Todesstrafe und Justizopfer in Frankreich

Bekannt ist, dass in Frankreich die längste Zeit die Guillotine die Hinrichtungsart für zum Tode Verurteilte war, weniger bekannt dürfte sein, dass dort erst unter Mitterrand die Todesstrafe abgeschafft wurde und bis in die 1970er hinein Todesurteile vollstreckt wurden. Eine der letzten Exekutionen war ein sehr umstrittener Fall, jener von Christian Ranucci; abgesehen von der Angemessenheit der Todesstrafe steht hier die Schuld des Verurteilten in Frage.

Marie-Dolores Rambla, 8 Jahre alt, Tochter spanischer Einwanderer, wurde im Sommer 1974 in Marseille beobachtet wie sie in ein Auto gelockt wurde. Ranucci, ein 20-jähriger Vertreter aus Nizza, verschuldete etwas später in der Nähe von Marseille einen Unfall mit Blechschaden und beging Fahrerflucht. Ein Ehepaar das beim Unfallort vorbeikam, die Auberts, nicht das Unfallopfer, verfolgte ihn, notierte seine Autonummer, sah ihn noch bei einem Champignonzuchtbetrieb stehenbleiben, aussteigen, und etwas aus dem Auto herausheben. Zwei Tage später wurde das Mädchen in der Nähe der Pilzgrotte erstochen aufgefunden. Nachdem sie die Nachricht vom Auffinden der toten Marie-Dolores vernahmen, meldeten die Auberts ihre Beobachtung bei der Polizei, die Ranucci aufgrund der Autonummer fand und verhaftete. Dieser legte nach einem nachtlangen Verhör bei der Polizei (das Foto unten dürfte davor entstanden sein) ein Geständnis des Mordes ab, das er vor der Untersuchungsrichterin Di Marino, die später auch den Lokalaugenschein leitete, wiederholte. Später nahm er das Geständnis zurück und äusserte Misshandlungsvorwürfe gegenüber der Polizei. Im Verhör gab er an, wo das Tatmesser zu finden sei; ein Messer (ob es die Tatwaffe war, wurde nicht geklärt) wurde nach einer langen Suche auf einer kleinen Fläche mit einem Metalldetektor gefunden, in der Nähe des angegebenen Ortes (und des Leichenfundorts). Die Auberts haben Ranucci bei einer Gegenüberstellung mit Anderen nicht wiedererkannt, wollten laut einer späteren Aussage gesehen haben, dass er ein Kind aus dem Auto gehoben hat. Ranuccis Unfallbeteiligung und die Anwesenheit beim Champignon-Zuchtbetrieb in zeitlicher Nähe zur Tat wurden aber auch von anderen Zeugen angegeben und von ihm auch nicht geleugnet, wenn ich die Angaben richtig verstanden habe. Ein wichtiges Indiz war eine blutverschmierte Hose, die in seinem Auto gefunden wurde (die einzige mögliche Spur des Mädchens dort). Er gab an, dass es sich um sein eigenes Blut handelte; der Polizeiarzt will keine frischen Verletzungen bei ihm gefunden haben, die Blutgruppe wäre auf Ranucci und Rambla zugetroffen, die Möglichkeit einer DNA-Analyse gab es noch nicht. Beschreibungen des Entführers (in einem roten Pullover) und dessen Autos durch Zeugen der Entführung, den Bruder des Mädchens und den KFZ-Mechaniker Spinelli, trafen nicht ganz auf Ranucci zu. In der Nähe der Leiche wurde ein roter Pullover gefunden, zu gross für ihn, angeblich mochte er auch die Farbe nicht. Weiters wurden bei Ranucci Kratzer an den Unterarmen festgestellt, wie von der Pflanze, unter der das Mädchen gefunden worden war.

Im Gefängnis soll Ranucci beim Haareschneiden „versehentlich“ ins Ohr geschnitten worden sein, um ihn als „Triebtäter“ bzw. Kindermörder erkenntlich zu machen. Der Geschworenen-Prozess im Frühling 1976 in Aix-en-Provence dauerte, trotz nicht eindeutig feststehender Schuld und der drohenden Todesstrafe, nur 2 Tage (!). Der heutige Front National-Politiker Gilbert Collard vertrat als Nebenkläger den Vater des Opfers. Eine späte Entlastungszeugin tauchte auf, dennoch wurde Ranucci für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Ein Berufungsantrag wurde bald darauf abgelehnt. Somit blieb Ranuccis Anwaltsteam um Le Forsonnay nur noch ein Gnadengesuch bei Staatspräsident Giscard d’Estaing. Während sich Innenminister Michel Poniatowski (entstammt dem polnischen Adelsgeschlecht dessen französischer Zweig unter Napoleon geadelt wurde) im Fernsehen für die Exekution Ranuccis aussprach, verbreitete sich eine Falschmeldung über seine Begnadigung, anscheinend, über Gefängniswärter, bis zum Betroffenen hin. Die Agence France-Presse hatte zwei Meldungen vorbereitet, und noch bevor Giscard d’Estaing seine Entscheidung bekanntgab, irrtümlich jene über das Stattgeben des Gnadengesuchs rausgeschickt. Giscard begnadigte Ranucci nicht, eine Entscheidung, die er nach seinen Aussagen bis heute nicht bedauert (siehe hier). Er stand der Todesstrafe eher ablehnend gegenüber und machte bei vier Todesurteilen in seiner Amtszeit von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch (die damit in lebenslange Haftstrafen umgewandelt wurden), bei drei nicht, die als extreme Fälle galten, siehe unten. Bereits wenige Stunden nach der Ablehnung wurde Christian Ranucci im Gefängnis Les Baumettes in Marseille vom Henker André Obrecht auf der Guillotine exekutiert, die letze Hinrichtung für diesen.

Im Fall einer Ablehnung der Begnadigung fand die Exekution immer bald statt. Die Guillotine wurde erst dann in das betreffende Gefängnis gebracht. Der Verurteilte wurde in den Morgenstunden informiert, etwa 20 Minuten vor seiner Hinrichtung. Nachdem er aus seiner Zelle gebracht wurde, durfte er noch etwas alkoholisches trinken, rauchen, etwas schreiben. Er hatte auch das Recht auf geistlichen Beistand. Hamida Djandoubi (s.u.) wollte einen Imam und Rum zum Abschied…  Nachdem der Verurteilte gefesselt war, wurde sein Hemdkragen und gegebenenfalls auch seine Haare abgeschnitten, und er so zur Guillotine getragen, die gern im Gefängnishof aufgestellt wurde. Widersprüchliche Aussagen gibt es über Ranuccis letzte Worte („Réhabilitez-moi“, zu seinem Anwalt?). Manchmal wird diese Hinrichtung fälschlicherweise für die letzte in Frankreich gehalten, vielleicht weil es um diesen Fall noch einmal Trubel gab, wegen dem Mord an einem Kind und den Zweifeln an der Schuld des Verurteilten.

Ranucci

Wenige Wochen vor Prozessbeginn war ein anderer Kindesmord in Frankreich bekannt geworden; der in diesem Fall eindeutig als Mörder feststehende Patrick Henry wurde im Prozess 1977 von seinem Anwalt Robert Badinter vor der Todesstrafe gerettet und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die er nicht ganz absitzen musste. Badinter führte vor Gericht keinen Kampf um die Unschuld seines Mandanten, sondern einen gegen die Todesstrafe; er spielte dann eine wichtige Rolle bei ihrer Abschaffung in Frankreich. 2006 tauchten Meldungen auf, dass der (spätere) Serienmörder Fourniret beim Prozess gegen Ranucci 1976 als Zuschauer anwesend gewesen sei und lösten Spekulationen über eine mögliche Täterschaft Fournirets im Fall Rambla aus. 2008 wurde der Bruder des 1974 ermordeten Mädchens wegen Mordes an seiner Vorgesetzten zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren verurteilt die er in dem Gefängnis absitzt, in dem Ranucci hingerichtet wurde.

Gilles Perrault nahm sich noch in den 1970ern des Falls Ranuccis an, der Anwalt und Autor schrieb darüber „Der rote Pullover“, eine Darstellung des Falls, die auch Vorlage für eine von zwei Verfilmungen des Falls wurde. Er hält Ranucci für unschuldig, streicht die Ungereimtheiten in dessen Verurteilung heraus, hat mehrere Revisionsanträge gestellt, die abgelehnt wurden, und wurde für verschiedene Aussagen von der Polizei geklagt. Eine Revision wird auch von einer Initiative von vier Politologen (www.associationranucci.org) angestrebt. Der Polizist Bouladou hält Ranucci für schuldig, schrieb ein Buch über den Fall, unterhält eine Website, hat auf Youtube Videos hochgeladen die seine Sicht der Dinge präsentieren. An Büchern erschienen dazu u.a. auch der Briefwechsel von Ranuccis Mutter Héloïse Mathon mit ihrem inhaftierten Sohn, ein Comic (siehe das Umschlag-Bild unten), Veröffentlichungen von seinem damaligen Anwalt Jean-François Le Forsonnay, dem damals beteiligten Polizisten Fratacci (der auf dem Foto links), Marie-Dolores Ramblas Vater und einer Karin Osswald. Hingewiesen sei auch auf diese links und ein Video (http://www.youtube.com/watch?v=u6_vh0YkVbU) dazu (jeweils auf Französisch).

Gérard Berthelot/Julien Moca/Vincent Koch: L'Affaire Ranucci (Editions De Borée)

Gérard Berthelot/Julien Moca/Vincent Koch: L’Affaire Ranucci (Editions De Borée)

Wie kam es eigentlich zur Einführung der Guillotine als Hinrichtungsinstrument in Frankreich? Die Geschichte ihrer Einführung, Verwendung und Abschaffung spiegelt auch die Geschichte Frankreichs seit der Revolution wieder. Unter dem alten Regime gab es, wie im übrigen Europa, verschiedene, grausame, Hinrichtungsarten, je nach Delikt, Stand und Geschlecht, das Köpfen mit dem Beil, das zu Tode Rädern, das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen, das Hängen,… Die Stürmung der Bastille am 14. Juli 1789, mit der der Beginn der Revolution angesetzt wird, brachte die Befreiung von dort untergebrachten Gefangenen (keine bedeutenden und keine Justizopfer), die Erbeutung der dortigen Kanonen, und einen symbolischen Sieg über eine Befestigung des Despotismus und des Regimes. Auf dem anschliessenden Weg zum Rathaus wurden der Bastille-Kommandant De Launay wegen seines Schiessbefehls gegen die Demonstranten sowie ein Adeliger, der ihm zur Hilfe kommen wollte, von einem anwesenden Metzger geköpft.

Etwa einen Monat später verabschiedete die Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, darin betrafen insbesondere die Artikel 7 bis 9 das Verhältnis Staat-Justiz-Einzelner, es wurde keine Absage an die Todesstrafe erteilt; in Frankreich hatte erstmals der Aufklärer Voltaire gegen diese Strafe Stellung bezogen. Ende 1789 machte ein Mitglied der Nationalversammlung, der Arzt Joseph-Ignace Guillotin, mit Berufung auf die Menschenrechtserklärung und der dort festgeschriebenen Gleichheit der Bürger, Vorschläge zur Reform des Strafgesetzes: Delikte sollten unbesehen von Stand oder Geschlecht einheitlich bestraft werden, es sollte eine einheitliche (und weniger grausame) Hinrichtungsform geben, das Köpfen durch einen einfachen Mechanismus, daneben forderte er auch die Abschaffung der Sippenhaftung und anderes. Während sich die Beratungen zu einem neuen Strafgesetz in der Nationalversammlung zogen, wurden einige von Guillotins Punkten provisorisch angenommen – mit Einverständnis von König Ludwig XVI., inzwischen gab es ja eine konstitutionelle Monarchie. Der König liess auch das besonders grausame Rädern abschaffen. Die Beratungen brachten die erste grosse Debatte über die Todesstrafe, einige führende Abgeordnete wie Mirabeau oder Robespierre (!) traten darin für ihre Abschaffung ein. 1791 beschloss die Nationalversammlung das neue Strafgesetz, das weitgehend Guillotins Vorschlag folgte, die Todesstrafe sollte nunmehr Leben beenden, nicht mehr Schmerzen verursachen, die Folter wurde abgeschafft. Die Entwicklung eines Fallbeils wurde dem Leibarzt von König Ludwig, Antoine Louis, übertragen (von Guillotin war nur der Anstoß gekommen). Louis konnte sich dabei auf ältere Modelle stützen, vor allem aus England und Schottland, die er weiterentwickelte, mit Unterstützung u.a. des Pariser Henkers Charles-Henri Sanson (aus der Scharfrichter-Familie Sanson, die in Paris von 1688 bis 1847 waltete; der Bandit „Cartouche“ wurde etwa 1721 vom Grossvater dieses Sanson gerädert). Der fertige Entwurf wurde im Frühling 1792 vor der Nationalversammlung und dem König im Tuilerienpalast präsentiert und angenommen. Gebaut wurde die erste „Guillotine“ (das Gerät hiess nach dem Entwickler anfangs „Louisette“; später kam auch die Bezeichnung „Veuve“ auf) von einem deutschen Klavierbauer in Paris namens Schmidt und dem aus Lothringen stammenden Graf Roederer; sie wurde dann an Schafen und menschlichen Leichnamen getestet. Die Tötung durch Durchtrennung der Halswirbelsäule galt lange als schnell und weitgehend schmerzfrei, was nicht mehr ganz unumstritten ist; darüber, wie lange das Gehirn in dem körperlosen Kopf noch weiterarbeitet oder der Körper ohne den Kopf arbeiten kann, gibt es keine eindeutigen Angaben.

Im April 1792 kam die Guillotine, auf einem Schafott, also einer erhöhten Plattform (wegen der angeblichen Abschreckungswirkung), am Place du Carroussel zu ihrem ersten echten Einsatz, als der Strassenräuber Pelletier mit ihr von Sanson geköpft wurde. Angeblich funktionierte diese erste Guillotine nicht bei allen Exekutionen einwandfrei, brauchte oft mehrere Durchgänge für das Durchtrennen des Halses, sodass sie nachjustiert werden musste. Im Jänner 1793 wurde auch der König, als Bürger Louis Capet, mit einer Guillotine exekutiert, wiederum von Charles-Henri Sanson. Bald darauf begann die Terrorherrschaft der Jakobiner im „Wohlfahrtsausschuss“, unter der als konterrevolutionär verdächtigte Personen en masse (35 000 bis 40 000, darunter der Chemiker Lavoisier) hingerichtet wurden. Diese radikalste Phase der Revolution endete, als im Juli 1794 Robespierre und Saint-Just auf Beschluss des Nationalkonvents selbst guillotiniert wurden. 1795, zu Beginn der Herrschaft des Direktoriums, beschloss der Nationalkonvent die Abschaffung der Todesstrafe – aber für den Zeitpunkt eines „allgemeinen Friedens“ in Frankreich. Der kam aber vorerst nicht, daher trat die Abschaffung nicht in Kraft. 1810, im neuen Strafgesetz unter Napoleon Bonaparte, wurde sie „wiedereingeführt“, für nun 39 Delikte wie Mord, Desertion, Verrat.

Marie Tussaud, geboren im Elsass als Marie Grossholtz, in der Schweiz zur Wachsbildnerin ausgebildet, heiratete in Paris den Ingenieur François Tussaud und fertigte lebensgrosse Modelle von Prominenten wie Voltaire aus Wachs. Nach Ausbruch der Revolution wurde sie gezwungen, die Totenmasken prominenter Opfer der Guillotine (von Louis de Bourbon bis Maximilien de Robespierre) für das Revolutionsmuseum anzufertigen. Daneben erbte sie die Wachsfigurensammlung ihres Meisters Curtius. Mit dem Ausbruch der Koalitionskriege blieb die Kundschaft dieses Kabinetts aus und Tussaud folgte, mit ihren beiden Söhnen, einer Einladung, ihre Wachsfiguren in England zu präsentieren…

Der „Weisse Terror“ nach der Restauration 1815, an Bonapartisten und Republikanern (bzw. als solchen Verdächtigten), wie Michel Ney, wurde vorwiegend durch Erschiessen vollstreckt. Frankreich behielt aber das unter Napoleon erlassene Strafgesetz von 1810, somit auch die Todesstrafe samt den dafür „qualifizierenden“ Delikte und die Art ihrer Vollstreckung, bei (auch nach den folgenden Umbrüchen im 19. Jahrhundert), und führte sie auch in seinen Kolonien ein. Daneben wurde die Guillotine in einigen anderen Staaten als Hinrichtungsform übernommen, in Deutschland infolge der Napoleonischen Kriege als eine von mehreren. Nach dem Sturz des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe I. und der Ausrufung der 2. Republik im Februar 1848 wurde der Beschluss von 1795 umgesetzt, die Todesstrafe also erstmals abgeschafft – zusammen mit der Sklaverei. Deren Abschaffung war auch bereits in der Revolutionsphase einmal (1794) beschlossen wurden, die von 1848 hielt nun aber. Nicht aber jene der Todesstrafe; nach dem Arbeiteraufstand im Juni dieses Jahres und dessen blutiger Niederschlagung beschloss das Parlament die Wiedereinführung – die todeswürdigen Delikte wurden aber eingeschränkt, politische gestrichen.

Leon Berger entwickelte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neues Modell der Guillotine, das in Frankreich bis zur Abschaffung der Todesstrafe in Verwendung war. Unter anderem konstruierte er eine Stoßdämpfung zum Abbremsen des Moutons, des etwa 40 kg schweren Eisenblocks mitsamt Messer, um das häufige Verziehen des Gerätes zu verhindern. 1870 schuf Crémieux als Justizminister zu Beginn der Dritten Republik das Schafott als Exekutionsort ab (es wurde aber weiter öffentlich exekutiert) und führte das Amt eines Scharfrichters (Chef-Exekutors) für ganz Frankreich (abgesehen von den Überseegebieten) ein, der mit seinen Assistenten durch das ganze Land zu reisen hatte. Spätestens da wurden diese Scharfrichter in Frankreich Personen des öffentlichen Lebens, im Gegensatz zu anderen Ländern, wo man ihre Identität geheim hielt. 1879 übernahm Louis Deibler dieses Amt, er exekutierte u.a. den Mörder von Präsident Carnot, einen Anarchisten. Sein Sohn Anatole war sein Assistent, wurde 1899 sein Nachfolger. Die Exekutionen im Pariser Raum wurden in seiner Ära vom Roquette-Gefängnis ins La Santé verlegt. Sie fanden auf dem Boulevard Arago direkt neben dem Gefängnis statt, solange sie öffentlich waren, dann im Innenhof des Gefängnisses. Anfang des 20. Jahrhunderts schien sich das politische Klima in Frankreich gegen die Todesstrafe zu drehen. Auf den Todesstrafen-Skeptiker Loubet folgte Armand Fallières als Staatspräsident, der ein expliziter Befürworter ihrer Abschaffung war. Die ersten drei Jahre seiner Amtszeit, 1906 bis 1908, wandelte dieser durch sein Begnadigungsrecht alle Todesurteile in Haftstrafen um. Deibler, der dadurch keine Aufträge bekam, musste daher zeitweise als Vertreter für Champagner arbeiten; die Exekutoren hatten keinen Beamtenstatus, sondern wurden als „Freiberufler“ vom Justizministerium nach Bedarf engagiert. Nachdem ein von Justizminister Aristide Briand vorgelegter Gesetzesentwurf zur Abschaffung der Todesstrafe im Parlament (eine von mehreren Abschaffungs-Initiativen im Parlament) abgelehnt wurde, änderte Fallières seinen Kurs und ließ von Anfang 1909 an wieder Hinrichtungen durchführen.

Anatole Deibler war 40 Jahre als Chefexekutor von Frankreich im Amt, länger als jeder andere vor und nach ihm; er tauchte sogar in der „Fantomas“-Romanreihe auf. Unter den von ihm Hingerichteten waren der Serienmörder Landru, Mitglieder der anarchistischen Bonnot-Bande und der Mörder von Präsident Doumer, ein Russe namens Gorgulov. Dieser Mord rettete gewissermaßen einen anderen Verurteilten, Eugène Boyer, dem die Begnadigung durch Doumer verwehrt geblieben war. Am Tag seiner geplanten Exekution wurde Doumer ermordet und Albert Lebrun rückte als Senats-Präsident zunächst übergangsmäßig in die Präsidenten-Funktion auf. Boyer war von Deiblers Assistenten bereits auf die „Bascule“ geschnallt worden, als die Begnadigung durch Lebrun, wohl eine von dessen ersten Amtshandlungen, zur La Santé-Anstalt durchdrang! Boyer wurde ins Straflager nach Französisch-Guyana geschickt, wo er auch „Papillon“ Henri Charriere (s.u.) begegnete (dieser nannte ihn in seinen Memoiren in „André Baillard“ um). Deibler wurde auch je einmal ins benachbarte Belgien (war dort die letzte Guillotinierung) und ins Saarland (das nach dem 1. Weltkrieg französisch verwaltet wurde) berufen um seiner Arbeit nachzugehen. Er holte seine späteren Nachfolger Jules-Henri Desfourneaux und André Obrecht, beides Verwandte, in sein Team. 1939 erlitt er auf dem Weg zu einer Hinrichtung in der Provinz einen tödlichen Herzinfarkt.

Die erste Hinrichtung von Deiblers Nachfolger als exécuteur en chef, Desfourneaux, war jene des Raubmörders André Vitel, die letzte in Frankreich hingerichtete Person unter 18 Jahren. Die Exekution des deutschen Raubmörders Eugen(e) Weidmann, er wurde 1939 vor dem Gefängnis von Versailles geköpft, war die letzte öffentliche; Grund für die Gesetzesänderung, aufgrund der Hinrichtungen nun in Gefängnissen stattfinden sollten, war der Trubel um Weidmanns Hinrichtung. Einer der Zuseher drehte davon auch heimlich einen Film, anscheinend aus einer Wohnung. Von 1941 an wurden erstmals seit 1887 wieder Frauen hingerichtet, ein Umstand der darauf zurückzuführen war dass der „Staatschef“ des Vichy-Regimes, Philippe Pétain, diese nicht begnadigte. Neben Mörderinnen waren Frauen betroffen, die (damals illegale) Abtreibungen vorgenommen hatten, wie Marie-Louise Giraud, die 1943 in Paris hingerichtet wurde; ein Fall, der Grundlage für den Spielfilm „Eine Frauensache“ von Claude Chabrol wurde. Ebenfalls in den Jahren des Zweiten Weltkrieges verhängten französische Gerichte, die mit den deutschen Besatzern bzw. dem Vichy-Regime kollaborierten, Todesurteile gegen politische Gegner, vor allem Mitglieder der Résistance, wie etwa Marcel Langer. Wegen Desfourneauxs Wirken unter dem Kollaborations-Regime zogen sich Obrecht und andere Assistenten zeitweise zurück. Pétain wurde nach der Befreiung 1944 selbst zum Tod verurteilt, aber von Charles de Gaulle als Chef der Übergangsregierung begnadigt, womit die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Die Urteile gegen andere Vichy-Offizielle, wie etwa Pétains „Regierungschef“ Laval, wurden durch Erschiessen vollstreckt. Zivile Fälle wie jener von Marcel Petiot 1946 (27 nachgewiesene Morde) wurden auch in dieser Zeit guillotiniert.

Auch in der Vierten Republik wurden, unter Vincent Auriols Präsidentschaft, Frauen geköpft, die letzte (überhaupt in Frankreich hingerichtete Frau) 1949, für die Ermordung ihres Ehemannes. 1951 wurde André Obrecht Nachfolger seines verstorbenen Onkels als oberster Scharfrichter der Französischen Republik. Ab Mitte der 1950er-Jahre wurden den Exekutierten Organe für medizinische Versuche oder Transplantationen entnommen. Unter den in der 4. Republik Hingerichteten waren auch der Raubmörder Jacques Fesch, der in der Haft zum Glauben fand und selig gesprochen werden könnte oder der Gangsterboss Buisson, Drahtzieher von über 20 Morden.

De Gaulle war ein „gemäßigter“ Befürworter der Todesstrafe, für Männer. „Ich wurde vom Vichy-Regime in Abwesenheit zum Tode verurteilt und bin Befürworter der Todesstrafe für Ausnahmefälle“, sagt er dazu. Als Präsident (der Fünften Republik) wandelte er viele Todesstrafen um. Dass die erste Phase seiner Präsidentschaft vom Algerien-Krieg dominiert war, spiegelte sich auch bei seinem Umgang mit der Todesstrafe in dieser Zeit wieder. Im französisch beherrschten Algerien wurden mit Beginn des Unabhängigkeitskampfes auch „politische“ Todesurteile ausgesprochen, von den meist für „Terrorismus“ Verurteilten hatten manche Blut an den Händen, manche nicht. Fernand Meyssonnier war der letzte Exekutor im Französischen Algerien (zuvor schon Gehilfe seines Vaters in dem Job), von 1947 bis 1959 tötete er mehr als 200 Menschen, seine Amtszeit fiel ziemlich mit dem Krieg zusammen. Das erste Todesurteil gegen einen Unabhängigkeitsaktivisten wurde wahrscheinlich 1956 vollstreckt, bis 1958 waren es 141. Darunter war ein Franzose, Fernand Iveton, der den Unabhängigkeitskampf der FLN aktiv unterstützte. Bis Mitte 1959 wurden in Algerien dann noch drei Köpfungen wegen „zivilen“ Verbrechen ausgeführt, die nach Kriegsbeginn selten geworden waren. Zu diesem Zeitpunkt war bereits De Gaulle an der Macht. Unter den nach seinem Amtsantritt als Staatspräsident in diesem Jahr begnadigten Todeskandidaten waren auch einige Algerier. Durch ein Dekret vom Februar 1960 wurde in Algerien Macht von Zivil- an Militärgerichte übertragen, FLN-Kämpfer wurden ab da bis Kriegsende nicht mehr wie Kriminelle geköpft, sondern wie Soldaten erschossen. Das Dekret sollte eigentlich das Militär unter eine stärkere Kontrolle bringen, eigenmächtige Erschiessungen und Folter beseitigen.

Als De Gaulle 1961 Verhandlungen mit der FLN aufnehmen liess, putschten in Algerien wie 3 Jahre zuvor einige Generäle wie Salan und Jouhaud und brachten Teile der dortigen Kolonialverwaltung unter ihre Kontrolle. Die Sache brach aber schnell wieder zusammen, Salan und Jouhaud wurden 1962 gefasst und von einem Militärgericht zu lebenslang bzw. zum Tode verurteilt, was De Gaulle auf Druck hin in eine Haftstrafe umwandelte. Kurz nach den Ereignissen des Mai 1968 durften beide das Gefängnis verlassen, als Gegenleistung für die Unterstützung von gewissen Teilen des Militärs und der Rechten für De Gaulle. Die Aktion 1961 war eine der ersten der OAS, der militanten Organisation rechtsgerichteter Offiziere, die Algerien unbedingt als französische Kolonie halten wollten. Nachdem es aber im Juli 1962 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, versuchte die OAS an De Gaulle Rache zu nehmen. Etwa einen Monat nach der Unabhängigkeit verübte sie einen Anschlag mit automatischen Waffen auf die Fahrzeugkolonne des Präsidenten, die am Weg von Paris zu seinem Landsitz in Colombey-les-Deux-Églises war; dabei wurde aber niemand verletzt. Der Anführer Jean Bastien-Thiry, ein Oberstleutnant, wurde 1963 in einem Militärprozess zu Tode verurteilt und durch ein Erschiessungskommando hingerichtet; die Strafen der anderen beteiligten wandelte De Gaulle um. Das Attentat bildete die Grundlage für Frederick Forsyths Roman „Der Schakal“, welcher zweimal verfilmt wurde. Thiry ist der letzte für ein anderes Delikt als Mord und der letzte nicht mit der Guillotine hingerichtete in Frankreich.

Der Algerien-Krieg war wohl auch der wichtigste Grund, dass Frankreich spät, als letztes westeuropäisches Land, die Todesstrafe abschuf, sie wurde vor dem Hintergrund etwa vielfach als angemessene Strafe für FLN-Kämpfer (ein grosser Teil der in der 5. Republik Hingerichteten) gesehen. Jede Hinrichtung im europäischen „Hauptland“ brachte auch eine Diskussion über die Todesstrafe, aber rechte Mehrheiten im Parlament verunmöglichten eine Abschaffung.

Eine Exekution in De Gaulles späterer Präsidentschaft war jene von Gunther Volz, einem deutschen Ex-Fremdenlegionär, 1967, für die Vergewaltigung und Ermordung eines 12-jährigen Mädchens. Die beiden Algerien-Veteranen Claude Buffet und Roger Bontems wurden 1972 für den Mord an zwei Geiseln exekutiert, die sie bei ihrem versuchtem Ausbruch aus dem Clairvaux-Gefängnis im Jahr davor genommen hatten, die letzten Hinrichtungen in Paris, im La Santé, die ersten nach De Gaulle. Buffet saß im Gegensatz zu Bontems schon wegen Mordes ein, und er war es auch, der (bei der Stürmung durch die Polizei) die Geiseln tötete. Die Verurteilung und Hinrichtung von Bontems, der keinen Mord begangen hatte, machte seinen Rechtsanwalt Robert Badinter zum vehementen Kämpfer gegen die Todesstrafe. Nach der Hinrichtung von Ranucci 1976 reichte Obrecht, aus Altersgründen, seinen Rücktritt ein. Von 1921 bis 1976 war er, als Chefexekutor oder Assistent, an der Vollstreckung von insgesamt 322 Todesurteilen beteiligt gewesen, darunter an einigen Frauen und politisch Verurteilten. Er veröffentlichte nach seiner Pensionierung auch Memoiren (www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495619.html). Sein Verwandter und langjähriger Assistent Marcel Chevalier wurde sein Nachfolger und führte die letzten zwei Exekutionen in Frankreich durch, die von Jerôme Carrein und des tunesisch-stämmigen Zuhälters Hamida Djandoubi, jeweils für Mord. Jene drei Verurteilungen, die Giscard nicht aufhob waren die Ranuccis, des ebenfalls für Kindesmord verurteilte Carrein sowie Djandoubi, der sein Mordopfer auch gefoltert hatte. Nach Djandoubis Verurteilung, er wurde der letzte in Westeuropa hingerichtete und die letzte Guillotinierung weltweit, sprachen französische Gerichte bis zur Abschaffung der Todesstrafe noch 17 Todesurteile aus, das letzte in oberster Instanz bestätigte erging 1980 gegen den späteren Historiker Philippe Maurice; keines dieser Urteile wurde vollstreckt. Einer dieser zu Tode Verurteilten starb im Gefängnis eines natürlichen Todes, einige Urteile wurden in oberen Instanzen abgelehnt, Maurices Urteil wurde vom neuen Präsidenten Mitterrand in eine Haftstrafe umgewandelt, die restlichen profitierten von der automatischen Umwandlung in lebenslange Freiheitsstrafen, die im Gesetz zur Abschaffung vom 9. Oktober 1981 festgeschrieben wurde. Chevalier starb im selben Jahr wie Meyssonnier, der letzte Henker in Französisch-Algerien, 2008.

François Mitterrand ging mit dem Vorsatz der Abschaffung der Todesstrafe in den Präsidentschafts-Wahlkampf 1981 und gewann knapp gegen Giscard d’Estaing (es ist nicht sicher, dass dieser im Fall seiner Wiederwahl die Todesstrafe beibehalten hätte). Mit ihm kam dann nach einer Neuwahl des Parlaments mit einem Sieg der Parti socialiste auch eine neue Regierung, unter Pierre Mauroy. Robert Badinter wurde in dieser Justizminister und arbeitete, mit Unterstützung Mitterrands, den Gesetzesvorschlag zur Abschaffung aus, der im September 1981 von den beiden Kammern des Parlaments angenommen wurde – auch ein kleiner Teil der Mitte-Rechts-Opposition, darunter Jacques Chirac (damals RPR-Chef), stimmte für die Abschaffung. Michel Foucault, der sich u.a. mit „Überwachen und Strafen“ auseinandersetzte, ein Gegner der Todesstrafe, erlebte noch ihre Abschaffung in Frankreich. Badinter wurde später Präsident des französischen Verfassungsrates und engagierte sich auch gegen die Todesstrafe in China oder den USA. Anzumerken ist, dass der Staatspräsident bei seiner Begnadigungs-Entscheidung immer Meinungen über den betreffenden Fall einholte, u.a. beim Justizminister. Und Mitterrand hatte als solcher in den 1950ern, unter Staatspräsident Coty und Ministerpräsident Mollet, in den meisten Fällen eine Empfehlung gegen die Begnadigung abgegeben, auch bei den ersten Todesurteilen gegen FLN-Kämpfer.

Heute vertreten nur die Front National unter den Le Pens sowie einige Rechtsaussen in der UMP wie der Ex-Anti-68er Alain Madelin oder Charles Pasqua die Forderung nach ihrer Wiedereinführung. Die Guillotine ist heute nirgendwo mehr im Gebrauch. Ab dem Spätmittelalter waren in ganz Europa die Strafen immer mehr verschärft worden, der eigentlichen Exekution gingen häufig Folterungen voraus. Mit der Aufklärung wurde das Tor zu einer vernünftigeren Justiz aufgestossen. Seither ist die Geschichte der Todesstrafe letztlich eine Geschichte ihrer Abschaffung. Zur Relativierung der angeblichen Abschreckungswirkung: In London wurden Taschendiebe jahrhundertelang in Tyburn aufgehängt. Im späten 18. Jahrhundert wurden diese Hinrichtungen von der Öffentlichkeit in Gefängnisse verlegt. Einer der Gründe dafür war, dass Taschendiebe aus dem Schicksal der baumelnden Kollegen bzw. der Feiertagsstimmung Nutzen zu ziehen verstanden.

guillotine.cultureforum.net

guillotine.cultureforum.net

Die letzte in Frankreich verwendete Guillotine wurde bis 1978 im Pariser Gefängnis La Santé aufbewahrt, von dort zu Exekutionen im ganzen Land transportiert. Dann wurde sie ins Gefängnis von Fresnes bei Paris gebracht, wo nunmehr alle Exekutionen stattfinden sollten. Es fanden aber keine mehr statt, obwohl die letzten zu Tode Verurteilten (siehe oben) noch nach Fresnes gebracht und ihre Hinrichtungen dort angesetzt wurden. Nach der Abschaffung der Todesstrafe wurde die Guillotine ins Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (Mucem) in Marseille gebracht, wo sie heute ausgestellt ist (Foto rechts). Auch ihre letzte Anwendung, an Djandoubi, hatte in Marseille stattgefunden.

Ob Christian Ranucci unschuldig war, lässt sich vielleicht nur durch die oben erwähnte gerichtliche Überprüfung des Urteils feststellen. Die Fraglichkeit der Schuld ist die Regel bei Fällen, die als Justizopfer in Frage kommen, zweifelsfrei erwiesene(s) Unschuld bzw. Unrecht die Ausnahme; eine vollzogene Todesstrafe kann natürlich noch weniger als jede andere gutgemacht werden im nachhinein. In Frankreich gibt es jedenfalls eine lange Reihe (möglicher) illustrer Justizopfer, durch Irrtum oder Willkür. Möglicherweise schon Johanna von Orléans, die im Französisch-Englischen Krieg im Spät-Mittelalter eine gewisse Rolle spielte, bei der „Sprengung“ der englischen Belagerung von Orleans, die die Krönung Karls VII. ermöglichte. Danach geriet sie in Gefangenschaft der Burgunder, die sie an ihre englischen Verbündeten in der Normandie weitergaben. Dort wurde sie, hauptsächlich von Franzosen, in einem Inquisitionsprozess als Hexe verurteilt und hingerichtet. Dann der „Mann mit der eisernen Maske“, ein geheimnisvoller Staatsgefangener von/unter Ludwig XIV., der von 1669 bis zu seinem Tod 1703 inhaftiert war (die letzten Jahre in der Bastille in Paris), auch eine Art Opfer der Justiz oder eher der Allmacht und Willkür des Königs. Seine Identität und der Grund seiner Einkerkerung ist bis heute Gegenstand von Spekulationen. Voltaire scheint sich mit dem Fall beschäftigt zu haben, er versuchte bei seiner Inhaftierung in der Bastille 1717 möglichst viel über den Fall zu erfahren. Auf ihn (oder aber auf Dumas) geht die Beschreibung der Maske als „eisern“ zurück, tatsächlich dürfte sie aus schwarzem Samt gewesen sein. Ein historisches Rätsel, wenn auch kein entscheidendes. Der letzte, der seine Lösung kannte, soll der Kriegsminister Chamillart gewesen sein, der sie mit ins Grab nahm. Nach Voltaire war der Mann ein älterer, illegitimer Bruder Ludwigs XIV., ein Konkurrent um den Thron der ausgeschaltet werden sollte. In Alexandre Dumas‘ gleichnamigem historischen Roman (Teil der Drei Musketiere-Reihe) ist der Mann ein Zwillingsbruder der Königs. Auch Victor Hugo (Drama) und Alfred de Vigny (Gedicht) verarbeiteten das Thema literarisch. Voltaire nahm sich auch der „Affäre Calas“ an und machte sie, unter anderem mit der Schrift „Traité sur la tolérance“, in ganz Europa bekannt. Der Protestant (Calvinist) Jean Calas wurde beschuldigt, seinen ältesten Sohn, der sich im Haus der Familie erhängt hatte, erwürgt zu haben, um ihn am Übertritt zum Katholizismus zu hindern. Unter Folter wurde ihm ein Geständnis abgepresst und er 1762 zu Tode gerädert. Voltaire glaubte zunächst die offizielle Version ehe ihm die Sache von einem anderen Sohn des Justizopfers geschildert wurde. Er erreichte die Wiederaufnahme des Falles und (1765) die posthume Rehabilitierung Calas‘.

Joseph Lesurques, ein Geschäftsmann, wurde 1796, also bereits im Zeitalter der Revolution, Opfer einer der berühmtesten Justizirrtümer der Geschichte Frankreichs, bekannt als „Affäre des Courrier von Lyon“. Nach einem Überfall auf eine Postkutsche von Paris nach Lyon, bei dem zwei Kuriere erschossen wurden, identifizierten Zeugen die Räuber, die in Gasthäusern auf die Kutsche gewartet hatten, welche daraufhin hingerichtet wurden. Lesurques hielt sich im Gerichtsgebäude in Paris auf als dort zwei Zeuginnen auf ihre Aussage warteten. Sie behaupteten dann plötzlich, er sei einer der Täter. Andere Zeugen schlossen sich ihnen einfach an. Sein Alibi war, so wurde später festgestellt, einwandfrei. Als er vor die Guillotine geschleppt wurde, sagte er „Lass Gott meinen grausamen Richtern vergeben.“ Die Sache hatte ein langes Echo, der besondere Fall eines Justizirrtums, der aufgrund des tödlichen „Ausgangs“ nicht wiedergutzumachen war, eines Justizmordes, spielte im Frankreich des 19. Jahrhunderts in vielen Debatten über die Todesstrafe eine Rolle. In der französischen Version von „Asterix“-Bänden fanden sich sogar noch Anspielungen auf diese Affäre.

Der wahrscheinlich berühmteste Fall von Justizwillkür in Frankreich war ein politischer, der von Alfred Dreyfus. Als nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sein Heimatland Elsass an Deutschland fiel, zog er mit seiner Familie nach Paris und machte im Heer Karriere. Eine Putzfrau, die für den französischen Nachrichtendienst arbeitete, fand 1894 im Papierkorb der deutschen Botschaft in Paris   einen zerrissen Brief, aus dem hervorging dass jemand aus dem französischen Generalstab den Deutschen wichtige militärische Informationen weitergegeben hatte. Für die ermittelnden Militärs fiel der Verdacht auf Dreyfus, der verhaftet wurde. In einem für Viele unfairen Geheimprozess, der von manch antijüdischen Kommentaren in der Presse begleitet war, wurde er zu Degradierung, lebenslanger Haft und Verbannung verurteilt. Dreyfus kam 1895 in das Straflager auf der Teufelsinsel (Île du Diable), eine der drei kleinen Îles du Salut neben Royale und St. Joseph vor der Küste Französisch-Guyanas. Napoleon III. hat 1852 die Zwangsarbeits-Lager (Bagne/Bagno) im französischen Guyana begründet, die auf den Îles du Salut sowie drei am Festland bestanden, und 1953 aufgelassen wurden. In Frankreich setzte sich währenddessen u.a. der Schriftsteller Zola für ihn ein, zudem wurde Dreyfus durch Hinweise entlastet, dass das Deutsche Reich nach wie vor einen Kontakt im höchsten militärischen Gremium Frankreichs hatte. Ein neues Aufrollen des Falles brachte den ungarisch-stämmigen Major Walsin-Esterhazy als wahren Verräter ans Licht und Dreyfus konnte nach vier Jahren Verbannung zurückkehren – der eher seltene Fall, dass ein Fehlurteil erkannt und umgestoßen wurde.

Den Fall eines Justizskandals oder -irrtums, in dem ein unbestrittener Täter mit einem Freispruch davonkam, gab es auch in der Dritten Republik. Joseph Caillaux, ein linksliberaler Politiker, war im frühen 20. Jahrhundert kurzzeitig Premierminister (1911/12) und mehrfach Finanzminister. 1914, als sich Caillaux um die Einführung einer progressiven Besteuerung (also eines mit ansteigendem Einkommen ansteigenden Steuersatzes) bemühte, betrieb der Herausgeber des „Figaro“, Calmette, eine Kampagne gegen ihn. Er veröffentlichte Briefe Caillauxs an seine damalige Gattin, die zum einen geschrieben worden waren, als er noch mit einer anderen verheiratet war, und zum anderen das Bekenntnis enthielten, als Finanzminister ein Steuergesetz verhindert zu haben, das er öffentlich unterstützt hatte. Caillauxs Frau Henriette, die Adressatin dieser Briefe, ging in die Redaktion und erschoss Calmette. Sie wurde vom Gericht wegen einer „akuten seelischen Notlage“ freigesprochen. Ihr Anwalt plädierte, dass ihre „unkontrollierbaren“ weiblichen Emotionen die Tat ausgelöst hätten. Was gut in das damalige Frauenbild passte; der damals vorherrschende Glauben an die Ungleichheit der Geschlechter wurde der beste Helfer der Angeklagten.

Oder der Fall Seznec. Wahrscheinlich ungeklärt, möglicherweise ein Justizirrtum, diskutiert bis heute, künstlerisch verarbeitet. Der Sägewerks-Besitzer Guillaume Seznec und ein Geschäftspartner, der Regional-Politiker Pierre Quéméneur, machten sich im Mai 1923 auf dem Weg aus der Bretagne nach Paris, um dort einen Zwischenhändler zu treffen, über den sie amerikanische Autos, die Quéméneur gehörten, in die Sowjetunion verkaufen wollten. Da ihr Cadillac (eines dieser Autos) auf der Fahrt einige Pannen hatte, stieg Quéméneur unterwegs in den Zug um – so jedenfalls die Aussage von Seznec, der allein mit dem Cadillac zurückkehrte. Von Quéméneur tauchte fast drei Wochen später ein Lebenszeichen auf, ein unter seinem Namen abgeschicktes Telegramm aus Le Havre an seine Familie, in dem er mitteilte dass er noch einige Tage unterwegs sein würde. Eine Woche darauf wurde am Bahnhof von Le Havre der Koffer Quéméneurs gefunden. Er enthielt u.a. einen Vertrag, in dem er Seznec ein Haus in der Bretagne zu einem lächerlich geringen Preis verkaufte. Seznec sagte dazu vor der Polizei, er hätte Quéméneur bereits eine Anzahlung dazu geleistet. Jedoch tauchten Zeugen und Hinweise auf, die darauf hindeuteten dass Seznec selbst in Le Havre das Telegramm aufgab, den Vertrag verfasste und ihn im Koffer platzierte. Von Quéméneur tauchten nach seinem Verschwinden keine Spuren auf, also auch keine Leiche. Die Ermittler gingen von Mord aus und Seznec wurde angeklagt und aufgrund von Indizien 1924 für schuldig befunden. Da ihm vorsätzlicher Mord nicht nachgewiesen werden konnte, entging er der Todesstrafe, er wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit Zwangsarbeit, in Französisch-Guyana, verurteilt. Seznec kam also, wie so viele andere, auf die Îles du Salut. 1933 lehnte er eine präsidentielle Begnadigung noch ab (weil es eine Art Schuldeingeständnis gewesen war, begnadigt und nicht in einer Revision freigesprochen zu werden?), 1947 profitierte er davon, dass die Nachkriegs-Übergangsregierung unter De Gaulle aufgrund der bevorstehenden Schliessung der Straflager in Guyana (die auch auf die Reportagen von Albert Londres und Rene Belbenoits Buch über die dortigen Grausamkeiten zurückzuführen war) den dortigen Insaßen z. T. Strafen nachliess. Dass hinter Seznecs Schuld ein Fragezeichen steht, dazu tragen auch zwei weitere Details des Falls bei: Zum einem der Polizist Bonny, der in dem Fall manipulativ eingegriffen haben soll, später wegen Korruption verurteilt wurde und im Vichy-Regime führendes Mitglied der französischen Hilfskräfte der Gestapo war. Zum anderen das Lebensende von Seznec, der zurück in Freiheit in Frankreich 1953 von einem Klein-Lastwagen angefahren wurde, versehentlich, wie dessen Lenker sagte, woran er im Jahr darauf starb. Seine Nachkommen sind um eine Rehabilitation bemüht, die zuletzt 2006 abgelehnt wurde

Auch im nächsten Fall ist der Mord nicht ganz geklärt bzw. im Umkehrschluss die Schuld des Verurteilten nicht ganz erwiesen. Er trug sich am entgegengesetzten Ende Frankreichs zu als das Verschwinden von Quéméneur, im Südosten, dort wo die Provence in den Alpenraum übergeht. Dort wurden 1952, in der Nähe des Bauernhofs der Dominicis, der bedeutende britische Biochemiker und Ernährungsexperte Jack Drummond, seine Frau und seine Tochter in der Nähe ihres Autos, mit dem sie in Frankreich auf Urlaub waren, ermordet aufgefunden – von den Dominicis. Der Familien-Patriarch Gaston Dominici wurde für den Dreifach-Mord 1954 zum Tod durch die Guillotine verurteilt. Auch hier wurden Polizeiermittlungen und Gerichtsverfahren Gegenstand von Kritik, auch hier griff die Politik zugunsten des Verurteilten ein. Präsident Coty begnadigte Dominici von der Todesstrafe, sein Nachfolger De Gaulle verfügte 1959 seine Freilassung aus humanitären Gründen. Auch dieser Fall ist bis heute Gegenstand von Diskussionen, wurde verfilmt (1973 mit Jean Gabin als Gaston Dominici), auch hier bemühen sich Nachkommen um eine Rehabilitierung.

José Giovanni vulgo Joseph Damiani, korsischer Herkunft, spielte nach dem 2. Weltkrieg im Pariser Rotlichtviertel Pigalle eine Rolle, wurde wegen Verwicklung in den Mord einer kriminellen Organisation, der er angehörte, zum Tode verurteilt. Präsident Auriol wandelte das Urteil um, er wurde nach einigen Jahren Gefängnis in einem Neuverfahren rehabilitiert. Begann im Gefängnis zu schreiben und schilderte im Roman „Das Loch“ (Le Trou) einen Ausbruchsversuch aus dem La Santé-Gefängnis in Paris 1947 durchs Graben eines Tunnells, an dem er beteiligt war (verfilmt 1960).

Durch die Verfilmung weltberühmt geworden ist der Fall von Henri Charrière. Er war in Paris längere Zeit als Einbrecher tätig, bis er des Mordes an einer anderen Unterweltgrösse beschuldigt wurde. Charrière (Spitzname „Papillon“, franz. „Schmetterling“, bezog sich auf eine seiner Tätowierungen) beteuerte diesbezüglich stets seine Unschuld. Er wurde aber 1932 zu lebenslanger Verbannung mit Zwangsarbeit in Französisch-Guyana verurteilt. Seine Abenteuer in den Straflagern dort, die Freundschaft mit dem Fälscher Louis Dega (die schon in Frankreich, vor der Verschiffung, begann), dem es gelungen war, eine grosse Summe Geldes in einem im After versteckten Metallzylinder mitzunehmen, die erste Flucht im Karibik-Raum mit den Begegnungen einer Leprakolonie und mit den indianischen Perlenfischern, die neuerliche Gefangennahme und Rückkehr ins Lager, die Isolationshaft, neue Fluchtversuche, die abschliessende Flucht mit mit Kokosnüssen gefüllten Jutesäcken über das Meer und über Britisch-Guyana nach Venezuela, der Chinese namens Quiek-Quiek, all das ist durch den Film von 1973 (das Jahr in dem Charrière, in Madrid an Kehlkopfkrebs, starb) mit Steve McQueen bekannt geworden. Der Film weicht in einigen Punkten vom Buch ab und die Bücher (in seinem anderen autobiografischen Roman beschreibt er sein Leben in Freiheit in Venezuela ab 1945), die ihn gegen Ende seines Lebens bekannt machten, von der Wirklichkeit; ein Teil der erzählten Erlebnisse sind ihm anscheinend von anderen Häftlingen mitgeteilt worden. So war Charriere zwar in den Straflagern von Französisch-Guyana, aber nie auf der Teufelsinsel. Dorthin kamen zunächst Lepra-Kranke, dann politische Gefangene im weiteren Sinn, für Spionage oder Verrat Verurteilte wie Dreyfus oder Demokraten, die den Staatsstreich von Napoleon III. 1851 opponierten. René Belbenoît, 1920 wegen Diebstahl zu 8 Jahre Zwangsarbeit in Französisch-Guyana geschickt, unternahm dort mehrere Ausbruchsversuche, etwa mit einem gestohlenen Kanu über den Maroni-Fluss nach Niederländisch-Guyana, begann zu schreiben, könnte Charrière begegnet sein, dessen Strafzeit in etwa da begann wo seine endete. Belbenoît war einer jener, die nach Verbüssung ihrer Strafzeit in den Arbeitslagern in Guyana bleiben mussten. Ein Fluchtversuch in dieser Zeit „danach“ glückte, er kam über den Karibik-Raum in die USA, eines seiner Bücher über die Zeit in Guyana nannte er „Trockene Guillotine“.

2004 fand in der nordfranzösischen Gemeinde Outreau ein Gerichtsverfahren gegen mehrere Personen wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern statt. Der Kronzeuge der Anklage, des Missbrauchs überführt, log über die Beteiligung anderer Verdächtiger, die in Wirklichkeit unschuldig waren, wie sich später herausstellte. Aufgrund dieser Aussagen mussten mehrere Unschuldige mehrere Jahre im Gefängnis verbringen, einer verübte Selbstmord.

Der Artikel konzentriert sich auf Frankreich, in anderen Ländern gäbe es natürlich auch illustre oder tragische Fälle, etwa den vermeintlichen Mord in den 1910ern in Cuenca, Spanien, für den zwei Männer 11 Jahre im Gefängnis saßen ehe der Vermisste wieder auftauchte oder jenen von Sacco und Vanzetti, italo-amerikanischen Arbeitern, die 1927 für einen doppelten Raubmord hingerichtet wurden, andere wo das Urteil zumindest umstritten ist, von Vera Brühne bis Mumia Abu Jamal, den im Gefängnis Plötzensee in der NS-Zeit aus politischen Gründen Gefangenen oder Hingerichteten, jenen wie Nelson Mandela, die wegen des Kampfes gegen ein Unrechtssystem einsaßen, Gerry Conlon und den Guilford Vier, denen (aus politischen Gründen?) ein politisch motiviertes Verbrechen zur Last gelegt wurde, Sam Sheppard, dessen Fall Vorlage für „Auf der Flucht“ war, fragliche Todesurteile in Grossbritannien nach dem 2. Weltkrieg wie jenes gegen Derek Bentley, die zur Abschaffung der Todesstrafe dort beitrugen, Peter Heidegger in Österreich („Am Anfang glaubt man noch, dass sich alles aufklären wird, wie in einem guten Columbo…“) bis aktuell Mollath (ein Opfer der Politiker oder der Justiz?). Umgekehrt starb etwa der britische Arzt John Bodkin-Adams, der  noch immer als Serienmörder verdächtigt wird, ohne dafür jemals verurteilt zu werden.

Auch der fiktive Graf von Monte Christo von Dumas war ein Opfer von Justizwillkür. Victor Hugos Hauptfigur aus „Les Miserables“, Jean Valjean, ist zu Recht, aber zu hart verurteilt worden, verbrachte seine Strafe im Gefängnis von Toulon (das auch in Wirklichkeit berüchtigt war, und vor seiner Errichtung mussten Sträflinge sogar auf Galeeren rudern). 1829 publizierte Hugo den Roman „Le dernier jour d’un condamné à mort“, ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und indirekte Regimekritik. Neben ihm hat sich in Frankreich nur Albert Camus so gegen die Todesstrafe engagiert. Hugo ging 1851, als Napoleon III. die Demokratie ausschaltete, ins Exil auf die Kanalinseln. Anlässlich des Falles Tapner 1854, einem fragwürdigen Todesurteil auf Guernesey, wo er ja lange lebte, schrieb Hugo: „Alle Schafotte tragen die Namen von Unschuldigen und Märtyrern. Nein, wir wollen keine weiteren Martern. Für uns heisst die Guillotine Lesurques, das Rad heisst Calas, der Scheiterhaufen heisst Jeanne d’Arc, die Folter heisst Tommaso Campanella, der Hackklotz heisst Thomas Morus, der Schierling heisst Sokrates, der Galgen heisst Jesus Christus!“

Literatur:

Gilles Perrault: Der rote Pullover

Jeremy Mercer: When the Guillotine Fell. The Bloody Beginning and Horrifying End to France’s River of Blood, 1791-1977

Alister Kershaw: Die Guillotine

Sylvie Thénault: Armée et justice en guerre d’Algérie. In: Vingtième Siècle. Revue d’histoire No. 57 (Jan. – Mar. 1998)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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