranz (“wer Antisemitismus bekämpfen will, muss auch Islamophobie bekämpfen“) oder die deutsche Israel-Obsession gesagt.

Wenn hier heutzutage christliche Symbole oder Inhalte von Kabarettisten oder Karikaturisten „erniedrigt“ werden, beziehen sich fast alle Reaktionen auf den Islam, nach dem Motto „Wenn er das mit dem/im Islam gemacht hätte…“; das kann bedeuten, dass man sich insgeheim (die Erlaubnis zu) solche(n) Wutreaktionen wünscht oder aber mit dem Finger dorthin zeigen will, sich auf einer höheren Stufe sieht. Die „Islamdiskurse“ machen nicht nur die Gräben in der „islamischen Welt“ deutlich, sondern auch jene in der hiesigen. Mohammed-Karikaturen, so wie die berühmte des Jyllands-Posten 2005, zeigen oft einen „symbolischen Moslem“, die dargestellten rassischen Merkmale sind bräunliche Haut, levantinische Nase, dunkler Bart bzw. Bartschatten, die „Turban-Bombe“ legt diesen auf die Terroristen-Rolle fest (die harte Maßnahmen bzw. Sonderbehandlung nahelegt), sind mehr Rassismus und Kulturalismus als Religionskritik.

Die österreichische Gratiszeitung heute (mit der Krone verbunden) schrieb in einer Meldung über einen Mordfall, der Verdächtige gehöre zu einer „Sorte Mann, die zum Glück eher hinterm Halbmond lebt. In Ländern, wo das Gesäß beim Beten höher ist als der Kopf“. Es handelte sich aber um den Kärntner Harald P. Dass die Redakteure W. Höllrigl und J. Michner beurlaubt wurden (inzwischen wahrscheinlich wieder eingestellt), wird vermutlich als Indiz für das Kapitulieren des Westens vor dem Islam (Hurra!) gewertet. Jedenfalls würde mich das nicht wundern.

Protagonisten und ihre Botschaften

Ist der Hassprediger Daniel Pipes (u.a. Anprangerung von unliebsamen Akademikern), ein Breivik-Inspirator, ohne den militanten Islam möglich? Islamisten brachten mit 11/9 Aufwind für Memri, H.P. Raddatz, die Littmans oder Broder, sowie eine Radikalisierung dieser. Behauptungen von Scharfmachern werden gerne unkritisch übernommen. Ein um Israel bzw. den Westen „besorgter“ Rassismus die einzige Alternative zu Islamismus?

Der omnipräsente Broder sieht bei den Deutschen einen „Verantwortungsimperialismus“, allerdings nur wenn Kritik an Israel (oder USA) kommt und selbstverständlich nicht, wenn aus „besonderer Verantwortung“ israelische Politik unterstützt wird (etwa in Form von atomwaffenfähigen U-Booten) oder Kritik daran zurückgehalten wird. Er lamentiert in der Weltwoche über „verweiblichte Männer“ in westlichen Gesellschaften, erklärt daraus die „Faszination“ für den Islam im Westen und spricht von hiesigen “Degenerationserscheinungen”, je ein Drittel der Männer sei schwul, impotent oder unwillig; gleichwohl reklamiert er eine westliche Toleranz, die der Islam nicht habe, prangert den Angriff türkischer Jugendlichen auf ein Schwulencafe in Berlin an. Ihm zufolge gibt es ja „eine Linie von der al Kaida im Irak über die Intifada in Palästina zu Jugendlichen mit ‚Migrationshintergrund‘ in Neukölln“. Den Mord an einer Ägypterin in Dresden (s.u.) kommentierte er so: „Es sind inzwischen ein paar Tage vergangen, seit ein junger Somalier versucht hat, mit dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard ins Gespräch zu kommen. Es war nicht seine Schuld, dass der Versuch gescheitert ist, Westergaard hat sich in seinem Badezimmer verbarrikadiert und die Polizei gerufen. Seine Reaktion war typisch für das Verhalten der Ersten gegenüber der Dritten Welt – sie schottet sich ab, will nicht gestört werden und gerät sofort in Panik, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Ungewöhnlich an diesem Fall ist aber auch, dass er Leuten die Sprache verschlagen hat, die sonst an verbalem Durchfall leiden, die üblichen Verdächtigen aus der LRG-Fraktion, die zum Beispiel den Mord an der Ägypterin Marwa bis zum letzten Blutstropfen genossen haben, weil er in ihr Konzept der ‚Islamophobie‘ passte.“ Natürlich kann er nie die Suppe essen, die er für andere kocht. Beklagt die “Rassismuskeule“ und schwingt die „Antisemitismuskeule“. Merkels knieweiche „Kritik“ am Sarrazin-Buch („nicht hilfreich“) stellt er in die Tradition der Reichsschrifttumkammer, über das Grass-Gedicht (das deutsche Politiker ernsthaft kritisierten) tobt er vor Zorn. Seine „Achse des Guten“ (wo er u.a. auch unter „Lucy de Beukelaer“ schreibt) nennt er „liberal“; unter seinen Fittichen können sich dort alle Rechte austoben, solange sie ein paar Grundregeln beachten… Dort prangert er etwa Politiker(innen) oder Wissenschaftler(innen) an, nicht zuletzt jene, die bei seinen Attacken nicht verschreckt die Köpfe einziehen. Die Linken-Politikerin Ulla Jelpke etwa als „linksreaktionäre Schlampe“, Sabine Schiffer unter der Kategorie „LRG-Fraktion (linksreaktionäre Gutmenschen)“. Moslems sperrten ihre Frauen ein, seien verklemmt und reaktionär, das sei die wahre Ursache für den „Nahostkonflikt“, „palästinensische Freunde“ hätten ihm das bestätigt. Linke/Liberale sind ihm ebenso verhasst, auch oder gerade, wenn sie Juden sind. Kein Wunder dass er mit seiner Islamkritik Lob von rechtsaussen bekommt, siehe z.B. xxx.npd-loebau-zittau.de/?p=2108, xxx.npd-sachsen.de/index.php?s=9&aid=700; auch FPÖ-Strache lernte dabei und bezog sich auf ihn. Broders „Distanzierungen“ zu diesen oder „Politically Incorrect“ lavieren.

Das von israelischen und amerikanischen Neokonservativen betriebene „Middle East Media Research Institute“ („MEMRI“) stellt sich selbst als wissenschaftlich, unabhängig und um Demokratie besorgt dar. Das Leugnen einer eigenen Agenda bzw. seiner Identität als Propagandaapparat der Netzwerke, die es unterstützen und finanzieren, ist Teil der Verdrehungen des Instituts, das auch von Anders Breivik geschätzt wurde. Jeder Artikel und jede Rede, die „Orientale“ gestört, hasserfüllt oder teuflisch erscheinen lässt, wird übersetzt; wobei die Liste an Einwänden gegenüber der Richtigkeit von Memri-Übersetzungen lange ist. Jede Geschichte, die Orientale informiert, begabt oder vortrefflich erscheinen lassen könnte, wird von ihnen ignoriert. Als „unvergleichliche Reformer“ präsentiert werden Figuren wie der Exil-Palästinenser Mossab Hassan Yousef (s.u.). Memri übersetzt keine Artikel aus der israelischen Presse oder Reden israelischer Politiker, weder hetzerische noch kritische, die solche Hetze (oder Folter an Palästinensern in israelischen Gefängnissen) behandeln und stellt sie schon gar nicht als repräsentativ für die betreffende Gesellschaft dar. Etwa wenn der isrealische Politiker Boim sagt, „Palästinenser haben einen Gen-Defekt“. Oder der Wissenschafter David Bukay: “Until it is understood that this struggle is the war between the Son of Light against the Sons of Darkness, that they represent the invasion of the Huns, in order to destroy modern culture – the world will continue to face an existential more growing threat“ (wen er wohl mit Söhne der Dunkelheit meint?). Dass anprangernde memri-„Übersetzungen“ in Wikipedia-Artikeln als Quelle benutzt und auch von seriösen Medien ernst genommen werden, zeigt, dass ihr Spiel verdammt gut funktioniert. Es gibt mehrere solcher „Institute“, die beobachten, „übersetzen“ und verbreiten, wie PMW (das von einem Westbank-Siedler geleitet wird) oder CAMERA.

Oriana Fallacis „Die Wut und der Stolz“ war eines der meistverkauftesten Bücher seiner Zeit (00er-Jahre) im Westen. Die rassistische Wut Fallacis reichte so weit, dass sie sich wünschte, ein Zelt mit somalischen Flüchtlingen anzuzünden. Das „muslimische Wesen“ beschrieb sie als hinterhältig, gewalttätig, verschlagen und schmutzig. Die Ex-Linke wurde am Ende ihres Lebens eine antiislamische Ikone. Junge Freiheit oder bahamas veröffentlichten begeistert daraus. Vielen Rezensionen war die Bewunderung anzumerken, dass endlich jemand wagt „etwas“ auszusprechen. Nennenswerter Widerstand gegen die Tiraden regte sich nicht.

Beim rassistischen Moslemhasserportal „Politically Incorrect“/ PI(-News), das den ganzen Kanon von„Eurabien“ (dem Konzept von „Bat Yeor“ vulgo Giselle Littman bzw. Orebi) bis „Taqiya“ wiedergibt, ist das Lavieren bzw. Heucheln zwischen dem Bekenntnis zu einer Art Faschismus (Sekundärfeindbilder wie andere Nicht-Weisse, „Gutmenschen“/Linke; Sekundäragenda neuer Deutsch-Nationalismus, Antifeminismus,…) und einem „Antifaschismus“ bzw. Toleranzchauvinismus (wir sind zivilisiert und aufgeklärt, faschistisch sind „die Anderen“) das offensichtliche, auch in den vulgär-verhetzenden Cartoons. Einerseits will man zu „alten“ Werten stehen, andererseits Intoleranz (gegenüber Schwulen, Feminismus, moderner Kunst,…) als Sache der Moslems darstellen. Im Kommentarbereich kommt dieses Dilemma dann z.B. so heraus: “Wobei man aber bei aller Abneigung gegen Musels auch fest halten muss: Dieses rumgeschwule ist ebenfalls erst durch rotzgrüne 68er er möglich worden ! Von dieser Satansbrut kommt im Prinzip alles schlechte : rumgeschwule, Feminazis, Musel.” Die Nähe von propagierten Inhalten auf einer Seite sagt einiges, mehr als manche möchten, über die Nähe dieser Inhalte an sich aus. Etwa ein Banner, das Solidarität mit Oberst Klein und den deutschen Soldaten in Afghanistan einfordert oberhalb eines Videos mit dem „Anti“deutschen Grigat auf der „Islamkonferenz“; daneben etwas über die alten Germanen. Das Bekenntnis zur USA war eigentlich nur eines zu Bush und den Neocons, gegen Obama wurde/wird Hetze betrieben, bezüglich Israel ist es natürlich auch nur eine bestimmte Politik, die man unterstützt. Nicht nur deshalb muss man das gleich einmal übersetzen, wenn dort behauptet wird, „supports real democracy in iran“. Wie Nürnberg 2.0 ist auch PI ein Internet-Pranger, wo Kritiker ihrer Inhalte etwa der „Islamisierung Deutschlands“ bezichtigt werden. Kritische Rezeption von Deutschlands größtem Hassblog wird auch als „Angriff auf die Pressefreiheit“ oder „NS-Methoden“ kommentiert.

„Wozu hingegen andere schon in ihrer gut beheizten Wohnstube fähig sind, führt der zum Mehrwertmullah konvertierte Exkommunist an sich selber vor. Über einen Mann aus Köln-Kalk, der einen türkischen Jugendlichen namens Salih mit seinem Messer tödlich verletzt hat, schreibt er: ‚Unvorhergesehen war für Salih, daß man als junger deutscher Kalker schon weiß, wer da nachts auf Beute ausgeht und diesmal der Überfallene, der schon mehrfach unbewaffnet Opfer eines Salih geworden war, mit einem Messer herumfuchtelte…‘ ‚Ein Salih‘ ist das Singularetantum für jeden Kanaken, wie im ‚Völkischen Beobachter‘ ‚ein Itzig‘ für jede Judensau.“ Das schrieb Hermann Gremliza oder ein anderer 08 im Konkret über den Hauptschriftleiter der Bahamas. Diese beiden Zeitschriften teilen zwar, wie auch Jungle World (die gern auch „Spass“ mit erfundenen Minstrel-Türken macht), die Grundrichtung und diverse Schreiberlinge, dieser Kommentar macht aber klar, dass der Unterschied zumindest zwischen den beiden erstgenannten einer ums Ganze sein kann. Die stereotype Darstellung von Moslems/Orientalen in einer besonders hetzerischen Sprache dort schliesst deren Beschreibungen als potentielle Sexualverbrecher und sexuell Gestörte mit ein, oder Behauptungen einer Art moslemischer Weltverschwörung mit dem Ziel, den „Westen“ wirtschaftlich, kulturell, moralisch und militärisch zu schaden. Gerne werden auch artvergessene selbsthassende Frauen und Männer angeprangert, die diesen Schwarz-Weiss-Malereien entgegnen. Markus Ströhlein von der Jungle World war Freiwilliger in der israelischen Fremdenlegion „Sar-El“, sein „Erfahrungsbericht“, ein unkritischer Werbetext für das israelische Militär, fand sich auf „Hagalil“ wieder, wurde auf de.wikipedia von Gleichgesinnten als Quelle für Artikelarbeit verwendet…

In Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) werden Moslems anderen Migrantengruppen negativ gegenübergestellt (andere wiederum mit zu den Schlechten gepackt…), Menschen über ihre „Rasse“ definiert, wird der Vorwurf der Deutschenfeindlichkeit erhoben. Lob/Verteidigung kam von der NPD, Broder (klare Worte seien doch gut; Eliten dumm und einfache Leute gescheit weil diese Sarrazin gut finden), Springer-Presse, vielen Stammtischen, Wilders (das Buch sei ein Anzeichen dafür, dass Deutschland mit sich ins Reine kommt, den Schuldkomplex überwunden habe), PI, den neuen Rechtsparteien wie „Pro Deutschland“. Die „unbequemen Wahrheiten“ wieder mal… Im österreichischen Parlaments-Wahlkampf 13 unterstützte Sarrazin die FPÖ (bei einer Lesung aus seinem Buch in Graz ca. ein Jahr zuvor, wo sich Strache um ein Autogramm anstellte, sagte er darauf angesprochen noch: „Ach das war der Herr Strache von der FPÖ?…Es freut mich immer wenn Politiker von mir lernen..“). Sein nächstes Buch richtete sich gegen den Euro und die Solidarität mit wirtschaftlich Schwachen in seiner Zone, diese entspränge dem schlechtem Gewissen Deutschlands wegen dem Holocaust.

Die konservative Schweizer „Weltwoche“, die 1933 Sympathie für den Faschismus und ihre Schweizer Ableger zum Ausdruck gebracht hat, heute recht offen die Schweizerische Volkspartei (SVP) unterstützt, gibt auch (Ex- oder Pseudo-) Linken Platz, solange diese als Kronzeugen für ihre Sachen auftreten und gemeinsame Feindbilder pflegen. Keine Hemmungen kannte man, als es um Hetze gegen Sinti/Roma (auch ein Sekundärfeindbild, denen gegenüber es meist gleiche Ablehnungsmuster wie ggü Moslems gibt) oder gegen Asyl ging. PI wurde anklagend verteidigt („unabhängige und populäre Gegenstimme“). Gastautoren wie Leon de Winter oder Broder bringen die entsprechende Note hinein.

Exemplarisch für antiislamische Blogs aus dem offen rechtspopulistischen Bereich ist „sosheimat.wordpress“, der Unterstützung von der FPÖ bzw. ihrer Parteizeitung Zur Zeit bekommt. „Nicht immer politisch korrekt“ sei man, „Moscheen sind ein Herrschaftssymbol“ und all das über den Islam, was Mainstream geworden ist, findet man dort, neben älterem wie „Schutz unserer Heimat“, „Inländerdiskriminierung“, „Freiheit für Südtirol“. Blogs sind nicht nur für diese Agenda ein wichtiges Medium, spiegeln diverses aus der Gesellschaft vielleicht eher wieder. Bei „kewil“ etwa, einem PI-Autor, der auch u.a. unter fact-fiction.net bloggt, zeigt sich auch, was im Paket der „Islamkritik“ (neben dem dazugehörenden Pro-Israel, -USA, -Abendland) so alles enthalten ist: Geschreibe vom „Versailler Diktat“, zustimmende Zitierung von Pinochet, purer Rassismus,…

Der geleugnete rassistische Charakter der Islamophobie kommt gegenüber Nicht-Moslems deutlicher heraus. Podhoretz hat auch ein „Negro Problem“. Der norwegische Hassblogger „Fjordman“ (Gastbeiträge bei „gatesofvienna“), ist zwar primär anti-islamisch, aber er ist generell rassistisch, auch gegenüber anderen „Südländern“, schreibt von „weissem Masochismus“ etc. Auf der evangelikalen Seite answering-islam.org werden auch Attacken gegen Rigoberta Menchu geritten. Beim kanadischen „Sun News“ (bringt David Horowitz, Pam. Geller, Pipes, Rob. Spencer, Steven Emerson, Brigitte Gabriel,…) kommen zwischen „Aufdeckungen“ zum Islam auch Verleumdungen von Umweltschützern oder dem einst von Polizisten misshandelten Afro-Amerikaner Rodney King oder Angriffe auf „Obamacare“. Geller schreibt von einem „Genozid“ von Schwarzen an Weissen in Südafrika, um die Rettung der „westlichen Zivilisation“ geht es ihr sowieso. Bei Gunnar Heinsohn (er schreibt auch auf „achgut“ und passenderweise auch bei Junge Freiheit) ist die Islamophobie in eine allgemeine, offene Geringschätzung nicht-europäischer bzw. nicht-„weisser“ Menschen eingebettet. Die Palästinenser stellt er als Modell für die „3. Welt“ dar, rechtfertigt den ihnen gegenüber errichteten „Trennzaun“, stellt ihn als logisch und noch ungenügend dar, da ja eine Entscheidungsschlacht „der zur Vernichtung entschlossenen Braunhäutigen“ (meine Wortwahl, Heinsohn hat es so nicht geschrieben, ich fasse nur zusammen), die von der „Weltgemeinschaft“ ernährt würden, mit den Weissen bevorsteht, welche die Braunen längst hätten besiegen können, aber eben so zivilisiert und zurückhaltend seien. Während andere versuchen, Afrikaner oder Kurden oder moslemische Frauen zu instrumentalisieren, Inder positiv zu affirmieren, spricht Heinsohn ungefiltert Klartext, packt Afrikaner oder Lateinamerikaner (die sich nach ihm aus Leidenschaft gegenseitig umbringen) zu den Moslems (die Europa unterwandern wollten) dazu. Osteuropäer zählen für ihn nicht als Partner in Europa. Lediglich Nordost-Asiaten (Japaner, Chinesen) zählen als Zivilisierte, wobei zweitere eher als Bedrohung herumspuken. Lawrence Auster, vom Judentum zum Christentum übergetreten, blog „view from the right“, möchte Moslems nicht umerziehen oder anderswie „helfen“ sondern rein bekämpfen. Daneben betreibt er eine Kampagne für eine weisse USA, wegen Rassismus gegenüber Schwarzen wurde er sogar vom frontpagemag rausgeworfen.

Von der Osten-Sacken, der sich auch gerne als Freund der Kurden präsentiert (diese „Freundschaft“ begann mit seiner Unterstützung des Irak-Kriegs 03, ist sein Ausdruck von Orientalismus) sagte alles über sich mit einer diffamierenden Tirade auf seinem „Wadinet“ gegen den exil-iranischen Politologen Fathollah-Nejad, der auf ZMag kritisch über eine Drop the bomb-„Konferenz“ und Ostensacks Auftritt dort geschrieben hat. Er rückt diesen darin in die Nähe des iranischen Regimes, um loshetzen zu können. Rassistisch stellt er eine Analogie zu den Grausamkeiten unter Saddam und Khomeini gegen Regimegegner her, wobei er für sich die Rolle des edlen, mutigen Opfers beansprucht und für Fathollah-Nejad die des orientalischen Despoten. Er ist daneben das beste Beispiel dafür, wie „Anti“deutsche und andere Islamophobe ihr pro-Israel und anti-Islam für ein Vorantreiben eines neuen Deutsch-Nationalismuses benutzen.

Elie Barnavi, der bezeichnenderweise mit „linksliberalem“ Zionismus assoziiert wird, hat das Buch „Mörderische Religion“ geschrieben, eine ausgezeichnete Kritik gabs dazu von Udo Steinbach im Rheinischen Merkur: „Jetzt kann es zur Sache gehen. Noch hat der Leser die Hälfte des Buches vor sich. ‚Alles, was bisher gesagt wurde, diente der Hinführung zu dem, was nun folgt. Der Islam ist es, der die aktuellen Reflexionen und Debatten über Religion hervorruft.‘ An dieser Stelle könnte der Rezensent abbrechen: Der Rest wurde unzählige Male gesagt und gehört – in Politik und Medien, auch in der Wissenschaft und am Stammtisch. Kaum ein Thema mobilisiert derart die Gemüter und lässt zugleich Simplifikation als Strategie der Mobilisierung gerechtfertigt erscheinen. ‚Es ist der Islam, der uns Angst macht‘. Die schwarze Liste ist lang: der Koran und seine zum Kampf aufrufenden Verse; die Gestalt des Propheten, des Politikers; die Unwilligkeit von Muslimen, die Moderne zu akzeptieren; die mentale Unfähigkeit, sich auf die Globalisierung einzustellen (Barnavi: ‚Die Muslime sind nicht neugierig‘); der Widerstand gegen die Säkularisierung (Barnavi stuft diejenigen als ‚ignorant‘ ein, die behaupten, die AKP des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sei das islamische Gegenstück zur christlichen Demokratie); Dass am Ende der Multikulturalismus als ‚Schwindel‘ entlarvt, das Scheitern der Integration bestätigt sowie die kämpferische Demokratie angemahnt und die Forderung erhoben wird, ‚das Erbe der Aufklärung wiederherzustellen‘, ist weder neu noch zielführend. Irgendwie scheint Barnavi gegen Ende seiner Ausführungen mit US-Präsident George W. Bush zu sympathisieren: ‚Der Mann hat das Problem erkannt.‘ Der Karikaturenstreit sei an den ‚muslimischen Massen, ungebildet, unkultiviert und abgestumpft, wie sie sind‘, festzumachen.“ Einige Jahre zuvor hat der „Orientalist“ Bernard Lewis, der ja Huntington zu seinem „Kampf der Zivilisationen“ inspiriert haben soll, ein Buch mit ähnlicher Aussage verfasst, mit weniger Sentiment und mehr Zahlen vielleicht.

Die Stilisierung der Serben als Retter des Abendlands am Balkan, gerade wegen der Kriege, die sie dort vom Zaun brachen, vereint einmal mehr klassische Rechtsaussen (wie Strache aus Österreich) und Pseudolinke wie „Anti“deutsche. „Nasdravlje, Partizani i Cetnici“ prostete die „Bahamas“ jenen beiden Lagern zu, die sich im 2. Weltkrieg blutig bekämpften. Die Widersprüche dabei sind nicht nur hier gross. Zwar kann man Islam, Islamismus und Faschismus vermixen und sich auf der Gegenseite platzieren. Ein Darko Trifunovic, der das im wissenschaftlichen Mäntelchen tut, als „Terrorismus-Spezialist“ Teilnehmer der Herzliya-Konferenzen, weiss nicht so recht ob er das Srebrenica-Massaker rechtfertigen oder leugnen soll. „Der Westen“ für viele Serben jedoch nur der andere Feind, er gilt dort bald als „verdorben“ und „dekadent“, Milosevic-Fan Handke nannte die kritische serbische Schriftstellerin Srbljanovic eine „Hure des Westens“. Und, Bush, der ja so weitsichtig ist, war es, der, nach einem triumphalen Empfang im „bösen“ Albanien, die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien durchgesetzt hat. Russland, für „Anti“deutsche und andere Kulturkrieger so etwas wie eine „orientalische Despotie“, ist für den serbischen Nationalismus ein wichtiger positiver Bezugspunkt. Und ob es Strache gelingen wird, seinen Anhängern die Beschäftigung mit der Vertreibung der Donauschwaben durch Partisanen auszureden und ihnen beizubringen, Serben in Österreich als gleichrangig, wenn nicht als Abendlandretter, anzusehen? Der Grat zwischen Retter und Zerstörer des Abendlands ist schmal bzw. konjunkturabhängig. In einem Wahlkampf hat die FPÖ vor dem Hintergrund der dortigen Finanzkrise gegen die “faulen Griechen” gewettert und “keine österreichischen Steuergelder mehr nach Griechenland“ gefordert. „Derzeit findet ja eine Massenenteignung der westeuropäischen Völker statt”.  Der französische Ex-Linke Pascal Bruckner dagegen, der den Westen vor Moslems und selbsthassenden „Westlern“ retten möchte, hatte sich auch für militärische Interventionen gegen serbische Aggressionen ausgesprochen.

Richard Wagner, ein Schriftsteller mit rumänien-deutschen Wurzeln, stimmte auf Broders „Achse des Guten“ ein Loblied auf die Islamophobie an, das er auch so nannte und sich einen Islamophoben, im Sinne von Angst vor dem Islam „als politische Religion“ (wie unschuldig); zur Absicherung schleimt er sich über jüdische Anliegen aus („für Israel, gegen Antisemitismus“) und schiebt dann eine Verteidigung rechter Anliegen hinterher (die ohnehin meist nur abendländisch-konservativ seien und dämonisiert würden) sowie Bekenntnisse zu fortschrittlichen Werten, Sorge um „Freiheit“ und „Grundlagen der offenen Gesellschaft“. In einer TV-Diskussion war er mir aufgefallen, wie er gern einen positiven Bezug zur deutschen Nation herstellen würde; nun, über „achgut“ scheint er einen Weg gefunden zu haben.

Eine Rita Katz, angeblich aus einer jüdisch-irakischen Familie, die über den Iran geflohen ist, heute in USA, erzählt im Buch „Die Terroristenjägerin“ von bösen Moslems, guten Juden, fanatischen Terroristen und überzeugten Kämpfern für die Freiheit, die immer nur darauf bedacht sind, die Welt zu retten. Lob von Hagalil, Raddatz. Bücher dieser Art, auch wenn der Inhalt nicht so schwarz-weiß daherkommt, gabs schon in den 80ern und 90ern, aber seit den frühen 00ern findet sich immer zumindest eins unter den Sachbuch-Bestsellern, eins das „unbequeme Wahrheiten“ ausspricht. Katz betreibt SITE, ein kostenpflichtiges „Informations“-Service über das Böse in der Welt.

Wie die anstrengende Arbeit in der Islamophobie-Industrie aussieht, kann man bei Pamela Gellers „atlasshrugs“ erfahren; aus dem Bericht über eine „Counterjihad-Konferenz“: „Andrew Bostom gave the closing speech on Islamic antisemitism and the Islamic Nazi conspiracy. Shocking revelations all tied to the Quran…It was a tough day. But we did all converge on the bar late into the night. Spencer, Bostom, Brian of London, Steen, Arno, Poller – a bunch of us — and laughed our asses until the wee hours. Hey – la chaim!“

(Über den) Orient

Die Unterdrückung oder Tötung von Moslems/Orientalen durch „eigene“ Herrscher wird beklatscht, gefordert oder hämisch daraus Islamophobie abgeleitet. Sie sind Barbaren weil sie unterdrücken, aber eigentlich haben sie das verdient. Die iranische Revolte 09 und die Aufbrüche in den arabischen Staaten ab 10 richte(te)n sich gegen Despotien und waren nicht islamistisch inspiriert, auch wenn sich Islamisten zum Teil dranhängten und, wie in Ägypten, vorübergehend Nutzniesser waren, lachender Dritter in der Auseinandersetzung zwischen dem Regime und einer Demokratiebewegung. Der Westen war überrascht von den Aufbrüchen, Islamophobe tun sich besonders schwer damit, behaupten sie doch gern, auf emanzipative/progressive Ansätze in der islamischen Welt zu warten oder sie zu unterstützen, glauben aber im Grunde nicht daran, dass eine Demokratisierung/Reform dort von innen (unten) kommen kann. Sie sind an Problem, nicht an einer Lösung interessiert. Ein Benutzer-Kommentar aus jungle world (offensichtlich nicht repräsentativ für deren Leserschaft; via mondoprinte gefunden): „Wer hat denn innerhalb der Linken jahrelang erzählt, daß jede Bewegung von unten in den arabischen Ländern nichts anderes sei als der Ausbruch islamistisch-faschistischen Ressentiments gegen die Moderne. Das gegenüber dieser Gefahr der westliche Kapitalismus reinstes Gold wäre und daß diese Staaten erstmal gewaltsam an die Kandare genommen werden müßte. In der Jungle world will uns der Bismarck-Fan Thomas von der Osten-Sacken immer noch weismachen, das militärische Massaker und Kriegsverbrechen a la Irak-Krieg den Weg zum Volksaufstand und zur Revolution in Ägypten geebnet hätte. Wer bitte schön war denn der Verbündete der Amerikaner im Irak-Krieg. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz oder der Folterknecht Mubarak?“

In islamophoben Kreisen wird in der Regel versucht, die iranische Demokratie-Bewegung zu vereinnahmen und die arabischen zu diffamieren. Vereinnahmungsversuche der arabischen Bewegungen sind eher selten, wenn (z.B. als es in Ägypten eine zeitlang gut aussah), dann erfolgte sie in der Regel in Form von Bush-Verteidigungsreden („der wollte das erreichen und wurde verkannt“; z.B. Christian Ortner) und mit „Wir waren immer auf deren Seite“. Bin Laden hat ebenso wie Bush diese Aufbrüche noch erlebt, beide mussten erfahren, dass jene in den arabischen Ländern, die Erneuerung woll(t)en, nicht auf sie Bezug nahmen. Auch die Haltungen von Islamisten (iranisches Regime, al Kaida) oszillieren hier zwischen Vereinnahmen und Diffamieren; Salafisten lehnen den Arabischen Frühling ab, schon allein, weil sowas irgendwann auch nach Saudi-Arabien kommen könnte, was ja gar nicht geht. Auch Mißfelder fand bei Will 2013: „…Saudi-Arabien, da gibt es eben die Scharia, da werden Menschen gesteinigt usw., aber S.A. ist eben auch ein Garant für die Stabilität vor allem Israels. Da gibt es eben auch Grautöne.“ Grautöne, bzw. Kulturrelativismus. Manche Beobachter formulieren hier auch offen, in Angst vor Machtverlust, westliche Interessen, die, siehe da, nicht von Universalismus sondern von Eigennutz inspiriert sein sollten.

Eine beispielhafte Behandlung der arabischen Revolutionen gabs von Matussek (dem es v.a. um sein katholisches Experiment geht) auf Spiegel Online, auf Englisch, im Rahmen einer Islam-Attacke, die er anlässlich Wulffs Aussage über die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland ritt. Nach einem Klagelied über Reaktionen auf „Islamkritik“, die entweder auf Zensur hinausliefen oder die „Betreffenden“ dazu brächte, sich genauso zu verhalten wie man sie beschreibt, schleimte sich über den arabischen Frühling zunächst etwas aus („We are all happy about…“), zählt dabei die drei nordafrikanischen Staaten auf, aber nicht die Golfstaaten mit westlichen Ölinteressen. Er würdigt immerhin, dass Leute dort ihr Leben riskierten (während andere hier kommentieren dass sich „die da unten“ gegenseitig die Köpfe einschlagen) um gleich festzuhalten, dass Demokratie, Aufklärung und Meinungsfreiheit westliche Werte sein (so wie die westliche Unterstützung von Ben Ali, Mubarak, in späteren Jahren auch Ghadaffi,…) und hinterherzuschieben dass man über Islamismus „besorgt“ sein könne, egal was Wulff und die anderen sagten. Er „weiss“ dass in Ägypten eine Mehrheit der Bevölkerung Steinigungen, Handabschneiden und Exekutionen für Islam-verlassen befürworteten, zählt dann Länder auf (darunter Gaza, wo Lebensbedingungen und Menschenrechte nicht mehr wichtig sind, sobald sie auf israelische Herrschaft zurückzuführen sind), in denen islamistische Gruppen starke Unterstützung hätten oder am Weg dazu seien. Schliesst mit „nichts davon neu“, man kenne seit 1979 die Risiken – er unterstellt dieser Revolution nicht, dass sie Khomeini und sein Regime wollte, stellt den Schah aber als anderes Gesicht „islamischer Herrschaft“ dar.

Als 2013 in manchen Städten der Türkei Proteste gegen die Politik der AKP-Regierung ausbrachen, machten westliche Kulturkrieger nun das, was sie gerne vorwerfen, nämlich türkische Politik zu importieren, mit der eigenen verbinden. Krone wie Jungle World schrieben von der „islamischen Regierung“, wenn nicht vom „islamistischen Regime“, für randalierende Türken wurde nicht der „Moslem“-Stempel herausgezogen sondern sie wurden in der Opfer-Rolle verortet … Genau so paradox, dass die oppositionelle, kemalistische CHP die Polizei zu Zurückhaltung aufforderte. So wie die Verurteilung der Ergenekon-Verschwörer (die u.a. eine Rolle bei der Hrant-Dink-Ermordung spielten und Attentate auf den Schriftsteller Pamuk, der Kurdenpolitiker Türk oder den griechisch-orthodoxen Patriarchen Archontonis planten) von ihren Sympathisanten sowie nützlichen Idioten zur Abrechnung mit dem politischen Gegner bzw. der Demokratie missbraucht wurden, werden auch hier falsche Antagonismen hergestellt. Die Probleme der Türkei haben ihre Ursache nicht im Islam sondern in der Tradition eines intoleranten, authoritären Staates, hat Yasar Kemal festgestellt. Der AKP bzw. Erdogan werden Übel untergeschoben, die unter ihnen vermindert wurden. Kemalisten hatten 80 Jahre Zeit für jene Schritte, die Erdogan etwa den Kurden in 10 Jahren entgegengegangen ist (Unterricht von bzw. Rundfunkprogramme in deren Sprachen Kurmanci und Zazaki, daneben ein Waffenstillstand mit der PKK), z.T. gegen kemalistischen Widerstand! Der weitere Weg von Erdogans Politik ist offen, aber gemessen an den Koordinaten der traditionellen türkischen Staatsdoktrin hat er im positiven Sinne Revolutionäres weitergebracht. Dazu gehört auch eine gewisse Entspannung mit Armeniern und Armenien (Zürich-Protokoll, Restaurierung von Kirchen wie jener auf der der Achtamar-Insel). Eine Politik, toleranter und pluralistischer als der von Atatürk verordnete (nationalistische) SäkularismusOder ist das Problem mit der AKP-geführten Türkei jenes, dass sie ausgeschlossen hat, sich an einer Militäraktion gegen den Iran zu beteiligen?

Exil-Iraner sind besonders beliebt, vor allem wenn es darum geht, sie gegen Interessen ihres Landes und der Region anzuführen. Wobei jene säkular-demokratischen (Exil-) Kräfte, die tatsächliche iranische Interessen vertreten, eher diffamiert und bekämpft werden. Die von Neokonservativen gebrachten Iraner sind immer dieselben, wenigen Aussenseiter. Es geht um das bevormunden der Iraner bzw. um ein Feigenblatt für seine imperialistische Nacktheit. Sehr gerne gebucht wird, in Nordamerika wie auch in Westeuropa, Hassan Daioleslam (manchmal auch nur „Dai“), der seine politischen Wurzeln bei den „Volksmujahedin“ (Mujahedin-e Kalqh, MEK, firmieren auch als MKO, PMO, NCRI) hat, die ja einst politischen Islam und Sozialismus miteinander verbinden wollten, also eigentlich pfui. Wenns darum geht, zionistische und antiiranische Standpunkte als iranische Stimme zu präsentieren, sind manchmal auch emigrierte iranische Juden wie der Israeli Menashe Amir darunter; andererseits kommt Zetern aus dieser Ecke wenn man (beispielsweise) iranischen Juden wohlmeinend eine iranische Identität nachsagt, sie haben die Opfer der Iraner zu sein, die gerettet wurden oder auf Rettung warten.

Wenn es um Palästinenser geht, die (vermeintlich oder tatsächlich) von Palästinensern getötet wurden, steht das “Zivilisten-sein” dieser Leute plötzlich nicht mehr in Frage, wird nicht mehr großer Aufwand für das “ausleuchten” vermeintlicher od tatsächlicher Hintergründe aufgebracht, sind plötzlich auch palästinensische Opfer beklagenswert, und ihre Tötung ein Ausdruck von Grausamkeit. Wie grausam die miteinander umgehen, viel grausamer als die Israeler mit ihnen. Liegt ihnen quasi im Blut. Nahe daran sind die zynisch-triumphalistische Hinweise auf Opfer im syrischen Bürgerkrieg. Und wenn man bei ihnen dann auch noch Christen gegen Moslems oder Frauen gegen Männer in Stellung bringen kann…

Der Umgang mit dem Breivik-Massaker 11 in Norwegen: Das Bekennerschreiben des Täters war nicht nur voll mit direkten Referenzen auf seine Idole von Broder bis Geller, sondern auch mit deren Kanon, wovon manches schon ganz mainstream geworden ist: „Islamisierung Europas, Kotau vor Moslems, Multikulti gescheitert, Abendland in Gefahr, Israel kämpft unseren Kampf, Linke sind nützliche Idioten der Islamisten bzw. Verräter,…“. Die „westliche  Zivilisation“ ist bei ihm dezidiert auf „Weisse“ beschränkt, was zumindest manche seiner Ideengeber (nicht aber deren Fussvolk oder die von PI) weit von sich weisen würden. Breivik selbst betonte nach dem Anschlag, die Opfer seien „keine unschuldigen Kinder sondern Aktivisten für den Multikuturalismus“ gewesen. Es folgten Distanzierungen bzw. Verdrehungen der Stichwortgeber von Spencer (seine Fans verteidigen ihn als „Fachmann, nicht Hetzer“, als Opfer, nicht Täter) bis Littman, die in den meisten Fällen ein selbstgerechtes Zurückweisen der Verantwortung war. Der Hinweis auf eine tatsächliche oder behauptete Zustimmung oder Verbindung ist „im Umkehrfall“ aber ein beliebtes Mittel der Diffamierung, siehe den Artikel bei Erhard Arendt. Auch im Manifest von Breivik nicht genannte bzw. von ihm nicht in den Pantheon der Islamophobie gehobene fühlen sich ertappt und melden sich selbstverteidigend zu Wort. Einige stellten ihn als einen in Wirklichkeit vom Islam(ismus) inspirierten dar (Grigat auf hagalil: „Islamneid. Was die rechten Fremdenfeinde und den Attentäter von Oslo umtreibt“). Seltener wurde die Theorie von der Tat als „moslemische false flag“ geäussert. Häufig kam die Einschätzung Breiviks als ein im Grunde unpolitischer Einzeltäter.

Verständnis für den Massenmörder gabs im Störtebeker-Netz und vom italienischen Lega Nord-Politiker Borghezio, von dem sonst u.a. Bemerkungen über die Überlegenheit der Nord- über die Süditaliener kommen. Nicht selten kamen Relativierungen des Anschlags angesichts der „islamistischen Gefahr“ und dass die „Opfer nun für eine Agenda ausgeschlachtet würden“. In der Jerusalem Post kam ein Kommentar, wahrscheinlich von Caroline Glick (einer Macherin von „Latma“; eine von Breiviks Lieblings-Juden), in dem die Verantwortung für das Massaker der „europäischen Einwanderungspolitik“ zugeschoben wurde (die Terroropfer und ihre Familien hätten sich quasi doch den anstürmenden Horden entgegenstellen sollen, dann wäre der Breivik beschwichtigt gewesen und hätte das nicht tun müssen..) und für Breiviks Ideologie Verständnis geäussert wurde, sowie ein Kommentar von Barry Rubin, in dem das von Breivik angegriffene Camp der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten als in ein „Pro-Terrorismus-Programm“ involviert diffamiert wird (weil sie für ein Ende der Blockade Gaza und für die Anerkennung Palästinas eintraten; sie wurden auch von Yediot Achronot/Ynet als „Israelhasser“ attackiert) und geklagt wird, dass Europäer Terror gegenüber Israelis hinnähmen/unterstützten, anders als Terror gegen sie. Hinterhergeschoben wurde dort eine Distanzierung des Chefredakteurs und eine Abstreifung Glick für die Verantwortung für Breivik. Manchmal kamen Quasi-Rechtfertigungen des Anschlags als „Ventil für falsche Politik“, also als falsche Maßnahmen für ein richtig erkanntes Problem“ (Pipes: „Breivik wollte die Counterjihad-Bewegung diskreditieren“, so gemein).

Küntzel bog sich die Wahrheit über die Attentate von Oslo und Utöya auf Perlentaucher zurecht: Er schlachtete Breiviks Manifest für eine Abrechnung mit Kritikern der Islamophoben aus, viktimisiert und heroisiert Broder („der Intimfeind aller Appeaser“, dessen Judentum noch hervorgehoben), bringt die Sache mit einer (angeblichen) Äusserung eines Offiziellen des iranischen Regimes in Verbindung. „Die ohnehin viel zu schwache Kritik am Islamismus ist in Deutschland seit Oslo und Utöya noch leiser geworden“ stimmt Küntzel dann in das kollektive Jammern über den „Propagandafeldzug gegen die ganze islamkritische Szene“ ein. Natürlich, nicht die 77 Getöteten sind die eigentlichen Opfer, sondern die Islamophobie-Industrie. Immerhin muss er sich von Breivik distanzieren und ein paar Sachen anerkennen: dass Islamisten hauptsächlich Muslime ermorden (bei der Aufzählung islamistischer Attentate blendet er dann doch wieder jene auf Moslems aus), die „Islamisierung Europas“ eine hetzerische Behauptung von rechtsradikalen Spinnern ist, dass es arrogante „westliche“ Vorstellungen über Völker im Kulturkreis des Islams gibt. Er nennt Raddatz (der ist zwar ein strammer Rechter, aber weniger Hetzer und Heuchler als die meisten mit denen Küntzel auf „Konferenzen“ auftritt und sachkundiger als er), „Pax Europa“ und Giordano als Beispiele für rechtspopulistische „Islamgegner“ (die es also doch gibt), denen zufolge das überlegene Abend- und das rückständige Morgenland sich gegensätzlich und unvereinbar gegenüberstünden (Küntzel kritisierte dies tatsächlich!). Dass „die Frontlinie zwischen Freiheit und Barbarei inmitten durch muslimische Gesellschaften“ läuft, ist für jemanden wie ihn auch nicht selbstverständlich. Er nimmt eine Differenzierung zwischen Islam und Islamismus vor und behauptet, auch Broder würde diese Trennlinie ziehen. Für sich selbst reklamiert er anscheinend eine objektive, überparteiliche Rolle… Er verharmlost Breivik und die Szene als harmlos und machtlos, klagt über eine „falsche Täter-Einordnung“, „Muslimfreunde“ (an einem Punkt rechnet er Obama dazu) stellt er als mächtige Gruppe dar und unterstellt ihr Freude/Erleichterung über den Norwegen-Anschlag. Sie kristallisieren sich als eigentliche Zielscheibe seines Texts hervor und „Islam(ismus)kritiker“ als jene, die er als Opfer verorten möchte. Seine Sorge, 11/9 und der islamistische Terror generell könnten an Singularität/Bedeutung verlieren, ist offensichtlich. Die Kommentatoren auf perlentaucher nehmen Küntzel v.a. seine Kritik an „Islamfeinden“ übel, zu der er sich gezwungen sah. Aber auch so ein Kommentar kam: „Muslimfreunde? Gab es die nicht schonmal? Oder so ähnlich: ‚Die entlarvten Judenfreunde‘ von Rudolf Wiedemeyer, Deutscher Verlag 1923.“

Das konsensfähige Sujet vom Widerstand gegen die angebliche Islamisierung ist seit Oslo nicht mehr so blütenweiss, aber man nimmt halt Modifizierungen vor, wie nach den iranischen und arabischen Aufständen gegen ihre Diktatoren. Jene Hassprediger, die darüber jammern dass die „Gegenseite“ durch Oslo/Ütoya aus der „moralischen Defensive herausgekommen“ sei, sagen damit (bzw. verstärken den Eindruck), dass sie islamistische Anschläge etc. brauchen, diese für sie ideologischen Auftrieb bedeuten und sie eine Art Hoheit beanspruchen.

Unter dem Titel „Caught in the web“ brachte Øyvind Strømmen in Syn og Segn eine Analyse über neue soziale Milieus im Internet und über Internet-Radikalisierung, die auch Breivik zu seiner Tat motiviert haben könnte. In Strømmens Artikel wird darauf hingewiesen, dass rechtsradikale Sites wie die – auch von Anders Breivik genutzte – Stormfront ungleich mehr User habe als populäre islamistische Seiten wie Al Ekhlaas oder Al Hesbah. Die Beobachtung von Internet-Radikalisierung habe sich fast ausschließlich auf Islamismus konzentriert.

Israel und Judentum

Philosemitismus und Israel-Solidarität laufen oft parallel zu Islamophobie. Ein Philosemitismus in den Stereotypen des Rassismus blockiert zuverlässig jegliche ernsthafte Auseinandersetzung mit rassistischen Tendenzen in der Gesellschaft. Bei allem Dissens im Detail zeichnen Linke wie Rechte beklemmend manichäisch das Bild vom „heldenhaften jüdisch-israelischen Volk“ das sich gegen die rückständige, fanatische, mörderische Region behauptet, gegen die Palästinenser, die Vorhut der Feinde des Fortschritts, des Westens. Ignoranz für das Leid der Palästinenser ist klassischer Kulturrelativismus. Aznar hat, nach dem israelischen Massaker auf der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, davon gesprochen dass Israel die erste Verteidigungslinie des Westens sei und „wir alle“ untergingen, ginge es unter. Die Verteidigung der Zivilisation drückt sich demnach u.a. so aus, dass die Hebron-Siedler ihre Exkremente auf die Märkte der Palästinenser in der Stadt schütten. Rassismus ist nicht nur vereinbar mit einer Pro-Israel-Einstellung, er liegt ihr meist zu Grunde. Die Aufrechterhaltung westlicher Dominanz ist natürlich auch ein Antrieb. Für (viele) Deutsche scheint Israel ein nationaler Ersatzmythos geworden zu sein, eine Identifikation mit den Israelis ist auch durch die Annahme motiviert, sie führten eigentlich einen Stellvertreterkrieg für genuin deutsche Wünsche, Vorstellungen und Ideale, für völkische Einheit und nationale Selbstbestimmung auf heimatlicher Scholle. Die Israeler firmieren gewissermassen als der grosse, militante Heimatvertriebenenverband, der zurückgekehrt ist. Das zionistische Ressentiment wonach Palästinenser ihr Land über die Jahrhunderte „verfallen gelassen haben“, damit eigentlich nichts anfangen könnten, bzw. dass Palästina nicht nur ungenutzt sondern auch unbesiedelt war, bevor Juden kamen, wurde von westlichen Israelfans bereitwillig aufgegriffen. Israel-Solidarität wird mal mit Universalismus („einzige Demokratie weit und breit“), mal aus offenen Partikularismus (Überlegenheit/Hegemonieanspruch der Juden über „Kameltreiber“) argumentiert. Siedlungen sind entweder ein paar Häuser mehr die niemanden wehtun oder aber historisches Recht der Juden in „Judäa und Samaria“. Der Beginn der 2. Intifada 2000 war auch ein „Vorbote“ auf das neue, kommende Zeitalter und seine Frontstellungen.

SPME und Gleichgesinnte spucken Gift und Galle, wenn Zionismus-Kritiker wie Norman Finkelstein, Ilan Pappe oder Mosche Zuckermann irgendwo auftreten. Der Grad zwischen Toleranzchauvinismus („Dass Zuckermann in Israel lehren kann, zeigt wie tolerant Israel doch ist) “und Versuchen, solche kritischen Stimmen zum schweigen zum bringen, ist schmal. Ilan Pappe kann in Israel nicht mehr lehren; nachdem er sich dem Thema der palästinensischen Nakba kritisch annahm, musste er die Universität Haifa verlassen. Auf der Veranstaltung „Remapping Palestine“ in Wien 2011 sprach er u.a. über akademische Freiheit anhand des Nahostkonflikts; eine Veranstaltung, die auch verhindert werden sollte. Gegen einen Vortrag von Finkelstein hetzten SPME u.a. auch, mit der Behauptung, dass dieser Lob von Neonazis bekäme (vergleiche dazu z.B. Breiviks Idole und die Apologetik dazu); gegen die Hetze der Rechtsextremen gegen Moslems haben diese gar nichts. „Honestly Concerned“ veröffentlichte dann die Kontaktdaten von dem Hotel, in das Finkelstein auswich, nachdem die Uni, in der er zunächst auftreten sollte, dem Druck nachgegeben hatte.

Amy Kronish, die sich mit dem israelischen Kino, als Spiegelbild der Gesellschaft des Landes, auseinandersetzt, hat auch über „Arabs on Israeli Screens“ geschrieben. Darin stellt sie fest, dass Palästinenser bzw. Araber in zionistischen Filmen, auch schon vor der Staatsgründung Israels, in der Regel als primitiv und exotisch dargestellt werden. In den früheren Filmen wurde der Gegensatz durch die Darstellung der jüdische Pioniere als modern und fleissig erzeugt. Palästinenser wurden gerne als Teil der malerischen Landschaft abgebildet, auf Eseln oder Kamelen reitend, altmodische Pflüge ziehend, zusammen mit Palmen oder der Wüste, aber nie als Individuen oder aus „der Nähe“ (und wenn, dann als eindimensionale Charaktere). Palästinenser/Araber/Orientale werden in israelischen Filmen in der Regel von Mizrahi-Juden dargestellt. Der Film „Hamsin“ aus dem Jahr 1982 hatte diesbezüglich etwas revolutionäres, so Kronish. Es geht darin um einen Bauer in Galiläa und seinen palästinensischen Gehilfen und behandelt auch die Nakba von 1948 mit, die Schwierigkeiten der nicht-vertriebenen Palästinenser im israelischen Staat und sogar sexuelle Beziehungen zwischen den beiden Volksgruppen. Bemerkenswert auch der erste Film eines „israelischen Arabers“, Michel Khleifi, „Hochzeit in Galiläa“ aus 1987. Er spielt in der Zeit, als diese Palästinenser im israelischen Staat noch unter Militärverwaltung standen. Vergleiche dazu die Reaktionen  über entsprechende (?) Darstellungen von Juden/Israelis wie in der türkischen TV-Serie „Tal der Wölfe“. In Hollywood haben Araber immer wieder die Rolle des bösen Anderen eingenommen (verstärkt nach Ende des Kalten Krieges), des Barbaren, der die Zivilisation bekämpft (bzw. umgekehrt), eine Rolle, die früher für „Indianer“, dann „Mexikaner“, dann „Russen“ reserviert war.

Während gerade wieder ein „neuer Antisemitismus“ zelebriert wird, reihenweise Untersuchungen über den Antisemitismus von jugendlichen Moslems herauskommen, wartet etwa der antiarabische Rassismus unter jungen französischen Juden (ob in JDL-Ablegern oder anderen Gruppen) noch darauf, untersucht zu werden. Oder jener des „Mavet le Aravim“ (Tod den Arabern) rufenden Mobs in israelischen Städten.

Der israelische Historiker Haggai Ram spürte der israelischen „Iranophobie“ nach und brachte 2009 „Iranophobia: The Logic of an Israeli Obsession“ heraus. Er schreibt bzw. redet das 1979 im Iran an die Macht gekommenen Regime nicht schön (Gudrun Harrer 08 in derstandard im Artikel „Logik einer Obsession“ dazu: „Ram wird trotzdem des Antisemitismus beziehungsweise des jüdischen Selbsthasses, der Unterstützung von Holocaust-Leugnung, des Antizionismus sowieso, aber vor allem des Irreseins bezichtigt werden“) aber er geht dem in seinem Land kaum angefochtenen Umgang mit dem Thema „Iran“ und dessen Instrumentalisierung auf den Grund. Er stellt zum einen fest, dass hinter der Konstruktion der Bedrohung Israels durch den Iran inner-israelische/-jüdische Spannungen stehen. Israel sei immer bemüht, sich als Leuchtturm westlicher Rationalität und Zivilisiertheit in einer schon immer unberechenbaren, feindseligen, irrationalen und fanatischen Region darzustellen (wobei westliche Reaktionen auf den Islamismus auf allen Ebenen v.a. seit 2001 hier hilfreich sind). Dazu diente auch die Ent-Orientalisierung der v.a. in den 1950ern aus den islamischen Staaten geholten Juden durch das aschkenasische Establishment. Viele Israelis, so Ram, sähen im klerikal beherrschten Iran ein Horrorszenario für die Zukunft des eigenen Landes. Dies mit Blick auf die religiösen Parteien, die mal in die Regierung eingebunden, mal isoliert werden (in der jetzigen Regierung sitzen neben dem Likud die Partei vom jungen Lapid, der die Religiösen und ihre Inhalte kleinhalten möchte und die von Bennet, der eine Brücke zu ihnen bauen will, zur Verbreiterung eines israelischen Nationalismuses), und teilweise (Schas) Mizrahis und teilweise (Vereinigtes Thora-Judentum) Aschkenazis repräsentieren. Auch viele Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion, so Ram, hätten Anti-Mizrahi-Empfindungen, nicht zuletzt aufgrund ihrer vorwiegend säkularen Ausrichtung. Eine weitere Beobachtung Rams beim israelischen Iran-Diskurs (der ja gern nach aussen getragen wird) ist die für israelische Politiker willkommene Ablenkung vom Grundkonflikt, dem mit den Palästinensern; diese würden auch zunehmend als eine Art Vorhut der Iraner empfunden/dargestellt. Damit könne der eigene Teil der Verantwortung leicht abgegeben werden. Die gegenseitigen Bedrohungen zwischen Israel und Iran interpretiert er als eine Art von Dialog zwischen ihnen. Den Holocaust zu einem politischen Instrument würden dabei beide Seiten machen.

Das Buch von Noel Ignatiev „How the Irish Became White“ setzt sich damit auseinander, dass irische Einwanderer in den USA nicht schon immer als “Weisse” angesehen wurden, sich diesen Status erst durch Mehrarbeit in Sachen Rassismus, v.a. gegen Afro-Amerikaner, verdienen mussten. Etwas Änliches lässt sich mit Blick auf die Mizrahim (der Begriff „Sepharden“ für sie ist eigentlich nicht korrekt) in Israel feststellen, die den „Makel“ ihrer „orientalischen“ Herkunft durch eine Mehrarbeit in Sachen Nationalismus bzw. Überheblichkeit v.a. gegenüber Palästinensern kompensieren mussten und dabei auf den Likud gegen die Arbeiterpartei setzten (bzw. der ebenfalls aschkenasisch dominierte Likud auf sie), der in der Wahl 1977 den Machtwechsel schaffte. Diese Rolle ist möglicherweise später zu den aus Äthiopien geholten Juden weitergewandert. Philosemiten sind immer nur für bestimmte Juden, lehnen andererseits religiöse, linke oder orientalische ab.

Ängste vor dem „Eindringen des Mittleren Ostens“ über Mizrahim nach Israel werden schnell nach aussen umgeleitet, Shinui-Parteichef Yosef Lapid sprach in dem Zusammenhang vom „levantinischen Misthaufen“. Lapid wurde als Tomislav Lampel in Jugoslawien geboren und ist 1948 nach Israel eingewandert, wurde in Europa gern als „mitteleuropäischer Liberaler“ dargestellt. Vieles was auf „Islamophobie“ zutrifft, trifft auch auf solche Sichtweisen zu, zumindest waren sie jahrzehntelang in Israel vorherrschend. Etwa das „Wir sind fortschrittlich, ihr rückständig“-Gehabe zur Abgrenzung. Lapid hatte nicht nur ein Problem mit Levantinern: 1974, nachdem die meisten schwarzafrikanischen Staaten nach dem „Nahostkrieg“ von 1973 die Beziehungen zu Israel abbrachen, schrieb er in Maariv den Artikel „Le’maan D’rom Africa Lo Esheshe“ (Um Südafrika willen will ich nicht schweigen), eine rassistische Tirade gegen Schwarzafrika und auch Afro-Amerikaner (die er, mit Berufung auf den britischen Rassentheoretiker John Baker und Disraeli, Juden in USA gegenüberstellte um zu schliessen: „Offensichtlich gibt es einen vererbbaren Unterschied zwischen einem Mann dessen Vater im Dschungel lebte und einem dessen Vorfahren Priester im Tempel waren.“), ein Lob auf Apartheid-Südafrika und Israels Zusammenarbeit mit ihm. Irgendetwas sagt mir, dass MEMRI sowas nie übersetzt hat. Zu finden ist es (u.a.) in “Besieged Bedfellows“ von Benjamin M. Joseph (1988).

Anastasia Michaeli (-Samuelson), die die rechtsradikale Yisrael Beitenu im israelischen Parlament vertrat, eine aus Russland stammende blonde Konvertitin zum Judentum, die auch für ihre Theorien über Homosexuelle und eine physische Attacke auf die palästinensische Abgeordnete Hanin Zoabi bekannt ist, hat einst als Jury-Mitglied in der israelischen Ausscheidung zum Song Contest die Sängerin Liel Kolet, deren (jüdische) Eltern aus Indien stammen, abgelehnt, weil diese eine „arabische Erscheinung“ habe. „Wir müssen jemanden auswählen, der uns nicht nur künstlerisch repräsentiert“.

Rechte Islamophobie

Jean-Marie Le Pen äusserte schon 02 gegenüber Ha’aretz Verständnis für den israelischen Kampf gegen „Araber und Terror“, verglich ihn mit dem französischen Kolonial-Kampf in Algerien, an dem er ja teilgenommen hatte. Oder Jörg Haider einst auf einer BZÖ-Veranstaltung: „Noch darf man Grüss Gott sagen und muss nicht Allah ist gross sagen“. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, dass es dazu kam. Historisch gabs eine lange Ablehnung der westlichen Rechten gegenüber dem „Orient“, die manches der heutigen Islamkritik vorwegnahm; aber auch eine Stützung reaktionärer Kräfte in der islamischen Welt. Neue Parteien wie jene von Wilders haben überhaupt kein antisemitisches Erbe, definieren sich geradezu durch einen positiven Bezug auf Israel (das wieder einmal die Rettung des Abendlands darstellt), im Negativen hauptsächlich über Anti-Islam. „Islamisierung stoppen“ und ähnliches ist bei Rechtspopulisten in (West-) Europa heute ein selbstverständliches Kernthema. Ähnliches gilt für die Evangelikalen der USA; bei einer Israel-Solidaritätsveranstaltung der evangelikalen Christian Coalition in USA 03 forderte etwa der damalige israelische Minister Benjamin Elon (Nationale Union), ein Westbank-Siedler, unter Jubel die Aussiedlung der Palästinenser nach Jordanien. Bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin 2013 faselt der Anführer von „Reconquista“, Europa wieder vom Islam reinigen,…

Für Rechte/Konservative ist Islamophobie eine Chance, ihre Ideologie „reinzuwaschen“ und grössere Akzeptanz zu bekommen, eine Frischzellenkur, man kann sich als zu modernen und aufgeklärten Werten stehend und sie verteidigend profilieren, auch als wehrhaft gegen die mit Islamisten „verbündete“ oder sie „verharmlosende“ Linke. Man hatte mit seinen
Vorurteilen immer schon recht, man hat die Möglichkeit zu einem politisch korrekten Rassismus.

Wenn man sich im rechtem Milieu zur „Islamkritik“ gewissermaßen „linke“ Errungenschaften auf die Fahnen heftet (u.a. Frauen-Emanzipation), ist das nie frei von Ambivalenz. Manchmal kommt deutlich heraus, dass man diese Werte im Grunde ablehnt. FPÖ-Chef Heinz Christian Strache etwa hat die entlassene NDR-Moderatorin Eva Herman, die „die Wertschätzung der Frau im Dritten Reich“ gelobt hatte, verteidigt, dabei erwähnte er auch Autobahnbauten, nach ihm ebenfalls etwas Gutes aus dieser Zeit (auch die Forderung, über das NS-Verbotsgesetz zu diskutieren, kam von ihm). Er lud Herman dann zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Das Eva-Prinzip – Antwort auf den Feminismus“ in den FPÖ-Parlamentsklub ein. Nach ihrer Absage am Tag der Veranstaltung sprach dann der Salzburger Weihbischof Andreas Laun. Wenig später redete Strache dann davon, dass Zuwanderung von ausserhalb Europas Elemente mit sich bringe “die nicht unserer Kultur entsprechen, darunter die Unterdrückung der Frau”. Und dass er „wehrhaft“ gegen Islamismus auftreten wolle. Grünen-Chefin Glawischnig sei männerfeindlich. Im Wiener Wahlkampf 10 brachte die FPÖ neben altbekanntem wie der Assoziation Asylbewerber-Kriminalität, Angstschüren vor osteuropäischen Nachbarn (Ende der EU-Schutzbestimmungen am Arbeitsmarkt), Gemeindebau-nur-für-Österreicher-Parolen auch dezidiert anti-islamisches, etwa Zustimmung zu Sarrazin, oder das Lied von Broder wonach Menschen aus einem anderem Kulturkreis wegen ihrer Herkunft mildere Strafen für Mord und Totschlag bekämen. Und: „Wenns nach den Gutmenschen ginge, würde jetzt Ramadan beginnen.“ Strache kaut auch den „clash of civilizations“ mit dem Islam wieder. Auch wenn er über europäische Werte, Humanismus oder Christentum schwadroniert, geschieht das meist zur Abgrenzung vom „Islamischen“ und immer heuchlerisch.

Elisabeth Sabaditsch-Wolf, eine österreichische Diplomatentochter, berät Strache aussenpolitisch, hat ihn nach Israel begleitet. Sie hält Hasspredigten in „Islam-Seminaren“ am Freiheitlichen Bildungsinstitut ab, ist im Präsidium des Wiener Akademikerbundes, unterhält Kontakte auch zu Wilders, ist Generalsekretärin des („im Untergrund tätigen“) Vereins „Mission Europa. Netzwerk Karl Martell“, Teilnehmerin an der jährlichen „Counterjihad Conference“, aktiv bei Ulfkottes „Pax Europa“, postet im IT unter Pseudonymen antiislamische Artikel (auf Webseiten wie redegefahr.com) und Kommentare, stilisiert sich als mutige Kämpferin gegen etwas Totalitäres. Hat auch Breivik beeindruckt.

Die CDU-Politikerin Kristina Schröder, die sich gern in Äquidistanz zu rechts und links verorten möchte, hat erst 2009 auf ihrer Website Links zu PI und dem deklarierten Rechtsaußen-Blatt Junge Freiheit gelöscht. Im Windschatten von Sarrazin kam auch sie mit „moslemischer Deutschenfeindlichkeit“ daher. Für die rechte israelische Zeitung Jerusalem Post durfte sie einen Artikel über „Antisemitismus in Deutschland“ schreiben, eine weitere Möglichkeit für sie, darauf hinzuweisen, von wem alle Feindseligkeit ausgeht und, wohl auch, um den Schuldkomplex zu überwinden, den Wilders meinte (s.o.). Zu dem Thema hat sie auch Broder als „Experten“ in den Bundestag geladen.

Für die deutsche „neuen Rechte“ (Antaois-Verlag, Junge Freiheit, Götz Kubitschek, Manfred Kleine-Hartlage,..) ist auch längst der „Islam“ Feind Nr. 1, Weissmann arbeitet schon mit Stürzenberger von PI zusammen. Die Szene dieser neuen und neuesten Rechten (wie den Pro-Parteien) ist aber zerstritten und zersplittert, nicht zuletzt anhand des Widerspruchs zwischen Kampfeslust nicht zuletzt gegen den (postmodernen) „Mainstream“ und dem Bekenntnis zu „fortschrittlichen“ Werten – auf internationaler Ebene ist es ähnlich.

Auf stormfront.org, einem englisch-sprachigen Rechtsextremen-IT-Forum des US-Amerikaners Don Black (einem früheren KuKluxKlan-Führer), das auf „weisse Vorherrschaft“ ausgerichtet ist, gibts Holokaust-Leugnung bzw. -Verteidigung neben Israel-Begeisterung, auch viel Anti-Islam, Geschreibe von „Eurabia“, etc. Wie so üblichen bei Rechten, gestaltet sich die internationale Zusammenarbeit schwierig, aufgrund der konkurrierenden Ansprüche etwa südslawischer Nationalisten oder burischer und englischsprachiger Hetzer gegen das Post-Apartheid-Südafrika.

„Linke“ Islamophobie

Manche Linke surfen gemütlich auf der antiislamischen Welle und spielen den Wahrer von emanzipativen Ansätzen, beziehen Front gegen Rechtsextremismus nur, wenn sie dort Moslems verorten können. Publizisten aus diesem Lager erliegen der Faszination begrifflicher Tabubrüche und wittern die Gelegenheit, Antifaschismus und Rassismus miteinander zu versöhnen, berauschen sich und ihr Publikum mit markigen Parolen. Der kanadische Regisseur „Bruce Labruce“: „Ich war angewidert, wie still und feige sich die Linke nach dem 11. September verhält; dass sie rechten Kräften und dem Krieg gegen den Terror freie Bahn ließ.“ Hartmut Krauss ist der typische Vertreter eines „Islamophoben“ der von links kommt und die in Mitte bzw. nach rechts steuert, er war u.a. Initiator der „kritischen Islamkonferenz“ 08 (nicht zu verwechseln mit der jährlichen „Counterjihad Conference“ mit David Littman, Filip De Winter, Arye Eldad, Robert Spencer, Trifkovic, Herre,…). Unter dem Label „Antideutsch“ wird fremdenfeindliche Hetze verbreitet, die als „progressiv“ dargestellt wird.

Karl Marx’ Verachtung für nicht-europäische/-weisse Völker/Kulturen ist ein Fundament für den Rassismus/Kulturalismus der Pseudo-/Postlinken im Westen. Jedenfalls sind Einschätzungen von ihm wie diese in den letzten 10, 15 Jahren oft ausgegraben worden: „Die indische Gesellschaft hat überhaupt keine Geschichte, zum mindesten keine bekannte Geschichte. Was wir als ihre Geschichte bezeichnen, ist nichts andres als die Geschichte der aufeinanderfolgenden Eindringlinge, die ihre Reiche auf der passiven Grundlage dieser widerstandslosen, sich nicht verändernden Gesellschaft errichteten. England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien.“

Die angebliche Ablehnung von Nationen durch “Anti“Deutsche ist vor allem eine Legitimationsstrategie, um sich gegen Rassismusvorwürfe zu immunisieren; sie machen das, was sie Antirassisten unberechtigt vorwerfen, nämlich Menschen nicht als Individuen wahrzunehmen, sondern in Kollektive einzusortieren. Sie können nur die Mossab Hassan Yousefs (siehe unten) oder aber die Bin Ladens akzeptieren, lehnen andere als unecht ab oder diffamieren sie. An jene, die noch nicht den Mossab-Weg gegangen sind, wird die Aufforderung gerichtet, sich zu „befreien“, so wie wenn Hetze gegen Juden damit rechtfertigt wird, man sei gegen “die Juden” weil diese sich als Juden definierten und jederzeit mit ihrem Judentum brechen könnten.

Deutschlandschelte hat die Funktion einer Blendgranate; „Anti“deutsche müssten über die (angeblichen) Deutschland-Beschimpfungen von Migranten eigentlich froh sein, aber es ist natürlich das Gegenteil der Fall, wie man z.B. bei Birgit Schmidt in Jungle World (die in dem Zusammenhang auch die Richterin Heisig lobt) lesen kann. Auch dass es mit dem PI- oder Sarrazin-Gedankengut zumindest Überschneidungen gibt, ist nicht überraschend. „Aufarbeitung“ des Faschismus und Versöhnung mit Deutschland über Islamophobie und Philosemitismus. Ein Geschichtsrevisionismus für die eigenen kleinkarierten, zutiefst „deutschen“ Befindlichkeiten. Antiimperialistische Bewegungen oder zögerliche Rechte werden als „völkisch“ diffamiert, weil sie sich der falschen Völker annehmen.

„Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt“ von Gerhard Scheit ist ein Buch, in dem Sätze mit „Der muslimische Mann…“ beginnen und Gerüchte weiterverbreitet werden, wonach Araber teils bis zum 8. Lebensjahr an der Mutterbrust gesäugt würden. Neben rassistischen Ammenmärchen findet man darin Versuche, islamistische Selbstmordattentate mit Heidegger zu erklären.

Dass jemand wie Grigat an der Universität Wien lehren kann, sagt nichts (Gutes) über ihn, aber etwas (Schlechtes) über diese Uni. Die Maskierung seiner Propaganda als „wissenschaftliche Arbeit“ ist bei ihm allgegenwärtig. Als Hauptagitator der Kriegs-Kampagne „Stop the Bomb“ will er nur deren „wissenschaftlicher Berater“ oder „Moderator“ bei den Podiums“diskussionen“ ihrer Veranstaltungen sein. In Österreich sind die „Anti“deutschen um den Berliner in der „Basisgruppe Politikwissenschaft“ der Uni Wien entstanden, sind heute u.a. im „Café Critique“ organisiert, bilden einen Klüngel am Wiener PoWi-Institut mit Ablegern etwa in Form von „Mena“ („Medienbeobachtungsstelle Nahost“), wo seine Hilfssheriffs wirken. Der Kreis ist auch Handlanger von Pipes‘ „Campuswatch“ in „Grossdeutschland“, agitierte z.B. gegen die Verleihung einer Ehrendoktorwürde an Hanan Ashravi (Frau und Christin, aber Palästinenserin).

In seiner Kriegs-Propaganda gegen Iran behauptet Grigat, der neue Antisemitismus/Faschismus käme aus arabischen Ländern. Im selben Interview dann etwas später: „Die meisten arabischen Länder haben Israel längst signalisiert, dass sie kein wirkliches Problem damit hätten, wenn Israel Angriffe auf Nuklearanlagen im Iran durchführen würde“. Wie jetzt, dort wo der Faschismus daheim ist, ist man für Angriffe auf Iran? Die iranische Bevölkerung sei auch grossteils für ihre „Befreiung“ auf diesem Weg, der aufgeklärte Westen sowieso, also eh praktisch alle? In der Propaganda von „Drop the Bomb“ findet man, besonders wenn man ihre Inhalte seit ihrer Initialisierung 07 beobachtet, verschiedenste Kriegsrechtfertigungen gegen Iran, nebeneinander auch widersprechende wie „Iraner befreien“ und „weil die iraner die Atombombe des Regimes wollen“. Immer zynisch: das ignorieren iranischer Opfer; die Sorge gilt israelischen Opfer eines allfälligen Gegenschlages (gut, dass Belege für sowas nicht so leicht aus dem Internet verschwinden).

Der Wiener Akademikerbund fordert u.a. die ersatzlose Aufhebung des NS-Verbotsgesetzes, die „fundamentale Korrektur“ der Fristenregelung, die ersatzlose Streichung des EU-Gleichbehandlungsgesetzes („könnte verborgener Sprengsatz für die abendländisch-christliche Kultur sein, zielt auf zwangsweise Einführung einer multikulturellen Gesellschaft ab“), die Beendigung der Zuwanderung um „Gefahren für das Heimatland abzuwehren“, Spezialgesetzgebung für Muslime, Beseitigung des „Wildwuchses von Moscheen“ sowie die Anerkennung der „effektiven Verschiedenheit von Rassen und Völkern“. Grigat, vom Sabaditsch-Kollegen Christian Zeitz dorthin gebracht, hat 09 dort über „Die ‚Islamische Republik Iran‘ und die Menschenrechte im ‚Kampf der Kulturen’“ einen Vortrag gehalten. Angekündigt als „Nahostexperte und gefragter Publizist“, hat er dort über das “Spannungsfeld von islamischen Gesellschaften und Menschenrechten“ geredet und ob sich „die Menschenrechte von einem Schutzrecht des Individuums gegenüber dem Staat … zu einem Anspruch verlagern, verschiedene (religiöse und ideologisch bedingte) Lebensentwürfe auch gegen den Willen der Mehrheitskultur und -bevölkerung durchzusetzen?“. Nachdem etwas mehr über den Akademikerbund bekannt wurde (Aufregung gabs eigentlich nur wegen der Forderung mit dem NS-Gesetz) gab der Israel-Fetischist (auch der Islamophobie-Diskurs richte sich gegen Israel…) über SPME eine Erklärung ab, in der er, anmaßend und selbstgerecht wie immer, versuchte, sich das Opfermäntelchen umzuhängen. Wenn Grigat auf derstandard.at (meist seine eigenen Gastkommentare) als „harlan eiffler“ kommentiert, sagt er über sich noch einiges aus.

Allianzen und Kooperationen

Die Islam-feindliche Perspektive erweist sich als idealer Kitt, unterschiedlichste Gruppierungen/Ideologien zusammenzuschweißen und Vernetzungen herzustellen. Das Konzept eines „Westens“ erlaubte im Kalten Krieg die Reintegration von Faschisten (nachdem mit „keelhauling“ und anderen Zugeständnissen an Stalin der kommunistische Ostblock, der kommende Feind, gestärkt worden war) als „Antikommunisten“; auch heute werden wieder Kräfte gegen „asiatische Horden“ gebündelt. Es wird davon geredet, die Errungenschaften der Aufklärung zu schützen, etc. Die unterschiedlichen Auffassungen, was darunter im Detail zu verstehen ist, verhindern ein grösseres Zusammengehen. Reine Fremdenfeinde, die Zuwanderern schnell ein Islamismus-Mäntelchen umhängen wollen, hier, vorgeblich Libertäre, die auf totale künstlerische Freiheit pochen und dann Ausnahmen wollen, dort. Einerseits will man sich seiner Toleranz brüsten und Intoleranz zum Merkmal der anderen erklären, andererseits sieht man Toleranz und Universalismus als Hemmschuh. Während man sich bei der Ablehnung von „multikultureller Gesellschaft“ leicht einig wird, ist ein Bekenntnis zu einer „offenen Gesellschaft“ für den einen Teil der Islamophoben ein Unterscheidungsmerkmal zu dem, was sie unter Islam verstehen, für den anderen Teil ist eine offene Gesellschaft etwas, wo sich der Islam „einnisten“ kann. Die USA unter Bush war für Viele ein positiver Gegenentwurf zu dem was in Europa in ihren Augen „verdorben“ war – sich genauer anzusehen, was das eigentlich ist, würde sich einmal lohnen.

Bei den Pro-Israel Demos anlässlich des Überfalls auf die Hilfsflotte für Gaza 10 haben PI, „Bahamas“ und andere “Anti“deutsche, die rechtspopulistischen Pro-Parteien, der BAK Schalom der Linken und christliche Fundamentalisten in trauter Einigkeit gemeinsam demonstriert. Die evangelikale „Partei bibeltreuer Christen“ PBC hat gemeinsam mit dem BAK Shalom dem Berliner Linken-Chef Klaus Lederer die israelische Bombardierung des Gaza-Streifens 08/09 unterstützt. PI und Pro-Parteien vertreten Positionen, die den „anti“deutschen ziemlich nahekommen, jedenfalls was Internationale Politik, Umgang mit dem Islam, Zuwanderung/Integration, Israel, USA und teilweise auch den Kapitalismus angeht. Auf PI werden “antideutsche” Veranstaltungen beworben und hinterher über die Teilnahme der PI-Ortsgruppen berichtet. Die Idole der „Anti“deutschen wie Broder unterstützen teils offen die neuen Rechten in Europa. Kahanistische Organisationen wie „Kach“, also der äusserste rechte Rand des zionistischen Spektrums, sogar von Israel verboten, paktiert, besonders in Berlin, auch gern mit Evangelikalen (PBC) und „Anti“deutschen. Die English Defence League (EDL) ist, nicht zuletzt über Pamela Geller, mit dem antimoslemischen Teil der amerikanischen Tea Party Bewegung verbunden sowie mit Kahanisten wie dem surfenden Rabbi Shifren. Einige der EDL-Anhänger zeigen gern mal den Hitler-Gruß – andere lieber Israelfahnen. Bei der Veranstaltung „Tag der Patrioten“ mit Nürnberg 2.0, German Defence League, und NPD gabs auch Israel-Fahnen (PI schrieb dann von Bauchweh wegen der NPD und verwahrt sich gegen die „Nazikeule“).

Mina Ahadi engagiert sich heute gegen „Multikulti, Kulturrelativismus, moslemische Verbände, Islamophobie-Konzepte“ und wird deshalb trotz hoher Stellung in der linksradikalen WPI und ihrem Atheismus von Springer/Konservativen wie auch vom PI-Milieu hofiert, was natürlich wiederum „A“D nicht stört.

Giordano zur massiven Präsenz von Vertretern der rechtsextremen „Pro Köln“ in der Bürgerbewegung gegen den Moscheebau in Köln, in der er prominent beteiligt ist: „Dieses ‚Aber mit solcher Kritik begibst du dich in die Nähe der Nazis von heute‘ ist ein Totschlagargument, das sich bei meinem biographischen Hintergrund von selbst ins Absurde führt. […] da sind wir bei dem eigentlich Unheimlichen der Situation: dass nämlich viele Menschen, die meinen Hintergrund nicht haben, die gleiche Kritik an dem Bau der Moschee und an den islamischen Parallelgesellschaften in Deutschland überhaupt, äußern möchten, das jedoch nicht wagen, eben weil sie fürchten, dann erstens in die rechtsextreme, rassistische neonazistische Ecke gestellt zu werden und zweitens plötzlich die falschen Bundesgenossen an ihrer Seite zu sehen.“ FPÖ-Strache in Köln bei einer Kundgebung von ProKöln gegen die Moschee in Ehrenfeld: „Wer den Mut hat, zur eigenen Kultur zu stehen, wird gleich als Rechtsextremist oder Neonazi beschimpft.“

Am 8. Mai (Ende des 2. Weltkriegs in Europa durch die Kapitulation Nazi-Deutschlands) feiern „Anti“deutsche demonstrativ und zetern Deutschnationale etwas leiser. In Wien sollte Strache bei zweiterer Feier auftreten, sagte ab, da er in Italien war um mit anderen Rechtsaussen Vorgehen gegen Einwanderer zu planen (er ist ausserdem um ein gemäßigteres Image bemüht); wenn er für Proköln Stellung nimmt, ist er bei deren Kernthemen den angeblichen Gegnern der Rechten von der Gegenfeier ganz nahe…

„Verbündete“ bzw. Kanonenfutter

Für westliche Kulturkrieger gehören Frauen zu den „Lieblingsgruppen“ im (oder im Bezug zum) Orient, neben Juden, Schwulen, Minderheiten, Quislingen. Die Sorge (?) um Frauenrechte im Islam gehört zum Standardprogramm, auch bei Anti-Feministen wie Matussek. Von Frauen aus moslemisch geprägten Kulturen gibt es gleichförmige Bilder von Fremdbestimmung, Abhängigkeit und Unterdrückung, einer passiven Opferrolle. Es wird ihnen gerne die Handlungsfähigkeit abgesprochen, gerne über sie gesprochen, Alibis von ihnen erwartet. Die österreichische Forscherin Leila Hadj-Abdou sagt, muslimische Frauen werden nicht als selbstbestimmte Personen wahrgenommen, liberale Werte werden hochgehalten, um den Ausschluss zu legitimieren. Von Rechten/Konservativen, die sich (zuvor) nie für Gleichberechtigung (der Geschlechter) eingesetzt haben, aber auch bei jenen Feministinnen, denen Gleichberechtigung tatsächlich ein Anliegen ist (nennt Alice Schwarzer). Jene die über die Hirsi-Alis entzückt sind, verachten die Naika Foroutans. Neben der Wahrnehmung als „Objekt“ gibt es von der südländischen/orientalischen, nicht notwendigerweise moslemischen, Frau dann auch jenen als heissblütig, verführerisch, unbeherrscht.

In Dresden ist 32-jährige Ägypterin Marwa El-Sherbini 09 von einem Russlanddeutschen in einem Gerichtsgebäude mit einem Messer angegriffen und ermordet worden. el-Sherbini war Apothekerin und im dritten Monat schwanger. Sie hinterliess einen dreijährigen Sohn. Ein aus dem Nachbarraum herbeieilender Polizist schoss zunächst auf den Ehemann der Ermordeten statt auf den Täter. Der Mörder hatte sein Opfer, die Kopftuch trug, auf einem Kinderspielplatz als „Islamistin“, „Schlampe“ und „Terroristin“ tituliert. Der Mord geschah in der Berufungsverhandlung gegen die Geldstrafe, zu der er für die Beleidigungen verurteilt worden war. Dass Leute wie Ahmadinejad sich des Falls „annahmen“, war für PI (die dazu auch schrieben: „Behauptungen der Qualitätsjournalisten zufolge soll der Mörder durch die Lektüre solcher [gemeint ist: unserer] Artikel zu seiner Tat angestiftet worden sein.“) oder Achgut eine Steilvorlage zur Relativierung.

Als einmal die „Miss Austria“ aus dem Kaukasus kam, gab es gehässige Kommentare, dass sie wegen der political correctness gewonnen habe, man die Wahl/den Titel in „Miss Orient“ umbenennen solle usw. Irgendwie liegt dem derselbe Chauvinismus zugrunde wie jenem Gegeifer, das Frauenrechte vorschiebt, nur ist er hier ehrlicher. Siehe dazu auch die Kommentare zur feministischen Entblössung der albanisch-stämmigen CDU-Politikerin Ramadani.

Im Westen inszeniert man sich gerne als (Teil einer) tolerante(n), weltoffene(n) Gesellschaft, auch Homophobie wird am Fremden skandalisiert. Sie wird zur Stützung einer Argumentation benutzt, die Orientale als primitiv darstellt; wird, wie auch „Feminismus“, zur Kriegsrechtfertigung herangezogen. Dabei wird Homophobie im christlichen Schwarzafrika oder der Karibik entweder in denselben („unzivilisierten“) Topf geworfen oder aber säuberlich davon getrennt, wenns um die Formulierung vermeintlicher islamischer Spezifika geht. Die Aufmerksamkeit gilt auch im Positiven, bei Jamaikas Premierministerin Simpson-Miller war ihre Unterstützung für Homosexuellen-Rechte „wichtiger“ als etwa ihre Initiative zur Abschaffung der Monarchie mit der britischen Königin als Staatsoberhaupt, obwohl dieses für den durchschnittlichen Jamaikaner das wichtigere Thema ist. Eingehend befasst mit der Thematik hat sich Lysis/Rhizom in seinen Blogs und Büchern. Auch damit, dass im „Orient“ Bedeutungen/Definitionen von Körperkontakt und Homosexualität andere sind; mit der diesbezüglichen Rolle von Aufklärung und westlichem Nationalismus, und welche Prozesse heute dort im Gange sind;  dass gerne auf andere ethnische Gruppen gezeigt wird, wenn über Homophobie gesprochen wird. Hier über einen wichtigen Aspekt dieser Instrumentalisierung: http://rhizom.blogsport.eu/2010/12/17/palastinensische-queers-wehren-sich-gegen-pinkwashing-von-kolonialismus-und-krieg/

Mossab Hassan Yousef, der Sohn eines Hamas-Mitbegründers sein soll, spionierte neun Jahre lang für Israel (den Inlandsgeheimdienst Schin Bet). Seit seiner „Flucht“ in die USA und seiner Hinwendung zum Christentum „lebt er in Angst vor Rache“. Er tritt z.B. im „Museum of Tolerance“ des Simon Wiesenthal Center auf bzw. wird dort aufgeführt. Er ist ein zuverlässiger palästinensischer Gewährsmann für das zionistische Lager, wie auch Walid Shoebat. Auch oder gerade „Nahost-Beobachter“, die von Palästinensern in „“ schreiben oder dass sie es erst seit Arafat als solche gäbe, von einer islamischen Lobby in USA welche die jüdische ersetze, von Prinz Eugen und dem Abwehrkampf, von Arabern, die wie blöde rammeln, sind von ihm entzückt. Er ist eine wichtige Propagandaikone, weil mit seinen Aussagen der Eindruck nahegelegt werden kann, dass die Palästinenser die ganze Schuld für den Konflikt tragen würden, sie es sind, die sich für eine Lösung ändern/bewegen müssten, Israelis und Freunde nichts gegen Palästinenser hätten und sie gut behandeln würden wenn man sie nur lasse. Da er Israel/Zionismus unkritisiert lässt, wird seine Hamas-Vergangenheit als wertvoller Einblick ausgelegt, im anderem Fall würde man seinen Befund über den Konflikt auf dieser Grundlage diskreditieren. Sein Schwarzweissbild des Nahostkonflikts zeigt, dass er kein Friedensengel geworden ist, bloss die Seiten gewechselt hat. Yousef und seine „Wandlung“ wird, auch von manchen Kampagnenjournalisten, als eine Erweckungsgeschichte gesehen, die des ebenfalls zum Christentum übergetretenen Mordechai Vanunu ist ein Tabu, ihre Erwähnung eine „antisemitische Instrumentalisierung“ usw. Die meisten „Islamkritiker“ haben ein Produkt zu promoten, wie Yousef sein Buch. Dazu ist auch zu sagen, wenn Zionisten Palästinenser generell mit so viel Wertschätzung gegenüber treten würden wie jenen die sich gegen palästinensische Anliegen stellen, bzw. das auch in der Vergangenheit (besonders in der Phase 1918 bis 1948) getan hätten, gäbe es überhaupt keinen „Nahost-Konflikt“.

Die Selben die kritische Juden wie John Bunzl oder Gideon Levy als „Distanzier-und Alibijuden“ oder „Kronzeugen der Rechtsextremen“ beschimpfen, preisen im nächsten Atemzug oder auf der selben Seite Yousef oder den in Italien lebenden Ägypter Magdi Allam (nach publikumsgeilem Umschwung vom Reformer und Vermittler zum selbstverleugnenden Scharfrichter). Alibi- und Berufs-Ex-Moslems wie er, Mossab Yousef oder Farid Ghadry werden von fast allen islamophoben Fraktionen verwendet. Hirsi-Ali ist wie Ben Ali oder Mubarak die Alternative zu einer Reform des Islams. Auch Grigat versucht, die iranischen Frauen und die Emanzipation gegen „linke Islamapologeten“ und „akademische ‚Islamophobie“-Forscher'“ sowie zur Pseudo-Abgrenzung von den klassischen Rechten anzuführen. Westliche Debatten über Einwander wie auch Moslems werden gerne über deren Köpfe hinweg geführt, gerade deshalb sind solche Feigenblätter wichtig. Jene in der Islamophobie-Industrie, die im Grunde einen ehrlichen Ansatz haben wie evtl. Abdel-Samad, sind dort eigentlich fehl am Platz. Dieser gibt zwar nicht nur Broder ein Alibi, hat aber (sicher zur Enttäuschung vieler in seinem Publikum) etwa festgehalten, dass -während er dem Islam faschistische Züge attestiert- nicht alle Moslems bzw. alle aus diesem Kulturkreis (er selbst sieht sich als Kultur-Moslem) in einen Topf geworfen gehören. Die Drohungen gegen ihn benutzt er nicht, um sich zu einem deutschen Rushdie zu stilisieren, sondern spricht von „ein paar Fanatikern“. Kommentar in einem Forum über ihn: “Da er als Kind eines Moslems geboren wurde, ist er nach der islamischen Glaubenslehre für den Rest seines Lebens Moslem.” Für Islamisten wie Islamophobe ist das jedenfalls so, wer Moslem ist, und damit entweder Über- oder Untermensch, bestimmt nicht der Betreffende. Am bequemsten ist eine Malala Yousefzai die man bedauern kann (ihr sei nicht unterstellt, dass sie sich instrumentalisieren lässt), oder eine Hirsi-Ali von der man auch nicht Angst haben muss, dass sie nicht-westliche interessen formuliert. Es hat gute Gründe, warum Hirsi-Ali bei westlichen Konservativen besser ankommt als bei liberalen Intellektuellen in der islamischen Welt. Dass sie sich im Zweifelsfall für den autoritären Staat und westliche Bevormundung und gegen die liberale Demokratie entscheidet, ist da nur ein Faktor. Und es hat Gründe, dass sie bei diesen Konservativen besser ankommt als etwa Shirin Ebadi. Diese warf Hirsi-Ali übrigens vor, sie spiele mit ihrer Behauptung, der Islam sei nicht mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar, den Mullahs in die Hände. Die Instrumentalisierung erinnert an diverse Afrika-Diskurse und „westliche“ Lieblinge dort. Jene, die Afrikanern gerne alle positiven Fähigkeiten absprachen und für die es ausgemachte Sache war, dass die afrikanischen Staaten nach der Unabhängigkeit scheitern würden und dabei auch durch Destabilisierung nachhalfen, hatten dann plötzlich Liebkinder wie Tschombe aus dem rohstoffreichen Katanga (im Kongo) oder Savimbis Terrorgruppe UNITA in Angola, die sie als positive, pflegeleichte Alternative zu den anderen Afrikanern hinstellen konnten.

Am Beispiel Maryam Namazie kann man einiges über die „Toleranzgrenzen“ und die Heuchelei im Umgang mit solchen „Verbündeten“ studieren. Die Exil-Iranerin in Grossbritannien engagiert sich gegen Islam und Islamismus, beim britischen Zentralrat der Ex-Muslime, bei der Worker-Communist Party of Iran (WPI), beim Manifest(o) der 12 („Together facing the new totalitarianism“, mit B. H. Levy, Salman Rushdie, Ayaan Hirsi-Ali, Taslima Nasrin,..), bei CHAIR, auch (konsequenterweise) gegen den  Papst-Besuch in GB. Sie zieht dennoch immer wieder Grenzen zu rassistischer, diffamatorischer Islamophobie, Brachial-Zionismus, US-Militarismus, usw. Robert Spencer, sowas wie ein Papst der Szene, hat auf seinem „Jihadwatch“ Namazie wegen ihrer Kritik am israelischen Blutvergiessen in Gaza 08/09 „antisemitic supporter of jihad against Israel“ genannt, und greint weiter: „claims to be anti-jihad, lies about Geller, SIOA, me..“. Ihre Aufforderung, er möge dazu stehen ein Rechter zu sein, legt er aus als „nicht mögen“ und „Angriff“. Der Mob im Kommentarbereich (darunter sicher viele „Versteher“ moslemischer Frauen) darunter: „one law for all [Männer/Frauen, Anm.] isn’t that the idea behind sharia?“, „namazie-nazi“, “man darf sich nicht wundern bei einer irakischen [sic] Kommunistin“, “Wer Israel so etwas unterstellt, der…“; ein Gemäßigterer räumt ein, dass Teile der BNP nicht OK seien, da auch antisemitisch, Spencer solle eine Entschuldigung von ihr verlangen.

Angehörige moslemischer und nicht-moslemischer Minderheiten in Nordafrika und Westasien werden auch gerne als „Dissidenten“ herangezogen. Auch dies eine widersprüchliche Angelegenheit. Die Ausbreitung des Islam erfolgte ab dem Hoch-Mittelalter durch andere als Araber, durch Arabisierte, Türken, Perser, Mongolen oder Inder. Der Hinduismus wurde grossteils von jenen bedrängt, die selber Hindus waren (bzw. ihre Vorfahren), beim Zoroastrismus oder dem Christentum im Orient verhielt es sich entsprechend. Die Alawiten oder Nusairier, eine den Schiiten nahestehende „Sekte“, sind gewiss eine dieser orientalischen Minderheiten, sind für Fundamentalisten Häretiker. Eignen sich aber aus verschiedenen Gründen nicht zur Instrumentalisierung. In Syrien üben sie seit dem älteren Assad die meiste Macht aus, in einem Regime, das noch dazu strikt säkular ist. Und das einen Aufstand der Moslembrüder 1982 unter Zehntausenden Toten niederwarf. Der von den Drusen verehrte Fatimiden-Kalif al Hakim wiederum war gegenüber nicht-moslemischen Minderheiten einer der intolerantesten moslemischen Herrscher. Auch Baha’i gehören zu den heftig von Kulturkämpfern instrumentalisierten Gruppen aus dem Orient, werden entweder als positiver Kontrast zu „Moslems“ verwendet oder aber auch als deren Vorhut gesehen/behandelt. Broder instrumentalisiert im Zusammenhang mit der Kampagne gegen den Iran die Diskriminierung der Baha’i in ihrem Ursprungsland; unter den Kommentaren seiner Fans auf Youtube zu einem Video mit ihm findet sich dann: „Diesem deutschen Bahai-Bengel hat der Broder am Ende so richtig die Leviten gelesen… b. for president; einziger der die Wahrheit sagt“.

Die westliche Wahrnehmung der orientalischen Christen ist oft verdreht. Das Christentum ist in der Region entstanden, ist (dort) älter als der Islam, auch älter als das Christentum in Europa, Christen sind dort in der Regel autochthon. Westliche Parteinahme zielt oft darauf ab, wie auch Bemühungen diverser Islamisten, die dortigen Christen aus dem Kontext ihrer Kultur, Länder, Gesellschaften herauslösen, ihnen einen „Fremdkörper“-Status anzuhängen. Damit soll nicht unterstellt werden dass etwa die „Ökumenische Stiftung Pro Oriente“ oder „Christian Solidarity International“ nur naives/unaufrichtiges machen. Bashir Gemayel, ein politischer und militärischer Führer der libanesischen Maroniten im dortigen Bürgerkrieg, ist in Islamophobie-Kreisen u.a. wegen seinem „Dhimmitude“-Ausdruck eine Bezugsfigur geworden. Seine Falange/Kataib hat zwar im Krieg punktuell mit Israel zusammengearbeitet, und er war ein entschiedener Gegner einer Unterordnung der dortigen Christen, er hat aber das Land bzw. die Region nicht verkauft, hat auch Begin die Stirn geboten. Wer sich über Christen im Orient sorgt (z.B. US-Evangelikale: „Proclamation for Solidarity with Israel and the Christians in the Gaza Strip“), sollte sich auch über Leute wie den zwangsweise exilierten griechisch-orthodoxen Palästinenser (Verzeihung, „israelischen Araber“) Azmi Bishara sorgen. Gerade bei christlichen Palästinensern (der grössten christlichen Gruppe im „heiligen Land“) verhält es sich wie bei moslemischen Frauen – wenn man sie nicht instrumentalisieren kann, wenn sie einen eigenen Kopf haben, droht die „Exkommunikation“. Edward Saids Studien über Orientalismus, worunter er eine geringschätzige Sichtweise des „Westens“ auf „Orientale“ meinte, sind für viele ärgerlich. Die Angriffe auf den Christen Said erfolg(t)en nach islamophobem Muster… Unter anderem geriet seine palästinensische Herkunft unter Beschuss, die diesbezügliche Kampagne begann der von USA nach Israel eingewanderte Jude Justus Weiner, der sonst auch Krokodilstränen für christliche Palästinenser/Araber vergiesst (und sich daher als „Menschenrechtsaktivist“ feiern lässt). Siehe auch, wie nach dem Gaza-Hilfsflotten-Massaker bzw. nach der Änderung des Verhältnisses Israels mit der Türkei für manche plötzlich der Armenier-Genozid ein Thema wurde. Die Kreuzzüge wurden auch als Hilfe für orientalische Christen deklariert, haben dann aber doch Byzanz zerstört, und auch Massaker an Juden verübt.

Die einen stehen dazu, dass sie Kurden oder Berber genauso verachten wie Araber oder Türken, die anderen behaupten, diese zu mögen um ihre „Islamophobie“ schöner darzustellen als sie ist bzw. sie effektiver zu machen. Kurden bieten sich als verbindendes Glied für rechte und linke Islamophobie an, besonders der kurdische Nord-Irak ist seit dem Irak-Krieg ein wichtiges Bezugs- /Aktionsgebiet geworden. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass man sie gegen Araber, Türken und Perser in Stellung bringen kann. Voraussetzung für die Instrumentalisierung ist aber, dass man sich im „entscheidenden Moment“ noch daran erinnert dass er/sie qua Identität zu den Guten gehört. Ein guter Teil der türkischen „Gastarbeiter“ in Deutschland und Österreich sind Kurden. In der „Tatort“-Folge „Wem Ehre gebührt“ (2007) mit Maria Furtwängler als Kommissarin ging es um einen Inzestfall in einer alevitischen Familie. Eine junge Frau wird umgebracht, weil sie zur Aufklärung des Falls beitragen will. Die zum Teil kurdischen Aleviten warfen den „Tatort“-Machern vor, mit dem Film uralte Vorurteile wiederaufleben zu lassen und zu bestätigen. Die Welle der Entrüstung war so stark, dass es schließlich sogar zu Massendemonstrationen kam und der deutsche Außenminister Steinmeier alle Beteiligten zur Mäßigung aufrufen musste. Die Aufregung passt eigentlich zu einem Muster, das Islamophobe für typisch moslemisch halten.

Die Konflikte im Sudan eignen sich zur Ausschlachtung, da auf einer Seite immer Moslems beteiligt sind, sogar „arabische“ (eigentlich arabisierte Nubier). Dies betrifft die Bürgerkriege mit dem christlichen/animistischen Süden und den in Darfur. Bei Gewalt in Darfur taugen Schwarze für westliche Kulturkämpfer als Opfer da sie zwar Moslems sind (was viele nicht wissen) aber die „Araber“ auf der anderen Seite stehen. Vergewaltigungs- und andere Gewaltopfer in Kongo (5 Mio. Tote und 15 000 Vergewaltigungen in den Kongo-Kriegen seit jenem zum Mobutu-Sturz) sind für die Selben weniger interessant (wenn, dann um etwas über „die Afrikaner“ auszusagen). Gewalt von Moslems gegen Christen in Nigeria ist auch etwas, wo manche plötzlich ihr Herz für Schwarze entdecken, wo diese Opfer sein dürfen (etwa von GfbV aufgegriffen). Wenn es aber um Flüchtlinge von dort geht oder das im christlichen Süden des Landes gelegene erdölreiche Nigerdelta, den dortigen Kampf um Beteiligung an Öleinnahmen und gegen die Naturzerstörung, zeigt sich, dass Solidarität mit Afrikanern in diesen Kreisen enge Grenzen hat (Antiimperialismus pfui), dass es, wie bei Anti-Regime-Iranern, nicht um das Wohl des jeweiligen Landes, geht sondern um argumentatives Kanonenfutter. Auch bezüglich Biafra war „christliche Solidarität“ auf mittlere Sicht schwächer als Imperialismus/Rassismus; bei Katanga ist die Sache noch viel deutlicher. Manche „Kulturkrieger“ versuchen auch, wie den NS die Sklaverei auf Moslems abzuwälzen.

Flüchtlinge aus Darfur oder Süd-Sudan, die nach Israel kamen, wurden für Propagandazwecke verwendet (gibt noch immer viele diesbezügliche Videos auf Youtube, auch vom israelischen Aussenministerium). Das war, bevor sie von einem rassistischen Mob („Tel Aviv den Juden! Sudan den Sudanesen!“) attackiert wurden, dann von der Regierung in Lager interniert wurden um abgeschoben zu werden. Es gelte den jüdischen Charakter des Staates Israel zu erhalten, hiess es, um die Sicherheit (die durch die Flüchtlinge gefährdet sei), sie seien Wirtschaftsflüchtlinge (also kein Genozid?) und: sie seien Moslems (!). Innenminister Yishai (tunesischer Herkunft) 2012: “Das Land gehört uns, dem weissen Mann.“ Die afrikanischen Flüchtlinge sind dem Schas-Politiker zufolge auch für Israel eine ebenso grosse Bedrohung wie Irans „Atomwaffenprogramm“. Eine Suppe, die z.B. auch manche Kurden noch kosten werden. Die gegenwärtigen Ereignisse in der Zentralafrikanischen Republik, die Züge von inter-religiöser Gewalt zwischen Christen und Moslems tragen, wobei zweitere in Darfur ihr Hinterland haben, deuten auch auf eine neue Firmierung der Fur hin.

Militäraktionen gegen Iran werden zumindest manchmal als zu Gunsten der Iraner dargestellt, andere stehen hier zu Verachtung und Gewaltwunsch. Beim Blog „gatesofvienna“ („Baron Bodissey“, „islamophobic and proud of it“, Breivik zitierte von dort, Sabaditsch-Wolf wird dort „gefeatured“) heisst es z.B. „..supports democracy in iran“; was davon zu halten ist, erfährt man wenn dort das Plädoyer für strengere Kontrollen von „arabisch- und persisch-sprachigen“ auf Flughäfen liest. Dass dort auch Hetze gegen mexikanische Immigranten in die USA zu finden ist, darf nicht überraschen. Ist aber alles „counter jihadism“. Auch in einer Propagandaschrift Leon DeWinters auf „pajamasmedia“, auf „lizaswelt“ wiedergegeben, wird lamentiert, dass man die bösen (Moslems) nicht beim Namen nennen und in Bezug auf Flugkontrollen nicht selektieren dürfe (gerade solche Islam-„Spezialisten“ sind es dann, die ausgetretene Moslems oder Alewiten sofort mit in den Topf werfen würden, das nebenbei). Die Kommentare zu einer Meldung, wonach Iraner, Flüchtlinge, zum Schein zum Christentum übertraten bzw. auf Anleitung des Schlepperrings, um in Österreich Asyl zu bekommen (Angabe religiöser Verfolgung als Asylgrund), passen hier dazu. Die iranische Diktatur ist für manche erst/nur durch den Israel-Bezug zum Problem geworden (Israel selbst machte in den 1980ern Waffen-Geschäfte mit dem iranischem Regime, während dessen Krieg mit dem irakischen; da spielte die iranische Bevölkerung keine Rolle oder irgendein Universalismus), deshalb werden die Opfer des Regimes, von denen die allermeisten Iraner sind, instrumentalisiert. Aber wie gezeigt wurde, ist man sich noch nicht sicher, ob man Minderheiten (ob Schwule oder MEK) gegen die Mehrheit ausspielen soll, oder Araber gegen Iraner, oder doch „ganzheitlich“ vorgehen.

Im Kalten Krieg wurden die Mujahedin in Afghanistan und andere Islamisten (wie die Muslimbrüder in Ägypten gegen Nasser), vom Westen gegen (tatsächliche oder vermeintliche) Kommunisten unterstützt, als vermeintlich authentische politische Kraft „ihrer“ Kultur angepriesen. Es gab damals in Deutschland Kampagnen der Schüler-Union für „unsere Freiheitskämpfer in Afghanistan“, die sich später als Vorläufer der Taliban entpuppten. Auch Bin Laden kämpfte an Seite der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Diese versuchte eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; neben dem Versuch einer Landreform und Alphabetisierungskampagnen wurde etwa versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Auf den sowjetischen Abzug folgte in Afghanistan bald (auch infolge interner Streitigkeiten der kommunistischen Kräfte) ein Sieg der vom Westen mit Stinger-Raketen ausgerüsteten Mujahedin. Bin Laden zog 89 aus Afghanistan ab und verübte in den 90ern Anschläge, die auch die USA betrafen. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92, spätestens 93 gab es die ersten Anschläge der al Kaida… 01 leiteten die nun den von islamistischen Herrschern Afghanistans (die die gemäßigteren Fraktionen unter ihnen 96 an den Rand geschoben hatten) beherbergte al Kaida eine neue Ära der Weltgeschichte ein. 2001 wurde die deutsche Bundeswehr von der rotgrünen Regierung an den Hindukusch geschickt, mit der Parole, Deutschlands Freiheit dort zu verteidigen, die Afghanen aus ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu befreien, sie am „Licht der westlichen Aufklärung“ teilhaben zu lassen – als Karmal oder Najibullah versucht hatten, die Macht der religiös geprägten ruralen Strukturen einzuschränken, oder als die erste Frau ins afghanische Parlament einzog (Anahita Ratebzad), für die Kommunistische Partei (Demokratische Volkspartei), da sah man die Dinge irgendwie noch anders. Mostafa Danesch schrieb in „Der Krieg gegen den Westen“ (2004), dass damals, in den 1980ern, islamis(tis)che Kämpfer aus Nordafrika oder anderswo, die in Afghanistan gekämpft hatten, bereitwillig Asyl in Europa bekamen. Die militärische Ausbildung in einem afghanischen Camp öffnete damals Tür und Tor, heutzutage jene zur Ausweisung oder nach Guantanamo. Die westliche Unterstützung von Islamisten dauert sogar an, auch wenn die Hauptstossrichtung in den letzten ca. 20 Jahren jene war, islamische Diktatoren wie Mubarak oder Ben Ali zu stärken, die sich als Bollwerk gegen Islamismus inszenierten. Die belutschische Jundullah möchte man v.a. gegen den Iran in Stellung bringen. Ganz zu schweigen von Saudi-Arabien, dem Sponsor des internationalen Salafismus. Die iranischen Mujahedin (MEK) werden zur Zeit von diversen Terrorlisten gelöscht.

Widersprüche, Heuchelei, Paradoxa, Stolpersteine

Rassistische “Islamkritiker” sind heimliche Gesinnungsfreunde der Islamisten im Herzen des Westens, nicht nur weil sie alles andere als eine (notwendige) Reform im Islam unterstützen und die widerlichsten Islamisten Verbündete des Westens waren/sind. Der Windischgarstner Pfarrer Wagner, der Linzer Bischof werden sollte, zeigte seine erzkonservative Haltung gegenüber Frauen, Homosexuellen als auch dem Islam. Den Hurrikan „Katrina“ 05 interpretierte er, wie Islamisten, als Strafe für die USA. „Es ist wohl kein Zufall, dass in New Orleans alle fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtklubs zerstört wurden“. Bei der Erdbeben-Katastrophe in Haiti sah er auch das Werk eines strafenden Gottes: „Es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind.“ Weiters wünschte er sich eine Volksabstimmung wie in der Schweiz, wo sich eine Mehrheit für ein Verbot von Minaretten aussprach. Islamophobie ohne Toleranzchauvinismus.

Der amerikanische Evangelikale John Hagee („Christians United for Israel“; befürwortet einen vorbeugenden Nuklearkrieg gegen Iran) hat auch Katrina als Gottesstrafe ausgelegt, für die Schwulenparaden in der Stadt, und weil Bush Sharon nahegelegt hätte, jüdische Siedlungen im Gazastreifen aufzugeben. Fundamentalistische Muslime als auch ihr vermeintlicher Gegenpol (diverse Evangelikale und Neocons) sahen auch die Ölpest vor der US-Küste nach dem Untergang einer Bohrinsel als Strafe Gottes (für die selben „Vergehen“ übrigens), auch 9/11,… Die Kirchgänger der „clashs of civilisations“ preisen den Westen und attackieren ihn gleichzeitig, weil er so „dekadent“ sei.

Die Evangelikale Christine Schirrmacher von der „Lausanner Bewegung“ veröffentlicht hierzulande Bücher und Artikel zum Thema Islam, wird als „Islamexpertin“ und „seriöse Wissenschafterin“ gehandelt.

Noch so ein „Paradoxon“ vor dem Hintergrund dieser „Weltauseinandersetzung“: Bushs Justizminister Ashcroft liess eine halbnackte Frauenstatue in seinem Ministerium verhüllen; gleichwohl sahen Ex-68er u.a. seine Neocon-Regierung als notwenige Weltpolizei bzw. Prellbock gegen Zurückgebliebenheit, Prüderie, etc. im Islam; PI oder „Bahamas“ alarmieren gerne hysterisch, wenn irgendwo aus angeblicher Rücksicht auf Moslems Aktbilder abgehängt oder teil-verdeckt werden. Bush tönte „Gott ist auf unserer Seite“, etwas, dass auch von Bin Laden stammen könnte. Zur Zeit gibts in Frankreich einen Boykottaufruf gegen staatliche Schulen, wegen der von der sozialistischen Regierung forcierte Gleichstellungspolitik an Schulen, durch die Stereotypen bei Mädchen und Buben abgebaut werden sollen. Es geht um die Gendertheorie, laut der das Geschlecht von Buben und Mädchen vor allem kulturell und nicht biologisch festgelegt wird. Zum Boykott aufgerufen haben… rechtsextreme und katholisch-fundamentalistische Kreise. Amerikanische Evangelikale engagieren sich gegen die Verbreitung der Evolutionstheorie, wie auch der vermeintliche Gegenpool Islamisten. Wenn Sarah Palin von „guns and religion“ als ihrem Credo spricht, könnte das auch von einem Teilnehmer eines Terrorlagers stammen. Wenn Küntzel von „weitreichender Übereinstimmung Breiviks Feindbildes mit dem Feindbild der Islamisten“ schreibt (siehe oben), will er allerdings darauf hinaus, dass Breivik quasi im Islamlager steht. Stoiber hat Anfang der 00er-Jahre Homosexuelle rhetorisch gegenüber “dem Islam” in Schutz genommen, während er gegen die Homo-Ehe wetterte (Feindbildparadoxon). Die Tea Party-Politikerin Michele Bachmann sprach von einer notwendigen Unterwerfung („submission“) als Frau gegenüber Männern. Vor der Landtags-Wahl in Nordrhein-Westfalen 12 gingen Salafisten und ProNRW, die sich ähnlich sind, aufeinander los.

Kulturkrieger auf islamistischer und islamophober Seite treffen sich auch darin dass sie Reformer, Demokraten, Liberale in der islamischen Welt nicht (sehen) wollen und lieber auf einen Endkampf zusteuern. Für beide sind Moslems bzw. Leute aus der nordafrikanisch-westasiatischen Region vor allem anderen Träger des Islam, etwas dem sie nicht entkommen können. Die Islam-Kritik des britischen Schriftstellers Martin Amis (schrieb auch einen Auschwitz-Roman) wurde von Chris Morris im Observer mit der Rhetorik des Islamisten Abu Hamza verglichen: beide würden Gelehrsamkeit vortäuschen und Koran-Zitate verwenden um Hass zu erzeugen, Moslems über ihre Religion definieren.

Kommentare unter „islamkritischen“ Videos im „Weltforum“ Youtube bringen manches klarer zu Tage als etwa die Videos selber. Unter dem Banner von „Liberalism“ ebenso wie unter dem von „counter-liberalism“. Bei manchen ist es zu deutlich, dass es ihnen nicht um Religion oder Ideologie geht, sondern um die braunen Völker, puren Rassismus, evtl. darum, eine neue Rechte zu definieren. Solidarität mit palästinensischen Frauen wird da vorgeheuchelt bis sich diese politisch äussern bzw. oft braucht es nicht mal das. Die „Handabhacker und Steiniger“ niederbomben? Natürlich nur um der Menschenrechte und des Fortschritts willen. Ein rechtsradikaler “Arier” (aus GB) attackiert einen antiislamischen Hindu aus Indien, als “Paki”. Oder: „Nein, wir machen keine Unterschiede zwischen Moslems. Für uns sind die alle gleich Wertlos.Viel Spass noch beim ‚Beschneiden‘. Kleiner Tipp: Die Glasscherbe vorher in Raki tauchen…zum Sterilisieren. Dann faulen die Schamlippen nicht ab.“ Klassisch: „They look like savages. Doing the same thing for the last 70 years. Cant learn a thing, did not contribute anything to the world, parasites“ Das auch gefunden: „we should work with our ideological counterparts even if we don’t like their view like NS for example.I don’t care working with NS against those stinking immigrants but i do not like they hatred of other white groups like slavs and jews“. Jemand anderer schreibt, Perser seien wie Araber „braunhäutige Zigeuner-Eselficker“. Was ein Broder-Nachplapperer (oder er selber; als IP) auf einer Wikipedia-Diskussionsseite schreibt, „Und vor dem ‚deutschen Volk‘ braucht man wirklich keine Angst zu haben. Hochgradig degeneriert, ja sogar zu faul zum Denken, – Bier und Glotze reichen aus.“, könnte auch von einem Islamisten sein.

Der Grüne Nouripour wurde im Spiegel-Forum, nachdem er gegen Erika Steinbach (BdV, CDU) Stellung genommen hatte, nicht zuletzt damit angegriffen, ein aus dem Iran exilierter zu sein welcher den Deutschen dies nicht sagen dürfe. Mit dem selbem „Argument“ wäre er von Anderen angegriffen worden, hätte er Steinbach verteidigt. A propos deutsche Vertriebene (bzw. ihre Verbände): Für Salzborn u.a. sind diese Zielscheibe bzw. Profilierungs-/Aufarbeitungsobjekt, für Broder schon einmal positives Gegenstück zu den Palästinensern. Der neokonservative Ulf Poschardt (ein Broder-Verteidiger) schrieb in „Die Welt“: „Deutscher Selbsthass. Antideutsche erklären dem Patriotismus den Krieg. Grüne Jugend und Antifa kämpfen während der EM gegen jede Form schwarz-rot-goldener Folklore. Und sind dabei so humorlos, arrogant und bürokratisch, wie es nur wir Deutschen sein können.“ Diese „selbsthassenden Deutschen“, die auch Riexinger und andere kritisieren, sind nur teilweise mit den israelfanatischen/islamophoben „Antideutschen“ ident, die Einschätzung würde aber auch auf sie passen. Rechte (die das deutsche/nationale in Gefahr sehen) und jene Linken die vorgeben, das deutsche/nationale zu bekämpfen, haben auch Bereiche, wo sie sich treffen.

Notwendige Kritik und Reform

Eine kritische Auseinandersetzung mit Gegenwart und Geschichte des Islam, im religiösen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext, ist, wie gesagt, nicht nur berechtigt, sondern auch notwendig. Das Feindbild Islam und das tatsächliche Problem am Islam sind aber nicht dasselbe. Eine tiefgreifende Reform ist notwendig – und anscheinend im Gange. Kritik kommt am treffendsten von Angehörigen des moslemischen Kulturkreises. Etwa von Nuruddin Farah, dem im südafrikanischen Exil lebenden somalischen Schriftsteller, bei dem die Kritik gerade aus Verbundenheit zu seiner ursprünglichen Umgebung zu kommen scheint, für die er etwas zum positiven verändern will, anstatt auf deren Kosten und jene der Seriosität zu vereinfachen und auf Verbesserung seiner eigenen Position als Intellektueller im westlichen Wissens- und Herrschaftssystem aus zu sein. Er wird eher nicht beim „American Enterprise Institute“ oder in der Politik landen, so wie die ebenfalls aus Somalia stammende Ayaan Hirsi-Ali. Es gibt sehr begründete Sorgen wegen Islamismus (vor allem vor jenem der Salafisten und anderer Integristen), islamistischem Terror oder Zuständen in der islamischen Welt, die nicht direkt vom Islam abzuleiten sind. Es gibt z.B. echte Sorgen von Säkularen gegenüber einer Re-Religionisierung.

Ernsthafte Auseinandersetzungen sind zu begrüssen – und selten. Etwa die Frage der Reziprozität zwischen westlicher und islamischer Welt. Kulturkrieger beider Seiten beantworten sie schnell dahingehend dass die jeweils andere die ungleich intolerantere sei. Christen im Orient sind aber in der Regel autochthon, Moslems im Westen meist Immigranten. Auf den Hinweis, dass es heute in Frankreich mehr Algerier gibt als Franzosen in Algerien zur Kolonialzeit, kann man einwenden, dass es in beiden Fällen die Franzosen waren/sind, die das Sagen hatten/haben. Andererseits, wie ist es mit der Wechselseitigkeit, wenn es heisst „Moslems müsen zu ihren Verbrechen stehen“, Christen hätten aber nichts mit „ihren“ zu tun, seien Angehörige des fortschrittlichen und aufgeklärten Westens.

Das islamistische Gegenstück zum islamophoben Toleranzchauvinismus ist der (ebenso heuchlerische und widersprüchliche) Chauvinismus, der Islam bzw. Islamismus als „moralisch“ affirmiert und das Dekadente und Verdorbene als „westlich“. Hinter der Forderung nach Rücksicht auf religiöse oder kulturelle Werte verbergen sich tatsächlich oft religiös-politische Absichten. Und natürlich war die Ausbreitung des Islams eine Form von Imperialismus und gibt es heute Formen islamischen Imperialismuses. Verbunden mit der Ausbreitung war oft eine Arabisierung, gegen die es im Mittelalter die „Schu’ubiya“ genannte Gegenbewegung gab, die sich auch gegen die Privilegierung von Arabern im islamischen Machtbereich (Kalifat) richtete, die von Persern getragen war. Eine seriöse Auseinandersetzung mit der Thematik scheint „Schwarzbuch des Jihad“ von Gilles Kepel zu sein.

Dankbar sein für Bedrohung/Empörung aus dem islamischen Lager, sie provozieren/erfinden, um ein Bild zeichnen zu können. Manche sind glücklich über (Bilder von) radikale(n) Moslems und haben Wünsche nach grossen Konfrontationen. Die „islamische Welt“ ist gross genug, dass es irgendwo leider immer die von den Provokateuren (Karikaturen, Filme,…) erhofften Reaktionen gibt; die Opfer der dadurch ausgelösten Gewalt sind meist auch dort, die ersten Opfer des Islamismus sind Muslime. Der libanesische Autor Elias Khoury über „Innocence of Muslims“ (2012): „Der Film war eigentlich nur ein Trailer. Es sind wir, die Araber, die das Spektakel sind.“ Viele Moslems liefern zuverlässig die Reaktionen, die Provokateure brauchen um sie so darzustellen, anstatt Tabus zu lockern und Provokationen zu ignorieren. Es wirkt in der westlichen Welt zu Recht befremdlich, wie prompt sich Proteste etwa auf einen so plumpen, offensichtlich als Provokation angelegten Videoclip einstellen. Aber auch westliche Medien haben sich längst auf eine verzerrte Darstellung über Ereignisse dieser Art verlegt. So wie die Provokation von der Aufregung dieser Moslems lebt, lebt diese Aufregung hauptsächlich von der Aufmerksamkeit die ihr die westliche Öffentlichkeit schenkt. Zum Beispiel die Berichterstattung über eine Kundgebung mit Gewalt in Kairo wegen des Films. Die Menge bei einer feurigen Freitagspredigt zählte nur einige Hundert – an einem Ort, wo tausendmal so große Menschenmassen alltäglich sind. Der Rest der 20 Millionen Einwohner Kairos ging seinen üblichen Geschäften nach. Die Zahl der steinewerfenden Jugendlichen, die auf dem Bildschirm so bedrohlich herüberkommen, belief sich auf einige Dutzend. Und moslemische Stimmen, die zu Ruhe und Besinnung aufrufen, und dazu, nicht in die durch den Film ausgelegte „Falle“ zu tappen (z.B. Malaysias Regierungschef Najib Razak) geben nicht so viel her wie der pakistanische Minister Ghulam Ahmad Bilour, der umgerechnet 77 000 Euro für die Ermordung des Produzenten des Videos auslobte. Der österreichische Sender Puls 4 lud zur Diskussion über den Film und die Reaktionen den Ziocon Harnasch sowie den Leipziger Fundi Dabbagh ein, also zwei Extremisten.

Zur Zeit der Mohammed-Karikaturen-Krise 05/06 hat ein jordanischer Journalist die Frage gestellt, ob diese Karikaturen nicht weniger schlimm seien als Selbstmordanschläge. Da er sie auch abdrucken liess, wurde er entlassen und festgenommen; vermutlich hat das von seiner Zeitung schlimmes abgewendet; sein weiteres Schicksal ist mir nicht bekannt. Diese Sache kann man sowohl als Anzeichen für Reformunfähigkeit als auch für Reformansätze „im Islam“ interpretieren, je nachdem was man hier sieht. In Tunis haben Tausende gegen die Ausstrahlung des Zeichentrickfilms „Persepolis“ in einem tunesischen Privat-Fernseh-Sender demonstriert, weil Gott darin als alter, bärtiger Mann dargestellt wird. Hunderte Angreifer, fundamentalistische Salafisten, attackierten auch das Haus vom Senderchef und setzten es in Brand. Die wichtigste islamistische Partei Ennahda, den Moslembrüdern nahestehend, distanzierte sich von den Krawallen. In Reaktion auf die gewaltsamen Proteste sind in Tunis auch tausende Menschen für Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen. Als Munition für Diffamierung reichen erstere Proteste jedenfalls.

Empfehlenswerte Analysen und Erwiderungen

Neben den im Text genannten:

Thomas Maurer hat in einer „Kurier“-Kolumne einiges Wahre zur Thematik geschrieben: Es gäbe fallweise eklatante Probleme mit parallelgesellschaftlichen Strukturen, die diskutiert werden müssen. Aber, die eisig-elitäre Verachtung Sarrazins für die Unterschicht wurde ausgerechnet von Lesern der „Bild“ (Schlagzeile „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“) bejubelt. Heinsohn, so Maurer, hat wenige Monate vor Sarrazin ein Buch mit ähnlicher Aussage herausgebracht („Söhne und Weltmacht“), aber der Bildungsferne (die er ebenfalls für eine erbliche, nicht soziale, Angelegenheit hält) nicht das Kopftuch übergezogen, weshalb er nicht zum Volkshelden werden konnte, schon allein weil sich zuviele „Bild“-Leser betroffen fühlen mussten.

Autoren von Schriften über Islamophobie avancieren meist selbst zum Feindbild der islamfeindlichen Szene. Etwa die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer, die Studien zur Islamophobie und andere Formen von Fremdenfeindlichkeit verfasst. Schiffer sei eine „rote Mauermörderin“ und im Pakt mit den „mohammedanischen Halsabschneidern“ heisst es in einem der anonymen Briefen an die Leiterin des „Instituts für Medienverantwortung“ (IMV), „Du hast Dich des Hochverrats am Deutschen Volk schuldig gemacht“ in einem anderen. In Publikationen wie „Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich“ mit Constanze Wagner wird mittels Sprach- und Bildanalysen eine Reihe von Strategien rechter Demagogen zur Manipulation und Desinformation der Öffentlichkeit aufgezeigt.

Wolfgang Benz vom „Zentrum für Antisemitismusforschung“ an der TU Berlin hat im „Jahrbuch für Antisemitismusforschung“ die Parallelen von Islamophobie zum Antisemitismus aufgezeigt. Auch hier haben etliche Betroffene zu bellen angefangen. Der Kölner Rassismustheoretiker Mark Terkessidis schloß sich der These an, daß antisemitische Stereotype auch auf „die Muslime“ übertragen würden. Er merkte auch an, daß eine analytische Differenzierung von Rassismus und Antisemitismus die Opfer von beidem gegeneinander ausspiele. Der französische Rassismusforscher Etienne Balibar leitete den seiner Auffassung nach seit dem Zweiten Weltkrieg dominierenden kulturalistisch und differenzialistisch begründeten Rassismus aus dem Antisemitismus als dessen „Prototyp“ ab. „Unter einer Vielzahl von Gesichtspunkten läßt sich der gegenwärtige differenzialistische Rassismus seiner Form nach als ein verallgemeinerter Antisemitismus betrachten…Der Anti-Judaismus beziehungsweise der Judenhaß stellt nicht mehr die einzige Form des Antisemitismus dar (..) Er ist zum einen Teil eines Begriffspaares geworden (…) dessen anderer Teil ist der Araberhaß beziehungsweise die Islamfeindlichkeit.“ „Wie Treitschke die Philanthropen, die Gutmenschen als antinationale Judenfreunde denunzierte und auf Linie bringen wollte, werden Positionen, die heute solidarisch auch mit arabischen Menschen und mit Muslimen sind, die die europäischen Diskurse kritisch betrachten, mit dem Antisemitismusvorwurf konfrontiert. Und wieder wird ihre ‚Weichheit‘ kritisiert, werden sie als ‚Fußtruppen der Intifada‘, als Sympathisanten der ‚Dschihadisten‘ denunziert.“ (http://www.pampa-net.de/docs/sehnsuechte_der_deutschen.html). Die anti-islamischen Rhetorik, die sich fast immer als Verteidigung Israels und der Juden versteht, bezieht ihre Motive zu einem großen Teil aus dem europäischen Antisemitismus.

Joseph Massad, ein christlicher Palästinenser, Historiker in USA, beschäftigt sich viel mit dem was „Islamophobie“ (es bleibt ein Hilfsausdruck) ausmacht, nämlich nicht Auseinandersetzung mit der Religion bzw. ihrer fundamentalistischen Auslegung, sondern z.B. mit der Instrumentalisierung Homosexueller aus dem islamischen Raum, mit dem sie gegen ihre Gesellschaften in Stellung bringen. Er wird auch dementsprechend angegriffen.

Patrick Bahners, ein konservativer Autor der FAZ, schrieb das Buch „Die Panikmacher“ über Abgründe in Islamdebatten. Matussek etwa attackierte die Schrift, indem er Selbstmordbomber und Scharia-Propagandisten Hirsi-Ali („die sich verstecken muss“) und Giordano („Holocaustüberlebender“; beide würden nur warnen vor ersteren) gegenüberstellt und insinuiert, Bahners würde erstere in Schutz nehmen. QED, kann man da sagen.

Betty Mahmoodys teilweise recht unverhohlen rassistische Schilderungen über Iran(er) (westliche Frauen und orientalische Männer, ein wichtiger Topos der Islamophobie) haben bei Manchen für Freude gesorgt. Es gibt zwei fundierte kritische Auseinandersetzungen mit „Nicht ohne meine Tochter“ aus feministisch-iranischer Sicht: „Nicht ohne Schleier des Vorurteils“ von Nasrin Bassiri und „Doch ohne meine Tochter“ von Irandokht Shahbakhshi und Anna Boolur (beide 1991 erschienen).

Weiters: Kai Sokolowsky: Feindbild Moslem: Über den Riesenmarkt der Islamophobie (mit einem Kapitel von W. Benz); Edward W. Said: Orientalismus (1978); Iman Attia: Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Bielefeld 2009; Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg 2008; John Bunzl und Alexander Senfft: Zwischen Antisemitismus und Islamophobie; Thorsten G. Schneiders: Islamfeindlichkeit: Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen (hat auch eins über „Islamverherrlichung“ geschrieben); Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt (vornehmlich über das Kriegsgetrommel gegen Iran; den Reaktionen nach haben sich die Richtigen dadurch ertappt bzw in ihrer Propaganda gestört gefühlt..); Irmgard Pinn und Marlies Wehner: EuroPhantasien. Die islamische Frau aus westlicher Sicht; Emmanuel Todd: Frei! Der arabische Frühling und was er für die Welt bedeutet; Vincent Geisser: La nouvelle islamophobie. Paris 2002; John Bunzl und Farid Hafez: Islamophobie in Österreich. Innsbruck 2009; Nathan Lean: The Islamophobia Industry: How the Right Manufactures Fear of Muslims; Emmanuel Todd und Youssef Courbage: Die unaufhaltsame Revolution: Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. 2008; George Morgan und Scott Poynting: Global Islamophobia: Muslims and Moral Panic in the West; Jack Shaheen: Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People. 2001 (Untersuchung über Hollywoodfilme, in denen Araber eine Rolle spielen); Stefan Weidner: Aufbruch in die Vernunft: Islamdebatten und Islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen. 2011; Annette Katzer: Araber in deutschen Augen.

Filme: „Islam, antéchrist et jambon-beurre“ Doku-Film von Paul Moreira (Französisch); „Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People“ Dokumentation von Sut Jhally (Englisch), Ergänzung des Buchs von Jack Shaheen

Online-Artikel, Webseiten und Blogosphäre:

www.hintergrund.de/201107121647/feuilleton/zeitfragen/sieg-oder-holocaust.html

www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24739/1.html

* www.thenation.com/article/157245/great-islamophobic-crusade (von Max Blumenthal)

www.americanprogress.org/issues/2011/08/pdf/islamophobia.pdf

http://972mag.com/the-israeli-incitement-problem/

* https://tiara013.wordpress.com/2013/06/14/krude-allianzen/ (über die Behauptung der Verbindung NS-Islam/ismus und ihre Verwendung, auch etwas über „islamischen Antisemitismus“)

http://www.theguardian.com/commentisfree/2010/jul/01/israels-gay-propaganda-war

http://pakhtunkhwa911.wordpress.com/2013/03/18/islamkritik-getarnter-fremdenhass-doppelmoral-und-pauschalisierungen/

http://www.splcenter.org/get-informed/intelligence-report/browse-all-issues/2011/summer/the-anti-muslim-inner-circle

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-02/film-unterdrueckte-mehrheit-feminismus-rassismus (über rassistischen, wenn nicht dezidiert islamophoben Feminismus)

* mondoprinte.wordpress.com (hauptsächlich über die hiesige Wahrnehmung/Darstellung des Israel-Palästina-Konflikts)

von-den-einzigwahren-freunden-israels.blogspot.com

islamophobieforschung.wordpress.com

* http://srebrenica-genocide.blogspot.com (als Widerspruch zu den Verschwörungstheorien über Bosnier/Bosniaken)

www.islamophobie.info

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bekannt ist, dass in Frankreich die längste Zeit die Guillotine die Hinrichtungsart für zum Tode Verurteilte war, weniger bekannt dürfte sein, dass dort erst unter Mitterrand die Todesstrafe abgeschafft wurde und bis in die 1970er hinein Todesurteile vollstreckt wurden. Eine der letzten Exekutionen war ein sehr umstrittener Fall, jener von Christian Ranucci; abgesehen von der Angemessenheit der Todesstrafe steht hier die Schuld des Verurteilten in Frage.

Marie-Dolores Rambla, 8 Jahre alt, Tochter spanischer Einwanderer, wurde im Sommer 1974 in Marseille beobachtet wie sie in ein Auto gelockt wurde. Ranucci, ein 20-jähriger Vertreter aus Nizza, verschuldete etwas später in der Nähe von Marseille einen Unfall mit Blechschaden und beging Fahrerflucht. Ein Ehepaar das beim Unfallort vorbeikam, die Auberts, nicht das Unfallopfer, verfolgte ihn, notierte seine Autonummer, sah ihn noch bei einem Champignonzuchtbetrieb stehenbleiben, aussteigen, und etwas aus dem Auto herausheben. Zwei Tage später wurde das Mädchen in der Nähe der Pilzgrotte erstochen aufgefunden. Nachdem sie die Nachricht vom Auffinden der toten Marie-Dolores vernahmen, meldeten die Auberts ihre Beobachtung bei der Polizei, die Ranucci aufgrund der Autonummer fand und verhaftete. Dieser legte nach einem nachtlangen Verhör bei der Polizei (das Foto unten dürfte davor entstanden sein) ein Geständnis des Mordes ab, das er vor der Untersuchungsrichterin Di Marino, die später auch den Lokalaugenschein leitete, wiederholte. Später nahm er das Geständnis zurück und äusserte Misshandlungsvorwürfe gegenüber der Polizei. Im Verhör gab er an, wo das Tatmesser zu finden sei; ein Messer (ob es die Tatwaffe war, wurde nicht geklärt) wurde nach einer langen Suche auf einer kleinen Fläche mit einem Metalldetektor gefunden, in der Nähe des angegebenen Ortes (und des Leichenfundorts). Die Auberts haben Ranucci bei einer Gegenüberstellung mit Anderen nicht wiedererkannt, wollten laut einer späteren Aussage gesehen haben, dass er ein Kind aus dem Auto gehoben hat. Ranuccis Unfallbeteiligung und die Anwesenheit beim Champignon-Zuchtbetrieb in zeitlicher Nähe zur Tat wurden aber auch von anderen Zeugen angegeben und von ihm auch nicht geleugnet, wenn ich die Angaben richtig verstanden habe. Ein wichtiges Indiz war eine blutverschmierte Hose, die in seinem Auto gefunden wurde (die einzige mögliche Spur des Mädchens dort). Er gab an, dass es sich um sein eigenes Blut handelte; der Polizeiarzt will keine frischen Verletzungen bei ihm gefunden haben, die Blutgruppe wäre auf Ranucci und Rambla zugetroffen, die Möglichkeit einer DNA-Analyse gab es noch nicht. Beschreibungen des Entführers (in einem roten Pullover) und dessen Autos durch Zeugen der Entführung, den Bruder des Mädchens und den KFZ-Mechaniker Spinelli, trafen nicht ganz auf Ranucci zu. In der Nähe der Leiche wurde ein roter Pullover gefunden, zu gross für ihn, angeblich mochte er auch die Farbe nicht. Weiters wurden bei Ranucci Kratzer an den Unterarmen festgestellt, wie von der Pflanze, unter der das Mädchen gefunden worden war.

Im Gefängnis soll Ranucci beim Haareschneiden „versehentlich“ ins Ohr geschnitten worden sein, um ihn als „Triebtäter“ bzw. Kindermörder erkenntlich zu machen. Der Geschworenen-Prozess im Frühling 1976 in Aix-en-Provence dauerte, trotz nicht eindeutig feststehender Schuld und der drohenden Todesstrafe, nur 2 Tage (!). Der heutige Front National-Politiker Gilbert Collard vertrat als Nebenkläger den Vater des Opfers. Eine späte Entlastungszeugin tauchte auf, dennoch wurde Ranucci für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Ein Berufungsantrag wurde bald darauf abgelehnt. Somit blieb Ranuccis Anwaltsteam um Le Forsonnay nur noch ein Gnadengesuch bei Staatspräsident Giscard d’Estaing. Während sich Innenminister Michel Poniatowski (entstammt dem polnischen Adelsgeschlecht dessen französischer Zweig unter Napoleon geadelt wurde) im Fernsehen für die Exekution Ranuccis aussprach, verbreitete sich eine Falschmeldung über seine Begnadigung, anscheinend, über Gefängniswärter, bis zum Betroffenen hin. Die Agence France-Presse hatte zwei Meldungen vorbereitet, und noch bevor Giscard d’Estaing seine Entscheidung bekanntgab, irrtümlich jene über das Stattgeben des Gnadengesuchs rausgeschickt. Giscard begnadigte Ranucci nicht, eine Entscheidung, die er nach seinen Aussagen bis heute nicht bedauert (siehe hier). Er stand der Todesstrafe eher ablehnend gegenüber und machte bei vier Todesurteilen in seiner Amtszeit von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch (die damit in lebenslange Haftstrafen umgewandelt wurden), bei drei nicht, die als extreme Fälle galten, siehe unten. Bereits wenige Stunden nach der Ablehnung wurde Christian Ranucci im Gefängnis Les Baumettes in Marseille vom Henker André Obrecht auf der Guillotine exekutiert, die letze Hinrichtung für diesen.

Im Fall einer Ablehnung der Begnadigung fand die Exekution immer bald statt. Die Guillotine wurde erst dann in das betreffende Gefängnis gebracht. Der Verurteilte wurde in den Morgenstunden informiert, etwa 20 Minuten vor seiner Hinrichtung. Nachdem er aus seiner Zelle gebracht wurde, durfte er noch etwas alkoholisches trinken, rauchen, etwas schreiben. Er hatte auch das Recht auf geistlichen Beistand. Hamida Djandoubi (s.u.) wollte einen Imam und Rum zum Abschied…  Nachdem der Verurteilte gefesselt war, wurde sein Hemdkragen und gegebenenfalls auch seine Haare abgeschnitten, und er so zur Guillotine getragen, die gern im Gefängnishof aufgestellt wurde. Widersprüchliche Aussagen gibt es über Ranuccis letzte Worte („Réhabilitez-moi“, zu seinem Anwalt?). Manchmal wird diese Hinrichtung fälschlicherweise für die letzte in Frankreich gehalten, vielleicht weil es um diesen Fall noch einmal Trubel gab, wegen dem Mord an einem Kind und den Zweifeln an der Schuld des Verurteilten.

Ranucci

Wenige Wochen vor Prozessbeginn war ein anderer Kindesmord in Frankreich bekannt geworden; der in diesem Fall eindeutig als Mörder feststehende Patrick Henry wurde im Prozess 1977 von seinem Anwalt Robert Badinter vor der Todesstrafe gerettet und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die er nicht ganz absitzen musste. Badinter führte vor Gericht keinen Kampf um die Unschuld seines Mandanten, sondern einen gegen die Todesstrafe; er spielte dann eine wichtige Rolle bei ihrer Abschaffung in Frankreich. 2006 tauchten Meldungen auf, dass der (spätere) Serienmörder Fourniret beim Prozess gegen Ranucci 1976 als Zuschauer anwesend gewesen sei und lösten Spekulationen über eine mögliche Täterschaft Fournirets im Fall Rambla aus. 2008 wurde der Bruder des 1974 ermordeten Mädchens wegen Mordes an seiner Vorgesetzten zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren verurteilt die er in dem Gefängnis absitzt, in dem Ranucci hingerichtet wurde.

Gilles Perrault nahm sich noch in den 1970ern des Falls Ranuccis an, der Anwalt und Autor schrieb darüber „Der rote Pullover“, eine Darstellung des Falls, die auch Vorlage für eine von zwei Verfilmungen des Falls wurde. Er hält Ranucci für unschuldig, streicht die Ungereimtheiten in dessen Verurteilung heraus, hat mehrere Revisionsanträge gestellt, die abgelehnt wurden, und wurde für verschiedene Aussagen von der Polizei geklagt. Eine Revision wird auch von einer Initiative von vier Politologen (www.associationranucci.org) angestrebt. Der Polizist Bouladou hält Ranucci für schuldig, schrieb ein Buch über den Fall, unterhält eine Website, hat auf Youtube Videos hochgeladen die seine Sicht der Dinge präsentieren. An Büchern erschienen dazu u.a. auch der Briefwechsel von Ranuccis Mutter Héloïse Mathon mit ihrem inhaftierten Sohn, ein Comic (siehe das Umschlag-Bild unten), Veröffentlichungen von seinem damaligen Anwalt Jean-François Le Forsonnay, dem damals beteiligten Polizisten Fratacci (der auf dem Foto links), Marie-Dolores Ramblas Vater und einer Karin Osswald. Hingewiesen sei auch auf diese links und ein Video (http://www.youtube.com/watch?v=u6_vh0YkVbU) dazu (jeweils auf Französisch).

Gérard Berthelot/Julien Moca/Vincent Koch: L'Affaire Ranucci (Editions De Borée)

Gérard Berthelot/Julien Moca/Vincent Koch: L’Affaire Ranucci (Editions De Borée)

Wie kam es eigentlich zur Einführung der Guillotine als Hinrichtungsinstrument in Frankreich? Die Geschichte ihrer Einführung, Verwendung und Abschaffung spiegelt auch die Geschichte Frankreichs seit der Revolution wieder. Unter dem alten Regime gab es, wie im übrigen Europa, verschiedene, grausame, Hinrichtungsarten, je nach Delikt, Stand und Geschlecht, das Köpfen mit dem Beil, das zu Tode Rädern, das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen, das Hängen,… Die Stürmung der Bastille am 14. Juli 1789, mit der der Beginn der Revolution angesetzt wird, brachte die Befreiung von dort untergebrachten Gefangenen (keine bedeutenden und keine Justizopfer), die Erbeutung der dortigen Kanonen, und einen symbolischen Sieg über eine Befestigung des Despotismus und des Regimes. Auf dem anschliessenden Weg zum Rathaus wurden der Bastille-Kommandant De Launay wegen seines Schiessbefehls gegen die Demonstranten sowie ein Adeliger, der ihm zur Hilfe kommen wollte, von einem anwesenden Metzger geköpft.

Etwa einen Monat später verabschiedete die Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, darin betrafen insbesondere die Artikel 7 bis 9 das Verhältnis Staat-Justiz-Einzelner, es wurde keine Absage an die Todesstrafe erteilt; in Frankreich hatte erstmals der Aufklärer Voltaire gegen diese Strafe Stellung bezogen. Ende 1789 machte ein Mitglied der Nationalversammlung, der Arzt Joseph-Ignace Guillotin, mit Berufung auf die Menschenrechtserklärung und der dort festgeschriebenen Gleichheit der Bürger, Vorschläge zur Reform des Strafgesetzes: Delikte sollten unbesehen von Stand oder Geschlecht einheitlich bestraft werden, es sollte eine einheitliche (und weniger grausame) Hinrichtungsform geben, das Köpfen durch einen einfachen Mechanismus, daneben forderte er auch die Abschaffung der Sippenhaftung und anderes. Während sich die Beratungen zu einem neuen Strafgesetz in der Nationalversammlung zogen, wurden einige von Guillotins Punkten provisorisch angenommen – mit Einverständnis von König Ludwig XVI., inzwischen gab es ja eine konstitutionelle Monarchie. Der König liess auch das besonders grausame Rädern abschaffen. Die Beratungen brachten die erste grosse Debatte über die Todesstrafe, einige führende Abgeordnete wie Mirabeau oder Robespierre (!) traten darin für ihre Abschaffung ein. 1791 beschloss die Nationalversammlung das neue Strafgesetz, das weitgehend Guillotins Vorschlag folgte, die Todesstrafe sollte nunmehr Leben beenden, nicht mehr Schmerzen verursachen, die Folter wurde abgeschafft. Die Entwicklung eines Fallbeils wurde dem Leibarzt von König Ludwig, Antoine Louis, übertragen (von Guillotin war nur der Anstoß gekommen). Louis konnte sich dabei auf ältere Modelle stützen, vor allem aus England und Schottland, die er weiterentwickelte, mit Unterstützung u.a. des Pariser Henkers Charles-Henri Sanson (aus der Scharfrichter-Familie Sanson, die in Paris von 1688 bis 1847 waltete; der Bandit „Cartouche“ wurde etwa 1721 vom Grossvater dieses Sanson gerädert). Der fertige Entwurf wurde im Frühling 1792 vor der Nationalversammlung und dem König im Tuilerienpalast präsentiert und angenommen. Gebaut wurde die erste „Guillotine“ (das Gerät hiess nach dem Entwickler anfangs „Louisette“; später kam auch die Bezeichnung „Veuve“ auf) von einem deutschen Klavierbauer in Paris namens Schmidt und dem aus Lothringen stammenden Graf Roederer; sie wurde dann an Schafen und menschlichen Leichnamen getestet. Die Tötung durch Durchtrennung der Halswirbelsäule galt lange als schnell und weitgehend schmerzfrei, was nicht mehr ganz unumstritten ist; darüber, wie lange das Gehirn in dem körperlosen Kopf noch weiterarbeitet oder der Körper ohne den Kopf arbeiten kann, gibt es keine eindeutigen Angaben.

Im April 1792 kam die Guillotine, auf einem Schafott, also einer erhöhten Plattform (wegen der angeblichen Abschreckungswirkung), am Place du Carroussel zu ihrem ersten echten Einsatz, als der Strassenräuber Pelletier mit ihr von Sanson geköpft wurde. Angeblich funktionierte diese erste Guillotine nicht bei allen Exekutionen einwandfrei, brauchte oft mehrere Durchgänge für das Durchtrennen des Halses, sodass sie nachjustiert werden musste. Im Jänner 1793 wurde auch der König, als Bürger Louis Capet, mit einer Guillotine exekutiert, wiederum von Charles-Henri Sanson. Bald darauf begann die Terrorherrschaft der Jakobiner im „Wohlfahrtsausschuss“, unter der als konterrevolutionär verdächtigte Personen en masse (35 000 bis 40 000, darunter der Chemiker Lavoisier) hingerichtet wurden. Diese radikalste Phase der Revolution endete, als im Juli 1794 Robespierre und Saint-Just auf Beschluss des Nationalkonvents selbst guillotiniert wurden. 1795, zu Beginn der Herrschaft des Direktoriums, beschloss der Nationalkonvent die Abschaffung der Todesstrafe – aber für den Zeitpunkt eines „allgemeinen Friedens“ in Frankreich. Der kam aber vorerst nicht, daher trat die Abschaffung nicht in Kraft. 1810, im neuen Strafgesetz unter Napoleon Bonaparte, wurde sie „wiedereingeführt“, für nun 39 Delikte wie Mord, Desertion, Verrat.

Marie Tussaud, geboren im Elsass als Marie Grossholtz, in der Schweiz zur Wachsbildnerin ausgebildet, heiratete in Paris den Ingenieur François Tussaud und fertigte lebensgrosse Modelle von Prominenten wie Voltaire aus Wachs. Nach Ausbruch der Revolution wurde sie gezwungen, die Totenmasken prominenter Opfer der Guillotine (von Louis de Bourbon bis Maximilien de Robespierre) für das Revolutionsmuseum anzufertigen. Daneben erbte sie die Wachsfigurensammlung ihres Meisters Curtius. Mit dem Ausbruch der Koalitionskriege blieb die Kundschaft dieses Kabinetts aus und Tussaud folgte, mit ihren beiden Söhnen, einer Einladung, ihre Wachsfiguren in England zu präsentieren…

Der „Weisse Terror“ nach der Restauration 1815, an Bonapartisten und Republikanern (bzw. als solchen Verdächtigten), wie Michel Ney, wurde vorwiegend durch Erschiessen vollstreckt. Frankreich behielt aber das unter Napoleon erlassene Strafgesetz von 1810, somit auch die Todesstrafe samt den dafür „qualifizierenden“ Delikte und die Art ihrer Vollstreckung, bei (auch nach den folgenden Umbrüchen im 19. Jahrhundert), und führte sie auch in seinen Kolonien ein. Daneben wurde die Guillotine in einigen anderen Staaten als Hinrichtungsform übernommen, in Deutschland infolge der Napoleonischen Kriege als eine von mehreren. Nach dem Sturz des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe I. und der Ausrufung der 2. Republik im Februar 1848 wurde der Beschluss von 1795 umgesetzt, die Todesstrafe also erstmals abgeschafft – zusammen mit der Sklaverei. Deren Abschaffung war auch bereits in der Revolutionsphase einmal (1794) beschlossen wurden, die von 1848 hielt nun aber. Nicht aber jene der Todesstrafe; nach dem Arbeiteraufstand im Juni dieses Jahres und dessen blutiger Niederschlagung beschloss das Parlament die Wiedereinführung – die todeswürdigen Delikte wurden aber eingeschränkt, politische gestrichen.

Leon Berger entwickelte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neues Modell der Guillotine, das in Frankreich bis zur Abschaffung der Todesstrafe in Verwendung war. Unter anderem konstruierte er eine Stoßdämpfung zum Abbremsen des Moutons, des etwa 40 kg schweren Eisenblocks mitsamt Messer, um das häufige Verziehen des Gerätes zu verhindern. 1870 schuf Crémieux als Justizminister zu Beginn der Dritten Republik das Schafott als Exekutionsort ab (es wurde aber weiter öffentlich exekutiert) und führte das Amt eines Scharfrichters (Chef-Exekutors) für ganz Frankreich (abgesehen von den Überseegebieten) ein, der mit seinen Assistenten durch das ganze Land zu reisen hatte. Spätestens da wurden diese Scharfrichter in Frankreich Personen des öffentlichen Lebens, im Gegensatz zu anderen Ländern, wo man ihre Identität geheim hielt. 1879 übernahm Louis Deibler dieses Amt, er exekutierte u.a. den Mörder von Präsident Carnot, einen Anarchisten. Sein Sohn Anatole war sein Assistent, wurde 1899 sein Nachfolger. Die Exekutionen im Pariser Raum wurden in seiner Ära vom Roquette-Gefängnis ins La Santé verlegt. Sie fanden auf dem Boulevard Arago direkt neben dem Gefängnis statt, solange sie öffentlich waren, dann im Innenhof des Gefängnisses. Anfang des 20. Jahrhunderts schien sich das politische Klima in Frankreich gegen die Todesstrafe zu drehen. Auf den Todesstrafen-Skeptiker Loubet folgte Armand Fallières als Staatspräsident, der ein expliziter Befürworter ihrer Abschaffung war. Die ersten drei Jahre seiner Amtszeit, 1906 bis 1908, wandelte dieser durch sein Begnadigungsrecht alle Todesurteile in Haftstrafen um. Deibler, der dadurch keine Aufträge bekam, musste daher zeitweise als Vertreter für Champagner arbeiten; die Exekutoren hatten keinen Beamtenstatus, sondern wurden als „Freiberufler“ vom Justizministerium nach Bedarf engagiert. Nachdem ein von Justizminister Aristide Briand vorgelegter Gesetzesentwurf zur Abschaffung der Todesstrafe im Parlament (eine von mehreren Abschaffungs-Initiativen im Parlament) abgelehnt wurde, änderte Fallières seinen Kurs und ließ von Anfang 1909 an wieder Hinrichtungen durchführen.

Anatole Deibler war 40 Jahre als Chefexekutor von Frankreich im Amt, länger als jeder andere vor und nach ihm; er tauchte sogar in der „Fantomas“-Romanreihe auf. Unter den von ihm Hingerichteten waren der Serienmörder Landru, Mitglieder der anarchistischen Bonnot-Bande und der Mörder von Präsident Doumer, ein Russe namens Gorgulov. Dieser Mord rettete gewissermaßen einen anderen Verurteilten, Eugène Boyer, dem die Begnadigung durch Doumer verwehrt geblieben war. Am Tag seiner geplanten Exekution wurde Doumer ermordet und Albert Lebrun rückte als Senats-Präsident zunächst übergangsmäßig in die Präsidenten-Funktion auf. Boyer war von Deiblers Assistenten bereits auf die „Bascule“ geschnallt worden, als die Begnadigung durch Lebrun, wohl eine von dessen ersten Amtshandlungen, zur La Santé-Anstalt durchdrang! Boyer wurde ins Straflager nach Französisch-Guyana geschickt, wo er auch „Papillon“ Henri Charriere (s.u.) begegnete (dieser nannte ihn in seinen Memoiren in „André Baillard“ um). Deibler wurde auch je einmal ins benachbarte Belgien (war dort die letzte Guillotinierung) und ins Saarland (das nach dem 1. Weltkrieg französisch verwaltet wurde) berufen um seiner Arbeit nachzugehen. Er holte seine späteren Nachfolger Jules-Henri Desfourneaux und André Obrecht, beides Verwandte, in sein Team. 1939 erlitt er auf dem Weg zu einer Hinrichtung in der Provinz einen tödlichen Herzinfarkt.

Die erste Hinrichtung von Deiblers Nachfolger als exécuteur en chef, Desfourneaux, war jene des Raubmörders André Vitel, die letzte in Frankreich hingerichtete Person unter 18 Jahren. Die Exekution des deutschen Raubmörders Eugen(e) Weidmann, er wurde 1939 vor dem Gefängnis von Versailles geköpft, war die letzte öffentliche; Grund für die Gesetzesänderung, aufgrund der Hinrichtungen nun in Gefängnissen stattfinden sollten, war der Trubel um Weidmanns Hinrichtung. Einer der Zuseher drehte davon auch heimlich einen Film, anscheinend aus einer Wohnung. Von 1941 an wurden erstmals seit 1887 wieder Frauen hingerichtet, ein Umstand der darauf zurückzuführen war dass der „Staatschef“ des Vichy-Regimes, Philippe Pétain, diese nicht begnadigte. Neben Mörderinnen waren Frauen betroffen, die (damals illegale) Abtreibungen vorgenommen hatten, wie Marie-Louise Giraud, die 1943 in Paris hingerichtet wurde; ein Fall, der Grundlage für den Spielfilm „Eine Frauensache“ von Claude Chabrol wurde. Ebenfalls in den Jahren des Zweiten Weltkrieges verhängten französische Gerichte, die mit den deutschen Besatzern bzw. dem Vichy-Regime kollaborierten, Todesurteile gegen politische Gegner, vor allem Mitglieder der Résistance, wie etwa Marcel Langer. Wegen Desfourneauxs Wirken unter dem Kollaborations-Regime zogen sich Obrecht und andere Assistenten zeitweise zurück. Pétain wurde nach der Befreiung 1944 selbst zum Tod verurteilt, aber von Charles de Gaulle als Chef der Übergangsregierung begnadigt, womit die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Die Urteile gegen andere Vichy-Offizielle, wie etwa Pétains „Regierungschef“ Laval, wurden durch Erschiessen vollstreckt. Zivile Fälle wie jener von Marcel Petiot 1946 (27 nachgewiesene Morde) wurden auch in dieser Zeit guillotiniert.

Auch in der Vierten Republik wurden, unter Vincent Auriols Präsidentschaft, Frauen geköpft, die letzte (überhaupt in Frankreich hingerichtete Frau) 1949, für die Ermordung ihres Ehemannes. 1951 wurde André Obrecht Nachfolger seines verstorbenen Onkels als oberster Scharfrichter der Französischen Republik. Ab Mitte der 1950er-Jahre wurden den Exekutierten Organe für medizinische Versuche oder Transplantationen entnommen. Unter den in der 4. Republik Hingerichteten waren auch der Raubmörder Jacques Fesch, der in der Haft zum Glauben fand und selig gesprochen werden könnte oder der Gangsterboss Buisson, Drahtzieher von über 20 Morden.

De Gaulle war ein „gemäßigter“ Befürworter der Todesstrafe, für Männer. „Ich wurde vom Vichy-Regime in Abwesenheit zum Tode verurteilt und bin Befürworter der Todesstrafe für Ausnahmefälle“, sagt er dazu. Als Präsident (der Fünften Republik) wandelte er viele Todesstrafen um. Dass die erste Phase seiner Präsidentschaft vom Algerien-Krieg dominiert war, spiegelte sich auch bei seinem Umgang mit der Todesstrafe in dieser Zeit wieder. Im französisch beherrschten Algerien wurden mit Beginn des Unabhängigkeitskampfes auch „politische“ Todesurteile ausgesprochen, von den meist für „Terrorismus“ Verurteilten hatten manche Blut an den Händen, manche nicht. Fernand Meyssonnier war der letzte Exekutor im Französischen Algerien (zuvor schon Gehilfe seines Vaters in dem Job), von 1947 bis 1959 tötete er mehr als 200 Menschen, seine Amtszeit fiel ziemlich mit dem Krieg zusammen. Das erste Todesurteil gegen einen Unabhängigkeitsaktivisten wurde wahrscheinlich 1956 vollstreckt, bis 1958 waren es 141. Darunter war ein Franzose, Fernand Iveton, der den Unabhängigkeitskampf der FLN aktiv unterstützte. Bis Mitte 1959 wurden in Algerien dann noch drei Köpfungen wegen „zivilen“ Verbrechen ausgeführt, die nach Kriegsbeginn selten geworden waren. Zu diesem Zeitpunkt war bereits De Gaulle an der Macht. Unter den nach seinem Amtsantritt als Staatspräsident in diesem Jahr begnadigten Todeskandidaten waren auch einige Algerier. Durch ein Dekret vom Februar 1960 wurde in Algerien Macht von Zivil- an Militärgerichte übertragen, FLN-Kämpfer wurden ab da bis Kriegsende nicht mehr wie Kriminelle geköpft, sondern wie Soldaten erschossen. Das Dekret sollte eigentlich das Militär unter eine stärkere Kontrolle bringen, eigenmächtige Erschiessungen und Folter beseitigen.

Als De Gaulle 1961 Verhandlungen mit der FLN aufnehmen liess, putschten in Algerien wie 3 Jahre zuvor einige Generäle wie Salan und Jouhaud und brachten Teile der dortigen Kolonialverwaltung unter ihre Kontrolle. Die Sache brach aber schnell wieder zusammen, Salan und Jouhaud wurden 1962 gefasst und von einem Militärgericht zu lebenslang bzw. zum Tode verurteilt, was De Gaulle auf Druck hin in eine Haftstrafe umwandelte. Kurz nach den Ereignissen des Mai 1968 durften beide das Gefängnis verlassen, als Gegenleistung für die Unterstützung von gewissen Teilen des Militärs und der Rechten für De Gaulle. Die Aktion 1961 war eine der ersten der OAS, der militanten Organisation rechtsgerichteter Offiziere, die Algerien unbedingt als französische Kolonie halten wollten. Nachdem es aber im Juli 1962 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, versuchte die OAS an De Gaulle Rache zu nehmen. Etwa einen Monat nach der Unabhängigkeit verübte sie einen Anschlag mit automatischen Waffen auf die Fahrzeugkolonne des Präsidenten, die am Weg von Paris zu seinem Landsitz in Colombey-les-Deux-Églises war; dabei wurde aber niemand verletzt. Der Anführer Jean Bastien-Thiry, ein Oberstleutnant, wurde 1963 in einem Militärprozess zu Tode verurteilt und durch ein Erschiessungskommando hingerichtet; die Strafen der anderen beteiligten wandelte De Gaulle um. Das Attentat bildete die Grundlage für Frederick Forsyths Roman „Der Schakal“, welcher zweimal verfilmt wurde. Thiry ist der letzte für ein anderes Delikt als Mord und der letzte nicht mit der Guillotine hingerichtete in Frankreich.

Der Algerien-Krieg war wohl auch der wichtigste Grund, dass Frankreich spät, als letztes westeuropäisches Land, die Todesstrafe abschuf, sie wurde vor dem Hintergrund etwa vielfach als angemessene Strafe für FLN-Kämpfer (ein grosser Teil der in der 5. Republik Hingerichteten) gesehen. Jede Hinrichtung im europäischen „Hauptland“ brachte auch eine Diskussion über die Todesstrafe, aber rechte Mehrheiten im Parlament verunmöglichten eine Abschaffung.

Eine Exekution in De Gaulles späterer Präsidentschaft war jene von Gunther Volz, einem deutschen Ex-Fremdenlegionär, 1967, für die Vergewaltigung und Ermordung eines 12-jährigen Mädchens. Die beiden Algerien-Veteranen Claude Buffet und Roger Bontems wurden 1972 für den Mord an zwei Geiseln exekutiert, die sie bei ihrem versuchtem Ausbruch aus dem Clairvaux-Gefängnis im Jahr davor genommen hatten, die letzten Hinrichtungen in Paris, im La Santé, die ersten nach De Gaulle. Buffet saß im Gegensatz zu Bontems schon wegen Mordes ein, und er war es auch, der (bei der Stürmung durch die Polizei) die Geiseln tötete. Die Verurteilung und Hinrichtung von Bontems, der keinen Mord begangen hatte, machte seinen Rechtsanwalt Robert Badinter zum vehementen Kämpfer gegen die Todesstrafe. Nach der Hinrichtung von Ranucci 1976 reichte Obrecht, aus Altersgründen, seinen Rücktritt ein. Von 1921 bis 1976 war er, als Chefexekutor oder Assistent, an der Vollstreckung von insgesamt 322 Todesurteilen beteiligt gewesen, darunter an einigen Frauen und politisch Verurteilten. Er veröffentlichte nach seiner Pensionierung auch Memoiren (www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495619.html). Sein Verwandter und langjähriger Assistent Marcel Chevalier wurde sein Nachfolger und führte die letzten zwei Exekutionen in Frankreich durch, die von Jerôme Carrein und des tunesisch-stämmigen Zuhälters Hamida Djandoubi, jeweils für Mord. Jene drei Verurteilungen, die Giscard nicht aufhob waren die Ranuccis, des ebenfalls für Kindesmord verurteilte Carrein sowie Djandoubi, der sein Mordopfer auch gefoltert hatte. Nach Djandoubis Verurteilung, er wurde der letzte in Westeuropa hingerichtete und die letzte Guillotinierung weltweit, sprachen französische Gerichte bis zur Abschaffung der Todesstrafe noch 17 Todesurteile aus, das letzte in oberster Instanz bestätigte erging 1980 gegen den späteren Historiker Philippe Maurice; keines dieser Urteile wurde vollstreckt. Einer dieser zu Tode Verurteilten starb im Gefängnis eines natürlichen Todes, einige Urteile wurden in oberen Instanzen abgelehnt, Maurices Urteil wurde vom neuen Präsidenten Mitterrand in eine Haftstrafe umgewandelt, die restlichen profitierten von der automatischen Umwandlung in lebenslange Freiheitsstrafen, die im Gesetz zur Abschaffung vom 9. Oktober 1981 festgeschrieben wurde. Chevalier starb im selben Jahr wie Meyssonnier, der letzte Henker in Französisch-Algerien, 2008.

François Mitterrand ging mit dem Vorsatz der Abschaffung der Todesstrafe in den Präsidentschafts-Wahlkampf 1981 und gewann knapp gegen Giscard d’Estaing (es ist nicht sicher, dass dieser im Fall seiner Wiederwahl die Todesstrafe beibehalten hätte). Mit ihm kam dann nach einer Neuwahl des Parlaments mit einem Sieg der Parti socialiste auch eine neue Regierung, unter Pierre Mauroy. Robert Badinter wurde in dieser Justizminister und arbeitete, mit Unterstützung Mitterrands, den Gesetzesvorschlag zur Abschaffung aus, der im September 1981 von den beiden Kammern des Parlaments angenommen wurde – auch ein kleiner Teil der Mitte-Rechts-Opposition, darunter Jacques Chirac (damals RPR-Chef), stimmte für die Abschaffung. Michel Foucault, der sich u.a. mit „Überwachen und Strafen“ auseinandersetzte, ein Gegner der Todesstrafe, erlebte noch ihre Abschaffung in Frankreich. Badinter wurde später Präsident des französischen Verfassungsrates und engagierte sich auch gegen die Todesstrafe in China oder den USA. Anzumerken ist, dass der Staatspräsident bei seiner Begnadigungs-Entscheidung immer Meinungen über den betreffenden Fall einholte, u.a. beim Justizminister. Und Mitterrand hatte als solcher in den 1950ern, unter Staatspräsident Coty und Ministerpräsident Mollet, in den meisten Fällen eine Empfehlung gegen die Begnadigung abgegeben, auch bei den ersten Todesurteilen gegen FLN-Kämpfer.

Heute vertreten nur die Front National unter den Le Pens sowie einige Rechtsaussen in der UMP wie der Ex-Anti-68er Alain Madelin oder Charles Pasqua die Forderung nach ihrer Wiedereinführung. Die Guillotine ist heute nirgendwo mehr im Gebrauch. Ab dem Spätmittelalter waren in ganz Europa die Strafen immer mehr verschärft worden, der eigentlichen Exekution gingen häufig Folterungen voraus. Mit der Aufklärung wurde das Tor zu einer vernünftigeren Justiz aufgestossen. Seither ist die Geschichte der Todesstrafe letztlich eine Geschichte ihrer Abschaffung. Zur Relativierung der angeblichen Abschreckungswirkung: In London wurden Taschendiebe jahrhundertelang in Tyburn aufgehängt. Im späten 18. Jahrhundert wurden diese Hinrichtungen von der Öffentlichkeit in Gefängnisse verlegt. Einer der Gründe dafür war, dass Taschendiebe aus dem Schicksal der baumelnden Kollegen bzw. der Feiertagsstimmung Nutzen zu ziehen verstanden.

guillotine.cultureforum.net

guillotine.cultureforum.net

Die letzte in Frankreich verwendete Guillotine wurde bis 1978 im Pariser Gefängnis La Santé aufbewahrt, von dort zu Exekutionen im ganzen Land transportiert. Dann wurde sie ins Gefängnis von Fresnes bei Paris gebracht, wo nunmehr alle Exekutionen stattfinden sollten. Es fanden aber keine mehr statt, obwohl die letzten zu Tode Verurteilten (siehe oben) noch nach Fresnes gebracht und ihre Hinrichtungen dort angesetzt wurden. Nach der Abschaffung der Todesstrafe wurde die Guillotine ins Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (Mucem) in Marseille gebracht, wo sie heute ausgestellt ist (Foto rechts). Auch ihre letzte Anwendung, an Djandoubi, hatte in Marseille stattgefunden.

Ob Christian Ranucci unschuldig war, lässt sich vielleicht nur durch die oben erwähnte gerichtliche Überprüfung des Urteils feststellen. Die Fraglichkeit der Schuld ist die Regel bei Fällen, die als Justizopfer in Frage kommen, zweifelsfrei erwiesene(s) Unschuld bzw. Unrecht die Ausnahme; eine vollzogene Todesstrafe kann natürlich noch weniger als jede andere gutgemacht werden im nachhinein. In Frankreich gibt es jedenfalls eine lange Reihe (möglicher) illustrer Justizopfer, durch Irrtum oder Willkür. Möglicherweise schon Johanna von Orléans, die im Französisch-Englischen Krieg im Spät-Mittelalter eine gewisse Rolle spielte, bei der „Sprengung“ der englischen Belagerung von Orleans, die die Krönung Karls VII. ermöglichte. Danach geriet sie in Gefangenschaft der Burgunder, die sie an ihre englischen Verbündeten in der Normandie weitergaben. Dort wurde sie, hauptsächlich von Franzosen, in einem Inquisitionsprozess als Hexe verurteilt und hingerichtet. Dann der „Mann mit der eisernen Maske“, ein geheimnisvoller Staatsgefangener von/unter Ludwig XIV., der von 1669 bis zu seinem Tod 1703 inhaftiert war (die letzten Jahre in der Bastille in Paris), auch eine Art Opfer der Justiz oder eher der Allmacht und Willkür des Königs. Seine Identität und der Grund seiner Einkerkerung ist bis heute Gegenstand von Spekulationen. Voltaire scheint sich mit dem Fall beschäftigt zu haben, er versuchte bei seiner Inhaftierung in der Bastille 1717 möglichst viel über den Fall zu erfahren. Auf ihn (oder aber auf Dumas) geht die Beschreibung der Maske als „eisern“ zurück, tatsächlich dürfte sie aus schwarzem Samt gewesen sein. Ein historisches Rätsel, wenn auch kein entscheidendes. Der letzte, der seine Lösung kannte, soll der Kriegsminister Chamillart gewesen sein, der sie mit ins Grab nahm. Nach Voltaire war der Mann ein älterer, illegitimer Bruder Ludwigs XIV., ein Konkurrent um den Thron der ausgeschaltet werden sollte. In Alexandre Dumas‘ gleichnamigem historischen Roman (Teil der Drei Musketiere-Reihe) ist der Mann ein Zwillingsbruder der Königs. Auch Victor Hugo (Drama) und Alfred de Vigny (Gedicht) verarbeiteten das Thema literarisch. Voltaire nahm sich auch der „Affäre Calas“ an und machte sie, unter anderem mit der Schrift „Traité sur la tolérance“, in ganz Europa bekannt. Der Protestant (Calvinist) Jean Calas wurde beschuldigt, seinen ältesten Sohn, der sich im Haus der Familie erhängt hatte, erwürgt zu haben, um ihn am Übertritt zum Katholizismus zu hindern. Unter Folter wurde ihm ein Geständnis abgepresst und er 1762 zu Tode gerädert. Voltaire glaubte zunächst die offizielle Version ehe ihm die Sache von einem anderen Sohn des Justizopfers geschildert wurde. Er erreichte die Wiederaufnahme des Falles und (1765) die posthume Rehabilitierung Calas‘.

Joseph Lesurques, ein Geschäftsmann, wurde 1796, also bereits im Zeitalter der Revolution, Opfer einer der berühmtesten Justizirrtümer der Geschichte Frankreichs, bekannt als „Affäre des Courrier von Lyon“. Nach einem Überfall auf eine Postkutsche von Paris nach Lyon, bei dem zwei Kuriere erschossen wurden, identifizierten Zeugen die Räuber, die in Gasthäusern auf die Kutsche gewartet hatten, welche daraufhin hingerichtet wurden. Lesurques hielt sich im Gerichtsgebäude in Paris auf als dort zwei Zeuginnen auf ihre Aussage warteten. Sie behaupteten dann plötzlich, er sei einer der Täter. Andere Zeugen schlossen sich ihnen einfach an. Sein Alibi war, so wurde später festgestellt, einwandfrei. Als er vor die Guillotine geschleppt wurde, sagte er „Lass Gott meinen grausamen Richtern vergeben.“ Die Sache hatte ein langes Echo, der besondere Fall eines Justizirrtums, der aufgrund des tödlichen „Ausgangs“ nicht wiedergutzumachen war, eines Justizmordes, spielte im Frankreich des 19. Jahrhunderts in vielen Debatten über die Todesstrafe eine Rolle. In der französischen Version von „Asterix“-Bänden fanden sich sogar noch Anspielungen auf diese Affäre.

Der wahrscheinlich berühmteste Fall von Justizwillkür in Frankreich war ein politischer, der von Alfred Dreyfus. Als nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sein Heimatland Elsass an Deutschland fiel, zog er mit seiner Familie nach Paris und machte im Heer Karriere. Eine Putzfrau, die für den französischen Nachrichtendienst arbeitete, fand 1894 im Papierkorb der deutschen Botschaft in Paris   einen zerrissen Brief, aus dem hervorging dass jemand aus dem französischen Generalstab den Deutschen wichtige militärische Informationen weitergegeben hatte. Für die ermittelnden Militärs fiel der Verdacht auf Dreyfus, der verhaftet wurde. In einem für Viele unfairen Geheimprozess, der von manch antijüdischen Kommentaren in der Presse begleitet war, wurde er zu Degradierung, lebenslanger Haft und Verbannung verurteilt. Dreyfus kam 1895 in das Straflager auf der Teufelsinsel (Île du Diable), eine der drei kleinen Îles du Salut neben Royale und St. Joseph vor der Küste Französisch-Guyanas. Napoleon III. hat 1852 die Zwangsarbeits-Lager (Bagne/Bagno) im französischen Guyana begründet, die auf den Îles du Salut sowie drei am Festland bestanden, und 1953 aufgelassen wurden. In Frankreich setzte sich währenddessen u.a. der Schriftsteller Zola für ihn ein, zudem wurde Dreyfus durch Hinweise entlastet, dass das Deutsche Reich nach wie vor einen Kontakt im höchsten militärischen Gremium Frankreichs hatte. Ein neues Aufrollen des Falles brachte den ungarisch-stämmigen Major Walsin-Esterhazy als wahren Verräter ans Licht und Dreyfus konnte nach vier Jahren Verbannung zurückkehren – der eher seltene Fall, dass ein Fehlurteil erkannt und umgestoßen wurde.

Den Fall eines Justizskandals oder -irrtums, in dem ein unbestrittener Täter mit einem Freispruch davonkam, gab es auch in der Dritten Republik. Joseph Caillaux, ein linksliberaler Politiker, war im frühen 20. Jahrhundert kurzzeitig Premierminister (1911/12) und mehrfach Finanzminister. 1914, als sich Caillaux um die Einführung einer progressiven Besteuerung (also eines mit ansteigendem Einkommen ansteigenden Steuersatzes) bemühte, betrieb der Herausgeber des „Figaro“, Calmette, eine Kampagne gegen ihn. Er veröffentlichte Briefe Caillauxs an seine damalige Gattin, die zum einen geschrieben worden waren, als er noch mit einer anderen verheiratet war, und zum anderen das Bekenntnis enthielten, als Finanzminister ein Steuergesetz verhindert zu haben, das er öffentlich unterstützt hatte. Caillauxs Frau Henriette, die Adressatin dieser Briefe, ging in die Redaktion und erschoss Calmette. Sie wurde vom Gericht wegen einer „akuten seelischen Notlage“ freigesprochen. Ihr Anwalt plädierte, dass ihre „unkontrollierbaren“ weiblichen Emotionen die Tat ausgelöst hätten. Was gut in das damalige Frauenbild passte; der damals vorherrschende Glauben an die Ungleichheit der Geschlechter wurde der beste Helfer der Angeklagten.

Oder der Fall Seznec. Wahrscheinlich ungeklärt, möglicherweise ein Justizirrtum, diskutiert bis heute, künstlerisch verarbeitet. Der Sägewerks-Besitzer Guillaume Seznec und ein Geschäftspartner, der Regional-Politiker Pierre Quéméneur, machten sich im Mai 1923 auf dem Weg aus der Bretagne nach Paris, um dort einen Zwischenhändler zu treffen, über den sie amerikanische Autos, die Quéméneur gehörten, in die Sowjetunion verkaufen wollten. Da ihr Cadillac (eines dieser Autos) auf der Fahrt einige Pannen hatte, stieg Quéméneur unterwegs in den Zug um – so jedenfalls die Aussage von Seznec, der allein mit dem Cadillac zurückkehrte. Von Quéméneur tauchte fast drei Wochen später ein Lebenszeichen auf, ein unter seinem Namen abgeschicktes Telegramm aus Le Havre an seine Familie, in dem er mitteilte dass er noch einige Tage unterwegs sein würde. Eine Woche darauf wurde am Bahnhof von Le Havre der Koffer Quéméneurs gefunden. Er enthielt u.a. einen Vertrag, in dem er Seznec ein Haus in der Bretagne zu einem lächerlich geringen Preis verkaufte. Seznec sagte dazu vor der Polizei, er hätte Quéméneur bereits eine Anzahlung dazu geleistet. Jedoch tauchten Zeugen und Hinweise auf, die darauf hindeuteten dass Seznec selbst in Le Havre das Telegramm aufgab, den Vertrag verfasste und ihn im Koffer platzierte. Von Quéméneur tauchten nach seinem Verschwinden keine Spuren auf, also auch keine Leiche. Die Ermittler gingen von Mord aus und Seznec wurde angeklagt und aufgrund von Indizien 1924 für schuldig befunden. Da ihm vorsätzlicher Mord nicht nachgewiesen werden konnte, entging er der Todesstrafe, er wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit Zwangsarbeit, in Französisch-Guyana, verurteilt. Seznec kam also, wie so viele andere, auf die Îles du Salut. 1933 lehnte er eine präsidentielle Begnadigung noch ab (weil es eine Art Schuldeingeständnis gewesen war, begnadigt und nicht in einer Revision freigesprochen zu werden?), 1947 profitierte er davon, dass die Nachkriegs-Übergangsregierung unter De Gaulle aufgrund der bevorstehenden Schliessung der Straflager in Guyana (die auch auf die Reportagen von Albert Londres und Rene Belbenoits Buch über die dortigen Grausamkeiten zurückzuführen war) den dortigen Insaßen z. T. Strafen nachliess. Dass hinter Seznecs Schuld ein Fragezeichen steht, dazu tragen auch zwei weitere Details des Falls bei: Zum einem der Polizist Bonny, der in dem Fall manipulativ eingegriffen haben soll, später wegen Korruption verurteilt wurde und im Vichy-Regime führendes Mitglied der französischen Hilfskräfte der Gestapo war. Zum anderen das Lebensende von Seznec, der zurück in Freiheit in Frankreich 1953 von einem Klein-Lastwagen angefahren wurde, versehentlich, wie dessen Lenker sagte, woran er im Jahr darauf starb. Seine Nachkommen sind um eine Rehabilitation bemüht, die zuletzt 2006 abgelehnt wurde

Auch im nächsten Fall ist der Mord nicht ganz geklärt bzw. im Umkehrschluss die Schuld des Verurteilten nicht ganz erwiesen. Er trug sich am entgegengesetzten Ende Frankreichs zu als das Verschwinden von Quéméneur, im Südosten, dort wo die Provence in den Alpenraum übergeht. Dort wurden 1952, in der Nähe des Bauernhofs der Dominicis, der bedeutende britische Biochemiker und Ernährungsexperte Jack Drummond, seine Frau und seine Tochter in der Nähe ihres Autos, mit dem sie in Frankreich auf Urlaub waren, ermordet aufgefunden – von den Dominicis. Der Familien-Patriarch Gaston Dominici wurde für den Dreifach-Mord 1954 zum Tod durch die Guillotine verurteilt. Auch hier wurden Polizeiermittlungen und Gerichtsverfahren Gegenstand von Kritik, auch hier griff die Politik zugunsten des Verurteilten ein. Präsident Coty begnadigte Dominici von der Todesstrafe, sein Nachfolger De Gaulle verfügte 1959 seine Freilassung aus humanitären Gründen. Auch dieser Fall ist bis heute Gegenstand von Diskussionen, wurde verfilmt (1973 mit Jean Gabin als Gaston Dominici), auch hier bemühen sich Nachkommen um eine Rehabilitierung.

José Giovanni vulgo Joseph Damiani, korsischer Herkunft, spielte nach dem 2. Weltkrieg im Pariser Rotlichtviertel Pigalle eine Rolle, wurde wegen Verwicklung in den Mord einer kriminellen Organisation, der er angehörte, zum Tode verurteilt. Präsident Auriol wandelte das Urteil um, er wurde nach einigen Jahren Gefängnis in einem Neuverfahren rehabilitiert. Begann im Gefängnis zu schreiben und schilderte im Roman „Das Loch“ (Le Trou) einen Ausbruchsversuch aus dem La Santé-Gefängnis in Paris 1947 durchs Graben eines Tunnells, an dem er beteiligt war (verfilmt 1960).

Durch die Verfilmung weltberühmt geworden ist der Fall von Henri Charrière. Er war in Paris längere Zeit als Einbrecher tätig, bis er des Mordes an einer anderen Unterweltgrösse beschuldigt wurde. Charrière (Spitzname „Papillon“, franz. „Schmetterling“, bezog sich auf eine seiner Tätowierungen) beteuerte diesbezüglich stets seine Unschuld. Er wurde aber 1932 zu lebenslanger Verbannung mit Zwangsarbeit in Französisch-Guyana verurteilt. Seine Abenteuer in den Straflagern dort, die Freundschaft mit dem Fälscher Louis Dega (die schon in Frankreich, vor der Verschiffung, begann), dem es gelungen war, eine grosse Summe Geldes in einem im After versteckten Metallzylinder mitzunehmen, die erste Flucht im Karibik-Raum mit den Begegnungen einer Leprakolonie und mit den indianischen Perlenfischern, die neuerliche Gefangennahme und Rückkehr ins Lager, die Isolationshaft, neue Fluchtversuche, die abschliessende Flucht mit mit Kokosnüssen gefüllten Jutesäcken über das Meer und über Britisch-Guyana nach Venezuela, der Chinese namens Quiek-Quiek, all das ist durch den Film von 1973 (das Jahr in dem Charrière, in Madrid an Kehlkopfkrebs, starb) mit Steve McQueen bekannt geworden. Der Film weicht in einigen Punkten vom Buch ab und die Bücher (in seinem anderen autobiografischen Roman beschreibt er sein Leben in Freiheit in Venezuela ab 1945), die ihn gegen Ende seines Lebens bekannt machten, von der Wirklichkeit; ein Teil der erzählten Erlebnisse sind ihm anscheinend von anderen Häftlingen mitgeteilt worden. So war Charriere zwar in den Straflagern von Französisch-Guyana, aber nie auf der Teufelsinsel. Dorthin kamen zunächst Lepra-Kranke, dann politische Gefangene im weiteren Sinn, für Spionage oder Verrat Verurteilte wie Dreyfus oder Demokraten, die den Staatsstreich von Napoleon III. 1851 opponierten. René Belbenoît, 1920 wegen Diebstahl zu 8 Jahre Zwangsarbeit in Französisch-Guyana geschickt, unternahm dort mehrere Ausbruchsversuche, etwa mit einem gestohlenen Kanu über den Maroni-Fluss nach Niederländisch-Guyana, begann zu schreiben, könnte Charrière begegnet sein, dessen Strafzeit in etwa da begann wo seine endete. Belbenoît war einer jener, die nach Verbüssung ihrer Strafzeit in den Arbeitslagern in Guyana bleiben mussten. Ein Fluchtversuch in dieser Zeit „danach“ glückte, er kam über den Karibik-Raum in die USA, eines seiner Bücher über die Zeit in Guyana nannte er „Trockene Guillotine“.

2004 fand in der nordfranzösischen Gemeinde Outreau ein Gerichtsverfahren gegen mehrere Personen wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern statt. Der Kronzeuge der Anklage, des Missbrauchs überführt, log über die Beteiligung anderer Verdächtiger, die in Wirklichkeit unschuldig waren, wie sich später herausstellte. Aufgrund dieser Aussagen mussten mehrere Unschuldige mehrere Jahre im Gefängnis verbringen, einer verübte Selbstmord.

Der Artikel konzentriert sich auf Frankreich, in anderen Ländern gäbe es natürlich auch illustre oder tragische Fälle, etwa den vermeintlichen Mord in den 1910ern in Cuenca, Spanien, für den zwei Männer 11 Jahre im Gefängnis saßen ehe der Vermisste wieder auftauchte oder jenen von Sacco und Vanzetti, italo-amerikanischen Arbeitern, die 1927 für einen doppelten Raubmord hingerichtet wurden, andere wo das Urteil zumindest umstritten ist, von Vera Brühne bis Mumia Abu Jamal, den im Gefängnis Plötzensee in der NS-Zeit aus politischen Gründen Gefangenen oder Hingerichteten, jenen wie Nelson Mandela, die wegen des Kampfes gegen ein Unrechtssystem einsaßen, Gerry Conlon und den Guilford Vier, denen (aus politischen Gründen?) ein politisch motiviertes Verbrechen zur Last gelegt wurde, Sam Sheppard, dessen Fall Vorlage für „Auf der Flucht“ war, fragliche Todesurteile in Grossbritannien nach dem 2. Weltkrieg wie jenes gegen Derek Bentley, die zur Abschaffung der Todesstrafe dort beitrugen, Peter Heidegger in Österreich („Am Anfang glaubt man noch, dass sich alles aufklären wird, wie in einem guten Columbo…“) bis aktuell Mollath (ein Opfer der Politiker oder der Justiz?). Umgekehrt starb etwa der britische Arzt John Bodkin-Adams, der  noch immer als Serienmörder verdächtigt wird, ohne dafür jemals verurteilt zu werden.

Auch der fiktive Graf von Monte Christo von Dumas war ein Opfer von Justizwillkür. Victor Hugos Hauptfigur aus „Les Miserables“, Jean Valjean, ist zu Recht, aber zu hart verurteilt worden, verbrachte seine Strafe im Gefängnis von Toulon (das auch in Wirklichkeit berüchtigt war, und vor seiner Errichtung mussten Sträflinge sogar auf Galeeren rudern). 1829 publizierte Hugo den Roman „Le dernier jour d’un condamné à mort“, ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und indirekte Regimekritik. Neben ihm hat sich in Frankreich nur Albert Camus so gegen die Todesstrafe engagiert. Hugo ging 1851, als Napoleon III. die Demokratie ausschaltete, ins Exil auf die Kanalinseln. Anlässlich des Falles Tapner 1854, einem fragwürdigen Todesurteil auf Guernesey, wo er ja lange lebte, schrieb Hugo: „Alle Schafotte tragen die Namen von Unschuldigen und Märtyrern. Nein, wir wollen keine weiteren Martern. Für uns heisst die Guillotine Lesurques, das Rad heisst Calas, der Scheiterhaufen heisst Jeanne d’Arc, die Folter heisst Tommaso Campanella, der Hackklotz heisst Thomas Morus, der Schierling heisst Sokrates, der Galgen heisst Jesus Christus!“

Literatur:

Gilles Perrault: Der rote Pullover

Jeremy Mercer: When the Guillotine Fell. The Bloody Beginning and Horrifying End to France’s River of Blood, 1791-1977

Alister Kershaw: Die Guillotine

Sylvie Thénault: Armée et justice en guerre d’Algérie. In: Vingtième Siècle. Revue d’histoire No. 57 (Jan. – Mar. 1998)