Gaza II

Im heurigen Sommer die Entführung und Ermordung von drei Talmud-Schülern im Westjordanland. Bei der Suche des israelischen Militärs nach den Abgängigen („Bruders Hüter“) werden etwa 10 Palästinenser im Westjordanland getötet; in Nablus etwa wird einer erschossen, als er zum Morgengebet in die Moschee gehen will, er habe sich den Truppen „auf bedrohliche Weise“ genähert und nicht auf Warnschüsse reagiert. Für Palästinenser gilt eben „live on your knees or die standing“. Dutzende werden verletzt, Hunderte einfach so verhaftet, die Durchsuchungen sind auch mit Zerstörungen verbunden. Nach Verhören sagt der Geheimdienst Shin Bet, er habe die Entführer identifiziert, sie gehörten zur Hamas.

Scheint die Aktion einer vereinzelten Hamas-Zelle gewesen zu sein. Israelische Behörden könnten vor dem Bekanntwerden des Auffindens der getöteten Jugendlichen von ihrem Tod gewusst haben und die „Suchaktion“ unternommen haben, um gegen die Hamas im Westjordanland vorzugehen. Ging es hier um (bzw. gegen) die einige Monate zuvor zustande gekommene Einigung zwischen der Gaza-Regierung der Hamas und der Westbank-Regierung der Fatah?

Nach dem Auffinden der Leichen der Entführten, ihrem Begräbnis, Ruf nach Rache, nicht zuletzt bei einer grossen Demonstration in Jerusalem, an der auch Politiker wie Michael Ben Ari teilnehmen. Tags darauf wird ein palästinensischer Jugendlicher in Jerusalem entführt und getötet, bei lebendigem Leib verbrannt, er musste Benzin trinken damit die Flammen auch ins Innere gehen. Sechs Verdächtige, „jüdische Extremisten“, festgenommen, Geständnisse. Die Reaktionen von israelischer und pro-israelischer Seite bewegen sich zwischen Infragestellen der Verantwortung („Palästinenser bringen sich oft gegenseitig um“, „selbst schuld“, u.a.) und einem anderen Chauvinismus (auch von Netanyahu), der die Behandlung des Mordes in Israel der „Gegenseite“ positiv gegenüberstellt. Der Vater des Verbrannten fragt, warum die Häuser der Mörder nicht zerstört werden, wie es mit jenen der drei palästinensischen Tatverdächtigen im Westjordanland geschah, wenn die Verurteilungen der Tat ernst gemeint sind. Bleibt abzuwarten, welche Strafe hier tatsächlich am Ende steht; die Terroristen des „Jüdischen Untergrunds“ (eng vernetzt in der Siedlerszene), die Anfang der 1980er Bombenattentate gegen palästinensische Bürgermeister und Autobusse verübten, wurden nach ihrer Verurteilung von Präsident Herzog mehrmals begnadigt, bis von einer Strafe fast nichts mehr blieb, der Haupttäter Mosche Zar, ein Freund und Militärkollege von Scharon, verbrachte überhaupt nur einige Monate im Gefängnis. Abzuwarten auch, ob den Tätern rechts von der „Mitte“ eine ähnliche Verehrung zuteil wird wie Baruch Goldstein.

Bald darauf beginnt im Gaza-Streifen der „Krieg“; wer begonnen hat, provoziert hat, was eine Reaktion auf was war (das Abfeuern von Geschossen aus Gaza, israelische Angriffe darauf), darüber gehen die Angaben bzw. die Meinungen wieder auseinander. Mit der Militäraktion im Westjordanland gibt es in jedem Fall einen Zusammenhang. Netanyahu kündigt an „jetzt die Samthandschuhe auszuziehen“, als schon Dutzende Palästinenser getöten waren. Drei Geschosse aus Gaza wurden laut israelischem Militär über dem Tel Aviver Flughafen abgefangen, der Flugverkehr wird vorübergehend eingestellt. Israelischer Luftangriff auf den syrisch gebliebenen Teil der Golanhöhen, nachdem nach israelischer Darstellung eine Rakete aus Syrien in einem von Israel besetzten Gebiet der Golanhöhen eingeschlagen war, ohne Schäden anzurichten; dort vier Menschen getötet. Auch vom Libanon aus kurzfristig Beschuss, Gegenbeschuss. Nach der Entdeckung von auf israelisches Gebiet führender Tunnel befiehlt Netanyahu eine Bodenoffensive; neben dem Tunnelsystem soll es um Raketenwerfer und Waffenfabriken gehen. Einen Häuserkampf wollten Israelis wegen der befürchteten Opferzahl in den eigenen Reihen eigentlich vermeiden, seit Libanon 2006 zerstört man lieber ganze Wohngegenden samt Einwohnern; mit überlegener militärischer Kraft aus der Distanz anzugreifen ist leichter. Finkelstein auf „Democracy Now“: „Israel hätte die Tunnel auch auf seiner Seite verschliessen können anstatt Hunderte dafür zu töten.“ In der Nähe eines Tunnels soll ein israelischer Soldat entführt worden sein, israelische Armee bombardiert daraufhin mit aller Härte die nahe gelegene Stadt Rafah, tötet Dutzende Zivilisten; anscheinend wurde aber doch kein Soldat entführt.

Israel sagt, die Hamas installiere Militäreinrichtungen in Wohngebieten. Nach anderen Angaben werden die „Raketen“ aber aus den Öffnungen von Tunnels abgefeuert, und Israel übt an umliegenden Gebäuden Vergeltung. Bewohner des Gazastreifens werden per SMS, automatisierten Anrufen, abgeworfenen Flugblättern, aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Was als grosszügige Geste dargestellt wird, ist eigentlich Teil psychologischer Kriegsführung, eine Form der Machtausübung und bringt keine Verschonung von Zivilisten. Jene, die zum Weggehen aufgefordert werden und bleiben (oder wieder zurückgekehrt sind), werden als „menschliche Schutzschilder der Hamas“ und damit „legitime Kollateralschäden“ angesehen. Als in Gaza Stadt wieder zahlreiche Zivilisten durch massiven Beschuss getötet werden, darunter auch ein Sanitäter und ein Journalist, rechtfertigt sich Israel damit, dass die Leute aufgefordert wurden, die Gegend zu verlassen. Bewohner des Gazaer Stadtviertels Rimal werden dazu aufgefordert, sich nach Khan Junis im Süden des Gazastreifens zu begeben. Für die Betroffenen ergibt das keinen Sinn: Zum einen wissen sie nicht, wo sie in Khan Junis unterkommen sollten, zum anderen ist diese Stadt gleichfalls stark „umkämpft“. Jene, die auf die Frage „Wohin?“ keine Antwort haben, bleiben, wo sie sind. Und wenn sie weggehen, werden sie woanders getötet, auch in UNRWA-Einrichtungen, Schulen, Krankenhäusern. Es genügt, dass dort Waffen vermutet werden, manchmal heisst es dann auch, der Grund für den betreffenden Beschuss werde „untersucht“. Das IKRK kritisiert (z.T. tödliche) Angriffe auf Rettungskräfte des Palästinensischen Roten Halbmondes und medizinisches Personal im „Gaza-Konflikt“. Es gibt im Gaza-Streifen keine Zufluchtsstätten für die Zivilbevölkerung wie Bunker. Diese hätte die Verwaltung des Streifens, die seit 06 von der Hamas gestellt wird, bauen lassen können. Voraussetzung dafür wäre, dass Israel die dafür nötigen Materialien durchlässt und die Bauarbeiten zulässt. Bilder zeigen, dass Israel bei Bodenoperationen palästinensiche Kinder/Jugendliche als Schutzschilder benützt; bei Bodenoperationen wurden auch absichtlich Zivilisten getötet, wie auch durch die Initiative „Breaking the Silence“ bekannt wurde.

Ilan Pappes Kritik, Israelis betrachteten den palästinensischen Raum militärisch und beanspruchten für sich, als Zivilisten wahrgenommen und behandelt zu werden, bestätigt sich hier. Israel führt auch in „Friedenszeiten“ immer wieder Kollektivbestrafungen gegenüber den Palästinensern durch, nicht zuletzt durch die Einbehaltung der palästinensischen Steuergelder. In Kriegszeiten wird (in Gaza) ihre Infrastruktur zerbombt, Verwaltungseinrichtungen werden automatisch der Hamas zugeordnet und zerstört, auch Universitäten werden anscheinend als politische Ziele gesehen, auch Brücken oder  Feuerwachen zerbombt. Das einzige Kraftwerk in Gaza, es erzeugte Strom für Haushalte, Betriebe, Krankenhäuser und Abwasserpumpen, wird zerstört. Während einer Feuerpause (die für die Gaza-Bevölkerung Gelegenheit bietet zu Atem- und Proviant-holen, Bergen von Überlebende und Leichen aus Trümmern) wird ein belebter Markt nahe Gaza-Stadt aus der Luft angegriffen, nach palästinensischen Angaben werden mindestens 15 Menschen getötet. 9 junge Fussballfans werden in einem Strandcafé beim WM-Semifinale Argentinien-Niederlande von israelischen Raketen getötet – nicht nur in Nigeria, wo es der islamistische Terror ist, gibt es Tote beim öffentlichen Schauen von WM-Spielen. Am Strand werden Kinder von einem israelischen Kriegsschiff aus erschossen, ein Offizier/Soldat am Schiff soll sie für „flüchtende Kämpfer“ gehalten haben.

Merkel kommentiert ganz überraschend mit Abnicken in Bauchlage. UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Navanethem Pillay kritisiert die israelische Operation wegen der Bombardierung von Wohnhäusern und weil bei den israelischen Angriffen nicht zwischen Hamas-Kämpfern und Zivilisten unterschieden werde, auch Kinder getötet werden; sie verurteilte auch den Abschuss von Raketen und Granaten durch palästinensische Extremisten auf Israel. Die türkische Regierung unter Erdogan hat sich am entschiedensten gegen das Massaker ausgesprochen, wird entsprechend dämonisiert.

Je schlimmer die Tat, desto verlogener die Rechtfertigung. Gegen Kritik daran, Gaza in Schutt und Knochen zu legen, wird eine perfekte Immunisierung geliefert, der Antisemitismus-Vorwurf. Eine Asymmetrie gibts nicht nur in dem Konflikt, sondern auch in seiner Darstellung/Wahrnehmung. Zivile palästinensische Opfer sind mal „selbst schuld“, mal „tragische Kollateralschäden“, mal die Schuld der Hamas (Regierungssprecher Regev), mal die Antwort auf Islamismus, mal wird ihnen das Zivilisten- oder das Opfer-sein abgesprochen, mal werden sie auch bejubelt. Jede Kritik an der Militäraktion, jeder Protest, wird im Endeffekt mit „Antisemitismus“-Vorwürfen versehen, besonders im deutschsprachigen Raum. Die Menschenverachtung, die Hetze, der Rassismus in der Apologetik der Militäraktion bzw. allgemein in proisraelischen Stellungnahmen, Argumentationen, Diskursen ist in diesen Metadiskursen nicht präsent, wird ausgeblendet – was insofern Sinn ergibt, als die „Richter“ hier oft gleichzeitig Partei sind. „Die Qualität der Untaten der israelischen Streitkräfte unter der Führung von Ministerpräsident Netanyahu lässt sich mitunter auch daran bemessen, wie hoch die Gefahr eines neuen Antisemitismus eingeschätzt wird. Wie hat es Norman Finkelstein einmal ausgedrückt: ‚Kill Arabs, cry anti-Semitism‘ ” hat Mondoprinte geschrieben. 1000 Palästinenser waren schon getötet, derweil schärft Broder den Deutschen und Österreichern über „Die Welt“ und „News“ ein, dass Kritik daran „antisemitisch“ ist. Von Springer auch eine „Nie wieder Judenhass“-Aktion der „Bild“, in der es hauptsächlich um Kritik an dem, Proteste gegen das israelische Massaker geht. „Antisemitismus“-Zuweisungen an Moslems verbinden sich mit Apologetik der israelischen Militäraktion. In dem Zusammenhang auch die Attacke von Nicolaus Fest gegen den „Islam“; so kommt Rassismus heutzutage gern daher, politisch korrekt formuliert, mit einem philosemitischen, pseudo-progressiven Aufhänger, um gegen andere hetzen zu können. „… antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben.“ > Ein „Pogrom“ in dem Raum stellen, um vom Massaker in Gaza abzulenken, den Grad der Zivilisiertheit über seinen eigenen „Philosemitismus“ definieren,… In Deutschland gibt es seit jeher Begeisterung für israelische militärische Durchschlagskraft, die gern mit einem Wiedergutmachungs-Anspruch Hand in Hand geht und gern auch mit einer Verachtung für das „orientalische“.

Von Apologeten kommen gerne die Verweise auf den Syrien-Krieg, um Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza als „heuchlerisch“ (bzw. „antisemitisch“) abzutun oder um zu relativieren („viel schlimmer als was in Gaza passiert“) oder um von dort abzuleiten, wie „Araber“ doch seien, „miteinander umgingen“ (dies in Bezug auf Afrikaner war auch eine der beliebtesten Rechtfertigungen des Apartheid-Regimes Südafrikas). In Wirklichkeit ist es umgekehrt, in Syrien gibts Sanktionen, Ächtung, Druck. Die wochenlange Bombardierung von Wohnvierteln wird in Syrien als ungeheures Kriegsverbrechen angesehen… Und, die Apologetik des israelischen Vorgehens durch genau jene, die im Fall der Chemie-Waffen des syrischen Regimes eine westliche Militär-Intervention forderten, sagt eine Menge über deren Motivation bei ihrer damaligen Kriegspropaganda („Kinder in Syrien retten statt ungerührte Neutralität“) sowie ihre Heuchelei aus.

Israelis kommen in Nähe von Gaza um israelische Bombardements (bzw. „Verteidigung“) dort zu bejubeln, machen La Ola dazu auf den Hügeln. Diana Magnay von CNN ist auch dort (ausländische Journalisten werden von Israel nicht nach Gaza gelassen), nach dem Tweet „Israeli auf dem Hügel über Sderot jubeln während Bomben auf Gaza fallen; drohen unser Auto zu zerstören wenn ich ein falsches Wort sage. Abschaum.“ wird sie versetzt. Es gibt in Israel auch Proteste gegen das Töten. Aber auch Übergriffe gegen diese und gegen Nicht-Juden. Die faschistische Rhetorik von Politikern wie Ajelet Schaked, Militärs, oder Wissenschaftern wie Mordechai Kedar bleibt hierzulande weitgehend unbeachtet. Der Hitler-Bewunderer Feiglin, inzwischen Knesset-Vizesprecher, nimmt offen Stellung für die Wiederbesetzung Gazas („Gaza ist Teil von Israel“) und die Vertreibung der Palästinenser von dort; ginge es um ein anderes Land, würden nach einer solchen Äusserung eines Spitzenpolitikers die Botschafter dieses Landes in mehrere westliche Aussenministerien zitiert werden; dies zu den „doppelten Standards“. Ein palästinensischer Abgeordneter, der das Massaker thematisierte, wird von Feiglin des Saals verwiesen. „Wenn wir den [angeblich entführten] Soldaten nicht binnen weniger Stunden zurückbekommen, werden wir Gaza fertigmachen“, sagt Danny Danon von der regierenden Likud-Partei. Er hat unmittelbar vor der Bodenoffensive wegen radikaler Äusserungen das Amt des Vizeverteidigungsministers verloren, heisst es. Was für eine Äusserung muss das gewesen sein, wenn sie für ihn in diesem Israel sogar negative Konsequenzen hat?

Jemand auf Youtube unter einem Video vom Krieg: „Nuke Gaza and wash it down with Napalm, then clean up with Sarin, bulldoze the rubble into the sea and start over with human beings this time.“ (viele likes). Oder: „I love watching CNN because I get to see more of those Palestinian cockroaches dead. Fuck them up the ass. I love when I see the T.V. and see the tears of the Palestinian people from there dead. I just wish Israel did not give them warning before they bomb. The Palestinian People don’t deserve warning They deserve the most painful excruciating death. The Israelis have bombed the cities. They have bombed the power plants. They have shut there water off so they can suffer slowly that is what they deserve. If i had it my way I would execute every child with a gun shot to the back of there head so they cant grow up and become a terrorist…“. Eine Untersuchung über die Menschenverachtung und den Rassismus in Israel-Solidarität/-Begeisterung würde sich auszahlen, gerade im deutschsprachigen Raum (von wo die zwei Beispiele nicht stammen dürften). Ein Forschungsprojekt an der TU Berlin beschäftigt sich gerade wieder einmal mit „Antisemitismus im Internet“, und nach dem was darüber bekannt ist, läuft es wieder auf die Delegitimierung von Israel-Kritik hinaus; dass es „am anderen Auge“ blind ist, versteht sich fast von selbst. Jene, die (wieder mal) vom töten aller Gaza-Palästinenser träumen, sagen auch, was von ihrer sonstigen Instrumentalisierung von Frauen, Christen, Homosexuellen oder Hamas-Gegnern unter Palästinensern zu halten ist…

In Bischofshofen (Österreich), bei einem Testspiel zwischen Maccabi Haifa und OSC Lille, laufen gegen Spielende türkisch-stämmige Zuschauer mit einer palästinensischen Fahne aufs Feld um gegen das Massaker (damals 700 unschuldige Menschen getötet) zu protestieren. „Fuck Israel“ und ähnliches sollen sie zudem während des Spiels gerufen haben. Es kommt zu einem „Gerangel“ mit Haifa-Spielern. Ein Video zeigt, dass ein Spieler zuerst zugetreten hat (als die Leute über das Spielfeld rannten) und so die Schlägerei begann. Platzsturm und feindselige Sprechchöre gibt’s öfters. Dass zuerst ein Spieler zutritt, sieht man selten. Nicht nur die israelischen Fussballer konnten gar nicht mehr beruhigt werden. Die Platzsturm-Aktion wird von manchen Journalisten (etwa zwei von österreichischen Gratiszeitungen), Organisationen und Politikern verwendet, zur Diffamierung von jeder Kritik an dem Massaker; Gaza wird mitunter auch in den Schatten von Bischofshofen gestellt. Die Platzstürmer seien keine „echten Österreicher“ gewesen, wird wiederholt betont. „Antisemitisch“ sei die Aktion sowieso, auch „terroristisch“ und „rassistisch“ (bei dieser Etikettierung werden aber gleich einmal ein paar Leser auf Distanz zum Schreiber und seinem Anliegen gegangen sein…). In sozialen Netzwerken wird einerseits Maccabi Haifa als „coexistence club“ angepriesen (sie hätten moslemische Spieler), andererseits „DEATH TO ALL ARABS AND MUSLIMS !! FUCK TURKEY !!! TO BURN GAZA !!“ dazu gepostet. Einerseits will man sich das Opfermäntelchen umhängen, andererseits kommt dann so was wie „Go Israel! Those footballers should smash the head of those idiot Palestine supporters“. Es gibt auch längst einen Aufkleber dazu, „Kick Antisemitism & Antizionism“ sagt er, dazu das Bild eines Maccabi-Spielers wie er einen Protestierenden mit palästinensischer Flagge tritt. Genau das war von den selben Kreisen wütend in Abrede gestellt worden – aber das sich-in-der-Opferrolle-verorten oder aber protzen mit seiner Schlagkraft und „Überlegenheit“ (bzw. zu offener Verachtung stehen) sind beim zionistischen Chauvinismus immer zwei Seiten der Medaillie.

Rassismus im israelischen Fussball wäre in dem Zusammenhang auch ein ergiebiges Thema. Abbas Suan aus Sachnin in Galiläa/Jalil ist ein „israelischer Araber“, ehemaliger Profi-Fussballer, war Nationalspieler für das israelische Team, und er spielte auch bei Maccabi Haifa. Auch er war Zielscheibe von rassistischen und chauvinistischen israelischen Fussballfans, so haben die bekannt rechten Fans von Beitar Jerusalem bei einem Spiel ihres Klubs gegen Bnei Sachnin, wo Suan damals spielte, ein Riesen-Transparent mit der Aufschrift „Suan, du repräsentierst uns nicht“ (auf seinen Status als Nationalspieler abzielend) entrollt, dazu skandierend „Wir hassen alle Araber“. Auch Spieler von Beitar beteiligen sich an der Hetze. Amit Ben Shushan etwa, der nach dem israelischen Pokalfinale 2009 zusammen mit Tausenden Fans (und vor laufenden Fernseh-Kameras) über das „Hassen der Araber“ sang und dies Salim Toama widmete, einem anderen „israelischen Araber“. Suan, der auch dafür angefeindet wurde, weil er die israelische Nationalhymne bei Länderspielen nicht mitsang („da sie nur Juden erwähnt“), unterstützt die Gründung eines palästinensischen Staats und eine Wiedergutmachung für die während der Nakba enteigneten Häuser und Grundstücke. Vielleicht hier mit „Koexistenz“ ansetzen und den „israelischen Arabern“ eine Stimme geben? Oder Chaim Revivo. Der Israeli spielte einige Jahre in der Türkei, bei Galatasaray und Fenerbahce in Istanbul, war dort sehr beliebt. Nun ist er Manager bei Beitar Jerusalem. Als solcher hat er angekündigt, keine arabischen Spieler zu verpflichten; man wolle die Fans nicht provozieren. Siehe dazu http://www.haaretz.com/opinion/1.534207 (manchmal kommt die nackte Wahrheit eher aus israelischen denn aus irgendwelchen anderen Quellen). Die Koexistenz in Haifa ist eigentlich durch den Terror der Jahre 1947-49 (Nakba) zerstört worden, danach waren von den 70 000 palästinensischen Einwohnern der Stadt nur noch ca. 4000 übrig; und die wurden zwangsweise umgesiedelt, ghettoisiert, diskriminiert, waren Übergriffen ausgesetzt (hauptsächlich von ehemaligen IZL- & LEHI-Leuten).

Apropos „israelische Araber“: Am Rande des Begräbnisses des verbrannten Mohammed Abu Chedair kommt es in Ost-Jerusalem zu Krawallen; ein 15 Jahre alter Cousin des Ermordeten (die Familie war aus den USA zum Begräbnis gekommen) wird festgenommen und misshandelt. Von Jerusalem breiten sich die Proteste der „israelischen Araber“ (Palästinenser die während der Nakba 1947-49 nicht ermordet oder vertrieben wurden bzw. ihre Nachkommen) während des „Krieges“ in Gaza ins Zentrum und in den Norden Israels (u.a. Nazareth) aus; Zusammenstöße. Auch Beduinen beteiligen sich an den Protesten. „Israelische Araber“ halten ihre Köpfe normalerweise tief. Die Szenen erinnern an Proteste zu Beginn des Palästinenseraufstands im Herbst 2000 (2. Intifada). Damals waren 13 israelische Araber von der Polizei getötet worden. Bei Unruhen im Westjordanland im Zuge von Solidaritätsprotesten für die Bewohner von Gaza werden mindestens sieben Palästinenser getötet. Eine „Rakete“ aus Gaza trifft ein Beduinendorf bei Dimona (sie wurde nicht abgefangen), tötete einen dort (verletzte andere), einen von 3 Zivilisten auf israelischer Seite in dem „Krieg“ (wenns um Opfertum geht, sind die volle Israelis), neben 64 Soldaten (einige davon wieder durch Beschuss eigener Kollegen). Und wenn nach dem Krieg die Meldung kommt, die Hamas-Miliz habe Gaza-Bewohner wegen des Vorwurfs der Zusammenarbeit mit Israel hinrichten lassen, dann zählen auch palästinensische Opfer.

Im österreichischen „Kurier“ gibts einen grossen Sonntags-Artikel über Türken in Österreich, Schwerpunkt „Antisemitismus“ (> Bischofshofen, Demos), Integrationsdefizite,… mit der Schlagseite, die dazu zu erwarten war, aber noch einigermaßen im Rahmen. Das lag auch an der wiedergegebenen Stellungnahme des Politologen Schmidinger zum Thema „Antisemitismus unter moslemischen Jugendlichen“: „…Jetzt bin ich aber skeptisch, wie man mit dem Thema umgeht: Es wird sehr stark gegen Muslime an sich benutzt. Der Antisemitismus wird momentan als Argument für antimuslimische Ressentiments verwendet. Zum Beispiel von der FPÖ, die so tut, als gäbe es keinen Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft…Der Antisemitismus wird auch gegen Muslime eingesetzt.“ Eine Auseinandersetzung mit dem Geschehen in Gaza, das dem Ganzen zu Grunde liegt, findet in dem Artikel gar nicht statt. Die Kommentare unter dem Artikel in der Online-Ausgabe bestätigen, welche Funktion die Antisemitismus-Keule gegen „Orientale“ hat, es kommen fast nur ausländerfeindliche, antitürkische Kommentare, die knapp neben offenem Rassismus stehen. „Denen [Linke, Herrschende] sind türkische Antisemiten noch immer lieber als Österreicher, die im Dirndl beim Trachtenumzug mit machen.“ < In diesem wurde „Antisemitismus“ ausnahmsweise noch verwendet. In vielen anderen ging es um Abrechnungen mit „Multikulti“, mit Linken, irgendwann kam auch Lampedusa (und dass man gegenüber Flüchtlingen härter zu sein hat) und der „clash of civilizations“. Der Kommentar war irgendwie repräsentativ für das Niveau und den Tenor: „schuld sind wir, weil es uns (manchen!) nicht passt, wenn sie radikal sind, mit Messern spielen, …….Das ist doch nur deren Mentalität, die von den Neantertalern übriggeblieben ist!“

Der „Krieg“ ging mit etwa 2000 getöteten Palästinensern zu Ende, 9000 Verletzten. Die Fernangriffe werden auch fortgesetzt, als über Ägypten Waffenstillstandsverhandlungen laufen. Neben dem einzigen Kraftwerk wurden auch die Trink- und Abwassersysteme beschädigt, Krankenhäuser,… Tausende haben ihr Obdach verloren. Versorgungsknappheit sowieso, halben Tag für Brot anstellen. Der Palästinensische Wirtschaftsrat für Entwicklung und Wiederaufbau (PECDAR) in Ramallah schätzt die Kosten für den Wiederaufbau des Gazastreifens auf rund 4,6 Milliarden Euro. Die PECDAR-Experten schätzen, dass der Wiederaufbau des Gazastreifens selbst bei einer vollständigen Aufhebung der israelischen Blockade fünf Jahre dauern würde. Seit Beginn der Waffenruhe haben aber noch keine Baumaterialien die Grenzen in den Gazastreifen passieren dürfen. Und, in Israel wird schon vom nächsten „Rasenmähen“ in Gaza gesprochen. Die palästinensische Seite fordert in den Verhandlungen u.a. die Aufhebung der Blockade, etwas dass nun auch die US-amerikanische Regierung unterstützt (Präsident Obama, Aussenminister Kerry). Mit Beginn des jüngsten „Kriegs“ verboten Israelis den Gaza-Palästinensern das Fischen anscheinend ganz, in den Verhandlungen in Kairo heben sie das endlich (teilweise!) auf, stellen das als grosses Zugeständnis dar… In Wirklichkeit gehts in dem Konflikt u.a. um das permanente Verbot über die 3-Meilen-Zone hinaus. Netanyahu ordnet an, dass in Gaza über die Sommerferien hinaus die Schulen geschlossen bleiben, weil die Hamas diese „für Angriffe nutze“; bei Zuwiderhandeln droht die Todesstrafe.

Links:

http://m.thenation.com/article/180783-five-israeli-talking-points-gaza-debunked

http://hummusforthought.com/2014/07/12/names-of-the-victims-in-gaza-continuously-updated/

http://mondoprinte.wordpress.com/2014/07/30/gaza-wer-in-dieser-zeit-nicht-nur-mit-dem-kopf-sondern-auch-mit-dem-herzen-denkt-hat-es-schwer/

http://wolfwetzel.wordpress.com/2014/07/17/wer-hat-angefangen-die-bombardierung-des-gaza-ein-gefangnis-ohne-warter/

http://countercurrentnews.com/2014/07/idf-sniper-admits-on-instagram-to-murdering-13-gaza-children/?utm_content=bufferff299&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

http://wolfwetzel.wordpress.com/2014/07/29/die-banalitat-des-bosen-eine-streitschrift-zum-thema-nahost-konflikt-rassismus-und-deutschland-ein-gastbeitrag-von-anna-esther-younes/

http://mondoweiss.net/2014/09/what-blumenthal-gaza

http://www.hrw.org/reports/2001/israel2/ (Human Rights Watch über die Diskriminierung „israelischer Araber“)

http://wolfwetzel.wordpress.com/2014/08/13/sieben-mythen-uber-die-hamas-fabian-kohler/

http://www.youtube.com/watch?v=cbHSiQyCPTw&index=94&list=LLHdRFHbkQPfAQTfm3VYdW6w

http://salvaveniaxxl.wordpress.com/2014/07/24/monsters-a-letter-written-by-a-norwegian-physician-working-in-gaza/

http://www.hintergrund.de/201407273176/politik/welt/mein-herz-ist-tot.html

http://maxjfreeman.com/2014/07/29/gazamandella-great-men-do-not-elect-themselves/

http://oraclesyndicate.twoday.net/stories/premier-benjamin-netanyahu-zu-israels-aktion-endgueltige-loesung-des/

 

Gaza 2014

Gaza 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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6 Kommentare
  1. tiara013 sagte:

    Israel hat die geplante Anerkennung des Staates Palästina durch Schweden heftig kritisiert und den schwedischen Botschafter in sein Aussenministerium zitiert. Der schwedische Aussenminister Löfven hätte sich in seiner Antrittsrede besser auf „dringendere Probleme im Nahen Osten“ konzentrieren sollen wie die Massenmorde in Syrien, Irak und anderen Orten der Region, tobte Israels Aussenminister Lieberman. Andere Orte wie Gaza, wo diesen Sommer über 2000 Menschen durch eine Militäroffensive getötet wurden, die meisten davon Zivilisten, dazu Hunderte von diesem Militär in einem anderen Teil Palästinas verhaftet? Lieberman verurteilte weiter einseitige Schritte und „Einmischung“ von aussen in israelisch-palästinensischen Angelegenheiten. Schritte wie die tägliche Verstärkung des Besatzungsregimes in den 1967 besetzten Gebieten Rest-Palästinas durch Ausbau der Siedlungen (Netanyahu: „Wir lassen uns unsere Grenzen nicht von aussen diktieren!“)?

    Wenn eine Seite faktisch 100% des Landes kontrolliert, kann diese leicht auf endlose „Verhandlungen“ setzen, die dazu dienen sollen, den gegenwärtigen Zustand einzufrieren. Was die Sache mit der „Einmischung“ betrifft, gilt das natürlich nicht, wenn etwa Deutschland nuklearwaffenfähige U-Boote an das israelische Militär liefert oder wenn Netanyahu den Gegenkandidaten von Obama (welcher einen halbwegs gerechten Ausgleich für IL/Pal anstrebt) im USA-Präsidenten-Wahlkampf 12, Romney, massiv unterstützt.

  2. Kürzlich herausgekommen: „Method and Madness – The hidden story of Israel’s assaults on Gaza“ von Norman Finkelstein

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